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L 59, das Asrika-Lustschiff

Es sind jetzt zwanzig Jahre vergangen feit jenem denkwürdigen Vorstoß eines deutschen Lustschiffes bis in das Innere Afrikas. L 59 hatte Befehl erhalten, der Truppe Lettow- Dorbecks Materialien aller Art zu bringen. Kurz vor dem Ziel wurde es funkentelegra­phisch aufgesordert, zu seinem Ausgangshafen Jamboli wieder zurüzukehren. lieber diese Fahrt schreibt Luftschiffkapitän Ernst A. Lehmann in seinem im Volksverband der Bücherfreunde, Wegweiser-Verlag G. m. b. Sy Berlin, erschienenen BucheAuf Luftpatrouille und Weltfahrt" u. a. folgendes:

Professor Dr. Z u p i tz o , Oberstabsarzt bei den deutschen Kolonialtruppen, in Togo gefangen und 1916 ausgetauscht, hatte erfahren, daß es der Truppe Lettow-Dorbecks in unserer letzten Kolonie Deutsch-Ostasrika besonders an Medikamenten fehle. Er schlug dem Kolonialamt vor, ein Luftschiff aus­zurüsten und es unseren von aller Zufuhr abge­schnittenen Ostafrikanern zu Hilfe zu schicken. Da­mals war gerade auf der Werft Staaken bei Berlin ein neuer Zeppelin im Bau. Binnen vier Tagen wird dieses Fahrzeug, der LZ 104 mit der Marine- nummer L59, auf 68 500 Kubikmeter vergrößert. Schon beim Bau wird darauf Bedacht genommen, daß es nach seiner Landung und Abwrackung in Ostafrika möglichst in allen seinen Bestandteilen für unsere Kolonialtruppe verwendbar ist. Außer sei­nem Eigenbedarf trägt der Luftkreuzer zur Abliefe­rung an General Lettow-Vorbeck 311 900 Patronen, 230 Maschinengewehrgurte mit 57 500 gegurteten Patronen, 54 Maschinengewehr-Patronenkasten, 30 Maschinengewehre, 9 Re^erveläufe für Maschinen­gewehre, 4 Jnfanteriegewehre mit 5000 Patronen, 61 Sack Verbandstoffe und Medikamente usw.

Nachdem das Luftschiff nach Jamboli (Bulgarien) gebracht worden ist, erfolgt ein Fehlstart am 14. November 1917. Drei Tage später tritt es die Wei­terreise an. Die Fahrt steht unter keinem günstigen Stern. Aus Vorsichtsgründen sind nur wenige Amtsstellen unterrichtet. Und so kommt es, daß die türkische Infanterie aufgeregt und begeistert auf das Schiff schießt und ihm fünf Löcher in die Gaszellen bohrt. Kapitän B o ck h o l t muß, weil seine Gas­zellen leck geschossen sind, Befehl zur Umkehr geben. Am 21. November folgte dann der neue Start."

Teilnehmer der Expedition haben nach der Heim­kehr dem Verfasser des Buches, Kapitän Lehmann, ihre Erlebnisse geschildert. Das Luftschiff mußte,

bevor es Afrika an der Sollum-Bucht erreichte, durch eine Gewitterzone hindurch.Afrika zeigte sich viel eintöniger als das stets bewegte Meer. In gelben Sandwellen verrinnt endlos die Libysche Wüste, kaum einmal unterbrochen durch einen klei­nen, tiefblauen See. Das Sonnenlicht prallt vom heißen Sand zurück, uns schmerzen von dem grellen Licht die Augen. Eine Kamelkarawane unten in den Wanderdünen sttebt vor dem brüllenden Him­melsboten entsetzt auseinander. Nachmittags taucht die Wüstenstadt Dachel auf. Bisher ist an Bord alles glatt gegangen. Aber nun bricht das Getriebe- gehäu'se der vorderen Luftschraube und in der Funk­kabine ärgert sich der Funker mit dem Empfangs­apparat, der versagt. Als beim zweiten Katarakt der Nil überschritten wird, ist es schon dunkel. Wir schlagen einen großen Bogen um Khartum. Das Schicksal will, daß zu dieser Zeit der Funker keine Ursache mehr hat, sich über die Erfindung des Herrn Marconi zu ärgern: der Empfänger ist wieder in Ordnung. Als der Unteroffizier versuchsweise die mit einem Bleiklotz beschwerte Antenne herablaht, empfängt er auf der vereinbarten Wellenlänge von der deutschen Großstation Nauen eine chiffrierte Meldung vom Admiralstab: Unternehmung a b b r e cf) e n zurückkehren feind hat besetzt größten teil makonde Hochland steht bereits bei kttaigaro Por­tugiese angreift suden rest schutztruppe. Der Funker gibt die Meldung, die nicht zum erstenmal hinaus­gegangen ist, an Leutnant Maß. Der dechiffriert, geht damit zum Kommandanten. B o ck h o l t ver­liest sie seinen Offizieren und stellt sich und sie vor die schwere Entscheidung, was nun zu tun sei. L59 hat bisher 4500 Kilometer, zwei Drittel der ganzen Strecke zurückgelegt. Und wenn man die Fahrt fortgesetzt hätte, so hätte seine Besatzung Augenzeuge des Sieges werden können, den General v. Let- tow-Vordeck am 25. November 1917 über die Portugiesen erringt. Kapitänleutnant Bockholt ist viel zu sehr Soldat, um nicht dem Befehl des Ad­miralstabes bedingungslos zu gehorchen. Die Stimme des Gefühls, das bei jedermann an Bord gegen die Umkehr ist, muß schweigen. Unangefochten kehrt L59 um. In 96 Stunden hat L59 insgesamt 6757 Kilometer zurückgelegt. Als wir in Jamboli landen, enthalten seine Tanks noch Treibstoff für 64 Stunden Fahrt und 6000 Kilometer. (Der Befehl zur Umkehr erfolgte auf Grund englischer Nach­richten über eine Vernichtung Lettow-Vorbecks.)

Keine ,,Zagd" nach Klugrekorden?

Es heißt, einen der wesentlichsten Züge an der Eigenart deutscher Aufbauarbeit verkennen, wenn ein französisches Blatt angesichts der neuesten deut­schen Flugrekorde meint, die deutsche Luftfahrt mache entschiedenJagd" auf Rekorde. So ist es denn nun doch nicht. Denn wenn die deutsche Luftfahrt einen ausgesprochenen Rekord-Ehrgeiz hätte, d. h. also die vereinzelte Sonderleistung höher­stellen würde als ein möglichst hohes Niveau der Gesamtleistung, dann hätte Deutschland angesichts der Vollendung seiner Technik zweifellos schon lange erfolgreiche Angriffe auf Flugrekorde aller Art machen können. Aber das ist ja gerade das impo­nierende Kennzeichen an solchen Höchstleistungen wie beispielsweise den diesjährigen Rekordflügen über den Nordatlantik durch das Postflugzeug N o r d w i n d" oder dem Rekordflug Dr. W u - ft er s vom 11. November u. a. m., daß es sich nicht um kostspielige Sonderkonstruktionen handelt. An­ders ausgedrückt: Die deutsche Luftfahrt hat, ohne sich nach Rekorden zu reißen, Schritt für Schritt in planmäßiger Fortentwicklung ein solches Niveau erreicht, daß sie mit Maschinen aus einer normalen Serie Höchstleistungen von Welt­rekordwert erzielt.

Das gilt auch von dem neuen Weltrekordflug, bei dem eine Heinkel-Maschine mit 1000 Kilo Nutz­last über eine Strecke von 1000 Kilometer eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 504,09 Kilometer erreichte. Was das bedeutet, geht schon allein aus der Tatsache hervor, daß die genannte Maschine mit ihrer Nutzlast von 20 Zentnern noch ganz er­heblich schneller war als der bisherige (italienische) Rekordhalter ohne Nutzlast. Dazu kommt noch, daß die bisherigen Rekorde auf diesem Flugleistungs­gebiet nicht etwa Jahre zurückliegen, sondern erst im Juli d. I. aufgestellt wurden. Daraus ergeben sich also insgesamt drei neue Höchstleistungen der oben genannten Maschine.Jagd" nach Rekorden? Sie liegt dem deutschen Wesen fern. Nicht umsonst wird ja auch im deutschen Sport das Hauptge­wicht nicht auf die Erzielung von Einzelrekorden, sondern auf möglichst hochwertige Breitenarbeit ge­legt und doch konnte der deutsche Sport bei den Olympischen Spielen am besten unter allen Natio­nen abschneiden. B. R.

Kleine politische Nachrichten.

Der Stellvertreter des Führers, Reichsminister Rudolf H e ß , hat aus Anlaß der Ge­burt feines ersten Sohnes so zahlreiche Beweise der Mitfreude erhalten, daß es ihm nicht möglich ist, jedem einzelnen zu danken. Er bittet, seinen und feiner Frau herzlichen Dank auf diesem Wege ent­gegenzunehmen.

Die Pariser Meltaus st ellung 19 3 7 schließt für die Eröffnungsdauer 1937 heute abend ihre Pforten.

Wie die Polnische Telegraphenagentur meldet, ist in letzter Zeit eine große Zahl polnischer Staats­bürger, die in Unternehmungen des Grenz- b'ezirksvon Mährisch-Oftrau tätig waren, unter Hinweis auf das tschechoslowakische Gesetz zum Schutze des Staates frist losentlassen worden.

*

Der brasilianische Bundespräsident hat sämtliche Gouverneure der Einzelstaaten bestätigt, sie aber ihres Gouverneurpostens enthoben und zu

I n t e r o e n t o r e n" (Bundesstatthaltern) ernannt. Die Maßnahme dient zur Stärkung der Zentral­gewalt.

Ans aller Welt.

Zum 80. Geburtslage von Geheimrat Adolf Haeufer.

Geheimrat Adolf Haeuser, Frankfurt a. M., Mitglied des Aufsichtsrates der JG.-Farbenindu- strie AG., feiert am 26. November seinen 8 0. Ge­burtstag. Haeuser trat 1889 als Justitiar _ in den Dienst der Farbwerke vorm. Meister Lucius & Brüning in Höchst a. M. ein, auf deren Entwick­lung er entscheidenden Einfluß nahm. 1904 wurde er Vorstandsmitglied, 1916 trat er an die Spitze des Direktoriums. Das verantwortungsvolle Amt als Leiter der Höchster Farbwerke behielt Haeuser bis zum Aufgehen des Unternehmens in der JG.- Farbeninduftrie AG. 1925 bei. Er wurde in den Aufsichtsrat der IG. gewählt: ferner wurde ihm der stellvertretende Vorsitz des Verwaltungsrates

übertragen. Die Tatkraft, das reiche Wissen und die vielseitige Erfahrung Geheimrat Haeusers sind nicht allein seiner Firma, sondern der gesamten chemischen Industrie und der Allgemeinheit zugute gekommen. Haeuser hat Bleibendes auf dem Ge­biet des Patentwesens geleistet. Auch auf dem Ge­biet des Eisenbahn-Tarifwesens hat er bedeutende Verdienste erworben.

Schwerer Slraßenbahnunfall in Warschau.

Ein schwerer Straßenbahnunfall trug sich in Warschau zu. Ein vollbesetzter Sttaßenbahn- wagen, der vor einer Kurve in den engen Straßen des jüdischen Viertels nicht zum Halten gebracht werden konnte, sprang aus den Schienen und ge­riet auf den Bürgersteig. Dabei wurde eine Frau überfahren und schwer verletzt. Ein weiterer Passant wurde von der Bahn gegen eine Anschlag­säule geschleudert. Ihm wurde dabei ein Bein ein­geklemmt und völlig zerquetscht. Der Mann konnte aus seiner furchtbaren Lage nur dadurch befreit

werden, daß das eingeklemmte Bein an Ort und Stelle von der herbeigerufenen ärztlichen Bereit­schaft amputiert wurde. Drei weitere Personen wur- den ebenfalls ernsthaft verletzt.

Planmäßige Durchführung

des Deutschland - Afrika - Rundfluges.

In Elisabethville (Kongo) landete, von Kapstadt kommend, die dreimotorige Ju 52 der Junkers-Werke auf ihrem Deu tschland-Afrika-Rund« f I u g. Auf dem Flugplatz hatten sich Vertreter aller Behörden zur Begrüßung der deutschen Reise­gesellschaft und ihres belgischen Gastes, General I s e r e n t a n t, eingefunden. Abends fand in Am Wesenheit des Generalgouverneurs beim Provinzial- Präsidenten ein Empfang statt. Große Aufmerk­samkeit erregte überall die planmäßige Durchfüh, rung des Rundfluges.

Tödlicher Aulounfall in Wiesbaden.

Ein tödlicher Verkehrsunfall ereignete'sich in Wiesbaden. Der Arzt Dr. Oer t gen war aus seinem Auto ausgestiegen; als er um feinen Wagen herumging, wurde er von einem aus entgegen­gesetzter Richtung kommenden Kraftwagen ersaßt und überfahren. Die Verletzungen Oertgens waren sehr schwer. Bei der Einlieferung ins Krankenhaus war der Tod bereits eingetreten.

Aljechin Euwe 11:9.

In der 20. Partie des Schachweltmeisterfchafhs- kampfes zwischen Euwe und A l j e ch i n , die ab­gebrochen worden mar, wurde durch Aljechin remis angeboten. Euwe hat diesen Vorschlag angenommen. Der Stand lautet nunmehr: Aljechin 11, Euwe 9 Punkte.

Weiterbelicht

des Reichswetterdienskes. Ausgabeort Frankfurt.

Mit dem Aufkommen heftiger Wirbeltätigkeit über Nordeuropa hat sich eine Wetterumgestaltung ein­gestellt. Dabei kam es in der Nacht zum Donners­tag zu vereinzelten Niederschlägen, während sich heute im Bereich des von Westen auf das Festland vorgestoßenen Hochdruckgebiets bereits Aufheiterung durchsetzen wird. Ein stärkeres llebergreifen d'er nordeuropäischen Wirbeltätigkeit bis zu uns ist un­wahrscheinlich, doch werden wir in ihren äußersten Einflußbereich kommen.

Aussichten für Freitag: Nach kalter Nacht wechselnde Bewölkung und besonders nach Norden auch Neigung zu vereinzelten Schauern, leb­hafte Winde aus West bis Nordwest.

Lufttemperaturen am 24. November: mittags 2,5 Grad Celsius, abends 2,5 Grad; am 25. November: morgens 1,9 Grad. Maximum 2,8 Grad, Minimum heute nacht 1,5 Grad. Erdtemperaturen in 10 cm Tiefe am 24. November: abends 3,5 Grad; am 25. November: morgen. 2,9 Grad. Niederschläge 0,5 mm.

Hauptjchriftleiter: Dr. Friedrich Wilhelm Lange.

Stellvertreter des Hauptschriftleiters: Ernst Blum« schein. Verantwortlich für Politik und für die Bilder: Dr. Fr W. Lange; für Feuilleton: Dr Hans Thynot; für den übrigen Teil: Ernst Blumschein. Anzeigen­leiter: Hans Beck. Verantwortlich für den Inhalt der Anzeigen: Theodor Kümmel. D. 21. X. 37: 10 031. Druck und Verlag: Brühlfche Unioerfitätsörurferef R. Lange, K.-G., sämtlich in Gießen Monatsbezugs- preis RM 2,05 einschließlich 25 Pf Zustellgebühr, mit der Illustrierten 15 Pf mehr Einzelverkauis- preis 10 Pf und Samstags 15 Pf., mit der

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