Politikern über die Festleguna der Grenzen einer einheitlichen Kriegführung und über die gemeinsamen Schlachtenentwürfe. Man kann wohl im großen Ganzen sagen, daß Sir Douglas Haig bei leinen französischen Kollegen eine größere Achtung genoß, als bei den Politikern seines eigenen Landes, und auch die Schlacht an der Somme, die so furchtbare Blutopfer der englischen Jugend gefordert hatte und deshalb die schärfste Kritik in der öffentlichen Meinung Englands gefunden hat, wird von den Franzosen erheblich anders beurteilt und damit für gerechtfertigt erklärt, daß sie in schwerster Krisis Verdun den Franzosen erhalten hat. Die Entlastung des schwer bedrängten Verbündeten war überhaupt während des ganzen Feld- zuaes eine der Hauptaufgaben des britischen Oberbefehlshabers und sicher keine sehr lohnende. Aber Sir Douglas Haig war, wenn man seinem Biographen glauben darf, ein Mann, der stets die Sache über die Person stellte und nur ein Ziel kannte, den Sieg. So hat er auch immer, trotz inneren Widerstrebens und häufig auch trotz besserer Ueberzeugunrn sich den Forderungen gebeugt, die der britische Premierminister und die Franzosen im Interesse einer einheitlichen Kriegführung an ihn gestellt haben.
Wenn seine Anschauungen vom modernen Krieg vielfach auch in militärischen Kreisen lebhaft angefochten worden sind, so mag das soweit berechtigt sein, als im Charakterbild des Feldmarschalls der schlichten nüchternen Gradheit auch eine gewisse sture Abneigung gegen Neuerungen entsprach, die das britische Heer zwar gewiß vor unnützen und kostspieligen Experimenten bewahrt haben mag, aber auch fruchtbaren neuen Gedanken, wie z. B. dem Einsatz der Panzerwagen oder des Kampfgases, nicht gerade förderlich gewesen sein werden. Auch das Festhalten an den verhältnismäßig zu starken Kavallerie-Formationen und ihr Einsatz im Trichtergelände des Stellungskrieges, der uns deutschen Soldaten immer wie ein Traum aus einer längst entschwundenen Zeit erschienen ist, hat auch in England lebhafte Kritik gefunden und ist vermutlich auf die starke Tradition der englischen Reiterei und die persönliche Vorliebe des Oberbefehlshabers für feine eigene alte Waffe zurück- Ören. Aber im ganzen tritt uns doch in dem
Duff Coopers ein Mann entgegen, der nicht nur als Mensch unsere höchste Achtung verdient, ^sondern auch als Soldat an führender Stelle sein Bestes getan hat, um den Sieg an Englands Fahnen zu heften.
Dr. Fr. W. Lange.
Trinksvrüche.
Anläßlich des Besuches des ungarischen Ministerpräsidenten und seines Außenministers wurden zwischen diesen unseren Gästen und dem Reichsaußenminister von Neurath bei einem Abendessen Trinksprüche gewechselt. „Trinksprüche", auch Toasts genannt, waren durch viele Jahre der Kummer jedes Schriftleiters. Selbstverständlich: sie mußten immer an hervorragender Stelle gebracht werden, besonders zu der Zeit, da es weniger die Staatsmänner als die Monarchen waren, die solche Trinksprüche wechselten. Aber auch dem begeisterten Monarchen vermochten diese Trink- fprüche in der Regel nur wenig zu sagen. Sie lasen sich wie auseinandergezogene „Communiquss", an deren lederne Langeweile sichtlich viele „Ressorts" (oder Instanzen")' eifervoll mitgearbeitet hatten. Die Zeichendeuter versuchten dann die eine oder andere Wendung in einem Leitartikel hervorzuheben und sozusagen gemeinverständlich zu machen. Die Historiker kamen anmarschiert und stellten diese oder jene Formel „in den großen Zusammenhang der Begebenheiten". Wir stellen mit Vergnügen fest, daß die zwischen dem deutschen Außenminister und dem ungarischen Ministerpräsidenten gewechselten Trinksprüche in einem klaren, einfachen und munteren Deutsch abgefaßt sind.
In ganz großem Maßstab konnte diese „neue Sprache" schon beim Münchener und Berliner Besuch des Duce vernommen werden. Dieser Besuch konnte noch als ein Ausnahmefall gelten. Aber seither mehren sich die Zeichen, daß sich überall, fast mit unwiderstehlicher innerer Gewalt, ein neuer Stil bei dem Austausch höflicher Begrüßungsansprachen ankündigt. Die englische Etikette ist sicherlich sehr steif, doch bei dem jüngsten Besuche Leopolds III., des Königs der Belgier, in London konnte ein aufmerksames Ohr schon neue, freimütigere Akzente wahrnehmen und den Versuch heraushören, über dem Bankett-Tisch hinweg z u Völkern zu reden, und zwar gemeinverständlich.
Die jetzt zwischen den ungarischen Gästen und dem deutschen Gastgeber gewechselten Ansprachen lesen sich wie bewußte Anreden an die Völker, deren politische Leiter und Staatsmänner sich bei einer feierlichen und würdigen Gelegenheit begegnen. Selbst in den Höflichkeiten, die ausgetauscht werden, vereinigt sich die Anerkennung der Leistung, die auf der einen Seite die verantwortliche Staatsführung, auf der anderen Seite ein entschlossenes und opferwilliges Volk auf sich genommen und durchgeführt haben. Die lebende völkische Substanz der Nationen beherrscht den Vordergrund: der reine Staatsapparat tritt in den Hintergrund. Und bezeichnend genug: In dieser neuen „Atmosphäre" können echte völkische Belange „frei von der Leber weg"'berührt werden, um die der Herr Diplomaticus bei früheren Gelegenheiten mit den Filzpantoffeln herumschlich, sintemalen er sich fürchtete, jenen nationalen Chauvinismus zu reizen, der sich mit sehr bewußter Absicht an die Stelle des echten Volksgefühles gefetzt hatte. Der Chauvinismus ist aber „Ersatz", weiß von dieser seiner Unterwertigkeit (wenigstens im tiefen Herzensgrund) und ist darum unduldsam: das echte V o l k s g e f ü h l ist natürlich und darum sachlich, wohlwollend und von Achtung gegenüber anderen Volkstümern er» füllt. So konnte Freiherr von Neurath feine Heber» Zeugung aussprechen, daß auch in Zukunft die in Ungarn seit vielen Geschlechterfolgen ansässigen deutschen Siedler zur gemeinsamen Freundschaft beitragen werden: und der ungarische Mini» fterpräfibent konnte die geschichtlich-wichtige Rolle der in Ungarn ansässigen, ihrem neuen Vaterland treu ergebenen deutschen Siedler-Geschlechter freimütig würdigen. ß. r.
Die Ostasienkonserenz ergebnislos verlast.
Brüssel, 24.91od. (DNB.) Die Ostasienkonfe» renz hat ihre Schlußsitzung abgehalten, in der der chinesische Vertreter, Wellington Koo, be» dauert, daß seine Anregungen konkreter Maßnah. men von der Konferenz nicht geprüft worden sind. Sie stellt fest, daß die Unterbrechung der Äonferen^
arbeiten zweckmäßig sei, um gewissen Regierungen Zeit zu einem Meinungsaustausch zu geben. Der italienische Vertreter Graf Aldrovandi Mares- cotti erinnerte daran, daß er schon zu Beginn der Konferenz Zweifel an ihrer Nützlichkeit ausgesprochen habe. Diese Zweifel hätten sich vollauf bestätigt. Er halte die Vertagung für durchaus gerechtfertigt und würde sogar die Auflösung der Konferenz für das Richtige halten. Lord Granborne, de Tessan und Norman Davi; hoben hervor, daß es sich nur um eine — allerdings unbefristete — Unterbrechung der Konferenz handele.
Tokio feiert
das Antikomintern-Akommen.
Tokio, 25. Nov. (DNB. Funkspruch.) Die erste Jahresfeier des Antikomintern-Abkommens und den Beitritt Italiens feiert Tokio heute mit reichem Flaggenschmuck in den Farben der drei Länder. Der deutsche und der italienische Botschafter sowie Außenminister Hirota tauschten Glückwunschadressen
aus. Hirota betont, daß das Abkommen nichts mit einem üblichen Jnterefsenbündnis zu tun habe, sondern den Ausdruck einer geistigen G e -- meinschaft bedeute. Der Pakt sei kein „faschistischer gegen andere Staaten gerichteter Block", sondern er sei o ff e n für alle Völker, die sich im Kampf gegen den Bolschewismus mit Deutschland, Italien und Japan geistig verbunden fühlten.
Aus Anlaß des Jahrestages der Unterzeichnung des deutsch-japanischen Antikomintern-Abkvmmens bringen alle deutschen und alle japanischen Sender am heutigen Donnerstag, von 12.30 bis 13 Uhr eine Sendung, in deren Verlauf Reichsminister Dr. Goebbels und der japanische Verkehrsminister Nagai sprechen. Der Führer und Reichskanzler hat einer Reihe von japanischen Persönlichkeiten, die vorzugsweise an dem Abkommen mitgearbeitet haben, den Der - dien st orden vom Deutschen Adler verliehen. Ebenso hat Seine Majestät der Kaiser von Japan die an der Bearbeitung des Abkommens beteiligten deutschen Persönlichkeiten durch Verleihung japanischer Orden ausgezeichnet.
Oeuffch-ungansche Kutturbeziehungen
20 Jahre Ungarisches Institut an der Universität Berlin.
Berlin, 24. Nov. (DNB.) In diesem Jahr kann das Ungarische Institut an der Universität Berlin auf ein 20jähriges Bestehen zurückblicken. Aus diesem Anlaß fand in der Alten Aula in Anwesenheit führender Männer des kulturellen und wirtschaftlichen Lebens sowie von Vertretern des Reiches, der Partei und Wehrmacht eine Feierstunde statt, bei der
der ungarische Ministerpräsident v. Daranyi erklärte: Als eines der ältesten Mitglieder der Gesellschaft der Freunde des Ungarischen Instituts habe ich die kulturellen Bestrebungen des Instituts von jeher mit warmer Anteilnahme verfolgt. Ich denke an all die ungarischen Studenten, die seit der Begründung der Universität nach Berlin strömten, um sich für ihre zukünftige Lebensbahn oorzubereiten. Dieser Reihe der Studenten entstammten Dichter, Philologen, Staatsmänner, deren Namen mit der geschichtlichen Entwicklung Ungarns für immer verbunden bleiben. Die deutsche S p r a ch e als erste Fremdsprache in allen höheren Schulen gelernt, ist einem großen Teile der Ungarn geläufig. Die deutsche Sprache mit Literatur wurde neben vielen Lektoraten an fünf Lehrstühlen der vier ungarischen Universitäten unterrichtet, und die Meisterwerke der deutschen Literatur lagen in mustergültiger Heber» setzung der bedeutendsten ungarischen Dichter vor. Die ungarische Kultur fand hingegen — bis zum Weltkriege — in Deutschland nirgends eine Heimstätte. Ungarn blieb dem deutschen Volke nicht nur unbekannt, sondern es wurde auch vielfach verkannt. So ist es verständlich, daß die Errichtung eines ungarischen Lehr st uh les und bald nachher die Begründung eines ungarischen Univer- sitätsinstitutes in der ungarischen Öffentlichkeit eine aufrichtige Freude auslöste. Man erkannte, daß dieses Institut dazu berufen fei, die höchsten Werte der ungarischen Kultur der deutschen Wisfenschaft zu vermiteln und so für das isolierte Land das Tor der Weltöffentlichkeit zu erschließen. Nach zwei Jahrzehnten geistiger Tätigkeit kann festgestellt werden, daß das Institut die Erwartungen, die man an feine Arbeit knüpfte, in vollem Maße erfüllt hat.
Reichsminlsler Rust
führte dann aus: Die Anwesenheit unserer hohen ungarischen Gäste hebt die 2O-Jahrfeier des Hngari- schen Instituts an der Hniversität Berlin weit hinaus über die Bedeutung eines reinen akademischen Festes: Zwei Völker nehmen an dieser Feier teil und bekunden durch sie ihre lebendige kulturelle Verbundenheit. Die Waffenbrüderschaft im großen Weltkrieg schuf neue geistige Brücken zwischen den ehemals kulturell so eng verbundenen Nationen. Es ist der regen Tätigkeit des Budapester Hniver- sitätsprofessors Rodert G r a g g e'r , der in Berlin studiert hat, zu danken, daß im März 1916 der Preußische Landtag einstimmig für die Errichtung eines Extraordinariats für ungarische Sprache und Literatur an der Berliner Hniversität stimmte. (Bragger selbst hat bis zu seinem Tode 1926 hier in Berlin gewirkt. Im November 1917 wurden die Gesellschaft der Freunde des Hngarischen Instituts
und das Hngarifche Institut selbst gegründet. Für die Festigkeit dieser Gründungen spricht, daß beide Institutionen den politischen und moralischen Zusammenbruch von 1918 überdauerten. Besonders schwierig, aber um so wichtiger war die Aufgabe des Instituts in der Zeit des November-Regiments, als deutsche Regierungen von dem nationalen Ungarn, das alle Schrecken eines marxistisch-bolschewistischen Regiments überstehen mußte, bewußt Abstand nahmen. Damals liefen im wesentlichen über das Un? g arische Institut die alten Kulturoerbindungen zwilchen unseren Völkern. Um seine Arbeitsgrundlage und seine Bedeutung zu verbreitern, vergrößerte (Bragger es um eine türkische und eine finnische Abteilung. Damit hatte Deutschland hier im Institut die einzige Forschungsstelle für eine gesamte uralaltaische Philologie. Besondere Aufmerksamkeit hat sich das Ungarische Institut auch dadurch verdient, daß es sich die Erforschung des ungarländischen Deutschtums angelegen sein ließ. Nach den entscheidenden Veränderungen in Deutschland durch die nationalsozialistische Revolution bin ich im Oktober 1934 der Einladung der ungarischen Regierung folgend nach Ungarn gegangen und brachte von dort nicht nur neue persönliche Verbindungen und starke Eindrücke von dem Lebenswillen Ungarns mit nach Deutschland, sondern auch einen ersten Kulturver - trag. Die Reichsregierung wird weiterhin alles tun, um das Institut im Sinne seiner Gründung zu lebendiger Wirksamkeit gelangen zu lassen.
Die ungarischen Gäste
aus dem Neichssportfeld.
Berlin, 24. Nov. (DNB.) Die ungarischen Gäste benutzten den Mittwoch vormittag zu einer eingehenden Besichtigung der Kampfstätten der Olympischen Spiele 1936 und der historischen Stätten in Potsdam. Unter der Führung des Reichssportführers hatten sie zunächst Gelegenheit, von der Führerloge aus die wuchtige Anlage des Stadions auf sich wirken zu lassen. Anschließend warfen sie vom Glockenturm einen Blick auf die gesamte Anlage und besichtigten dann die Dietrich- Eckart-Bühne, die Sportakademie und das Friesen- Haus. In Potsdam besuchten die ungarischen Gäste die Garnisonkirche, Sanssouci und das Neue Palais.
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Der Reichsminister des Innern Dr. Frick und Frau Frick hatten zu Ehren des ungarischen Ministerpräsidenten und des Ministers des Aeußern zu einem Frühstück geladen, an dem auch Gesandter von Sztojay teilnahm. Von deutscher Seite sah man Reichsleiter Hier!, die Staatssekretäre von Mackensen, Pfundtner und Staatssekretär Körner, Korpsführer Hühnlein, und Gesandten von Erdmannsdorf und Prinz zu Wied, Generalinspektor Dr. Todt, den Chef der Ordnungspolizei General D a l u e g e und den Chef der Sicherheitspolizei ^-Gruppenführer H e y d r i ch mit ihren Frauen.
Französische Monarchisten.
Don unserem Si.-Berichierstaiier.
Nachdruck verboten!
Paris, 24. November 1937.
(Durch Flugpost.)
Auch im ruhigen Frankreich gibt es Unter» ftrömungen. Gewiß sind die verfassungsmäßigen Einrichtungen in Kraft. Die Regierung regiert, bis sie gestürzt und durch eine andere abgelöst wird. Das Parlament redet. Die Polizei fahndet. Die Parteien werben. Und Bewegungen werben außerhalb des parlamentarisch-politischen Rahmens. Wenn die Volksfrontregierung und ihr sozialdemokratischer Innenminister so verhältnismäßig zahlreiche Waffe n I a g e r aufstöbern, so brauchen diese Entdeckungen nicht immer gleich Vorratslager zu betreffen, die in den letzten 18 Monaten in Gegnerschaft zur Volksfrontbewegung angelegt worden sein müssen. Sicher stammen Waffen, die gut eingefettet und gebrauchsfertig aufgestapelt sind, aus der Zeit, die von jetzt rückwärts bis in das Kriegsende hineinreicht. Noch bevor es die Feuerkreuzler gab, werden ehemalige Frontkämpfer, die das Schießgewehr gewöhnt waren, sich ein paar Wehrwerkzeuge aufgehoben haben: daß solche Männer dann der Feuer- kreuzlerbewegung beitraten, ist verständlich. Daß sie, als die Feuerkreuzlerbewegung als solche verboten war, ihre Waffen nicht in die Seine warfen, wird auch niemanden wundern. Diese Waffen konnte man aber, wenn man das gewollt hätte, auch vor drei oder sechs Jahren „entdecken": dieselben Waffen würden, wenn in Frankreich alles ruhig und normal verläuft, ebenso gut eingefettet und unterhalten auch noch weitere zehn Jahre im Verborgenen geblüht haben können.
Jetzt sind Sie Waffenfunde z u einem politischen Kampf- und Reklamemittel geworden. Nicht die ehemaligen Besitzer schießen damit auf die Verfassung Frankreichs, sondern die Inhaber der Regierungsmacht kehren den Spieß, wenn man so sagen will, um und benutzen die nun in polizeilichem Gewahrsam sichergestellten Waffen symbolisch, um eine große Offensive gegen ihre politischen Gegner 3u starten, eine Offensive, der sie den Namen Abweyr der Verschwörung zum
Sturz der republikanischen Einrichtungen geben. Das Sicherheitsvermögen der dritten französischen Republik ist heutigentags gewiß noch nicht erschöpft. Die Beteuerung, der Bürger dieser Republik könne ruhig schlafen, ist also zumindest ebenso richtig wie harmlos. Für französische Zeitungen ist der Stoff natürlich besonders dankbar. Der Vorfall schweißt an sich die Dolks- frontmehrheit wieder stärker zusammen, die auf dem Gebiet der Alltagspolitik — Anpassung der Beamtengehälter an die Abwertung des Franken und an das Steigen der Lebenshaltungskosten — Familienszenen durchmacht.
In einer Auslassung des französischen Innenministeriums wird die „Verschwörung zur Ersetzung der republikanischen Einrichtungen durch eine Diktatur" als die von den Putschisten erwünschte darauf folgende Wiedereinführung der Monarchie hingestellt. Wenn der Innenminister das sagt, wird er auf Grund der Funde der Polizei schon Beweisgründe für diesen Verdacht haben. Nun kann man aber sicher hinsichtlich des Grades der Gefährlichkeit einer Bewegung, die im Aufsteigen fein mag, verschiedener Ansicht sein. Immerhin muß man zugeben, daß die monarchistische Bewegung in Frankreich moderner zu werden beginnt. Wohlverstanden: die monarchistische Bewegung! Nicht etwa die altmodische royalistische Bewegung.
Seit dem Erlöschen der älteren Linie der Bourbons, den Nachkommen König Ludwigs XV., dessen Enkel Karl X. in der Julirevolution 1830 die Krone verloren hatte, sind 1883 die Thronansprüche an das Haus Bourbon-Orläans übergegangen, das von 1830 bis zur Februarrevolution 1848 in Frankreich regiert hat und dessen Haupt seit 1926 der jetzt 63jährige Herzog von Guise ist. Der Zweig Orleans der französischen Bourbonen geht auf Philipp, Herzog von Orleans, den Bruder Ludwigs XIV., zurück. Der Herzog von Guise hat ein Vermögen von nahezu 50 000 000 Mark ererbt. Vor seiner Verbannung galt er als einer der reichsten Grundbesitzer Frankreichs. Das Schloß Amboife
an der Loire, eine Residenz der früheren Königs von Frankreich, ist sein Eigentum. Sein Sohn, der 29jährige Graf von Paris, verwaltet die Besitzungen seines Vaters in Spanisch-Marokko. Er wohnt auf einem belgischen Schloß und in Palermo, wo er sich mit seiner Kusine Prinzessin Isabella vermählte. Dieser Gras von Paris verhält sich nicht mehr passiv als muffiges Ausstattungsstück der Herrensöhnchen der königstreuen „Actton Fran- ?aise". Der Graf von Paris hat vor zwei Jahren eine kleine Wochenschrift, den „Königlichen Kurie r", gegründet und ist mit diesem aus seiner Auslandsverbannung heraus vor das französische Volk getreten, um für einen französischen Stände st aat mit sozialer Gerechtigkeit und innerer Ordnung in monarchisch-erblicher Form und unter seiner Leitung eingetreten Schon damals war der alttoyalistischen Tageszeitung „Action Frangaise" dieser Einbruch in ihre königliche Einflußsphäre gar nicht recht: sie dachte in jenem Augenblick wohl zwar nur an die Gefahr eines Abonnentenschwunds. Immerhin räusperten sich die alten Herren in der Schriftleitung der „Actton Frangaise" mißbilligend, als der Gras von Paris aus dem von ihnen befürworteten bourbonischen Herrscherhaufe die Königspolittk als überpartei» l i ch bezeichnete und den Royalisten ihr fönigs- treues Monopol versagte. Das wird sich wieder legen, sagte man in den Kreisen der „Actton Fran- ?aise". Daß sich das keineswegs gelegt hat, sondern daß der junge Graf von Paris im Gegenteil Verbindung mit allen Schichten aufgenommen hat, die mit den bisherigen Einrichtungen nicht zufrieden sind, ergibt sich aus dem Aufruf, den der Graf von Paris im Namen feines Vaters erlassen hat, als dieser Tage an der französisch-schweizer Grenze ein Stelldichein der neuen Königstreuen verwirklicht werden sollte.
Der Aufruf enthält die Anrede „Franzosen". Er ist also nicht an die altkönigstreue Ueberbleibfel- Partei gerichtet. Er schließt mit den sehr deutlichen Programm-Sätzen: „Ich bin gewiß, daß ich euer Glück machen kann, ich bin entschlossen, den Thron meiner Väter wieder z u erobern. Frankreich wird dann seine Mission in der Welt wieder übernehmen. Es wird den Frieden, die Eintracht, den Wohlstand durch die Einigung des Volkes mit seinem Dormundschafts-Verteidiger, dem König, wiederfinden." Im Aufruf bejaht der junge Graf, der sich schon als König von Frankreich sieht, die sozialen Reformen, tut die Diktaturform für Frankreich ab, weil er nicht möchte, daß die Franzosen auf ihre Freiheiten, auf ihre Vergangenheit und auf ihre Heberlieferung verzichten sollen. Um aus den sinnlosen Streitigkeiten und dem circulus vitiosus herauszukommen, ohne die berechtigten Freiheiten zu verlieren, bleibe als normale, natürliche und dem französischen Genie entsprechende^Lö- sung nur d i e Monarchie, die allein die Achtung und den Schutz der Freiheiten mit der öffentlichen Ordnung vereinen könne. Die Monarchie, die er in Frankreich einführen wolle, müsse sich auf alle lebendigen Kräfte des Landes stützen. Die par- lamentarifche Republik lebe nur von Parteienkämpfen und Parteienkompromiffen. Das französische parlamentarische System, die Verantwortungslosigkeit und die mangelnde Festigkeit machten dauerhafte Gesundung und durchgreifende Reformen unmöglich. Die in der Person des Königs verantwortliche Monarchie trage in der Erblichkeit das stärkste Element der Beständigkeit. Wenn Demo» kratte bedeute „für das Volk regieren", dann sei das ein Ideal: wenn sie bedeute, daß sich das Volk selbst regiere, so sei er damit nicht einig; glaubten aber die Franzosen heute, daß sie sich selbst regieren? Der Stimmzettel sei ein Betrug. „Franzosen", so heißt es dann in dem Aufruf des Grafen von Paris weiter, „werft die Tyrannei der Lüge und der falschen Ideen weg!" Die Grundsätze der Revolution von 1789 haben das Individuum zu einer abstrakten Ganzheit erhoben, seine, des neuen König-Anwärters, Reformen würden die Einzelper- fönlichkeit wieder in den normalen Rahmen der Familie, des Standes und der Provinz als der engeren Heimat stellen. Auch die Kirche vergißt der Graf von Paris nicht. Er werde die Glaubensfreiheit schützen und das genüge zu ihrer Entfaltung, doch werde die Monarchie keine klerikale Regierung fein, sondern er wolle dem Grundsatz der Trennung von Kirche und Staat treu bleiben.
Der Schluß des Aufrufes behandelt das heikle Problem der A l t r o y a l i st e n. Vor ihrer Unabhängigkeit und Heberlieferungstreue macht der junge Graf eine höfliche Verbeugung, untersagt es der altroyalistischen Partei und ihrer Zeitung, der „Action Frangaise", aber, sich als Sprachrohr des Herrscherhauses Frankreichs zu bezeichnen. Denn die „Aktion Frangaise" sei nur eine Partei, seine Monarchie werde über den Parteien stehen. Die Zeitung „Actton Frangaise" hat sich bei allem königstreuen Respekt diese Ohrfeige nicht gefallen lassen, ohne zu schreien. Sie erklärt bereits zur Sache, daß sie sich nicht als Partei fühle, denn uneingeschränkter Nationalismus, wie sie ihn verfechte, sei das Gegenteil einer Partei-Einstellung. Die „Action Frangaise" sei ihren alten Grundsätzen treu und stehe auf dem Standpunkt, daß man zur Herstellung der Monarchie erst einmal die Republik stürzen müsse, woran sie mit ganzem Herzen arbeite. Der junge Graf von Paris' muß diese Belehrung seiner unbequemen Anhänger nun erst einmal ein« stecken. Wer wird die größere revoluttonäre Dynamik beweisen? Der anti-royalistische, aber monarchische Graf mit seinen volksverbundenen Krönungsschmerzen oder die verkalkten altkönigstreuen Aristokraten mit ihren Wunsch träum en nach vergangenen Zeiten?
Die Anmeldung des Thronanspruches des Grafen von Paris erfolgt in einer Zeit, wo sich die Außen« und Innenpolitik Frankreichs in einer offenbaren Krisis befindet. Die bei Sowjetrußland gesuchte Rückversicherung ist durch die Massenhinrichtung bisher repräsentativer Männer des Sowjetstaates mehr als zweifelhaft geworden. Die Anlehnung an das insulare England ober sogar an Nordamerika ist für das so überwiegend kontinentaleuropäisch gebundene Frankreich nicht völlig ausreichend. Der spanische Konflikt ist praktisch schon zu einer Krise der westlichen „Demokratten" geworden. Die innere Politik Frankreichs dreht sich in fehlerhaftem Kreislauf von Lohn- und Gehaltserhöhung auf der einen, von Preiserhöhungen auf der anderen Seite. Die technischen Auskunftsmittel der Pariser Regierung, wie wiederholte Abwertungen ober Ablenkung der öffentlichen Aufmerksamkeit durch Auspeitschung rein parteipolitischer Instinkte, weist auf ben tiefsten Kern ber französischen Krise hin: aus die innere Hnsicherheit, auf den Mangel an Vertrauen unb an Führung, letztlich auf die Entfremdung zwischen Volk unb Staat. Kein Wun« ber, baß ber französisch? Monarchismus bie Konjunktur nutzen will, bie ihm diese Zustände zu erschließen scheinen.


