)Qrstr.i7
•ÄA
nsa-Lloyd retung
Wer
darauf Palend, ri.Su
&Co.
rter Str. 82
Probefahrti
— flstD
tung
crr
• 17 U4’90
»4. IP. I rtHIL
laüenberechnu uoschreibung., lbrechnungen, chrcibm.-Arb. ünschti.Behör- 'n= u. Privat- ernt erf. Ing. ocö-u.TW.»/ lenberttfud) z. Hemefimen. r. Ang. um. 88 a.d.G.A.
SZ-S ;eigenMi 6{„
fjillofeo sä?
t tzMrbende litetti mt Wohnung t Gießen, gute ;age, wird tu«' iges Ehepaar a.
Päi
jr bald gesucht. Schristl. Angeb. nter 04729 on enJieM!^-
3000 qm SiMnS re^t.8tt6nufer L, in kl. SM.
j
XriU 6ulct, lunrnitraßet«. ü °°n < SZL
^0^0* führUrfliiiister"
[führ^ »r-l'
SKF
ltr.224 Sroeites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen) Samstag, 25. September 1957
V1
*
■
■
IMMi
;;,Wp
■ ■
■ H.
WWW £
ein Bellini, die wenigen Möbel alle mit diskret an» flßüwtcfjten Schildchen versehen. „Römische Arbeit, 15. Jahrhundert — Venetianische Arbeit, 14 Jahrhundert." Ich hatte Muße, mich umzusehen, denn $UCe ^tte sich entschuldigen lassen: eine plötz- notwendige Besprechung zwang zu einer Ver» Schiebung der Stunde meines Gehörs In der Tat |ah ich einige Zeit später erst den damaligen Sekre» tar der Partei, Turäti oorbeikommen, und kurz darauf Balbo, der den mächtigen Kopf ein wenig gesenkt hatte wie ein Stier, der zum Stoße ansetzt. Dann aber wurde es ernst Em reizender alter Beamter tauchte lautlos auf, bat mich, ihm zu folgen. Wir durchschritten zwei, drei kleinere Säle, dann machte er vor einer mächtigen Eichentüre Halt, öffnete sie ebenfalls mit vollendeter Lautlosigkeit und ließ mich eintreten. Ich machte zwei Schritte und blieb stehen, indes die Türe sich hinter mir lautlos wieder schloß. Ich befand mich in einem etwa dreißig bis vierzig Schritte langen Saal, ganz mit Marmor verkleidet, in dem nur zwei Einrichtungsgegenstände erkennbar waren: ein riesiger, mittelalterlicher Globus und ein kaum weniger großer, moderner, mit Akten und Papieren bedeckter Schreibtisch, hinter dem ein mittelgroßer, kräftiger Mann stand: Mussolini.
Der erste Eindruck, den man von einem Menschen hat, ist, heißt es, entscheidend. Run, der meine vom
Mein Besuch bei Mussolini.
Von Mirko Ielusich.
Angesichts der angekündigten Deutschland- reise des Duce wird diese Erinnerung des durch eine Reihe bedeutender historischer Romane wie „Caesar", „Cromwell" und „Der Löwe" bekannt gewordenen Dichters Mirko Jelusich an seinen Besuch in Rom das Interesse unserer Leser finden
Das war im Frühling 1930. Mein vor kurzem erschienener „C a e s a r" hatte in Italien einiges Aufsehen erregt, und schließlich legte man mir von hoher Stelle nahe, nach Rom zu fahren und mich beim Duce, der an dem Werke besonderen Anteil nehme, zum Gehör zu melden. Italien ist uns Oesterreichern nichts fremdes. Namentlich Venedig, das während fünfzig Jahren seiner wechsel- vollen Geschichte ja österreichisch war, ist eine beliebte Wiener Sommerfrische: doch in Rom, das ich zum erstenmal aufsuchte, befgnd ich mich mit meinen geringen Sprachkenntnissen wahrhaft in der Fremde. Aber ich schlug mich nach dem Rezept Turnerstick aus dem „blau-roten Methusalem" mit italianisiertem Französisch schlecht und recht durch, und als ich erst an „Dopolavoro“ ersehen hatte, daß „nach" nicht, wie ich gemeint hatte, „apreso‘‘ heißt und „Arbeit" nicht ,.travaglio<‘ wußte ich mich gerettet
Mit aufrichtiger Freude denke ich setzt noch an den Empfang, den ich in Italien fand und der dem eines kulturellen Gesandten entsprach, an die Besuche bei Berufsgenossen wie bei dem schwer kriegsbeschädigten, seither leider schon verstorbenen Fausto Maria Martini, mit dem mich bald eine auf der gegenseitigen Achtung von Frontsoldaten beruhende Freundschaft verband, beim Admiral M i - lanesi, dem Verfasser hochwertiger Spannungsromane, an das urgemütliche, gar nicht feierliche Bankett, das mir die „Societä degli autori“ in Roms behaglichstem Kellerlokal, der „Biblioteca“ (Romfahrer, vormerken!) gab, an all die herzliche Freundschaft, die mir entgegengebracht wurde.
Eines Abends fand ich, in mein Hotel zurückgekehrt, ein Schreiben von der Kanzlei des Ministerpräsidiums vor, Seine Exzellenz, „il Capo del go- verno‘‘ werde sich freuen, mich am folgenden Tage um 17 Uhr 45 im Palazzo Venezia zu begrüßen. So brachte mich etwa zwanzig Stunden später ein funkelnagelneuer Lancia, den der sich sehr geehrt fühlende Leiter meines Hotels beigestellt hatte, zum Prachtbau auf der Piazza Venezia, in dem der Duce mit Vorliebe empfängt. Vor dem Tor ein Doppelposten der faschistischen Miliz, die Gewehre mit auf» gepflanztem Bajonett im Arm, voll statuenhafter Ruhe, aber plötzlich mit südländischer Behendigkeit die Waffen kreuzend, als der Wagen Miene machte, einzufahren, und erst nach Einblick in den Brief, den ich als „passaporto“ mitgenommen hatte, zu früherer Reglosigkeit erstarrend.
In der Einfahrt eine zweite Kontrolle — durch einen Portier von so mächtigen Körpermaßen, daß er bei den „langen Kerls" in Potsdam hatte einen Flügelmann abgeben können, den längsten Mann, den ich je in Italien gesehen habe (der größte stand mir erst bevor). Er brachte mich zu einem Fahrstuhl, und dieser führte mich zwei Treppen hoch zu einem Gang, wo zwei Diener mich erwarteten und mich — „S’accommodi, Signore“ — zur Kleiderablage führten. Es war — eine Rü st kämme r. Uebernll an den Wänden Harnische, Helme, Schwerter. Hellebarden. Mein Hut und Mantel nahmen sich unter dem funkelnden Gemässen recht sonderbar aus: aber solche Gegensätze werden von der Sinnesart des modernen Italieners in Kauf genommen um des bewußten Anknüpfens willen an eine glorreiche Vergangenheit: sind doch sogar auf der Via del Impero die altrömischen Kaiserstatuen wieder aufgestellt mit der Widmung des „Senatus populusque Romanus“ die sie einst trugen, nur ergänzt durch den absichtsvoll dürren Vermerk: „Erneuert im soundsovielten Jahr der faschistischen Aera".
Von dieser heroischen Kleiderablage ging es i n den Warteraum, den schönsten, edelsten, den mau sich denken kann, an den mit tiefrotem, gepreßtem Samt, bespannten Wänden sparsam Gemälde venetianischer Meister, ein Tizian, ein Giorgione,
Schöpfer des modernen Italien war der eines fröhlichen Riesen, der sich seiner gewaltigen Leistung bewußt ist und eine herzliche, naive Freude darüber empfindet. Erst viel später wurde mir d i e staatsmännische Ueberlegenheit klar, die den Besucher erst zu verblüffen, bann mit erlesenstem Prunk zu betäuben, schließlich durch den langen Weg, den er unter den Augen des Duce zurückzu- legen hat, einzuschüchtern trachtet, — um ihn am Ende des Weges das herzliche, freimütige Lächeln des Hausherrn doppelt befreiend empfinden zu lassen. Mein Gruß, auf faschistische Art ausgeführt, bereitete Mussolini sichtlich Freude, er erwiderte ihn lebhaft und winkte mir mit gerundeter Gebärde, näherzutreten. Ich gehorchte, die erwähnte gefahrvolle Ueberquerung des Saales ohne sonderliche Anstrengung vollbringend, trat knapp an den Schreibtisch und wartete der Anrede des Duce.
Er begann — italienisch. Ader welch ein Italienisch! Deutlich, kristallklar, jedem Laut zu seinem Recht verhelfend: der geübte, erfahrene Massen- rebner machte sich geltenb. Es war bas Jbeal ber italienischen Sprache, wie es ben Italienern selbst vorschwebt: La lingua Toscana in bocca Romana (Toskanisch in römischem Munbe). Zwar ist Mussolini Romagnese, aber burch seinen Marsch auf Rom hat er sich bort mehr Heimatrechte erworben, als nur irgendein „Romano di Roma“ mit feiner vorgeschriebenen sechsfachen Geschlechterfolge römischen Stäbtertums nachzuweisen vermag. Zunächst sagte er mir ein paar freunbliche Worte über mein Buch. Er fjabe es zwar noch nicht gelesen, aber viel Schönes barüber gehört unb werbe sein Versäumnis balb nachholen. (Daß bies keine bloße Höflich
keitsfloskel war, erfuhr ich Jahre später von einem beutschen Gelehrten, zu bem er über ben Cäsar sprach mit ber Bemerkung: „L’ho letto: in tedesco“.) Was mich benn veranlaßt habe, gerabe bieten Stoff zu wählen.
Nun war bie Reihe an mir, zu antworten. Ich legte los. — unb sprach zu meiner eigenen Ver« munberung so fließenb, so mühelos, als wäre mir bie Sprache feit Jahren vertraut: baß ich schon als Kinb bie Größe Roms berounbert, baß biefe Größe sich bem Halbwüchsigen in ber Gestalt Cäsars vereinigt, baß ben Erwachsenen ber Plan xu biefem Werke schon lange beschäftigt habe, unb baß seine, bes Duce entschlossene Tat nicht ber letzte Anlaß gewesen sei, bie Arbeit in Angriff zu nehmen. Mussolini, langsam hinter bem Schreibtisch oor- fommenb, hörte aufmerksam zu, warf hie unb ba einige Worte bazwischen, bie bewiesen, wie sehr er sich mit ber Gestalt Cäsars beschäftigt hatte, unb nahm meinen letzten Hinweis freunblich entgegen. Dann erkundigte er sich, ob ich schon viel von Rom gesehen und wie es mir gefallen habe. Da nahm ich meinen Mut — die leichte Befangenheit war bei feinen ersten Worten verschwunden — zusammen und sagte:
„Exzellenz, ich will aufrichtig sein: ich kenne drei Rom; das erste verehre, das zweite bewundere ich, zum dritten habe ich keine Beziehung." Und auf die einigermaßen verwunderte Aufforderung des Duce, meine Worte näher zu erklären: „Ich verehre das antike Rom; ich bewundere das moderne Rom; das Rom des Mittelalters aber läßt mich gleichgültig." Meine Antwort löste herzliches Lachen aus: ohne es zu wissen, hatte ich Mussolinis Neigun- aen getroffen. Dies brach vollends den Bann eines feierlichen Gehörs, und im Nu waren wir, Seite an Seite im Saale auf- und abschreitend, in einer lebhaften Aussprache über die damals eben in vollem Gange befindlichen Ausgrabungen begriffen. Der Duce hielt mir einen bemerkenswerten Stegreifvortrag über schon Erreichtes unb noch Geplantes, bewies auch hier seine verblüssenbe Kenntnis von Einzelheiten, ließ aber nie bie Hauptsache aus den Augen unb zeichnete mir mit starken Zügen ein Bild des Rom, wie es ihm vorschwebte, einer modernen, gesunden, großzügigen Stadt, die aber durchaus auf den Grundlagen ihrer geschichtlichen Größe ruhte. Er sprach so fesselnd, daß ich gar nicht merkte, wie die Zeit verging, und fast erschrak, als ich an seinem plötzlichen Verstummen das nahende Ende des Gehörs erkannte.
„Es ist gut", sagte mir, der Türe zuschreitend, der Duce deutsch, ,chaß Sie aekommen sind. — Haben Sie noch einen Wunsch?^ setzte er italienisch hinzu. Da nahm ich meinen Mut ein zweitesmal zusammen. Ich gehörte damals dem Schriftleiterstabe der einzigen nationalen Zeitung Wiens an. Welche Sensation, wenn ich meinem armen, ständig mit Schwierigkeiten kämpfenden Blatte einen Beitrag Mussolinis zukommen lassen konnte! „Ja, Exzellenz", antwortete ich. „Ich bin nicht nur Schriftsteller, sondern auch Schriftleiter. Bitte, geben Sie mir für mein Blatt eine Botschaft an Oesterreich mit." Abeymals lachte Mussolini, bem wohl diese journalistische Wendigkeit Spaß machte, herzlich. Dann sagte er ernst: „Gut, diese Botschaft sollen Sie haben. Sagen Sie Oesterreich, daß es nie zu bereuen haben wird, mein Freund geworden zu sein. Ich halte es mit Sokrates: Ich bin ein ebenso treuer Freund wie ein treuer Feind."
Damit legte er die Hand auf die Klinke der Türe und öffnete diese. Nochmals wechselten wir den Faschistengruß, bann trat ich hinaus: das Gehör war zu Ende. Wenige Minuten später in meinem Hotelauto aus dem Tore des Palazzo Venezzia rollend, blickte ich auf die Uhr: ich war, die Wartezeit abgerechnet, nahezu fünf Viertelstunden beim Duce gewesen.
PROSPEKT 61 DURCH BALATUM-WERKE • NEUSS
Oer Bäcker
Von Nikolaus Schwarzkopf.
Mein Onkel war Bäcker. Das Backhaus stand nahe iber Kirche, sicher hatte bafelbft ehebem ber Ge- meinbebacfofen geftanben. Der Backofen heizte genau wie ber Brennofen ber Häfner sommers unb winters j ibas ganze Haus unb machte jeberzeit behaglich rwarm lieber ihm lag bie Schlafstube, links an seiner plante bie Backstube, hinter ihm bie Wohnstube, bie gleichzeitig Verkaufslaben war, unb rechts an feiner Alante, burch eine befonbere Mauer getrennt ber Kuhstall.
Der Ofen würbe mit Wellen geheizt, bas finb bie Slefte unb Zweige bes Kiefernholzes, beffen Stämme fcen Häfnern gehörten für ihre größeren Brennöfen. Dft hab' ich bie Wellen herbeigeschleppt bie ber Onkel fcann. ohne sie aufzubinben, in bie Flammen ein- Rd)ob. Wie in einer kleinen Hölle sah es bann aus: Flamme laberte auf Flamme, Flamme sprang über Flamme, Flamme fraß Flamme in sich ein unb nahm fie mit zum niebrigen Schornstein hinaus, Flammen Listen an ber flachgewölbten Decke bes Ofens umher. Züngelten in bie ausgebrannten Mauerritzen zwischen Öen schmalen Backsteinen unb liefen wie gebänbigt □us bem Kamin. War genug bes Holzes abgebrannt, Öann würbe bie eiserne Schiebetür geschlossen, unb öie Glut verweilte. Mit einem riesigen Eisengriff gog ber Onkel auch bie Kappe zu, bie ben Karnin versiegelte.
Rach einer Viertelstunde riß er die Schiebetür auf, stieß mit einem eisernen Haken in die Glut, die üuiammengebrannt war — ich dachte an die Holle unö an die Verdammten — und holte sie heraus §r ließ sie vor seinen Schuhen niederfallen, und ich Liußte eimerweise das Wasser draufschütten. Dann, wenn die Glut verloscht war, nahm der Onkel eine jange (Stange, an der ein nasser Lumpen hing, und chleuderte den Lumpen drinnen hin und her, daß He Köhlchen auf und davonstoben und herausflogen, l.aß die Ritzen sauber wurden und die breiten Stein» Kiefen wie gebürstet. Und erst jetzt wurden die Brote umgeschosten, diese runden, weichen Laibe, die an ter Lust getrocknet, von einer festen Haut umgeben waren Liebreich faßte der Bäcker sie in Hand unb J nterarm, einen {eben einzeln auf ben Schieber zu l'tzen unb brinnen in Reih unb Glieb nebeneinanber i~i Zeilen. Vorn bran, also unmittelbar hinter die
Tür, setzte er bie weißen Brötchen, immer zehn auf einen Schieber. Ein Erdöllicht, das seitlich in die Mauer eingeschoben wurde, beleuchtete den Backofen spärlich. Eine kleine Klappe in der Schiebetür ließ jederzeit überschauen, daß brinnen kein Unheil geschah. Da konnte man beobachten, wie bie Brote sich bräunten, wie ein liebliches Wellenspiel saßen sie ba in ber Glut, von vorn angestrahlt, von hinten beschattet.
Solange bie Brote im Ofen waren, lief mein Onkel aufgeregt in Stall, Scheune unb Haus umher, barfuß zumeist, ohne Hemb, unb bie mehligen Hosen wollten jeberzeit aus bem grünen, mehligen Gürtel rutschen Ich habe heute bie gleiche Unruhe in mir, wenn ich etwas Wichtiges schreibe; auch mich ärgert bie Mücke an ber Wanb. Aber bann, wenn er ben Ofen aufbrechen konnte, wenn bas Gebackfel braun unb hochgewölbt in ben gelben Strahlen ber Lampe faß, ba rieb ber Bäcker bie Hänbe, hob mich in bie Hohe, baß ich hineinsehe in bie Hitze, unb bann sagte er: Wem gehört bas erste Brötchen? Meinem kleinen Freunb!
Ich hatte immer ein wenig Angst vor ber unbeschreiblichen Hitze, weil bie Bäcker kleinen Buben gern brohen wie bie Hexe bei Hänsel unb Gretel, wie bie Häfner es auch tun: Ich steck bich ba hinein!
Erst kamen bie gelben Brätchen heraus, unb ich stanb mit einem Pinsel bereit unb überstrich sie, ba sie noch auf bem Schieber saßen, mit Zuckerwasser. Daburch bekamen sie einen frischen Glanz. Der Onkel ließ sie sobann in ben weißen Korb purzeln unb holte neue herbei. Ei, wie bas buftete! Der Weizen birgt neben bem Wein bie besten Düfte ber Welt. Aber auch Kornbrote buften, unb ich möchte auch sagen: bas Korn birgt neben bem Wein bie besten Düfte ber Welt. Ich fyabe biefe Gerüche jeberzeit, wenn ich will, in ber Nase, unb wenn ich in ber Stabt an einer Bäckerei vorübergehe, bann bleibe ich ein Weilchen stehen
Dreimal wöchentlich buk mein Onkel montags, bonnerstags, samstags. Währenb ber übrigen Tage zog er mit ben Kühen im Felb umher, pflügte, eggte, säte unb erntete. Er erntete bei weitem nicht fo Diel, als er zu verbacken hatte. Die größeren Bauern brachten ihr eigenes Mehl, unb sie stellten sich an bie Backmulbe, baß ja nicht ein Stäubchen davon verloren ging ober in einem anberen Sack oerschwanb
Am dritten jedes Monats kam aus Frankfurt
der Mehlmann. Er schleppte die schweren Säcke die Treppe hinauf in den Hausgang und stellte sie da an der Wand entlang neben die Falltür, die in den Keller führte. War die Wand voll bestellt, bann mußte ber Mehlmann bie Maltersäcke auf ben Speicher tragen. Das machte bem starken Mann gar nichts aus. Seine bicken Gäule stauben unterdessen vor ber Haustür unb fraßen Heu. Sie hatten feiste Backen, ganz kurze Schwänze unb unheimlich lange Mähnen. Schüttelten sie bie Mähnen, bann wirbelte Mehlstaub heraus. Trotz ber Staubschicht glänzte bas Leberzeug, unb bie eingeschlausten Messingplättchen blitzten
Auf ber ersten Stufe ber Kellertreppe stauben bas Hesesäßcheu, bas rounberbar buftete, unb ber Sauerteig. Ohne biefen weißlichen, zähen Saft wäre fein Brot luck geworden. Die Bauern, die zuhaus „ein- mehrteu" und den Teig zuhaus „machten", holten in Kaffeetassen für drei Pfennige von diesem Saft.
Große Tage waren für den Onkel Weihnachten und Kirchweih. Au Kirchweih „machte" jede Familie Teig zuhause Da kamen aus den Nachbar- öörfern die Bäckerburschen unb liefen mit ber „Kratz , ben Eisen, bas ben Teig aus ber Mulbe Zu kratzen hatte, im Dorf umher, barfuß, hembs- ärmelig unb guter Dinge Die Mäbcheu liefen ihnen aus bem Weg wie bem Schornsteinfeger unb schenken ihre Nähe. Im Bäckerhaus wurde während der ganzen Nacht gebacken, benn an ben brei Kirchweih- tagen mußte mehr gegessen werden als an Weihnachten, Ostern und Pfingsten zusammen.
Um die Weihnachtszeit aber war mein Onkel ein geheimnisvoller Manu; benn er hatte Tag unb Nacht zu backen, aber was er buk, das bürste nicht gezeigt werben: Brezeln, Lebkuchen, Anis, Bobbe unb Buttergebackeues aller Art. Die Lebkuchen waren herzförmig unb trugen alle Wuuberzeicheu, bie fein Mensch mehr zu beuten wußte, alle mit- einanber mehr ober minber bas Zeichen ber ge- funben Fruchtbarfeit. Die Brezeln waren wie Zöpfe geflochten, wie überschwängliche Mäbchenzöpfe, bie Bobbe, zweiföpfige Wickelfinber, zeigten, so wenig bas hier am Platze schien, eine Reihe voller Brüste, unb bas Anisgebackene hielt fröhlich Blättlein unb Blüten feil, die sonst im Winter nirgends zu sehen waren. Auf dem Lebkuchen stand der Lebensbaum, der zweiästig aus dem Hütten eines Weibleins sproßte, in voller Blüte Adam und Eva im Begriff, die erste Sünde zu tun, ragten aus den
Ueppigkeiten des Paradieses, und Eva hielt den verhängnisvollen Apfel in der Hand.
Für die Neujahrsnacht buk mein Onkel solche Herrlichkeiten in großer Masse und ganz mürbe suchen dazu, wie fein Bauer sie damals in der Familie duldete. Diese Dinge wurden dann wäh- rend der Nacht im Haus des Onfels herausgewür- felt Kamen nicht genug Gäste, so ging der' Onfel mit seinen Sachen in die Wirtschaften und wär- s^lte Ich weiß, wie eine übermütige Frau all ihr Taschengeld verwürfelt hatte, ohne etwas zu gewin- nen. Da nun mein Onfel nichts mehr befaß, bas hätte herausgewürfelt werben fönnen, rief sie in bie Stube: „Hier, mein Philipp: wer setzt auf ihn?" ®s fanben sich einige, bie auf ihren Mann, ben Philipp setzten, bie Würfel rollten, unb bie übermütige Frau gewann ihren Philipp unb machte einen trunfenen Lärm.
Diel Honig verarbeitete mein Onfel in biefen Wochen. Sein Honigfaß stand neben der Haustür im Hof. Einmal lockte es einen Dieb an. Der Dieb schleppte den Honig mit dem Eimer heim, aber der Eimer rann: der Honig tropfte, die Spur führte aus dem Bäckerhaus über die Gaste ins Gänseeck, bis genau in die Haustür des Diebs. Für mich war das märchenhaft einfach, ich dachte an Hänsel und Gretel, die Brotfrümchen auswarfen, um den Rückweg zu finden, und hier waren feine Vögel, die Honigspur aufzupicken.
Ich hätte Bäcker werden fönnen; da ich Niko- laus heiße, wär's im Himmel und auf Erden gern gesehen worden, denn der heilige Nikolaus ist' der Schutzherr der . Bäcker. Man sieht ihn mit drei Aepfeln abgebildet, aber auch mit drei Broten, denn er hat durch eine wunderbare Brotvermehrung dahinten in Asien eine ganze Provinz vor Hungers- not bewahrt. Ich, der ich ein Bildernarr bin, kenne etliche hundert Darstellungen meines Namenspatrons; die schönsten sind zu sehen in den Domen von Freiburg, Konstanz und Kolmar. Oh, wer von den Herrn Backern weiß heute noch, daß der heilige Nikolaus vom Himmel her seinen Mantel ausbreitet über bas Gewerbe?
Sochschulnacbnchten
P^sessor Dr. Ebuarb Hertel an ber Universi- tat B o n n hat einen Ruf auf ben Lehrstuhl für physikalische Chemie an der Technischen Hochschule Danzig erhalten und angenommen.


