Nr. 275 Streifes Blatt
Kießenor Anzeiger sAeneral-Anzeiger für Mberhesfen)
Vienstao, 23. November 1957
Die Trauerseier für den Segelflieger Mariens.
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Auf dem Frankfurter Hauptfriedhof fand, rote schon gemeldet, die Einäscherung des bei dem Flugzeugunglück bei Ostende ums Leben gekommenen Segelfliegers Diplomingenieur Arthur Martens statt. — (Scherl-Bilderdienst-M.)
Aus der Gia di Gießen.
Früh am Morgen...
Der frühe Morgen hat in diesen Wochen keineswegs ein erfreuliches Aussehen Er kommt fast wie ein ungebetener Gast, der die Atmosphäre des Unbehagens verbreitet. Und darum sind mir im allgemeinen nicht böse, wenn mir ihm an den Sonntagen aus dem Wege gehen können. Aber der Sonntag steht immer erst hinter einer Folge von sechs Werktagen, die uns unerbittlich zu unseren Pflichten rufen und uns einen Teil von jener Verantwortung auferlegen, die das große Schaffen eines ganzen Volkes verlangt. Und gewinnt nicht erst der Sonntag mit seinem Ausspann des Körpers und der Seele gerade durch die Pflichterfüllung an den Werktagen seinen köstlichen Reiz? Es würde ein schaler Sonntag werden, wenn er nicht durch das Bewußtsein des Fleißes und der Regsamkeit an anderen Tagen seinen besonderen Charakter bekäme.
Dunkelheit und Kälte, Nebelfeuchtigkeit und Regenschauer sind keine angenehmen Erscheinungen. Aber bergen sie nicht auch gewisse romantische Reize, । öie empfindsame Augen und Ohren auszukosten verstehen? Was kann beispielsweise allein ein Gang zur frühen Morgenstunde in der Nähe der Bahn- ihofsanlagen für Eindrücke vermitteln. Wer täglich, idiesen Weg zu gehen hat, weiß, welche Erlebnis- ckraft ausgeht von den fahrenden Zügen, deren Lich- äerreihen gefpenfterhaft auftauchen und verschwinden. Das Heulen der Lokomotiven, die Hornsignale Über Rangierer, das Zischen und Fauchen unsicht- kbarer Maschinen und das undeutliche Glühen der .grünen und roten Lichter im Nebeldunst: all das kläßt das Leben auf den Gleisen voll phantastischer Wirksamkeit erscheinen. Und wer nur ein wenig .empfänglich ist für bunte Sinnenreize, wird daran micht vorübergehen können, ohne beeindruckt zu :werden von diesem farbigen Schauspiel.
Indessen sorgt das Leben auch jenseits der Schiemen für eigenartige Effekte. Nicht jeder geht mor-
gens am Bahnhof vorbei, aber fein Weg führt ihn an Häuserreihen entlang, in denen in unregelmäßigen Abständen die Fenster hell erleuchtet sind und wie freundliche Wegweiser wirken. Den Schritt der Fußgänger vernimmt sein Ohr weit früher, als er die zur Arbeit Schreitenden zu Gesicht bekommt. Aber das glimmende rote Pünktchen einer Zigarette kommt ihm häufig aus der Finsternis wie ein seltsames Signal entgegen. Nicht weniger eindrucksvoll sind die tastenden Lichtkegel der Radfahrer oder das plötzlich auftauchende Scheinwerferlicht eines Kraftwagens, der in gleichmäßig ratternder Fahrt vorübereilt.
Es ist immer reizvoll, dem frühen Morgen zu begegnen und feine Zeichen zu spüren, mit denen er die tägliche Arbeit einleitet. Um diese Zeit aber umhüllt er sich noch mit dem Mantel des Geheimnisvollen, und das ist es, was ihn im eigentlichen Sinne anziehend macht. Auch dann, wenn der erste Schritt aus der Haustüre die Kälte spürbar macht und wir in begreiflicher Abwehr^ den Kragen hochschlagen und die Hände tief in den Manteltaschen vergraben .. H. W. Sch.
Dornotizen
Tageskalender für Dienstag.
Stadttheater: 20 bis 22.30 Uhr „Fuhrmann Henschel", Festaufführung in Anwesenheit des Dichters Gerh. Hauptmann. — Gloria-Palast (Seltersweg): „Patrioten". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Die Aufternlilli". — Goethe-Bund und Kaufmännischer Verein in Verbindung mit der Volksbildungsstätte der NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude": 20 Uhr, Neue Aula, „Deutsche Kriegsgeschichte von den Urzeiten bis zur Gegenwart." — Lichtbildervortrag im Caf6 Leib: 16 und 20 Uhr ..Wenn einer eine Reise tut .. " — Luthergemeinde: 20 Uhr, Kapelle des Alten Friedhofs.
Gerhart Hauptmann in Gießen.
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Heute abend findet eine Festaufführung von „Fuhr-
mann Henschel", Schauspiel in 5 Akten, in Anwesenheit von Gerhart Hauptmann statt. Der Besuch des Dichters, der in der vergangenen Spielzeit der Aufführung feines Dramas „Der Bogen des Odysseus" beiwohnen wollte, aber leider durch Krankheit verhindert wurde, ist eine hohe Auszeichnung für den Ruf und die künstlerische Arbeit des Stadttheaters Gießen. Die Spielleitung des Schauspiels bat Wolfgang Kühne, Bühnenbild Karl Löffler. Die Vorstellung beginnt um 20 Uhr, Ende 22.30 Uhr, und findet gleichzeitig als 9. Vorstellung der Diens- tag-Miete statt.
ÄOM.-u.IM.-Llnteraou 116, (Sieben.
rNädelfchulung.
Am Mittwoch, 24. 11., kommen die Schulungsmädel zu einer Besprechung um 18 Uhr auf die Dienststelle des Untergaues.
Zungmädelschnlung.
Am Sonntag, 28.11., treten die JM.-Schulungs- mädel um 9% Uhr morgens zur Besprechung auf der Dienststelle des Untergaues an. Zu dieser Besprechung können auch die IM.-Gruppenführerinnen kommen, da anschließend eine kurze Schulung über weltanschauliche Fragen ist.
7iGV. Ortsgruppe G-eßen-Mitte.
Vetr.: Pfundsammlung.
Arn Mittwoch, 24. November, werden die Pfundspenden durch die NS.-Frauenschaft eingesammelt. Die Hausfrauen werden gebeten, den Inhalt der Päckchen auf der Umhüllung kenntlich zu machen. Die Pfundsammlung erstreckt sich während der Dauer des WHW. auf alle Volksgenossen.
WHW, Gießen-Ost.
Vetr.: WhW.'Pfundspende.
Die Sammlung wird Dienstag, 23., und Mittwoch, 24. d. M., von der NS.-Frauenschaft durchgeführt. Diejenigen Volksgenossen, die sich im Laufe des Sommers nicht an dem Lebensmittel-Opferring beteiligt
haben, werden dringend gebeten, sich nicht auszu-- schließen, da die Pfundspende restlos dem WHW zu- geführt wird. Der Inhalt der Päckchen ist außen sichtbar anzugeben. Es sind in erster Linie zu spenden: Mehl, Hülsenfrüchte, Graupen, Nudeln, Makkaroni, Zucker, Grieß, Wurstroaren und Konserven.
NG.-Lehrerbund Kreis ließen.
Fachschaft höhere Schule.
Die für Mittwoch, 24. November, angesetzte Kreis- Versammlung wird bis auf weiteres verschoben.
Der Kreisfachschaftsleüter.
Polizei gegen Verkehrssünder.
Die Polizei schritt in der Zeit vom 5. bis 11. November einschließlich ein:
Gegen Radfahrer mit 18 Verwarnungen und 13 Anzeigen; gegen Führer von Kraftfahr-
irischer, SwJJJIreiner JUem
gründliche, schonende Reinigung, verhindert den Ansatz von Zahnstein.
= Große Tube 40 TL, kleine Tube 25 TL
zeugen mit 19 Verwarnungen und Belehrungen und 11 Anzeigen; gegen Fußgänger mit 42 Verwarnungen und Belehrungen; gegen Lenker von Fuhrwerken mit 3 Verwarnungen und Belehrungen.
Festpreise für Weihnachtsbäume.
Für den diesjährigen Weihnachtsbaumverkauf sind von der zuständigen Stelle Mindest- bzw. Höchstpreise festgesetzt worden. Danach kosten Weihnachtsbäume bis zu 1 Meter Höhe 0,30 bis 0,90 Mark, von 1 bis 2 Meter Höhe 0,60 dis 1,90 Mark, von 2 bis 3 Meter Hohe 1,10 bis 2,90 Mark, von 3 bis
Oer Landdienst der HZ. ruft!
Appell an die Einsicht der Eltern und den Idealismus der Kinder!
NSG. In diesen Tagen wendet sich der Landdienst der Hitler-Jugend wieder an die deutsche Jugend mit dem Aufruf zum Eintritt in den Dienst am deutschen Boden. Der Schule entwachsene Jungen und Mädel werden aufgefordert, an der Sicherung unserer Ernährung mitzuhelfen. Dieser Appell wird an die Freiwilligkeit und den Idealismus der Jugend, sowie auch an die Einsicht der Eltern gerichtet. Durch den Einsatz des Landdienstes wird ein gewisser Ausgleich für den Mangel an Landarbeitern erzielt. Wie wertvoll und notwendig die jungen Kräfte für die verantwortungsvolle Arbeit des Bauern ist, erzählt ein Ortsbauernführer aus unserem Gau:
„Die hier in Dauborn seit einem halben Jahr tätige Landdienstgruppe hat bewiesen, daß ihr Einsatz eine wirklich brauchbare Maßnahme darstellt, den fühlbaren Landarbeitermangel nicht allein gegenwärtig, sondern für die Dauer zu mindern und zum Teil zu beheben. Ein Teil der Jungen wird als Landarbeiter dem Bauernstand verbleiben. Die in einem schönen Heim untergebrachten „Stadt- jungen" aus der Bochumer Gegend haben sich nach kurzen anfänglichen Schwierigkeiten in ihre Bauernfamilien wie eigene Kinder eingelebt und nehmen dort tagsüber an Leid und Freud, Arbeit und Brot, Saat und Ernte so eng verbunden teil, daß man sie als Eingewachsene in Familie und Dorf betrachten kann. Die jungen Helfer haben ihre zugemessenen Pflichten und Arbeiten in Hof und Stall und verrichten nach ihren Kräften die rasch erlernten Arbeiten auf dem Felde mit größ-
tem Eifer, fo daß mancher auch einmal die „Zügel" in die Hände bekommt. Und abends im Lager setzt der „mündliche" Wettbewerb ein: „Mein Hof, mein Bauer, und zu Mittag gabs ...
So stolz, wie sie auf ihrem Hof sind, so eifrig sind sie morgens beim „Stubendienst" im Lager, über dem täglich die Fahne der HI. gehißt wird. Hier betreut sie ihr Gruppenführer, der als Landarbeiter alle ihre Freuden und Nöte kennt und teilt. Ebenso, wie sich der einzelne Junge in seinen Betrieb einfügt, so wird er auch von dem Bauer, vor allem aber von der Hausfrau in die Hausgemeinschaft ausgenommen, fast dem eigenen Kinde gleichgestellt. Jede Fürsorge wird ihm zuteil.
Schwer war anfangs der Uebergang aus dem ungebundenen Stadtleben mit feinen reichlichen „Vergnügungen" und mit der andersgearteten Kost in die genau geregelte Arbeitszeit und das viel kräftigere Essen auf dem Lande. Das Wissen, eine Pflicht zu erfüllen und immer wieder neue Aufgaben zu bekommen und ihnen auch bald aewachsen zu sein, erfüllt die Jungen mit Stolz und Freude und hat ihnen eine gute Stellung im Dorfe erworben.. Ihr Verhalten ist bisher beschwerbefrei
Die Bauern halten den Landdienst für notwendig. Ob die Jungen auf dem Lande bleiben, hängt wesentlich mit davon ab, wie die Eltern aus der Ferne auf den Jungen einwirken. Es ist mitbestimmend, ob sie im Landdienst froh und zufrieden sind. Sollte der eine oder andere Junge aber aus innerer Berufung heraus später in eine andere Lehre übergehen, so sind Geist und Körper so gefördert und geschult, daß er allen Anforderungen gewachsen ist."
Das Kälbchen.
Von Hans Friedrich Blunck.
Es gibt kaum ein luftigeres Tiervolk als ein Dutzend kreuzvergnügter Ferkelchen. Das springt nmd guiekt und blinzelt verschmitzt in die Welt das nveiß sich kaum zu halten vor Lebenslust und fegt, icin rosigweißes Gemenge, kreuz und guer über die Henne, huscht einmal durch die schmale Luke zur «grunzenden Mutter in den Koben, quetscht sich iübereinanber und untereinander gleich wieder hin- «aus und zur Höhle zurück, die es sich, wie Knaben •es tun, ins Haferstroh gebaut hat. Und bleibt doch sfrech und zutraulich vor jedem Neuen stehen, grunzt «es an und forderte am liebsten Häckselmulde und Leiter und gar das große Scheunentor zum Wett- Uauf heraus. .
Eines Tages aber bekommen die Knirpse wirklich »einen neuen Freund. Nicht etwa den alten Kettenhund, der sich bei ihrem Anblick überschlägt, noch »auch den Kater, der nach nächtlichem Mäusefang nnübe und schläfrig vom alten Feldwagen dem Un- fiug der Ferkel nachblinzelt. Aber gestern abend ist «in Kälbchen zur Welt gekommen, und weil man «5 nirgends besser unterzubringen wußte, hat man s niber Nacht ins Haferstroh gelegt, das auf der Tenne -zum Einräumen bereit liegt. Da hat es über Nacht Iherrlid) geschlafen, hat morgens die erste Milch »geschlappt und besinnt sich gerade darauf, daß es riebt „Bäh!" _ . ,
Was war das für em neuer Ton? Zwei Ferkel I fahren unterm Stroh hervor, schielen mit den kleinen weißlichen Augen schräg nach oben, wobei der 'Nacken sich schon zu kleinen Falten wirft, ziehen w,t- iternd die Luft ein, rufen plötzlich wie außer sich 'Bruder und Schwester und stellen sich beratend in ' ! weitem Halbkreis um das Kälbchen Eines wagt «sich sogar darüber hinaus, tritt auf einen Stroh- Ihalm, so daß der sich wie eine Schaukel hebt und ibas Kälbchen just hinters Ohr sticht. Was tut s. !Bäh sagt es zum zweitenmal und schüttelt sich
Im nächsten Augenblick sind die zwölf quietschend iund quiekend auseinanbergefabren und in Hohlen mnb Luken verschwunden, stecken aber auch schon ibrei Atem lang später neugierig zwölf spitze Rüssel uni eher aus allen Verstecken unb versuchen, ihre Vermutungen auszutauschen
„Bäh", sagt bas Kälbchen roieber. Es hat die »Ferkel noch nicht recht erkannt, es ist nur erstaunt niber das frühe Licht, das durch ein Fenster quillt umb ihm roohltut, und hat jetzt begriffen, daß es
bewegliche und unbewegliche Dinge in Sichtweite gibt. Dann richtet es die großen Augen auf diese milchweißen Leibchen; ihm dämmert, daß sie etwas mit ihm zu tun haben wollen. Und weil es immer aufmerksamer und neugieriger auf die Bewegungen wird, schiebt es den Kops vor — wie einfach das ist — und hat Freude dran, sich mit den langen Ständern im Heu aufzustützen, um dem Fremden näher zu kommen. Schon kniet es und auf einmal steht es aufrecht, zum erstenmal, es weiß nicht wie, alle vier Beine schräg voneinander gespreizt Natürlich schwankt es noch, sagt wieder Bäh vor Erstaunen und fühlt sich doch mordswohl, weil ein Sonnenstrahl ihm gerade den Nacken kitzelt und die Welt auf einmal viel tiefer ist, als sie eben noch war. Es reckt die Nüstern zur Wagendeichsel — nein, das ist nichts zum Säugen —, es schnuppert am Heu entlang — nein, das gibt keine Milch —, es läßt den Kopf sinken, ob diese Ferkelchen wohl zum Belecken seien. Aber das rennt ihm, quietschvergnügt über den Irrtum, kreuz und quer vor den Lichtern entlang und ist auf einmal wieder in der Strohhöhle verschwunden, um den Spaß zu bereden.
Nur ein Horchposten steht norm Tor, um Obacht zu halten. —
Das Kälbcken hat Mut bekommen; außerdem hat es Hunger. Die Beine beginnen sich auf sich selbst zu besinnen und stellen sich, ohne daß es das Kälbchen recht weiß, just auf die Höhle zu, wo die seltsamen Freunde verschwanden. Vermutlich meint das junge Ding, alle Tiere seien einander gleich unb es selbst sei ein Ferkelchen wie bie anbern. Jebenfalls hat es Verlangen nach bem fonberbaren Gewipp und Gewimmel, das es sah, unb versucht einen Schritt hinterbrein zu tun Aber weil es babei alle vier Beine zugleich anbebt, liegt es, bauz, im nächsten Augenblick auf ber Nase. Das tut nichts, bas Stroh ist weich, man ist auch über Nacht schön trocken geworben, so baß bie Grannen nicht mehr stechen, linb man steht gleich roieber auf unb sieht sich verlangend und fteundschastsselig um. „Bäh!"
Zwölf kleine rosenrote Schnäuzchen lauern aus allen Winkeln und Luken, lautlos. „Bähbäh!" lockt das Kälbchen. Da kommt ein Schweinchen, das einen Pechfleck auf der Nase hat, aus dem Loch, um zu verhandeln. Das Schwänzchen in drei Kringel geschlagen, grunzt es ein wenig, zieht den sonderbaren Duft dieses riesengroßen Fremden ein unb läßt es geschehen, baß bas Kälbchen die Ständer spreizt und. den Kopf vorstreckend vorsichtig näher und näher kommt Es hat eine weiße Bleß auf der Stirn, buschige Obren unb eine rosenrote Nase. Aber Pechfleck bleibt mutig stehen, grunzt
zweimal neugierig unb reckt sich jetzt auch grab wie bas Kälbchen roitternb nach vorn. Schon sinb die Schnauzen dicht beieinander — Rüssel und Nüstern fliegen beiden vor Mut und Angst und Aufregung.
Und dann ift’s geschehen! Man hat begriffen: Der andere brennt nicht, man kann ihn berühren und sogar ein wenig freundlich scheuern und man kann, — aber da geht das Scheunentor auf und der Knecht kommt zum Strohholen. Ein Hollen- gequietsch, ein Warnen und Zappeln; aus allen Strohhöhlen jagt es auf, drängt drunter und drüber und versucht im Augenblick und gleichzeitig zu unölft durch das Ferkelloch zur Mutter in den Schweinekoben zu gelangen. Das wimmelt und zappelt und quietscht, und öie dumme Sau grunzt in ihrer Angst hinter der Luke und macht aus der Angst eine Höllenfurcht.
Das Kälbchen ist baß erstaunt über die Verwirrung, aber auf einmal hat es den dunklen Schatten Mensch im halben Licht erkannt. Und es erschrickt, meint, feinen Freunden nachflüchten zu müssen, roeil’s sich noch für ihresgleichen hält, unb setzt mit brei ungeschickten Hüpfern auf bas Ferkelloch zu, gerabe wie bas letzte ber Kleinen mit Gequiek ins Dunkel gefahren ist. Aber bas Kälbchen bekommt nur ben Kopf ins Ferkelloch, zapvelt und keilt mit den jungen Hufen, begreift nicht, warum es draußen bleiben soll, und erstickt schier vor Angst, weil auf der andern Seite plötzlich ein ungeheurer, nie gesehener Schroeinskopf sich über ihm hebt.
„Nana", sagt der Knecht verwundert und zieht's am Schwanz zurück, „bist wohl doll geworden?" Und er stellt das dumme Ding auf die Beine, streichelt es ein wenig unb grinst, weil es schon roieber Zutrauen zur Welt faßt unb alle Taschenzipfel unb auch seine Kniekehlen auf Milch untersucht. Aber wie er roeiterschreitet, wird er beinah umgestoßen. Denn weil es mit ber Milch nichts ist, besinnt sich bas junge Ding aufs Spielen, und weil es nun weiß, wie man die Beine setzt, rennt es ben Knecht täppisch mit ber Stirn an und denkt, der solle widerboxen. Der Mann lacht, tut ihm den Gefallen und drängt es mit der Faust sanft zurück Er muß dabei grinsen Denn im Hintergrund stehen die Ferkel im Halbkreis und schauen zu wie im Zirkus und quieken und feuern das Kälbchen an und — ja, es sieht aus, als schloffen sie Wetten ab, wer bas Spiel gewönne, so aufmerksam blinzeln sie aus ben schrägen kleinen Aeuglein unb so emsig quieken sie einanber zu. was es zu sehen gibt. — zwölf kleine nackte Ferkelchen mit je vier Streichhölzern drunter, einem Ringelschwänzchen unb wühlenben, witternden, rosenroten Rüsselchen.
Lichtspielbaus: „Oie Aufternlilli."
Dies ist eine Filmoperette ber Tobis mit Musik von Robert Stolz, nach einem Buch von Gerte Illing, spielenb zu Paris unb Amsterbam. Hier wirb ber Weg einer jungen Sängerin geschildert, bie vergeblich auf ein Engagement wartet, durch ein merkwürdiges Spiel des Zufalls aber statt dessen von einem Austernrestaurant für den Posien einer Austernösfnerin verpflichtet wird unb alsbald bas ganze Lokal in Aufruhr bringt Das ist nur bie Einleitung, bie übrigens in Versen gesprochen unb gesungen wirb unb der Film gehört, wie sich bald herausstellt, zu denen, die man nicht erzählen kann; jedenfalls wäre es ein aussichtsloses Unternehmen, wollte man alle Verwechslungen, Mißverständnisse unb Zwischenfälle beschreibet, bis die Aufternlilli mit bem Amsterdamer Austernkönw in einer großen Muschel auf ber Bühne ber Austern- revue Verlobung feiern kann. Der Spielleiter E. W. Emo hat feine Inszenierung verschwenderisch ausgestattet und mit einem wirbligen Operetten- tempo angekurbelt. Als d:e Austernlilli lernt man in Gusti Wolff eine sehr junge Nachwuchs-Darstellerin kennen, deren quecksilbriges Temperament etwa in die Linie der Anny Ondra weist. Von den Komikern schießt Lingen als Revuedichter mit einem unglaublichen Mundwerk wieder mal den Vogel ab; neben ihm tun sich in dem ausae- lassenen Figurenreigen Harald Paulsen, Oskar Sima und Hermann Thimig hervor, ben man lange nicht mehr gesehen hat. — Im Be'.progr"inin gibt es bie neue Fox-Wochenschau unb zwei Kurzfilme, „Quellenbes Leben" (von Rinberzucht und Milchwirtschaft) unb „Vorsicht am Platze", eine Warnung vor Darlehens- unb Heiratsschwinblern.
Hans Thyriot.
Zeitschriften.
— Der Bergsteiger (Verlag F. Bruckmann, München) eröffnet sein prachtvoll ausgestattetes No- vemberheft mit ber Schilberung einer Alleinbegehung bes ganzen Peutereygrates am Mont Blanc. Unter ber Fülle bes übrigen Inhaltes verdienen befonbere Beachtung bie Abhanblungen „Colli Euganei" von Henry Hoek unb „Berge unb Bergsteiger einst unb jetzt" von bem kürzlich verstorbenen ehemaligen Schriftleiter ber Oesterreichischen Alpenzeitung Hans Wöbl. Im erzählenben Teil fin- ben wir Namen wie Anton Schnack, Hans Roelli und Alfred Graber. Prächtige Lichtbilder unb Wie» bergaben von Oelbilbern H B Wielands zu dessen 70. Geburtstag schmücken das Heft.


