Nr. 19 Drittes Blatt
Samstag. 25. Zanuar 1931
Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)
Sechs Kragen an die HL -Bannführung 116
Stellungnahme der Führung der HL. im Kreise Gleßen zur Heimbeschaffung
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Elternabend der Hitlerjugend
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Antwort: Die idealste Losung wäre die völlige Uebernahme der Finanzierung von HJ.-Heirnbauten von feiten der Gemeinden. Dort, wo die zum Bau eines Heimes notwendigen Mittel aus dem ordentlichen Haushaltsplan nicht aufzubringen find, müßte in Erwägung gezogen werden, ob sie nicht aus den Sonderrücklagen, die ja nach der Verordnung vom 5. Mai 1936 anzusammeln find, beftrittm werden könnten. Eine weitere Möglichkeit wäre die, daß die Gemeinde wenigstens Zuschüsse zu den Baukosten leistet und versucht, staatliche Beihilfen für den Bau eines Heimes zu erlangen. Falls die Kosten nicht von vornherein durch eine Stiftung ficher- gestellt find, so wäre eine weitere Möglichkeit, daß die nötigen Mittel durch gemeinschaftliche Anstrengungen, durch eine Sammlung der gesamten Bürgerschaft aufgebracht würden, die ja ein besonders starkes Interesse am Gedeihen ihrer Jugend haben muß. Einer dieser Wege wird sicher gangbar sein. Jeder Bürgermeister unseres Kreises müßte dann den für seine Gemeinde richtigen Weg zum Bau eines HI.-Heimes wählen. Wir werden alle männlichen Mitglieder kleinerer Gemeinden aufrufen, persönlich am Bau des HI. - Heimes mitzuwirken. In erster Linie werden natürlich unsere Kameraden selber am Aufbau ihres Heimes zu helfen haben. Es ist sogar schon vorgekommen, daß Bürgermeister und Gemeinderäte an der Spitze gemeinsam mit der Jugend Hand an den Bau eines HI.-Heimes legten.
Frage 4 : Wie müßten nach den Erfordernissen einer gedeihlichen Arbeit derartige Heime der HI. beschaffen fein, insbesondere hinsichtlich des Geländes, der Bau. und Raumgestaltung, der Einrichtung ufro.?
Antwort: Wie auf allen Lebensgebieten, so hat der Nationalsozialismus auch auf dem Gebiete der Baukunst eine neue Belebung und einen neuen monumentalen Stil gebracht. Auch die Heime der HI. sollen die Sprache der HI. sprechen, ihr Stil soll der Haltung der HI. entsprechen. Unsere Haltung verlangt klare, einfache, schöne und saubere Heime. Unsere Heime können keine alten Fabriken Schulhäuser, Schuppen und Gemeindehäuser sein, weil diese ganz und gar nicht unserem Stil entsprechen. Die Häuser der HI. sollen mehr sein als aufgerichtete und überdachte Mauern, die zwar Regen und Kälte fernhalten, aber darüber hinaus nicht so eingerichtet sind, daß sie durch die Art ihrer
Frage 3 : Wenn die Gemeinden der HI. eigene Heime schaffen, was könnten dabei und insbesondere auch zu deren Ausgestaltung die Eltern der Jungens und Wädels tun?
Antwort: Welcher Bürger hätte nicht auch den Wunsch, der Jugend zu helfen? — Unser Baustil ist oer Ausdruck der Haltung unserer Zeit! In diese Heime gehören aber auch Einrichtungsgegenstände. die aus dem gleichen Stil entstanden sind. Das Material, das wir beim Einrichten von Heimen verwenden, muß einfach natürlich, echt und somit vertretbar sein. Alles Zufällige lehnen wir ab. Wir richten daher an alle Eltern unserer HJ.- Kameraden und Mädels die aufrichtige Bitte: Gebt der Hitler-Jugend Rundfunkgeräte, Musikinstrumente, Schränke, Handwerkszeug, Unterrichtsmaterial und vor allen Dingen Bücher, die zur Schulungsarbeit unserer Jungens und zur Zusammenstellung einer Heim- bibliothek unentbehrlich sind.
m ö g l i ch k e i t e n, die notgedrungen als vorläufige Lösung der Heimbeschaffung anzusehen waren.
Die Zeit der Notbehelfe ist vorbei! Die Parole: „Schafft Heime für die Hitler-Jugend", muß sofort in die Tat umgesetzt werden. Es gehört zu den obersten Aufgaben des Staates, der Jugend nicht nur anständige Schulen, sondern auch saubere und tadellose HJ.-Heime, deren Baustil der Ausdruck unserer Haltung ist, zur Verfügung zu stellen. Deshalb im Kreis Gießen: Kein Ort ohne H I. - H e i m !
Wir wissen, daß nicht auf einmal alles geschaffen werden kann, aber überall muß begonnen werden, daß in späterem planmäßigen Weiter- und Aus
bau die HJ.-Heime so gestaltet werden, wie sie Anforderungen entsprechen.
Frage 2: Wenn ja, was erwartet Bannführung 116 in dieser Hinsicht von Gemeinden?
Gestaltung auch eine günstige Einwirkung auf die Jungens und Mädels haben, die in den Heimen geschult werden.
Wenn der HI. beispielsweise eine Reihe von zweistöckigen Häusern gebaut wird, die mit ihren Erkerchen, Rundbogenfensterchen, lieblichen Aufgängen, und Balkönchen vielleicht den Anschein einer großzügigen Bauweise erwecken, so müssen diese villenartige Häuser dennoch als Heime der Hitler- Jugend abgelehnt werden. Eine Villa ist kein HI.-Heim. Weiterhin wird der reihenweise Barackenbau nach einem einheitlichen Typ, der den Jungen als „Blockhäuser" schmackhaft gemacht werden soll, abgelehnt. Unsere Heime dürfen nicht unschön, störend und fremd in der Landschaft stehen, sondern müssen in ihr heimisch sein. Es kann nicht jeder überall so bauen, wie er will. Wir verlangen bei jedem Bau die Verwendung örtlicher Baustoffe. Ein Heim der Jugend ist kein Privatbau, sondern es hat als öffentlicher Bau das Recht, auch gut und feiner Bedeutung entsprechend in das Dorf- oder Stadtbild eingefügt zu werden. Ein HJ.-Heimdau ist ein Zweckbau! Er ist im besten Sinne sachlich, wenn er allen Anforderungen des HI.-Dienstes entspricht und darüber hinaus in der Sauberkeit seiner handwerklichen Durchbildung und in der Schönheit seiner Verhältnisse etwas von unserer Haltung oer-
ten zu unterstützen, schloß Unterbannführer Rühl seine Ansprache.
Unterbannführer Dr. Schneide,-
sprach besonders über die Heimbeschaffungsaktion und sagte, daß nichts unversucht bleiben solle, Heime und Schulungsstätten zu schaffen. Die Jugend müsse sich selbst formen und brauche dazu die äußere Gelegenheit. Bei der Ausgestaltung der Heime sollten alle mithelfen, die dazu beitragen können.
In seinen weiteren Darlegungen umriß Unter» bannführer Dr. Schneider u. a. auch das Verhältnis der Hitler-Jugend zur Religion und wies darauf hin, daß die Hitler-Jugend keinen der jungen Kameraden hindere, irgendeiner Religionsgemeinschaft anzugehören. Der junge Mensch müße aber auch beseelt sein von dem Glauben an Deutschland und an Volk und Führer.
Den Kameraden selbst müsse immer wieder gesagt sein, daß es für sie gegenwärtig noch keine Rechte für sich in Anspruch zu nehmen gelte, sondern nur Pflichten zu übernehmen seien.
Zum Thema Hitler-Jugend und Vereinszugehörigkeit wies der Redner zunächst darauf hin, daß eine Zugehörigkeit zu einem Verein nicht zur Zersplitterung führen dürfe. Im übrigen seien klare Verhältnisse geschaffen insofern, als (was besonders die Sportvereine betrifft) zwei Sonntage dem Dienste der HI. vorbehalten und zwei Sonntag im Monat für den Verein freigegeben find.
Aufgabe der Eltern fei es, den Jungen zum regelmäßigen Dienst in der HI., zur Leistung im Beruf, zum Dorwärtskommen in der Schule anzuhalten. Mit der Mahnung an die jungen Kameraden, foziale Kameradschaft zu halten und unwandelbar zu sein im Glauben an den Führer und an Deutschland, schloß der Unterbannführer feine Ansprache. Mit dem Sieg-Heil auf den Führer und mit dem Liede der HI. fand der Abend seinen Abschluß.
Im Zusammenhang mit der Heimbeschaffungsaktion hielt die Hitlerjugend in der Turnhalle an der Steinstraße am gestrigen Freitag einen Elternabend ab. Nach der Einbringung der Fahnen der HI. sangen die Kameraden der Marine-Hitler-Jugend zunächst ein Lied.
ilnterbannführer MHI
begrüßte dann die Vertreter der Partei, die Eltern und die Kameraden, betonte, daß der Wunsch des Führers und die Parole des Reichsjugendführers heute die Eltern und die Kameraden der Hitler- Jugend zusammenführe in dem Willen, der Hitler- Jugend jene Heimstätten zu schaffen, die für eine gedeihliche Arbeit notwendg seien. In seinen weiteren Darlegungen gab Unterbannführer Rühl einen Ueberblick über die Arbeit der Hitler-Jugend in den kommenden Monaten
Zunächst sprach er über die neue Form des Volksaemeinschaftsabends. Wesentliches Kennzeichen dieser Volksgemeinschaftsabende solle sein, daß es keine Trennung mehr zwischen Bühne und Zuschauerraum geben solle, vielmehr solle jedermann mitspielen, -singen und -lachen. Große Aufmerksamkeit werde die Hitler-Jugend in den nächsten Monaten der Führer schulungzu- wenden. Der Sport solle in der HI. in durchaus volkstümlicher Weise betrieben werden, er solle Breitenarbeit sein. Der Dienst in der Verbindung mit dem Heimabend werde für die Zukunft reicher gestaltet werden dadurch, daß neben Unterricht und Gesang auch gebastelt und gebaut werden solle.
Große Aufgaben sehe die Hitler-Jugend unter dem Begriff „Junger Sozialismus" vor sich. Der Reichsberufswettkampf werde wieder große Anforderungen stellen, das Landjahr und die Sozial-Arbeit in der HI. sollen fortgeführt werden, ein Monat der nächsten Zeit solle der unmittelbaren Betreuung der Kameraden durch ihre Führer dienen. Einige Sommermonate des Jahres 1937 werden wieder den Fahrten und Lageraufenthalten Vorbehalten fein. Vorgesehen seien ferner Fahrten an die Grenzen des Reiches und Zusammenfassungen in großen Bannlagern für den Zeitraum von je 14 Tagen. Schließlich werde es eine weitere Aufgabe der Hitler-Jugend fein, Disziplin und Ordnung in ihren Reihen weiter zu fördern.
Mit der Bitte an die Elternschaft, die Hitler-Jugend bei der Erfüllung ihrer Aufgaben nach Kräf-
Um die Ansicht der Bannführung 116 der HI. über die Heimbeschaffung den Volksgenossen in Stadt und Land zur Kenntnis zu bringen, hat die Schriftleitung des „Gießener Anzeigers" der Bannführung sechs Fragen zur Beantwortung unterbreitet. Da der Führer des Bannes, Bannführer Heim, gegenwärtig für einige Zeit von Gießen abwesend ist, hat uns der Stellvertreter des Bannführers, Bannadjiftant Gefolgfchaftsführer Völzing, auf unsere Fragen in freundlicher Weise Antwort gegeben. Nachstehend die Fragen und Antworten.
Die Schriftleitung.
Frage 1: Sieht die Bannführung 116 die Errichtung von eigenen Heimen für die Hitler-Jugend in allen Städten und Landgemeinden unseres Kreises als dringlich und fachlich geboten an?
Antwort: Des öfteren ist der Bann 116 mit dem Appell vor die Oeffentlichkeit getreten, der HI. als nationalsozialistische Jugendbewegung für ihre gewaltige Erziehungsarbeit die genügende Anzahl von geeigneten Heimen zu schaffen. Der Notruf „Schafft Heime für die Hitler-Jugend!" fand feine immer steigernde Berechtigung dadurch, daß die Hitler-Jugend von Tag zu Tag einen Zustrom von Mitgliedern gewann, die heute in ihrer Gesamtheit eine Drganifatmn bilden, wie sie einzig in der Welt dasteht. Die äußerliche Entwickelung der HI. erreichte ihre Krönung durch die Tatsache, daß der Führer mit dem Gesetz vom 1. Dezember 1936 die Einrichtung traf, daß jeder Junge und jedes Mädel nach Erreichung eines bestimmten Alters in die Gemeinschaft der HI. ausgenommen wird. Dieser Schritt der nationalsozialistischen Staatsführung bedeutet eine Anerkennung für die geleistete Arbeit der HI., die sich nunmehr auf Grund ihres offiziellen Charakters erst recht verpflichtet fühlt, ihren Aufgaben durch äußeren Einsatz die beste Lösung zu aeben.
Dieser Entschluß fordert aber die notwendigen praktischen Voraussetzungen, die Überwiegend dann ihre Verwirklichung finden, wenn für alle Einheiten der Hitler-Jugend genügend Heime geschaffen werden. Die Heimbeschaf- fungsfragc für die HI. ist heute mehr denn je zu einem Problem geworden, an dessen Lösung das gesamte deutsche Volk selbstverständlich in dem gleichen Maße wie die Jugend selbst interessiert sein muß, denn ebenso wie der Staat von der Jugend fordert, daß sie im Sinne seiner Gesetzgebung auf- wachse und erzogen wird, so muß diese Jugend wiederum als notwendige Gegengabe erwarten, daß ihr die Möglichkeiten für die zu leistende Arbeit gegeben werden.
Neben der Jugenderziehung in Elternhaus und Schuko vollzieht sich die nationalsozialistische Erziehungsarbeit größtenteils innerhalb des HI.- Heimes. Wenn aber festgestellt werden soll, wieviel Räumlichkeiten die HI. besitzt, die wirklich als HJ.- Heim genannt zu werden verdienen, dann kommt man zu dem Ergebnis, daß die Anzahl vorhandener Heime im Vergleich zu dem tatsächlichen Bedarf einen so geringen Prozentsatz ausmacht, daß heute noch der weitaus größte Teil der HI.-Einheiten des Kreises Gießen gezwungen ist, Heim- und Dienstabende in Schulräumen, Wirtschaftsräumen, Baracken, Waschküchen (sogar in Gießen!), Fabrikgebäuden, Autogaragen usw. durchzuführen. Wenn man auch versuchte, derartige Räumlichkeiten zu renovieren oder mit möglichst viel Bildmaterial auszustatten und ihnen mit allen möglichen Mitteln eine gewisse Gemütlichkeit zu geben, so können sie trotzdem nie als Heime gelten, sondern lediglich als Unterkunfts-
Der alte Soldat.
Von Selma £agertöf
An einem schönen Herbstabend wanderte Back- Kajsa, die nicht mehr Kindermädchen auf Mar- backa war, sondern sich ihren Unterhalt mit Weben verdiente, durch den Wald.
Sie wollte in die kleine Kate hoch oben im Walde, wo sie geboren war, um einen Auftrag des Leutnants Lagerlöf auszurichten, und da sie immer noch sehr gut Freund mit der kleinen Selma Lagerlöf war, hatte sie diese auf den Spaziergang mitgenommen.
Die beiden hatten keine Eile. Sie schmausten Preißelbeeren, die am Wegrand standen, bewunderten die großen Fliegenschwärme und sammelten in ihren Schürzen schönes Moos, das sie mit nach Hause nehmen wollten, um es als prächtige Einlage zwischen den Fenstern und Vorfenstern des Kinderzimmers zu verwenden. Back-Kajsa freute sich, wieder einmal im Walde zu sein, wo sie jeden Rasenhügel und jeden Stein kannte.
Als sie endlich an der Dornhecke angekommen waren, die sich rund um die Lichtung zog, auf der die Kate stand, und sich eben anschickten, über das Gatter zu klettern, sagte Back-Kajsa:
„Selma, vergiß ja nicht, daß du nicht von Krieg sprechen darfst, wenn mein Vater in der Nähe iftr
Das kleine Mädchen war höchst verwundert, Black- Kajsas Vater war Soldat gewesen, das wußte sie wohl, und auch daß er in der Schlacht von Leipzig gegen Napoleon mitgekämpft hatte; daß man aber darüber nicht mit ihm sprechen dürfe, das konnte sie doch nicht verstehen.
„Warum soll ich denn nicht vom Krieg mit ihm sprechen?" fragte sie.
„Das darf man niemals mit denen tun, die einen richtigen Krieg mitgemacht haben", klärte Back- Kajsa sie auf.
Das kleine Mädchen war höchst verwundert, Backdachte an Fritjof und an Hjalmar und an Hektor und an alle möglichen alten Götter und Helden, von denen sie in ihren Geschichtsbüchern gelesen hatte und die ihr im Kopfe herumschwirrten.
Mittlerweile waren sie in dem Stübchen der Kate angelangt, und da saß Back-Kajsas Vater im Herdwinkel und wärmte sich den Rücken. Er war ein Mann aus der alten Zeit, das merkte man schon an seinen Hosen, die nur bis zum Knie reichten, und er trug auch keine Stiefel, sondern Schuhe. Er war ein großer, magerer Mann mit einem grobgeschnittenen, einfältigen Gesicht und hatte einen ungewöhnlich schmutzigen Schafspelz an; eigentlich sah er aber nicht anders aus als alle anderen alten Bauern.
So lange das kleine Mädchen in der Stube war, verwandte es keinen Blick von diesem Alten, der nicht duldete, daß man in seiner Gegenwart vom Kriege sprach. Für die Kleine selbst waren Kriegsgeschichten das schönste, was sie hören und lesen konnte. Und nun war ihr verboten, Back-Kajsas Vater danach zu fragen, was er alles erlebt hatte; das war doch zu schade.
Nein, das kleine Mädchen wagte weder zu fragen, noch zu antworten, während sie da in der Kate saß. Denn das mußte sie, wenn sie ihren Mund auftat, würde sie sich doch versprechen und etwas vom Kriege sagen und dann würde sie der alte Soldat vielleicht totschlagen.
Nachdem sie so den Alten eine Zeitlang angestarrt hatte, kam er ihr ganz gruselig vor. Es war doch so ganz unbegreiflich, daß man nicht vom Krieg mit ihm sprechen durfte. Dahinter mußte etwas ganz Unheimliches stecken. Jawohl, der Alte war ein gefährlicher Mensch, das fühlte sie ganz deutlich. Ach, wenn sie doch nur erst wieder draußen wäre! Sie war auf dem Sprung, zur Türe hinauszulaufen.
Es wurde immer schlimmer, und als Back-Kajsa endlich fertig war und die beiden sich verabschiedeten, da war das kleine Mädchen fast außer sich vor Furcht vor dem alten Manne.
Wenn er wie andere alten Soldaten gewesen wäre und den Krieg als das Herrlichste auf der Welt erklärt und so recht damit geprahlt hätte, wie viele Hunderte von Menschen er erschlagen und wie viele Dörfer und Städte er niedergebrannt hatte, ja dann hätte das kleine Mädchen nicht die allergeringste Angst vor ihm gehabt.
Kostbare Wörter
Von Hnlws K^eis.
Bisweilen befinden sich in den Familien, sorgfältig hinter Glas aufbewahrt, kostbare, wenn auch nicht ganz praktische Geräte und Gegenstände, Hochzeitsgeschenke von Freunden und Verwandten, die diese Dinge auch einmal als Hochzeitsgeschenke erhalten haben. Es prangen da silberne Geflügelscheren, die niemand braucht, weil das wenige Geflügel, das auf die Familie trifft, von sechs Leuten spielend ohne Schere bewältigt wird. Auch hohe Pokale und Humpen sind da, Schützen-, Kegel- oder Sportpreise, aus denen nie getrunken wird, marmorne Tintenzeuge, wie Renaissance-Schlösser anzuschauen, die kaum jemals im Leben Tinte geschluckt haben.
Diese Gegenstände werden durch Gebrauch nicht entweiht. Man freut sich ihrer Pracht und weiß allenfalls aus Büchern oder Gedichten, in denen es furchtbar nobel hergeht, daß aus solchen Poka
len getrunken, mit solchen Geflügelscheren gespeist wird.
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So gibt es in der deutschen Sprache Wörter, die auch nur durch eine1- gewisse Kostbarkeit vor der alltäglichen Benützung bewahrt sind, ja, die der Zeitgenosse, sofern er nicht dichtet oder Reden hält, mit einer gewissen Scheu vermeidet.
Da ist zum Beispiel das Wort „Haupt". Wir kennen es selbstverständlich von Schule und Lektüre her. Aber würde jemand so vermessen sein, sich anzumaßen, er trüge ein ...Haupt"? Für uns ©taubgeborene ist der „Kopf" gerade gut genug und die Fälle, daß von den Nächsten diesem unserem Körperteil sogar die Qualifikation „Kopf" abgesprochen wird, sind nicht selten. Soldaten bis zum Feldwebel aufroärts halten sozusagen nur in dienstfreien Stunden, ganz für sich — streng privat — einen Kopf. Unter ihresgleichen nur einen „Kohlrabi", allenfalls bei EiniäbrigenberechUgung einen Schädel. Es ist hier nicht Raum, auf die vielfältigen, färben- und formenreichen Umschreibungen des Dolksmundes und der Verbalinjurie für den Begriff ,,Kopf" einzugehen. Das Wort „Haupt" ist nicht darunter. Es ist zu neun Zehnteln dem Symbolismus, dem Veraleich vorbehalten, und nur bei ganz feierlichen Anlässen wird es aus dem Etui genommen.
Auch das „A ntlitz" ist kein Hausgebrauchswort. Es gibt Taufende von Familien, in denen dieses Wort wohl bekannt, aber noch nie in Rede und Gegenrede vernommen worden ist. Auch in der Hofbräuhaus-Schwemme. am Solvatorkeller oder am Viktualienmarkt dürfte es äußerst selten gehört mreben, etwa in der Wendung: „Was woll'n denn Sie mit dem Antlitz ..." ober „Der hat 'as aanze Antlitz voll Rausch .. " Auch hier ist dem Dichter beziehungsweise dem Verfasser von vornehmen Romanen. dem Autor von Sammelwerken oder ge- pfteaten Abhandlungen die Benützung reserviert.
Das Wort „vermählt" und „Vermählte" springt äußerst selten über die Spalten der Zei- timasanzeige ins bürgerliche Leben. Da hat jemand schlich* geheiratet oder ist verheiratet oder es bandelt sich um „Verheiratete". — „... die Vermählten winkten noch einen letzten Abschiedsgruk zu den hohen Fenstern des Schlosses hinauf, schon scharrte und schnob das feurige Vollblut vor dem Wagen ..." In diesem Zusammenhang natürlich läßt es sich nur „vermählt" fein.
Auch in sehr sinnigen naturbefeelten Poesien ist man der Wolke, dem Gras, den Winden oder Wellen, oder allen zusammen vermählt, sozusagen in einer Art dichterischen und darum straflosen Bigamie.
Die „G e m a h l i n" ist schon eher vom hohen Podest herabgestiegen. Der Gruß an die „Frau
Gemahlin" ist gang und gäbe und auch, daß jemand von seiner „Gemahlin" mit einem Schimmer ironischer Feierlichkeit spricht, ist häufig der Fall. Dagegen hört man Frauen seltener sprechen: „Mein Gemahl", denn einerseits ist ihnen das Wort für die Sache zu kostbar, anderseits haben sie doch zu viel Respekt vor ihrem Gemahl, um ihn ironisch ihren Gemahl zu nennen.
Das schöne, zärtliche Wort „schlummern" ist natürlich nur Elfen, Prinzessinnen, Geliebten und anderen ätherischen Lebewesen Vorbehalten, allenfalls noch Kindern bis zum schulpflichtigen Alter. Wir andern schlafen in allen Ab- und Tonarten und wenn der (die) Schlummernde von Harfengesang, Wunderlandschaft und Märchenglanz träumt — wir Schlafenden träumen nur von versäumten Bahnverbindungen ober nicht bezahlter Gasrechnung. Schlummern kann man stilvoll nur auf einer Blumenwiese, niemals auf einem Strohsack im Massenguartier, auf der Bank eines Wartesaales 3. Klasse ober an einem Büropult. Da reicht es höchstens zum Schlafen.
„Schreiten" ist siir Alltagsmenschen auch keine Tätigkeit. Der Feld-, Wald- und Wiesenmechch gebt. „Schreiten" ist etwas für Souveräne, für Präsidenten, für Auserwählte; für die Wochenschau im Tonfilm wird „geschritten". Auch im Bühnenstil, den unsere Väter noch kannten, mußte der Akteur schreiten, erst der Naturalismus hat ein bißchen Stolpern und Beineverwechseln erlaubt und das Gehen sozusagen bühnenfähig gemacht. Zum Ausgleich dafür „schreitet" der Schauspieler nicht selten in seiner privaten Fortbewegung. Auch Kammersänger mit einem Pelzmantel' schreiten. Daß in den Balladm der Schullesebücher viel von Schreiten und Streiten gesungen ist, missen wir. Diese Reime waren oft ruhende Pol in der Flucht der zu memorierenden Erscheinungen.
Dars noch das Wort „weis e" erwähnt werden, auch allen bekannt, aber doch sehr selten gebraucht, wenn man jemanden das Attribut zukommen lassen will. Gewiß: „weise" ist die Summe von: gescheit, klug, erfahren, abgeklärt, darüberstehend ... Und doch sagen wir lieber ein halbes Dutzend Wörter, als daß wir dieses Wort „weise" gebrauchten. Es ist, als ob wir uns genierten, daß im Bereich unseres Horizonts überhaupt so was Seltenes wie ein Weiser vorhanden ist. Ganz abgesehen davon, daß der weiseste Weise bei persönlicher Bekanntschaft ein bißchen Ansehen verliert und bei aller Hochachtung denkt man zuweilen, ob der Stein der Weisen, den er so funkelnd in Ring ober Busennadel trägt, am Ende nicht doch bloß aus Glas ist.
So legen wir denn immer wieder das hochkarätige Wort „weise" in die Schmuckschatulle der kostbaren Wörter zurück und sparen es uns für einen noch Weiseren.


