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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Rr.19 Zweites Blatt
Samstag, 27.zanuar 1957
„MenschenMrung und Menschendetreuung."
Gedanken zur Perjonalpolitik der NSDAP.
Bon dem Leiter des Gaupersonalamtes Hessen-Nassau, Walter Heyse, M.d.R.
N S G. In diesen Tagen sind es zehn Jahre her, seitdem Gauleiter Sprenger den Hoch- schvigruppensührer des NSDStB. in Frankfurt a. M. Walter Heyse in die Gauleitung berief. Heyse ist Träger des Goldenen Ehrenzeichens und außerdem Reichsredner der NSDAP.
Zu einer der wesentlichsten Aufgaben national- sozialistischer Aufbauarbeit gehört die Personalpolitik. Diese „Politik", Menschen zu erfassen, sie an die richtige Stelle zu setzen und dadurch jeder Arbeit die notwendige Untermauerung für die Zukunft zu geben, ist der tiefere Sinn einer solchen Funktion. Im Berufsleben, im staatlichen
NSG. (Schwarz.)
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Leben, im Wirtschaftsleben, überall finden wir Menschen und Einrichtungen, die sich mit dieser Tätigkeit befassen. Bei einer politischen Bewegung von dem Ausmaß und der verantwortungsvollen Bedeutung der NSDAP, ist diese Aufgabe eine eminent wichtige. Eine Partei, die einer ganzen Nation neuen Auftrieb gab, in einem Bolk oerlorengegangene Kräfte weckte, einen Staat errichtete, der die äußere Dokumentation einer neuen Weltanschauung sein soll, eine solche Partei mußte seit ihrem Bestehen auf die Frage des richtigen Einsatzes von Menschen, ihrer Verwendung, Beobachtung und Führung ihr Hauptaugenmerk richten. Neben ihrer Organisation und Propaganda hat die NSDAP, diese Funktion der Menschenführung und -betreuung von vornherein erkannt. Adolf Hitler hat mit der Sicherheit des genialen politischen Führers aus der kleinen Gefolgschaft der Kampfzeit die Führernaturen in seinen Reichs- und Gauleitern herausgeholt und sie an die Stellen gesetzt, an denen sie heute noch wirken. So war es wiederum eine Aufgabe der Gauleiter als Führer und Hoheitsträger in ihrem Bereich, die richtigen und geeigneten Parteigenossen an die ihnen zukommenden Posten zu stellen. In der Kampfzeit erwies sich die Richtigkeit dieser 'Personalpolitik an dem Haß und der
Verfolgung der Geaner einerseits und der Gesolg- schaftstreue der Anhänger andererseits.
Die Partei war bis zur Machtübernahme selbstverständlich und zwangsläufig eine Partei der Auslese, weil sich in einem Kampf gegen eine Welt von Feinden oer einzelne bewähren mußte, an der Stelle, wo er stand; die NSDAP, nach der Machtübernahme soll nach dem Wort des Führers vom Reichsparteitag 1935 ebenso bestrebt sein, die Auslese der besten Deutschen als Nationalsozialisten darzustellen. Daraus allein schon erhellt die Bedeutung jeder personalen Arbeit in der Partei!
Beschränkte sich in der Kampfzeit die Bedeutung der Personalpolitik nur auf die Mitgliedschaft, so wuchs die Bedeutung mit der Uebernahme des Staates und dem Aufbau des Dritten Reiches! Das Wort des Führers — das er ebenfalls in Nürnberg sprach —, daß d i e Partei dem Staate befehle, erweitert die Personalarbeit der Partei und damit des Gauleiters in unerhörtem Maße. Allein die Verantwortung nach der Machtübernahme sowie im Aufbau von heute, daß an maßgebliche und verantwortliche Stellen wirkliche Nationalsozialisten kommen, ist ein Ausschnitt aus dieser Arbeit! Innerhalb der Grenzen der Partei, aller ihrer Gliederungen, der angeschlossenen und betreuten Verbände ist der direkte Wirkungsbereich der Personalpolitik der NSDAP., darüber hinaus jedoch die Einflußnahme und Beobachtung .aller Vorgänge, die einen nationalsozialistischen Aufbau in Gegenwart und Zukunft garantieren sollen.
Konnte in den ersten Jahren, nach der Neugründung der NSDAP., der Gauleiter aus dem Kreise der kleinen Mitgliedschaft, von denen er fast jeden persönlich kannte — denn es war eine „Familie", diese alte Garde der Partei! — s i ch selb st nach eigenem Urteil die heraus holen, die er brauchte, so mußte mit dem Wachsen der Bewegung diese Funktion im Rahmen einer Dienststelle betreut und verwaltet werden, natürlich unter der besonderen Pflege und Verantwortlichkeit des Ho- heitsträyers! Ebenso war es mit allen anderen lebenswichtigen Funktionen der Bewegung, ob sie Propaganda, Organisation, Presse oder Schulung hießen. War es nicht in der Anfangszeit so, daß jeder aktive Parteigenosse mehrere Arbeiten verrichtete, SA.-Mann, Propagandist und Organisator in einer Person war, Redner und „Politischer Leiter" im heutigen Sinne zu gleicher Zeit war? Wie gern und oft spricht auch unser Gauleiter Sprenger von den Zeiten, in denen sich die „Gauleitung" und die Anfänge ihrer Aemter von heute in seiner Wohnung befanden, ein Füllfederhalter, eine kleine Schreibmaschine, ein Abziehapparat und einige Vordruckformulare so ungefähr die einzigen bürokratischen Instrumente seiner Arbeit im Rhein-Main-Gebiet! In diesen Zeiten war „Personalamt" und „Personalpolitik" weiter nichts als der richtige Blick, geeignete Mitarbeiter zu finden, überall Kämpfer und Aktivistennaturen herauszufinden, ihnen die eigene Anschauung, Erfahrung und Aktivität mitzuteilen. Menschenkenntnis und Lebenserfahrung brachten uns die Gegner und die Widerstände in einem Maße, das heute noch die instinktive Sicherheit des alten Nazis in allen seinen Handlungen und Beurteilungen ausmacht.
Menschenführung und Menschenbetreuung hat der Reichsorganisationsleiter Dr. Ley als die Kernpunkte der politischen Arbeit im allgemeinen und der personellen im besonderen immer wieder her- ausgestelt, und so ist es zu verstehen, wenn er die richtige Personalpolitik als die wichtigste Arbeit des Hoheitsträgers und das Personalamt der Partei als das „Herz der Bewegung" bezeichnete! Deshalb erfreut sich auch das Personalamt eines Gaues der besonderen Fürsorge des Gauleiters. Er als Hoheitsträger ist verantwortlich für die
personelle Politik der Partei, soweit chr Einfluß reicht, und es gibt keinen Vorgang auf diesem Gebiete, der ihn ntcht interessiet.
Der Personalamtsleiter ist somit der Sachbearbeiter und Treuhänder des Gauleiters dafür, daß aus der Fülle der anfallenden Arbeiten gerade diese Dinge mit besonderer Sorgfalt und Sachkenntnis an ihn herangetragen werden. Ebenso wie — positiv gesehen — die Bedeutung der Partei unwiderstehlich stark ausstrahlt, wenn — oben wie unten — der richtige Mann am richtigen Platz sitzt, die Führerfähigketten des einzelnen in der Gemeinschaft sich auswirken und er willige Nachfolger, auch bei den Nichtparteigenossen, ohne Zwang, findet, so kann falsche Personalpolitik die entsprechenden Folgen haben! Daß nationalsozialistische Personalpolitik in dieser Bedeutung eine Verwaltungsorganisation von besonderem Ausmaß und größter Verantwortlichkeit erfordert, liegt auf der Hand. Ich unterscheide deshalb die Personalpolitik von der Personaloerwaltun g. Letztere ist die notwendige Voraussetzung, auf der erst die Personalpolitik aufbaut!
Der Aufbau des Gaupersonalamtes Hessen-Nassau stellt sich in folgenden planmäßigen Dienststellen dar:
1. Hauptstelle: „Geschäftsführung."
2. Hauptstelle: „Bearbeitung politischer Fragen der Politischen Leiter und Führerinnen der Frauenschaft".
3. Hauptstelle: „Bearbeitung politischer Fragen der Walter, Warte und Obmänner der angeschlossenen Verbände".
4. Hauptstelle: „Führernachwuchs der Partei".
Zu diesen ebengenannten Hauptstellen des Gaupersonalamtes gehören noch einige vom Gauleiter für ihren besonderen Zweck eingerichtete Dienststellen:
a) Die „Hauptstelle für Behördenfra- g e n", die als Verbindungsstelle zum Gauamt für Beamte in Sonderheit die politischen Begutachtungen für Beamte im Sinne der Anordnung des Stellvertreters des Führers bearbeitet, eine Arbeit von ganz besonderer Bedeutung und Verantwortlichkeit!
b) die „Stelle für Behördenfragen im
Gebiet Hesse n", deren Leiter gleichzeitig Personalchef der Hessischen Landesregierung ist.
c) Die „S o n d e r k a r t e i" in der Hauptstelle „Führernachwuch s".
Hier werden alle Parteigenossen gesammelt, die dem Gauleiter zu gegebener Veranlassung vorgeschlagen werden können für Stellen in Partei, Staat und Wirtschaft. Die Sichtung dieser Kräfte geschieht unter Mitwirkung sämtlicher Amtsleiter und Hoheitsträger in Verbindung auch mit den Personalstellen der Gliederungen. Alle notwendigen Nachprüfungen, die Einreichung der Unterlagen, persönliche Vorstellungen, Begutachtungen, Heran- Ziehung zur zeitweisen Dienstleistung in der Gauleitung oder in einer Kreisleitung, Vorschläge zur zeitweisen Dienstleistung in der Reichsleitung u. a. m. gehören hierher. Hier soll nach dem Willen des Gauleiters das stete Reservoir der fähigsten und erprobtesten Kräfte fein und immer wieder aufgefüllt werden! Gerade diese Arbeit in Verbindung
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mit der Sichtung des Führernachwuchses für die Partei ist zukunftswichtig in ganz besonderem Maße! Es werden auch keine Mittel und Mühen gescheut, um die Sichtung dieser Kräfte zu betreiben (Parteischulen, Schulungsburgen und die Ordensburgen). Hier wird insbesondere die Musterung und Ueberwachung der Führeranwärter für die Ordensburgen ebenso wie die Bearbeitung ihrer persönlichen Angelegenheiten in enger Verbindung mit dem Amt Führernachwuchs der Reichsorganisationsleitung durchgeführt. Eine besondere Fühlung mit dem Gauschulungsamt, das die besten Schüler aus den Lehrgängen zuweist, ist dadurch bedingt und selbstverständlich.
d) Einem Hauptstellenleiter unterstehen weiterhin die „B e t r e u um g s st e l l e n für d ie alten Kämpfer mit der Mitgliedsnummer * 100 bis 300 000". Ebenso ist die Dienststelle des Gausach-
Mussolini aus Skiern.
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In der Nähe von Rom, auf dem Terminillo, erholte sich Mussolini beim Skilauf mit seinem Sohn Romano. — (Associated-Preß-M.)
Gießener Gtadttheater.
Georg Turner: „Wasser für Canitoga."
Dieses Stück von Georg Turner — der Name ist unseres Wissens ein Pseudonym — beweist, was seine bisherigen Erfolge durchaus erklärt, einen gefunden Instinkt für theatralische Wirkungen und Möglichkeiten. Zwar handelt es sich zunächst um ein technisches Problem, das an sich auf dem Theater nicht besonders interessieren würde, aber hinter dem technischen Problem verbergen sich menschliche Zusammenhänge, die Zug um Zug ans Licht kommen, und menschliche Spannungen, die sich bis zur letzten Folgerung verdichten.
*
Es handelt sich um bin Bau einer Wasserleitung für die kanadische Stadt Canitoga, die aus Mangel an brauchbarem Trinkwasser vom Typhus bedroht ist. Das Werk im winterlichen Gebirge ist bis auf den letzten gefährlichsten Abschnitt gelungen; kurz vor der Vollendung macht ein Brückenbau erhebliche Schwierigkeiten, und wenn die Schneeschmelze kommt, ehe die Brücke steht, ist es zu spät: dann reißt das Hochwasser alles zusammen. Außerdem wird die Arbeit offenkundig sabotiert. Bis jetzt tranken sie in Canitoga aus Ängst vor dem Typhus lieber Bier statt Wasser; je näher die Wasserleitung an die Stadt heranrückt, um so mehr fallen die Bier-Aktien: man merkt, wer an der Sabotage ' interessiert ist.
Der leitende Ingenieur hat seinen besten Mitarbeiter in einem alten Kriegskameraden gesunden, der ihm im Kriege an der Somme das Leben gerettet hat. Dieser ehemalige Hauptmann, Oliver, ist ein begabter Ingenieur, der die entscheidende Lösung des Problems findet, aber ein menschliches Wrack, eine jener Naturen, die sich nach Friedensschluß nicht mehr zurechtfanden, heruntergekommen, verwahrlost, zynisch und verbittert, nur noch durch Alkohol aufrechtgeyalten; übrigens nicht ohne Erfahrung in so schwierigen Situationen wie hier beim Brückenbau für Canitoga: er hat schon einen ähnlichen Sabotageakt erlebt und einen der Saboteure kurzerhand über den Haufen geschossen
Dessen Witwe nun — wie der Zufall so spielt — wird von der gleichen Gesellschaft hier als Kantinenwirtin beschäftigt, und sie macht sich an den Konstrukteur heran ohne zu ahnen, wer sich unter des
sen falschem Namen verbirgt. Ihm liegt nichts an ihr, die ihn liebt, er nützt aber die Chance aus, um den treibenden Kräften der Sabotage auf die Spur zu kommen, ist auch auf der richtigen Fährte. Er liebt seinerseits die Sekretärin, die mit dem Chefingenieur schon verlobt ist, aber nicht mitansehen kann, wie Oliver sich zugrunde richtet. Die Kantinenwirtin, enttäuscht und eifersüchtig, hetzt, als sie gewahr wird, wer Oliver wirklich ist, und wie es um ihn bestellt ist, die Belegschaft gegen ihn und telephoniert nach der Polizei.
Als die Brücke glücklich steht und der Sieg über das technische Problem und über den Typhus entschieden scheint, so daß man mit einem Bankett, zu dem Regierung und Presse geladen sind, das vollendete Werk feiern kann, kommt im letzten Augenblick die Alarmnachricht von einem neuen Sabotageakt. Diesmal steht alles auf dem Spiel; nur entschlossener, persönlicher Einsatz an der bedrohten Stelle unter schwerer Lebensgefahr kann noch helfen. Die Belegschaft weigert sich, der Chefingenieur will gehen, da schlägt ihn Oliver kurzerhand nieder und geht selbst. *
Es gelingt ihm auch, er rettet das Werk; aber diese Tat mar zuviel für sein ohnehin geschwächtes Herz. Oliver kann noch beim Bankett verspätete und verdiente Ehrungen entgegennehmen, aber man sieht schon, daß es mit ihm zu Ende geht. Und kaum sind die Ehrengäste aufgebrochen, da erscheint die von der Kantinenwirtin alarmierte Polizei. Alles schweigt und sucht Oliver zu decken, und selbst die enttäuschte Wirtin kann im entscheidenden Augenblick Oliver, den sie ja dennoch hebt, nicht preisgeb en: sie weist die Polizei zu dem inzwischen verhafteten Bauführer, der wegen seiner nahen Beziehungen zum Braugewerbe den Anschlag gegen die Brücke und den verhaßten Oliver versucht hat. Oliver aber, der das Werk, das vieles wiedergutmacht und seinem entgleisten Leben noch einmal einen Sinn gab, nun ungefährdet und vollendet sieht, sinkt nach einem ausflackernden, fiebrigen Delirium dem alten Frontkameraden entseelt in die Arme.
Man sieht: ein Stück, das von Handlung, Konflikten und Spannungen strotzt, ein richtiges Theaterstück (dessen Schlagkraft durch Kürzung des letzten Aktes noch gewinnen würde) — ohne Zweifel mit Instinkt für unmittelbar-handfeste Wirkungen angelegt und aufgebaut. Es wird interessant sein,
zu beobachten, mit welchen Mitteln, auf welchen Wegen und zu welchen Zielen sich diese Begabung Turners in Zukunft entwickelt.
Herr Neuhaus, der das Stück in Szene fetzte, sah sich vor eine dankbare Aufgabe gestellt und hat die ihm reichlich gebotenen theatralischen Möglichkeiten vollauf ausgenutzt. Der Bau dieser Wasserleitung interessierte die Leute offensichtlich, wenn auch wohl weniger um des technischen Problems und um des idealen Zieles willen, das hier verfolgt wurde, als um der unmittelbaren Aktion willen, des Spieles von Kräften und Gegenkräften, das sich da vor aller Augen entspann. Herrn L ö f f- l e r s Raumbilder zeugten von feiner Einfühlung in die uns ferne oder nur literarisch gelegentlich etwas vertraut gewordene Welt, vielmehr Weltabgeschiedenheit im winterlichen kanadischen Gebirge.
*
Herr von Gschmeidler gab als Oliver eine fesselnde Leistung: so wird sich Turner seinen Helden vorgestellt haben, als ein entwurzeltes, entgleistes Genie, mit guten Anlagen, aber verkommen und verbittert, alkoholisiert, zynisch und selbstironisch, doch bis zuletzt einem echten Gefühl zugänglich und im entscheidenden Augenblick noch Manns genug, sich auf ein fernes Soldatentum zu besinnen, in die Bresche zu springen, ein Opfer zu bringen, eine gute Tat zu tun.
Neben ihm Herr Kühne als Chefingenieur, ruhiger und weicher, gepflegter und besonnener, stets die ideale Aufgabe vor Augen, innerlich sauber und voll Vertrauen zu denen, die neben ihm und mit ihm arbeiten. Fräulein Birkmann als die Sekretärin Winnifred, eine gute, verläßliche Kameradin, sympathisch, anständig, voller Verständnis für die gemeinsame Arbeit und auch für Oliver, dessen Schicksal sie ahnt, und an dessen menschlichen Wert sie unerschütterlich glaubt
Frau Stirl gab die zweifelhafte, schillernde Existenz der Kantinenwirtin Dorothy nicht ohne leien Humor, auch nicht ohne. Einfühlung in die um- pringende, unberechenbare Psychologie dieser Ge- talt, die manchmal geradezu aus einer amerikani- chen story genommen zu sein schien. Vom übrigen Ensemble seien noch die Herren Schorn und Geißler mit gut und lebendig charakterisierten Gestalten genannt.
Der klare Erfolg bekundete sich in lebhaftem Beifall. Hans Thyriot.
Enträtselung
einer altmexikanischen Bilderschrift.
Eine überaus seltsame Bilderhandschrift wurde im Jahre 1519 von den Abgesandten des rnexika» nischen Kaisers Montezuma II. dem Sieger der Schlacht von Tabasco, Ferdinand Cortez, als Gastgeschenk überreicht, und dieser gab sie in Spanien dem Kaiser Karl V. Später wurde sie nach Wien gebracht, wo sie in der Nationalbibliothek als eine wertvolle Seltenheit aufbewahrt wurde, die aber bisher nicht enträtselt werden konnte. Jetzt ist es nun, wie die Leipziger „Jllustrirte Zeitung" be- richtet, Prof. Röck, dem Direktor des Museums für Völkerkunde in Wien, nach jahrelanger wissenschaftlicher Arbeit gelungen, das Manuskript zu entziffern. Es handelt sich bei dieser Handschrift um einen astronomischen Text. Ein schreitendes, schräg und bunt gestreiftes Rechteck bedeutet zum Beispiel Licht; dabei entsprechen die verwendeten Farben den sinnbildlichen Farben der Himmelsrichtungen. Eine Schwierigkeit bestand darin, daß die einzelnen bildlichen Darstellungen zunächst in Worte umgedeutet werden mußten, zugleich aber Zahlenver- hältnissen in chiffrierter Form entsprechen. Dabei enthalten diese Zahlenverhältnisse die merkwürdigen Kalenderberechnungen der alten Mexikaner. Es war auch herauszufinden, in welcher Richtung die Bilderbogen zu lesen sind. Alle diese Probleme waren nach sieben Jahren geklärt, und es zeigte sich, daß ein altes wissenschaftliches Bilderbuch v'orlag, das wahrscheinlich für Priester bestimmt war.
Die Verfasser des Manuskripts waren, wie aus dem Inhalt hervorgeht, Anhänger des Gottes Ouetzalcoutl und hatten einen Erlösungsglauben, der dem des Christentums verwandt war. Menschenopfer kannten sie nicht. Der mexikanische Kalender selbst beruhte auf sehr genauen, astronomischen Berechnungen. Aus der Handschrift geht hervor, daß die alten Mexikaner neben dem Mondjahr ein zweites Jahr kannten, das sich nach der Wiederkehr der Venus-Konstellationen richtete. Sie konnten auch Sonnen- und Mondfinsternisse berechnen und reihten Schalttage in den Kalender ein. Dagegen findet sich in der ganzen Handschrift kein Hinweis auf Astrologie. Aus dem Text der Handschrift gebt hervor, daß die astronomischen Kenntnisse minve- ftens 1200 Jahre alt sein müssen; sie läßt also die hohe Kultur der alten Mexikaner in neuem Lichte erscheinen.


