Ausgabe 
20.3.1937
 
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m.67 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Samstag. 2'.März 1957

VM.-L1liteW» Gießens

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Der VDM.-Untergau Gießen zeigt in diesen Tagen vom gestrigen Freitag bis einschließlich Montag in drei Nebenräumen des Hauses des Gesellschaftsvereins in der Sonnenstraße eine große und schöne Ausstellung, mit der Rechenschaft ge­geben wird über die Arbeit vieler Stunden, die in Bastel- und Heimabenden geleistet wurde.

Die Schau wurde gestern um die Mittagsstunde in feierlicher Weise eröffnet. Jungmädel und BDM. hatten sich eingefunden und viele Gäste bewiesen ihr Interesse an der Arbeit, die von den Mädchen geleistet wird. Für den Kreisleiter erschien Pg. Heß, für die NS.-Frauenschaft die Kreisfrauen­schaftsleiterin Frau W r e d e , für die SS. nahm Standartenführer Müller teil, für die Hitler- Jugend Bannführer Heim und Jungbannführer T a e s l e r mit etlichen Kameraden, und für die Behörden waren sowohl Kreisdrrektor Dr. Lotz, wie auch Oberregierungsrat Dr. S ch ö n h a l s er­schienen. Auch der Abteilungsführer des hiesigen Reichsarbeitsdienstes, Oberfeldmeister Lösch, nahm teil.

Die Feier der Eröffnung der Ausstellung brachte zunächst einige Lieder, die von einer Jungmädel­schar schön und sehr sicher gesungen wurden, fer­ner den Vortrag einiger geflügelter zukunftweisen­der Worte, die dem Charakter der Feier und der Ausstellung gut angepaßt waren. Dann hielt die

Untergauführerin Käthe Pfeffer

eine Ansprache, der sie ein Wort des Führers vor- Qusstellte, in dem er sagte, daß ein christliches Zeit­alter eine christliche Kultur hervorbringen mußte, daß aber ein nationalsozialistisches Zeitalter eine nationalsozialistische Kultur heroorbringen werde. Dem deutschen Mädchen und der Frau seien für die Schaffung dieser nationalsozialistischen Kultur jene Aufgaben zugewiesen, die ihrem Leistungsver­mögen entsprechen. Auch die kleinen Dinge müßten getan werden. Das Mädchen von heute, das die Frau von morgen sein werde, müsse sich seiner Art und seines Blutes bewußt sein und alles

Handeln und Schaffen danach einrichten. Man habe im BDM nicht sofort mit der Werkarbeit be­ginnen können, da erst die äußere Form gewonnen werden mußte. Die Mädchen mußten erst ganz er­fassen, daß ihre Arbeit für unser ganzes Volk zu sein habe. Im Anschluß daran sprach der

Vertreter des Kreisleiters, pg. Hetz,

der gebeten worden war, im Auftrag des Kreis­leiters die Ausstellung zu eröffnen Er sprach ein­gangs davon, daß ein Volk nicht für kurze Zeit lebe, sondern daß es ewig sein solle. Der Einzelne habe sich nur als ein Glied in einer Kette zu be­trachten. Der Sinn des Lebens sei nicht das ,roir selbst". Wir alle müßten Diener am Volksganzen sein. Im Geiste dieser Auffassung stehe auch jede Bemühung um die Erziehung der Jugend. Das neue Deutschland könne nicht von einer Generation vollendet werden. Die Jugend dürfe nicht in ver­alteten Begriffen leben, sie müsse sich dessen bewußt sein: wir sind die Kommenden! Die Jugend dürfe sich deshalb nicht im Spielerischen und imNur- jung-sein" erschöpfen, sondern müsse sich bereit­finden, Pflichten zu übernehmen. Diesen Pflichten diene auch diese Werkausstellung. Weltanschauung müsse innerer Gehalt sein und im Schöpferischen Ausdruck finden. Damit eröffnete der Redner die Werkschau des BDM.-Untergaues. Mit dem drei­fachen Sieg-Heil auf den Führer und dem gemein­sam gesungenen Liede der Jugend fand die Feier der Eröffnung ihren Abschluß.

2Runögang durch die Werkschau.

Die Gäste, die der Eröffnungsfeier beiwohnten, wandten nunmehr alle Aufmerksamkeit der Schau selbst zu, die wohl auf jedermann einen sehr guten Eindruck machte und noch auf viele Besucher ihre Wirkung nicht verfehlen wird. Waren doch aus allen Gruppen des Untergaues, aus städtischen, wie auch aus ländlichen Mädelschaften und Gruppen die besten Arbeiten zusammengetragen worden, um

einem breiteren Kreis von Volksgenossen vor n geführt zu werden.

gab eine Fülle der schönsten Dinge zu sehen, die sowohl dem täglichen Gebrauch, wie auch dem Schmuck des Heimes dienten. Zunächst dürfte den Besuchern eine Schau von Handarbeiten auf­fallen, die mit aroßer handwerklicher Fertigkeit und viel Liebe geschaffen worden waren. Ganze Klei­der in allen Formen und für jeglichen Zweck be­wiesen ein ernstes Bemühen um wertvolle eigene Arbeit. Sehr interessant erscheint im Zusammenhang damit eine Reihe von großen Zeichnungen, die die Kleidung der Frau durch alle Zeiten hindurch in sehr charakteristischen Bildern veranschaulicht. Sehr gut gefällt dann wohl eine mit einfachen Mitteln geschmackvoll ausgestaltete H e i m e ck e. Angenehm berührt es ferner, daß man einer Reihe von hand­gewebten Arbeiten begegnet, die auf dem Handwebstuhl aus Stoff-, Strumpf- und Woll­resten hergestellt worden sind. Auch einige hand­gewebte Kleidchen und Blusen sind zu sehen. Die ausgezeichneten Ba st arbeiten verdienen eben­falls alle Aufmerksamkeit. Die Mädchen sind mit viel Geschick für farbige Gestaltung zu Werke ge gangen. Mancher Leuchter und manche Lampe ent­stand unter fleißigen Händen. Bettvorleger, Bast­schuhe, Schreibmappen, Buchhüllen, Schreibzeuge, Handtaschen, Serviettenständern und vieles andere mehr, zeigt die Schau in reicher Abwechselung.

Selbstverständlich war auch auf das Kinder­spielzeug viel Liebe verwandt worden, und man findet ganze Puppenstuben, Schulzimmer, Puppenwagen usw. vor, die in einer fleißigen Kleinarbeit entstanden sind. Auch für den Jungen wurde manche Burg gebaut, gesägt, geklebt und bemalt.

Eine besondere Abteilung war der Erinne­rung an gemeinschaftliche Fahrten und Ausflüge gewidmet. Schöne photographische Vergrößerungen bilden eine stetige Erinnerung an Tage im Grenzland, und schließlich ist in der Schau auch ein Modell zu sehen, das in plastischer Form ostpreußische Landschaft zeigt und gleichzeitig auch den Reiseweg, den Gießener Mädchen vom BDM. durch die deutsche Ostmark hinter sich gebracht haben. Ferner ist eine Auswahl guter Jugend-

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Links: Eine gemütlich und geschmackvoll ausgestattete Heimecke. Rechts: In den Bastelstunden entstanden viele schöne Gebrauchsgegenstände. (Aufnahmen [2]: Neuner, Gießener Anzeiger.)

s ch r i f t e n zu sehen, die zum Teil aus der Büche­rei des Untergaues, von einzelnen Kameradinnen und zum Teil auch vom ortsansässigen Buchhandel beigesteuert wurden.

Die Ausstellung in ihrer Gesamtheit läßt eine zielbewußte Arbeit erkennen, die darauf ausgerich­tet ist, den Mädchen im BDM. und den Jung- möbeln immer neue Anlegungen für eigenes Schaffen zu geben und sie zu einer Handarbeit an­zuhalten, die für jetzt und spätere Zeit unmittel­baren praktischen Wert hat. Gleichzeitig läßt die Ausstellung erkennen, daß hier eine Geschmacks­schulung erstrebt wird, deren Auswirkungen im besten Sinne nicht ausbleiben können.

Aus der provinzialhauptftadt.

Palmsonntag.

Von Hans Harimann.

Ein Dreiklang von eigener Art, unwiderholbar und einmalig, durchklingt uns am 21. März. Palm­sonntag, Frühlingsanfang und das Gedenken an die geschichtliche Stunde in der Potsdamer Garnison­kirche vor vier Jahren.

Religion, Natur und Geschichte verbinden sich an diesem Tage. In den protestantischen Teilen un­seres Vaterlandes ist der Palmsonntag wichtig durch die Konfirmation; Kinder erleben einen Le­bensabschnitt, sie geloben in feierlicher Stunde Treue und Glauben und treten ein in die Uebergangs- jahre, die für sie Ausbildung und Reife bedeuten. Wie oft der Sinn unserer Gebräuche und Hand­lungen im Gegensatz liegt, so auch hier: an jenem erstenPalmsonntag", als das verräterische Volk dem einziehenden Christus Palmen streute und Ho­sianna zurief, stand ein Einsamer vor den Tagen des Grauens und des Todes. Sein tiefstes Leid war der Verrat des Volkes, für das er fein Bestes ge­geben. Wetterwendisch können Menschen und Völ­ker sein, und jener Verrat hat sich in anderen For­men zu allen Zeiten wiederholt. Darum hat man, als Gegensatz, diesen Tag zum Gelöbnis von Treue und Glauben bestimmt. In den jungen Menschen­herzen soll das Gefühl wach werden: wie das treu­lose Volk von Jerusalem darfst du dein Leben nicht gestalten! Du sollst Treue und echte Nachfolge auf deine Fahne schreiben.

Dieser Klang des Glaubens wird heute begleitet von der zweiten Melodie, in der die Natur sich uns in ihrer ewigen und unwandelbaren Treue er­schließt. Frühlingsanfang! Ist nicht das Wunder dieser Treue, die die Natur uns hält, ebenso tief wie das Wunder der menschlichen Anhänglichkeit an einen Führer? Wir sehen schon die ersten An­zeichen, daß der Frühling kommt und das Blühen und Sprießen beginnt. Wir wissen, daß unser Da­sein mit dem Wechsel der Jahreszeiten unmittelbar verknüpft ist; Zerstörung, Tod, Vernichtung wären keine Worte für das, was eintreten würde, wenn uns die Natur die Treue nicht hielte. So wird die­ser Tag zu einem Sinnbild der Treue, zu Mahnung, Vorbild und Dank zugleich.

Noch in einem dritten Sinne steht dieser Tag vor

Das Mädchen mit dem Gilberhaar.

Roman von Anny von panhnys.

33 Fortsetzung (Nachdruck verboten.)

Ja, Berthe!, nur der Gedanke an den alten Mann bewegt mich. Grevenstein ist mir nichts mehr, Ich empfinde es nur noch als Schande, daß er mich einmal geküßt. Wir wollen aber lieber nicht mehr von dem reden, was wie eine schöne Erinnerung und wie eine Traumsehnsucht gewesen und nun häßlich und entstellt ist."

Sie nahm seinen Kopf in beide Hände.

Vielleicht ist es jetzt nicht die richtige Stunde dafür, aber du wartest ja schon lange darauf, des­halb will ich es dir sagen: Ich liebe dich, Berthe!, ich liebe dich von ganzem Herzen. Ich weiß jetzt auch, daß das andere gar keine Liebe war, denn Liebe kann nicht eines so jämmerlichen Todes ster­ben, wie das, was ich dafür gehalten. Ich üebe dich, Berthe!, und wir beide wollen ebenso das Kindchen lieben, das wir haben werden, und bei ihm schwöre ich dir: Das Vergangene ist tot, und solange ich lebe, werde ich nur dich allein lieben!"

Tief und voll wie der Ton einer Glocke hatte die junge Stimme geklungen, und wie Glockenton schwang sie sich in das Herz des glücklichen Man­nes. Sein Gesicht war hell, als läge Sonnenglanz darüber; er zog Franziska fest in seine Arme und flüsterte:Dem Himmel sei Dank, daß du das Wort gesprochen, das mich endlich erlöst, und daß du mir noch dazu eine so wundervolle Botschaft gabst!" Er küßte sie leidenschaftlich.Liebste, Einzige, jetzt beginnt unser Leben von neuem, und herrlich soll es werden!" Er lachte.Ich habe auf dein Liebes­geständnis gewartet wie ein Verdurstender auf einen Schluck Wasser, und ich wollte laut aufjauch­zen vor Freude, wenn du es mir sagen würdest; aber nun kann ich nicht jauchzen, Fränze, kann es nicht, obwohl ich so übermenschlich glücklich bin. Mir ist's eher, als müßte ich meinen, Fränze, wei­nen vor Glück."

Sie lächelte unter Tränen zu ihm auf.

Berthe!, lieber, liebster Mann du!"

Er nahm sie auf feine Arme, sanft und behutsam wie eine kostbare Last, und bettete sie auf die Chaiselongue.

Ruhe jetzt aus, mein Lieb, damit dir die Auf­regungen, die du durchgemachst hast, nicht schaden." Er küßte sie auf die Stirn.Ich liebe dich, Fran­ziska, und weiß vor Glück nicht ein noch aus, so un­sagbar freue ich mich auf unser Kindchen."

Sie ergriff seine Hand.

Auch ich bin glückselig, Berthe!. Und das Mit­leid mit dem alten Mann werde ich überwinden. Er hat ja auch kein Mitleid mit meiner armen Mut­ter gehabt. Weder mit ihr, noch mit meinem Va­ter."

Es standen schon wieder Tränen in ihren Augen.

Er hätte viel darum gegeben, wenn er ihr all den Schmerz jetzt hätte ersparen können, und ver­wünschte die Reise nach Paris. Er küßte sie innig, gab ihr die zärtlichsten Kosenamen und erklärte: Nur morgen werden wir noch bleiben, weil wir doch noch manches mit Decourt besprechen müssen, der von nun an unser Generalvertreter hier ist."

Sie lächelte ihn unter Tränen an.Uebermorgen früh aber fahren wir heim."

Auch er lächelte und fügte ihren Worten hinzu: Und bringen Mutter die wundervolle Neuigkeit mit, daß sie nun Großmutter wird."

25.

Günther Grevenstein betrat die Straße, und da er nicht im eigenen Wagen hergekommen war, hielt er die erste freie Autotaxe an, die er sah, nannte als Ziel der Fahrt die Rue de Grenelle. Er war sich noch nicht darüber klar, was er nun beginnen sollte, außer dem einen, möglichst schnell nach Hause zu kommen und das, was er noch an Juwelen be­saß, in Sicherheit zu bringen. Im Auto überlegte er, ob man den Grafen wohl von allem unterrich­ten würde. Dann standen seine Aussichten natürlich sehr schlecht; doch das Verhalten der blonden Frau ließ mit Wahrscheinlichkeit darauf schließen, daß sie zu schweigen gedachte. Ob ihr Mann, der doch heute in die Affäre mit hineingespielt, ebenfalls schwieg, war fraglicher. Es handelte sich um große Werte, und er würde vielleicht schon deshalb rück­sichtslos fein.

Vor zwei Uhr konnte der Graf kaum aus feinem Büro zurückkehren, und bis dahin mußte er sich entschieden haben, was er selbst zu tun ge­dachte.

Wenn er sicher wäre, daß von feiten des Mannes keine Gefahr lauerte, wenn er sicher wäre, daß er dem Grafen gegenüber schwieg, wäre alles gut. Aber er konnte nicht damit rechnen

Viele phantastische Pläne durchkreuzten seinen Kopf. Was tun, um alles geschickt zu machen?

Das Palais Rethel war erreicht. Er zahlte und eilte ins Haus. In seinem Zimmer lief er dann umher, immer neue Pläne schmiedend und sich da­zwischen wieder selbst beruhigend: Es war ja alles Unsinn, die Frau würde schon dafür sorgen, daß die Sache, die eigentlich nur sie anging, keine wei­teren Kreise zog. Daß ihr sehr daran lag, hatte sie ja bewiesen.

Für alle Fälle begann er den kleinen Handkoffer, in dessen Geheimfach das Diadem ruhte, zu packen, ebenso einen zweiten, nicht zu großen Koffer mit den wichtigsten Kleidungsstücken. Er stellte alles zurecht und dachte, daß in einer Stunde noch Zeit sei, das Haus zu verlassen, wenn er sich dazu ent­schließen würde.

Klüger wäre es allerdings, ruhig die Rückkehr des Grafen abzuwarten, es darauf ankommen zu lassen, ob er etwas wußte.

Grevenstein drückte die Handflächen fest gegen die Schläfen, in denen es ungestüm hämmerte. Er dachte an Mabel und überlegte, wie er sie wenig­stens halten könnte.

Er lachte plötzlich. Ein Dummkopf war er! Wer konnte ihm denn überhaupt beweisen, daß er das

Diadem besaß? Niemand! Kein Mensch hatte es bei ihm gesehen. Er hatte sich in Bockshorn jagen lassen. Warum sollte er nicht Steine sein eigen nennen, die den Steinen des Diadems ähnelten? Er konnte sie ja früher auf feinen Konzertreisen gekauft haben.

Es hieß jetzt dreist fein und abwarten, ob man von der feindlichen Seite einen Stoß gegen ihn führen würde.

Er zündete sich eine Zigarette an, nahm auf einem Sessel Platz und spann sich in seine Ge­danken ein, die sich immer günstiger gestalteten. Er kam zu dem Schluß, daß er von Dem Ehepaar Radix nichts zu befürchten hatte; sie wollten kein Aufsehen und keinen Skandal. Die blonde Frau, die sich, wenn auch vor ihrer Ehe, von ihm, dem völlig Fremden, hatte küssen lassen, suchte bestimmt zu verhüten, daß man ihm Unbequemlichkeiten be­reitete. Der Gras würde nichts von dem heutigen Vormittag erfahren.

Er schrak zusammen, als es jetzt an seine Tür klopfte. Wahrscheinlich war es der Diener, dachte er, und rief herein.

Etwas erstaunt sah er sich gleich darauf dem Grafen gegenüber und fragte unsicher:Du kommst ja heute ungewöhnlich früh aus dem Büro, Papa?"

Er hatte sich erhoben und schielte nach seinen Koffern hinüber, die drüben im offenen Schlaf­zimmer standen.

Der Graf nahm Haltung an.

Ich glaube, es ist für das, was wir uns beide zu sagen haben, vorteilhafter, wenn wir die vertrau­liche Anrede streichen. Ich möchte für Sie nur noch Graf de Rethel sein, und ich werde Sie Herr Grevenstein nennen, wie früher."

Günther Grevenstein fröstelte. Da lag seine Hoff­nung also schon am Boden, der Graf wußte Be­scheid! Aber was wußte er?

Günther Grevenstein wiederholte sich, daß nie­mand behaupten konnte, er besäße das Diadem. Niemand hatte Beweise dafür.

Er richtete sich auf.

Ich verstehe nicht"

Der Graf zog mißbilligend die Brauen hoch.

Lassen Sie doch das Ausweichen! Sie wissen ganz genau, auf welche Weise Sie das Juwelier­geschäft von Mortier gerade noch unverhaftet ver­lassen konnten. Sie wissen auch, daß Ihnen nur die Lüge einer Dame dazu verhalf. Die Dame ver­hinderte alle Konsequenzen einer Verhaftung, ob­wohl Sie es um die Dame wirklich nicht verdient haben. Sie betörten das arglose Geschöpf und reiften dann mit einem kostbaren Diadem ab. Mit den Juwelen des Diadems bezahlten Sie natürlich die Miete des Palais Rethel und manchen anderen Luxus, den ich törichter Mann für durchaus nötig hielt. Sie ließen Juwelen aus dem Diadem irgend­wo fassen, um sie dann in der neuen Form wieder an anderer Stelle zu verkaufen. Der Juwelier kam durch seine Verbindung mit einem hiesigen Kollegen und einem Londoner Juwelier auf Ihre Schliche. Er kannte die Steine noch von früherher, als sich das Diadem in Rethelschem Besitz befunden. Sie sahen es ja auf den Bildern der Gräfinnen Rechel.

Mortier kannte den eigentümlichen alten und selte­nen Schliff dieser Brillanten und Saphire genau und machte mich auf den Kunden aufmerksam, der ihm gerade diese Steine brachte. Ich, verstehen Sie, Herr Grevenstein, ich selbst befand mich auch im Büro des Juweliers, als Sie vorhin die gefaßten Steine abholten. Außer mir war noch Frau Radix und ihr Mann dort, der durchaus nicht gesonnen schien. Sie laufen zu lassen."

Und damit Sie noch besser Bescheid wissen: Mein Sohn hatte sich mit einem Fräulein Karsten, einer Deutschen, verheiratet, und sie, die letzte Gräfin Rethel, erhielt von meinem Sohn das Dia- dem; so kam es in den Besitz ihrer Tochter."

Günther Grevenstein, der bisher wie betäubt von alledem, das wie Hagelschlag auf ihn niedergepras­selt war, dagestanden hatte, sagte jetzt voll Hohn: Sonderbar, daß die Tochter der letzten Gräfin Rethel nur Karsten heißt!"

Das beruht auf einem verhängnisvollen Irrtum, der aber, wenn auch spät, berichtigt werden wird. Mein Sohn heiratete in London, starb dann ganz plötzlich und ich, der ich das Heiratsdokument in seinem Schreibtisch fand, diese Ehe aber nicht wollte, war schlecht genug, nicht nach der armen jungen Frau zu suchen, die inzwischen in ihre Hei­mat zurückgekehrt war. Wie ich jetzt erst von ihrer Tochter erfuhr, bewahrte sie leider über alles Schweigen, und als sie bei der Geburt ihres- delchens starb, wußte man nichts von der Heirat und hielt das Diadem für unecht. So, jetzt sind Sie im Bilde, Herr Grevenstein, nun brauche ich Ihnen nur noch zu erklären, daß ich schon meinen Anwalt angerufen habe und ihn beauftragte, die ganze Adoptionsangelegenheit rückgängig zu machen, da ich noch rechtzeitig erkannt hättet daß Günther Gre­venstein nicht der Mensch ist, der sich zu meinem Adoptivsohn eignet."

Ein zorniger Laut lag dem Jüngeren auf den Lippen, aber er beherrschte sich. Er "überlegte, was nun zu tun sei, und kam zu dem Entschluß, daß nur Dreistigkeit ihm helfen könne.

Er erwiderte scharf:Das klingt alles höchst romantisch; wenn Sie die Adoption noch im letzten Augenblick rückgängig machen wollen, werde ich mich damit abzufinden wissen. Aber ich bestreite, auf dem Maskenball ein Diadem gefunden zu haben. Die Steine, die ich fassen ließ, und die ich verkaufte, habe ich schon vor Jahren erworben. Sie sind mein rechtmäßiges Eigentum, und es war eine Unverschämtheit von Ihnen, mich bei dem Juwelier so infam bloßzustellen."

Der Graf sah ihn verächtlich an.

Sie sind ein Schwindler, führen eine Hoch- staplerexistenz und wollen nun notgedrungen wohl das Feld raumen, aber nur mit den Juwelen." Er schüttelte den Kopf.Geben Sie sich keine Mühe! Sie dürfen dieses Haus nicht verlassen, ehe Sie herausgegeben haben, was Sie irgendwo gut ver­steckt halten. Frau Radix will keinen Skandal, ste ließe Sie mit den Steinen laufen, aber ich werde es verhindern, und, wenn es fein muß, mit Ge­walt."

(Fortsetzung folgt!)