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Ur. 294 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Mberhessen)

Freitag, 17. Dezember 193 z

Kundgebung zum Berufswettkampf alter Schaffenden

Aus der Stadt Gießen.

Das Kasperletheater.

Mein kleiner Neffe soll zu Weihnachten eine Eisenbahn von uns bekommen. Mir fiel ein, daß aus meiner Kinderzeit vielleicht noch ein paar passende Schienen vorhanden sein könnten, und zwar auf dem Boden meiner Mutter. Mütter sind sa so sie heben gewissenhaft und mit großer Liebe auf, was einmal die Seligkeit unserer Ju- aendjahre gewesen ist. Meine Mutter stieg selbst mit hinauf in die frostkalte Bodenkammer. Dort stand sorglich verschlossen dieKinderkiste", wie sie sie nannte. Bald hockte ich tief versunken, angerührt vom Zauberstab leuchtend verklärter Erinnerungen, über den vergessenen Herrlichkeiten, die meine su­chenden Hände nun zutage brachten. Die Schienen fand ich nicht mehr: gewiß war damals keine un­verbogen übrig geblieben. Aber dafür fand ich in der Kiste etwas viel Schöneres: ich entdeckte den Höhepunkt meiner Kinderzeit! Das war ein Kar­ton mit märchenhaftem Inhalt: die Figuren zu meinem Kasperletheater? Ich begriff nicht, wie sie jemals aus meinem Gedächtnis hatten kommen können, so entzückend, wie sie waren. Mit jeder einzelnen von ihnen feierte ich Wiedersehen: mit dem drolligen Kasper und seiner lustigen Riesen­nase: mit dem weißhaarigen, überaus majestätischen König: mit der blondgelockten Prinzessin, deren rosiges Gesichtchen schon mein kleines Jungenherz schmerzlich-süß bewegt hatte; mit der greulichen Fratze des gehörnten Teufels; mit dem pausbäcki­gen Polizisten, der so grimmig seinen Schnurrbart sträuben konnte. Ich übersah, daß das Haar der holden Prinzessin schon schütter geworden war, ich übersah das fehlende Auge des braven Polizisten und die traurig abgestoßenen Hörner des Satans. Für mich waren es genau dieselben lieben Puppen wie einst, lebendige Persönlichkeiten mit ausgepräg­ten Charakteren und unvergleichlichen Eigenschaften.

Die dämmerige Diele stieg wieder vor mir auf, in der ich einst meine Galavorstellung zu geben pflegte, vor ausverkauftem Haus natürlich, mit drei oder vier vollbesetzten Stühlen. Für ein paar Pfeffernüsse konnte man schon einen tadellosen Sitz­platz in einer meiner Proszeniumslogen bekommen. Und mein Repertoire hätte es hinsichtlich seiner Vielseitigkeit mit jedem Theater ausgenommen; vom tollsten Lustspiel bis zum düstersten Drama wur­den alle musischen Möglichkeiten ausgekostet. Nicht minder vielseitig waren die Schauspieler mit ihrer phänomenalen Begabung. Die Prinzessin zum Bei­spiel eignete sich zur Naiven genau so vorzüglich wie zur Sentimentalen, sie starb als klassische Heroine und erregte als Opernsängerin beträchtliches Aufsehen. Der Polizist war ein Chargenspieler, um den sich alle Intendanten gerissen hätten, er hütete Ordnung mit wachtmeisterlicher Strenge und pol­terte als rasselnder Ritter aus der Kulisse, sang als Bassist und intrigierte erfolgreich als Diplomat'.

Ob ich wohl noch spielen kann?", fragte ich meine Mutter, die lächelnd auf ihren großen Jun­gen mit dem kleinen Kasperletheater blickte. Schon fuhr meine rechte Hand in den Hanswurst. So, und nun der König auf die Linke. Der Kistendeckel ersetzt die Bühne, langsam schwebt Kasper auf den König zu.Habe die Ehre, Majestät!" Verneigun­gen, großartige Armgebärden. Eine spannende Szene entwickelt sich auf der Kinderkiste.

Ein Glück, daß die Kammer so kalt war. Sonst hätte sich womöglich noch ein dreiaktiges Drama hier abgespielt, und ich wäre zu spät zum Dienst gekommen. Der Puppenkarton aber steht jetzt heimlich in der Schreibtischlade. Ich habe mir vorgenommen, zu Weihnachten meine Frau mit einer ungeahnten Festvorstellung zu überraschen! H. B. v. M.

Dornotizen.

Tageskalender für Freitag.

Stadttheater: 20 bis 22.45 UhrDemetrius". Gloria-Palast, Seltersweg:Petermann ist da­gegen". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße"Hahn im

Der mit vielen Fahnen der DAF. und der HI. geschmückte Saal des Cafe Leib war am gestrigen Donnerstagabend ' der Ort einer eindrucksvollen Kündgebuna. Hitler-Jugend und BDM., die Werk- i scharen und zahlreiche Volksgenossen fanden sich ! ein, um an der Kundgebung teilzunehmen, die zur i Vorbereitung des Berufswettkampfes aller Schaf- i senden gemeinsam von der DAF. und der HI. ver­anstaltet war. Musik der Kreiskapelle der NSDAP, leitete den Abend ein.

Pg. Beckmann hieß im Auftrag der DAF. die Teilnehmer der Kundgebung willkommen, besonders herzlich den Kreisleiter Backhaus, und sprach dann kurz über den schönen symbolischen Sinn, der sich in dem gemeinsamen Aufmarsch von Hitler- Jugend und Werkscharen dokumentiere. Sodann sprach

BamMhrer Becker, Wiesbaden

über die Arbeit der Hitler-Jugend im Hinblick auf die Berufsertüchtigung. Er stellte heraus, daß man in der Hitler-Jugend weiß, wie notwendig die Her­anbildung von Facharbeitern ist, er sprach auch von der Forderung, dem Bauern wieder die Hilfskräfte zuzuleiten, die er braucht, um die Nahrungsfreiheit des deutschen Volkes garantieren zu können. Man hörte weiter von den bisher von großen Erfolgen begleiteten Bemühungen der Hitler-Jugend, in der Sorge um den schaffenden jungen Menschen, zweck­mäßige Freizeitgestaltung und ausreichenden Ur­laub für Jugendliche zu erreichen, man hörte von dem großen Fahrtenprogramm, das auch im Jahre 1938 den schaffenden jungen Deutschen mit den Kameraden aus allen Ständen in Verbindung bringen soll. Mit der Versicherung, daß auch die deutsche Jugend mitwirken werde bei dem großen ' Leistunqsbeweis des schaffenden deutschen Volkes, schloß der Redner seine Ausführungen.

OAI.-Kreisobmmm

Hermann Wagner, Gießen

sprach sodann über die großen Zusammenhänge unserer deutschen Lebens- und Wirtschaftsführung. Er betonte zunächst, wie für die Jugend der Reichs­berufswettkampf als Leistungsprüfung geschaffen

Korb". Oberhessischer Kunstverein: Weihnachts- Kunstausstellung im Turmhaus am Brand. Weih­nachtsmesse auf Oswaldsgarten.

Stadttheater Gießen.

Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Heute abend findet die Erstaufführung vonDe­metrius", Trauerspiel in fünf Aufzügen von Fried­rich Hebbel, in der neuen Bearbeitung Friedrich Forsters statt. Spielleitung: Dr. Erich Schu­macher. Bühnenbild: Karl Löffler. Die in eigener Werkstatt hergestellten Kostüme sind entworfen von Sophie Buchner, ausgeführt von Willi Endrich. Die Vorstellung beginnt um 20 Uhr und endet 22.45 Uhr. Freitag-Miete 13. Vorstellung.

HI., Bann und Iungbann 116.

Delr.: 4. Thealerring-vorslellung.

Am Montag, 20. d. M., findet als 4. Vorstellung unseres Theaterringes die Aufführung des Lust­spielesDie kluge Närrin" von Lope de Vega statt. Die Karten können am Samstag, 18. d. M., zwischen 16 und 17 Uhr auf der Verwaltungsstelle des Bannes und Jungbannes 116 gegen Bar- oder Voreinzahlung des Betrages abgeholt werden.

Bett.: Freier Kartenverkauf.

Zur Theaterring-Vorstellung am 20. d. M. kann eine kleine Menge Karten zum Preise von,80 Mk.

' wurde, aus dem Bewußtsein, das eigene Schicksal | mitzugestalten. Er stellte die Forderung heraus, daß wir zu größerer Leistung kommen müssen, um | in unserem engen Lebensraum bestehen zu kön- nen. Ein Volk in einer Lage wie das unsrige lebe nur von dem, was es aus feinen Möglichkeiten mache. Zwar haben, so fuhr der Redner fort, andere Völker leichter zu leben, sie brauchen ihren vorhandenen Raum bei weitem nicht so auszu­nützen, wie das deutsche Volk sie erreichen dafür aber auch niemals diese hohe Leistung. Der Vor­tragende erinnerte dann an die Ursachen, die da- 1 zu führten, daß heute unserem Volke nur ein so Heiner Lebensraum zur Verfügung steht, und wies als Grund dafür auf die jahrhundertelange Un­einigkeit in unserem Volke hin, die es nie ge­stattete, ein einheitliches politisches Ziel zu verfol­gen. In feinen weiteren Darlegungen ging Kreis­obmann Wagner auf die Frage der Kolonien ein und betonte das deutsche Recht auf Kolonien.

Der Berufswettkampf fei ein neuer Beweis da­für, daß wir als Volk unser Lebensrecht kraftvoll bejahen. Mit der Forderung der Leistungssteige­rung dürfe aber keineswegs Raubbau an der Ar­beitskraft des schaffenden Menschen verbunden sein. Der Arbeitsplatz müsse licht und schön sein, dem 1 Schaffenden müsse aber auch die Zeit der Ausspan­nung gegeben sein, er müsse gerecht entlohnt wer­den, müsse im Alter gesichert sein. Abschließend wies der Redner darauf hin, daß im Berufswett­kampf aller Schaffenden das deutsche Volk seine Tüchtigkeit zu beweisen habe. Die deutsche Jugend stehe mit in diesem Kampfe, und sie müsse mithel­fen in der Verpflichtung, für Führer, Volk und Vaterland die Probleme zu meistern, damit foätere Generationen ein schöneres, freieres und glückliche­res Reich übernehmen können, als es die Gene­ration unserer Gegenwart übernommen hat.

Zum Abschluß der Kundgebung dankte Pg. B e ck - mann den Rednern, dankte auch dem Kreisleiter für die bisher bewiesene Unterstützung des Berufswettkampfes, und forderte dattn alle An­wesenden auf, sich am Berufswettkampf zu betei­ligen. Dann wurde die Kundgebung in üblicher Weise geschlossen.

an Jg., die dem Theaterring nicht angehören, abge­geben werden. Diese Karten können bei sofortiger Bezahlung am Samstag, 18. d. M., auf der Ver­waltungsstelle abgeholt werden.

Dolkeweihnachten am 23.Dezember.

NSG. Arn Donnerstag, 23. Dezember, um 19 Uhr, finden in allen Ortsgruppen des Gaues Hes­sen-Nassau Volksweihnachtsfeiern für die vom Winterhilfswerk betreuten Volksgenossen statt, an denen außer den Betreuten und deren Kinder die Hoheitsträger, die Politischen Leiter der Partei und Helfer des Winterhilfswerkes teilnehmen. Die Durch­führung und Ausgestaltung der Feiern obliegen den Ortsgruppen der Partei.

Der Nikolaus

bei der Frauenschaft Geßen-Oft.

Am Mittwochabend fand im Saale des Cafe Leib die Nikolausfeier der Frauenschaft und des Frauen­werks Gießen-Ost statt. An festlich gedeckten Tischen mit Kerzen und Tannengrün erwarteten die zahl­reich erschienenen Mitglieder das Erscheinen des weihnachtlichen Boten. Frau Schäfer begrüßte die Teilnehmerinnen mit herzlichen Worten. Dann

sang Frau K a st e n eine Kantate von Thielemann, die recht geeignet war, eine frohe weihnachtliche Stimmung zu schaffen. Die Begleitung hatten Frau N e 11 e l b e ck (Violine) und Frau Fischer (Kla­vier) übernommen. Die drei Vortragenden ernteten reichen Beifall. Eine ernste Erzählung von Hohl- bäum, in der ein Weihnachtsabend aus der Zeit tiefster Erniedrigung Deutschlands geschildert wurde, las Frau Kronjäger in eindrucksvoller Weise vor. Ein kleines Gedicht verkündete dann das Er­scheinen des erwarteten Gastes. Er erschien denn auch, mit großem Jubel begrüßt, und verteilte unter launigen Versen und weisen Lehren und Ermah­nungen seine reichlichen Gaben. Viele namenlose Päckchen wurden an kinderreiche Mütter zum Schluß verteilt. Auch die hübschen Kuchenbeutelchen, in bunte Papierservietten verschnürt, die an jedem Platz standen, wurden freudig eingeheimst. So ver­ging' der Abend in fröhlicher Unterhaltung, und er wurde mit gemeinsamem Gesang beschlossen. F. K.

Gesamtdeutsche Volkswirtschaft.

Ein Vortragsabend.

In einem interessanten Vortrag in der Univer­sität im Rahmen einer Veranstaltung des Hilfs- bundes der Oesterreicher, behandelte ein Landsmann aus Oesterreich die Frage, die Mög­lichkeiten und Aussichten einer gesamtdeutschen Volkswirtschaft. In seinen wissenschaftlich fundier­ten Ausführungen führte er den Nachweis dafür,

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Gießen

daß ganz gleichgültig, wie eine gleichgerichtete Volkswirtschaft des Reiches und Deutsch-Oester- rreichs sich für den einen oder den anderen Staat im Augenblick auch auswirken würde, im End­ergebnis doch ein befruchtender und anregender Austausch zustande käme. In einer gedrängten Uebersicht führte er gleiche Bestrebungen einer ge­samtdeutschen Volkswirtschaft an, die schon began­nen, als das erste deutsche Reich 1806 zerschlagen wurde. In eingehender Weise und an Hand der Handelsbilanzen legte der Vortragende die Mög­lichkeiten eines gesteigerten Warenaustausches zwi­schen dem Reich und Deutsch-Oesterreich dar, wo­bei er ganz besonders auf Milch, Butter, Käse, die Deutsch-Oesterreich überwiegend besitze, verwies. Weiterhin wären es Holz und Erze und ganz be­sonders die Wasserkräfte, die allein genügen wür­den, um das ganze Reich mit Elektrizität zu ver­sorgen. Deutsch-Oesterreich wäre andererseits auf­nahmefähig für Kohle, Maschinen und Fertigfabri­kate. Ein weiterer Austausch wäre durch den Frem- denverkehr möglich.

In seinen weiteren Darlegungen gab der Vor­tragende ein Bild von den reichen Naturschätzen Deutsch-Oesterreichs, das durch einen beschränkten Raum und einen geringen Eigenverbrauch unbe­dingt auf die wirtschaftliche Verbindung mit seinen Nachbarn angewiesen sei. Durch eine gleichgerichtete deutsche Volkswirtschaft ließen sich aber reiche und wertvolle Anregungen und Ausgleiche zwischen der reichsdeutschen und der deutsch-österreichischen Wirt­schaft herbeiführen, die beiden Staaten von größtem Nutzen sein könnten. Die reichen Holzvorräte, die Wasserkräfte und die Erzvorkommen würden unter Anwendung der im Reiche neu eingeschlagenen Wege der Selbstverarbeitung im Zuge des Vier­jahresplanes, zur Faserverarbeitung, Zuckergewin­nung ufw., ferner der Austausch überschüssiger Nah­rungsmitteln würden die Lebensbedingungen beider Staaten fördern. Der Lebensraum für beide Staa­ten würde ausgeweitet und die Förderung der na­tionalstaatlichen Wirtschaft herbeigeführt. Wie Ham­burg das Ausfuhrtor nach dem Meere, so würde Wien die gleiche Bedeutung nach dem Südosten

Ser zuckersüße Habelmann.

Von Mario Heil de Brentani.

In jedem Frühling und in jedem Herbst schlugen sie ihre hölzernen Stände auf, spannten regengraue Leinewand über knirschende Bohlen und boten wohl­feilen Hausrat, gläsernen Tand und buntklecksige Tonscherben aus. Einstmals waren es Kaufherren aus aller Könige Länder gewesen, heute waren es nur noch schlichte Leute mit schmalen Börsen, die auf rumpeligen Wagen durch die Gaue zogen; einst bot Frau Agnes Dürerin die Holzschnitte der öster­lichen Passion an die reichen Bürger der Reichsstadt Frankfurt aus, jetzt waren es billige Drucke von Kinoschönheiten und der sie anpries, mochte auch ebenso gern seine Schuhwichse an den Mann bringen.

König aller Herrlichkeiten der Budenmesse war der zuckersüße Habelmann. Ein breites Schild zeigte Namen und Herkunft an. Peter Habelmann war Zuckerbäcker, Erfinder, Komiker und Humorist und stammte aus einem Taunusstädtchen. Dies und an­deres hatte er in wundersamer Schnörkelschrift auf das breite Schild geschrieben.Patentmechanisches Zuckerwerk!" prahlte das Schild.Gesetzlich in der ganzen Welt geschützt!" drohte es, undPrämien uni) Medaillen höchster Behörden!" log er munter. Darüber stand in gewaltigen Lettern der Name, Peter Habelmann, als habe es damit eine unschätz­bare wichtige Bewandtnis.

DasPatentmechanische Zuckerwerk" war alle­mal, wenn die rotweiß geringelten Leinwandbah- nen von Peters Hand zu einem schattenspendenden Dache gefügt waren, von den Gassenjungen der Altstadt umlagert; mitten unter ihnen behaupteten sich kämpfend die Gymnasiasten. Ich war immer dabei. An einem Tage nun hatte Habelmann, der seine Waren mit derben Späßen und einer All er - weltsphilosophie auszubieten pflegte, besonders gute Laune. Er überschrie sich förmlich in phantasttschen Uebertreibungen, und er tat noch ein Weiteres zui; Erhöhung des Umsatzes feines zuckersüßen Unter­nehmens, er stieg auf eine leere Kiste und fuchtelte mit den Armen. Er hatte einen Posten Waffeln aufgekauft, die man ihm sogleich aus den Händen riß, wenn er nicht just auf der Kiste stand und sei­nen heiteren Kauderwelsch zum besten gab. Ein großes Paket war um eine ganz geringe Summe Geldes zu haben, kleine Mengen aber gab Habel­mann nicht her, und er wußte das in seinen Reden an die Jugend auch sorgfältig zu begründen. Ich überzählte die aufgestapelten Waffelpakete, maß die. Spanne bis zu dem Tage ab, an dem ich mein 1

Taschengeld bekäme, und es ergab sich, daß meine schlecht sein mußten. Ich hatte bereits eine der Waf­feln gekostet Häbelmann verteilte nach jeder Rede Kostproben und konnte mich hernach nicht entsinnen, jemals solche Leckerei von Biskuit und Sahne gegessen zu haben! Kriegswaffeln freilich, aus Roggenmehl und Kartoffeln, fingerdick und klei­sterig, hatte Mutter manchmal zu backen versucht, auch Ersatzbutter, die zu drei Vierteln aus einem schaumigen Nichts bestand und der Schlagsahne nur der Gestalt nach glich, kannte ich zur Genüge aber echte Sahnewaffeln von Peter Habelmann lohnte es freilich in Mengen einzukaufen!. Wie würde sich Mutter freuen, am Sonntag hatte sie Geburtstag, in vier Tagen!

Die große, niemals wiederkehrende Gelegen­heit!" schrie indessen der zuckersüße Habelmann,die echten Afrika-Waffeln, Marke Hannibal, köstlich kühl bei jeder Witterung, die Attraktion der Zuckerwerke von Karthago!" prahlte er.

Der Vorrat geht zur Neige! Neige heißt Schnee auf französisch: Schnee schmilzt, ihr Leut, beeilt euch, sonst kommt ihr ohne die Patent-Habelmann- Waffeln nach Haus, und Mutter ist bös!" krähte der Mann auf der Kiste heiser. Aber noch türmten sich Waffelpakete zum Bretterdach. Es hatte keine Bange mehr damit; einen halben Turm würde er morgen gewiß noch haben, vielleicht nur einen Vier­telturm, mir genügte ein einziges Paket ... Einen Tag noch!

Am Samstag lief ich sogleich nach der Schule hin. Ich hielt das Taschengeld in der Hand und warf die Beine, als gelte es, das Leben zu retten. Die schmale Gasse zwischen den Ständen war ver­stopft, ich blieb eingekeilt und -ließ mich mählich Dorroärtstreiben. Die beiden jungen Hausfrauen, die vor mir hertrippelten, im drängenden Menschenkeil, hatten sich eingehakt und zeterten.Aber so geht das mit de Reichtümer!" keuchte die einegestern hui, morgen pfui! Un net emal versichert hat er sich, na,s is e Kreuz mitm Feuer, mei Onkel Jv^ef hat's ja aach erlebe misse ." Die andere stellte sich auf die Fußspitzen und reckte das Kinn hoch. Da vorn is es!" stieß die Frau hervor.

Jetzt löste sich der Keil. Die Feuerwehr hatte einen Stand beiseite geräumt und den Menschen­strom abgelenkt. Ich lief ein paar Meter weiter bis zur Absperrung. Vor mir brannte in gelben und in braunroten Flammen das Patentzuckerwerk Peter Habelmann! Es roch nach frischem Kandis­zucker und biß in die Augen. Jetzt prallte ein brau­sender Strahl in das knatternde Holzbündel, das einmal Verkaufsladen, Zuckerwarenfabrik und Lach- bühne in einem hin gewesen war und spülte einen zischenden bräunlichen Sud aus den Bohlen.

Die scheene Waffele!" murmelte jemand hinter mir, als gerade der letzte übriggebliebene Turm lodernd und zischend in die Gasse purzelte.Wenn ich fe doch nor all verschenkt hätt! Nu frißt se der Deibel un die ganze Kass' dazu, die ganze Kass' ..." Der Mann hinter mir schluchzte, in lan­gen, heiseren Stoßen. Zuweilen schneuzte er sich dröhnend, als wollte er das Weinen übertönen. Ich drehte mich um, es war der zuckersüße Ha­belmann.

Ich schlich auf Fußspitzen davon, obschon die Wasserschläuche und die Stimmen Lärm in Fülle machten. Beim nächsten Zuckerstand kaufte ich mit dem Taschengeld zwei Pfund rote und gelbe Zucker­eier. Ich tat es ohne Wahl und Freude.

Auf dem Geburtstagstisch der Mutter standen sie in einer Suppenschüssel. Mutter strich mir lächelnd über das Haar und biß herzhaft in eines der roten Eier hinein. Es mußte sehr weh getan haben, denn sie schrie leise auf. Die übrigen versuchten wir erst gar nicht zu zerbeißen. Wir hatten genügend Er­fahrung mit solchen Dingen gesammelt.

Wenn der Habelmann wiederkommt, mache ich's wieder gut! Dann bekommst du gleich zwei Pakete Sahnewaffeln!" tröstete ich die gütige Mutter, aber mir schien, ich sei selbst der Getröstete von uns beiden ...

*

Wenn ich seitdem irgendwo in Deutschland durch einen stillen ober lauten Markt wandere, spähe ich heimlich nach einer vertrauten Bude. Hölzerne Planken und ein gestreiftes Leinwanddach ... Wer ich spähe immer vergebens ...

Hochschulnachrichten.

Die Göttinger Gesellschaft der Wis­senschaften hat zu korrespondierenden Mit­gliedern ernannt: in der mathematisch-naturwissen­schaftlichen Klasse Dr. Hans Geiger, 0. Professor der Physik an der Technischen Hochschule Char- lo-ttenburg, Dr. Werner Heisenberg, 0. Professor der theoretischen Physik an der Universi­tät Leipzig, Dr. Richard Kuhn, Direktor des Kaiser-Wilhelm-Jnstitutes für medizinische Chemie in Heidelberg, Dr. Walther Roth, 0. Pro­fessor der physikalischen Chemie an der Technischen Hochschule Braunschweig. Zu korrespondieren­den Mitgliedern der philosophisch-historischen Klasse wurden berufen: Dr. Otto Sern, em. Professor der klassischen Altertumswissenscha't"n an der Uni? berfität Halle, Dr. Otto M e n s i n g , 0. Pro­zessor der deutschen Philologie an der Universität Kiel.

Zeitschriften.

Der Naturforsche r", vereint mitNa­tur und Technik", Hugo Bermühler Verlag, Berlin- Lichterfelde, bringt im Dezember-Heft wieder eine Reihe wertvoller Abhandlungen aus den verschie­densten naturwissenschaftlichen Gebieten und aus­gezeichnete Bildwiedergaben. Walter Flaig schreibt über die Gletscherkunde, die vor hundert Jahren mit der damals aufkommenden Lehre von der Eis­zeit in der Schweiz ihren Ursprung nahm. Als Ver­treter der inneren Medizin bringt Dr. med. Klodt beachtenswerte Feststellungen, über die Frage:Ist Kochsalz ein Gift?" Er kommt zu dem Schluß, daß das Kochsalz in der üblichen Menge durchaus nicht schädlich, sondern sogar notwendig ist. Dr. Canaris veröffentlicht eine Reihe mustergültiger Aufnahmen von der Brutzeit unseres Turmfalken und schildert, wie Turmfalken zur Welt kommen in einer Form, die jeden Naturfreund entzückt. Prof. Dr. Goetsch veröffentlicht eine sehr aufschlußreiche Abhandlung über die Verständigung und die Zusammenarbeit der Ameisen im Ameisenstaat. Ins Alibotuschgebirge Bulgariens führt Dr. Eller mit seinen Bildern und Beobachtungen. Dozent Dr. Schweizer schildert das Kaltsterilisationsoerfahren in der angewandten Bio­logie. Zu den Fragen des Vierjahresplans führt Dr. Flemmig mit feinem Bericht über die Treib­stoffgewinnung aus Ruhrkohle. Kleine Beiträge, Forschungsergebnisse aus den verschiedensten Zwei­gen der Naturwissenschaften, Anregungen zur NaturbeobachtungDer Teich im Winter", die Bücherschau und die beliebte Preisfrage schließen das inhaltsreiche und sehr gut ausgestattete Heft ab.

, Es gibt kein Lexikon der Ge­schenke. Es kann, so sehr dies einige Familien­väter oft wünschen, auch keines geben, weil Wün­schen und Schenken eines jeden persönliche Sache ist. Die hundert Vorschläge zum Wünschen und Schenken, die das Dezemberheft der neuen linie (Verlag Otto Beyer, Leipzig, 1 Mark) bringt, wer­den aber vielleicht willkommen sein, weil sie mit her Fülle der Anregungen eine gut orientierende Führung an die weihnachtlichen Schaukasten unter­nimmt. Auf einigen reizvollen farbigen Seiten wird der moderne Wohnsttl der anderen Nationen gezeigt. Ein interessantes Kapitel Physiognomik bil­det die Gegenüberstellung von Jugend- und Alters­bildnissen berühmter Persönlichkeiten. Die gei­stige Ernte vermittelt die stärksten Bucheindrucke dieses Jahres. Als ihr Weihnachtsgeschenk setzt die neue linie eine Stiftungsgabe für junge begabte Künltler aus und stellt die Preisträger in Bild und Wort vor.