Einzelbild herunterladen

Hr.217 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

5reitag,l7. September (937

Aus den Gießener Gerichtssälen.

Schöffengericht Gießen.

Gestern hatten sich der H. 5). aus Bischheim und der S). F. aus Neumünster wegen Urkunden­fälschung bzw. Beihilfe vor dem Schöffengericht zu verantworten. Bei den beiden Angeklagten handelt es sich um Freunde, die in Erlangen mehrere Se­mester zusammen studiert haben. Während der Angeklagte 5). bereits sein Studium abgeschlossen hatte, benötigte der Angeklagte F. zur Zulassung Zum medizinischen Staatsexamen Anfang 1936 noch den Nachweis des Latinums. Da er in der fraglichen Zeit erkrankte und auch wahrscheinlich infolge des bevorstehenden Examens etwas tm Druck war, erbot sich der Angeklagte $)., für ihn an der hiesigen Landesuniversität die Prüfung zu absolvieren. Er fuhr nach Gießen und bestand hier für seinen Freund das Examen. Ebenfalls unter­zeichnete er die Prüfungsurkunde mit dem Na­men des Angeklagten F. Später wurde die Sache ruchbar, und dieser Streich trug den beiden das Strafverfahren ein. Der Angeklagte F. mußte die Prüfung nachholen, die er dann auch bestand. Beide Angeklagten sind restlos geständig. Zu sei­ner Entschuldigung gab der Angeklagte 5). an, daß er aus reinem Kameradschaftsgefühl zu seinem besten Freund die Tat begangen habe. Da beide Angeklagte nicht vorbestraft sind und die Tat auch nicht einem verbrecherischen Willen entsprang, ihnen daher mildernde Umstände zugebilligt wer­den mußten, kam das Gericht zur Einstellung des Verfahrens auf Grund der Amnestie vom 20. April 1936.

Weiter stand der K. 5). aus Friedberg wegen Beleidigung vor dem Schöffengericht. Die Anklage legte ihm zur Last, bei einem Dritten eine im

öfentlichen Leben stehende Persönlichkeit beleidigt zu haben. Es stellte sich jedoch einwandfrei heraus, daß der Angeklagte in diesem Zusammenhänge von einer ganz anderen Person gesprochen und der Zeuge den Angeklagten vollständig mißverstanden hatte. Er wurde daher freigesprochen.

Die nächste Anklage richtete sich gegen die K. Z. aus Treis an der Lumda wegen Diebstahls und Betrugs. Die Angeklagte, die als ausgesprochene Psychopathin zu bezeichnen ist, hatte im Sommer vorigen Jahres ihren heimatlichen Wohnort ver­lassen und trieb sich eine Zeitlang in Gießen herum. Sie wollte u. a. einmal eine Bekannte in Gießen besuchen. Da sie diese nicht zu Hause antraf, er­kundigte sie sich bei einer in demselben Hause woh­nenden Frau nach ihrem Verbleib. Diese Zeugin dauerte die stark heruntergekommene Angeklagte, so daß sie ihr für den fraglichen Tag gegen kleine Hilfe­leistungen Kost und Unterkunst gewährte. Die Gastfreundschaft belohnte die Angeklagte dadurch, daß sie beim Verlassen des Hauses um Abend einen Mantel der Zeugin mitgehen ließ. Der Mantel wurde inzwischen sichergestellt und der Zeugin zu­rückerstattet. Kurz darauf begab sich die Angeklagte zu einem Friseur und ließ sich den Bubikopf ondu­lieren. Als es ans Bezahlen ging, behauptete sie, ihr Geld vergessen zu haben. Sie versprach dabei, am anderen Tage zu- bezahlen. Das Geld steht jedoch heute noch aus. Der Sachverständige bezeich­nete die Angeklagte als vermindert zurechnungs­fähig und hielt eine Unterbringung in einer Heil- und Pflegeanstalt für angebracht. Zn diesem Sinne lautete auch der Antrag des Vertreters der An­klagebehörde, der im übrigen 4 Monate' zwei Wo­chen Gefängnis beantragte. Das Urteil lautete antragsgemäß.

Aus -er Stadt Gießen.

Oie Wette um die Forellen.

(Sine Anglergeschichte von Franz Gros.

Der junge Mann war sehr von sich eingenommen und konnte alles, alles sogar ganz vorzüglich. Wenn man ihn hörte. Sein Vorname war Adolar; sein Familienname ist gleichgültig. Soeben hatte er seinen Referendar gebaut und zur besonderen Be­lohnung war ihm von seinem Vater eine Hand­angel geschenkt worden, fast die beste und teuerste, die man in einem Fachgeschäft für Fischereigerät­schaften erstehen konnte.

Adolar stammte aus Berlin, und da er im ober­hessischen Vogelsberg einen Oheim besaß, einen Oberförster, der über mehrere Forellenbäche ver­fügte, wollte er sich dort zur Erholung von seiner anstrengenden Examenszeit dem geruhsamen Angel­sport widmen. Selbstredend benötigte er, der feine Adolar, hierzu eine Angel, die seiner Person und Würde entsprach. Was hätte denn auch seine sieb­zehn Jahre alte blonde Base gesagt, wenn er sich wieder ihres Vaters alte, Angelrute ausgebeten hätte, die er schon einstmals als Gymnasiast mit mehr oder weniger Erfolg gebraucht hatte? Wenn nur nicht das Bachufer so stark mit Erlen und Ge­büsch bestanden gewesen wäre, das war. unseres Freundes große Sorge! Aber mit der neuen feinen Angel, die nicht weniger als sechzig bare Mark gekostet hatte, hoffte er doch, daß ihm Petri Heil widerfahren und er alltäglich einen wohlgefüllten Fischkorb nach der Oberförsterei bringen werde.

Gegen Abend brachte ihn endlich nach langer Bahnfahrt das Postauto an seinen Bestimmungs­ort, an der Haltestelle bewillkommnet von der ge­samten Verwandtschaft. Adolar steckte bereits in einem schilfgrünen Anglersportdreß, als ob er noch selbigen Tages der Fischweid obliegen wolle. Die neue Angel fand allseitige gebührende Bewunde­rung. In der Tat war sie ein Meisterwerk mit Finessen und Schikanen, federleicht, an der Spitze hauchdünn und elegant, sozusagen ein Angelgedicht.

Adolar führte bei Tisch des große Wort. Er meinte, bereits am kommenden Tage werde er ohne besondere Schwierigkeiten ein ganzes Dutzend schöner Bachforellen erbeuten; Weißfische werde er, falls sie anbissen, bestimmt ins Wasser zurückwer­fen. Zunächst werde er allerdings nicht mit der künstlichen Fliege, sondern mit dem Würm angeln. Das Bäslein meinte neckend, er solle froh sein, wenn er drei Fische fange.

Adolar war empört. Ein Wort gab das andere, und so kam eine Wette um drei Tafeln Schokolade zustande, wonach Adolar der Verlierer war, wenn er nicht zwölf Forellen im Gewicht von mindestens fünf Pfund als Beute nach Haufe brächte. Es wurde auch ausgemacht, daß er ohne Begleitung zum Bach gehe und sich die besten Angelplätze selbst auswählen dürfe. Am folgenden Abend sollte das erste solenne Forellenessen stattfinden. Kein Zweifel, daß der mit der vorzüglichen Angel ausgestattete Jünger Petri unter den herrlichen Bachforellen ganz gehörig aufräumen werde.

Nach Eintritt der Dunkelheit huschte Adolar auf Fußspitzen in den Garten, in dem er zunächst beim grellen Schein einer elektrischen Taschenlampe eine große Anzahl handlanger Regenwürmer fing. Sie sollten als Köder dienen und so die Vorbedingung für einen guten Angelerfolg schaffen.

Am anderen Morgen verließ Adolar mit Windes­eile die Oberförsterei. MitPetri Heil" verabschie­dete er sich vom Bäslein, das ihm unter Erinne­rung an die Wette um die Schokolade einen aus­gezeichneten Erfolg wünschte.

Durch das nahe Dorf fließt die Schwalm. Es hieße Eulen nach Achen tragen, wollte man von ihrem Forellenreichtum redet. In kühnem Schwung führt über ihr klares Wasser eine Steinbrücke. Ado­lar sagte sich warum sollte er auch nicht recht haben, daß unter ihrem Bogen sicherlich Forel­len stünden. Also galt es, schon hier, angesichts der rasch sich um ihn sammelnden Dorfjugend seine vollendete Angelkunst zu zeigen.

Bald war die Angel zusammengesetzt und an ihr die Schnur mit der Rolle befestigt. Schon steckte auch ein mächtiger Wurm am Angelhaken. Dieser flog

nun in elegantem, großem Bogen in das Wasser, um von der Strömung sich rasch unter die Brücke forttreiben zu lassen. Schon im nächsten Augenblick zuckte es wie ein Blitz durch Adolars Hand. Hurrah ein Biß. Ein Ruck ein Zuck. Noch ein Ruck ein Lärmen sondergleichen erhob sich unter der Brücke ein Schreck durchbebte Adolar, als zu gleicher Zeit die Spitze seiner herrlichen Angelrute wie Glas zerbrach und der schönste Enterich des Dorfes wie ein wilder Adler ob feinem Haupte umherflatterte. Schreiend strich seine Entenschar ab. Die Jugend gröhlte.

Adolar wurde es fast schwarz vor den Augen. Etliche beherzte Burschen sprangen in die nicht allzu tiefe Schwalm. Mit Mühe befreiten sie vom Angel­haken den armen Erpel, der sogleich in wilder Flucht seinen Enten nacheilte. Ein Bauer ver­langte für den seinem Enterich zugefügtekt Schaden sofortigen Ersatz. Adolar drückte ihm rasch einen Taler in die Hand und eilte schamrot mit seiner zer­brochenen Angel nach dem Forsthaus zurück. Ohne eine einzige Forelle.

Die Base lachte, daß ihr Tränen in die Augen kamen. Aoolar versprach dem Onkel Oberförster, niemals wieder unter einer Dorfbrücke zu angeln. Er hatte selbstverständlich die Wette um die Schoko­lade verloren. Statt der drei Tafeln stiftete er aber als vollendeter Kavalier dem Bäslein die doppelte Anzahl und fing nunmehr seine Forellen wieder mit des Onkels altbewährter handfester Angel am Bach­rand zwischen den Erlen.

Dornotizen.

Tageskalender für Freitag.

Gloria-Palast, Seltersweg:Revolutionshoch­zeit". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Heirats­institut Ida & Co.".

63. erobert das Theaters

Gelegentlich der Werbe-Veranstaltung für den Theaterring der Hitler-Jugend" am 19. September, 19.30 Uhr, im Stadttheater werden dasVorspiel auf dem Theater" von Goethe, das Schwankspiel Der Pastetenbäcker" von Lope de Vega und ein ScherzspielAepfel unterm Hut" von Hans Sachs aufgeführt. Ferner werden Jungbannführer Taeß- ler und Intendant Schultze-Griesheim sprechen.

Hitler-Jugend Dann -116 Gießen.

Bett. Führerlag" der Hiller-Jugend in Darmsladl.

DerFührertag" der hessen-nassauischen Hitler- Jugend findet in Form eines dreitägigen Lagers vom 8. bis 10. Oktober in Darmstadt statt. An die­sem Führertag haben teilzunehmen: alle Unterbann­führer, alle Gefolgschaftsführer, die Führer der Sondsreinheiten, sowie alle Stellenleiter des Ban­nes 116. Fernerhin nehmen der Kreisjugendwalter der DAF., sowie der Kreis- und Bezirksjugend- walter des Reichsnährstandes an diesem Führertog teil. Sofort den notwendigen Urlaub beantragen. Bett, lleberführung der 18jährigen Hiller-Iungen in die Gliederungen der Partei am 26. September.

Die Feier der Ueberführung wird am 26. Sep­tember gefolgschaftsweise durchgeführt. (Für Gie­ßen Sonderbestimmung.) Die Gefolgschaftsführer habest sich umgehend mit dem für sie zuständigen SA.-Führer, SS.-Führer und NSKK.-Führer in Verbindung zu setzen.

Bett. Werbeveranstaltung des HJ.-Thealerringes am 19. September.

Die Werbeveranstaltungen des HI.-Theaterringes am 19. September beginnen pünktlich 19.30 Uhr. Die Veranstaltung wird in HI.-Uniform besucht.

Bett. Stabsurlauf 1937.

Für alle Mitglieder des Bannstabes 116 gilt die Zeit vom 15. bis 30. September als Stabsurlaub. Die Banndienststelle ist vom 17. bis 26. September geschlossen.

Herbstgeländespiele der HZ. des Gebiets Hessen-Nassau.

NSG. Im Anschluß an das ausgezeichnete Ab- schneiden des Gebietes Hessen-Nassau bei den NS.- Kampstpielen in Nürnberg hat Unterbannführer Reinhard, der Leiter der Abteilung für Lei­beserziehung im Gebiet und Gaujugendwart des DRL., die KS.-Stellenleiter der Banne zu einer Tagung nach Darmstadt einberufen. Neben der Festsetzung der Winterarbeit, sowie des Uebungs- planes der körperlichen Ertüchtigung und der Sport­arbeit im Rahmen des Führerlagers des Gebietes Hessen-Nassau vom 8. bis 10. Oktober in Darm­stadt wurden hauptsächlich die in großem Umfange

zur Durchführung kommenden Herbstgeländespiele der HI. besprochen. Die Tagung findet am 17. Sep- tember ihren Abschluß.

DAF.-Beiträge

gehören zu den sozialen Abgaben.

NSG. Die Deutsche Arbeitsfront stellt nicht eine Gewerkschaft im Sinne einer verflossenen Epoche dar, sondern ist die Schicksalsgemeinschaft aller schaffenden deutschen Menschen. Die Mitgliedschaft bei der DAF. ist zwar freiwillig, doch ist es im Interesse der Allgemeinheit notwendig, daß jeder Schaffende ihr beitritt. Kein völkisch und sozial ge­sinnter Arbeiter darf sich dem Beitritt zur DAF.,

Berlin 73800 ist das Postscheckkonto der Hindenburg-Spende!

die der Wohlfahrt aller gewerblich Beschäfttgten, dem Arbeitsfrieden und dem Wohle des gesamten Volkes dient, entziehen. Aus diesem Grunde sind die Beiträge, wie das Landgericht Magdeburg in einem Urteil entschied, ebenso zu behandeln wie die Steuern und sozialen Abgaben. Bei Lohnpfän­dungen darf also der Beitrag der DAF- nicht von dem Betrage, der dem Arbeiter verbleibt, sondern von dem gepfändeten Betrag abgezogen werden.

Orthopäden-Tagung in Gießen.

Die Deutsche Orthopädische Gesellschaft wird ihre nächstjährige Tagung unter Leitung von Pro­fessor Dr. P i tz e n , Direktor der hiesigen Ortho­pädischen Klinik, in Gießen abhalten. Für die nächsten fünf Jahre hat Prof. Dr. Hohmann, Frakfurt a. M., den Vorsitz der Gesellschaft über­nommen.

Das erste Gießener Karpfenfest.

Gießen feiert am kommenden Samstag und Sonntag aus Anlaß der erstmaligen Abfischung des an der Schlageteranlage gelegenen 30 000 Quadrat­meter großen Karpfenteiches das 1. Gießener Karp­fenfest. Ein reichhaltiges Programm wird den Be­suchern frohe Stunden bringen. Großes Interesse wird zweifellos das am Sonntag pünktlich um 8 Uhr beginnende Abfischen des Teiches erwecken. Hat doch das am vergangenen Sonntag veranstaltete Preisangeln bewiesen, daß der Teich einen großen Bestand an Karpfen und anderen Fischen aufzu- weisen hat und daß die Karpfen Gewichte bis zu 4*/4 Kilogramm haben. Um eine restlose Erfassung des Fischbestandes zu ermöglichen, wird das Wasser des Teiches vollkommen abgelassen. Am Sonntag, etwa gegen 8 Uhr früh, wird der Ablauf des Wassers vermutlich beendet sein, so daß dann mit dem Einfangen bzw. Einsammeln der Fische be­gonnen werden kann. Es steht zu erwarten, daß ein reicher Fang an Karpfen, Regenbogenforellen und anderen Fischarten eingebracht werden kann.

Das Festprogramm umfaßt Konzert- und Tanz­veranstaltungen, einen Kinderfestzug, der am Sonn­tag etwa um 16 Uhr beginnt und dem sich allerlei freudige Überraschungen anschließen. Abends folgt die Siegerehrung im Preisangeln und ein großes Feuerwerk. Vorgesehen ist, einen Ochsen am Spieß zu braten. Fischgerichte werden zu billigen Preisen zum Verzehr an Ort und Stelle bereitgestellt. Die ortsüblichen Preise für Getränke erfahren keine Erhöhung. Um das Fest auch bei ungünstiger

KrköllllNW ia öer UetmnM

soll man nicht vernachlässigen. Der häustg krasse Witterungswechsel macht nicht abgehärtete Naturen leicht anfällig. Deshalb beuge man rechtzeitig vor und wende sofort bei den ersten Anzeichen wie frösteln, Husten, Schnupfen und Heiserkeit folgen­des Rezept att:

Je einen Eßlöffel Klosterfrau-Melissengeist und Zucker in einerTasse gut umrühren, kochendes Wasser binzugießen und zwei dieser Portionen möglichst beiß vor dem Schlafengehen trinken (Kinder halb so stark). Zur Nachkur nehme man noch einige Tage die halbe Menge." goog v

Verlangen Sie also noch heute Klosterfrau- Mellssengeist bei Ihrem Apotheker oder Drogisten; nur echt in der blauenOriginal-Packung mit den drei Nonnen. Preise NM.-.95,1.75, 2.95, niemals lose.

WMWWMll!

Roman von Bernhard Lonzer.

Urheberrechtsschutz:

Arthur Moewig, Romanvertrieb, Berlin SW 68.

18 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Er stockte unwillkürlich und war sichtlich be­ttoffen.

Was war denn das ...?

Der Name war selten. So selten, daß man schon an einen ganz ungewöhnlichen Zufall glauben mußte, wenn auch die Gattin des Konsuls so hieß.

Aber es war wohl Unsinn, sich Gedanken zu ma­chen. Zweifellos lag hier wirklich ein Zufall vor. Denn wie sollte ausgerechnet jene Frau zu dem Konsul gekommen sein!

Mit dieser Ueberlegung ging Wolfgang von Achenbach weiter. Aber ganz beruhigt war er an­scheinend doch nicht.

Endlich war auch Stefan fertig. Mit unverkenn­barer Hast verließ er, von Annelore gefolgt, das Zimmer des ungeduldigen Patienten.

'Ich kann Sie heute leider noch nicht entlaßen, Fräulein Hildach", sagte er, als sie draußen auf dem Gang standenIch möchte die Untersuchung gleich heute noch vornehmen. Machen Sie inzwi­schen, bitte, 'alles bereit." '

Jawohl, Herr von Achenbach", gab sie ruhig und bereitwillig zur Antwort.

Mit raschen, elastischen Schritten entfernte er sich, um nach dem Empfangszimmer zu gehen.

Als er die Tür öffnete, wandte sich der Konsul nach ihm um. Stefan sah sich einem hochgewachse- nen, leicht ergrauten Herrn mit klaren, offenen Zügen und klugen grauen Augen gegenüber, deren Blick erwartungsvoll und mit unverkennbarer Sorge puf ihn gerichtet war. Er stellte sofort bei sich fest: ein sehr sympathischer Mann!

Dies Urteil schien übrigens auf Gegenseitigkeit 3U ,Brmkner", verneigte sich der Konsul und trat mi't ausgestreckter Hand auf Stefan zu.Ich bin Ihnen aufrichtig dankbar, Herr von Achenbach, daß Sie sich doch noch bereit gefunden haben, sich mei­ner Frau anzunehmen."

Stefan nahm die dargebotene Hand.

Ich freue mich selbst, Herr Konsul, daß es mir noch möglich war."

Dann wandte er sich der Gattin des Konsuls zu. Sie saß mit dem Rücken gegen das Licht, ein we­nig oorgebeugt, mit ineinander verschlungenen Hän­den und suchenden, eigenartig gespanntem Gesicht.

Stefan war einigermaßen überrascht. Der Kon­sul war bereits in vorgerückten Jahren und hier saß eine junge Frau. Eine junge, blonde Frau. Ein ganz unwahrscheinliches Blond ... ein

Stefan hatte mit einem Male das Gefühl, als ob ihm der Atem stockte. Er war nicht fähig, ein Glied zu rühren. Mit unnatürlich geweiteten Augen starrte er die vor ihm Sitzende an.

Merkwürdig fremd und kalt standen die Augen in feinem plötzlich geradezu unheimlich blaffen Gesicht.

Das nein, das war ja gar nicht möglich! Das war ja einfach nicht möglich ...!

Und doch...!

Ein Gefühl von Kälte überkam ihn plötzlich, ein Gefühl, das einen zum Erstarren, zum Erfrieren brachte.

Ihm war, als müßte er sagen: Nein, meine Herrschaften, das ist ein Irrtum! Für diese Frau hier ist fein Platz in den Räumen, deren Luft ich atme! Für eine Gloria Rettner ist Stefan von Achenbach nicht der richtige Arzt!

Denn diese Frau war wirklich Gloria Rettner heute Gloria Bruckner!

Noch immer stand Stefan, ohne sich zu rühren. Aber seine Gedanken rasten wie in einem Wirbel. Immer um den einen Punkt: Ablehnen! Ableh­nen! Ablehnen!

Aber das war unmöglich. Es ging gegen die ärztliche Pflicht, gegen das ärztliche Gewissen.

Hatten andere Menschen auch ein Gewissen? Hatte Gloria Rettner sich damals etwa von ihrem Gewissen beschwert gefühlt?

Jetzt hob Gloria das erregte, hilfeheischend »uckende Gesicht nach der Richtung, aus der sie die Stimme der Männer gehört hatte und in der sie Stefan vermuten mußte. Ihre Hände glitten un­sicher tastend durch die Luft.

Werden Sie mir helfen, Herr von Achenbach..." Unsicher tastend war auch ihre Stimme. Aber

es war die Stimme, die er kannte. Die er nur zu gut gekannt hatte!

Er starrte ihr in das erregte Gesicht, in die licht­losen Augen. Mit einer gewaltsamen, fast über­menschlichen Anstrengung riß er sich zusammen.

Ich werde tun, was in meinen Kräften steht, gnädige Frau."

Hatte er das wirklich selbst gesagt? Oder war es eine fremde Stimme, die von irgend woher gekom­men war?

Gloria hob ihm wieder die Rechte entgegen.

Ich danke Ihnen, Herr von Achenbach."

Stefan sah die Hand, die ihn suchte. Und er sah sie nicht... Mit automatenhafter Bewegung wandte er sich dem Konsul wieder zu. Die lähmende Starre wich erst wieder von ihm, als er dessen Augen ernst, voll Sorge und in leiser Verwunderung auf sich gerichtet sah.

Das also ist der Mann, dem Gloria auch einmal die Treue brechen wird, ging es ihm durch den Sinn. Hoffentlich trug der Mann es, wie man selbst es getragen hatte...!

Er reckte sich auf.

Etwas Bestimmtes kann ich im Augenblick na­türlich nicht sagen, Herr Konsul. Endgültiges wird erst die Untersuchung ergeben, die"

Er unterbrach sich. Die Untersuchung jetzt vor­nehmen, wie er vorgehabt hatte? Jetzt in die­sem Augenblick...?

Ein Ding der Unmöglichkeit...! Man mußte erst wieder einen klaren Kopf haben, mußte erst wie­der von sich abgeschüttelt haben, was einem noch immer wie ein würgender Griff an der Kehle saß.

Ja, heute ist es leider nicht mehr möglich. Mor­gen vormittag auch nicht, ich bin zur Zeit noch mit in der Universitätsklinik tätig. Aber morgen gleich nach Tisch. Bis dahin müssen Sie schon Geduld haben."

Der Konsul war sichtlich etwas enttäuscht, mußte sich aber damit abfinden.

Stefan trat zur Seite und drückte auf den Knopf der Klingel. Das Mädchen erschien.

Führen Sie die Herrschaften in ihre Zimmer", ordnete er an.Und sagen Sie Fräulein Hildach, daß ich sie heute nicht mehr brauche."

Der Konsul trat zu seiner Gattin, half ihr vom Stuhl auf und nahm ihren Arm, um sie zu führen. Stefan verneigte sich vor ihm. Aber er sah nicht

die Frau, die dicht an ihm vorbeigeführt wurde. Nur ein Hauch ihres Parfüms wehte ihn an. Es war das gleiche erregende Parfüm, das sie schon damals bevorzugt hatte. Und er empfand es wie einen Angriff, daß sie es auch heute gebrauchte. Wie er das Unglaubliche, das da eben geschehen war, auch als Angriff empfand...!

Ein dünnes, starres Lächeln zog um feine Lip­pen, während er dem Ehepaar nachsah. Er hatte einen Augenblick geglaubt, dies Parfüm hassen zu müssen. Aber er konnte es nicht hassen. Es war ihm gleichgültig. So gleichgültig, wie ihm auch dis Frau war!

Nun war das Zimmer wieder leer. Stefan war es, als ob er erst jetzt wieder richtig atmen könnte. Er dehnte sich in den Schultern. Grober Unfug des Schicksals, dieser unglaubliche Zufall! dachte er.

Zufall...?

Gab es nicht noch genug andere Aerzte, die Hilfe bringen konnten? Und hatte die Frau Konsul nicht ausdrücklich gewünscht und daraus bestanden, von keinem anderen als von ihm operiert zu werden...?

Er eilte aus dem Zimmer, riß den Hut vom Garderobenhaken. Ohne Ueberrock, die Hände in den Taschen vergraben, lief er hinaus in den abend- dunklen, winterlichen Park.

Die alte Ruine tauchte vor ihm auf. Er blieb davor stehen. Ruinen erwachen nicht wieder zum Leben, dachte er. Ruinen sind tote Dinge, Gloria Bruckner! Wer einmal ein Herz zur Ruine gemacht hat, der kann und wird es niemals wieder zum Leben erwecken!

Er kehrte wieder um und sah, daß das Eßzimmer erleuchtet war. Er war einen Augenblick entschlos­sen gewesen, sich das Abendessen auf sein Zimmer bringen zu lassen. Es war vorauszusehen, daß der Großvater nach dem Konsul und dessen Gattin fragen würde, und man war nicht in der Stim­mung, sich auf Erörterungen über dies Thema einzulassen.

Aber hatte man denn Ursache, diesen Erörterun­gen auszuweichen? Nein! Man hatte nichts zu ver­bergen, nichts zu verheimlichen. Jeder konnte wis­sen, welchen groben Unfug, welchen sinnlosen Witz sich das sogenannte Schicksal da geleistet ho"". Jeder konnte es wissen! Jeder!

Fortsetzung folgt.