Ausgabe 
17.9.1937
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 217 Erstes Matt

187. Jahrgang

Zreitag, 17. September 1937

Erjdjetnt täglich, außer Sonntags und Feiertags Beilagen: Die Illustrierte Gießener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle

Monatr-Bezugspreis:

Mit 4 Beilagen RM. 1.95 Ohne Illustrierte , 1.80 Zustellgebühr -25 Auch bei Nichterscheinen von einzelnen Nummern infolge höherer Gewalt

Zernsprechanfchlüffe unter Sammelnummer 2251 Anschrift für Drahtnach- richten: Anzeiger Gießen

Postscheckkonto:

Krankfurt am Main 11686

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Druck und Verlag: vrühlsche UniverfitStrdruckerei ».Lange in Siehen. Schristleitung und Geschäftsstelle: Schulstrahe 7

Annahme von Anzeigen für die Mittagsnummer bisM/,Uhr des Dormittags

Grundpreise für 1 mm höhe für Anzeigen von 22 mm Breite 7 Rpf., für Text- anzeigen von 70mm Breite 50Rpf.,Plahvorschrist nach vorh.Dereinbg.25°/^ mehr.

Ermäßigte Grundpreise:

Stellen-, Vereins-, gemein­nützige Anzeigen sowie ein­spaltige Gelegenheitsanzei­gen 5 Rpf., Familienanzei­gen, Bäder-, Unterrichts- u. behördliche Anzeigen 6Rpf. Mengenabschlüsse Staffel B

Ltnter dem blau weißen Wimpel

Jum Tag des deutschen Volkstums.

Immer wieder vergessen wir, daß jeder dritte Deutsche außerhalb der Reichsgrenzen lebt, daß wir ein Hundertmillionenvolk sind. Diese Tatsache im­mer wieder den Bewohnern des deutschen Kern- landes ins Bewußtsein zu hämmern und ihnen den Sinn einer erdumspannenden Volkstumsarbeit vor Augen zu führen, dazu dient der alljährlich im Herbst stattfindendeTag des deutschen Volkstum s", der diesmal auf den 18. und 19. September gelegt wurde. In allen Gauen des Reiches tragen die Jungen und Mädel an die­sem Tage die blau-weißen Fahnen und Wimpel des VDA., des Volksbundes für das Deutschtum im Ausland, und werben für die Idee der Schicksalsgemeinschaft aller Deutschen. Daß gerade die Jugend an diesem Bekenntnis volksdeutscher Einheit so stark beteiligt ist, hat tiefe geschichtliche Gründe. Denn es war immer d i e deutsche Schule, die in abgetrennten Sied­lungsgebieten und überseeischen Auswanderungs- kolonien das stärkste Bollwerk der deutschen Kul­tur, Sprache und Gesittung bildete. Sie führte den jungen Menschen, der sonst vielleicht in einer frem­den Nationalität untergegangen wäre, zuerst in die Geschichte und Idee des Deutschtums ein und prägte das Erlebnis der Volksverbundenheit unauslösch­lich in sein Herz.

Lesen wir doch nach, wie Adolf Hitler sel­ber seine Erfahrungen als Schuljunge wiedergibt, wie sein kindliches Gemüt von dem Dolkstums- kampf zwischen Deutschen und Tschechen erregt und beeinflußt wurde:Von dem ewig unerbittlichen Kampf um die deutsche Sprache, die'deutsche Schule und deutsches Wesen hatten damals nur ganz we­nige Deutsche aus dem Reich eine Ahnung. Erst jetzt, da die traurige Not vieler Millionen unseres Volkes aus dem Reiche selber aufgezwungen ist, die unter fremder Herrschaft vom gemeinsamen geistigen Vaterland träumen und sich das heiligste Anspruchsrecht der Muttersprache zu erhalten su­chen, versteht man in größerem Kreise, was es heißt, für sein Volkstum kämpfen zu müssen." So wurde die Jugend ganz natürlich zum Träger der alljährlichen Volkstumsfeier, sie schuf sich dasFe st der deutschen Schul e", aus dem sich dann derTag des Volkstums" entwickelte.

Im Ausland hat man diese volksdeutsche Betäti­gung immer wieder als Pangermanismus oder neudeutschen Imperialismus anzuprangern ver­sucht. Und doch hat die im Reiche betriebene Volks­tumsarbeit niemals einen Anlaß zu solcher Unterstellung gegeben. Im Gegenteil: der Führer des neuen Deutschlands hat aus seinen eigenen bitteren Erfahrungen heraus seine praktische Po­litik immer von neuem darauf gerichtet, daß un­sere Volksgruppen im Ausland nicht zum Zank­apfel, sondern zum Bindeglied zwischen den Nationen werden. Das vergangene Jahr hat ge­rade in zwei wichtigen Ländern des Südostens, in Jugoslawien und in Ungarn, ein besseres Verständnis für die deutsche Volkstums­politik und für das Lebensrecht der dort lebenden Volksgruppen erbracht. Gleich günstiges läßt sich leider von dem Herbergsstaat der größten aus­landsdeutschen Volksgruppe, nämlich von der Tschechoslowakei nicht sagen. Die 31/» Mil­lionen Sudetendeutschen leben noch immer in einem Zustand politischer und wirtschaftlicher Ent­rechtung, der im schärfsten Widerspruch zu den Autonomie-Versprechungen der einstigen tschechi­schen Staatsgründer steht. Aber auch in anderen Staaten fordert deutscher Lebenskampf noch immer die härtesten Opfer und grausamsten Entbehrungen. Niemals jedoch dürfen mir Reichsdeutschen die blutsmäßigen und kulturellen Bindungen verleug­nen, die uns mit unseren Brüdern im Ausland an eine einzige Schicksalskette schmieden.

Heinrich Fvers

NSG Wie im gesamten Reich so wird auch im Gau Hessen - Nassau derTag des deut­schen Volkstums" festlich beaangen. Der B e - zirksverband Rhein - Main des VDA hat umfangreiche Vorbereitungen für dieses Fest getroffen. In ieder Schule findet eine Feierstunde statt. Im Mittelpunkt dieser Schulfeiern stehen Vorträge, die den Jungen und Mädel die Not des Sudetendeutschtums schildern In Frankfurt am Mai, dem Sitz des Bezirksvcrbandes, wird außerdem im VDA.-Haus ein Volksdeutscher Appell abgehalten, bei dem alle Schulen der Gauhauptstadt mit fünf Schülern vertreten fein werden. Am Abend führen dann alle VDA- Gruppen Feiern durch. In größeren Städten und Ortsgruppen finden Kundgebungen statt. Den Höhepunkt der Veranstaltungen bildet die Volks­deutsche Feier des Bezirksverbandes im VDA - fiaus in Frankfurt a. M, an der Vertreter der Partei und ihrer Gliederungen, der Behörden und der Wehrmacht teilnehmen werden. Zugleich mit demTag des deutschen Volkstums" wird in der Zeit vom 16. bis 27. September d i e 23 D 21. = Sammlung durchqeführt. Schulkinder werden an diesen Tagen an die Volksgenossen her­antreten und sie um ein kleines Opfer für die volksdeutsche Arbeit bitten Neben diesen Jungen und Mädel beteiligt sich die Hitler-Jugend, soweit deren Angehörige nicht mehr von der Schule erfaßt werden, an der Sammlung. Außer­dem werden zum ersten Male hie Erwachsenen zur Sammlung herangezogen Es werden also alle Kräfte aufgeboten, um der Sammlung einen Er­folg zu sichern und dem VDA die Mittel zuzu­führen, die er braucht, um als Mittler und Treu­händer der Grenzlanddeutschen und vor allem der deutschen Volksgruppen im Ausland seine Ausga-

Der SoivjeljuWommissar Krylenko beseitigt.

Moskau, 16. Sept. (DRB.) Die amtlich mit­geteilt wird, hat der Zentralvollzugsausschuh der großrussischen Bundesrepublik den bisherigen Volks­justizkommissar krylenko seines Postens enthoben und an seiner Stelle Antonow 0rofe­ie n f o zum Justizkommissar im RSFSR, ernannt.

*

Er hat ein geradezu kindliches Vergnügen an der Gerichtsatmosphäre", hat einmal Tro'tzki-Braun- stein von dem Genossen Nikolai Wassilljewitsch Kry len ko gesagt, dem früheren Generalstaats- anwalt und bisherigen Volkskommissar für das Justizwesen, der jetzt mit der üblichen Plötzlichkeit

(Scherl-Bilderdienst-M.)

j

<

1

abgehalftert wurde und nach bolschewistischem Brauch vielleicht nicht mehr am Leben sein mag. Aber mit jenem Wort Trotzkis ist das eigentliche Wesen Krylenkos nicht annähernd erfaßt. Dieser ehemalige Student der Rechtswissenschaft, ein kleiner gedrungener Mensch, mit brutalem Ausdruck im Gesicht, in dem unter einer kahlen Stirn gierig zu- packende und dabei eiskalte Augen liegen, während ein mächtiger Unterkiefer das Kinn weit hervor- treten läßt, hat in die -Gerichtsbarkeit der Sowjets eine der furchtbarsten Foltermethoden einge­führt. Es kam ihm bei den großen Schau- oder Schwindelprozessen, die er im Auftrag Stalins zu leiten hatte, überhaupt nicht darauf an, festzustellen, ob die Angeklagten schuldig waren oder nicht. Sein einziges Ziel war immer nur dasG eständ - nis . Und das wurde mit jenen unaufhörlichen Foltermethoden erpreßt, die wir hier wiederholt geschildert haben und die bei den Prozessen im Frühjahr gegen eine Anzahl höherer Sowjetfunk­tionäre bis zur halben Sinnlosmachung der Opfer durch gewisse Drogen und Chemikalien getrieben wurden. Es paßt durchaus zu seinem Wesen, wenn er einmal alsGeneralstaatsanwalt" das Wort sprach:Gerechtigkeit das ist nichts anderes als eine bloße Einbildung der Bourgeoisie". Selbst die alten Bolschewikenkreise gaben ihm den Beinamen hetzerischer Bluthund". Das will in der Verbrecher­atmosphäre Sowjetrußlands immerhin etwas heißen!

Krylenko, der während des Weltkrieges kurze Zeit Fähnrich gewesen war, wurde schon in der Fe­bruar-Revolution von 1917 Vorsitzender des Armee­komitees der 12. Armee. Kurze Zeit war er sogar einmal Oberster Befehlshaber der Roten Armee als unmittelbarer Vorgänger von Trotzki-Braunstein. Er trat zum erstenmal als staatlicher Ankläger vor eine breitere Öffentlichkeit in den langen Prozes­sen von 1922 gegen die Sozialrevolutionäre, spielte eine Hauptrolle in dem berüchtigten Schachty-Pro- zeß, in dem auch deutsche Ingenieure und Werk­meister das Opfer bolschewistischerRechtsprechung" wurden, und erhielt schließlich gar die höchste Aus­zeichnung, den Lenin-Orden. 1931 wurde er dann Volkskommissar für Justiz, hat aber auch in dieser

Stellung den entscheidenden Einfluß auf die Schau­prozesse gegen die große Zahl der hohen Sowjet­funktionäre genommen, die seit dem offenen Aus­bruch des Stalinschen Verfolgungswahnes zu Hun­derten dem Henker überliefert wurden. Sein Nachfolger ist insofern auch kein unbeschrie­benes Blatt mehr, als er unter einem falschen Namen von Barcelona aus lange Zeit den Sow- jetaufruhr in Spanien geleitet und auch die sow­jetrussischen militärischen Operationen in Spanien beaufsichtigt hat. An sich ist Antonow Owsejenko Diplomat". Er war zeitweise Botschafter in Rom, später in Prag, bevor er sich als Führer der roten Mordkommune in Barcelona traurigen Ruhm er­warb. Was können die Russen von einem Mann erwarten, der sich bereits in seiner diplomatischen Eigenschaft als ein Meister des Terrors erwiesen hat? B. R.

Stalins Sohn entführt?

Die Amtsentsetzung des berüchtigten Justizkom­missars der Sowjetunion Krylenko yat kaum Welt­sensation gemacht, als aus Warschau berichtet wird, daß der 12jährige Sohn Stalins mit dem Vornamen Wasil entführt worden ist. Der Knabe soll entführt worden sein, als er aus der Schule ii den Kreml zurückkehrte. Selbstverständ­lich ist die ganze moskowitische Polizei alarmiert. Im Gegensatz zu Stalin selbst, der seit Jahren die erdenklichsten Vorsichtsmaßnahmen zum Schutze sei­nes Lebens anwendet, hat sich der junge Wasil einiger Freiheit erfreut. Es ist eine wahrhaft dra­matische Ironie der Geschichte, daß Wasil Stalin jetzt zum Objekt einer echten Gangster-Entführung geworden ist. Stalin-Vater soll durch das Ereignis auf das schwerste betroffen und erschüttert sein. Sein Sohn Wasil ist ein Kind aus zweiter Ehe mit Nadja Allilujewa, die 1932 plötzlich verstarb an­geblich an einer Blinddarmentzündung, nach ande­ren Nachrichten aber durch Vergiftung. Stalin hei­ratete 1934 zum drittenmal, und zwar seine lang­jährige Geliebte, eine Tochter des sowjetjüdischen Kommissars für Schwerindustrie, Kaganowitsch.

Ein System ständigen Massenmordes." Das Moskauer Terror-Regiment im englischen Licht.

London, 17. Sept. (DNB. Funkspruch.) Die Daily Mail" schreibt zu der Nachricht aus Mos­kau, daß der Justizkommissar Krylenko seines Postens enthoben worden ist, es sei anzunehmen, daß dieser blutdürstigeRichter" die gleiche Strafe erhalten werde, wie er sie so oft für andere forderte. Woche um Woche schreite Stalins Blutrausch nun schon über Sowjetrußland und tagtäglich träfen neue Meldungen aus allen Teilen des Landes ein, daß wiederSaboteure" undVerräter" erschossen wurden. Die Anklagen gegen die Opfer seien ebenso fadenscheinig wie rätselhaft. Man wisse immerhin, daß es heutzutage in Sowjetrußland genüge, Kindern eine Geister­geschichte zu erzählen, um dafür eine Kugel ins Genick zu bekommen. In der ganzen Geschichte habe man zuvor, kaum ein System gekannt, daß sich, wie dieses, nur durch ftänbiges Mas­senmorden behauptete. Man habe den Eindruck, als ob Moskau vor lauter Angst blind­lings um sich schieße. Nach zwei Jahrzehnten schwe­ren Leidens für eine riesengroße Bevölkerung habe das kommunistische Experiment in Sowjetrußland nur einenFortschritt" gezeitigt: Die größere Aussicht auf den raschen Tod. Im Innern kenne das Moskauer Regiment nur Terror und Chaos, in den internationalen Angelegenheiten aber fabriziere es Bürgerkrieg und Re­volten

ben erfüllen zu können. Wie den Pfennig für das Jugendherbergswerk so wird jeder Junge und je­des Mädel künftighin auch monatlich fein volks- deutfches Opfer bringen. DerTag des deutschen Volkstums" am 18 und 19. September wird der Tag der Gründung dieser Opfergemeinschaften werden.

Reichsminister Dr. Frick zum Tag des deutschen Volkstums Der Reichsminister des Innern Dr. Frick hat denTag des deutschen Volkstums" mit folgendem Grußwort gefördert:

DerTag des deutschen Volkstums" ist eine TNahnung an alle Deutschen, die un­lösliche Blut- und Schicksalsgemeinschaft, die die Deutschen auf der ganzen IDelt verbindet, nie zu vergessen und durch Dort und Tat zu stär­ken. Der Führer hat durch die Ausrichtung des nationalsozialistischen Staates, der niemand anderem als dem deutschen Volke dient, dem im Reich geeinten Volk einen sicheren hort ge­schaffen. Die jenseits der Reichsgrenzen leben- den Deutschen können wieder stolz auf das Reich, seine Dacht und Stellung in der Welt sein. Die Pflege der kulturellen Zusammenhänge der Deutschen im Reich und der jenseits der Grenzen ist die Hauptaufgabe des Volksbundes für das Deutschtum im Ausland. Seine Be­strebungen zu fördern, ist Pflicht aller

aufrechlen Deutschen. Ich begrüße es deshalb, daß der VDA. zumTag des deutschen Volkstums" aufruft und jung und alt im Glauben an die Zukunft der Ration und i n der Bereitschaft zur gegenseitigen Hilfe einigt.

Minderhettendruck in Rumänien.

Bukarest, 16. Sept. (DNB.) Der Minister für Handel und Industrie, Baler Pop, hat alle Industrie- und Handelsgesellschaften aufgefor­dert, innerhalb von drei Monaten die Zahl der rein rumänischen Ange st eilten auf 5 0 b 3 ro. 7 5 v. H. z u steigern. Das Rund­schreiben ist bisher 72 Firmen, durchweg Jndustrie- gesellschaften Siebenbürgens, des Banats und der Bukowina zugegangen, die zum größ­ten Teil von nichtrumänischen Minder­heiten bewohnt sind. In dem Rundschreiben heißt es u. a. wörtlich: Wir sind der Ansicht, daß es Ihre (der Unternehmer) Pflicht ist, auch unter materiellen Opfern, in den Unternehmungen, die Sie leiten, die Angestellten völkisch-rumäni­schen Ursprungs zu fördern. Wir fordern Sie also aus, bis zum Ende dieses Jahres den Pro­zentsatz der Beschäftigten auf mindestens 50 v. H für alle Angestellten und qualifizierten Arbeiter und auf 75 v. H. für die nicht qualifizierten Ar­beiter zu steigern." Die Unternehmer werden auf­gefordert, bis' zum 1. Oktober sich zu äußern, ob sie der Aufforderung des Ministers Folge leisten. Keine Antwort wird als Ablehnung angesehen.

Wie sieht es in der Wirtschaft aus.

Täglich mehren sich in Frankreich die Stimmen gegen d i e Vierzigstundenwoche, und insbesondere die großen Blätter wieTemps" und Mattn" bringen fortlaufende schlagwortartige No­tizen, die die Schädlichkeit dieses Experiments der Volksfront-Regierung in immer neues Licht stellen. So veröffentlicht derMatin" ein Schreiben, das der Direktor eines großen Warenhauses an die Re­daktion gerichtet hat. Dieser weist darauf hin, daß im Jahre 1937 fein täglicher Umsatz gegenüber dem vorigen Jahre um mehr als 20 v. H. gefun- k e n sei, und zwar trotz der Weltausstellung. Eine langsame Abdrosselung des ganzen Geschäftslebens mache sich von Tag zu Tag deutlicher bemerkbar und sei lediglich auf die Kürzung der Arbeitsstun­den zurückzuführen. Im Handel sei, so wird in die­sem interessanten Brief hervorgehoben, nicht jede Stunde eine Stunde des Verkaufs in dem Sinne, wie in der Industrie jede Stunde eine bestimmte Produktion heroorbringe, im Gegenteil gebe es im Handel sehr viele tote Stunden, und demgegenüber wirke sich die Vierzigstundenwoche doppelt verhäng­nisvoll aus. In einer anderen Zuschrift an den Matin" wird darauf hingewiesen, daß die länd­liche Bevölkerung feit Einführung der Vierzig­stundenwoche weit weniger kaufe als zuvor. Auch in England macht man sich über die französische Vierzigstundenwoche Gedanken. DieTimes" be­richten über einen in Norwich abgehaltenen Ge- werkschaftskongreß, auf dem sämtliche Sprecher vor einer Übertragung dieses unglücklichen französischen Experiments nach England gewarnt haben. In Belgien steht die Regierung der Vierzigstunden­woche grundsätzlich nicht feindlich gegenüber. Aber sie wird von verschiedenen Stellen davor gewarnt, übereilte Beschlüsse zu fassen. Eine Verkürzung der Arbeitszeit bei gleichbleibendem Wochenlohn habe unweigerlich eine Verteuerungder Lebens- haltungskosten zur Folge, wie das das fran­zösische Beispiel besonders eindringlich gezeigt hat. Dieses Moment muß doppelt in die Waagschale falen in einem Augenblick, in dem d i e Preise in Belgien in einem bedenklichen Umfang anziehen. So ist überall im Westen die Frage der Vierzig­stundenwoche in den Vordergrund gerückt und da­mit wird, wenn die augenblickliche Preissteigerung in Westeuropa so weiter geht, auch die Frage der Löhne erneut aufgeworfen werden. Ueberall im Westen Europas, England, Frankreich, Belgien machen sich Streiks kleineren und größeren Üm- fangs bemerkbar, von denen kein einzelner eine ausschlaggebende Bedeutung hat, die aber alle zu­sammen doch einen Unruheherd darstellen.

*

Im Gegensatz zu der angelsächsischen Auffassung, die trotz aller Schwankungen die Lage des Pfun­des sehr ruhig betrachtet, ist der Franzose gewohnt, für seinen Frank einen Anhaltspunkt anzunehmen. Früher war es der Goldfrank, jetzt ist es bas Verhältnis des französischen Frank zum englischen Pfund, und dieses Verhält­nis hat sich in der letzten Woche geradezu fata- strophal verschlechtert. Gegenüber einem ursprüng­lichen Stand des Bonnet-Frank von etwa 136 sank der Frank bereits in der Vorwoche, ohne daß der französischeWährungsausgleichsfond einschritt. Am Dienstag notierte er mit 138, am Mittwoch wurde die Grenze von 140 bereits überschritten, und schließlich erreichte der Pfundkurs den hohen Sah von 146. Der Frank hatte also in 24 Stunden ge­genüber dem Pfundkurs sich um 7 Punkte ver­schlechtert. Man nimmt in Londoner Citrstreiien an, daß die auffällige Untätigkeit des französischen Währungsausgleichsfonds auf eine neue Frank- Abroertung hindeutet und glaubt, daß der Bonnet-Frank in Kürze sich auf einem Pfundkurs von 150ausbalancieren" werde. Der neue Sturz des Franken hat in Paris lebhafte Beunrubiaung erregt. Man weist darauf hin, daß die schlechte Lage des französischen Außenhandels in den ersten sieben Monaten 1937 ist ein Ein­fuhrüberschuß von 11 Milliarden Franks zu ver­zeichnen nicht ohne Einfluß auf den Frank- Sturz geblieben sei. In London liegt ein erhebliches Angebot von französischen Fluchtkapitalien vor, die jedoch meistens in Dollar Anlage suchen Die dadurch bewirkte .fiöherberoertung des Dollars sucht die englische Währungskontrolle zu verhin­dern, und so treibt gewissermaßen ein Keil den andern. Aber auch die Steigerung der Le­benshaltungskosten in Frankreich in­folge des Experiments der Volksfrontvolitik dürfte ein wesentlicher Grund für das Mißtrauen fein, das der Franzose seiner eigenen Währung ent- gegenbringt. Seit Juli sind die Tarife und die Preise für die notwendigsten Lebensrnittel durch­weg um 2 bis 7 v. H. gestiegen, die Einkommen sind dagegen stabil geblieben. Weitere Preiserhöhun­gen sind zu erwarten, da sich die Erhöhung der Weizenvreise, die im Vergleich mit 1936 um 30 v. H. höher liegen, noch nicht ausgeroirft hat. Mitt- lerweile werden in der französischen Fachpresse, so in derRevue d'Eronomie Politigue" Betrachtun­gen darüber angestellt, wie es zu dieser Lage über­haupt kommen konnte. Charles R i ft. der frühere Gouverneur der Bank von Frankreich hat jetzt entdeckt, was außerhalb Frankreichs jedermann wußte, daß, als die Abwertung unvermeidlich war, die neuen sozialen Belastungen bereits den aus der Abwertung erwarteten Gewinn verschlungen hatten. Dug6 de Bermonville vergleicht die Verschiebung in den verschiedenen Einkommens­klassen und stellt fest, daß das Einkommen aus Kapital jetzt die Höhe von 1913 erreichte, die Pen­sionen aber oon 1,4 auf 7,9 v. H. des Gefamtein- kommens stiegen und die sogenannten gemischten Einkommen, also die Gewinne der Industrie, des Gewerbes der Landwirtschaft usw. heute nur einen Anteil oon 22,1 gegen 35,7 v. H. am Gefamtein-