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242 viertes Matt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)

Samstag. l6. Oktober (057

Gießen an der Reichsautobahn!

Zur Einweihung der Teitstrecke Gießen-Bad-Nauheim.

Sinne!

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hn rückt auch Gießen an das großartige Der- brsi-tz der Reichsautobahnen heran. Morgen, stiinlng, 17. Oktober 1937, kann die Reichsauto- a m-^eilstrecke GießenBad-Nauheim ihrer Be- itirung übergeben werden. Damit ist unsere Stadt wiaitslbar angeschlossen an das Verkehrsnetz der teüchEtobahn, soweit sie im Rhein-Main-Gebiet r^fteat ist. Diese Tatsache, die wir für unsere ZtLdt durchaus als von historischer Bedeutung an- inchlii dürfen, wird m vieler Hinsicht ihre Aus- ii rtu g haben. Fraglos in jedem Falle in gün- Daran ändert auch der Umstand

Dcrbereitungen für die Einweihungsfeier. Fahnenmasten werden aufgerichtet.

(8üuf ahmen [4]: Neuner, Gießener Anzeiger.)

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chtis,vaß derZubringer" zur Reichsautobahn miöi Kilometer von Gießen entfernt liegt. Für is uKuftfahrzeug sind 7 Kilometer keine Entfer- linaj! Gießen liegt an der Reichsautobahn! Wer > rich glauben will, mag auf den Schildern nach- ferc, l::e schon von Frankfurt und Bad-Nauheim usrdL auf Hinweisen, daß die Reichsautobahn in mt jeiigen Stadium der Fertigstellung nach (Ste­en d jiflirt. In der Licher Straße wurde gestern ^ m auf weißem Mast ein Schild aufgestellt, is «bi( Aufschrift so darf man wohl vermuten

, Nuchsautvbahn" trägt Allerdings, das Schild , im keinerlei Irrtümer aufkommen zu lassen, >chü fm säuberlich mit Packpapier verhüllt. Aber orvjen wird diese Hülle fallen. Noch an mancher ibtirtr Stelle unserer Stadt, an den Hauptver- hrvslri ßen, werden die Wegweiser die Straße igtm, Die zur Reichsautobahn führt.

J/dmnann, dem die Fahrt auf den Strecken der eic^aitobahn noch nicht zur Gewohnheit gewvr- n ilsi.iwird, sofern er sich einiges natürliches Ge- ihl iieivahrt hat, immer wieder aufs Neue kaszi- ierr ji n von jenem großartigen Werk, das in rotztzittsr Planung die Landschaften unseres Va- rlattds miteinander verbindet. Immer wieder von

Wine setzt sich durch

Vornan von ^Joachim Jreiherrn von ^eihenstein

cueimntrb man die technische Leistung bewundern tüffnr, die der Bau der Reichsautobahn darstellt, inc^ Fchrt über die Reichsautobahnstrecke Gießen ad Mcuheim und zurück (gestern wurde der Presse eiinei Vorbesichtigung zu einer solchen Fahrt Ge- ieref)ei gegeben), wird für jedermann ein starkes lelWi^arstellei^^n^ileuen^R^t^mu^ern^nai^

Copyright by Carl Duncker seÄ^XUHr morgens. Taufrische Gärten, über de- ü Xtt ktraumhafte Duft liegt, der aus Nachtkühle, aav ÜBorgenfonne, Blumen, Bäumen und Erde ni ich iist.

HiNti herabgelassenen Spitzengardinen, Roll- ou.stm oder buntbemalten hölzernen Fensterladen läster, je nach ihrem größeren ober geringeren HWrfnis, noch die Bewohner der Villen.

viW die stillen Straßen der Kolonie Grune- lbllM Frau Hertel. Der feste Tritt ihrer schwe- i Ault bekommt etwas Beschwingtes ihr >ÖÄ n ieber einmal der schönste Teil des Tages iz i cll in. Sie muß an die denken, für Die sie se imo: gendlichen Gänge angefangen hat, an ihre chchi, die so gebildet wird daß sie die größten htxr wie gar nichts auswendig kann.

Zriu ^Hertel tritt an ein hohes, kunstvoll ge= niieidüs Oartengitter unb schellt Als es sich ge- ifchbs öffnet, schreitet sie über gelben Kies. Sie tt I ni lautem Gruß in die domartige Halle. ,PW«., sagt der Diener, der noch an feiner ge= ifüen Hausjacke herumknöpft, und deutet nach n ö- der Herr!"

,Wii!> dem jungen Mann nischt schaden, wenn mal 'n bißchen frühev aufwacht", sagt Frau rtell Minütlich.

DbIhr Duscht aus einem Gang die Zofe und Ibelt bis Masseuse bei der gnädigen Frau an.

Esnmcht Frau Hertel körperliche Freude, die itefc fluchstufige, weichbelegte Treppe hinaufzu- gesi Gs bereitet ihr Genuß, in das kostbare, stil­le rLhafzimmer einer Rokoko-Marquise zu tre- . Vie qroßen Häuser, in die ihr Beruf sie führt, geimpfte Stille, die der Reichtum schenkt, die mtfipiäte von Schönheit und Weiträumigkeit s c0.5 lenkt in ihrer Phantasie langsam über zu n i&>m, das ihre Tochter einmal führen soll.

Diki' Fi Imschauspielerin Lucienne Molny reicht he Hand, die noch im weißen Nachthanb- I uh ü ft.ctt, und lächelt müde.

die oberhessische Landschaft kennen, man sieht sie aus neuen Perspektiven, und man erlebt ganz neu in einem schwungvollem Auf und Ab Hügel und Täler unserer nächsten Heimat und genießt Ausblicke, die sich häufig genug von denen üblicher Wanderwege unterscheiden. So ist die Reichsautobahn-Teilstrecke GießenBad-Näuhejm nicht nur eine Angelegen­heit wirtschaftlichen Verkehrs und der reinen Zweck­mäßigkeit, sondern auch eine Quelle der Vertiefung des Heimatgedankens für jeden, der dazu guten Willens ist. Die Bauleitung kam diesem letzteren Gedanken dadurch entgegen, daß sie an verschiede­nen Stellen Parkplätze schuf, von denen aus ein Ausblick in weitem Umkreis möglich ist. Darüber hinaus hat man anderseits auch noch an der Bahn natürliche Reize und Schönheiten geschaffen, erhal­ten ober gefördert.

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Wie verlaufen nun die hellen Bänder der Auto­bahn im Grün des Waldes und des Feldes unserer Heimat? Der neue Abschnitt beginnt bei Nieber- Mörlen. Dort ist einZubringer" Das große weiß­blaue Schild weist nach Gießen. Zunächst verläuft die Strecke ziemlich flach, fällt bann etwas, erreicht an der bisherigen Hauptverkehrsstraße Gießen Frankfurt a. M. bei Niederweisel den tiefsten Punkt der gesamten Strecke (162,06 Meter über dem Meere) und steigt dann wieder langsam an, um für eine Strecke von etwa 6 Kilometer ziemlich flach auf einer Hochebene zwischen Gambach und Dorf-Gill zu verlaufen. Dann schwingt die Bahn in einigen Kurven aus, führt in den Grüninger Markwald ein und zieht nun in zügigem Auf und Ab, vorbei an Garbenteich, Steinbach zu. Kurz vor Steinbach erreicht die Straße ihre größte Höhe mit 253,80 Meter, so daß der größte Unterschied in der Höhe der 20 Kilometer langen Strecke genau 91,74 Meter beträgt. Die stärkste Steigung beträgt kurz vor Steinbach auf einer verhältnismäßig kur­zen Strecke 6,5 v. H. Bei Steinbach findet die be­fahrbare Strecke ihr Ende. Zu- und Abfahrtstraßen stellen den Anschluß an die Straße GießenLich her. Links und rechts der Straße findet man ge­rade an den letzten Kilometern vor Steinbach einige recht reizvolle Felsformationen, die eine interessante landschaftliche Bereicherung darstellen, die aber auch ahnen lassen, daß die Bauleitung große Schwierig­keiten zu überwinden hatte.

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lieber die Entstehung des Reichsautobahn-Ab­schnittes GießenBad-Nauheim dürften sicherlich einige technische Einzelheiten interessieren. Mit dem Abhub des Mutterbodens wurde im April 1935 be­gonnen. Bei dem Verlauf der Linie durch Wald­gebiete war die Abholzung van rund 37 Hektar Wald notwendig. 125 000 Kubikmeter Mutterboden mußten abgehoben werden. 75 000 Quadratmeter Rasenfläche wurden ausgestochen. Der Rasen wurde für die Bedeckung der Böschung und für den Mittel-

Reichsautobahnstrecke in der nördlichen Wetterau, unweit des Grüninger Markwaldes.

streifen verwandt. Für Sprengungen im felsigen Gelände mußten 20 Tonnen Sprengstoff aufgewandt werden. Auf der ganzen Strecke wurden insgesamt 700 000 Kubikmeter Erde bewegt. Da dabei die Massen der Dämme nahezu doppelt so groß waren, wie die gewonnenen Massen aus den Einschnitten, mußten aus Seitenentnahmen, insbesondere aus den Sandbrüchen von Rockenberg und Gambach 550 000 Kubikmeter Erde auf die Strecke transpor­tiert werden. Die Schaffung eines frostsicheren Un­tergrundes erforderte die Herbeischaffung von wei­teren 60 000 Kubikmeter Sand- und Kiesmassen. Für dieReinheitsschicht", auf die die Fahrbahn­decke verlegt wurde, waren weitere 30 000 Kubik­meter Sand und Kies notwendig.

Ständig wurden etwa 2000 Volksgenossen be­schäftigt. Die höchste Zahl der eingesetzten Arbeiter belief sich einmal auf 2900 Volksgenossen. Eingesetzt waren auf der Teilstrecke ferner 10 Bagger, rund 100 Lokomotiven, 1000 Kippwagen, 100 Kilometer Gleis, 7 Stampfgeräte, 8 Förderbänder, 15 Last­kraftwagen, 20 Rammen und 3 Motorwalzen. Die Gesamtzahl der geleisteten Tagewerke beläuft sich auf 620 000. Die Fahrbahndecke bedeckt eine Fläche von insgesamt und rund 300 000 Quadratmeter. Für die gesamten Bauleistungen von etwa 12 000 Kubikmeter Bauwerksbeton, für rund 60000 Quadratmeter Deckenbeton und für 22 000 Quadrat­meter Eisenbeton wurden 220 000 Tonnen Kies, Sand und Splitt, sowie 34 000 Tonnen Zement verbraucht. An Stahl wurden 2000 Tonnen in den Bauwerken und 175 Tonnen in den Fahrbahndecken eingebaut. An Bauwerken wurden 24 Brücken er­richtet und 28 Durchlässe ausgeführt. 7 Ueberfüh- rungen und 17 Unterführungen leiten den Verkehr kreuzungsfrei über die Autobahn hinweg ober darunter hindurch. Mit der Fertigstellung des Bau­abschnitts der Reichsautobahn zwischen Gießen und Bad-Nauheim befindet sich nun eine große zusam­

menhängende Strecke von 195 Kilometer (Gießen Karlsruhe) in betriebsfertigem Zustande. Das heißt allo, daß es jedem Kraftfahrer möglich ist, die Strecke von Steinbach bis nach Karlsruhe völlig auf der Reichsautobahn zurückzule­gen, ohne die Bahn verlassen zu müssen.

In diesen Tagen wurde nun die letzte Hand an die Strecke geuyi. Unsere Bilder zeigen den gestri­gen Stand der Arbeiten. Ueberall an der Bahn sah man und sieht man heute noch die Arbeiter in einer angespannten Tätigkeit. Hier werden noch Fugen in der Fahrbahndecke ausgefüllt, dort wird die Böschung befestigt, wieder an anderer Stelle wird Rasen aufgelegt, Kehrmaschinen fegen die Fahrbahn rein, letzte Unebenheiten werden be­reinigt, Büsche und Bäume erhalten im lockeren Erdreich des Mittelstreifens oder an den Rändern der Straße ihren Platz, Brückengeländer werden montiert, und so fügt sich nun eines zum anderen zu jenem großartigen Gesamtbild, das die fertige Reichsautobahn allenthalben bietet.

An der Stätte der Einweihung des neuen Ab­schnittes der Reichsautobahn sind heute viele Hände damit beschäftigt, die Fahnenmasten aufzurichten. Schon flattern bei Steinbach an den Fahrbahnen viele Fahnen im herbstlichen Wind und morgen wird eine stattliche Kolonne von Kraftfahrzeugen zum ersten Male offiziell die Strecke befahren, die einen bedeutungsvollen Abschnitt in der Entwick­lung der Reichsautobahn in unserer oberhessischen Heimat darstellt. Sicherlich werden morgen viele Volksgenossen an der Reichsautobahn stehen und Zeuge der geschichtlichen Stunde sein wollen, in der unsere Heimat an das große Perkehrsnetz ange­schlossen wird, das Gau um Gau unseres Vater­landes einander näherbringen und dazu beitragen wird, daß die Gemeinschaft unseres Volkes immer fester zufammenwachfen kann. N.

AmZubringer" Nieder-Mörlen, dem Anfang der neuen Teilstrecke, die nun dem Verkehr übergeben wird.

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Ende der Teilstrecke bei Steinbach. Rechts führt die Ausfahrt nach Gießen.

Schlafen Sie man noch'n bißchen, gnädige Frau", sagt Frau Hertel.

Und dann beginnt sie, die kleinen Füße zu strei­chen und zu massieren, die von so vielen auf der Leinwand bewundert werden. Nur Frau Hertel weiß, wie müde und verschwollen sie abends nach dem langen Stehen aus dem Atelier kommen. Sorgfältig und ohne ein Wort zu sprechen, ar­beitet sie an dem zierlichen Körper entlang. Es ist ihr Amt, jedes Zeichen nahenden Alters, jede Spur des Nachlassens fortzuzaubern. Lucienne er­hascht dabei noch ein bißchen Schlaf.

Als sie wach werden muß, entfernt die Masseuse mit leichten Händen vorsichtig die Schönheitsban­dagen vom Ge/icht Sie bittet, sich aufzusetzen.

Jetzt spricht sie. Und sie spricht viel. Und sie spricht lauter Dinge, die gut zu hören sind zum Tagesanfang. Von Luciennes Erfolg in ihrem neue­sten Film, von der Grazie ihrer Bewegungen, dem Wohlklang ihrer Stimme. Langsam erwacht Lu­ciennes berühmtes Lächeln. Sie ist dem Tage wie­dergegeben

Pünktlich um halb acht Uhr hört man nebenan im Badezimmer die Zofe hantieren. Mit breitem Strahl rauscht das Wasser in die tiefe Wanne.

Das ist das Wecksignal für den jungen Haus­herrn. Wenn er feine Frau überhaupt am Tage sehen will, so muß er ihr zwischen Bad und Mas­sage seine Aufwartung machen.

Die Zofe kommt herein und schiebt einen Tee­wagen vor sich her Frau Hertel wird in einen Sessel am offenen Gartenfenster genötigt. Vor ihr verwandelt sich der weißlackierte Wagen durch einen Federdruck in ein Tischleindeckdich Er ist mit Lecker­bissen für Magen und Gaumen bestellt, mit Silber, Blumen und Kristall geschmückt^

Sv meint es Frau Hertel für ihre Tochter, für die sie arbeitet.

Ein einziger kleiner Teller ist nicht für sie. Dar- Quf liegen zwei rohe Mohrrüben Die darf Lu­cienne Molny knabbern, damit sie nach der Mas­sage im Bade nicht schlapp macht.

Mit begehrlichen Kinderaugen sieht sie hinüber, schnuppert den Duft von Sahnenkaffee und harn and eggs. Dann gibt sie sich mit einem schwachen Seufzer dem nächsten Akt des Schönheitskultes hin. Die Zofe ordnet ihr Haar unb tupft das Maffage- fett von Gesicht, Hals und Händen ab. Hierauf

umhüllt sie ihre Herrin mit einem rosa Wölkchen, das einen Bettumhang darstellt, und bestäubt sie mit Parfüm.

Unter den Brüsseler Kanten des tief herabhän­genden Bettlakens holt sie eine Kassette hervor, die wegen ihres wertvollen Inhalts dort die Nächte zu­bringt. Lucienne entnimmt ihr die großen, kost­baren Ringe. Dann legt sie eine Perlenkette um, deren echtes Vorbild wohlverwahrt im Safe einer Bank ruht.

Auch etwas großes Geld entnimmt sie der Kas­sette. Denn in Gestalt des jungen Hausherrn tre­ten jetzt die Forderungen des Lebens an sie heran.

Ein reichlich greller Seidenpyjama, in dem ein gutgewachsener älterer Junge steckt. Ein nichts­sagendes, hübsches Gesicht. Glattes Haar, dem Po­maden und Wasser längst den letzten Rest der (Eigenfarbe genommen haben. Morgens hat er eigentlich wenig Anziehendes, denkt Lucienne. Und manchmal begreift sie sich selber nicht.

Aber er tut, was er kann, um sich angenehm zu machen.

Du siehst wieder fabelhaft aus. Wie ein ganz junges Mädchen. Sie haben gestern wieder alle von dir geschwärmt."

Wersie" sind, bleibt dunkel.

Keiner hält dich auch nur für so alt wie mich."

Der versteht es, in jedem Satz einmal zu schwin­deln, denkt Frau Hertel und sieht mitleidig auf die alternde Frau.

Schon gut, mein Lieber", sagt Lucienne gleich­gültigWas hast du heute vor?"

Nichts Besonderes ich weiß noch nicht. Vor­mittags bin ich jedenfalls zu Haufe. Du hast Außenaufnahmen, nicht?" Es klingt etwas lauernd.

Ja, an der Avus."

Er weiß es längst. Er hat natürlich das Pro­gramm feines Tages danach eingerichtet.

Die Masseuse verabschiedet sich. Lucienne drückt ihr die Hand.

Wiedersehen, Frau Hertel", sagt Luciennes Mann.Was macht denn das kleine Fräulein?"

Na, wir wvll'n mal nichts berufen bei der geht heute das Examen los."

Die Post wird gebracht Jetzt dürfen auch die Hunde herein. Mit leisem, heiserem Gekläff ihrer überzüchteten Kehlen quirlen ein Paar Chow- Chows ins Zimmer. Dahinter mit langen, federn­

den Schritten ein russischer Windhund.Der Aus. gehhund. Der macht schlank", sagt Luciennes Mann.

Sie spielt mit den kleinen, lebendigen Woll- knäueln, die auf ihr Bett gesprungen sind. Zehn Minuten Erholungsersatz, Kindersatz, denkt sie. Ach Unsinn sie ist ehrlich gegen sich was bin ich denn selber Prinzessinnenersatz Liebhaberin­nenersatz.

Was Neues in der Post?" fragt sie ihren Mann, der zwischen den Kuverts kramt. Film­firmen, Agenten, Phvtoateliers, Modehäuser die- ten ihre Dienste an. Er reicht ihr alles. Alles be­richtet er ihr. Er liest auch die Artikel aus den Zeitungen, in denen ihr Name steht. Er ist ganz voll vergnügter Knabenoffenheit. Und dabei ver­schwindet unbemerkt ein Brief mit einer Damen­handschrift in seiner Tasche. Einen Umschlag, der keinen Absender verrät, öffnet und lieft er leise.

Ach, Verzeihung, der ist ja für dich", sagt er dann.

Er hält eine Filmzeitschrift in der Hand:

Sieh mal hier: sechs Briefkastenantworten, die sich auf dich beziehen. ,Wie Sie richtig vermuten, ist Lucienne Molny in Berlin geboren. Lucienne Molny lebt in glücklicher Ehe mit Harry Enge­mann/ Das werde ich berichtigen. Das paßt mir nicht. Ich bin der Komponist Harry Engemann"

Bitte, tue das", sagt Lucienne.Aber ich werde jetzt aufstehen müssen."

Das Telephon surrt. Er nimmt den Hörer. Un­mutig verzieht sich sein Gesicht.Die Außenaufnah­men ganz abgesagt?" Er hängt ein.

Ihr habt bas Atelier nur noch bis Dienstag frei. Da ist heute Benkvfs mit der ßinbgreen bran. Nachmittags eure große Liebesszene am Ka­min. Du kannst bich noch ausruhen."

Wann muß ich ba sein?"

Erst gegen zwölf." Er überlegt einen Augen­blick.Dann laß mich mal zuerst ins Bab, ja?"

Bitte."

Er geht ins Babezimmer unb verschließt bie Tür hinter sich. Dann geht er burch bie gegenüber« liegenbe Tür unb burch sein Schlafzimmer hinaus. Er läuft bie Treppe hinunter. Die Tür zum Mu­sikzimmer steht halb offen. Er sieht bas Stuben- mäbchen, bas ben Flügel abstaubt. Den hat er monatelang nicht berührt. (Fortsetzung folgt.)