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Nr.k7 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Donnerstag, l5.April 1937

M der,,Schlesw!g-Holstein

Don Karl Zrredrich Birnbaum, Kapiiänleuinant

XIII.

MMcl auf Havanna!

In See, im März 1937.

Sonntag auf dem Atlantik. Wir zählen den 7. März, und zahlreich find die Anzeichen, daß es nun mit Riesenschritten der Heimat und dem Ende unserer schönen Reise zugeht. Zweimal haben wir schon seit dem Verlassen Havannas die Uhr um eine halbe Stunde vorgestellt, diesmal geht die ein­gesparte Zeit nach alter Tradition von der Dienst­zeit ab. Langst tragen wir wieder aus den Nacht­wachen blaues Zeug und die Seeleute an Deck das heimatliche weiße Arbeitszeug, seitdem die Tempe­raturen sich nur noch um 20 Grad bewegen. Schon sucht man die Sonne wieder und läßt sie sich wohlig auf den Pelz scheinen, ganz wie zu Hause im Sommer!Rudolf Albrecht", der zwei Tage vor uns auslief, um in C h a r l e st o n (USA.) Brenn­stoff zu tanken, hat durch FT. vier Grad Luft­temperatur gemeldet! Inzwischen ist er längst wie­der zu uns gestoßen und hat bei verschiedenen Klarfchiff-Uebungen, die nach dem Abschluß der Grundausbildung das Zusammenwirken aller Waf­fen gefechtsmäßig zur Darstellung bringen sollen, und bei nächtlichen Scheinwerferübungen uns wieder treulich als Ziel dient. Nur wenige hundert Meilen trennen uns noch von der ersten atlantischen Zwi­schenstation auf der Heimreise: Hamilton auf der größten der britischen Bermudainseln, versunken ist hinter uns Kuba,die Perle der Antillen", mit seiner einzigartig schönen Hauptstadt, in deren gast­lichen Hafen wir zehn unvergleichlich erlebnisreiche Tage verlebt haben.

Havanna. Schon die Silhouette der Stadt mit ihren amerikanischen Wolkenkratzern und monu­mentalen Prachtbauten, die man schon weit drau­ßen von See ausmachen kann, wirkt beim Ein­laufen imponierend und verheißungsvoll. Markig ragen die alte Forts Morro Castle und stadtwärts Castillo de la Punta, welche die schmale Einfahrt in den ausgezeichneten natürlichen Hafen flankieren, in den Morgendunst, den die aufsteigende Sonne rasch vertreibt. Als wir salutfeuernd die Einfahrt ansteuern, stehen die schaulustigen Haoanneser, dar­unter der größte Teil der fast 500 Köpfe zählenden deutschen Kolonie, dicht gedrängt an der Mole der prächtigen Avenida del Puerto, die sich vom Castillo aus in südöstlicher Richtung vor der Front der Hochhäuser binzieht. Hell -leuchten die weißen Blusen der BDM.-Mädels, die um ihren Wimpel geschart, begeistert winken. Hunderte von Wa^en parken hier, und viele begleiten uns, wäh­rend der Landessalut von dem jenseitigen Forts er­widert wird, mit Hupengetöse in den Hafen hinein. Mitten im sich verbreiternden Hafenbecken, gegen­über den großen, für die Fahrgastschiffe bestimmten Anlegepieren, rauscht unser Anker in den Grund, und wie schon so manchesmal geübt, fliegen auf Hornsignal die Backspieren querab und heben die Bootskräne unsere Kraftboote zu Wasser.

Am Ankunftstage habe ich Wache, und bald nach der Begrüßung des Geschäftsträgers, Kon­suls und Begrüßungsausschusses der deutschen Ko­lonie begibt sich der Kommandant zu den offiziel­len Besuchen von Bord. Unweit von uns liegt un­ser Freund und Kamerad, der schwedische Flugdeck­kreuzerG o t l a n d", mit dem wir in Barbados unser friedliches Weihnachten gemeinsam verlebt haben. Nach zwei Tagen bereits verläßt er uns wie­der. Zahlreiche Dampfer der verschiedensten Grö­ßen und Nationalität kommen und gehen oder lie­gen im Hafen. Rasch sinkt der Abend dieses arbeits­reichen ersten Hafentages herab, und schon blinken und blitzen die vielen tausend Lichter der Großstadt, phantastisch abgeschlossen durch die endlose Reihe der die Strandpromenade flankierenden Bogenlampen über das Wasser, als die erste große Abordnung

im festlichen Abendanzug das Schiff verläßt, um nach der offiziellen Begrüßung in der Gesandtschaft bei deutschen Familien den ersten Abend zu ver­bringen. In Scharen strömt der wachfreie Teil der Besatzung an Land, und bald wird es still auf der abendlichen Schanze, nachdem die Ronde gegangen und der Zapfenstreich aus dem Mast herübergeklun­gen ist, nach der schimmernden Stadt. Wie wird sie uns empfangen, die wir ein wachfreies Wochenende vor uns und einen, wenn auch mit noch so beschei­denen Dollars gefüllten Geldbeutel, in der Tasche haben?

Der Samstag vormittag, an Bord stets ungemüt­lich, mit Wasserfluten und geschwungenen Besen, wird auf Einladung eines Landsmannes draußen an der Mündung eines kleinen Flusses verbracht,

(Aufnahme: der Verfasser.)

wo man nach vergnüglicher Kanufahrt in geschütz­ter Bucht hinter der Brandung baden kann. Ein­ladend begrüßen uns aufgestapelte Haifischgerippe, geöffnete Rachen, mächtige Schwanz- und Rücken­flossen, als wir mit dem Omnibus auf der Farm anlangen ein origineller Badeplatz! Täglich werden hier einige Haie von den Fischern abgeliefert, die sie weiter draußen mit großer Ge­schicklichkeit von ihren Booten aus zu angeln ver­stehen. Zahlreich sind die Verwendungsmöglichkeiten der Einzelteile des gefangenen Seeräubers, selbst das Fleisch wird auf dem Markt für billiges Geld verkauft. Der Hauptfangplatz liegt an der Mün­dung der städtischen Kanalisation, wo die gefräßigen Burschen sich regelmäßig zu bestimmten Zeit herurn- zutreiben pflegen. Leider ist es uns trotz verschie­dener Versuche bisher nicht gelungen, den traditio­nellen Hai zu angeln; vielleicht hätten wir auch den hier üblichen Fischköder statt Fleisch verwenden sol­len? Auf derHamburg" hatten wir jedenfalls seinerzeit mehr Jagdglück, als in dem gar nicht weit entfernten Sankt Thomas mitten im Hafen zweimal der PfiffAlle Mann an den Hailäufer!" durchs Schiff schallte.

Nachmittags ein erster unverbindlicher Stadt­bummel, dessen Ziel zunächst das über dem Zentrum der Stadt trauende Capitolio mit dem be­rühmten Prado und dem Zentralpark ist, von wo aus die Hauptgeschäftsstraßen sich rechtwinklig nach

allen Seiten hin erstrecken. Der eigene Reiz dieser Anderthalb-Millionenstadt liegt in der Mischung zwischen altspanischer Baukultur und modernem Amerika, in dem lebendigen Kontrast zwischen der engstraßigen Altstadt und den breiten, ganz auf modernen Autoverkehr abgestellten Hauptstraßen, deren prächtigste, der P r a d o , mit kostbarem Mar­morbelag auf der breiten Fußgängerallee sich, flan­kiert von den spiegelglatten Fahrbahnen, längs der gewaltigen Häuserfronten vom Zentralpark in nörd­licher Richtung zum Hafen erstreckt. Zahlreiche Klubs und alles überrpgenb, das Sevilla-Biltmore- Hotel, von dessen Dachgarten ich am folgenden Tag beim Tanztee einen herrlichen Rundblick über das Lichtermeer der Weltstadt genieße, während ein berühmtes Tanzpaar aus dem nahen Miami (Flo­rida) feine kultivierten^ Tänze zu den Klängen der besten kubanischen Tanzkapelleauf das Parkett legt."

Gerade im Tanz hat Havana feine eigene reiz­volle Note: der einheimischen Rumba, in unzähligen Variationen zu dem eintönigen und doch packenden Rhythmus der Maracas gespielt, in bunter Folge mit den uns vertrauteren Tanzweisen amerikanisch- englischen Stils wechselnd. Die ganze Stadt steht während dieser Tage unter dem Zeichen des Karnevals. Als ich abends aus dem Kino komme, wo ich ineisgekühlter Luft" eine der neue­sten Hollywood-Filme gesehen habe, erlebe ich zum ersten Male den großen Karnevalsumzug mit, den eine dichtgedrängte Menschenmenge mit unendlicher Geduld und südländischen Beifallsausbrüchen an sich vorüberziehen läßt. Am originellsten sind zweifel­los die tanzenden Negergruppen, mit ihren maleri­schen Kostümen und kunstvoll getürmten bundschil­lernden Laternen, die sie im Rhythmus der klap­pernden Rumbaweisen über ihren Köpfen wirbeln lassen. Hier liegt die negroide Herkunft dieses zum Gesellschaftstanz südamerikanischen Stils geworde­nen Rhyihmus klar zutage.

Dieses Schauspiel wird uns an den folgenden Abenden, wenn wir im Auto mit unseren Bekann­ten durch die Stadt fahren, noch häufiger geboten. Ab zehn Uhr abends regiert der Karneval absolut den Verkehr, unzählige blumengeschmückte Autos, dicht besetzt mit bunt bekleideten Masken, schieben sich durch die verkehrsreichsten Straßen, Papier­schlangen und Konfetti fliegen im Licht der Bogen­lampen und Lichtreklamen hin und wieder, bis sich alles in den zahlreichen riesigen Festsälen zu bun­tem und ausgelassenem Treiben zusammengefunden und nur noch die tadellos funktionierende Verkehrs­polizei in unwahrscheinlich kurzer Zeit den bunten Zauber von den Straßen gefegt hat.

Draußen in dem neuesten und größten Vergnü­gungslokal Sanssouci, wohin allabendlich die reichen Amerikaner mit ihren wundervollen Wagen im Neunzig-Kilometer-Tempo durch die Quinta Avenida brausen, spielt eine berühmte amerikanische Kapelle mit einer kubanischen abwechselnd zum Tanz, in dem die dunkeläugigen Schönen des Lan­des und platinblonde Amerikanerinnen, von mehr oder weniger distinguierten Kavalieren geführt, sich bewegen. Hier in den Spielsälen, wie in den zahl­reichen vornehmen Klubs rollt der Dollar Abend für Abend, während tagsüber an dem wun­dervollen Strand der Playa hochsommerliches Badeleben herrscht, wo die prächtigen Gebäude des Havanna-Pachtklubs, des Kasino National und wie sie alle heißen, in idealer Lage, inmitten ihrer Tennis-, Golf- und Sportplätze, gelegen sind. Kraß sind die Gegensätze zwischen arm und reich, hier wie in all den Ländern, die wir seither besucht haben. Groß aber auch die rassenmäßig bedingte Kluft zwischen den Kubanern, Weißen, meist spani­schen Geblüts, und den anderthalb Millionen Negern und Mestizen. Von den vier Millionen Einwohnern Kubas sind reinrassig erhaltene Spanier rund 12 3 0 0 0; erstaunlich hoch ist die Zahl der ein­gewanderten Chinesen mit 60 000, die in Ha­vanna ihr eigenes Viertel bewohnen.

Den Nachmittag des Heldengedenktages, am Sonntag, 21. Februar, verbringen wir nach

einem Gedenkgottesdienst an Bord und anschließen­der würdiger Feierstunde in der Gesandtschaft, hier draußen in dem schönen Haimanitas-Klub, im Kreise liebenswürdiger Landsleute. Indessen zeigt sich an dem Andrang der Besucherboote an Bord, welches Interesse der Besuch des deutschen Schulschiffes gesunden hat, und drei Stunden lang ergießt sich der bunte Strom der Schaulustigen auf genau festgelegtem Rundgang durch das Schiff, von sprachgewandten Kadetten und Matrosen geleitet, die auf alle Fragen freundlich Auskunft geben und dafür zu sorgen haben, daß sich kein Besucher verkrümelt oder gegen den Strom zu schwimmen versucht. In der Batterie entwickelt sich bald ein fröhlicher Betrieb, Bekanntschaften wer­den geschlossen und die neue Freundschaft mit einem Schluck des auch hier ungeheuer beliebtengerman lagerbier vor der Kantine bekräftigt. Mancher Landsmann und viele Kubaner nehmen ihre neuen Freunde gleich mit, soweit sie zur Freiwache ge­hören, um ihnen ihre schöne Stadt zu zeigen. Keine ganz leichte Aufgabe für den wachhabenden Offizier und sein unermüdliches Wachpersonal, bis er die letzten und hartnäckigsten Besucher vor der Abend­ronde von Bord und sicher im Boot hat.

Mit frischen Kräften beginnt am nächsten Mor­gen der Ausbildungsdienst im Hafen wieder einzusetzen. Der Nachmittag bringt eine Ab­ordnung im Kraftwagen auf glatter Chaussee hun­dert Kilometer hinaus nach der hübschen kleinen Stadt Matanzas, wo unter Führung des treff­lichen Dizekvnfuls Landmann, Sisal- und an­dere große Pflanzungen und als besondere Sehens­würdigkeit eine mächtige Tropfsteinhöhle ge­zeigt werden. Zahlreiche Badeausflüge werden für die Freiwache durchgeführt, und täglich führen stramme Hitler-Jungens unsere Männer gruppen­weise durch die Sehenswürdigkeiten der Altstadt. Nach einer feucht-fröhlichen Besichtigung der be­rühmten Barcardi-Rumfabrhk, wo wir das köstliche Nationalgetränk der Kubaner, den Dai- kiri, gründlichst kennenlernen, der eben nur mit dem vorzüglichen weiß^ Bacardirum und den kleinen Simones (Zitronm) des Landes den richtigen Pfiff" erhält, geht es abends zum Yai-Alay-Klub, wo wir das schon in Barranquilla bewunderte, aus dem Baskenlande stammende Ballspiel in noch höherer Vollendung erleben und mit wachsender Spannung verfolgen. Ob ich von damals schon einen Blick dafür habe jedenfalls gewinne ich einige Pullen Bier! Zum Wetten es wird hier sehr hoch gesetzt langen unsere Devisen nicht aus. Aber es ist schon reizvoll genug, dem temperamentvollen Publikum zuzuschauen.

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Der Besuch derSchleswig-Holstein" in Irland.

Im Verlauf des Besuches des deutschen Schul­schiffesSchleswig-Holstein" in Kingstown empfing der irische Staatsminister de V a l e r a den Kommandanten derSchleswig-Holstein", der von dem deutschen Gesandten eingeführt wurde. Der irische Verteidigungsminister Alken empfing 12 Offiziere des deutschen Schiffes sowie Mitolieber der deutschen Gesandtschaft beim Frühstück im Schloß Dublin. Die deutsche Kolonie veranstaltete einen Ausflug, an dem ein großer Teil der Besatzungs­mitglieder sich beteiligte. Tags darauf fand ein freundschaftlicher Tee im Schloß von Dublin statt, an dem 85 deutsche Seekadetten mit 85 Kadetten der irischen Armee zusammentrafen. Ein weiterer Ausflug für die Seekadetten wurde von Mitgliedern der Dubliner Ortsgruppe der NSDAP, und der deutschen Kolonie veranstaltet. Anschließend besuchte die deutsche Kolonie das Schiff.

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Gabriele von ow.

Zu ihrem 50 Todestage am 16 April

Arn 20. April 1887 bewegte sich ein Trauerzug die schöne alte Lindenallee des Tegeler Parks hin­unter von dem von Schinkel klassisch gestalteten alten Jagdschlößchen fort, der Grabstätte der Hum­boldts zu. Der ChoralJesus meine Zuversicht" verhallte in der noch herben Frühlingsluft, man näherte sich der dunklen Tannengruppe, vor der sich die auf hoher Granitsäule stehendeSpes" von Thorwaldsen erhebt, Symbol des Hoffens und des Friedens über den Gräbern der Humboldts. An diesem Tage trug man das letzte Kind Wilhelms und Carolinens zu Grabe, Gabriele von Bülow, deren Gestalt uns durch das berühmt geworden«, nun vor 45 Jahren erschienene Lebensbild so ver­traut geworden ist.

Wer jemals Tegel besucht hat, die Stätte, die so deutlich Zeugnis von dem geistigen Wesen Wilhelm von Humboldts ablegt, wird sich eines entzückenden Kinderbildes aus der Romantikerzeit erinnern, das Gabriele mit ihrer etwas älteren Schwester Adel­heid darstellt. Schon in dem etwa zweijährigen Kinde ist etwas von der geistigen Anmut, Gute und Liebenswürdigkeit, die so charakteristisch für fein Leben werden sollten.

Es hat wohl aber auch selten ein Leben gegeben, das sich unter so günstigen Vorbedingungen ent­falten konnte. Unter dem Schutz eines edlen Eltern­paares erwachte der kleinen Gabriele Lebensbewußt­sein in Rom. Aus den Fenstern ihres Kinder- Dimmers im Palazzo Tomati sah sie über die ewige Stadt bis weit zum Meere hin und nahm dieses Bild unauslöschlich in ihre Seele auf.

Wilhelm von Humboldt, ein großer Kindersreund mnö ausgezeichneter Pädagoge, hatte Adelheid und «Gabriele in ihrer frühesten Kinderzeit fast ständig mm .sich. Er ersetzt? ihnen die Mutter, die mit dem Kränklichen Sohn Theodor für lange Zeit Rom ver­lassen mußte. Der geistvolle Gelehrte fand es nicht mnter seiner Würde, genauen brieflichen Bericht über die kindlichen Einfälle und Spiele der beiden Kleinen zu senden, die allerdings zuungunsten ihrer Muttersprache die italienische Sprache bald voll­kommen beherrschten.

Gewöhnt, an dem Leben der Erwachsenen teil- Zunehmen, erschienen die beiden Schwestern auch l'tets, wenn Gäste anwesend waren. Fast nie hat es eine geistigere und glänzendere Geselligkeit gegeben als im Humboldtschen Hause, vor allem in Rom. .Allabendlich vereinigten sich dort unter dem Zauber der unvergeßlichen ,ßi (Caroline von Hum­

boldt) eine muntere Gesellschaft junger Künstler im Palazzo Tomati. In diesem heiteren Kreis fehlten die Kinder niemals, und in einem Alter, wo andere noch in der Kinderstube ein abgesondertes Leben führen, lernten sie sich schon frei und natürlich in Gesellschaft zu bewegen." An der Spitze dieses Künstlerkreises standen Rauch und Thorwald- s e n, die tzen Humboldts sehr zugetan waren.Die­ser ständige Umgang mit Künstlern, der stunden­lange Aufenthalt in den Ateliers von Rauch und Thorwaldsen, die ganze Atmosphäre der Schönheit, in der sie lebte, weckten schon früh in Gabriele ein lebhaftes Interesse für Kunst, und es nahm nie­mand wunder, daß sie, ehe ihre Eltern Rom ver­ließen, darum bat, noch einmal in alle Galerien und. Museen geführt zu werden." Gabriele war damals acht Jahre alt.

Es ist begreiflich, daß sich die Humboldtschen Kinder ungemein rasch entwickelten, sie waren früh­reif, aber ohne jede Spur von Altklugheit. Dem­entsprechend früh, ja eigentlich noch als halbe Kinder, trafen Adelheid und Gabriele schon ihre Wahl fürs Leben. Adelheid war noch nicht 15 Jahre alt, als sie den Generalleutnant von Hede mann heira­tete. Gabriele folgte dem Beispiel ihrer älteren Schwester. Kurz nach ihrer Einsegnung durch Schleiermacher verlobte sie sich, eben erst 14 Jahre alt, mit dem Diplomaten und späteren Staatsminister Heinrich Freiherrn von Bülow (1792 bis 1846). Aber Gabriele mußte im Gegen­satz zu der kriegsgetrauten Adelheid, sehr vernünf­tigerweise noch fünf Jahre bis zu ihrer Heirat warten. Diese Zeit der Prüfung und des Wartens trug viel dazu bei, ihr Wesen zu vertiefen und zu reifen.

Gabriele kam damals zum zweitenmal nach Rom, wo sich Caroline mehrere Jahre mit ihren Töchtern aufhielt. Die sehnsüchtig zärtlichen Briefe der kleinen Braut (sie feiert dort ihren 15. Geburtstag, wozu ihr die Künstler einen Kuchen mit 15 Lichtern auf­bauen) berichten dem in Berlin zurückgebliebenen Bülow getreulich von all den Eindrücken, die sie, nun herangewachsen, neu in Rom empfängt.Schön finde ich es und kann auch nicht anders, da es wirk­lich sehr schön ist." Aber gefallen wird cs ihr doch tausendmal mehr in ihrem lieben Deutschland, da braucht Bülow keine Sorge zu haben!Und wenn es auch das häßlichste Land wäre, mit ihm wird sie selbst in der Einöde selig sein!" Um den Bräuti­gam ein wenig über die lange Trennung zu trösten, ließ Caroline ihre Tochter für ihn von Schadow malen. Und es entstand das bekannte reizende Bild, das sich auch in Tegel befindet, und das die kindliche Gabriele zwischen Tauben und Lilien zeigt, eine römische Landschaft im Hintergrund.

Nach mehrjähriger Abwesenheit aus Italien nach Berlin zurückgekehrt, willigten die Eltern Humboldts endlich in die Heirat ihrer Tochter mit Bülow ein, und die Trauung wird am 11. Januar 1821 durch Schleiermacher vollzogen. Die Ehe der beiden war eine denkbar glückliche, ihre Naturen ergänzten sich harmonisch. Bülows Ernst und Schwerblüttgkeit ward durch Gabrielens sonniges Temperament aus­geglichen. Gabriele entwickelte sich in der Ehe noch ungemein, neben ihren reichen geistigen Anlagen entfalteten sich alle in ihr schlummernden ausge­sprochen frauenhaften und mütterlichen Eigenschaf­ten. Als dann Bülow mehrere Jahre hindurch Ge­sandter in London (1827 bis 1840) war, erfüllte sie als Diplomatenfrau ihre gesellschaftlichen Aufgaben mit großem Geschick, ohne doch im geringsten eine Weltdame zu werden. Gerade weil sie sehr einfach und natürlich blieb, gewann sie ganz besonders den exklusiven englischen Adel für sich. Diese Einfachheit ist bei ihr Blüte der höchsten Kultur und Geistig­keit. So ist sie das Idealbild einer deutschen Frau, die ihrer Nation im Ausland alle Ehre machte.

Gabrielens Lebensweg blieb nicht ohne tiefe Schatten. Sie verlor zwei ihrer Kinder, von denen die liebliche Therese schon 12 Jahre alt war. Nach dem Tode der Mutter war Gabriele oft in Tegel, Wilhelm von Humboldt hing mit besonderer Liebe an dieser Tochter und erfreute sich an den Enkel­kindern wie einst an den eigenen Kindern. Er er­lebte nicht mehr das schwere Geschick, das Gabriele durch die geistige Umnachtung ihres Mannes, aus der ihn erst der Tod erlöste, traf. All diese Schickun­gen aber trägt die Tochter Humboldts in edler Ge- haltenheit. Die Anmut und Leichtigkeit ihres Wesens konnte nichts zerstören, weil sie ihren Grund in einer ungewöhnlich seelischen Tiefe hatten. Sie blieb der Mittelpunkt der Familie bis in ihr hohes Alter und war bis zuletzt von bewundernswürdiger geisti­ger Klarheit und Frische. Streng gegen sich selbst und alle körperlichen Beschwerden nicht achtend, war sie voll Güte, Nachsicht und Verständnis gegen die Jugend, die um sie heranwuchs.

In Gabriele von Bülow sammelte sich alle Tradition der Humboldts, und mit ihr ging ein ganzes Zeitalter zu Ende. Einer ihrer Enkelinnen, Anna von Sydow, die jetzt verwitwet in Tegel lebt, aber war es vorbehalten, die Schätze zu heben, die in den Familienpapieren verborgen lagen. Wir verdanken ihr nicht nur das Lebensbild ihrer Groß­mutter, das mit zu den schönsten Frauenleben ge­hört, sondern auch die Herausgabe des Briefwechsels zwischen Wilhelm und Caroline von Humboldt.

Margarete von Olfers.

Was alles in den Mülleimer wandert.

Noch immer machen wir uns keinen rechten be­griff davon, welche gewaltigen Werte an einem einzigen Tage in ganz Deutschland in den Müll­eimer wandern, die durch sorgfältige Sammlung der Volkswirtschaft erhalten werden können. In "einer südwestdeutschen Großstadt von einer halben Mil­lion Einwohner ergaben sich, wie die Frankfurter WochenschriftDie Umschau" mitteilt, bei einer täg­lichen Müllabfuhr von 400 Kubikmetern folgende jährlich anfallende Werte: 260 Tonnen Weißblech, 175 Tonnen gemischtes oder Schwarzblech, 25 Ton­nen verzinktes Blech, 60 Tonnen Eisenschrottmasse und Gußmaterial, 10 Tonnen andere Metalle, wie Messing, Kupfer, Zink, Blei und Aluminium, 75 Ton­nen Lumpen, 15 Tonnen Knochen, 10 Tonnen Alt­leder, 10 Tonnen Altgummi, 130 Tonnen Glas und Flaschen und 15 Tonnen Brot.

Oochschuinacdnchten.

Geheimer Medizinalrat Professor Dr. Otto von F r a n q u e, entpflichteter Ordinarius für Geburts­hilfe und Gynäkologie und Direktor der Universitäts- Frauenklinik an der Universität Bonn, ist im Alter von 70 Jahren in Kalkum bei Düsseldorf- Kaiserswerth gestorben. Professor v. F r a n q u e war am 11. September 1867 in Würzburg geboren; dort wurde er 1894 Privatdozent, 1901 Extraordi­narius. Ein Jahr später ging er als Ordinarius nach Prag; in gleicher Eigenschaft wirkte er von 1907 bis 1912 an der hessischen ßanbesunioerfität Gie­ßen. Seit 1912 war er in Bonn tätig.

Geheimrat Professor Dr. Ferdinand von Lin­demann, em. Ordinarius für Mathematik an der Universität München, wurde dieser Tage 85 Jahre alt. Geheimrat von Lindemann, der früher in Würzburg, Freiburg und Königsberg wirkte, ist Mitglied der bayrischen und der Göttin­ger gelehrten Akademien. Unter seinen zahlreichen Beiträgen zur Weiterentwicklung der Mathematik sind der von ihm erbrachte Beweis für die Unlös­barkeit der Quadratur des Kreises und seine Unter­suchungen zum Problem des Fermatschen Satzes hervorzubeben.

Professor Dr. Bernhard Rosenmöller, Ordi­narius für Philosophie an der Staatlichen Akademie in Braunsberg, wurde in gleicher Diensteigen­schaft an die Universität Breslau berufen.

Dem Dozenten Dr. Wilhelm Zwölfer ist unter Ernennung zum ordentlichen Professor in der Naturwissenschaftlich - Mathematischen Fakultät her Universität Freiburg i. Br. der Lehrstuhl für Forstzoologie übertragen worden.