Nr. ">66 Zweites Matt
Kießener Anzeiger (Aenerai-Anzeiqer für Mberheffen)
Samstag, 15. November 1057
NooftveLts zweiselhaste Projekte.
rwn unterem E. A H.-Äerichterftaite' Nachdruck verboten'
N e u y o r k, November 1937
Aul «einer Reise nach dem Westen oeiuchte Präsident Roosevelt auch sein Lieblingsprojekt, den Bonneoille-Damrn. der gerade jetzt seiner Vollendung entgegengeht. Dieser Damm staut die Wasser des Columbia ° Flusses im Staate Washington, dem nördlichsten der pazifischen Küstenstaaten. und ist der erste einer Reihe von zehn geplanten Staudämmen zur Kontrolle und Schiffbarmachung des Columbia-Flusses und zur Bewässerung einer Fläche von rund 2 Millionen Morgen Der zweite der Dämme, der Grand-Coulee-Damm, ist ebenfalls noch im Bau begriffen Seine Gesamtkosten sollen rund 400 Millionen Dollars erreichen, er wird also der teuerste aller je gebauten Dämme sein. Die Kosten des Bonneville-Dammes wurden auf 31 Millionen geschätzt, aber, wie bei vielen anderen Projekten der Bundesregierung, war die Schlußrechnung bedeutend höher als der Voranschlag. Die Gesamtbaukosten des Bonneville-Dammes haben heute 75 Millionen Dollars bereits überschritten Das ganze Flußprojekt mit seinen zehn Dämmen, Elektrizitätswerken, Schleusen usw. wird ungefähr eine Milliarde Dollars kosten, stellt also das größte je von der Bundesregierung seit Be- : ginn ihres Arbeitsbeschaffungsprögramms unternommene Projekt dar.
Durch den Besuch des Präsidenten und feine vom Bonneville-Damm aus gehaltene Lobrede lebte von neuem die feit Jahren in Presse und Fachzeitschriften geführte Debatte über die Zweckmäßigkeit der ganzen Anlage wieder auf. Bemerkenswert ist. daß iie Bundesregierung dabei die Mehrzahl der nicht Direkt interessierten Fachleute gegen sich hat Die zu prüfende Frage lautet: Lohnt sich die Ausgabe dieser ungeheuren Summe in einem Gebiet, das zu den wildesten und unentwickeltsten der Vereinigten Staaten gehört? Besteht Absatz für die geschaffene elektrische Kraft? Die Antwort der Bundesregierung lautet: Vorerst ist wohl noch keine Nachfrage vorhanden, aber wir hoffen durch Be- iwosserung von Neuland und Schiffbarmachung des «Columbia neue Siedler in jene Gegend zu Socken, die Entwicklung der Landwirtschaft zu fördern und neue I n d n st r i e n ins Leben zu irufen, so daß sich das Projekt in einigen Jahrzehnten bezahlt machen wird. Die Antwort der Ingenieure ist . Die Bundesregierung hat eine Milliarde Dollars an eine Wildnis m sinnloser Weise I verschwendet. Solange die Bauten errichtet werden, rbird wohl Arbeit geschaffen, aber dann werden die sschönen Dämme des Columbia und die Kraftwerke unbenutzt dastehen und entweder verfallen oder, , Da sie sich "in frühestens 100 Jahren rentieren könne n. so lange eine weitere Belastung für den ame- crikanischen Steuerzahler bedeuten. Sie behaupten, Daß die Bevölkerung des Tales des Columbia-River im mindestens 20 Millionen Menschen zunehmen muß, ehe die neuen Kraftanlagen überhaupt gewinnbringend ausgenützt werden können Eine solche , Entwicklung wäre nur möglich, wenn Roosevelt !ine wahre Völkerwanderung nach dem Westen m , nie Wege leiten könnte, sagen wir, wenn ihm die Macht gegeben wäre, die sämtlichen Arbeitslosen aus dem industriellen Osten und noch vier Millionen Farmerfamilien nach dem Nordwesten zu ver- i pflanzen. Daß dem Präsidenten etwas derartiges larfchwebt, ist bekannt, aber vorerst besteht leider acht die geringste Aussicht, daß sich eine solche Be
t.'vlkerungsverjchievung auch nur im bescheidenen Maße wird durchführen lassen
Der Columbia-Fluß ist ungefähr 1200 Meilen lang. Er entspringt in den kanadischen Rocky Mvun- lallis, fließt etwa 450 Meilen in einem großen Bogen nach Norden durch kanadisches Gebiet dann in die Vereinigten Staaten und bewässert dort em Gebiet von zirka 66 000 Quadrotrneilen was etwa einem Drittel der Größe Deutschlands entspricht In diesem Gebiet leben nur vier Millionen Menschen Die bereits vorhandenen Kraftwerke sind m Privatbesitz und erzeugen fchon jetzt doppelt io viel elektrische Kraft, als die einheimische Landwirtschaft und Industrie verbrauchen kann Die Stromgebühren sind niedriger als in den meisten Staaten Amerikas. Das Problem des Absatzes liegt nicht in den bereits niedrigen Gebühren, sondern in den Schwierigkeiten der Verteilung Die Farmer müssen nämlich für die Legung der Leitungen selbst aufkommen Man hat ausgerechnet, daß der Strom umsonst hergegeben werden könnte und der Verbrauch doch nicht steigen würde Je abgelegener eine Farm ist, um so unmöglicher ist es für den Farmer, die Kosten der Leitung zu tragen, um so mehr als die Leitungen in den stren- aen Wintermonaten der Nordweststaaten oft beschädigt werden und daher ständig Reparaturkosten fordern. Und solange sich die Bevölkerung der erst vor 50 Jahren erschlossenen Nordweststaaten nicht verzehnfacht hak. besteht für die Industrie kein Grund, in der Nähe des Columbia-Flusses Fabriken zu errichten, nur weil dort die elektrische Kraft einige Cents billiger ist als im Osten Die Stromkosten machen in Amerika durchschnittlich nur ein Fünftel der Erzeugungskosten aus Dafür wären diese Fabriken genötigt, ihre Erzeugnisse Tausende von Kilometern weit nach Südkalifornien oder nach dem Osten zu verfrachten, wo ihre Absatzmärkte liegen Unter diesen Gesichtspunkten gesehen, hätte also ein einziger Damm zur Bewässerung des Columbia River Hinterlands völlig genügt
Ohne also die Grundlage füss eine rasche industrielle Entwicklung zu schaffen, droht das ganze Dammprojekt außerdem die Lachsindustrie des Staates Washington zu bernichten. Der Columbia ist der größte Lachsfluß der Welt. Der Fang der Lachse, ihre Verpackung in Büchsen und der Erlös aus dem Verkauf bringt dem Staat jährlich 10 Millionen Dollars ein. Jedes Jahr schwimmen Millionen von alten Lachsen, von einem zwei- bis dreijährigen Aufenthalt im Meer zurückkehrend, den Columbia hinauf, durch Stromschnellen, über Katarakte. bis sie im Oberlauf in den Nebenflüssen und Bächen der Rocky Mountains ein stilles Plätzchen finden, wo sie laichen und sterben. Im Frühjahr kommen die Fingerlinge wieder den Fluß heruntergeschwommen Am Bonneville-Damm allein hat die Bundesregierung 7 Millionen Dollars für Fischleitern und besondere mechanische Fördertreppen ausgegeben in der Hoffnung, daß die Fische sie finden werden Fischereisachverständige betrachten diese Einrichtungen jedoch sehr skeptisch Sie glauben, daß die Lachse, selbst wenn sie die Leitern finden, in dem 70 Kilometer langen Stausee umkommen werden. Denn dieser schöne und starke Fisch braucht auf seinem berühmten Laichzug Stromschnellen und Wasserfälle, über die er springen kann In stillem Wasser stirbt er Aber selbst angenommen, er passiert alle Dämme und Stauseen, wird nicht von den Fischern gefangen und erreicht seinen Laichplatz. Was geschieht mit den kleinen Fingerlingen im Frühjahr wenn sie durch die Turbinen der Kraftwerke gewirbelt roerben9
Was für die Industrialisierung des Landes durch billigere Elektrizität gilt, gilt auch für die S ch«i f f- barmachung des Flusses Bereits im Jahre 1915 wurden einige Meilen oberhalb.von Bonneville Schleusen für Frachtkähne gebaut, die Weizen, Früchte und Holzladungen nach dem Stillen Ozean
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bringen sollten. Die Schleusen kosteten mehrere Millionen Dollars. Bis heute hat sie em einziges Schiff benutzt Die Eisenbahnen waren bis jetzt vernünftig genug, ihre Frachtraten niedrig zu halten.
Aber während selbst die Sparsamkeitsapostel dem Eolumbia-Rlver-Projekt wenigstens eine gewisse Berechtigung nicht absprechen können, enthält das Bauprogramm der Bundesregierung noch einige andere Mlllionenprojekte, die Präsident Roosevelt von seinen Gegnern den Vorwurf beispielloser Geldverschwendung eingetragen haben. Zum Teil liegt die Schuld offenbar bei den Ingenieuren der vor kurzem aufgelösten Bundesverwaltung für öffentliche Arbeiten, die sich manchmal weder über die tatsächlichen 'Kosten noch über das Verhältnis der Kosten zur Leistung oder über die Durchführbarkeit der vorgeschlagenen Projekte überhaupt einen richtigen Begriff zu machen schienen Die beiden unglücklichsten Projekte dieser Art — „weiße Elefanten" nennt man solche Bauten in Amerika — sind der Florida-Kanal und das Passa- maguody. Projekt. Letzteres wurde im Staate Maine im nördlichsten der Neu-England- Staaten an einer Bucht des Atlantischen Ozeans m Angriff genommen und sollte die durch Ebbe und Flut hervorgerufenen Strömungen zur Erzeugung elektrischer Kraft ausnützen. Nachdem sechs Millionen verbaut waren, weigerte sich der Kongreß, weitere Zuwendungen zu machen weil sehr starke Zweifel auftauchten. •
Der Florida-Kanal war eine von Roosevelts Lieblingsideen. Der Kanal sollte für die Schiffahrt eine zwei- bis dreitägige Abkürzung zwischen Atlantikhäfen und dem Golf von Mexiko schaffen untfr Umgehung des Südzipfels von Florida und der vorgelagerten Kette von Koralleninseln. Die Bundesregierung schätzte die Gesamtkosten des 120 Kilometer langen Kanals auf 200
Millionen. Der Kongreß bewilligte 5 Millionen für Vorarbeiten. Ingenieure der Armee zweifelten den Voranschlag der Bundesverwaltung an und erklärten, der Kanal würde mindestens eine Mil« liarde verschlingen. Die Arbeiten wurden wieder e i n g e st e l l t. Heute zeugt ein beinahe zugewehter Graben in der Sandwüste Nordfloridas von 5 Millionen Dollars, die einst für Arbeitsbeschaffung ausgegeben wurden Mit der letzteren war es übri-
PROSPEKT 61 DURCH BALATUM-WERKE • NEUSS
gens nicht so weit her, da Maschinen die Haupt« arbeit verrichteten.
Ein anderes Projekt, das die Amerikanische Jngenieurgesellschaft scharf verurteilt hat, ist der Fort-Peek-Damm über d e n Mississippi. Der Damm soll 109 Millionen Dollars kosten; 60 Millionen sind bereits ausgegeben. Er wird nach feiner Vollendung der größte 0;rbbamm der Welt fein. Der Damm soll der Flußkontrolle und Bewässerung dienen. Das Mississippital ist an dieser Stelle dünn besiedelt; in einem Umkreis von 240 Kilometer liegen nur drei kleinere Städte. Die Jngenieurgesellschaft erklärt, ein 3-Millionen-Dollar- Da'mm hätte genügt, um denselben Zweck zu erfüllen. Da die Bundesregierung immer noch nach allen Seiten Geld mit vollen Händen austeilt, sind l Proteste dieser Art naturgemäß gedämpft.
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Oie große kulturelle Leistungsschau des Gaues Hessen-7!astau.
Eindrücke von einem Ziundgang durch die Gau-Kulturausstellung auf dem Frankfurter Festhallengelände.
Eigener Äericht des Gießener Anzeigers.
Heute vormittag 11 Uhr ist mit der Gaukulturausstellung die Gäukulturwoche Hessen- Nassau 1 9 37 durch Gauleiter und Reichsstatthalter Sprenger feierlich eröffnet worden Das Gaupresseamt hatte der Presse bereits gestern vormittag Gelegenheit zu einer Vorbesichtigung gegeben Im würdig ausgestatteten Ehrenraum, in dessen Mitte sich eine mächtige Büste des Führers erhebt, hieß Gaupresseamtsleiter Ucker- mann die zu einem ersten Rundgang versammelten Kulturschriftleiter willkommen. Don der Ausstellungsleitung gab Pg. Weinheimer zunächst eine knappe Einführung in Sinn und Aufbau der Ausstellung; seinen Darlegungen war etwa Folgendes zu entnehmen: es konnte sich nicht darum handeln, den Besucher mit einer unübersehbaren Fülle von Ausstellungsgegenständen zu verwirren Auf allen Gebieten sollte nur verhältnismäßig Weniges, sorgfältig ausgewählt, gezeigt werden, das Gesamtbild, das sich 'so ergibt, soll einen Ueberblick über das kulturelle Leben im Gau Hessen-Nassau vermitteln Der Stoff wurde aufgegliedert nach den Arbeitsgebieten der sieben Einzelkammern, die jeweils eine Leistungsschau der in ihnen vereinigten Kulturschaffenden unseres Rhein-Main-Gebietes bieten. Das vorgeführte Ausstellungsmaterial nimmt rund 10000 Quadratmeter Ausstellungsfläche in Anspruch.
Für die Art des Aufbaues im Einzelnen ist bezeichnend, daß man beispielsweise aus Hunderten von Gemälden nur einige zwanzig ausgewählt hat.
Hierauf begann ein Rundgang durch die Ausstellungsräume unter kundiger Führung: die Sachbearbeiter der einzelnen Ausstellungsgruppen gaben jeweils einen Ueberblick über Anordnung und Aufbau des von ihnen betreuten Arbeitsgebietes Die Ausstellung war zwar gestern noch nicht in allen Teilen vollendet und eröffnungsbereit, aber immerhin so weit gefordert, daß man einen Eindruck von dem gewann, was hier geplant und verwirklicht wurde. — Der erste Raum nach der Ehrenhalle gehört der bildenden K u n ft, und zwar der alten Kunst. Man hat absichtlich die reichen Schätze des Frankfurter Kunsthandels zur Beschickung der Ausstellung mit herangezogen, um auch die Grundlagen und die reiche Tradition anzudeuten, auf die das kulturelle Leben unserer Landschaft sich gründet. Hier gibt es wenige, ober gute Bilder älterer Meister unseres Gebietes, daneben auch alte Plastik, wertvolles Kunsthandwerk, Wandteppiche, Möbel und Hausrat, Glas und Töpfereien. Wie weit und großzügig-vielfältig man den Rahmen gespannt hat, mag daraus hervorgehen, daß man in diesem Raume etwa die frühbarocke Lindenholz-Plastik eines Kriegers neben einem prachtvoll geschnitzten
Gerhart Hauptmann.
3«m 75 Geburtstage am 15. November
Am 15 November kann Gerhart Hauptmann i einen 75 Geburtstag begehen Wenn wir es unter- ! i-rehrnen. aus diesem Anlaß einige'Worte zu lagen, io wird schon, indem wir die Feder ansetzen, klar, wie wenig gesagt werden kann in der Begrenzung eines schlichten Zeitungsaufsatzes: wenn man sich Darauf besinnt, daß mit der stürmischen Uraufführung des Schauspiels „Vor Sonnenaufgang □m 20 Oktober 1889 Hauptmanns Weg im wesentlichen begonnen hat, so wird man gewahr, daß Dieser Weg bis heute fast ein halbes Jahrhundert umspannt, und es wäre — für uns, hier — ebenso aussichtslos, die geistigen, politischen, sozialen und technischen Wandlungen unseres Weltbildes während Lieser Zeit (auch nur im Umriß und Ueberblick) uachzeichnen zu wollen, wie die Gestaltungen eines Lebenswerkes zu umschreiben, das durch all diese Wandlungen hindurch gegangen ist bis auf den heutigen Tag. Blicken wir zurück auf die nahezu »fünf Jahrzehnte, die Hauptmanns Werk zeitlich urn- •greinen, so wird man schon bei etwas näherem Zusehen geblendet sein von der menschlichen und dichterischen Fülle, die darin beschlossen liegt. (Selbst dann wenn man ruhigen Herzens ausscheidet und obsondert, was Nebenwerk oder Versuch blieb was mißlang oder seine Kraft im Wandel der Zeiten micht zu bewähren und zu bewahren vermochte.)
Hauptmann hat einmal ganz allgemein als der Dichter des Naturalismus gegolten; mancher wird iihn vielleicht noch immer so nennen, und man wird .gewiß ein Werk wie das seine nicht aus den Fundamenten heben können, auf denen es ruht, und nicht aus den Bindungen an Zeit und Umwelt feiner Entstehung lösen, die schlechterdings unlöslich sind: aber je weiter wir uns davon entfernen, um so klarer erkennen wir auch das über die Zeit hinaus Gewachsene, das aus jenen Keimzellen Gereifte, das Bleibende. Der Naturalismus ist für uns heute kein Problem mehr, sondern eine langst historisch gewordene Entwicklungsstufe; damals, am Anfang von Hauptmanns Weg. war er eine europäische Erscheinung, die sich vornehmlich m der Dichtung der Franzosen, Skandinavier und Russen repräsentierte. Nennt man Hauptmann also einen Naturalisten, der er unleugbar gewesen ist, so wird man billigerweise hinzufugen müssen, daß er es war der den entscheidenden deutschen Beitrag zu Diesem Teile der.europäischen Dichtung geleistet hat
Das wesenhaft Deutsche in Hauptmanns dichterischem Werk wird nun freilich — auch außerhalb dieser heute fast vergessenen Beziehung — allenthalben sichtbar und spürbar, je stetiger es zunimmt und reift Muß man daran erinnern, daß es Hauptmann wie keinem andern sonst zu verdanken ist, Daß er eine feit dem Barock in der Literatur fast :dergebene Provinz in die deutsche Dichtung etnge führt und in ihr heimisch gemacht hat? Eine Reihe
seiner unvergeßlichsten Dichtungen wurzelt in der chlesischen Welt, der er selber entstammt; die Weber, der Henschel, die Rose Bernd, die Pippa, bas Hannele, Schluck und Jau, auch die Mutter Wolffen — man kann sie nicht wegdenken aus Hauptmanns Werk, ohne den Mutterboden zu leugnen, der es trug. Es ist mit diesen Namen zugleich eine Anzahl von Schauspielen bezeichnet, in welchen sich ein Grundzug in Hayptmanns Schaffen
(Scherl-Bilder-Dienst.)
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ausprägt: jenes soziale Element, das Mitgefühl und Mitleiden mit den Armen, Unterdrückten, Entrechteten: in den „Webern" hat diese innere Haltung ihre anklägerischste Form gefunden, und es spricht für die dichterische und menschliche Reife dieses Werkes, daß es in aller Klage und Anklage nicht einseitig, nicht bösartig verzerrt wirkt, daß es auch der „andern Seite" gerecht zu werden bemüht ist
Mit dem Bauernkriegsdrama vom Florian Geyer hat Hauptmann bann nicht nur. was künstlerisch bemerkenswert schien, den naturalistischen Stil der „Weber" und seiner andern frühen Dramen folgerichtig aufs Historische angewendet: er sand hier im geschichtlichen Raume das brennende soziale Thema wieder, das ihn im Gegenwärtigen immer aufs neue bewegte, — er hatte mit diesem großartigen Schauspiel zugleich auch eines der Werke geschaffen die im innersten Wesenskern deutsch genannt werden müssen.
Nicht erst seit Goethes Tagen hat das Lebensgefühl unseres Volkes in feiner geistigsten Ausprägung, hat das deutsche Wesen die Ergänzung, die Spiegelung, die Festigung oder Erfüllung seiner selbst im Süden gesucht, in den klassischen Landschaften der Antike. Auch Hauptmann hat schon früh, auf der Suche nach dem Beruf in dem fein schöpferisches Wesen sich zu entfalten vermöchte, seine Unruhe und seine Sehnsucht nach Italien getragen: wie tief diese erste Begegnung auf ihn eingewirkt hat, davon berichtet ein rückschauendes Werk, in dem der 75jährige seine Entwicklungsepoche überschaut. Aus einer viel späteren zweiten Begegnung mit dem klassischen Kulturkreise reifte, schon in Aufzeichnungen im „Griechischen Frühling" sich andeutend, das auf einem homerischen Motiv aufbauende Drama „Der Bogen des Odysseus", aus einer erstaunlichen Einfühlung in eine sagenhafte, bukolische, griechische Welt sehr menschlich in seinen einfachen Tatbeständen und seinen an kein Zeitalter und keinen Kulturkreis gebundenen seelischen Beziehungen
Dieses Schauspiel vom Jahre 1914 ist auch sonst in mancher Beziehung aufschlußreich und bedeutungsvoll in der Entwicklung des Hauptmann- schen Werkes: es mag, als ein Beispiel für andere, erkennen lassen, wie mit den Jahren Hauptmanns Weltbild sich weitete, wie er dem Naturalismus seiner Anfänge entwuchs, wie seine Phantasie und Gestaltungskraft, schweifend durch Zeiten und Räume, immer weitere Kreise schlug. Man hat, im Zusammenhang mit solchen Feststellungen, einmal behauptet, der Ehrgeiz des Dichters suche nach immer neuen Masken, jeine eigenen Züge damit zu verkleiden; man hat auf die mancherlei Vorbilder, stofflichen Anregungen und Motive hingewiesen, die er in den Literaturen der Welt fand, auftzriff, verwandelte und neu gestaltete. Dafür sind Homer und „Der Bogen des Odysseus" wiederum nur ein Beispiel; man konnte auch Shakespeare nennen („Hamlet in Wittenberg"), die Lagerlof („Winterballade"), Holberg („Schluck und Jau") und Grillparzer („Elga"). Mit solchen Hinweisen ist — über das Motivgeschichtliche h'naus — nicht viel gejagt ober gar bewiesen, und jedenfalls müßte man hinzufügen, wie sehr in der Verwandlung die fremde Fabel doch immer Hauptmanns persönliches Eigentum wurde und seine Züge erhielt
Es ist bisher von dem Erzähler Hauptmann noch nicht die Rede gewesen, und es mag wenigstens angemerkt werden wie sich eine ähnliche Entwicklung über den Naturalismus seiner Frühzeit hinaus, formal und stofflich, schon von der zeitlichen Aneinanderreihung einiger Namen ablefen läßt, wenn man etwa die Lime verfolgt, die vom „Bahnwärter Thiel" zum „Narren in Christo Emanuel Quint", zu „Atlantis" und zum .Ketzer von Soana" führt, und von da über die „Insel der großen Mutter" zum „Eulenspiegel" und zum Buche der Leidenschaft" Die Aufzählung iff ebenso unvollständig wie die bisher erwähnte Reihe der
Dramen, aber auf eine Erschöpfung des Stoffes kann es in unserer Betrachtung noch weniger ankommen als in einer Darstellung größerer Zusammenhänge. Auch wird sich das Bild von Hauptmanns dichterischem Wesen, wie uns scheint, noch immer am deutlichsten und in den entscheidenden Zügen vom Drama her entwickeln lassen: jene menschliche und dichterische Fülle, von der zu Anfang die Rede war, spiegelt sich hier in einer kaum übersehbaren Folge der Gestalten, Beziehungen und Probleme.
Es ist sehr reizvoll zu beobachten, mit welcher Sicherheit des Handwerklichen, mit welchem Instinkt für Gesetz und Wesen des Dramatischen sich Hauptmann die Bühne erobert — aus der Undramatik der naturalistischen Zustandsschilderung und Milieuschwärmerei heraus; wie mit der Kunst des Dramas zugleich die Menschenkennerschaft und Menschen» darstellung sich vertieft und reift und verfeinert. Diesen Zugen und Szenen schlechthin menschlicher Nähe unb Wärme wirb man in allen, auch ben minber lebenskräftigen unter feinen Dramen begegnen, unb es ist eine feine Beobachtung, wenn ber Literarhistoriker Hans Naumann etwa zu dem Lustspiel „Die Jungfern vom Bischofsberg" bemerkt: „Auch über Hauptmanns weniger glücklichen Werken liegt doch immer hier ober da jener unbeschreibliche Hauch angeborensten Dichtertums". Und da eben vom Lustspiel die Rede ist, so sei noch einmal der beiden Werke gedacht, welche diese schwierige und immer wieder zu erobernde Provinz der deutschen Dichtung wirklich bereichert haben: mit der Diebskomodie vom Biberpelz (1893) gelang Hauptmann ein Werk von so lebendiger Kraft ber Komik, wie man es feit bem „Zerbrochenen Kruge" auf bem beutschen Theater nicht mehr erlebt hatte; mit „Schluck unb Jau" (1900) ein Scherzspiel mit ben Zügen ber echten Komödie, ein Stuck übrigens auch auf bem Wege vom Naturalismus zu einer neuen Romantik, zum Märchen, zur Legenbe, zum Traumspiel, wie zuvor „Hanneles Himmelfahrt" unb bie „Versunkene Glocke", später die „Pippa" und manches andere noch. Den Reigen ber Haupt- mannschen Frauengestalten einmal für sich zu betrachten, erschiene nicht weniger reizvoll als etwa ben Wandlungen des Künstler-Motivs im „Crampton", im „Kramer", im „Peter Brauer" zu folgen.
Dies alles konnte nur eben angebeutet werben. Als wir vor einigen Jahren bas Schauspiel „Vor Sonnenuntergang" hier erlebten unb, burch ben • unüberhörbaren Anklang bes Namens, an Hauptmanns Erstling von 1889 erinnert würben, schien sich ber weite Kreis bes Werkes symbolisch geschlossen zu haben. Aber er ist noch nicht geschlossen, er weitet sich noch immer; aus bem Schauspiel „Dor Sonnenuntergang" reifte, in einem tiefgreifenben Gestaltwanbel, eine ber großartigsten deutschen Filmfchöpfungen der letzten Jahre, unb schon sind inzwischen neue Werke erschienen, die non ber ungebrochenen Schaffenslust und Kraft des greifen Dichters zeugen. Hans fhyriot.


