Einzelbild herunterladen

Nr. ">66 Zweites Matt

Kießener Anzeiger (Aenerai-Anzeiqer für Mberheffen)

Samstag, 15. November 1057

NooftveLts zweiselhaste Projekte.

rwn unterem E. A H.-Äerichterftaite' Nachdruck verboten'

N e u y o r k, November 1937

Aul «einer Reise nach dem Westen oeiuchte Prä­sident Roosevelt auch sein Lieblingsprojekt, den Bonneoille-Damrn. der gerade jetzt seiner Vollendung entgegengeht. Dieser Damm staut die Wasser des Columbia ° Flusses im Staate Washington, dem nördlichsten der pazifischen Küsten­staaten. und ist der erste einer Reihe von zehn ge­planten Staudämmen zur Kontrolle und Schiffbar­machung des Columbia-Flusses und zur Bewässe­rung einer Fläche von rund 2 Millionen Morgen Der zweite der Dämme, der Grand-Coulee-Damm, ist ebenfalls noch im Bau begriffen Seine Gesamt­kosten sollen rund 400 Millionen Dollars erreichen, er wird also der teuerste aller je gebauten Dämme sein. Die Kosten des Bonneville-Dammes wurden auf 31 Millionen geschätzt, aber, wie bei vielen anderen Projekten der Bundesregierung, war die Schlußrechnung bedeutend höher als der Vor­anschlag. Die Gesamtbaukosten des Bonneville-Dam­mes haben heute 75 Millionen Dollars bereits über­schritten Das ganze Flußprojekt mit seinen zehn Dämmen, Elektrizitätswerken, Schleusen usw. wird ungefähr eine Milliarde Dollars kosten, stellt also das größte je von der Bundesregierung seit Be- : ginn ihres Arbeitsbeschaffungsprögramms unter­nommene Projekt dar.

Durch den Besuch des Präsidenten und feine vom Bonneville-Damm aus gehaltene Lobrede lebte von neuem die feit Jahren in Presse und Fachzeitschrif­ten geführte Debatte über die Zweckmäßigkeit der ganzen Anlage wieder auf. Bemerkenswert ist. daß iie Bundesregierung dabei die Mehrzahl der nicht Direkt interessierten Fachleute gegen sich hat Die zu prüfende Frage lautet: Lohnt sich die Aus­gabe dieser ungeheuren Summe in einem Gebiet, das zu den wildesten und unentwickeltsten der Ver­einigten Staaten gehört? Besteht Absatz für die geschaffene elektrische Kraft? Die Antwort der Bundesregierung lautet: Vorerst ist wohl noch keine Nachfrage vorhanden, aber wir hoffen durch Be- iwosserung von Neuland und Schiffbarmachung des «Columbia neue Siedler in jene Gegend zu Socken, die Entwicklung der Landwirtschaft zu för­dern und neue I n d n st r i e n ins Leben zu irufen, so daß sich das Projekt in einigen Jahr­zehnten bezahlt machen wird. Die Antwort der In­genieure ist . Die Bundesregierung hat eine Mil­liarde Dollars an eine Wildnis m sinnloser Weise I verschwendet. Solange die Bauten errichtet werden, rbird wohl Arbeit geschaffen, aber dann werden die sschönen Dämme des Columbia und die Kraftwerke unbenutzt dastehen und entweder verfallen oder, , Da sie sich "in frühestens 100 Jahren rentieren kön­ne n. so lange eine weitere Belastung für den ame- crikanischen Steuerzahler bedeuten. Sie behaupten, Daß die Bevölkerung des Tales des Columbia-River im mindestens 20 Millionen Menschen zunehmen muß, ehe die neuen Kraftanlagen überhaupt ge­winnbringend ausgenützt werden können Eine solche , Entwicklung wäre nur möglich, wenn Roosevelt !ine wahre Völkerwanderung nach dem Westen m , nie Wege leiten könnte, sagen wir, wenn ihm die Macht gegeben wäre, die sämtlichen Arbeitslosen aus dem industriellen Osten und noch vier Millio­nen Farmerfamilien nach dem Nordwesten zu ver- i pflanzen. Daß dem Präsidenten etwas derartiges larfchwebt, ist bekannt, aber vorerst besteht leider acht die geringste Aussicht, daß sich eine solche Be­

t.'vlkerungsverjchievung auch nur im bescheidenen Maße wird durchführen lassen

Der Columbia-Fluß ist ungefähr 1200 Meilen lang. Er entspringt in den kanadischen Rocky Mvun- lallis, fließt etwa 450 Meilen in einem großen Bogen nach Norden durch kanadisches Gebiet dann in die Vereinigten Staaten und bewässert dort em Gebiet von zirka 66 000 Quadrotrneilen was etwa einem Drittel der Größe Deutschlands entspricht In diesem Gebiet leben nur vier Millionen Men­schen Die bereits vorhandenen Kraftwerke sind m Privatbesitz und erzeugen fchon jetzt doppelt io viel elektrische Kraft, als die einheimische Landwirtschaft und Industrie verbrauchen kann Die Stromgebüh­ren sind niedriger als in den meisten Staaten Ame­rikas. Das Problem des Absatzes liegt nicht in den bereits niedrigen Gebühren, sondern in den Schwierigkeiten der Verteilung Die Farmer müssen nämlich für die Legung der Lei­tungen selbst aufkommen Man hat ausgerechnet, daß der Strom umsonst hergegeben werden könnte und der Verbrauch doch nicht steigen würde Je abgelegener eine Farm ist, um so unmöglicher ist es für den Farmer, die Kosten der Leitung zu tragen, um so mehr als die Leitungen in den stren- aen Wintermonaten der Nordweststaaten oft be­schädigt werden und daher ständig Reparaturkosten fordern. Und solange sich die Bevölkerung der erst vor 50 Jahren erschlossenen Nordweststaaten nicht verzehnfacht hak. besteht für die Industrie kein Grund, in der Nähe des Columbia-Flusses Fabriken zu errichten, nur weil dort die elektrische Kraft einige Cents billiger ist als im Osten Die Strom­kosten machen in Amerika durchschnittlich nur ein Fünftel der Erzeugungskosten aus Dafür wären diese Fabriken genötigt, ihre Erzeugnisse Tausende von Kilometern weit nach Südkalifornien oder nach dem Osten zu verfrachten, wo ihre Absatzmärkte liegen Unter diesen Gesichtspunkten gesehen, hätte also ein einziger Damm zur Bewässerung des Co­lumbia River Hinterlands völlig genügt

Ohne also die Grundlage füss eine rasche indu­strielle Entwicklung zu schaffen, droht das ganze Dammprojekt außerdem die Lachsindustrie des Staates Washington zu bernichten. Der Co­lumbia ist der größte Lachsfluß der Welt. Der Fang der Lachse, ihre Verpackung in Büchsen und der Erlös aus dem Verkauf bringt dem Staat jährlich 10 Millionen Dollars ein. Jedes Jahr schwimmen Millionen von alten Lachsen, von einem zwei- bis dreijährigen Aufenthalt im Meer zurückkehrend, den Columbia hinauf, durch Stromschnellen, über Kata­rakte. bis sie im Oberlauf in den Nebenflüssen und Bächen der Rocky Mountains ein stilles Plätzchen finden, wo sie laichen und sterben. Im Frühjahr kommen die Fingerlinge wieder den Fluß herunter­geschwommen Am Bonneville-Damm allein hat die Bundesregierung 7 Millionen Dollars für Fisch­leitern und besondere mechanische Fördertreppen ausgegeben in der Hoffnung, daß die Fische sie finden werden Fischereisachverständige betrachten diese Einrichtungen jedoch sehr skeptisch Sie glauben, daß die Lachse, selbst wenn sie die Leitern finden, in dem 70 Kilometer langen Stausee umkommen werden. Denn dieser schöne und starke Fisch braucht auf seinem berühmten Laichzug Stromschnellen und Wasserfälle, über die er springen kann In stillem Wasser stirbt er Aber selbst angenommen, er passiert alle Dämme und Stauseen, wird nicht von den Fischern gefangen und erreicht seinen Laich­platz. Was geschieht mit den kleinen Fingerlingen im Frühjahr wenn sie durch die Turbinen der Kraftwerke gewirbelt roerben9

Was für die Industrialisierung des Landes durch billigere Elektrizität gilt, gilt auch für die S ch«i f f- barmachung des Flusses Bereits im Jahre 1915 wurden einige Meilen oberhalb.von Bonne­ville Schleusen für Frachtkähne gebaut, die Weizen, Früchte und Holzladungen nach dem Stillen Ozean

55

bringen sollten. Die Schleusen kosteten mehrere Mil­lionen Dollars. Bis heute hat sie em einziges Schiff benutzt Die Eisenbahnen waren bis jetzt ver­nünftig genug, ihre Frachtraten niedrig zu halten.

Aber während selbst die Sparsamkeitsapostel dem Eolumbia-Rlver-Projekt wenigstens eine gewisse Berechtigung nicht absprechen können, enthält das Bauprogramm der Bundesregierung noch einige andere Mlllionenprojekte, die Präsident Roosevelt von seinen Gegnern den Vorwurf beispielloser Geldverschwendung eingetragen haben. Zum Teil liegt die Schuld offenbar bei den Ingenieuren der vor kurzem aufgelösten Bundesverwaltung für öffentliche Arbeiten, die sich manchmal weder über die tatsächlichen 'Kosten noch über das Verhältnis der Kosten zur Leistung oder über die Durchführ­barkeit der vorgeschlagenen Projekte überhaupt einen richtigen Begriff zu machen schienen Die beiden unglücklichsten Projekte dieser Artweiße Ele­fanten" nennt man solche Bauten in Amerika sind der Florida-Kanal und das Passa- maguody. Projekt. Letzteres wurde im Staate Maine im nördlichsten der Neu-England- Staaten an einer Bucht des Atlantischen Ozeans m Angriff genommen und sollte die durch Ebbe und Flut hervorgerufenen Strömungen zur Erzeugung elektrischer Kraft ausnützen. Nachdem sechs Millio­nen verbaut waren, weigerte sich der Kongreß, weitere Zuwendungen zu machen weil sehr starke Zweifel auftauchten.

Der Florida-Kanal war eine von Roose­velts Lieblingsideen. Der Kanal sollte für die Schiffahrt eine zwei- bis dreitägige Abkürzung zwischen Atlantikhäfen und dem Golf von Mexiko schaffen untfr Umgehung des Südzipfels von Flo­rida und der vorgelagerten Kette von Korallen­inseln. Die Bundesregierung schätzte die Gesamt­kosten des 120 Kilometer langen Kanals auf 200

Millionen. Der Kongreß bewilligte 5 Millionen für Vorarbeiten. Ingenieure der Armee zweifelten den Voranschlag der Bundesverwaltung an und er­klärten, der Kanal würde mindestens eine Mil« liarde verschlingen. Die Arbeiten wurden wieder e i n g e st e l l t. Heute zeugt ein beinahe zugewehter Graben in der Sandwüste Nordfloridas von 5 Mil­lionen Dollars, die einst für Arbeitsbeschaffung ausgegeben wurden Mit der letzteren war es übri-

PROSPEKT 61 DURCH BALATUM-WERKE NEUSS

gens nicht so weit her, da Maschinen die Haupt« arbeit verrichteten.

Ein anderes Projekt, das die Amerikanische Jngenieurgesellschaft scharf verurteilt hat, ist der Fort-Peek-Damm über d e n Missis­sippi. Der Damm soll 109 Millionen Dollars kosten; 60 Millionen sind bereits ausgegeben. Er wird nach feiner Vollendung der größte 0;rbbamm der Welt fein. Der Damm soll der Flußkontrolle und Bewässerung dienen. Das Mississippital ist an dieser Stelle dünn besiedelt; in einem Umkreis von 240 Kilometer liegen nur drei kleinere Städte. Die Jngenieurgesellschaft erklärt, ein 3-Millionen-Dollar- Da'mm hätte genügt, um denselben Zweck zu er­füllen. Da die Bundesregierung immer noch nach allen Seiten Geld mit vollen Händen austeilt, sind l Proteste dieser Art naturgemäß gedämpft.

Der fußbode n- belog unserer ZeO

schnell und lekhi zu pflegen

herrlich in korbe und Musler

/tjafa/urrt

Oie große kulturelle Leistungsschau des Gaues Hessen-7!astau.

Eindrücke von einem Ziundgang durch die Gau-Kulturausstellung auf dem Frankfurter Festhallengelände.

Eigener Äericht des Gießener Anzeigers.

Heute vormittag 11 Uhr ist mit der Gaukultur­ausstellung die Gäukulturwoche Hessen- Nassau 1 9 37 durch Gauleiter und Reichsstatt­halter Sprenger feierlich eröffnet worden Das Gaupresseamt hatte der Presse bereits gestern vor­mittag Gelegenheit zu einer Vorbesichtigung ge­geben Im würdig ausgestatteten Ehrenraum, in dessen Mitte sich eine mächtige Büste des Füh­rers erhebt, hieß Gaupresseamtsleiter Ucker- mann die zu einem ersten Rundgang versammel­ten Kulturschriftleiter willkommen. Don der Aus­stellungsleitung gab Pg. Weinheimer zunächst eine knappe Einführung in Sinn und Aufbau der Ausstellung; seinen Darlegungen war etwa Folgen­des zu entnehmen: es konnte sich nicht darum han­deln, den Besucher mit einer unübersehbaren Fülle von Ausstellungsgegenständen zu verwirren Auf allen Gebieten sollte nur verhältnismäßig Weniges, sorgfältig ausgewählt, gezeigt werden, das Gesamt­bild, das sich 'so ergibt, soll einen Ueberblick über das kulturelle Leben im Gau Hessen-Nassau vermit­teln Der Stoff wurde aufgegliedert nach den Ar­beitsgebieten der sieben Einzelkammern, die jeweils eine Leistungsschau der in ihnen vereinigten Kultur­schaffenden unseres Rhein-Main-Gebietes bieten. Das vorgeführte Ausstellungsmaterial nimmt rund 10000 Quadratmeter Ausstellungsfläche in Anspruch.

Für die Art des Aufbaues im Einzelnen ist bezeich­nend, daß man beispielsweise aus Hunderten von Gemälden nur einige zwanzig ausgewählt hat.

Hierauf begann ein Rundgang durch die Aus­stellungsräume unter kundiger Führung: die Sach­bearbeiter der einzelnen Ausstellungsgruppen gaben jeweils einen Ueberblick über Anordnung und Auf­bau des von ihnen betreuten Arbeitsgebietes Die Ausstellung war zwar gestern noch nicht in allen Teilen vollendet und eröffnungsbereit, aber immer­hin so weit gefordert, daß man einen Eindruck von dem gewann, was hier geplant und verwirklicht wurde. Der erste Raum nach der Ehrenhalle ge­hört der bildenden K u n ft, und zwar der alten Kunst. Man hat absichtlich die reichen Schätze des Frankfurter Kunsthandels zur Beschickung der Aus­stellung mit herangezogen, um auch die Grundlagen und die reiche Tradition anzudeuten, auf die das kulturelle Leben unserer Landschaft sich gründet. Hier gibt es wenige, ober gute Bilder älterer Mei­ster unseres Gebietes, daneben auch alte Plastik, wertvolles Kunsthandwerk, Wandteppiche, Möbel und Hausrat, Glas und Töpfereien. Wie weit und großzügig-vielfältig man den Rahmen gespannt hat, mag daraus hervorgehen, daß man in diesem Raume etwa die frühbarocke Lindenholz-Plastik eines Kriegers neben einem prachtvoll geschnitzten

Gerhart Hauptmann.

3«m 75 Geburtstage am 15. November

Am 15 November kann Gerhart Hauptmann i einen 75 Geburtstag begehen Wenn wir es unter- ! i-rehrnen. aus diesem Anlaß einige'Worte zu lagen, io wird schon, indem wir die Feder ansetzen, klar, wie wenig gesagt werden kann in der Begrenzung eines schlichten Zeitungsaufsatzes: wenn man sich Darauf besinnt, daß mit der stürmischen Urauf­führung des SchauspielsVor Sonnenaufgang □m 20 Oktober 1889 Hauptmanns Weg im wesent­lichen begonnen hat, so wird man gewahr, daß Dieser Weg bis heute fast ein halbes Jahrhundert umspannt, und es wäre für uns, hier ebenso aussichtslos, die geistigen, politischen, sozialen und technischen Wandlungen unseres Weltbildes während Lieser Zeit (auch nur im Umriß und Ueberblick) uachzeichnen zu wollen, wie die Gestaltungen eines Lebenswerkes zu umschreiben, das durch all diese Wandlungen hindurch gegangen ist bis auf den heutigen Tag. Blicken wir zurück auf die nahezu »fünf Jahrzehnte, die Hauptmanns Werk zeitlich urn- greinen, so wird man schon bei etwas näherem Zusehen geblendet sein von der menschlichen und dichterischen Fülle, die darin beschlossen liegt. (Selbst dann wenn man ruhigen Herzens ausscheidet und obsondert, was Nebenwerk oder Versuch blieb was mißlang oder seine Kraft im Wandel der Zeiten micht zu bewähren und zu bewahren vermochte.)

Hauptmann hat einmal ganz allgemein als der Dichter des Naturalismus gegolten; mancher wird iihn vielleicht noch immer so nennen, und man wird .gewiß ein Werk wie das seine nicht aus den Fundamenten heben können, auf denen es ruht, und nicht aus den Bindungen an Zeit und Umwelt feiner Entstehung lösen, die schlechterdings unlös­lich sind: aber je weiter wir uns davon entfernen, um so klarer erkennen wir auch das über die Zeit hinaus Gewachsene, das aus jenen Keimzellen Ge­reifte, das Bleibende. Der Naturalismus ist für uns heute kein Problem mehr, sondern eine langst historisch gewordene Entwicklungsstufe; damals, am Anfang von Hauptmanns Weg. war er eine euro­päische Erscheinung, die sich vornehmlich m der Dichtung der Franzosen, Skandinavier und Russen repräsentierte. Nennt man Hauptmann also einen Naturalisten, der er unleugbar gewesen ist, so wird man billigerweise hinzufugen müssen, daß er es war der den entscheidenden deutschen Beitrag zu Diesem Teile der.europäischen Dichtung geleistet hat

Das wesenhaft Deutsche in Hauptmanns dichte­rischem Werk wird nun freilich auch außerhalb dieser heute fast vergessenen Beziehung allent­halben sichtbar und spürbar, je stetiger es zunimmt und reift Muß man daran erinnern, daß es Haupt­mann wie keinem andern sonst zu verdanken ist, Daß er eine feit dem Barock in der Literatur fast :dergebene Provinz in die deutsche Dichtung etnge führt und in ihr heimisch gemacht hat? Eine Reihe

seiner unvergeßlichsten Dichtungen wurzelt in der chlesischen Welt, der er selber entstammt; die Weber, der Henschel, die Rose Bernd, die Pippa, bas Hannele, Schluck und Jau, auch die Mutter Wolffen man kann sie nicht wegdenken aus Hauptmanns Werk, ohne den Mutterboden zu leugnen, der es trug. Es ist mit diesen Namen zu­gleich eine Anzahl von Schauspielen bezeichnet, in welchen sich ein Grundzug in Hayptmanns Schaffen

(Scherl-Bilder-Dienst.)

f? vl v-WS

ausprägt: jenes soziale Element, das Mitgefühl und Mitleiden mit den Armen, Unterdrückten, Entrech­teten: in denWebern" hat diese innere Haltung ihre anklägerischste Form gefunden, und es spricht für die dichterische und menschliche Reife dieses Werkes, daß es in aller Klage und Anklage nicht einseitig, nicht bösartig verzerrt wirkt, daß es auch derandern Seite" gerecht zu werden bemüht ist

Mit dem Bauernkriegsdrama vom Florian Geyer hat Hauptmann bann nicht nur. was künstlerisch bemerkenswert schien, den naturalistischen Stil der Weber" und seiner andern frühen Dramen folge­richtig aufs Historische angewendet: er sand hier im geschichtlichen Raume das brennende soziale Thema wieder, das ihn im Gegenwärtigen immer aufs neue bewegte, er hatte mit diesem großartigen Schauspiel zugleich auch eines der Werke geschaffen die im innersten Wesenskern deutsch genannt wer­den müssen.

Nicht erst seit Goethes Tagen hat das Lebens­gefühl unseres Volkes in feiner geistigsten Aus­prägung, hat das deutsche Wesen die Ergänzung, die Spiegelung, die Festigung oder Erfüllung seiner selbst im Süden gesucht, in den klassischen Land­schaften der Antike. Auch Hauptmann hat schon früh, auf der Suche nach dem Beruf in dem fein schöpferisches Wesen sich zu entfalten vermöchte, seine Unruhe und seine Sehnsucht nach Italien ge­tragen: wie tief diese erste Begegnung auf ihn ein­gewirkt hat, davon berichtet ein rückschauendes Werk, in dem der 75jährige seine Entwicklungs­epoche überschaut. Aus einer viel späteren zweiten Begegnung mit dem klassischen Kulturkreise reifte, schon in Aufzeichnungen imGriechischen Früh­ling" sich andeutend, das auf einem homerischen Motiv aufbauende DramaDer Bogen des Odys­seus", aus einer erstaunlichen Einfühlung in eine sagenhafte, bukolische, griechische Welt sehr mensch­lich in seinen einfachen Tatbeständen und seinen an kein Zeitalter und keinen Kulturkreis gebundenen seelischen Beziehungen

Dieses Schauspiel vom Jahre 1914 ist auch sonst in mancher Beziehung aufschlußreich und be­deutungsvoll in der Entwicklung des Hauptmann- schen Werkes: es mag, als ein Beispiel für andere, erkennen lassen, wie mit den Jahren Hauptmanns Weltbild sich weitete, wie er dem Naturalismus seiner Anfänge entwuchs, wie seine Phantasie und Gestaltungskraft, schweifend durch Zeiten und Räume, immer weitere Kreise schlug. Man hat, im Zusammenhang mit solchen Feststellungen, einmal behauptet, der Ehrgeiz des Dichters suche nach immer neuen Masken, jeine eigenen Züge damit zu verkleiden; man hat auf die mancherlei Vor­bilder, stofflichen Anregungen und Motive hinge­wiesen, die er in den Literaturen der Welt fand, auftzriff, verwandelte und neu gestaltete. Dafür sind Homer undDer Bogen des Odysseus" wiederum nur ein Beispiel; man konnte auch Shakespeare nennen (Hamlet in Wittenberg"), die Lagerlof (Winterballade"), Holberg (Schluck und Jau") und Grillparzer (Elga"). Mit solchen Hinweisen ist über das Motivgeschichtliche h'naus nicht viel gejagt ober gar bewiesen, und jedenfalls müßte man hinzufügen, wie sehr in der Verwandlung die fremde Fabel doch immer Hauptmanns persön­liches Eigentum wurde und seine Züge erhielt

Es ist bisher von dem Erzähler Hauptmann noch nicht die Rede gewesen, und es mag wenigstens angemerkt werden wie sich eine ähnliche Entwick­lung über den Naturalismus seiner Frühzeit hin­aus, formal und stofflich, schon von der zeitlichen Aneinanderreihung einiger Namen ablefen läßt, wenn man etwa die Lime verfolgt, die vomBahn­wärter Thiel" zumNarren in Christo Emanuel Quint", zuAtlantis" und zum .Ketzer von Soana" führt, und von da über dieInsel der großen Mutter" zumEulenspiegel" und zum Buche der Leidenschaft" Die Aufzählung iff ebenso unvollständig wie die bisher erwähnte Reihe der

Dramen, aber auf eine Erschöpfung des Stoffes kann es in unserer Betrachtung noch weniger an­kommen als in einer Darstellung größerer Zusam­menhänge. Auch wird sich das Bild von Haupt­manns dichterischem Wesen, wie uns scheint, noch immer am deutlichsten und in den entscheidenden Zügen vom Drama her entwickeln lassen: jene menschliche und dichterische Fülle, von der zu An­fang die Rede war, spiegelt sich hier in einer kaum übersehbaren Folge der Gestalten, Beziehungen und Probleme.

Es ist sehr reizvoll zu beobachten, mit welcher Sicherheit des Handwerklichen, mit welchem Instinkt für Gesetz und Wesen des Dramatischen sich Haupt­mann die Bühne erobert aus der Undramatik der naturalistischen Zustandsschilderung und Milieu­schwärmerei heraus; wie mit der Kunst des Dramas zugleich die Menschenkennerschaft und Menschen» darstellung sich vertieft und reift und verfeinert. Diesen Zugen und Szenen schlechthin menschlicher Nähe unb Wärme wirb man in allen, auch ben minber lebenskräftigen unter feinen Dramen be­gegnen, unb es ist eine feine Beobachtung, wenn ber Literarhistoriker Hans Naumann etwa zu dem LustspielDie Jungfern vom Bischofsberg" bemerkt:Auch über Hauptmanns weniger glück­lichen Werken liegt doch immer hier ober da jener unbeschreibliche Hauch angeborensten Dichtertums". Und da eben vom Lustspiel die Rede ist, so sei noch einmal der beiden Werke gedacht, welche diese schwierige und immer wieder zu erobernde Provinz der deutschen Dichtung wirklich bereichert haben: mit der Diebskomodie vom Biberpelz (1893) gelang Hauptmann ein Werk von so lebendiger Kraft ber Komik, wie man es feit bemZerbrochenen Kruge" auf bem beutschen Theater nicht mehr erlebt hatte; mitSchluck unb Jau" (1900) ein Scherzspiel mit ben Zügen ber echten Komödie, ein Stuck übrigens auch auf bem Wege vom Naturalismus zu einer neuen Romantik, zum Märchen, zur Legenbe, zum Traumspiel, wie zuvorHanneles Himmelfahrt" unb bieVersunkene Glocke", später diePippa" und manches andere noch. Den Reigen ber Haupt- mannschen Frauengestalten einmal für sich zu be­trachten, erschiene nicht weniger reizvoll als etwa ben Wandlungen des Künstler-Motivs imCramp­ton", imKramer", imPeter Brauer" zu folgen.

Dies alles konnte nur eben angebeutet wer­ben. Als wir vor einigen Jahren bas Schauspiel Vor Sonnenuntergang" hier erlebten unb, burch ben unüberhörbaren Anklang bes Namens, an Hauptmanns Erstling von 1889 erinnert würben, schien sich ber weite Kreis bes Werkes symbolisch geschlossen zu haben. Aber er ist noch nicht ge­schlossen, er weitet sich noch immer; aus bem SchauspielDor Sonnenuntergang" reifte, in einem tiefgreifenben Gestaltwanbel, eine ber großartigsten deutschen Filmfchöpfungen der letzten Jahre, unb schon sind inzwischen neue Werke erschienen, die non ber ungebrochenen Schaffenslust und Kraft des greifen Dichters zeugen. Hans fhyriot.