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Samstag, 13. Abruar 1957

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

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Handwerk hat goldenen Boden

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(Aufnahme: Neuner, Gießener Anzeiger.)

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Schornstein und fuhr an der Außenwand des Hau­ses nieder. Chesterfield, der mit dem Rücken zum Garten saß, wurde vom Stuhl und über die niedrige Balustrade auf den Rasen geschleudert. Bevor irgendwer sich vom Schrecken erholen konnte, war er wieder auf den Beinen saß er wieder an seinem Platze und griff mit einer Hand, die nicht zitterte, nach seinem Glase.

Verzeihen Sie die Störung, meine Herren", sagte er,es ist die Schuld meines Butlers. Im­mer wieder vergißt er mich daran zu erinnern, daß ich mir endlich einen Blitzableiter anlegen lasse."

Der st reitbare Pfarrherr.

Mr. Suckling, vor einem guten Jahrhundert Pfar­rer in Norfolk, ein kräftiger, seelisch gesunder, lebenstüchtiger Gottesmann, wurde eines Tages von einem mit Whiskygrog und Plumpudding ange­füllten Pächter gründlichst angerempelt. Er ließ es an allgemeinverständlichen Erwiderungen nicht feh­len, und der Pächter geriet ins Kochen.

Ihr geistliches Kleid schützt Sie", sagte er.

Mich vielleicht, aber Sie nicht", versetzte Mr. Suckling zog seinen schwarzen Rock aus und schlug den Pächter nach allen Regeln der Kunst k. o.

zu allen Zeiten regen An­teil am öffentlichen Leben der Nation genommen haben. In den alten In­nungsblättern finden sich viele Hinweise, die uns Kunde geben von mancher sozialen und kulturellen Tat ehrbarer Meister, ja, sogar von politischem Ge­schehen, bei denen Schuh­machermeister in aus­schlaggebender Weise mit­gewirkt haben. Das Hel­denlied jenes ostpreußi­schen Schuhmachers, Hans von Sagan, der sich in einer Stunde höchster Gefahr an die Spitze von Ordensrittern und deut­schen Bürgern stellte, um die slawischen Eindring­linge zurückzuschlagen, ist heute noch nicht verhallt. Das war die Schlacht bei Rudau im Jahre 1370, die den bedrängten Ritter­orden entlastete und den

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Der französisch-spanische Maler Maurice Ut r i llo, der in Paris lebt, ist vor einigen Jahren infolge einer Verwechslung mit dem Schriftsteller gleichen Namens t 0 t g e s a g t worden und hat somit das nur wenigen Sterblichen beschiedene Glück genos­sen, in der gesamten Weltpresse seinen eigenen, übrigens durchweg sehr anerkennenden Nachruf lesen zu dürfen. Anstatt nun erkenntlich für dieses Spiel des Zufalls zu fern, ist er undankbar genug, jetzt gegen den Direktor der Tate-Gallery in Lon­don einen Schadenersatzprozeß anzustrengen, weil er Utrillo, in dem Katalog der Sammlung durch Beifügung eines Kreuzes an seinen Namen als ver­storben bezeichnet worden ist. Ein geschäftstüchtiger Herr, das muß man sagen, und dennoch sehr wenig auf seinen wahren Vorteil bedacht! Denn Utrillo hätte doch einsehen müssen, daß er seit seinem Tode außerordentlich im Kurse gestiegen ist, was seinen Grund in dem sattsam bekannten und durch Hunderte von Beispielen nachweisbaren Umstand hat, daß moderne Künstler fast immer erst zu leben tyifangen, wenn sie gestorben sind. Der Mensch ist eben ein undankbares Geschöpf, und Utrillo ganz besonders, dem das seltene Glück, seinen Ngchruhm zu erleben, in den Schoß gefallen ist, ohne daß er die sonst nicht zu vermeidenden Unannehmlichkeiten des Sterbens dabei gehabt hat.

Man bemüht sich neuerdings wieder einmal hef­tig, für Philosophie ein entsprechendes deut­sches Wort zu finden, ohne daß es gelingen will. Grundwissenschaft",Weisheitsforschung" es sind doch nur tastende Versuche, den Sinn wieder-

Das Standbild.

Ein Kaufmann, der mit dem Salzhandel ein rie­siges Vermögen verdient und sich davon ein gewal­tiges Schloß erbaut hatte, lud sich die Leuchten der britischen Prominenz zu- einer Einweihungs­feier ein und führte die Gäste nach der Begrüßung durch das gigantische Treppenhaus.

Hier", sagte der Salzhändler und deutete auf eine noch leere überlebensgroße Nische, möchte ich gern eine Skulptur aufstellen, die für meine Le­bensarbeit allegorisch ist."

Da wüßte ich Rat", meinte Dr. Samuel John­son.Ich empfehle Ihnen Lots Weib."

Urquell

Das führend« Möbelhaus Oberhessent

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Sochschulnachnckten.

Der Führer und Reichskanzler hat den nicht- beamteten außerordentlichen Professor an der Uni­versität Breslau, Dr. HermannG i e r s berg, mit Wirkung ab 1. Dezember 1936 zum ordentlichen Professor für Zoologie an der Universität F r ank - s u r t ernannt

Professor Dr. Gerhard Schrader, Ordinarius für gerichtliche und soziale Medizin an der Uni­versität Marburg, ist in gleicher Diensteigenschaft an die Universität,H alle-Wittenberg berufen worden.

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Mittelalter bis zur Gegenwart die Runde durch die Vereinigten Staaten von Amerika. Man sieht also, das vor dem Kriege ganz unbekannte Verfahren, Kunstwerke auf die Reise zu schicken und sie mit einer Art diplomatischen Mission zu betrauen, scheint allerorten Anklang zu finden, nicht bloß, weil es neu ist, sondern auch aus anderen und überzeugenderen Gründen. Einmal haben die Völ­ker die Erfahrung gemacht, daß es kein besseres Mittel gibt, sich wechselseitig kennen zu lernen, als Besuche und Gegenbesuche des Kostbarsten, was man besitzt, und das sind nicht immer die Politiker, sondern die großen geistigen Werte, die Überper­sönlichen Kulturleistungen, die zwar keine Verträge abschließen können, dafür aber Ansichten berichtigen, Vorurteile beseitigen und sogar Bande knüpfen, die oft wichtiger und haltbarer sind als Verträge. Wir möchten annehmen, daß dieses Austauschoerfah­ren zwischen Kunstwerken eine Zukunft hat, schon deshalb, weil es ein Mittel ist, die vielfach unter­bundene Auslandsreise zwar nicht zu ersetzen, aber doch den Verzicht darauf weniger empfindlich zu machen. Wo die Menschen aus sehr realen Gründen der allgemeinen Wirtschaftslage unbeweglicher den, müssen die Kunstwerke, um derentwillen reisten, beweglich gemacht werden. Daß die seumsverwaltungen gewisse Bedenken haben, die Bilder werden auf dem Transport sicher besser ist verständlich, doch werden schon Wege gefunden werden, um solchen, vorerst noch berech­tigten Widerständen den Wind aus den Segeln

IV.

Der Schuhmachermeister.

Von der großen Zahl der mittelalterlichen Hand­werksberufe sind viele ein Opfer der wechselnden Zeitumstände geworden. Die sozialen und wirt­schaftlichen Verhältnisse haben sich im letzten halben Jahrtausend mehrfach so grundlegend verändert, daß für manchen ehrbaren Zweig des alten deut­schen Handwerks keine lohnende Betätigungsmög­lichkeit mehr vorhanden ist. Eine Zeitlang schien es so, daß auch das Schuhmacherhandwerk unter die Räder geraten würde. Und doch verfügt wohl kaum noch ein anderes Handwerk über so große wirt­schaftliche, soziale und kulturelle Traditionen als ge­rade das Schuhmacherhandwerk, dessen Vertreter

zugeben, der ohne das tieme, auei <nt|d)eiöenöe WortLieb e" sein Bestes schuldig bleibt. Denn was ist Philosophie? Unübertrefflich schön hat es der Stoiker Ariston in einem Gleichnis ausge­sprochen.Wer sich so sagt er mit den Em- zelwissenschaften abgibt, aber keine Philosophie treibt, der gleicht den Freiern der Penelope, die sich mit den Sklavinnen einschließen, daß sie die Herrin nicht gewinnen konnten." Und Ariston war ein Grieche, er gehörte dem Volke an, dem als erstem der Ruhm gebührt, den Dingen mit wissen­schaftlicher Methodik wirklich auf den Grund ge­gangen zu fein, nicht um bestimmter praktischer Ziele willen, sondern eben ausLiebe zur Weisheit." Und weil es so steht, ist nicht recht einzusehen, warum wir in unserer Sprache, die so viel unnötiges Fremdgut enthält, nicht ruhig ein Wort beibehalten wollen, das nicht nur das Ge­meinte genauer ausdrückt, als jede Uebersetzung, sondern uns zugleich daran erinnert, daß Grie­chen es waren, die zuerst im strengen Sinne des Wortes philosophiert, d. h. das klare, logische Den­ken mit einer universalen Betrachtung des Lebens und der Welt verbunden haben.

Als Gegenleistung für die von der Generalver­waltung der Staatlichen Museen in Berlin der gro­ßen Pariser Rubens-Ausstellung über­lassenen Gemälde hat jetzt das Louvre-Museum den Berliner Sammlungen für zwei Monate den kost­baren Besitz seiner Handzeichnungen alter deutscher Mei st er zu Ausstellungszwecken zur Verfügung gestellt. Es sind Blätter von Dürer, Cra­nach, Baldung darunter, Herrlichkeiten der Graphik, die jeder Kunstfreund aüs Ausbildungen kennt, die tm Original zu sehen aber gerade darum einen be­sonderen Genuß bedeutet. Diese Sonderausstellung

Randglossen zur kleinen Zeitgeschichte Don Ernst von Niebelscyütz.

So paradox es klingt, aber es ist eine alte, viel­fach zu belegende Erfahrung, daß die Religion erst in Zeiten der Verfolgung und Unterdrückung ihre tiefsten, unzerstörbaren Kräfte entfaltet, daß sie erst dann sich wahrhaft bewährt, wenn das Be­kenntnis zu ihr mit Gefahren verbunden ist, wäh­rend umgekehrt in den Tagen äußerer Prosperität, in denen das Mitläufertum und die Konvention den glatten Ablauf des kirchlichen Lebens gewähr­leisten, diese inneren Quellen leicht zu versiegen drohen. Auch das Christentum kennt in seiner lan­gen Geschichte diesen Wechsel von Flut- und Ebbe­zeiten und weiß davon zu erzählen, welche unge­heure Anziehungskraft eine leidende Religion auf die Gemüter der Menschen ausübt. Man brauet da nur an die Ecclesia militans der Urzeit, an die Waldenserbewegung oder an die Hugenottenverfol­gungen zu erinnern. Aeußerlich gesehen, befindet sich das Christentum im bolschewistischen Rußland zweifellos in einem Ebbezustand, wo­für schon die organisierte Gottlosenpropaganda sorgt, die es fertig gebracht hat, daß in Rußland während des Jahres 1935 14 000 Kirchen geschloffen und fast 4000 Geistliche vertrieben worden sind. Man sollte doch also meinen, daß unter einem sol­chen Druck ein religiöses Leben kaum mehr mög­lich sei. In Wirklichkeit ist es ganz anders; was an Macht und Einfluß verloren ging, wird durch die gerade durch das Martyrium erneuerten tieferen Impulse reichlich ausgewogen. Nur so kann man es sich erklären, daß in der Weihnachtszeit die wenigen Kirchen in Moskau, die heute nocharbeiten" dür­fen, dergestalt belagert waren, daß Taufende vor den Gotteshäusern in Schnee und Frost geduldig warten mußten, ehe es ihnen gelang, in das über­füllte Kircheninnere vorzudringen. Das ist eine bittere Pille für den antichristlichen Despotismus in Rußland, der sich dadurch freilich nicht davon ab­halten lassen wird, seinenGläubigen" weiter Sand in die Augen zu streuen und sie glauben zu machen, daß unter dem überzeugenden Einfluß der Gott­losenbewegung die Zahl der Anhänger religiöser Bekenntnisse auf einen verschwindend kleinen Rest zusammengeschrumpft sei. Der Teufel hat sich von je gern selbst belogen.

Ich fahre mit", sagte der tarierte Gentleman. Und er schrieb in der Kapitänskajüte folgenden Bries an seine Frau:

Liebe Betsy, ich fahre nach Indien. Dein Io­nas."

Nach einer halben Stunde brachte der Schiffs­junge die Antwort:Lieber Jonas, glückliche Reife! Deine Betsy."

In Schottland

hatten, wie in allen Ländern, die Edelherren früher die ritterliche Gepflogenheit, ihre Wege über Land auf hohem Roß zu machen; doch taten sich, so be­hauptet ein verleumderischer Chronist, aus Erspar­nisgründen immer zwei von ihnen zur Auswertung eines Pferdes zusammen. Ein Penny, aufKopf oder Schrift" hingeworfen an sicherer Stelle, so daß er gegen Verlust geschützt war, loste den Gewinner aus, der alsbald den Weg zu Pferde antrat, wäh­rend fein Partner ihm zu Fuß folgte. Nach einer gewissen Zeit band der Reiter das Pferd vor einer Schenke an einen Pfosten und setzte unverweilt seinen Weg zu Fuß fort; so daß nunmehr der Zweite das gemeinschaftliche Roß benutzen und den Ersten überholen konnte, um diesem dann seiner­seits das Reittier vor einer Schenke zu hinterlassen und unverweilt weiterzupilgern. Diese Abwechslung setzten sie bis ans Reiseziel fort. Gegen die Not­wendigkeit, den finanziellen Erfolg dieser sparsamen Reiseweise durch Einkehr in den Gasthäusern zu mindern, waren sie durch einen am Sattelknopf des Gesellschaftspferdes befestigten Vorratssack geschützt.

Bosheit.

Als der Herzog von Choiscul, ein ungewöhnlich magerer und schweigsamer Herr, zu diplomatischen Verhandlungen nach London gekommen war, wurde Charles Townsend gefragt:

Haben die Franzosen schon einen Unterhändler geschickt?" , , ..

Bis jetzt", antwortete Townsend,haben sie nur den Umriß eines Gesandten geschickt."

Chesterfield.

Graf Chesterfield, der große englische Politiker, der sich durch die berühmtenBriefe an feinen Sohn" ein lebendiges Andenken gesichert hat, war ein Muster der sprichwörtlichen englischen Kalt­blütigkeit. Als er eines Tages auf der offenen Veranda feines Landhauses mit Gästen beim ©eine saß brach ein furchtbares Gewitter los. Die zu- . nehmende Finsternis und der fast pausenlos kra- , chende Donner lähmten das Gespräch der Gaste ; nur Chesterfield redete ungerührt und ganz unbe­fangen weiter. Plötzlich schlug der Blitz in den

fröhliches altes England.

Anekdoten von Karl Lerbs

Irisch.

Mr. O'Gray, Richter zu Carkow in Irland, hatte es vor einem runden Jahrhundert einmal mit zwei sehr dunklen Ehrenmännern zu tun, von denen man mehr als nur vermutete, daß sie in unbewachten Augenblicken dem Straßenraube oblägen. Sie ver­teidigten sich mit viel List, und es war ihnen nichts Schlüssiges nachzuweisen. So daß Mr. O'Gray zu seinem Schmerz genötigt mar, ihnen ihrenFrei­spruch aus Mangel an Beweisen" zu verkünden.

Mr. Murphy", sagte er hinterher zum Leiter des Gerichtsgefängnisses,tun Sie mir die Liebe und halten Sie diese beiden Ehrenmänner noch bis 7 Uhr abends fest. Ich reife um 5 mit Extrapost nach Dublin und möchte gern zwei Stunden Vor­sprung haben."

Shakespeare.

William Shakespeare belauschte einmal bei einer Probe seines DramasRichard der Dritte" zufällig eine Verabredung zwischen einer jungen Schau­spielerin und dem Hauptdarsteller: die geflüsterte Absprache lautete so, daß der sichtlich beglückte Be­werber abends unter dem Kammerfenster der jun­gen Dame erscheinen und den Titel seiner Rolle als Paßwort benutzen sollte.

Shakespeare, damals noch der von feurigen Ur­kräften brodelnde Vulkan, sah sich die junge Kol­legin zum ersten Male richtig an; und das Feuer feiner Augen entzündete eine Flamme, die kaum noch eine Erinnerung an das flackernde Feuerchen jenes Getändels zurückließ.

Als der bestellte Liebhaber sich am Abend unter dem Fenster bemerkbar machte und auf die ge­flüsterte FrageWer ist dort?" mit feinem Paß­wortRichard der Dritte" anroortete, klang von droben eine Männerstimme, die er kannte:

Sagt meinem königlichen Vetter, er kommt zu spät. Wilhelm der Eroberer ist schon vor ihm ein- getroffen."

Kurz und schmerzlos

An einem verschwenderischen Maimorgen des Jahres 1801 schlenderte ein tarierter Gentleman ohne sonderliche Absichten durch das Getriebe des Hafens von Portsmouth, wo er einen ihm befreun­deten Schiffskapitän traf, von dem er nach dem ÜblichenMello! undHow dyou do? erfuhr, daß der DreimasterGood Hope in einer Stunde zur Fahrt nach Indien die Anker lichten würde.

üt regelmäßig uoerfüUt, ein Beweis, wie solche Leihgaben im Gastland gewürdigt werden. Gleich­zeitig macht eine große Wanderausstellung mit Werken deutscher Malerei vom

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deutschen Kaiser Karl IV. bewegte, dem Schuhmacher­handwerk ein kriegerisches Wappen zu verleihen, das die Innungen heute noch in Ehren führen, lieber der Glaskugel, dem Wahrzeichen des altdeut­schen Schuhmacherhandwerks, haben auch Dichter und Denker ihre Tätigkeit ausgeübt. Hans Sachs und Jakob Böhme sind die ruhmreichsten Zeu­gen einer großen Vergangenheit; Männer, deren Wirken für die ganze Nation von Bedeutung ge­worden ist.

Wenn wir ein Paar Schuhe brauchen, gehen wir zum Schuhhändler und wählen uns aus der ange- bokenen Auswahl ein neues Paar aus, und wenn diese Schuhe reparaturbedürftig sind, dann bringen wir sie zum Schuster und lassen sie besohlen oder sonstwie reparieren. Alles das erscheint uns so

selbstverständlich, daß wir uns kaum noch etwas Besonderes dabei denken. Und doch ist es keines­wegs immer so gewesen, daß man seine Schuhe fertig kaufen konnte, sondern noch bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts war allein der Schuhmacher derjenige, der neue Schuhe anfertigte. Erst die Erfindung der Nähmaschine und ihre Nutz­barmachung für die Industrie und das Handwerk ließ auch die Schuhmacherindustrie entstehen und wachsen, bis sie zu ihrer heutigen Größe kam. Noch in den Jahren vor dem Kriege galt es in denbeste- ren Kreisen" als unvornehm, fertige Schuhe zu tragen. Heute ist uns dies jedoch zu einer Selbst­verständlichkeit geworden, denn im Grunde können sich die fertigen Schuhe durchaus mit den Maß- ftiefeln auf eine Ebene stellen.

Eines müssen wir dabei jedoch bedenken: Unter­suchungen, die man an Schulkindern vorgenommen hat, haben ergeben, daß jeweils zwischen 30 und 80 v. H. der Kinder schon irgendwie verbildete Füße hatten. Um wieviel schlimmer muß es hier bei den Erwachsenen stehen, die ja immerhin schon einige Jahre längerauf den Beinen" sind und ein größeres Körpergewicht zu tragen haben. Schließ­lich ist es uns schon so selbstverständlich, daß mir gar nicht mehr daran denken: daß es nämlich keinen Menschen gibt, der einem anderen genau gleicht, d. h. wir sind alle irgendwie voneinander verschieden, wir haben andere Hände, einen anderen Körperbau und infolgedessen auch stets andere Füße. Und trotzdem tragen wir Schuhe, die nach einer bestimmten Norm gearbeitet sind, obwohl der­jenige, der dieselbe Schuhgröße wie wir trägt, be­stimmt eine andere Fußform hat als wir selber. Die Folge ist, daß uns die Schuhe immer erst dann passen, wenn wir sie eingelaufen haben, d. h. wenn der Fuß den Schuh nach seinen Be­dürfnissen umgeformt hat. Das wiederholt sich bet jedem Paar Schuhe, welches wir neu kaufen. So­lange jemand gesunde und normale Füße hat, mag dies ja weiter nicht schlimm sein, gefährlich ist es aber für den, der verbildete Füße hat und deren Zahl ist nicht gering.

In der liberalen Epoche ist nun das Schuh­macherhandwerk durch die industrielle Entwicklung vorwiegend zu einem Reparaturhandwerk geworden. Man ist sich in den maßgebenden Krei­sen des Handwerks auch völlig klar darüber, daß die industrielle Herstellung der Schuhe heute nicht einfach durch eine handwerksmäßige ersetzt werden kann. Die allgemeine wirtschaftliche Lage des größ­ten Teils der Bevölkerung ist nach den wirtschaft­lichen Katastrophen der letzten Jahrzehnte nicht so, daß der höhere Preis für eine handwerkliche Quali­tätsarbeit gezahlt werden kann. Das Schuhmacher­handwerk will aber deswegen keineswegs lediglich Reparaturhandwerk fein, sondern muß schon >m Interesse der Ausbildung des Nachwuchses im Rahmen der ihm verbliebenen Möglichkeiten auch neue Schuhe Herstellen. Auf Grund dieser Tatsachen hat sich zwischen Schuhwarenindustrie und Schuhmacherhandwerk eine gewisse Arbeitstei­lung in der Weise ergeben, daß das Schuhmacher- Handwerk sich in erster Linie auf den orthopädi­schen Schuh einstellte wenn sich der einzelne Schuhmachermeister nicht überhaupt nur auf die Reparatur beschränkte. Gerade bei den Aushebungen zum Wehrdienst zeigt sich immer wieder, daß ein sehr hoher Prozentsatz sonst gesunder Rekruten an irgendeiner Fußverbildung leidet. Im Jahre 1914 waren es z. B. 23,9 v. H. der jungen Mannschaft. Das Schuhmacherhandwerk hat deshalb durch eine vielbeachtete Ausstellung im Hause des deutschen Handwerks sehr eindringlich auf das Problem Schuhmacherhandwerk und Volksgesundheit" hinge­wiesen, eine Tat, die sehr hoch bewertet werden muß.

Die Organisation des Schuhmacherhand-

Ein Klavier muß sich viel gefallen lasten.

Sonntag in einem Kleinstadtwirtshaus. Draußen saust der Wintersturm. Drinnen bullert und kracht und knistert der dickbäuchige, weiße Ofen. Auf einen Tisch fliegt heftig und sicher Trumpf-As. Zigarrenrauchwolken schweben drüberhin. Der große runde Tisch hat zwei Familien um sich versammelt, die durcheinanderreden, fröhlich sind und ab und zu den dicken Schenkwirt an ihrer Heiterkeit teil- nehmen lassen.

Eins ist sicher: der mit dem feingewichsten Schnurrbart und mit der Frau, die einen Schirm bei sich trägt, so einen Zwergschirm, in der Hand­tasche zu tragen, diese beiden sind bestimmt aus der Großstadt, sind hier zu Besuch. Und dieser kleine, fixe, fünfjährige Junge gehört auch dazu. Die beiden anderen, Mann und Frau, sind sicherlich hier in der Kleinstadt daheim. Dazu das kleine, bescheidene, fünfjährige Mädchen. Der Junge hat eine illustrierte Zeitschrift auf den Knien, und immer, wenn er darin etwas gefunden hat, das feine Aufmerksamkeit erregte, zieht er das Blatt auf den Tisch und erklärt es dem kleinen Mädchen. Das nickt verlegen mit dem Kopfe. Die blaue Schleife, die am abstehenden Zöpfchen hängt, wedelt einmal auf.

Bald ist die Zeitschrift am Ende. Der Junge er­hebt sich, greift die Hand der Kleinen, und nun gehen sie auf Entdeckungen au^. Sie sehen sieb in der Gaststube ein bißchen um, schauen sich die Wandbilder an, befühlen den Ofen, sprechen mit der alten Wirtin, die einen Anflug von Bart hat, und auf einmal stehen sie am Klavier. Das Klavier ist geschlossen.

Und nun: beide sitzen jetzt unter dem Klavier. Wahrhaftig, sie haben sich beide einträchtig unter das Klavier gesetzt, sitzen wie ausgestellt darunter. Da sind die Klavierpedale. Das kleine Mädchen tippt mit der ganzen Hand darauf, hat wohl ge- alaubt, daß da einige Töne herauskommen würden. Aber es kommt nichts. Sie fragt etwas enttäuscht: Was ist denn das, Emil?" Und Emil sagt ernst und wichtigtuend, auf die rechte Pedale zeigend: Der hier, das ist die Kuppelung!" Und auf die linke Pedale weisend:Und der hier, das ist der Gashebel!"

Mein Gott, was man sich nicht alles nachsagen lassen muß, wenn man ein altes Klavier ist in einem sonntäglichen Kleinstadtgasthaus!

Max Jungnickel.

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