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Rr. 134 Viertes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Samstag, 12. Zuni 1937
Blick über den Garten zu den Liegebalkonen der Heilstätte Seltersberg.
Die Orthopädische Klinik im Kranz von Büschen und Bäumen.
blumengarten an der Schubertstraße herangezogen werden und dann in großen Mengen in die Krankenzimmer wandern als froher Sonntagsgruß. Die Blumen sollen aber auch in ihren mannigfaltigen Farben und Formen den Arbeitsstätten schaffender Menschen angenehme Abwechselung bringen.
Da die Bauzeit der einzelnen Kliniken verschieden ist, ist auch der Charakter der diese Kliniken umgebenden Anlagen verschieden. Die älteste und in ihrem Baumbestand wohl wertvollste ist die der Medizinischen und der Fr allen - K l l n i k. Anfang der 90er Jahre vorigen Jahrhunderts wurden diese Kliniken auf dem Seltersberg errichtet und das Neuland ließ die, unzweifelhaft von einem großen Liebhaber schöner Gehölze ausgeführte neue Anlage üppig empor« wachsen. Wenn im Frühling das Auge über die vielen blühenden Sträucher blickt, auf einer Gruppe schöner Nadelhölzer ruht, oder die haushohen, gefüllt blühenden Kirsch- und Pflaumenbäume bestaunt, oder im Sommer die prachtvolle Lindenallee duftet, Catalpen in ihrer weißen Pracht stehen, wenn bann im Herbst der Farbenklang verschiedener Ahorne, Eichen, Buchen, Weiß
dorn usw. noch gehoben wird, durch die Fülle der Herbstblumen und der weißen, roten und schwarzen Beeren schönfrüchtiger Gehölze, wird es klar, daß dieser Garten seine Bestimmung voll erfüllt.
Der Garten der N e r v e n k l i n i k, der sich nach Süden bis an die Schubertstraße anschließt, dient nun ganz der Ruhe der Patienten. Raschwachsende Bäume, die bald Schatten gaben, haben das freie Feld, das es um die Jahrhundertwende noch
Im Garten an der Chirurgischen Klinik.
war, fast zum Wald werden lassen. Idyllische Ruheplätze, schöne schattige Wege, geben den Kranken die Möglichkeit, sich viel im Freien aufzuhalten. Durch Hecken, Strauch- und prächtige Blumengruppen wird der Lärm der Außenwelt möglichst ferngehalten. Sa dient jetzt ein ruhiger Park mit ebenso schönen Einzelbäumen wie Baumgruppen und Alleen ausschließlich der Gesundung schwerkranker Menschen.
Die Anlagen der Chirurgischen, Augen-, Ohren- und Kinder - Klinik sind späteren Datums. Neben den vielen Zierhecken, geschnittenen Pyramiden verschiedener Gehölze, sind es die Menge schön blühender Sträucher und vor allem die Rosen, oie in diesen Anlagen vorherrschen. Auf Liegewiesen, wo sie auf Liegestühlen, fahrbaren Betten ober auch so auf bem Rasen liegen, erholen sich bie Patienten, oder wandeln in den Zieranlagen zwischen symmetrisch angelegten Blumenbeeten und Rabatten. Im Sandkasten und Spielrasen, unter dem Schatten alter Akazien, spielen die Genesenden der Kinderklinik, während bie neuere Anlage ber Ohrenklinik schon ein Planschbecken ihr eigen nennt. Auch Liegeplätze mürben bort bei Schaffung ber Anlage gleich vorgesehen, währenb in den anderen Kliniksanlagen erst in letzter Zeit geeignete Flächen als solche bestimmt wurden.
So erfüllt auch ein während des Krieges angelegter Tennisplatz im Garten der Nervenklinik erst jetzt richtig feinen Zweck, indem er den Patienten als Spielplatz für Ballspiele und Gymnastik dient. So wird manches Neue in die vorhandenen Anlagen aufgenommen werden, doch mögen die verantwortlichen Männer immer dafür sorgen, daß das Gesamtbild nicht verunstaltet ober gar ganz ausgewischt wirb. Neuzeitlich angelegte Gärten, wo ben Forderungen nach Licht- unb ßuftbäbern, Spielplätzen unb so fort bei Entstehung bes Gartens Rechnung getragen würbe, finbe'n wir bei ben Heilstätten „Seltersber g", Lupus- heim unb Orthopäbische Klinik.
So stellen bie gesamten Kliniksanlagen auf bem Seltersberg, die im einzelnen so verschieden sind, aber gerade auch darin wieder großen Reiz besitzen, ein Gemeinschaftswerk dar, das der Stadt Gießen zur Schönheit unb Ehre gereicht. B.
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Roman von Walther Kloepffer
Copyright 1936 by August Scherl G. m. b. H., Berlin.
Il Fortsetzung. (Nachbruck verboten.)
Fogg begriff und machte sich unbehaglich los. Mer Rücksicht zwar, aber eisern und deutlich. L" was ging nicht, auf keinen Fall. Stopp! 3 emse! Eine ungemütliche Falte stand zwischen seinen Brauen. Er erhob sich, zog scheinbar gleich- Mig die Schwarzwälderuhr zwischen den beiden Ginstern auf und schuf damit noch mehr Abstand, frnn sagte er, indem er Anna den Rücken zu- Ic «rte:
,Es ist natürlich ausgeschlossen, daß du heute ncch arbeitest. Am besten gehst du in deine Kammer iirD legst dich hin. Soll ich Frau Fenzl oder eine crDere Nachbarin kommen lassen?"
uT)as ist nicht nötig. Ich bin nur ein bißchen aus bem Gleis gebracht. Am besten ist es, ich gehe hm- flij", erwiderte Anna und fror. Die Worte kamen y, e und brüchig von ihren Lippen. Sie biß die "sühne zusammen und schlich aus dem Zimmer, m en man ihre Liebe zertreten hatte.
Dem zurückgebliebenen Fogg erschien die Stube wü einmal feindselig und ungemütlich. Hätte ich las vielleicht nicht tun sollen? fragte er sich. Ich lohnte ja gar nicht anders handeln. Jetzt ist sie w ürlich gekränkt; ich begreife das sehr wohl. Aber e wird das schon überwinden. Nur in schlechten Limanen stirbt man an unerwiderter Liebe. Und h Zukunft muß ich kühler zu ihr sein Komisch uamtlidi daß sie gerade auf mich verfallt. Ich bin ii Diel zu alt für sie...Er hatte dieses aufgelesene Endchen Anna gern, so, wie man etwa eine jüngere B^roefter aernhat, aber an Liebe war nicht zu ziten. Und für eine Liebelei war sie ihm zu schade, an,3 abgesehen davon, daß Donka sie in seinen -cvutz gestellt hatte. Es war naheliegend, daß er in i.ien Minuten noch mal heftig über die letzten tjerte der Stransky nachgrübelte. Wer von den inten war Annas Later? Manchmal, wenn er mit
dem oder jenem feiner ehemaligen Kameraden sprach, bedrängte ihn diese Frage. Er vermied bisher absichtlich, ihnen von Donka Stransky und ihrer Tochter zu erzählen; denn er hatte das unklare Gefühl, als müßte dieser Fall Anna unendlich behutsam angepackt werden und oertrüge keine allzu jähe Erörterung. Und so hatte er sich bislang daraus beschränkt, die Augen offenzuhalten und abzuwarten. Aber jetzt, in diesen gottverlassenen Minuten, wäre es ihm äußerst lieb gewesen, wenn er das Amt des Aufpassers und Verantwortlichen in die Hände desjenigen hätte legen können, den das Mädchen mehr anging als ihn. Allein die Geschichte war so dunkel wie nur je.
Fogg war froh, als ihn die Hausglocke aus solchen Erwägungen riß. Die Stermoserin holte ihn zu ihrem Buben, der mit den anderen Kindern vor dem Stier ausgekniffen und über eine herumliegende Pflugschar gestürzt war. Er müsse etwas gebrochen haben, weil er immerfort über seinen Arm lamentiere. Fogg möchte doch einmal nachsehen. Fogg fahndete nach seiner Jnstrumenten- tasche und ging gleich mit. Die Untersuchung ergab, daß der Arm im Schultergelenk ausgerenkt war. Fogg traf seine Vorbereitungen und schickte zum erstenmal nach Frau Engasser.
Als Viktoria über die Schwelle trat, kam Fogg ihr entgegen und erklärte: „Ich danke Ihnen herzlich, daß Sie so schnell gekommen sind. Der kleine Mann hat ziemlich Schmerzen. Wir müssen ihm eine Narkose machen. Hier ist der Aether."
Viktoria begann zu träufeln und hatte eine Art Kampf mit dem verängstigten Knirps auszufechten, der nicht dulden wollte, daß man ihm eine gefährlich aussehende gelbe Haube über den Kopf stülpte. Fogg half wacker mit und verbrauchte seinen ganzen Vorrat an beschwichtigenden Worten. Der Arm selbst war im Nu eingerichtet; derartige Unfälle sind ja das tägliche Brot jedes praktischen Arztes. Wie fest und geschickt seine Hände sind! mußte Viktoria denken und nahm die Narkosemaske weg. Dann wischte sie mütterlich das geloste, schweißbedeckte Gesicht des Knaben ab. Dieser war sechs Jahr alt und ein hübsches Bürschlein. Wenn sie doch auch so eines hätte...!
Anna wälzte sich schlaflos in ihrem Bett. Die jodgepinselten kleinen Kratzer juckten ein bißchen und waren harmlos, aber in ihr selbst sah es wüst aus. Der Nußbaum vor dem Fenster trieb seine ersten Blätter und schabte mit seinen Zweigen wie ein Fingernagel an der Scheibe. Abgerissene Musikfetzen waren zu vernehmen, mal ein schrammender Baß, mal eine hoch aufgicksende Klarinette. In der „Sonne" war Feuerwehrfest mit Tanz. Das verkündeten seit Tagen grellrote Plakate an den vier Ortsenden.
Anna hat ein Stückchen gemeint, und nun liegt sie mit heißen offenen Augen da. Von Schlummer keine Rede. Ich Schaf, oh, ich Riesenschaf! überlegt sie zornig. Da plage ich mich die - ganze Zeit her ab, gräme mich herunter, tue, mas ich ihm nur von den Augen ablesen kann — und dann ernte ich das. Uno rnie deutlich er mir seine Abneigung gezeigt hat! Einfach aufstehen und die Uhr richten. Bin ich denn so häßlich? Sie springt aus ihrem Bett, reißt ein Streichholz an und befragt den Spiegel über der Waschgelegenheit. Die Nase ist ja ein bißchen frech, aber manche haben das gern. Meine Zähne sind gut, mein Haar ist gut, mas rnill er denn eigentlich? Das Zündholz verbrennt ihr den Finger, und sie schleicht gebemütigt und traurig in ihr Bett zurück.
Eine Uhr im Hause schlägt neun. Die aufgeregte Klarinette gickst noch immer und kann sich nicht genugtun an Trioien und Kadenzen. Anna wirft mit einem raschen Entschluß die Bettdecke zur Seite und schlüpft in ihre Pantöffelchen. Dieser Mann kann mich nicht traurig machen! sagt sie mindestens dreimal vor sich hin, während sie die Strümpfe anzieht und die Pantöffelchen in eine Ecke feuert. „Ich bin gar nicht unglücklich, fein bißchen — das soll sich der ja nicht einbilden!" murmelt sie und wischt mit dem Aermel des Schlafanzugs über das eine Auge. Dann wäscht sie sich das Gesicht, um die Tranenspuren zu vertilgen. Drauf holt sie ihr bestes Kleid aus dem Schrank und zieht sich an. Hütchen braucht man hier nicht, Tuch genügt. So, nun die Stiege hinunter und aufgepaßt, daß diese dumme Stufe nicht knarrt. Hausschlüssel hat sie; es kann losgehen.
Während sie durch den Vorgarten läuft, schaut
sie nach Foggs Fenster, aber es ist stockdunkel. Sie wird jetzt in die „Sonne" gehen und sich dort amüsieren. Um Gesellschaft ist ihr nicht bange. Mehr als ein Dorfbursche macht ihr schone Augen über den Gartenzaun. Josi wird schon sehen, wohin das führt. Josi wird es noch bereuen, daß er so zu ihr gewesen ist. Und schon wieder will das Träyen- früglein überlaufen.
Aus der Tavernwirtschaft „Zur goldenen Sonne" drang Lärm, Zigarrenrauch und Gedudel. Manchmal schrie unterdrückt ein Mädchen auf. Damit auch die Jungen zu ihrem Recht kämen, hatte der Wirt Kern seinen Saal im Oberstock hergerichtet. Tannen und Birkenbäumchen zierten die Wände und das Musikpodium, und der Boden war mit Seife geglättet. Anna schlich die Treppe hoch und stellte fest, daß es auch in Hamelskoog nicht viel anders gewesen war. Es war neun Uhr vorüber, und die Burschen hatten schon ein wenig hoch. Sie vertrugen nicht viel, weil Zichorienbrühe und Kartoffeln keine rechte Unterlage waren, hatten glänzende Gesichter und die Hüte verwegen nach hinten gerückt.
Die Anna drückte sich mit ein bißchen Herzklopfen in den Saal und wurde vom Marti alsbald gesichtet. Er bohrte sich freudig überrascht zu ihr durch: „Jetzt so eine Ehre, Fräulein Anna! Ein bissel spät kommen S', aber es geht schon noch. Sie setzen sich zu uns, gel?" Er strahlte vor Vergnügen und führte sie zu einem Tisch voll Burschen und Mädchen, die die Anna verlegen begrüßten. Ihre Heldentat mit dem Ajax hatte sich natürlich herumgesprochen und gab Anlaß zu manchem Lob. Die Mädchen musterten verstohlen die Neue, die so fein und städtisch gekleidet war und so flott und fremdartig redete. Die Burschen aber zupften an ihren Schlipsen herum, setzten den Hut manierlicher, und der Stern- moser-Hans, der sich unbeobachtet wähnte, zog sogar seinen Scheitel nach. Sie redeten viel und laut durcheinander, stießen sich heimlich mit den Ellbogen an und tranken häufiger als sonst aus ihren Gläsern. Der Marti bat die Anna, sein frisches Glas anzu- trinfen, und dann wurde getanzt, unb die Anna glitt von einem Arm in den anderen...
Fortsetzung folgt
Gießener Kliniken im Grünen.
Am Haupteingang zur Chirurgischen Klinik.
Kinderklinik unter blühenden Akazien.
Für die Erholung der Kranken sind schöne Liegewiesen geschaffen.' (Aufnahmen s6j: Neuner, Gießener Anzeiger.)
Die Bedeutung der Grünanlagen und Parks für as Gesamtbild einer Stadt ist heute jedem Ein-
^emeinschaftsgarten zurücktritt, so wird dieser seiner lufgabe als Volkspark in weit größerem Maße -recht werden, wenn möglichst jeder Besucher ein ! lätzchen findet, das er ganz besonders liebt. Dort t irb er oft hingehen unb ausruhen, er wirb bort irimer etwas Neues entbecfen unb froh unb ge- färft wieder zurückkehren.
Eine solche Anlage, die von Anfang an als Ge° teinschaftsgarten bestimmt war, jedoch dem ein- zlnen besonders dienen muß, sind unsere Kliniks- eilagen. Kein öffentlicher Garten und doch vielleicht mehr besucht aus der näheren und weiteren Umgebung als irgendeine andere unserer schonen Stabtanlagen. Hunderte Besucher, die sich jeden Mittwoch und Sonntag über sämtliche Kliniken vertäten, nehmen in Augen und im Herzen ein Bild
benutzen. Zum Ruf der Stadt Gießen als „Gartenstadt" wird also hier in aller Stille sehr viel beigetragen.
aus diesen Anlagen mit, Hunderten von Patienten gibt der Bück aus ihrem Fenster, vom Balkon ober Liegeplatz im Park Ruhe unb Entspannung, Genesung unb Anregung zu neuem Wirken unb neue Lebenskraft. Sie werben bie Schmerzen ihrer Krankheit vergessen, aber bie Erinnerung an ben Klimksgarten wirb bleiben. Den Hunberten von Angestellten, Schwestern unb Aerzten, bie Tag unb Nacht im Dienste für bie Gesunbung ber Volksgenossen tätig sinb, bringt ber Park angenehme Erholung in ben Arbeitspausen, unb auch sie werben sich ber schönen Anlagen angenehm erinnern, sie vielleicht auch als Vorbilb in ihrem späteren Wirkungskreis
Doch gibt es sicherlich viele ©artenfreunbe in Gießen, bie über ben Umfang ber Kliniksanlagen, aber noch mehr über ihre Bebeutung im unklaren sinb. Da es feine öffentlichen Anlagen sind, ist dies 3U verstehen unb bürste beshalb auch hierüber mancherlei zu berichten sein. Das Gesamtkliniks- gelänbe, Heilstätten mit einbegriffen, umfaßt über 20 Heftar, also über 200 000 Quabratmeter. Außer einem fleinen Teil, ber gärtnerisch wirtschaftlich genutzt wirb unb bem überbauten Teil, sind alles Anlagen! Jebe Klinik unb jebes einzelne Gebäube steht mitten in ben Anlagen, ober besser, ber Garten geht bis an jebes Haus heran, ja noch über Flur unb Krankenzimmer unb schaut mit ben bunten Augen der vielen Balkonblumen roieber zum Fenster heraus. Mehrere Hunbert solcher Kästen, beren Pflanzen, ebenso wie bie Beetpflanzen in eigener Gärtnerei herangezogen werden, erfreuen die Kranken, die ihr Blicke nicht weiter wenden können, sie grüßen aber auch die Besucher und kommen der Forderung nach „Schönheit der Arbeit" in weitgehendem Maße entgegen. Freude sollen aber auch d i e Blumen bringen, die in einem besonderen Schnitt-
Whner klar. Mag auch mancher unter ihnen vom >tanöpunft des Wirtschaftlers aus die Bedeutung ?s Ehrennamens „Gartenstadt" ober „Stabt ber honen Anlagen" beurteilen, in ber Hauptsache ist 5 boch bie Liebe zu Baum unb Strauch, zu Blu- xen unb Blüten, bie jeben beutschen Menschen hin- >eht zu diesen herrlichen Schöpfungen der Natur, inb wenn heute bas Jbeal bes Einzelmenschen, lso sein „Privatgarten", immer mehr hinter ben


