Einzelbild herunterladen

Der Gießener Haushalt für 1931 festgestellt.

Alle Voraussetzungen für die weitere gedeihliche Aufbauarbeit auch im neuen Haushaltsjahre gegeben. Große Bauprojekte vorbereitet. Weitere planmäßige Schuldentilgung gesichert.

Der Leiter der Gießener Stadtverwaltung, Ober­bürgermeister Ritter, hatte die Ratsherren der Stadt Gießen auf den gestrigen Dienstagnach- mittaa zu einer öffentlichen Sitzung in den Sitzungs­saal des Stadthauses Bergstraße eingeladen, um mit ihnen den Haushaltsplan der Stadt Gießen für das Rechnungsjahr 1937 durchzusprechen und gleichzeitig den zuhörenden Volksgenossen einen Ueberblick über den Haushalts­plan zu geben. Die Ratsherren und die übrigen Zuhörer folgten mit großem Interesse den auf­schlußreichen Darlegungen des Oberbürgermeisters, der die Aufmerksamkeit vor allem auf die wich­tigeren und die großen Dinge der städtischen Haus­haltsführung lenkte. In der' etwa einstündigen Sitzungsarbeit ergaben sich denn auch viele wert­

volle Aufklärungen und Erkenntnisse, zugleich ge­wann man erneut die Ueberzeugung, daß es im Geiste des Führers nach den von ihm vorgezeich­neten Bahnen auch in unserer Stadt unter der Leitung des Oberbürgermeisters Ritter in ge­deihlicher Weise vorwärts und aufwärts geht. Da­für sind beredte Beispiele nicht nur die bisherigen Werke der nationalsozialistischen Leitung unserer Stadt, sondern auch die weiteren Maßnahmen einer produktiven kommunalen Aufbauarbeit, wie sie in diesem neuen Haushaltsplan wiederum zutage tritt. Unsere Gießener Bevölkerung hat allen Anlaß, mit der Leitung ihrer städtischen Geschicke und mit den Maßnahmen der praktischen Kommunalarbeit zu­frieden zu sein.

tleberblick über den Voranschlag.

Oberbürgermeister Ritter trug zunächst kapitel- weise die Summen der Einzelabschlüsse und der Gesamtabschlüsse der Betriebsrechnung und der Vermögensrechnung an Hand der dem Haushaltsplan beigegebenen Uebersicht über die Derwaltungsgebiete vor. Er machte dabei auf die Ueberschüsse bzw. Zuschüsse zu den einzelnen Kapiteln, im Vergleich zu den Dorjahrssummen, aufmerksam und gab für die wichtigsten Aenderungen bzw. Steigerungen der Beträge Aufklärung.

So machte er in der Erläuterung der Be­triebsrechnung bei dem Kapitel Stadt­verwaltung darauf aufmerksam, daß eine Mehrausgabe von rund 17 000 Mark in der drin­gend notwendigen Beschaffung von Büromaschinen begründet ist, ferner gewisse voranschlabsmäßige Mehraufwendungen dadurch notwendig sind, daß unsere Stadt stärker als bisher Rücksicht nehmen muh auf Tagungen und Kongresse, die hier zur Durchführung kommen sollen.

Beim Kapitel Grundbesitz, Land- und For st wirtschaft betonte der Oberbürgermeister, daß der vor einer Reihe von Jahren geschaffene Forstbetriebsstock in Wegfall kommt, roeil die für diesen Fonds in den Haushaltsplänen verzeichneten Beträge in Wirklichkeit schon seit Jahren nur auf dem Papier stehen, das Geld selbst bei der Stadt- kasse ausgegeben ist. Mit Recht betonte der Ober­bürgermeister, daß es keinen Sinn hat, eine Rück­lage im Haushalt zu führen, die nur auf dem Papier steht, und daß es insbesondere nicht an­gängig ist, derartige papierene Rücklagen im Haus­halt zu führen, solange die Stadt noch erhebliche Aufwendungen zur Schuldentilgung zu machen hat. Diese Gesichtspunkte lassen die Aufhebung des Forst­betriebsstocks nur gerechtfertigt erscheinen, denn sie ist gewissermaßen eine Haushalts-Feldbereinigung.

Im Bereich der Bauverwaltung sind für das neue Haushaltsjahr für Straßenunterhaltungs­arbeiten 170 000 Mark gegenüber 140 000 Mark im Vorjahre, also 30 000 Mark mehr, vorgesehen. Für die öffentlichen Anlagen ist eine Summe von 44 000 Mark, gegen 30 000 Mark im Vorjahre, veran­schlagt worden, also 14 000 Mark mehr, die für die Unterhaltung und Pflege der Anlagen sowie für den Betrieb des Pflanzgartens noch bessere Wir­kungsmöglichkeiten als bisher ermöglichen werden.

Die Betriebsverwaltung liefert an die allgemeine Finanzoerwaltung ansehnliche Mehr­überschüsse, nämlich das Elektrizitätswerk 350 930 Mark gegenüber 305 370 Mark, das Wasserwerk 218 000 Mark gegenüber 200 000 lm Vorjahre ab. Die Leistung des Gaswerks an die allgemeine Finanzverwaltung mit insgesamt 157 100 Mark ist gegenüber dem Borjahre unverändert geblieben. Die Straßenbahn erfordert einen Zuschuß von 50 000 Mark.

Im Kapitel Kun st und Wissenschaft be­läuft sich der Mehrzuschuß aus allgemeinen Mitteln an das Stadttheater gegenüber dem Vorjahre auf

22 900 Mark, da der Zuschußbetrag vom Reich etwas verringert worden ist. Durch die Verstärkung unseres städtischen Orchesters von 23 auf 50 Musi­kern und die dadurch erzielte größere künstlerische Wirkungsmöglichkeit macht sich natürlich auch eine Steigerung der Ausgaben für das Orchester bemerk­bar. So sind z. B. die Aufwendungen für Besoldung ansehnlich gewachsen, dagegen ist aber auch auf der Einnahmeseite die der Stadt zufließende Summe ganz erheblich gestiegen. Das hessische Staatsbad Bad-Nauheim zahlt nämlich an die Stadt Gießen an Pauschale für die Uebernahme der Kurkonzerte und des gesamten sonstigen musikalischen Dienstes im Rechnungsjahr 1937 durch das Gießener städtische Orchester einen Betrag von 100 000 Mark, gegen­über 25 541 Mark im Vorjahre. Infolgedessen er­gibt sich für das städtische Orchester ein Zuschuß aus städtischen Mitteln in Höhe von 62 500 Mark, gegen 27 300 Mark im Vorjahre. Der Oberbürger­meister betonte dabei, daß unsere Stadt durch den Ausbau des städtischen Orchesters auch im Theater einen erfreulichen Aufschwung zu verzeichnen habe, wie überhaupt die Pflege der Musik und der Kunst dadurch einen bedeutsamen Auftrieb verzeichnen könne.

Für das W o h l sa h r t s w e s e n ist im neuen Haushaltsplan ein Zuschuß aus allgemeinen städti­schen Mitteln in Höhe von 800 000 Mark, gegen­über 900 000 Mark im Vorjahre, eingestellt. In dieser Senkung des Zuschusses um 100 000 Mark kommt auch in unserer Stadt die allgemeine Besse­rung aus dem Gebiete der Fürsorge und Betreu­ungsarbeit zum Ausdruck. Der Oberbürgermeister hob hervor, daß das Wohlfahrtsamt mit diesem Zuschuß auskommen werde. Gegenwärtig haben wir in Gießen nur noch sechs Wohlfahrtserwerbs- lofe. Für die Beschaffung von HJ.-Heimen ist eine erste Rate von 10 000 Mark vorgesehen.

Bei einem Ueberblick über die F i n a n z Ver­waltung ergab sich, daß als Rest aus vorher­gehenden Jahren (Barvorrat und Einnahmerück­stände) insgesamt 178 000 Mark zu verzeichnen sind. Davon werden nach dem Haushaltsplan 1936 ins­gesamt 80 000 Mark gebraucht, so daß für den neuen Haushaltsplan 98 000 Mark als Betriebs­mittelrücklage zur Verfügung stehen. Auf dem Ge­biete der Schuldentilgung hat die Stadt auch im verflosfenen Jahre weitere gute Arbeit leisten kön­nen. Für den gleichen Zweck sind im neuen Haus­haltsplan wiederum rund 300 000 Mark vorgesehen. Trotz der großen Aufgaben, die von der Stadt bisher insbesondere für die Bautätigkeit aller Art zu erfüllen waren, konnte der Betrag der Schulden­tilgung um rund 100 000 Mark die Summe der notwendigen Kapitalaufnahmen übersteiaen, ein ganz erfreuliches Ergebnis. Die Erhöhung des Aus­schlagssatzes für die Bürgersteuer von 500 v. H. im Vorjahre auf 600 v. H. für das neue Haushaltsjahr bringt eine Erhöhung des voranschlagsmäßigen Reinertrages der Bürgersteuer von 268 000 Mark

im Vorjahre auf 353 000 Mark im neuen Haus­haltsjahre.

Bei der Bermögensrechnung kündigte der Oberbürgermeister zum Kapitel Stadtver­waltung den Plan der Einrichtung einer Fernsprechzentrale für die städtischen Dienststellen an. Für dieses Projekt ist ein Betrag von 40 000 RM. in den Voranschlag eingestellt. In überzeugender Weise wies der Oberbürger­meister die mannigfachen und häufigen Schwie­rigkeiten nach, die daraus entstehen, daß m den verschiedenen Stadthäusern in allen Stadtgegen­den jetzt eigene Fernsprechzentralen unterhalten werden müssen, woraus sich ein sehr umständlicher Betrieb ergibt. Es ist geplant, diese zahlreichen Fernsprechstellen zu einer Zentrale zusammen­zufassen und dabei, wenn irgend möglich, auch gute Vorarbeit für die Zusammenfassung der ge­samten Stadtverwaltung in einem Rathaus- neubau zu leisten. Aber auch die sehr große Zahl der Fernsprechgespräche von den Dienststellen aus macht eine derartige Betriebszusammenlegung erforderlich. Der Oberbürgermeister hofft, die Geldmittel für dieses Projekt im Verlaufe des Haushaltsjahres beschaffen zu können.

Beim Kapitel Grundbesitz, Land- und For st wirtschaft sind als Erlös aus dem Ver­kauf von Gebäuden und Grundstücken 30 000RM., wie im Vorjahr, eingestellt worden. Auf der Aus­gabenseite hat man für den Erwerb von Grund­stücken vorsorglich 50 000 RM. für das neue Haus­haltsjahr vorgesehen, gegenüber 100 000 RM. im Vorjahr. In diesem Zusammenhang wies der Oberbürgermeister erneut auf die Aufhebung des Forstbetriebsstockes hin.

Im Kapitel Bauverwaltung sind für die Erbauung von Straßen, Wegen und Anlagen 306 400 RM., gegen 412 000 RM. im Vorjahr, vorgesehen. Für die Zwecke der Altstadtsa- n i e r u n g im Gebiet zwischen Lindenplatz, Kir- chenplatz und Schloßgasse sind 300 000 RM., gegen 45 000 RM. im Vorjahre, in den neuen Haus­haltsplan eingestellt worden. Für die U m g e - staltung der vorderen Liebig st raße und der oberen Bahnhofstraße vor dem Hauptzollamt sind 15 000 RM. veranschlagt, für die endgültige Gestaltung des Skagerrak- Platzes vor der Neuen Pestalozzischule 7000

Reichsmark. Die Aufwendungen für die Beschaf­fung von Straßenbaumaterial, sowie für die Un­terhaltung der städtischen Bauten sind mit 120 000 Reichsmark, gegen 160 000 RM. im Vorjahr, ver­anschlagt. Für den Neubau eines Frei­bades enthält der neue Haushaltsplan einen Voranschlagsbetrag von 100 000 RM., wobei der Oberbürgermeister hofft, daß er auch für dieses Projekt 'die Geldmittel zu annehmbaren Bedin­gungen erhält, um den Plan der Errichtung eines modernen Sport - Freibades baldmöglichst durch­führen zu können. Für Geländearbeiten zur Er­weiterung des Neuen Friedhofs enthält der Vor­anschlag 6000 RM., gegen 10 000 RM. im Vor­jahre.

Im Kapitel Kunst und Wissenschaft er- scheint ein Betrag von 5000 RM. für den Einbau eines Motors zur Bedienung des eisernen Vorhangs im Stadttheater. Für die Errichtung einer Uni- v e r s i t ä t s t u r n h a l l e ist ein städtischer Zu­schuß in Höhe von 60 000 RM. erneut vorgesehen worden, nachdem der im vorjährigen Haushaltsplan eingestellte gleiche Betrag noch nicht in Anspruch genommen wurde. Der Oberbürgermeister teilte dazu mit, daß sich die hessische Kultusverwaltung im vori­gen Jahre noch nicht zu diesem Bau entschlossen hat, jedoch die Möglichkeit besteht, daß er in diesem Jahre in Angriff genommen wird. In dieser Erwartung ist der Betrag von 60 000 RM. für dieses Projekt erneut vorgesehen worden.

Im Kapitel Wohlfahrtswesen sind 50000 Reichsmark für die Errichtung eines neuen Sportplatzes gegenüber dem Sportplatz des VfB.-Reichsbahn vorgesehen. Auch dieser Betrag muß natürlich auf dem Anleihewege beschafft wer­den, wobei wir alle die Hoffnung hegen, daß dies bald gelingen möge, um das vortreffliche Projekt zur Durchführung bringen zu können.

Bei der Finanzverwaltung tritt zutage, daß in der Vermögensrechnung die Gesamtausgaben sich auf 1 582 503,64 RM., die Gesamteinnahmen auf 398 120,45 RM. belaufen, so daß sich die K a p i t a l - aufnahme auf 1 184383,19 RM. beläuft. Der Oberbürgermeister hofft diese Geldmittel durch An­leihen zu erlangen, er gab aber auch der Hoffnung Ausdruck, daß es vielleicht noch möglich fein werde, aus den Mitteln des laufenden Betriebes noch man­cherlei durchführen zu können.

Der Voranschlags-Abschluß.

Der Haushaltsplan für das Rechnungsjahr 1937 schließt in der Gesamtsumme in Einnahme und Ausgabe mit 7 778 134,27 Mark, gegen 7 130 635,99 Mark im Vorjahre, ab. Davon ent­fallen auf die B e t r i e b s r e ch n u n g in Ein­nahme und Ausgabe je 6195 630,63 Mark, gegen 5 618 704,86 Mark im Vorjahre, auf die D e r - Mögensrechnung je in Einnahme und Aus­gabe 1 582 503,64 Mark gegen 1511931,13 Mark im Vorjahre.

Im einzelnen schließen im neuen Haushaltsjahr in der Betriebsrechnung ab: Allgemeine Verwaltung 70 143,10 Mark Einnahme, 593 724,88 Mark Ausgabe; Polizewerwaltung 2 360 Mark Einnahme, 170 908,75 Mark Ausgabe; Grundbesitz, Land- und Forstwirtschaft 612 939,45 Mark Ein­nahme, 479 239,12 Mark Ausgabe; Bauoerwaltung 374 054,91 Mark Einnahme, 844 883,35 Mark Aus­gabe; Betriebsverwaltung 1 064 148,17 Mark Ein­nahme, 479 727,38MarkAusgabe; Schulen 41 343,28 Mark Einnahme, 456 837,66 Mark Ausgabe; Kunst und Wissenschaft 412 598,30 Mark Einnahme, 650 643,03 Mark Ausgabe; Wohlfahrtswesen, Ge­sundheitswesen 4 708,14 Mark Einnahme, 825 892,49

Mark Ausgabe; Finanzverwaltung 3 613 335,28 Mark Einnahme, 1 693 773,97 Mark Ausgabe.

In der Vermögensrechnung sind im ein­zelnen zu finden: Allgemeine Verwaltung keine Ein­nahmen, 40 000 Mark Ausgabe; Grundbesitz, Land- und Forstwirtschaft 160 356,62 Mark Einnahme, 185 500 Mark Ausgabe; Bauverwaltung 130 000 Mark Einnahme, 980 480 Mark Ausgabe; Betriebs- Verwaltung keine Einnahme, 121 000 Mark Aus­gabe; Schulen keine Einnahme, 20 000 Mark Aus­gabe; Kunst und Wissenschaft keine Einnahmen, 65 000 Mark Ausgaben; Wohlfahrtswesen, Gesund-

Warum Schlaflosigkeit?

Trinken Sie abends ein Likörglas/ enthaltend ein Teil Klosterfrau-Milissenaeist und zwei Teile Wasser, und Sie werden von Schlaflosigkeit meist rasch be­freit sein! Klosterfrau-Melissengeist beruhigt Herz und Nerven und erleichtert das Einschlafen aus ge­sunde Weise. Als rein natürliches Erzeugnis (Heil- kräuter-Destillat) völlig giftfrei und unschädlich, deshalb dauernd bekömmlich und doch wirksam. Also sichern Sie sich einen besseren Schlaf durch den echten Klosterfrau-Melissengeist! Erhältlich in der blauen Packung mit den drei Nonnen in Apo­theken und Drogerien von 95 Pf. an.

(Dieses Rezept bitte ausschneiden).

Skandal um Or.Vandergruen

Roman von Hans Hirthammer.

Copyright by Verlag Oskar Meister, Werdau i. S.

38. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Plötzlich taucht das Haus zwischen den Bäumen auf, und Gisch muß vor lauter Andacht und Entzücken die Hände falten.

Schön ist es hier, ein Stück vom Paradies.

Das Haus, mit langgestreckter Terrasse, steht auf einer Lichtung. Große, breite Fenster geben der Sonne ungehinderten Zutritt. Nach allen Seiten strahlen gepflegte Wege aus und verlocken zu be­haglichen Spaziergängen.

Gisch blickt mißtrauisch Herrn Tuff nach, der eben eilfertig unter der Haustür verschwindet.

Der Gute wird sich umsonst bemühen. Das hier ist jetzt meine Heimat, und die Heimat verschachert man nicht!"

In der Halle lernt sie Herrn Griens kennen, den Geschäftsführer. Er hat sich mit Herrn Tuff aus Gotha auffallend angeregt unterhalten und eilt nun dienstbeflissen auf den neuen Gast zu.

Gisch blickt in die hellgrauen Augen des Ge­schäftsführers und sie ahnt, daß dieser Mann nicht ehrlich ist.

Hoffentlich haben Sie noch ein Plätzchen für mich frei. Ich vergaß ganz, mich anzumelden."

Aber gewiß, mein Fräulein, in welchem Stock­werk wollen Sie wohnen? Wenn Sie länger als acht Tage bleiben, gelten die ermäßigten Sätze."

Gisch wählt ein Eckzimmer im ersten Stock, das am Morgen freigeworden ist. Und bis zum Abend hat sie sich bereits mit dem Hausknecht, mit der Köchin und mit dem Zimmermädchen angefreundet, und auch schon dies und jenes in Erfahrung ge­bracht, was ihr nicht gefällt.

Der Hausknecht, sonst ein brauchbarer Mensch, nimmt zuviel Trinkgelder. Jeden kleinen Dienst, jede Nichtigkeit, läßt er sich bezahlen.

Ferner sind die Bestecke nicht sauber genug ge­putzt.

Drittens: als sie ihr Zimmer betrat, waren die Betten noch nicht frisch bezogen. So etwas darf nicht vorkommen.

Und das Zimmermädchen Emma klatscht. Sie biedert sich an die neuen Gäste an, indem sie die alten schlecht zu machen sucht.

Das geht nicht. Man wird Emma ernstlich ver­warnen und im Wiederholungsfall entlassen müssen.

Gisch hat sich ein kleines Notizbuch angelegt, dahinein schreibt sie alles.

Der erste Abend in Hohenheim ist ja, ist wie etwas Heiliges, eine Weihnacht. Gisch hat nie ge­wußt, was das ist: Abend.

Gestern, in dem kleinen Ort, als sie beim An­klingen der Glocken erschauerte, hat sie es zum erstenmal geahnt, heute aber weiß sie, erlebt sie mit allen Sinnen das Wunder des Abends.

Sie hat auf halber Höhe des Abhangs'am Wald­rand eine Bank gefunden. Vor ihr breitet sich das Tal, gegen die sinkende Sonne geöffnet.

Da sitzt sie, zurückgelehnt, und sieht die Sonne hinabschweben in das Meer der Nacht. Goldeni er­glühen die Dächer, die Baumgipfel, die Wolken­säume. . n .

Friede breitet sich über die verdämmernde Land­schaft, irgendwo klingt es noch wie ein gedämpftes Orgelspiel, das Geheimnis erwacht und schreitet mit flatternden Elfenfchleiern durchs Tal.

Gisch sitzt da, mit losen, verspielten Händen, und fühlt sich der Verzauberung hingegeben.

Die Großstadt hat keinen Abend. Die Bogen­lampen töten das Wunder. Vielleicht, weil die Menschen dort den Abend nicht zu ertragen ver­möchten, oder weil sie des Abends nicht würdig sind.

Denn heilig ist der Abend draußen im Lande, ruft zu Besinnung und Einkehr.

Er ist die Stunde der erwachenden Sehnsucht, der Not, der Hoffnungen und der Verzweiflung.

Stefan! schreit es in Gisch, und alles Furchtbare ist plötzlich wieder lebendig geworden.

Wie soll sie hier in der Einsamkeit leben können ohne ihn? Wie soll sie ihr Dasein ertragen?

Der Mond steigt empor und erfüllt das Tal mit

seinem bleichen Licht. Irgendwo plätschert verloren ein Bach.

Gisch fröstelt. Sie hat Angst vor dem tiefen Schweigen ringsum. Hastig eilt sie die Anhöhe hin­ab, dem tröstlichen Lichtschein des Hauses zu.

25.

Darf ich dir noch Tee nachgießen, Bert?"

Ich bitte dich darum! Uebrigens hier, lies das!"

Bert Imhoff reichte Mary das Zeitungsblatt hin­über, das er eben in aller Eile durchflogen hat.

Unioerfitätsnachrichten. Wie wir erfahren, wurde der bisherige Leiter der Sinologischen Se­minars an der Universität Leipzig, Professor Dr. O. Grische, an die Universität Berlin berufen, wo er als Nachfolger von Dorktor Vandergruen den Lehr­stuhl für Chinesisch und Japanisch übernehmen wird. Doktor Vandergruen hat mit Beendigung des Sommersemesters seine Aemter niedergelegt, um sich ganz seinen wissenschaftlichen Forschungen wid­men zu können."

Bert dreht eine Zigarette zwischen den Fingern. Der Entschluß mag ihm nicht leicht gefallen sein. Ich weiß, wie sehr er an seiner Lehrtätigkeit hing. Daß man ihn so leichten Herzens gehen läßt, wird ihm den Rest geben."

Das glaube ich nicht. Wir haben uns doch gestern mit ihm darüber unterhalten. Alle diese Dinge be­rühren ihn nicht mehr. Die Atmosphäre des Miß­trauens und des Uebersehenwerdens, die ihn früher zur Raserei gebracht hätte, nötigt ihm heute nur noch ein überlegenes Lächeln ab. Bis zu dem Skandal bestand sein Leben einzig aus Ehrgeiz und Geltungsbedürfnis, seitdem aber lebt er ganz zurück­gezogen, pflegt seinen Garten, arbeitet in seinem Zimmer und ist dabei so glücklich und zufrieden. Verstehst du das?"

Bert blickt nachdenklich vor sich hin und denkt an das Gespräch zwischen Werner Michaels und Dan- dergruen, dessen Inhalt Werner ihm erzählt hat.

Ich glaube, ich verstehe ihn. Was ich sagen wollte: Hast du Nachrichten von Fräulein Ame- lung?"

Ja, sie hat mir jetzt ausführlich geschrieben. Du, die scheint dort drunten ordentlich Schwung in die

Bude zu bringen. Soll ich dir ihren Brief vor- lefen?"

Bert lehnt sich behaglich zurück.Natürlich! Laß hären!"

Mary holt den Brief und beginnt.

Du wirst schon gedacht haben, liebste Mary, daß ich mitsamt meinem ,Berghof' vor die Hunde ginge. Jedoch wir denken nicht daran, obgleich an Auf­regungen in der letzten Zeit kein Mangel war.

Also gestern ist die Bombe geplatzt, und das kam so: Herr Tuff, von dem ich Dir schon erzählte, hat mir vorgestern abend seine Geheimnisse anvertraut, nachdem ich ihn nicht ohne Absicht etwas unter Alkohol gesetzt hatte. Ich hielt tapfer bei ihm aus und war sogar ein bißchen nett zu ihm, denn ich wollte unbedingt herauskriegen, was er andauernd mit meinem Geschäftsführer Griens zu palawern hatte. Na, ich kann Dir sagen: Mister Tuff taute auf wie Erdbeereis an der Frühlingssonne. Er wurde vertraulich, und das Ende war eine Liebes­erklärung. Ich stelle mich albern und fragte halb scherzhaft, ob er denn eine Familie ernähren könne. ,Hoho', sagte er und plusterte sich auf, ,was denken Sie! Bei meinem Geschäft gibt es safttge Verdienste, wenn man nicht kleinlich ist!' Er gestand mir dann ein, daß er keineswegs ,kleinlich' sei. So habe er zum Beispiel mit diesem Griens, der ein Heller Junge sei, ein feines Ding verabredet. .Sobald die­ses Küken ankommt, wird Griens ihr einreden, daß der Besitz je eher, desto besser verkauft werden müsse. Wenn es dann soweit ist, werde ich in Er­scheinung treten und siebzigtausend Emmchen bieten, bar auf die Hand, nicht übel, was?' (Ich machte natürlich große Augen. .Soviel Geld!') Griens wird dann sagen: .Nicht zu machen! Hunderttausend ist das mindeste!' Schließlich werde ich mich damit einverstanden erklären, und das Püppchen wird begeistert ja sagen! (Dabei ist der .Berghof' zwei- hundertfünfzigtausend wert!) Mein Grundsatz ist, leben und leben lassen! Ich habe darum dem braven Griens für seine Unterstützung zehntausend Mark in bar versprochen, sowie die Zusicherung gegeben, daß er auch unter dem neuen Besitzer im Hause bleiben werde."

Scheint ein niedlicher Bengel zu fein, dieser Griens!" meint Bert.

(Fortsetzung folgt!)