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Nr.9 Zweiter Blatt

Dienstag, 12. Januar 1937

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhefsen)

Das englische Bevölkerungsproblem.

Von Dr. Roderich von Ungern-Giernberg.

Die Frage nach der Bedeutung, die einer Ver­mehrung bezw. Verminderung aber einem anhalten­den Stillstand der Bevölkerungszahl Großbritan­niens zukommt, im Rahmen der Aufgaben, die sich Großbritannien auf politischem und weltwirtschaft­lichem Gebiet gestellt sind, ist in der letzten Zett auch außerhalb Englands häufig gestellt worden.

Man kann immer wieder gerade im Auslande die Ansicht hören, daß für das Wohlergehen eines Volkes es vollkommen belanglos sei, wie stark es an Zahl ist, daß kleine Völker doch ischr gute Daseins­bedingungen hätten und vielleicht glücklicher dastün­den, als die großen und volkreichen. Allenfalls könne, das' wird meist zugegeben, eine schnelle und anhal­tende Abnahme des Volksbestandes eine gefährliche Erscheinung darstellen, der man jedoch rechtzeitig Einhalt zu gebieten in der Lage sei. Die so denken, verkennen, daß ein Volk ein sozialbiolo- gjsches Gebilde darstellt, welches ganz wie eine Fa­milie oder Sippe das natürliche Bedürfnis hat, sich zu vermehren, zu wachsen, und daß jede neue Gene­ration eines Volkes eine lange Reihe von Aufgaben und Problemen überliefert erhält, die nicht zurück- gewiesen werden können, sondern als Erbe der Ver­gangenheit der neuen Generation zur Lösung gestellt werden. Bei dieser Lösung spielt aber die Größe des Volkes eine sehr wichtige, unter Umständen die ent­scheidende Rolle.

Auf England bezogen läßt sich die Richtigkeit dieser Feststellungen ganz leicht nachweisen: es ist doch sehr bemerkenswert, daß dieses Land bisher die vergleichsweise höchste Stufe seiner wirtschaft­lichen und politischen Herrschaft zu Beginn der zwei­ten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in den sechziger Jahren, erreicht hatte, zu derselben Zeit, als Groß- britanttien eine besonders starke Bevölkerungsver­mehrung aufwies. Gewiß kann man behaupten, diese starke Vermehrung sei ja durch die große Gunst der damaligen wirtschaftlichen und politische^ Ent­wicklung verursacht worden. Diese habe erst den Lebensraum für den ungeheuren Bevölkerungszu­wachs geschaffen. Das mag bis zu einem gewissen Grade 'zutreffen. Unverkennbar ist aber, daß ohne eine vorhergehende starke Bevölkerungszunahme, wie sie England schon in der ersten Hälfte des ver- gangcnen Jahrhunderts gehabt hat, Großbritannien niemals die Leistungen vollbracht hätte, die dieses Volk auf die Höhe seiner Macht gehoben haben, und daß niemals die Welt in dem Maßeenglisch" geworden wäre, wie das tatsächlich der Fall ge­wesen ist. wenn England nicht diesen gewaltigen Mcnschenuberschuß im Mutterlande gehabt hätte, ein Umstand, von dem Großbritannien heute noch zehrt.

Es liegt auf der Hand, daß die Aufrechterhaltung und was bei einer sich kraftvoll entfaltenden Ration ganz natürlich ist die weitere Festigung und Ausdehnung der Weltgeltung Englands nur dann gewährleisttt ist, werm das englische Volk min­destens seinen Bestand ungeschmälert ausrechterhält, wenn nicht weiter vermehrt, und sich nicht durch die Ausbreitung anderer, schneller wachsender Völker aus seiner Stellung verdrängen läßt.

Wie ist es aber in dieser Hinsicht heute tatsäch­lich in England und in seinen überseeischen Be­sitzungen bestellt? England und Wales, d h. der eigentliche biologische Kern des britischen Welt­reiches, hat zur Zeit eine Bevölkerung von rund 41 Millionen, dazu kommt Schottland mit rund 5 Millionen Einwohnern. Zu Anfang des 19. Jahr­hunderts, das eine ungeahnte Ausdehnung des bri­tischen Weltreiches mit sich brachte, hatten England und Wales nur rund 8,9, Schottland nur rund 1,6 Millionen Einwohner. Die Größe der absoluten Be­völkerungsvermehrung war in den 60-, 70-, 80-, 90er Jahren und im ersten Jahrzehnt des laufenden Jahrhunderts am stärksten. Roch im Durchschnitt der Jahre 1911 /15 wies England und Wales einen Ge­burtenüberschuß von 346151, im Durchschnitt für 1926'30 aber nur noch von 182 953 auf, 1933 war

er sogar auf 83 948 gesunken, dann aber um ein Geringes gestiegen: 1934: 120 832, 1935: 121 796 Personen, was auf 1000 Einwohner berechnet 3,0 beträgt.

Es unterliegt jedoch keinem Zweifel, daß diese Zuwachsrate (von 3,0 auf 1000) bei einer Geburten­häufigkeit und Sterblichkeit, wie sie gegenwärtig be­steht (14,7 dzw. 11,7 auf 1000 Einwohner) auf die Dauer nicht Bestand haben wird und somit auch die Bevölkerungszahlen von England und Wales nicht gehalten werden können, weil die Zahl der neuerdings in das heiratsfähige Alter tretenden Männer und Frauen infolge des Geburtenrück­ganges während der vorhergehenden Jahre nicht ausreichen wird, um die gleiche Zahl von Kindern zu zeugen. Das könnte nur bei einer steigenden Ge­burtenzahl je Ehepaar, oder einer weiter stark ab­nehmenden Sterblichkeit der Fall sein Daß die Sterblichkeit weiter abnimmt, ist aber sehr unwahr­scheinlich, denn England hat ohnehin schon eine ver­gleichsweise sehr niedrige Sterblichkeitsziffer.

Ausgehend von der Geburtenhäufigkeit und Sterblich­keit des Jahres 1933 hat man in einwandfreier Weife berechnet, daß bis zum Jahre 1944 die Be­völkerung weiter von rund 40 563 000 (1935) bis auf 40 885 000 zunehmen wird. Beginnend mit dem Jahre 1945 wird aber ein Rückgang einsetzen, so daß nach 50 Jahren (1985) die Bevölkerung auf 82 v. H. ihres Bestandes von 1935 und nach 100 Jahren auf die Hälfte ihres jetzigen Bestandes ge­sunken sein wird. Mithin ist eine sehr starke Schrumpfung des englischen Volksbestandes, wenn die heute allgemein verbreitete und ausgeübte birth-control bestehen bleibt, unvermeidlich. Wie soll aber bei einer abnehmenden Bevölkerungszahl die englische Weltmachtstellung und der damit auf das engste verbundene hohe Lebensstandard der Engländer aufrechterhalten werden? Das ist poli­tisch, militärisch und wirtschaftlich ein sehr schwer­wiegendes Problem, das man in jüngster Zeit auch in England in seiner Tragweite allmählich zu er­kennen beginnt. Bisher war man allerdings ganz einseitig aus die Aufrechterhaltung der vergleichs­weise hohen Lebenshaltung der gegenwärtig leben­den Generation bedacht und machte sich gar keine Gedanken darüber, daß die Lebenshaltung doch nur solange als gesichert gelten kann, als England in der Lage ist, seine Kolonien zu beherrschen und seine Dominien gegen Angriffe zu verteidigen, wozu eine ausreichende Zahl von Engländern, d. h. von Menschen, die nach Abstammung, Charakter­bildung und ÜeberlieferungVollblüter" sind, er­forderlich ist. Daß in den aufgerückten Schichten des englischen Volkes der Geburtenrückgang beson­ders stark um sich gegriffen hat, scheint mir aus den dargelegten Gründen besonders gefährlich zu sein, denn es ist eine ganz abwegige Ansicht zu meinen, daß bei einer starken Schrumpfung der Fortpflanzung in aufgerückten Volkskreisen und gleichzeitiger freier Entfaltungsmöglichkeit der un­teren Volksschichten fortgesetzt genügend begabte und gut veranlagte Personen in die führende Schicht aufrücken würden. Der Vorrat an bedeutenden Be­gabungen ist innerhalb eines Volkes nicht uner­schöpflich, und die sich auch in England seit Jahr­zehnten infolge des Geburtenrückganges innerhalb der aufgerücften Kreise (auch in den Kreisen der Arbeiterschaft) vollziehende Gegenauslese und die dadurch verursachte Auspowerung des Volkes an überdurchschnittlich Begabten muß zwangsläufig dazu führen, daß die Leistungsfähigkeit des ganzen Volkes nachläßt.

Vor allem aber ist England heute in gewissem Grade Einwanderun'gsland geworden, denn in den letzten Jahren überwog die Zahl der Einwande­rer (Rückwanderer) die der Auswanderer: während im letzten Vorkriegsjahr die Zahl der Aus­wanderer die der Einwanderer noch um rund 303 700 überstieg, ist seit 1931 alle Jahre ein Mehr 1 an Einwanderern zu verzeichnen gewesen, das im

Durchschnitt rund 30 000 Personen betragen hat. Als ein Dauerzustand ist diese für das Mutterland anscheinend günstige Wanderungsbilanz aber nicht zu betrachten, denn der eigentliche Grund dieser Rückwanderung aus den überseeischen Besitzungen ist wohl in der Besserung der wirtschaftlichen Kon­junktur in England und in der hohen Arbeitslosen­unterstützung, die in England gezahlt wird, zu er­blicken. ~ .

Das Britische Weltreich bedarf aber zur Festigung feiner Herrschaft nach wie vor eines ständigen Zu­stromes von englischen Auswanderern nach den Kolonien und Dominions. Vor allem ist die Aus­wanderung von Leuten erwünscht, die gewillt und befähigt sind, als Siedler sich in den noch zum Teil sehr 'dünn bevölkerten überseeischen Gebieten dauernd niederzulassen. An solchen Menschen fehlt es aber in England schon heute und wird es nach zwei bis drei Jahrzehnten in noch weit höherem Grade mangeln, falls der Bevölkerungszuwachs den

gegenwärtigen außerordentlich niedrigen Stand bet» behält. Dabei verlangen aber gerade die Kolonien und Dominions dringend eine Mehrung des Be­standes an englischen Menschen, um die ungenützten Räume, z. B. in Australien und in Neuseeland, be­siedeln zu können, zumal die einheimischen weiße Be- völkerung in diesen Ländern sich nur recht lang­sam vermehrt, während Japaner, Chinesen und Malaien eine unvergleichlich größere Fortpflanzung aufweisen, als die Europäer.

Das englische Volk ist damit gleich anderen west­europäischen Völkern vor die Wahl gestellt, entwe» der auf eine weitere Ausdehnung seiner Weltgel­tung zu verzichten wenn es das will, dann kann es seinen Bevölkerungszuwachs weiter einschränken ober es muß sich im Verhältnis zu anderen, be­sonders den außereuropäischen Völkern ausreichend stark vermehren, wozu eine höhere Geburtenhäufig­keit unerläßlich ist.

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Die Menschast erforsch! den Verkehrsnnsall.

Neue Hilfsmittel im Kampf gegen den Tod auf der Straße.

Von Dr. W. Dietrich.

Die ständige Zunahme der Motorisierung Deutschlands hat bekanntlich leider auch die Verkehrsunfälle erheblich ansteigen lassen. Da ebenso in allen übrigen Kulturländern der Erde infolge des rapid anschwellenden Verkehrs der Kampf gegen den Verkehrs­unfall immer notwendiger wird, haben sich Wissenschaft und Technik dieser Frage mit größtem Eifer angenommen. Psychologen, Aerzte, Verkehrssachleute und Techniker sind gemeinsam bemüht, die Gefahren des Ver­kehrs nach Möglichkeit zu beschränken: unser Artikel berichtet über einige besonders wich­tige neue Ergebnisse dieser Arbeiten.

In Deutschland kommen laut Statistik über 100 000 Menschen in einem einzigen Jahre bei Verkehrs­unfällen irgendwie zu Schaden ganz abge­sehen von den gewaltigen wirtschaftlichen Werten, die auf diese Weise sinnlos zerstört werden. Wenn wir diesen Gefahren, neben den neuen und wirk­samen behördlichen Maßnahmen, von uns aus er­folgreich begegnen wollen, müssen wir uns zuerst mit der wichtigsten Frage beschäfttgen: wodurch werden diese Unfälle hervorgerufen? Wer hat schuld?

Es ist Nicht leicht, eine wirklich umfassende Ant­wort auf diese Frage zu finden, weil allzu viele verschiedene Dinge beim Zustandekommen der mei­sten Verkehrsunfälle mitspielen. Aber einen gewissen Anhalt geben schon die statistischen Zusammen­stellungen, die jetzt über alle Verkehrsunfälle in mustergültiger Weise geführt werden. Die Statistik zeigt uns zunächst, daß durch übermäßige Ge­schwindigkeit und falsches Uederholen erschreckend viel Unfälle hervorgerufen werden.

In England, wo die Unfallziffern noch höher sind als bei uns 10 000 Tote bei Verkehrs­unfällen im Jahresdurchschnitt! hat man ein ganz radikales Mittel gegen dasRasen" der Autos eingeführt: in bebauten Gegenden darf auch auf der freien Landstraße nicht schneller als fünfzig Kilometer in der Stunde gefahren werden. Diese Maßnahme ist natürlich auf erbitter­ten Widerstand, namentlich der Autofahrer, ge­stoßen aber sie hat in England geholfen, denn die Unfallziffern sind seit Einführung der Geschwin­digkeitsgrenze gesunken. In Deutschland haben zuständige Stellen in letzter Zeit schon mehrfach darauf hingewiesen,x daß auch bei uns eine Be­grenzung der Geschwindigkeit in noch zu erwägen­der Form möglicherweise bas letzte Mittel sein würde wenn die Raserei auf den Straßen nicht aufhört. Liegt bei den Unfällen durch zu schnelles Fahren die Schuld fast stets beim Kraftfahrer, so ist auf der anderen Seite auch der Fußgän­ger in vielen Fällen trotz aller Belehrung noch

erschreckend leichtsinnig und unachtsam. Sein Schuld­anteil beträgt immerhin mehr als die Hälfte der durchRasen" verursachten Unfälle.

Bei dieser Gelegenheit sei darauf hingewiesen, daß sich nach den statistischen Feststellungen zwei Tage ergeben, an denen die Unfallziffern beson­ders hoch sind: der Samstag und der M o n- t a g. Am Wochenende ist so mancher Großstädter in Gedanken schon beim Sonntagsausflug, er achtet nicht genug auf den Verkehr und muß diese Nachlässigkeit leider oft nur allzu bitter büßen. Am Montagmorgen liegt ein zweitesHoch" der Ver­kehrsunfälle also nach der Ruhe und Verkehrs­entwöhnung des Sonntags. Im Laufe eines Tages ereignen sich besonders viele Unfälle nachmit­tags gegen 16 Uhr, also zu einem Zeitpunkt, da die meisten Menschen von der Arbeit erschöpft oder von der Verdauungstätigkeit her ermüdet sind. Merkwürdig endlich ist die Tatsache, daß von allen Monaten Februar und März in bezug auf die Häufigkeit der Verkehrsunfälle die gefährlichsten zu sein scheinen. Hierfür eine völlig eindeutige Erklä­rung zu finden, dürfte kaum möglich sein, da sicher­lich eine ganze Reihe von Ursachen äußerer und innerer Art in Betracht kommen.

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Erschreckend stark ist auch die Beteiligung des Alkohols an den Ursachen der Verkehrsunfälle. Daß namentlich der Kraftfahrer Alkohol während einer Fahrt völlig meiden muß, ist schon so oft ge­tagt worden, da.ß es jeder wissen sollte. Aber in einem einzigen Monat werden in Deutschland rund sechshundert meist sehr schwere Unfälle durch angetrunkene Kraftfahrer verursacht! Man hat be­kanntlich schon vor einiger Zeit zur Prüfung dieser Frage eine Blutuntersuchung eingeführt: neuerdings kann man die Trunkenheit eines Men­schen auch noch durch Untersuchung seiner A t e m - lüft nachweisen. Ein englischer Chemiker hat ein Verfahren ausgearbeitet, bei dem der Untersuchte kurze Zeit in einen Gasballon atmen muß, worauf mit Hilfe von sehr einfachen Reaktionen der Grad seiner Alkoholisierung ganz genau festgestellt wer­den kann. Betrunkene Chauffeure, die irgendeinen Unfall verursachen, werden also in Zukunft ihrer Strafe nicht entgehen können.

Eine recht interessante technische Neuerung ist

Kommt da neulich ein feiner fiece

in den Laden und wählt eine Zahn­pasta für 50 Pfennige. Er ließ sich durch den niedrigen Preis nicht beirren, dehn die Packung trug ja den guten NamenNivea". Er wußte: Nivea ist Qualität

Nachts in einem Mtttenm.

Von Werner Schumann.

Es war eine winterliche Nachtstunde, als wir plaudernd im Büro des Direktors eines ägyptischen Museums saßen, dessen hervorragende Sammlungen wett über Deutschlands Grenzen bekannt sind. Der Chef des Hauses stand kurz vor einer Forschungs­reise nach Aegypten und hatte uns seine Pläne im einzelnen entwickelt, als er sich, in einer plötzlichen Eingebung, erhob und uns lächelnd auffprderte, ihn auf einem Rundgang durch fein Museum zu be­gleiten. Wir sahen ihn ein wenig verdutzt an: wie, zu dieser Stunde? Aber ja, lachte er, das sei die rechte Zeit für ein Totenreich.Kommen Sie nur, meine Herren! Die Pharaonen haben einen tiefen Schlaf. Wir werden behutsam vorgehen und sie nicht stören."

Und schon öffnete er die Tür zu den Sammlun­gen. So traten wir, nicht ohne Neugierde und Spannung, zu Dritt eine phantastische Reise durch Alt-Aegypten an, unwillkürlich leise in Wort und Schritt, der Hausherr vorauf. Er dachte natürlich nicht daran, das elektrische Licht, das alle Illusion zerstören würde, aufflammen zu lassen. Um das traumhaft Unwirkliche der nächtlichen Stunde noch zu erhöhen, hatte er nur eine winzige Taschenlampe in der Rechten und: knips, schoß der erste dünne Lichtstrahl in das Dunkel der lautlosen Totenkam­mer.

Ich erinnere mich genau, in diesem Augenblick völlig überrascht stehengeblieben zu sein. Dies war nicht mehr das peinlich geordnete und feierlich auf- gebaute Museum in seiner steinernen Ruhe, das wir auf vielen Rundgängen gründlich kennengelernt hat­ten. Es schien uns, als ob die alten Götter, die vor Jahrtausenden gestorbenen Mächtigen der Erde, plötzlich beseelt aus ihrer musealenHaftherausträten, schauend und atmend, übermenschengroß und erfüllt von uralter Weisheit: heraus aus ihrem fahl-gelben Stein-Dasein, ihrem rätselhaften Sphinx-Schlas, von dem wir so herzlich wenig wissen. Sie gaben frei­lich auch jetzt kein Geheimnis preis. Und täten sie es: mit dem Verstände allein könnten wir es nicht aufnehmen. Die Mysterien lassen sich nur erkennen von Wesensähnlichen. Soviele Antlitze, svviele Rätsel! Osiris', des Lichtgotts, starrer Blick, lag jetzt im Lichtkegel der kleinen Lampe.

Ist es nicht absurd", flüsterte mein Nebenmann, daß ausgerechnet Osiris sein Lebenselement, das göttliche Licht, von einer Taschenlampe des 20. Jahrhunderts empfangen muß?"

Ein kleiner Irrtum", belehrte uns unser Füh­

rer,Osiris' eigentliches Auge, das Sonnenauge, war in seinem Innersten. Jeder Aegypter konnte es Osiris gleichtun und im Innern die Mächte der Finsternis besiegen!"

Aber dies ist ja gerade die Frage: taten sie es noch? Diealten" Aegypter hatten ja noch ältere Ahnen, die den Quellen der Weisheit nahe waren, lieber das Leben der Nachkommen ging schon die Woge des Materialismus und der Unterdrückung. Waren nicht die Riesenbauten der Unsterblichkeit der Könige zum Teil errichtet aus dem Mark von Sklaven?

Dieser Kolossalmensch da, der Prinz Hem-On, über dessen strotzende und vollendet schöne Athleten­muskulatur der Schein der Taschenlampe geistert, vom vorderen Schienbeinmuskel hinauf über die weibisch schwellende Brust zur harten Stirn, er ist einer der höchsten Verwaltungsbeamten seines königlichen Herrn und also ein Mann der Wirklich­keit gewesen. Wuchtig mochte seine schwere Hand auf den Nilruderern, Eseltreibern und Pyramiden­bauern gelastet haben. Noch nie vor dieser seltsamen Nachtwanderung war mir die übermächtige Körper­lichkeit des gelassen sitzenden Prinzen so bewußt geworden. Dennoch zeugte das Bildnis, wie wir es jetzt sahen, auch von seiner Unsterblichkeit. Es sprach uns an, daß auch er einst einem höheren Dasein nachgelebt und das Licht des Himmels ge­liebt habe. Und er schien mit demTotenbuch" seines Volkes zu sprechen:Licht wird es vor mir auf der Erde, und mein Auge wendet sich zurück zu den Spuren meiner Tage. Die Gräber der Erde werden mir zu Geburtsstätten: und ich kehre wieder zu meiner Zeit. Vor mir leuchtet der Strom des Lebens: ich sehe der Dinge ewig wandelnde Natur. Mein tief innerliches Auge erwacht..."

Da gleitet der Lichtschein ab von ihm, er sitzt wieder unbeweglich im Dunkel der Jahrtausende. Unsere Schritte tappen vorsichtig vorüber an den breitäugigen Antlitzen von Pharaonen und Män­nern aus dem Volk, an den aufzuckenden Löwen­tatzen der Sphinx-Gestalten, an den bindenum­wickelten Mumien, den wundersamen Bildern der Hieroglyphen. Und was wir auch wahrnehmen im wogenden Ansturm der Menschen- und Tierleiber: über allem steht doch die Kraft und Herrlichkeit des Auges und der Brust. Davor tritt alles andere zurück, wird zur monotonen Leiblichkeit in end­losen Wiederholungen. Sie verstanden zu herrschen und waren doch dem Ewigen verbunden. Auge und Brust, Himmel und Erde. Das war ein guter Zusammenklang: und so haben sie denn auch ge­malt und gemeißelt. Drei gewaltige Reiche durch­wandern wir, fast vier Jahrtausende, und aus

ihrem Grunde schienen vor uns leise die Wasser des Nilstroms aufzurauschen, zusammenklingend mit den einförmigen Gesängen der Nilschiffer und dem Klirren goldener Spangen an den Armgelenken bronzener Prinzessinnen. Lotosblumen wiegten sich an unserm traumhaften Weg, es blähten sich pur­purne Segel.

Unsere Reise endet in einer Totenkammer. Selbst hier wollen die Stimmen nun nicht mehr schweigen. Das Leben ist mächtiger als der Tod. Dieses Volk kannte kein Aufhören des Daseins es war immer unterwegs zum Licht.

Hatten wir an den Schlaf der alten Welt gerührt?

Preisen mir doch die glückliche Stunde! Wir waren ein Stück mitgewandert im ewigen Zuge eines Volkes, das durch das, was es schuf und dachte, unsterblich geworden ist.

Oer Teufel auf der Windmühle.

Als zu Beginn der achtziger Jahre des vergange­nen Jahrhunderts sich überall auf den Straßen Deutschlands die ersten Fahrräder zu zeigen be­gannen, erregten sie ungewöhnliches Aufsehen. Die lustigsten Begebenheiten werden davon berichtet.

In einem'kleinem Orte Thüringens hatte man noch keinVelociped" gesehen, wie die Vorläufer unserer Stahlrösser hießen. Und als nun eines Tages der erste Radfahrer stolz durch den Ort fuhr, da 'wurde ein kleiner Junge durch diese neue Er­scheinung so erschreckt, daß er sich zu seiner Mutter flüchtete und ängstlich berichtete:Mutter, es is e Scherenschleifer verrückt wor'n!"

Es war das gleiche Jahr, in dem ein deutsches Gericht feststellte:Ein Velociped gleicht einer Spinne, welche gespensterhaft an den Passanten vor­beisaust", und das gleiche Jahr, in dem eine Ge­meinde ihren Pfarrer deshalb absetzte, weil er auf einem dieser neuen Fortbewegungsmittel zu fahren pflegte.

Mit Kopfschütteln betrachtete man die ersten Ge­schäftsreisenden oder gar Beamten, die sich diese damals neueste Errungenschaft der Technik dienstbar machten. Stuttgart war die erste Stadt, in der ein Briefträger vom Hochrad aus die Briefkasten leerte. Britz bei Berlin" folgte.

Völlig unbekannt war der neue Sport damals in Jütland. Und so konnte es geschehen, daß ein bie­derer Ackerbürger, der einem Velocipedfahrer im Dunkeln begegnete, vor dem unheimlichen Dinge derart erschrak, daß er sich nicht von der Stelle be­wegen konnte. Er fiel auf die Knie und bat stam­melnd um Gnade. Und als ein des Weges kommen­der Kaufmann ihn in dieser Lage fand, berichtete er

ihm zitternd, er habe soeben denTeufel auf der Windmühle" gesehen.

Noch eine wahre Begebenheit aus dem Novem­ber des Jahres 1886. In London kündigte Mrs. Georgina Weldon, die schöne Freundin Charles Gounods, ein Konzert an. Zu diesem erschien die Sängerin in einem schwarzserdenen Herrenanzug, über den Rücken fielen blonde Locken bis zum Gürtel.

Aber das Sonderbarste war, daß Mrs. Weldon zu dem Konzert auf einem Zweirad fuhr. Und das war so ungewöhnlich, daß das Publikum, das sie erwartete, in Raserei geriet. Als sie vor der Albert- hall anlangte, wollte sie absteigen, allein ihre Ver­ehrer ließen das nicht zu. Man rief ihr zu:Bravo, Georgina, dreimal herum, ein Lied gesungen, dann kannst du hinein!"

Und Mr. Weldon raste auch wirklich dreimal um­her, ein lustiges Volkslied singend. Dann aber wurde sie von der Polizei wegen Erregung eines Skandals verhaftet.

Solche Aufregung verursachte damals ein Fahr­rad. Adolf N e ß.

Zeitschriften.

Jede Mutter weiß, wie anfällig gerade der Säugling und das Kleinkind gegen Erkältungs­krankheiten ist. Und gerade im Säuglingsalter ist ein Schnupfen gefährlich, weil er manche ernsthcttte Komplikationen wie Mittelohrentzündung, Luströh­renkatarrh oder Lungenentzündung nach sich ziehen kann. Für jede junge Mutter wird es deshalb in­teressant sein, zu lesen, was Dr. Hertha Tollkühn in ihrem ArtikelHütet den Säugling vor Grippe" im neuen Heft der Zeitschrift ..Mutter und Kind" (Verlag Staude, Berlin) über dieses Thema schreibt. Auch alle übrioen Beiträge dieses Heftes, das mit zahlreichen reizenden Bildern geschmückt ist, sind für Mütter, Säuglingspflegerinnen, Kin­dergärtnerinnen usw. sehr lehrreich.

Hocbschusnucbnchten

Der Herr Reichs- und preußische Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung hat dem Dr. phil. nat. habil. Hermann Danzer eine Do­zentur für das Fach der PhnÜk in der Naturwis­senschaftlichen Fakultät der Universität Frank­furt verliehen.

Der ordentliche Professor für antike Rechtsge­schichte, Privatgeschichte der Neuzeit und Rechts­verkehr, Dr. Erich Genzmer, ist zum Mitdirek- tor des Instituts für Rechtsvergleichung in Frank­furt ernannt worden.