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nr.257 Erstes Blatt

18?. Jahrgang

Montag, ll Oktober 1937

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Nationalsozialistische Volksführung.

Reichsminister Dr. Goebbels weiht die Nordmark-Feierstatte in Bad Segeberg.

Bad Segeberg, 10. Oktober. (DNB.) Reichs­minister Dr. Goebbels weihte am Sonntagmittag in Bad Segeberg in Anwesenheit von mehr als 20 000 Nordmärkern die in dreijähriger Arbeit er­standene Nordmarkfeier st ätte. Mitten aus dem schleswig-holsteinischen Flachland ragt der Berg empor, auf dessen zerklüfteten und wildauf­getürmten Felsmassen einst im 12. Jahrhundert Kaiser Lothar die inzwischen längst wieder ver­fallene Siegesburg als Schutz und Schirm gegen das Vordringen slawischer Völkerschaften errichten ließ. Die eigenartige Felsenlandschaft bot den gleichsam von der Natur geschaffenen Rahmen für die Schöpfung einer der schönsten Feierstätten des neuen Deutschland.

Schon seit Tagen steht die ganze Nordmark im Zeichen des Weihetages ihrer Feierstätte. Ueberall sind umfangreiche Vorbereitungen getroffen, um die vielen Tausende, die diesen Ehrentag ihres Gaues miterleben werden, schnell und reibungslos nach Bad Segeberg zu befördern. Das kleine holsteinische Städtchen selbst ist nach Jahrhunderten der Ruhe und Vergessenheit heute wieder in den Blickpunkt ganz Norddeutschlands gerückt. Schon Stunden vor Beginn der Feierlichkeiten sind die Ränge der Feierstätte dicht gefüllt mit einer er­wartungsvollen Menge. Im Vorraum des Spiel- runds haben die Arbeitsmänner der Abteilung 9/73 des Reichsarbeitsdienstes, Gau V11 (Arbeitslager Schafhaus), die in dreijähriger Arbeit das Werk errichtet haben, Aufstellung ge­nommen. Auch die am Bau der Feierstätte betei­ligten Facharbeiter sind erschienen und haben in den vordersten Sitzreihen mit Platz genommen.

Rings um den höchsten Ringwall wehen Fahnen. Auf dem mittleren von drei mächtigen Masten grüßt das Hoheitszeichen, umgeben von den Lan­deswappen Schleswig-Holsteins und dem Stadt­symbol Segebergs. Schmetternde Marschmusik setzt ein, die Ehrenabteilungen aller Gliederungen der Bewegung ziehen in die Feierstätte ein. Dann hört man von weitem ein Brausen, das von Minute zu Minute zunimmt. Dr. Goebbels ist in Bad Segeberg eingetroffen. Am Eingang der Feierstätte wird er von Gauleiter Oberpräsident Lohse herz­lich willkommen geheißen. Der Minister schreitet dann unter klingendem Spiel die Fronten der Ehrenformationen ab.

der Leitung von Oberstfeldmeister Brinkmann der Leitung von Oberfeldmeister Brinkmann vom Arbeitsgau VII stehende ch o r i s ch e Spiel Die Straße in das Reich" ein. Die Wir­kung des Spieles in dem monumentalen Rahmen der Nordmarkfeierstätte ist eindrucksvoll und er­hebend. Sie wird erhöht durch den straffen Ein­satz der mitwirkenden Arbeitsmänner. Mit dem Ruse: Deutschland! und einem leisen, vom Chor gesungenen Einsatz steigert sich das letzte Bild zu einem" erhebenden Abschluß des Spieles. Die Dich­tung von Thilo Scheller, von Steinbecker musikalisch untermalt, stellt symbolisch die Straße als Mittlerin zwischen Stadt und Land, von Mensch zu Mensch dar. Brausender Beifall belohnt die Männer des Arbeitsdienstes für die Darbie­tung. Als nun Reichsminister Dr. Goebbels ans Mikrophon tritt, erhebt sich ein erneuter Ju­belsturm. Erst nach Minuten kann Dr. Goebbels das Wort ergreifen.

Mr predigen die Ideale, durch die wir groß geworden sind.

In seiner Rede ging Dr. Goebbels von der Tat­sache aus, daß von allen großen Willens- bemonftrationen der Bewegung in den Jahren des Kampfes und des Sieges die am feste­sten tn der Erinnerung haften geblieben find, die mit großen Mühen, Strapazen oder Sorgen verbunden waren. Und im Hinblick auf den strömenden Regen fuhr er fort:Wenn wir zu dieser Feierstunde der Nordmark ohne Mühe und Strapaze zusammengekommen wären, dann würde die Erinnerung vielleicht schon in Wochen oder Monaten verblaßt sein. Da aber jeder stun­denlang in strömendem Regen zu dieser Feierstunde fahren oder marschieren mußte und dann wieder Stunde um Stunde freudig ausharrte, wird die Er­innerung an diesen Tag unvergeßlich fein, weil sie mit Strapazen, Mühen und Sorgen verknüpft war."

Dr. Goebbels rechnete dann mit überzeugenden Argumenten mit denen ab, die da meinen, die nationalsozialistische Bewegung und nationalsozia­listische Kundgebungen feien heute nach der Er­ringung des Sieges völlig überflüssig, es wisse ja doch jeder im Volk, was der Nationalsozialismus wolle, und auf den Kundgebungen würden im wesentlichen doch immer dieselben Gedankengänge gepredigt.Die Kirchen", so betonte Dr. Goebbels diesem Einwand gegenüber,predigen auch heute noch dasselbe, was ihr Lehrmeister vor 2000 Jahren gesagt hat.

Wir handeln nach denselben Grundsätzen, nach denen sich große weltanschauliche Gebilde in der Geschichte durchgeseht haben. Darum ver­sammeln wir immer wieder das Volk um uns, predigen wir immer wieder die Ideale, durch die wir groß gewor­den sind, damit nicht nur unsere Generation nationalsozialistisch bleibt, sondern a ll e G e n e- rationen nach uns auf Jahrhunderte hin­aus nationalsozialistisch werden. Es kommt nicht nur darauf an, so stellte er fest,ob jemand nationalsozialistisch denkt, sondern auch darauf, daß er d e m g e m ä h handelt! Die­ses handeln muß gelernt und geübt wer­den, und das besorgen wir in den dazu ge­schaffenen Organisationen. (Stürmische Zu­stimmung.)

Dr. Goebbels streifte in diesem Zusammenhang, immer wieder von Beifall unterbrochen, auch das Verhältnis des neuen Staates zur Kirche:Wir tun den Kirchen nichts zuleide, im Gegenteil, wir nehmen ihnen noch Arbeit ab, die sie eigentlich selbst besorgen müßten. Wenn die Kirchen sich darüber beklagen, daß sie kein rich­tiges Verhältnis mehr zum V o l k e f i n- d e n und uns vielleicht zum Sündenbock hierfür stempeln möchten, so ist hierauf zu entgegnen: Sie finden kein richtiges Verhältnis mehr zum Volke, weil sie nicht mehr in der richtigen Weife das Volk anzusprechen verstehen. Ein Volk, das vier Jahre Krieg und 15 Jahre Marxismus durchgemacht hat, bringt kein Verständnis mehr für theologische Haarspaltereien auf. Es will ein Christentum der T a t sehen und sieht es lebendiger verkörpert etwa im Winterhilfswerk als in einer theologischen Auseinandersetzung der so­genannten Bekenntnisfront." (Langanhaltender Bei­fall unterbricht diese Feststellung des Ministers.)

Reichsmiuisier Dr. Goebbels ging bann auf die Tatenlosigkeit bet Regierun­

gen von einft ein, bie sich nach breimona- liger Regierungszeit meistens im Volke gar nicht mehr hätten blicken lassen bürfen, unb stellte bemgegenüber bie innere Verbun- benheit von Führung unb Volk im nationalsozialistischen Staate. Unter begeister­ter Zustimmung ber vielen Tausende stellte er fest.Wir sind keine bürokratische, über dem Volke stehende Regierung. Wir fühlen uns als Volksführung. Das Volk kann man aber nur führen, wenn man es kennt. Wrm kennt es nur, wenn man täglich mit ihm umgeht!"

Immer wieder unterbrach stürmischer Beifall den Minister, als er in prägnanten Formulierungen die unbestreitbare Tatsache hervorhob, daß alles, was die nationalsozialistische Regierung tue, nicht für die Interessen irgendwelcher einzelnen Klassen oder Stände geschehe, sondern stets nur für das gesamte Volk.Aus diesem Grunde allein konnte auch der Führer Werke von der mo­numentalen Größe schaffen, wie wir ihnen heute überall in Deutschland begegnen."

Auf die außenpolitische Lage Deutschlands über­gehend, wies Dr. Goebbels darauf hin, daß das Ausland in den 15 Jahren der Systemzeit sich daran gewöhnt habe, sich in alle inneren Ange­legenheiten Deutschlands einzumischen, dauernd uns gegenüber die Gouvernante zu spielen und an Deutschland unerbetene Kritik zu üben. Weil Deutschland heute für dieses tantenhafte Gouvernantentum nicht mehr empfänglich sei, sich vielmehr dagegen wehre, sei man in gewissen Krei­sen des Auslandes empört. Deutschland wolle ge­wiß mit allen Völkern in Eintracht und Frieden leben. Dafür sei jedoch die erste Vor­aussetzung, daß die anderen Völker sich in erster Linie um ihre eigenen Angele genhei- ten kümmerten und es dem deutschen Volke überließen, seine inneren Dinge s e l b st zu ordnen. In diesem Zusammenhang behandelte Dr. Goeb­bels auch die ausländische Kritik am Vierjäh­re s p l a n , der in Wirklichkeit das Ziel verfolge, ein Volk, dem man feine Kolonien genom­men habe, in feiner Ernährung und Wirtschaft möglichst unabhängig zu machen. Denn ein Volk von 68 Millionen könne man mit Brot, aber nicht mit Genfer Dölkerbundsphrasen satt machen.

Dr. Goebbels stellte dann unter lebhafter Zu­stimmung der Zehntausende fest, daß die national­sozialistische Volksführung sich vor dem Angesicht des Volkes nicht zu schämen brauche.Wir brauchen nichts zu verheimlichen", so erklärte er,das Volk soll an unseren Sorgen und an unseren Verant­wortlichkeiten teilhaben. Es soll unser guter Freund sein, mit dem wir Freud und Leid zu teilen versuchen." Wenn Einzelne lediglich die Methoden der nationalsozialistischen Staats­führung kritisieren wollten, dann müsse man dem­gegenüber- darauf Hinweisen, daß dem Volke die Methoden gleichgültig sein könnten. Es komme auf die Erfolge an; sie sprächen für sich. Wenn es darüber hinaus noch eine Reihe unge­löster Probleme gebe, so sei das nur ein Beweis dafür, welcher Anstrengungen es bedürfe, um das deutsche Volk in eine bessere Zukunft zu führen. Niemand weiß besser als wir, welcher harten Anstrengungen es bedarf, um unser Volk satt zu machen. Niemand weiß besser als wir, daß wir

Kolonien nötig haben, um den erforder­lichen Lebensraum für unser Volk zu gewinnen." Niemand weiß aber auch besser als wir, daß wir im eigenen Lande alles getan haben, um die Fragen, die unter den augenblicklichen Voraus­setzungen gelost werden können, endgültig einer Lö­sung zuzuführen."

Aus diesen Gedankengängen heraus legte Dr. Goebbels abschließend auch den Sinn dieser Feier­stunde dar:Wir kommen zusammen, um uns mit dem Volk auszusprechen. Wir fühlen uns als die politischen Seelsorger des Volkes und haben die Ueberzeugung, daß es unsere Aufgabe sein muß, die Sorgen zu vermindern und zu lin­dern, mit denen die Seele unseres Volkes belastet ist. (Jubelnde Beifallskundgebungen.) Das sehe ich auch als die edelste Aufgabe dieser heute einzu- weihenden Fest- und Feierstätte an. Hier soll das Volk Erhebung und Erbauung suchen und finden. Diese Stätte soll eine politische Kirche sein, in der für Jahrzehnte und Jahrhunderte die Menschen zu wahren Nationalsozialisten erzogen werden!"

Der Minister gab seiner besonderen Freude dar­über Ausdruck, daß er als erster an ihrem Redner­pult stehen könne:

Auch in 50 ober 100 Jahren werben hier wieber Wanner stehen, bie biefelben Jbeen unb bie gleichen Jbeale in bie Herzen ber bann hier versammelten Wenfchen hineinpflanzen werben." Wieber wirb hier ber Gebanke ber Ge­meinschaft unb ber nationalen So­li b a r i l ä t geprebigt werben. Wieber wer­ben sich hier um unsere Rebner bie Felbzeichen vielleicht bann verwittert unb zersetzt ver­sammeln, unb wieber werben hinter biesen Felbzeichen junge trotzige Wärmer stehen, bie auf ihren Gesichtern bie gleiche Entschlossenheit zum Ausbruck bringen, bie Volksgemeinschaft unb bie Volkseinheit zu bewahren. Wir werben bann vergangen fein. Aber bas beutsche Volk wirb leben unb wirb an biesen steinernen Zeu­gen bie Gröhe unserer Zeit lesen.

Unsere Stimmen werden verklungen sein. Nur unsere Namen wehen vielleicht noch in die fernen Zeiten hinüber. Aber die Steine werden dann reden, werden die große, monumentale und heroische Sprache sprechen, die wir gesprochen haben. Sie werden dann vom Werk des Führers künden! Spätere Geschlechter werden sagen, daß ein Mann in Deutschland aufftanb in der Zeit sei­ner tiefsten Demütigung und das Volk emporriß, um aus Dutzenden vost Parteien und Gruppen eine Gemeinschaft zu formen und ihr die Kraft zu geben, ihr Leben auch der Welt gegenüber zu ver­teidigen."

Dr. Goebbels sprach von dem großen und er­hebenden Glück, das die jetzige Generation, das be­sonders die Männer um den Führer empfinden kön­nen, die mit ihm Zusammenarbeiten, um seine große Verantwortung wissen und an seinen Sorgen teil- nehmen können.Es ist deshalb unsere Pflicht", so rief Dr. Goebbels den Massen zu,daß jeder an seinem Platze mithilft, daß jeder einen Teil der Verantwortung mitträgt und daß sich jeder einzelne zu seinem Teil als Paladin des Führers fühlt. Mr müssen unter dem Führer eine einige kämpfende Nation sein!"

Unter immer wieder aufbrausenden Jubelstürmen übergab Reichsminister Dr. Goebbels dann die Nordmarkfeierstätte ihrer Bestimmung:Wir kön­nen dieser schönen und stolzen Feierstätte, an die so viel Mühe, Schweiß und Arbeit gewandt wor­den ist, keinen besseren Leitspruch mit auf den Weg geben als diesen:

Wöge hier für olle Zeiten, in Jahren, Jahrzehnten unb Jahrhunberten bas Wort bes Führers immer rein unb u n- verfälscht verkünbet werben! Wöge biefe Feierstätte eine politische Kirche bes Nationalsozialismus sein! Wö­gen sich hier immer wahrhaft beutsche Wänner unb echte deutsche Frauen im Geiste bes Führers versammeln, sich an sei­nen Lehren erbauen unb sich zu seinem Werk verpflichten. In biesem Sinne übergebe ich biefe Stätte ber Öffentlichkeit, unb zum erstenmal soll hier unser alter Kampfruf erklingen: Abolf Hitler Sieg-Heil! Sieg-Heil! Sieg-Heil! Wie ein einmütiger Schwur erschallt das Sieg- Heil der Nordmärker auf den Führer. Erst als feierliche Festmusik aufklingt, verebben die Heilrufe der Zehntausende. Gauleiter Lohse übergibt dar­auf dem Bürgermeister der Stadt die Feierstätte des Gaues in feine Obhut. Nach dem feierlichen Fahnenausmarsch verdichten sich die Heilrufe noch einmal zu einem Sturm der Begeisterung, als Dr. Goebbels die Nordmarkfeierstätte verläßt. Im Sege- berger Kurhotel versammelten sich die führenden Männer der Nordmark mit Dr. Goebbels dann zu einem Eintopfessen. Am Nachmittag nahm der Mi­nister an dem großen Landesturnier der SA.- Gruppe Nordmart teil.

Um Ehre und Recht.

Don Or. Hans von Malottki.

Die internationale (Erörterung der kolonialen Frage ist gegenwärtig wieder sehr in Fluß ge­kommen, nachdem Deutschland keinen Zweifel ge­lassen hat, daß es nicht gesonnen sei, sich auf die Dauer mit dem durch die Friedensdiktate geschaffe­nen Zustand abzufinden. Wie alle früheren deut­schen Forderungen nach Wiederherstellung des Rechtes, so hat auch die grundsätzliche und unmißverständliche Anmeldung dieser Forderung bei den Hauptnutznießern des früheren deutschen Kolonialbesitzes zunächst Unruhe und starkes Un­behagen ausgelöst. Krasse Besitzinstinkte regen sich, und in dem Bestreben, alle territorialen Zuge­ständnisse zu verweigern, greift die Presse der beiden Westmächte zu Ausflüchten und Entstellun­gen, die man nur als Ausfluß eines sehr schlechten Gewissens bezeichnen kann.

Bezeichnenderweise bekunden die französi­schen Blätter für die deutsche Kolonialforde- rung schon lange außerordentliches Interesse. Das war auch bei der Rede des Führers auf dem Bückeberg wieder der Fall. Dabei wurde auch der Hintergrund dieses Interesses sichtbar: man sieht in Paris in der Kolonialfrage lediglich ein Mittel, bie deutsch-englischen Beziehungen z u ft ö r e n und arbeitet unverkennbar auf eine Verschärfung der Meinungsverschiedenheiten zwi­schen Berlin und London hin, indem man nach Kräften unterstreicht, daß sich der deutsche Anspruch in erster Linie gegen England richtet. Wie es in der Nachkriegszeit gegenüber deutschen Belangen so oft der Fall war, erschöpft sich auch hier die französische Politik in sturer Ablehnung und in dem Bestreben, vorhandene Gegensätze zu schüren, anstatt zu ihrer Bereinigung beizutragen.

In England selbst ist man vorsichtiger und in der Form weniger schroff zu Werke gegangen. Aber daß das Gewissen der britischen Nation zu­tiefst beunruhigt ist, daß man doch die Unnatur des heutigen Zustandes empfindet, wenn man es nach außen hin auch nicht wahrhaben will das ist gerade an der englischen Taktik deutlich sichtbar geworden. Dafür spricht schon der Umstand, daß diese Taktik von langer Hand sorgsam für den Ernstfall", den man also doch wohl schon seit langem Heraufziehen sah, vorbereitet worden ist. Ihr Ursprung ist in jener Genfer Rede des dama­ligen englischen Außenministers Sir Samuel Hoare zu suchen, die zwar durch den abessinisch- italienischen Krieg veranlaßt wurde, zweifellos aber schon auf die deutschen Ansprüche gemünzt war. Damals vor nunmehr zwei Jahren wurde jener Gedankengang entwickelt, an dem England bis heute festhält und mit dem der deutschen Kolo­nialforderung der Boden entzogen werden soll. Er besagt, daß es im Grunde kein Kolonialproblem, sondern nur ein Rohstoffproblem gebe, das gelost werden könne, wenn den Ländern ohne Kolonien die Möglichkeit verschafft wird, Rohstoffe in fremden Besitzungen zu kaufen.

Diese Vorbeugetaktik stand und steht zunächst in krassem Widerspruch zu der Behauptung, daß es das erklärte Ziel der britischen Staatskunst sei, internationale Konfliktsstoffe und Ungerechtigkeiten rechtzeitig aus der Welt zu schaffen. Sie ist darüber hinaus eine so offenbare Ver­fälschung und Verengung des Problems, daß man sie nur mit der völligen Ratlosigkeit und dem schlechten Gewissen der englischen Politik er­klären kann. Die wirtschaftliche Seite der Kolonial­frage soll hier gar nicht weiter verfolgt werden. Es genügt die Feststellung, daß niemand heute ernsthaft die wirtschaftliche Bedeutung von Kolo­nialbesitz, und zwar unter dem doppelten Gesichts­punkt der R o h st o f f b e s ch a f f u n g wie des Absatzes von Jndustrieerzeugnissen, bestreiten kann und daß schon die deutschen Devisen- verhältnisse die Umwandlung des Kolonialproblems in ein bloßes kommerzielles Problem verbieten.

Entscheidend ist aber die rechtliche und moralische Seite der deutschen Kolonialfrage. Daß diese Seite des Problems im Auslande und nicht zuletzt von der englischen Politik totgeschwiegen wird, ist um so unverständlicher, als das Ausland, d. h. die ehemaligen Alliierten, diesen Aspekt des deutschen Kvlonialproblems selb st geschaffen haben und dafür verantwortlich sind. Gewiß han­delt es sich hier um eines der trübsten Kapitel des Versailler Diktates und daran erinnern, mag un­bequem sein. Aber unter einem höheren Gesichts­punkt sollte staatsmännischer Weitblick und politische Vernunft um so eher Veranlassung nehmen, eine Angelegenheit zu bereinigen, die den damaligen Akteuren gewiß nicht zur Ehre gereicht. Denn bet der Fortnahme der deutschen Kolonien hat nicht bloß jene Machtpolitik Pate gestanden, die in Ver­sailles das deutsche Volk bis aufs Blut auspreßte und sich aus dem deutschen Volkskörper nach Her­zenslust die Beute herausschnitt. In der Kolonial­frage sank man noch tief ynter diese verblendeten, aber immerhin noch brutaloffenen Siegermethoden. Man fügte hier zur Brutalität noch die Unehrlich­keit und enthüllte damit eine um so abstoßendere Gesinnung. Auf der einen Seite scheute man ange­sichts der Wilsonschen Punkte, die einefreie, weit­herzige und absolut unparteiische Regelung aller kolonialen Ansprüche" verheißen hatten, die glatte und offene Annektierung.

Aber innerlich hatte man diese Verpflichtung schon gebrochen, bevor sie eingeqangen wurde, in­dem man während des Krieges schon Geheimverträge über die Verteilung der deutschen Kolonien geschlossen hatte. Das Mittel, das man ersann, um die auch hier gähnende Kluft zwischen den von Wilson verkündeten hohen Idealen und den wirklichen Absichten der Alliierten zu über­brücken, war die Erfindung des Mandats^