Nr. ?88 Zweites Blatt
Hreilag, 10. VezemberiOZ?
eichener Anzeiger tAeneral-Anzeiyer für Oberheffen)
Bücher unter dem Weihnachtsbaum.
Aus fremden Literaturen.
— Hervey Allen: Ober ft Franklin, Roman. In Leinen gebunden 6 RM. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart. — (530) — lieber die Sklavenfrage waren in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts Norden und Süden der Vereinigten Staaten in einen von beiden Seiten mit furchtbarer Erbitterung geführten Bürgerkrieg geraten, in dessen letzter Phase wir den Helden dieses Romans, Oberst Franklin vom 6. Pennsylvanischen Kavallerieregiment auf seiner Rückkehr aus einem in der Heimat verbrachten Urlaub zu den in Virginien kämpfenden Unionstruppen begleiten. Er hat sehr contre coeur auf Befehl des als Vater der Verwüstungsstrategie in die Kriegsgeschichte eingegangenen Generals Sheridan den schönen Landsitz des Majors Crittendon von der konföderierten Armee niederbrennen müssen und sinnt nun, auf dem einsamen Ritt durch die in bezaubernden Farben sich vor ihm ausbreitende Berglandschaft der Apalachen, über dies einem Soldaten dieser Zeit wohl alltägliche Erlebnis nach, das für ihn aber unvergeßlich geworden ist, denn General Sheridan hatte den ihm von früher her befreundeten und jetzt eben feinen Wunden erlegenen Majar Crittendon auf dessen Wunsch im Festsaal seines brennenden Hauses, mit dem Sternenbanner bedeckt, feierlich aufbahren lassen, eine wahrhaft grandiose Ehrung des toten Freundes, der im mörderischen Bruderkrieg zum Feind geworden war. Franklin war bei Ausführung seines Auftrags mit der ahnungslosen Witwe, einer ebenso schönen wie stolzen Engländerin, zusammengetroffen, in seiner Rocktasche verwahrt er die letzten Briefe ihres Gatten, die er ihr nun im Auftrage des Generals aushändigen soll. Es trifft sich zwar gut, daß sein Regiment im Tal des Shenandoah Stellung bezogen hat, ganz nahe der Zufluchtsstätte, die Frau Crittendon mit ihren Kindern in einem verborgenen Seitental gefunden hat. Aber er bringt es nicht übers Herz, den so mühsam wiedergefundenen Frieden dieses Hauses, in dem er selbst sich so wohl fühlt, durch das Ueberbringen seiner Hiobsbotschaft vom Tode des Majors in erneute Verzweiflung und Trauer zu verwandeln, hilft vielmehr ritterlich der Frau, ihr neues Heim mit allem auszustatten, was zum Leben in dieser Abgeschlossenheit nötig ist, bis der Krieg wieder feine Rechte an ihn geltend macht. In dem blutigen Gefecht bei Aquila, einem der letzten des Bürgerkriegs, wird Franklin schwer verwundet und in das Hous der Frau Crittendon gebracht, die ihn, während der hereinbrechende Winter ihre Einsiedelei von der Außenwelt für lange Wochen ab= schließt, gesund pflegt und den edlen, zartfühlenden Soldaten aufrichtig lieb gewinnt, auch nachdem ihr ein Zufall die Hinterlassenschaft ihres Mannes in die Hand gespielt hat. — Hervey Allen, der durch seinen großen historischen Roman „Antonio Adverso" auch in Deutschland bekannt geworden ist, hat diese inmitten des unsagbaren Grauens der Schlachtfelder des Bürgerkrieges sich anspinnende Liebesgeschichte mit einer unendlichen Zartheit erzählt, die uns packt, weil sie ohne süßliche Sentimentalität ist und auch den herben, männlichen Tönen des Krieges Raum gibt. Es find aber nicht nur diese starken Kontraste, die das Buch so eindrucksvoll machen. Die Schilderung der Landschaft Virginiens und Marylands, damals noch den Steinwüsten der großen Städte des Ostens ebenso fern wie den oben Prärien im „wilden Westen", gehört zu dem Schönsten, was wir über die amerikanische Landschaft gelesen haben. Hier wehen die Geister des unsterblichen James Fsv'more Cooper. Und die Menschen dieser Landschaft treten in einer schlichten und ehrlichen Gradheit vor uns hin, die ihre Geschichte aus dem zeit- und raum- gebundenen Rahmen des amerikanischen Bürgerkrieges in eine allgemein-menschliche Sphäre hebt.
Fr. W. Lange.
deutsche ErzWer.
— Friedrich Bischoff: Der Wassermann. Roman. 405 Seiten. Brosch. 4,20 RM., in Ganzleinen 5,50 RM. Im Propyläen-Verlag, Berlin. — (373) — „Die Hochwasserkatastrophen, die in den achtziger und neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts das Vorland des schleß- schen Jsergebirges verwüsteten, führten zur Errichtung einer ersten großen Talsperre bei Marklissa am Queiß. Dieser zeitgeschichtliche Hintergrund ist in dem vorliegenden Buche wiederzufinden, während Gestalten und Geschehnisse dem Phantasiebereich der künstlerischen Darstellung zugehören." Wie die früher hier besprochenen Bücher „Die goldenen Schlösser" und „Schlesischer Psalter" wurzelt auch dieser neue Roman Bischoffs in seiner schlesischen Heimat: auch in ihm ist die eigentümliche Menschenwelt beschworen, die in jenen früheren so unverwechselbar lebendig ist und aus dem gleichen, von mancherlei Geheimnis umwehten Lebensgefühl gespeist wird, das wir aus so manchen vergangenen und gegenwärtigen Gestaltungen im Raume •ber süböstlichen Provinz unseres Vaterlanbes kennen. Nicht ohne tiefere Bedeutung stehen Worte von Jakob Böhme als Motto voran wie dieses: „Denn kein Ding ober Wesen eines Dings ist von fern an feinen Ört kommen, fonbern an bem Ort, ia es wüchset, ist sein Grunb..." Wie der Roman von den goldenen Schlössern mit der Schilderung eines Schneesturmes beginnt, so setzt der „Wassermann" mit der Schilderung jener Katastrophe em, von der im Nachwort, das wir hier an den An- lang gestellt haben, die Rede ist; doch liegt es nicht nur am gleichen „Natureingang" hier wie dort, daß der „Wassermann" wie em Gegenstück oder » Gegenbild zu den „Schlössern" wirkt, sondern an dem Umstande vor allem, daß die Na kur s chl ld e nin g nn beiden Romanen nicht landschaftliche Kulisse oder Einkleidung bleibt, auch nicht ausschließlich um der Lokalfarbe willen geschaffen ist: vielmehr scheint uns wesentlich, daß der Naturvorgang und die von Menschen geführte Handlung oder das menschliche Fühlen, Denken, Tun und Leiden in einem tieferen Sinne miteinander verknüpft sind. Das Dors Himmelsgrund wird von einer Hochwasterkata- 'trophe heimgesucht, und weil sich das Unheil mit feber Schneeschmelze in jebem Frühjahr zu wieber- i holen broht, kommt es schließlich dahin, baß man I eine Talsperre baut: ein Riesenwerk, welches bas Bild ber Lanbschaft verwandelt; unb mit ber Land- chaft verwanbeln sich auch bie Menschen, die ihr Dorf im Tale verlassen und sich auf den gesicherten Höhen ansiedeln. Dies wäre nur etwa der äußere Umriß einer Fabel, die sich in ihren Tatbeständen I im übrigen jo wenig wiedergeben läßt wie der
„Inhalt" der „Goldenen Schlösser". Hier wie dort sind die Naturgewalten auf eine merkwürdige, wohl eben eigentümlich schlesische Weise personifiziert: der „Wassermann" ist real so wenig faßbar wie die geheimnisvoll goldträchtigen Berge jenes ersten Romans — das Motiv klingt übrigens auch hier noch einmal an —; aber der „Wassermann" kann als die innere Triebkraft und als ein Sinnbild dessen gelten, was hier geschieht. Auch das rührende, zarte, hilflose „Gotteskind" Anna Exner, dessen stille Liebeskraft einen in Schuld unb Gewissensnot verstrickten, bem unheimlichen Banne bes „Wassermanns" schon fast Verfallenen rettet, erlöst unb bem irdischen Leben zurückgibt, ist uns in den „Schlössern" in anberer Gestalt schon begegnet. — Das Buch erschließt sich nicht ganz leicht, aber wer sich willig von ihm entführen läßt, wirb bald empfinden, wie Bischoffs selbstsichere dichterische Persönlichkeit auch hier wieder in der großen Tradition schlesischen Geisteslebens steht, die von Angelus Silesius und Jakob Böhme über Jahrhunderte hin zu Gerhart Hauptmann und Hermann Stehr führt. Hans Thyriot.
— Spiel mit dem König. Die Geschichte eines Verrats. Von Henning von K o ß. (Verlag von Wilh. Gottl. Korn, Breslau. Kart. 2,40 Mark, ©ebb. 3,20 Mark.) — (396) — „Man liest das Buch in einem Zuge von ber ersten bis zur letzten Seite." So schreibt ber Verlag in seiner Einführung zu biesem Buche. Er sagt nicht zu viel; es i)t in ber Tat so! Noch selten ist uns ein Buch begegnet, bas ben Leser mit so ungeheurer Spannung erfüllt, wie bieses, in bem ein geschichtlich beglaubigter Vorfall aus bem Siebenjährigen Kriege in gerabezu dramatischer Handlung und packender Spruche erzählt wird. Es handelt sich um den quel
lenmäßig genau belegten Versuch des Barons von! Warkotsch gegen Ende des Jahres 1761, Friedrich ben Großen an die Oesterreicher zu verraten unb ihn ben Häschern Maria Theresias in bie Hände zu spielen. Der Vorfall ereignete sich, als Fried- j rich ber Große, währenb bie Oesterreicher vom Kriegsglück begünstigt waren, mit seiner Armee langsam auf Breslau zurückging unb babei auch auf bem Gute Schönbrunn bes Barons von Warkotsch übernachtete, einige Tage später in ber Nähe nur mit ganz schwacher militärischer Bebeckung im Felbquartier lag unb Warkotsch nun ben Verrat hinüber zu bem österreichischen Obristen von Wallis beging. Prächtig schilbert ber Autor ben großen König in feiner rounberbaren menschlichen Schlichtheit unb boch so königlichen Majestät, bas vorbildliche Preußentum der friderizianischen Soldaten und schlichten Bürgersleute, sowie den begeisterten seelischen Schwung jener Zeit des unsterblichen Preußenkönigs, der gerade uns Heutigen so viel bedeutet und uns so reich zu geben hat. Dieses Buch gehört in jedes deutsche Haus, insbesondere in die Hand unserer Soldaten und unserer kämpferischen deutschen Jugend. Ernst Blumschein.
— Anna Hilaria von Eckhel: Rings um ein Streichquartett. Roman. Preis in Ganzleinen 3,25 RM. Bergstadtverlag, Breslau. — (574) — Wie aus einem Spitzwegschen Gemälde im alten, zeitgeschwärzten Rahmen treten die Gestalten dieses Romans aus dem Wien Franz Schuberts auf uns zu. Rein und frisch, voll Wohlklang und goldener Heiterkeit ist die Luft, die über allem schwebt. Die mannigfachen Stimmungen und die fesselnde Art der Darstellung machen dieses Buch zu einem großen Genuß.
Rilke-Vnefe aus den Ähren 1914 bis 1921.
— Rainer Maria Rilke: Briefe aus den Jahren 1914 bis L92 1. Herausgegeben von Ruth Sieber-Rilke und Carl lieber. 421 S. In Leinen 7 RM., Halbleder 9 RM. Im Jn- selverlag zu Leipzig, 1937. — (389) — Die Rilke-Briefe aus den sieben Jahren vom Kriegsausbruch bis 1921 schließen als fünfter Band die Reihe, welche die Gesamtausgabe ergänzt und vervollständigt, vorläufig ab. Der sechste, ber bie Briefe aus Muzot, aus Rilkes letzten Lebensjahren, sammelte, unb bie Dorausgegangenen vier find seinerzeit bereits an biefer Stelle angezeigt unb besprochen worben. Die Einbrücke, bie man von ber Lektüre empfängt, bestätigen zunächst roieber genau bas, was man schon beim Lesen ber früher erschienenen Briefsammlungen empfanb: wie diese brieflichen Dokumente, anein- anbergereiht unb zusammengehalten, ein unvergleichliches unb durch nichts (außer durch persönliche Begegnungen unb Erinnerungen vielleicht) zu ersetzen- bes Spiegelbild vom innersten menschlichen Wesen bes Dichters ergeben; das mag zunächst wie eine Binsenwahrheit klingen, aber man muß sich, wie uns scheint, einmal klarmachen, wie objektiv, wie sachlich, ganz auf das Werk gerichtet und bezogen, neben solchen Briefen, Rilkes dichterische Aeußerungen anmuten, bie uns boch — gerabe um ihrer lyrischen Grundhaltung willen — schon als eine ungemein subjektive unb höchst persönliche Fo,rm menschlichen Wesens ansprechen: wie sehr bas Werk solcher Ergänzung bebarf, wirb aus ber Einsicht in bie lange unb verzweigte Reihe seiner Briefe erst beutlich; wie auch beibes zusammen unb nebeneinanber erst bas volle unb runbe Bilb bieses sehr einsamen unb zurückgezogenen, in sich ruhenben unb aus sich leben* ben Menschen formt ober doch in feinen Umrissen anbeutet. Rilke ist sicher, bas wirb beim Lesen roieber klar, einer ber immer seltener roerbenben Briefschreiber aus, Leibenschaft unb Notroenbigkeit in unserer Zeit gewesen; unb er war so sehr künst
lerische Persönlichkeit in jeber, auch ber unscheinbarsten Aeußerung, baß ein Glanz ihres dichte- rischen Zaubers auch auf biese Briefe fällt: mehr als einmal muß man ihre vollkommene Form, ihr inneres Maß unb Gleichgewicht berounbern, unb es gibt eine ganze Reihe barunter, bie etwas von ber Einheit unb absoluten Gültigkeit bes echten Kunstwerkes besitzen. Die sieben Jahre, welche bie Briefreihe bieses Banbes umspannt, bezeichnen eine Schicksalszeit für uns alle bie wir sie burchlebt haben; für Rilke eine ber schwersten, bebrängteften unb unruhigsten vielleicht in seinem ganzen späteren Leben. Die innerste Erschütterung durch bas Erlebnis bes Krieges unb ber Nachkriegszeit bestimmt ben Ton, bie Seelenlage, ben menschlichen Tenor fast aller Aeußerungen, bie man hier gesammelt hat: aus ihnen begreift man, wie sehr Rilke in biesen Jahren innerlich ergriffen, getroffen unb im ursprünglichsten Sinne bes Wortes in Mitleibenschaft gezogen würbe. Man erlebt auch in ihnen ben Zusammenbruch einer Welt unb bie mühsam tastenden Versuche, wiederaufzurichten, neu zu orbnen, sich zu- rechtzufinden; immer roieber ist von jenen schroffen Bruchstellen bes inneren Lebens unb ber persönlichsten Entwicklung die Rede, an die Rilke anzuknüpfen, zu denen er zurückzufinden sich bemüht nach dem Zusammenbruch. Sammlung, Neuordnung, tiefe Einsamkeit: das sind bie immer wiederkehrenben Ziele in ben Jahren nachher, in benen sich, sehr behutsam unb ganz von ferne anfünbigt, was die letzte unb reif ft e Frucht bieses dichterischen Lebens werben sollte: bie „Duineser Elegien" unb bie „Sonette an Orpheus". — Die Herausgeber haben ben Banb mit ber gleichen liebevollen Sorgfalt betreut wie bie vor- ausgegangenen; ber Verlag hat ihm bie nämliche, schlicht-vornehme äußere Form gegeben: man stellt ihn mit Freuben zu ber nun schon stattlich angewachsenen Reihe bes gesammelten Werkes.
Hans Thyriot.
„Rchland", Lebensbild eines Mannes.
— Albrecht Schaeffer: Ruhlanb. Lebensbild eines Mannes. 446 Seiten. In Leinen 6,80 Mark. Rütten unb Loening Verlag, Potsdam, 1937. — (281) — Das Motto zu diesem Buche ist von Goethe: „Säume nicht, dich zu erdreisten, wenn die Menge zaudernd schweift; alles kann der Edle leisten, der versteht unb rasch ergreift". Im Zusammenhang mit „Ruhlanb", heißt es in einer Nachbemerkung, stehen Schaeffers Werke „Cara" (früher hier besprochen), „Helianth", „Gubula" ober „Die Dauer bes Lebens" und bie Erzählung „Die Treibjagb" aus ber ebenfalls hier angezeigten Sammlung „Das Prisma": man sieht schon aus solcher Aufzählung, wie bieses breit unb weitschichtig angelegte Lebensbild in die Mitte und Tiefe von Schaeffers Gesamtwert weist unb aus ihr gespeist wirb; unb wenn bas erste Kapitel bes ersten Teiles „Zwillingsbrüder" überschrieben ist, so entsinnen wir uns, auch biesem Motiv des Doppelgängers ober bes menschlichen Spiegelbildes, auf bem bie ganze Fabel sich innerlich auf baut, früher schon in anberem Zusammenhang bei Schaeffer begegnet zu fein. „Ruhlanb" ist bie Geschichte eines Mannes, eines männlichen unb tätigen Lebens, das in der Zeit der Befreiungskriege feine schicksalhaft entscheidende Wendung erfährt; zugleich bie Geschichte einer geheimnisvollen Verwanblung: zwei frembe, zur wechselseitigen Anziehung unb Berührung vor- beftimmte Lebenskreise Überschneiden sich dergestalt, daß sie am Ende, für bie Umwelt ununterscheidbar, ineinanber übergehen unb sich völlig beeten, als ob sie eins wären; ein Mensch lebt bas angefangene unb oorgezeichnete Leben eines anbern nach dessen Tode und in dessen Sinne unb Auftrag zu Enbe, als eine Erbschaft unb ein Vermächtnis, erfullenb unb oollenbenb, was jenem nicht mehr beschieben war. In bem rounberbaren Eingangskapitel, in welchem Menschen unb Dinge zugleich mit einer gläsernen. Klarheit ber Anschauung unb dennoch in ber Transparenz einer traumhaften unb schicksalhaften Ueberwirklichkeit ihrer geheimen Beziehungen zueinander dargestellt scheinen, ist jene außerordentliche Verwandlung vorgezeichnet und innerlich vorbereitet: bei einem nächtlichen Fest an den Ufern der Havel, August 1805, begegnet der preußische Leutnant Ewald von Monthiver vom Regiment Gensdarmes einem Schauspieler, der sich improvisierend in das Bankett ber Offiziere hmemspielt, unb besten Ähnlichkeit mit Monthiver jedermann, auch biesen selbst, in hohes Erstaunen setzt; schon hier deutet sich an, wie Charakter und Leden der
beiden eigentlich zur Vertauschung bestimmt scheinen: ein Jahr später, nach Jena und Auerstädt, vollzieht sich dann bie entscheibenbe Verwanblung; Monthiver wirb verwunbet unb stirbt in ben Armen bes früheren Schauspielers unb nachmaligen Solbaten Justus Möllendvrf. „Geh du hin!" sind die letzten Worte des Sterbenden, und Möllenbors geht unb tritt als Monthiver in besten Heimat bie Erbschaft bes Gefallenen an unb in seinen Lebenskreis ein, ihn völlig ausfüllenb, unerkannt, allen menschlichen unb sachlichen Besitz übernehmenb. Es ist keine leichte und bequeme Erbschaft, bie ihm da zufällt, aber er begreift, daß bie Verwandlung nicht von ungefähr, sondern notwendig und vorbestimmt war, und daß er mit dem fremden Leben eine große Verpflichtung übernommen hat; eine neue Zeit kündigt sich an mit neuen Gesetzen, Lebensformen und Anforderungen, bie Zeit ber Bauernbefreiung, ber rationellen Landwirtschaft, der Bodenreform, ber aufblühenden Chemie, ber Maschinen unb Er- finbungen, bie Welt bes 19. Jahrhunberts mit einem Wort. So kommt es, daß der Roman auf weite Strecken nicht nur wie eine reine Biographie an- mutet, sondern auch sachlich-nüchtern den Gegenständen bes bäuerlichen Lebens zugewanbt ist, bem Zuckerrübenbau, ber Brache, ber Dreifelderwirtschaft, unb es ist nicht ohne Sinn, baß die Namen von Thaer unb Liebig verschiedentlich auftauchen, bie Entwicklung anzubeuten, in welcher das tätige Leben des Mannes sich erfüllt. Den Namen „Ruhland", der auf das ganze Buch überging, gibt dem Heim- gekehrten in schöner Sinnbildlichkeit der befreundete Pfarrer, und als ein anderes Symbol dieses männlichen Lebens stellen sich die auf dem Umschläge als ein Wappen gleichsam zusammengefaßten Bilder der von einem Reitersäbel gekreuzten Kornblume und Kornähren dar: so männlich und tätig es genannt werden muß, dieses Dasein, es ist doch auch ein frommes Leben, bewußt in Gottes Hand gestellt unb ber Vorsehung anheimgegeben; unb es liegt auch ein tiefer Sinn barin, baß bie Strophen bes schönen, alten, gläubigen Kirchengesanges „Befiehl du deine Wege" wie ein Leitmotiv die Erzählung begleiten unb burchwirken. Das Buch ist mit ber hellen Klarheit unb febernben Kraft geschrieben, bie Schaeffers Sprache kennzeichnen, aus einer dichterischen Kraft, einer menschlichen Einsicht urfb Reife gestaltet, die den Leser innerlich anrühren unb bewegen.
Hans Thyriot.
Aus d?m Buch der Gkschchie.
— Karl Bartz. Vier Kameraden. Roman. Preis in Ganzleinen geb. 7,50 RM. Verlag Ullstein, Berlin. — (371) — Hier wird van einem Manne, der die Quellen der Geschichte kennt, aber auch um ben Spannungsreiz ber großen geschichtlichen Erzählung weiß, ein ungemein fesselnbes, in seiner bunten Fülle ber Gestalten unb Geschehnisse gewaltiges Gemälbe ber Zeit bes 30jährigen Krieges vor uns hingestellt, gesehen vom Volke aus, worauf es bem Verfasser besonbers ankam, in ben Erlebnissen einer deutschen Familie. Der Roman hält mit bem Gang ber politischen Ereignisse Schritt, aber wir bekommen nicht nur eine sehr plastische Vorstellung ber großen politischen Zusammenhänge unb ber Kriegszüge kreuz und quer durch Deutschland, sondern lernen — wenn wir dies Wort bei ber ganz unaufdringlich schildernden und im spannungsreichen Hinüber und Herüber erzählenden Art des Verfassers überhaupt gebrauchen dürfen — deutsche Kulturgeschichte eines Zeitalters, das wie kaum ein zweites bedeutsam für die Entwicklung unseres Volkes geworden ist und in vielen Einzelzügen für uns, die wir Weltkrieg und Inflation über uns haben ergehen lasten müssen, äußerst aufschlußreiche Parallelen hat. Denken wir nur an die „Kipper und Wipper", die Jnflationsgewinnler des Währungsverfalls im 17. Jahrhundert, oder an die Not des Bauernstandes. Daneben erfahren wir aber auch in bem bunten Auf unb Ab bes figurenreichen Romans etwas vom Laqerleben ber Solbaten, der auf der Jagd nach der fettesten Beute heute diesem, morgen jenem Herrn diente und doch schon ein Gefühl für echte Kameradschaft und echte Feldherrngröße hatte, wenn sie ihm zwar unerbittlich streng, aber lauter unb uneigennützig entgegentrat wie bei bem greifen Tilly. Wir tun aber auch einen Blick in bie tiefe Not, die die Kriegswirren über Stadt und Land, über geschäftige Bürger und fleißige Bauern brach- ten, wobei für uns Gießener besonders interessant ist, daß ein gut Stück des Romans in der Wetterau' spielt. Wir hären mit Grausen von dem ethischen Tiefstand der Zeit, in der noch immer Hexenwahn und krasser Aberglaube ihr Spiel mit den Menschen trieben, wir sehen in das rohe Studentenleben an ben bamaligen Universitäten, ben Verfall ber Wissenschaften, in benen Quacksalberei unb Astrologie triumphierten unb ein Mann wie ber Magbeburger Bürgermeister Guericke, ber Erfinder der Luftpumpe, eine Seltenheit war. Ungemein dramatisch steigert sich in dieser reizvoll farbigen Atmosphäre bie Erzählung vom Geschick eines Augsburger Patriziersohnes, der Soldat wird unb mit brei Kameraden, echten Landsknechtsnaturen, alle Wechselfälle des Krieges in den verschiedensten Heeren durchlebt, bis er selber General wird, als endlich die Glocken ben Frieben einläuten. So ist hier ein Buch entstauben, bas bem Begehren unserer Zeit nach geschichtlicher Erkenntnis unb Vertiefung auf bie an- regenbfte Weise entspricht. Fr. W. Lange.
Natur md Mensch.
— Günther Schwab. Der Wind über ben Felbern. Das Buch vom Jäger. Im Tieck. Vcrlag Wien I unb Leipzig C 1. — (475) — Das ist ein Buch, bas in einer Zeit, bie bie Jagb nicht mehr vorwiegend romantisch verklärt sieht ober als Vorrecht weniger reicher Leute schilt, fonbern bas Weibwerk (schon im Ausdruck liegt der grundlegende Unterschied!) aus wirtschaftlichen Gründen, aber auch aus einer neuen innigeren Einstellung zum Heimatboden und allem, was auf ihm kreucht und fleucht als eine Sache der Volksgemeinschaft betrach, tet, uns allen viel zu sagen hat, namentlich uns Stadtmenschen, die wir meist nur noch Gästin der freien Natur sind und oft, nicht einmal gern gesehene, denn viele von uns sind ihr schon so fern gerückt, daß sie aus reinem Unoerftanb in ihr hausen wie der Elefant im Porzellanladen. Auch darüber enthält das Buch ein sehr nachdenklich stimmendes Kapitel. Es gehört ja zu bem ebenso schweren unb aufreibenben, wie oft verkannten Berus des Jägers, die Natur und ihre Bewohner zu hegen und vor Unberufenen zu schirmen. Aus dem großen Frankfurter Wildererprozeß haben wir ja eben erst erfahren, wie unter dem Mantel einer falschen Romantik in unseren Wäldern Verbrecher ihr Unwesen treiben, denen nichts heilig ist, was ihnen vor das Schießeisen kommt, ebenso widerwärtig ist bas grausige Gewerbe ber Schlingensteller. Und schließlich ist auch der wildernde Hund ein Todfeind des Jägers, dem gleichen Geschlecht entsprossen wie ber treueste Gefährte und unentbehrliche Gehilfe bes Jägers, aber hemmungslos blutgierig in feiner ungebändigten Leidenschaft. Ungemein fesselnd und eindrucksvoll schreibt Günther Schwab von bem aufreibenben, nie endenden Kampf des Jägers gegen diese Feinde bes Wildes. Aber in der Sprache des Dichters, voll zarter Innigkeit preist er auch die Größe der Einsamkeit in Feld und Wald, zu der bie tausendfältig belebte Natur kein Kontrast ist. So wird dies schöne poetisch beschwingte unb boch ganz wirklichkeitsnahe, aus heißer Liebe zur Natur und ihren Geschöpfen geschriebene Buch auch von allen verständnisvoll und dankbar entgegengenommen werden, bie nach Fühlung suchen mit dem Leben der Natur.
Dr. Fr. W. Lange.
— Wilhelm Hochgreve: Wundersames Leben im deutschen Wald. Streifzüge durch die Tier- und Pflanzenwelt. 44 Abbildungen auf Tafeln. Preis geb. 4,50 Mark. Akademische Verlagsgesellschaft Athenaion, Potsdam. — (479) — Wilhelm Hochgreve, dem wir so manche lebensvolle Naturschilderung aus Wald und Jagd verdanken, durchwandert mit bem Leser ben beutschen Wald, und es wird eine Wanderung in eine Welt ber Wunder. Da tut sich auf Schritt unb Tritt ein tausendfältiges Leben auf, da fängt die Natur an zu reden und erzählt vorn Werden und Vergehen im Reiche der Bäume und ber Tiere, von Ereignissen und Erscheinungen, an denen wir zumeist achtlos vorübergehen, die aber eine Fülle wechselvollen Lebens in sich schließen. Angefangen vom seltsamen Leben und Sterben des Hirschkäfers bis zum geheimnisvollen Dasein ber Waldspinnen, von Abschied und Heimkehr unserer Waldzugvögel bis zu erschütternden Tiertragödien, vom Rätsel der Kleeseide bis zu Riesen und Veteranen in unseren Wäldern, von der Schlangen- unb Wild- künde bis zu „schießenden" Tieren, zu Fährten unb Spuren, Wechseln und Pässen gibt Hochgreve, ein kundiger Führer und frischer Erzähler, der sich von Jugend auf der Natur und ihren Geheimnissen verschrieb, Antwort auf alle Fragen.


