Nr.132 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Donnerstag, 10. Zum (937
Aus der Stadt Gießen.
Zehn Gebote für Badende.
1. Gehe nicht erhitzt in kaltes Wasser, nach schnellem Laus oder langem Sonnenbad. Gönne dir die Zeit, deinen Körper unter der Dusche oder durch Lustbad abzukühlen.
2. Springe als Schwimmer nicht mit Kopssprung in seichtes oder trübes oder unbekanntes Gewässer.
3. Gehe als Nichtschwimmer nicht über brusttiefes Wasser.
• 4. Ein voller Magen verursacht beim Baden Uebelkeit und darum körperliche Behinderung. Du sollst nach dem Essen das Wasser meiden.
5. Bleibe bei einer Wassertemperatur von unter 15 Grad nicht länger als fünf Minuten im Wasser. Kinder vertragen den Wärmeentzug im Wasser noch weniger als Erwachsene. Deshalb ist Kindern längeres Verbleiben auch in wärmerem Wasser zu untersagen.
6. Schwimme im offenen Wasser, im Strom oder See, nie ohne Begleitung; meide sumpfiges oder schilfdurchwachsenes Wasser.
7. Vermeide das Anschwimmen an verankerte oder vorbeifahrende Schiffe. Sie bergen mannigfache unbekannte Gefahren und haben manchem guten Schwimmer den Tod in den Wellen gebracht.
8. Achte genau auf die Strömung und das Wellenbild, da manche Ströme durch Regulierung jetzt einen neuen Weg nehmen. Eingebaute Buhnen können gefahrvoll werden, bei niedrigem Wasserstand den Schwimmer verletzen.
9. Bei Kühle ist der Körper nach dem Schwimmen sorgfältig trocken zu reiben, besonders das Kopfhaar und die äußeren Gehörgänge. Auf dem Heimwege bleibe der Kopf bedeckt, der Körper vollständig bekleidet.
10. Es soll unterbleiben, daß Schwimmer in den für Nichtschwimmer abgegrenzten Teil des Schwimmbeckens springen, was ihnen wegen des niedrigen Wasserstandes oft selber gefährlich wird, dann auch den im Wasser meist hilflosen Nichtschwimmern, wenn sie angesprungen oder untergetaucht werden.
Dornoiizen.
Tageskalender für Donnerstag.
Gloria-Palast (Seltersweg): „Peter im Schnee". — Stadtkirche: 20 Uhr, Vortragsabend. — Studen- tenvortrag in der Universität: 20.30 Uhr, Hörsaal 13.
Einmaliges Gastspiel „Manuela del Rio".
Am Samstag, 12. Juni, findet ein einmaliges Gastspiel der spanischen Tänzerin Manuela del Rio im Stadttheater Gießen statt. — Mit größter Spannung wird dem Auftreten der gefeierten größten Tänzerin Spaniens entgegengesehen. Bei dem Gastspiel der jungen Künstlerin wird außer dem Klavierbegleiter Alfonso der Gitarre-Virtuose Joaquin R o c a auftreten, der nicht nur zusammen mit der Tänzerin, sondern auch solistisch mitwirken wird. — Es kommen nur original-spanische Tänze und Musikstücke zum Vortrag. Das Gastspiel beginnt um 20 Uhr und endet 22 Uhr.
Gastspiel der Singspieltruppe Eisele.
Wie uns mitgeteilt wurde, ist es der NS.-G. „Kraft durch Freude" gelungen, die 17 Mitglieder starke Singspieltruppe Eisele aus Garmisch-Partenkirchen zu verpflichten. Diese in ganz Deutschland und auch im Ausland bekannte Truppe hat es sich zur Aufgabe gemacht, ihre Besucher durch echten bayerischen Humor von den Sorgen des Alltags zu befreien. Diese Truppe, in dessen Mittelpunkt ihr Leiter Nazi Eisele steht, gestaltete einen wahrhaft heiteren bunten Abend. Das Gastspiel findet am Sonntag, 20. Juni, in der Volkshalle statt.
„Seefisch ahoi!"
Am morgigen Freitag findet im Cafe Leib unter dem Titel „Seefisch ahoi!" eine Werbeveranstal- tung der Deutschen Hochseefischerei in Gießen statt. Der Abend bringt Lichtbilder- und Filmvorträge
Ortsverband Gießen
der 7lG.- Gtudentenkampfhrlfe gegründet.
Im festlich geschmückten Saale des Studentenheims am Leihgesterner Weg fand sich gestern abend ein stattlicher Kreis von Mitgliedern und Freunden der NS.-Studentenkampfhilfe („Altherrenbund der Deutschen Studenten") zu einer Kundgebung ein, die gleichzeitig die Gründungsfeier des Ortsverban- des Gießen der NS.-Studentenkampfhilfe darstellte. Mit der Einbringung der Fahne des NSDStB. fand die Kundgebung ihren würdigen Auftakt.
Etudentenführer Frank
hieß besonders den Ortsverbandsleiter Kreisleiter Dr. Hildehrandt, Generalleutnant Oßwald und die zahlreich erschienenen Offiziere, den Rektor der Universität Professor Dr. Baader, Oberbürgermeister Ritter, den Gauverbandsleiter H e y s e, den Gaustudentenführer Konrad, den Vertreter des Reichsstudentenführers und die Alt-Akademiker herzlich willkommen. Studentenführer Frank (Gießen) umriß dann in wenigen Sätzen zunächst den Aufbau des Studentenbundes und erläuterte im einzelnen die Form, in der der Studierende in diese Gemeinschaft hineinwachse. Er schilderte die Aufgaben des Studentenbundes, die in erster Linie darin lägen, den Studenten zum politischen Menschen zu erziehen, ihn zu einwandfreien Umgangsformen zu führen, ihn sportlich so heranzubilden, daß er in jeglicher Hinsicht seinen Mann stehe. Er betonte, daß es in Zukunft an den Hochschulen den Typ des Einzelgängers nicht mehr geben solle, sondern vielmehr jeder sich in eine innerlich starke Kameradschaft fügen solle. In seinen weiteren Ausführungen gab der Studentenführer einen Ueber- blick über die Aufgaben der Studentenkampfhilfe, die demnächst als eine Gliederung der Partei zu einer Körperschaft des öffentlichen Rechtes werde. Die Mitglieder der NS.-Studentenkampfhilfe sollten im besten Sinne die Träger einer guten Tradition werden. Im Anschluß daran sprach der
Gauverbandsleiter Heyse,
der seinen Ausführungen vorausstellte, daß in der NS.-Studentenkampfhilfe zur Tat zu schreiten sei. Die NS.-Studentenkampfhilfe stelle eine Plattform dar,«mf der jeder Wohlmeinende mitarbeiten könne. Allen rechten und echten Traditionen der ehemaligen Korporationen sei Rechnung getragen, wenn auch manches habe in Wegfall kommen müssen, was überfällig gewesen sei. Wer bewußt im Staate der Gegenwart lebe, werde die NS.-Studentenkampfhilfe bejahen. Die Ideale der Tapferkeit und der Wehrhaftigkeit der ehemaligen studentischen Verbände stünden immer auch im Vordergrund der Ideale der ^ISDAP. Nun gelte es, .die neuen Grundformen des studentischen Lebens festzustellen. Im Zeitalter des Nationalsozialismus dürfe man nicht in falsche Romantik geraten, denn die Probleme unserer Gegenwart und die rauhen Wirklichkeiten unseres Lebens forderten alle Härte. Das gute Alte werde auch in die neuen Formen des studentischen Lebens übernommen werden, die neuen sozialen Forderungen müßten aber ebenfalls eingebaut werden. Noch sei bi-s Form des neuen studentischen Lebens nicht zu einer endgültigen Form
gewachsen, aber die Studenten würden sich ihre Form schaffen, denn die Probleme würden bewältigt im Geiste der Unbedingtheit, und an die Lösungen werde mit Wille und Kraft gegangen. Notwendig sei es, daß sich in diesem neuen Teilabschnitt nationalsozialistischen Lebens, alle willigen Kräfte helfend betätigen. Die NS.-Studentenkampfhilfe solle der treibende Motor für das Leben an der Universität sein. Der Gejst guter Traditionen werde sich vereinigen mit nationalsozialistischem Aufbauwillen. Es gelte, sich die Hände zu reichen, im Sinne des Wunsches, das Vaterland groß und stark zu machen. In diesem Sinne auch erklärte der Gauverbandsleiter den Ortsverband Gießen der NS.-Studentenkampfhilfe als gegründet.
Ortsverbandsleiter
Kreisleiter Or. Hildebrand
hielt sodann eine kurze Ansprache und legte dar, wie er sich die Arbeit als Ortsoerbandsleiter der NS.-Studentenkampfhilfe denke. Er sehe, so führte er hier u. a. aus, seine Aufgabe auch an dieser Stelle so, wie er seine Aufgabe als Kreisleiter zu sehen gewohnt sei: alles Wollen mit nationalsozialistischem Geiste zu durchdringen, ohne große Reibung eine große Gefolgschaft zu gewinnen und Vertrauen zu schaffen für ersprießliche Arbeit. Er als Orts- verbandsleiter werde es sich sehr angelegen sein, sich alles Vertrauen für die hier zu erfüllenden Aufgaben in der NS.-Studentenkampfhilfe zu erwerben. Man werde in Gießen zu einem guten Ergebnis kommen, wenn junge und alte Akademiker zusammenstünden, damit die NS.-Studentenkampf- hilfe allen Studierenden ein starker Rückhalt werden könne. (Lebhafter Beifall!) Zum Schluß der Kundgebung sprach noch der
Gaustudentenbundsführer Konrad.
Er forderte insbesondere dazu auf, die entscheidende Bedeutung der Stunde nicht zu verkennen. Die studentische Jugend, die in Stahlgewittern stand, jene studentische Jugend, die immer im Vorfeld der revolutionären Idee stand, verpflichte den Studenten der Gegenwart, in der Schaffung einer großen Einheit die Synthese zu finden, um die von allen Generationen gerungen wurde. Die Stunde fordere, daß die neue Form gestaltet werde, das Antlitz des neuen Studenten müsse geprägt werden, das Erbe der Generationen solle Erfüllung finden, erst dann werde diese Stunde eine historische sein. Es bedürfe aber hierzu der Unterstützung der erfahrenen Generation. Es werde gelingen, die Ortsverbände der NS.-Studentenkampfhilfe mit frischem Leben zu durchdringen, der Anfang sei gemacht und hoffnungsvoll, die Jungen aber würden alles tun, um die Altakademiker nicht zu enttäuschen.
Mit einem Gedenken des Führers, der auch für die neuen Formen studentischen Lebens den Weg gewiesen habe, schloß der Redner. In das dreifache Sieg-Heil und in die gemeinsam gesungenen Nationallieder stimmte jedermann kraftvoll ein. Mit der Ausbringung der Fahne fand die Kundgebung und Gründungsfeier ihren Abschluß.
über die deutsche Hochseefischerei. Mit der Veranstaltung ist gleichzeitig ein Schaukochen auf der Bühne und die Verabreichung von Kostproben verbunden.
NSLB.
Geschichtliche Arbeitsgemeinschaft.
Freitag, 11. Juni, 17.30 Uhr, Seminarzimmer der Oberrealschule.
BOM., Llntergan 116, Gießen.
Dienstbefehl.
Am Freitag, dem 11. Juni, treten um 20 Uhr alle Mädelgruppen des Standortes Gießen und der naheliegenden Standorte, mit Turnzeug am Universitäts-Sportplatz zur Hauptprobe unserer Körperschule an. Hierzu haben sich alle Mädel unbedingt freizumachen.
Die Pressereferentin im Untergau 116.
Gez-.: Liefe! Waldi.
Das Pulverfaß.
Der Wald ist nicht nur als Stätte der Erholung, als Picknick-Platz und Aufenthaltsort für Dichter und Verliebte wichtig: Der deutsche Wald ist auch einer der wesentlichsten Teile unseres Volksvermögens und eine unserer bedeutendsten Rohstoffquellen. Ganz zu schweigen von seiner Aufgabe als Sauerstoff-Erzeuger, als Wetterregulator und Windschutz.
Aber viele Volksgenossen scheinen ihn ausschließlich als Objekt des Vergnügens anzusehen. Sie spazieren darin umher — was man ihnen durchaus gönnt — und rauchen: was allerdings zuviel des Guten ist!
Rauchen im trockenen Wald ist nämlich fast dasselbe wie Rauchen am offenen Pulverfaß. Das ist nicht übertrieben; zwar pflegt der Wald nicht zu explodieren, aber der Schaden, den Raucher im Walde angerichtet haben, ist viel, viel größer als der sämtlicher Explosionen, die bisher auf der Welt geschehen sind. Ein unscheinbarer Funke, den der Wind verwehte, ein unbeachteter Stummel, ins Gestrüpp geworfen — und es entsteht daraus ein ungeheurer Waldbrand, der unermeßlichen Schaden bringt für das ganze Volk.
Trotz aller Strafmaßnahmen entstehen immer wieder Waldbrände durch Fahrlässigkeit. Wir wünschen nur eines: daß jeder, der dabei erwischt wird, einmal über einem offenen Pulverfaß rauchen müßte. Wetten, daß er dann geheilt wäre?
Dr. S. ,
Helft Straßen reinhalten!
Es ist wohl jedermann bekannt, daß der Zustand der Anlagen, der Straßen' und Wege für eine Stadt immer die Visitenkarte bedeuten. Ehrensache für jedes Gemeinwesen ist es deshalb, daß jedermann dazu beiträgt, das Bild der Stadt sauber- halten zu helfen. In vielen deutschen Städten ist man längst dazu übergegangen, alle jene durch die Polizei zur Rechenschaft zu ziehen (durch eine Geldbuße, bie jeweils sofort zu erlegen ist), biese Erziehungsarbeit mit aller Energie an jenen zu leisten, bie glauben, ganz nach Belieben Papierreste auf bie Straße ober in die Grünflächen der Anlagen werfen zu können. In unserer Stabt will man vorläufig von einer solchen Maßnahme absehen. In einer Sitzung aller am Fremdenverkehr unserer Stabt interessierten Kreise würbe aber einbringlich barum gebeten, bei dieser Erziehungsarbeit an der Volksgemeinschaft mitzuhelfen.
Innungstagung des vberhessischen Krastfahrzeug-Handwerkes.
Im „Haberkasten" fand unter bem Vorsitz bes Obermeisters Ernst A ß m a n n eine Tagung ber Innung für bas oberhessische Kraftfahrzeughand- werk statt. Der Obermeister wibmete ben Kamera- ben bes Luftschiffes „Hinbenburg" unb ber „Deutsch- lanb", sowie den verstorbenen Berufskameraben einen Nachruf.
Dem Tätigkeitsbericht war zu entnehmen, daß bie Mitglieberzahl ber Innung gestiegen ist unb bie umfangreichen Arbeiten eine Geschäftsstelle not- wenbig machten. Erfreulicherweise tonnte festgestellt werben, daß von ben 20 zur Gesellenprüfung zu- aelassenen Lehrlingen, alle, bis auf einen burch Krankheit verhinderten ihre Prüfung gut bestauben haben. Aus ben Ergebnissen ber Prüfungen ergab sich bie erneute Forderung nach einer besseren Auslese bes in bie Lehre aufzunehmenben Nachwuchses, ber nicht nur ben praktischen, svnbern auch
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Komponisten und Dirigenten.
Von Or. Erwin Kroll.
&n früheren Jahrhunberten, als bie musikalische Arbeitsteilung noch nicht so ausgebehnt war wie heute, galt es für selbstverftänblich, baß ein Musiker, ber komponierte, seine Werke auch selber diri- gieren konnte. Tonkünstler bagegen, bie bas Dirigieren als einzigen Beruf betrieben hätten, gab es ba= mals noch nicht.
Als ben Urvater ber mobernen Dirigenten kann man ben Komponisten Lully, ben Schöpfer, ber französischen Nationaloper, bezeichnen. Er war Komponist, Sänger, Schauspieler, Tänzer, Spielleiter, Dirigent in einer Person unb starb an einer Verletzung, bie er sich dadurch zugezogen, baß er seinen gewichtigen Dirigentenstab statt auf ben Boben auf feinen Fuß stieß. Das laute Taktieren war bamals weit verbreitet. Auch in ber Kirche scheint man sich nicht zurückgehalten zu haben. Erzählt uns bvch ein Freunb Bachs, baß ber Thomaskantor von seinen dreißig ober vierzig Musikern, „ben einen burch einen Wink, ben anberen burch Treten bes Taktes, ben britten mit brohenbem Finger" in Drbnung hielt. Auch Händel unb Gluck waren sehr selbstherrliche Dirigenten.
Von ben brei großen Wiener Klassikern hat H a y b n am meisten birigiert. lieber eine Aufführung ber „Schöpfung" berichtet ein Augenzeuge: „Mir war seine Mimik sehr interessant ... Man las in allen seinen nichts weniger als übertriebenen Bewegungen sehr beutlid), was er bei jeber Stelle gebacht unb empfunben haben mochte." Weit seltener als Haybn hat sich Mozart als Kapellmeister betätigt. Wenn er eine Erstaufführung feiner Opern leitete, pflegte er am Cembalo zu sitzen. Auch Beethoven, ber schon frei norm Orchester stand, diri- gierte nur gegelegentlich. Wir besitzen Berichte, aus benen hervorgeht, baß seine Gebärbensprache vor bem Orchester ebenso ungestüm wie ausbrucksreich war unb in ihrer urpersönlichen Art schon ganz mobern wirkte. So erzählt uns Spohr, baß Beethoven bei einem Ssorzanbo beibe Arme, bie er vorher auf ber Brust gekreuzt, jäh auseinanberzureißen pflegte. Bei einem Piano bückte er sich nieber, trat bann ein Crescenbo ein, so richtete er sich nach unb nach lieber auf unb sprang beim Eintritt bes Forte in bie Höhe. Auch schrie er manchmal, um bas Forte zu verstärken, mit hinein, ohne es zu merken.
Das Dirigieren als Sonderkunst beginnt mit Weber unb Spohr. Spohr berichtet, welches Aufsehen es erregte, als er bei einem Symphoniekonzert in Lonbon ben überroadjenben Cembalisten ebenso wie ben anführenben ersten Geiger entthronte, sich
mit seinem Stäbchen vor bas Orchester stellte unb so bie Gesamtleitung übernahm. Weber war ber erste wirkliche Generalmusikbirektor im heutigen Sinne bes Wortes, in besten Spuren später Wagner wanbelte. Robert Schumann bagegen versagte als Konzert- birigent in Düsselborf vollkommen. Nicolai, der Schöpfer der komischen Oper „Die luftigen Weiber von Windsor", erwarb sich als Operndirektor in Wien hohe Verdienste und gründete hier auch die Philharmonischen Konzerte. Die großen Komponisten der „neudeutschen" Schule sind auch große Dirigenten gewesen. Liszt übertrug, wie Karl Krebs treffend sagt, die Ungebundenheit des solistischen Künstlers auf die Orchesterleitung. Wagner war in alter Kapellmeisterüberlieferung aufgewachsen unb warf bie Fesseln bes Hanbwerks ab, um vom Dirigentenpulte aus dichterisch zu gestalten. Auch Brahms, ber große Gegner ber „Neubeutschen", hat einige Jahre als Chor- unb Orchesterleiter gewirkt. Ein geborener Dirigent war er aber nicht. Max Reger bagegen, ber eigentlich auch kein zünftiger Dirigent war, leitete bie Meininger Hofkapelle mit ebensoviel Eifer wie Erfolg, unb unter ben lebenben Komponisten seien wenigstens Richarb Strauß unb Hans Pfitzner genannt, bie, jeber in seiner Art, auch große Dirigenten finb. Die Reihe ber birigierenben Komponisten ließe sich noch wesentlich verlängern, wenn man Namen wie b ’ 211 b e r t, B u s o n i, Schillings, Grüner unb von Auslänbern 2lnbreä, Suter, Schoeck, Säubert, Dohna n y i berücksichtigt.
Von Pfitzner stammt ber Ausspruch: „Es ist kaum benfbar, baß ein musikalisch wirklich schöpferischer Mensch nicht auch Einfühlung in bie Werke anberer haben sollte." Umgekehrt könnte man auch sagen, erst ber wirb sich ganz in bie Werke anberer einfühlen können, ber selbst schöpferisch ist. Tatsächlich läßt sich beobachten, baß sehr viele Dirigenten ein kompositorisches Eigenleben führen, mag biefes manchmal auch ber Öffentlichkeit vorenthalten bleiben. Gleich Hans von Bülow, ber Schöpfer ber mobernen Orchesterkultur, ist hier ein Musterbeispiel. Er hat seine kompositorischen Hoffnungen erst nach schweren inneren Kämpfen zu Grabe getragen; aber er war zu stolz, neben Liszt unb Wagner vielleicht Mittelmäßiges zu schaffen. Sv blieb es bei einem Quartett, einigen Liebern, Ouvertüren unb Orchesterphantasien. Nikisch erhielt schon auf bem Wiener Konservatorium einen Kompositionspreis unb schrieb später eine Symphonie, eine Kantate „Christnacht" unb allerlei Kammermusikwerke. Der jüngst verstorbene Paul Scheinpflug, bekannt von seiner Duisburger Dirigententätigkeit, war ein feinsinniger, Strauß nahestehender Komponist. Bei einigen Lebenben halten sich Dirigieren.
unb Komponieren etwa bie Waage. Zu ihnen zählt Siegmunb von Hausegger, ber große symphonische Dichtungen unb zahlreiche anbere Werke geschaffen hat, bie ihn neben Strauß stellen, ferner Hermann Z i l ch e r, jetzt Leiter bes Würzburger Musiklebens,ein sehr vielseitiger, in ber Romantik wurzelnber Tonsetzer, unb Rubols Siegel, ber als Komponist zwischen Spätromantik unb Moberne eine befonbere Stellung einnimmt. Auch Carl Schuricht, ber bekannte Konzertbirigent, unb Robert Heger, ber Berliner Staatskapellmeister, sinb tonsetzerisch hervorgetreten; Hermann Abenbroth, ber mit Schuricht unb Furtwängler in ber vorbersten Reihe ber beutschen Konzertbirigenten steht, bagegen nicht.
Ueberhaupt scheint sich, je mehr wir uns ber Gegenwart nähern, bas Dirigieren zu einer Son- berkunst zu entwickeln, bie ben ganzen Menschen beansprucht. Schon Muck wollte nichts sein, als Sachwalter frember, insbesondere Wagnerscher Musik. Peter Raabe, der Präsident der Reichsmusikkammer und bekannte Dirigent hat erzählt, daß ihm jeglicher kompositorischer Ehrgeiz abgehe. Unter den Stabführern der jungen Generation gibt es wenige, die nebenher auch eigenschöpferisch tätig sind. Der Kampf um Geltung und Ruhm, der steigende Wettbewerb, die erhöhten Anforderungen — das scheint den Untergang des Dirigenten-Kompo- niften zu beschleunigen.
Da ist es um so bedeutsamer, daß sich Wilhelm Furtwängler, der größte unter den lebenden deutschen Dirigenten, jüngst wieder zum eigenen Schaffen bekannt hat, nachdem er schon früher mit einer Symphonie, einem Tedeum und einem Klavierkonzert hervorgetreten war. Seine neue Violin- sonctte, über die kürzlich an dieser Stelle berichtet wurde, hat bei Musikern und Laien die größte Beachtung gefunden. Sie ist das Werk eines schwärmerisch verzückten, von Brahms herkvmmenden Romantikers, weit gespannt in ihren Maßen, rhapsodisch und doch fest gefügt in ihren Formen und voll unmittelbar packendem Persönlichkeitsgehalt.
Man hat oft über die „Kapellmeistermusik" gespottet, und zugegeben: es ist oft mehr gekonnt als gewußt, was unsere Dirigenten an Musik hervorgebracht haben. Aber würde nicht die Kunst dieser Nachschaffenden, in deren Hände das Weiterleben unserer Musik gelegt ist, schließlich entarten, wenn sie ganz den Weg zu den Quellen des Schöpferischen verlören, und würden die Schaffenden nicht ganz ins Blaue hinein komponieren, wenn sie nicht immer wieder mit ben Aufführenben in Berührung kämen? Deshalb werben sie uns auch weiterhin nötig sein: bie Komponisten, bie birigieren, unb bie Dirigenten, bie komponieren,
Zeitschriften.
— „DerNaturforsche r", vereint mit „Natur unb Technik". Hugo Bermühler Verlag, Berlin- Lichterfelde N. — Im Juniheft legt Dr. med. Schottky auf Grund ber neuesten Forschungen bar, welche Beziehungen zwischen Rasse unb Krankheit bestehen. Professor Dr. Richarb Hesse vergleicht, wie weit bie Entwicklungslehre unb Sprachforschung gleichlaufen. Den Dendrologe ©erb Krüßmann macht Vorschläge, mit welchen Baumarten die Neuanpflanzungen nach bem großen Ulmensterben in Deutschland durchgeführt werben können. Otto Krösche veröffentlicht seine Beobachtungen über bie Nachtschwalbe an Hand schpner Naturaufnahmen. Karl W. Neumann berichtet über seine Feststellungen an Kohlmeisen. Dr. F. Gollmick zeigt, welche Entwicklung unb Bebeutung bie Kultur ber Süßlupine in Deutschlanb gewonnen hat. Professor Dr. W. Fritzsche berichtet über bas Verhältnis von Hypothysenhormon unb Sehen im Dämmerlicht. Dr. Splitter gibt Einblick in bie Eigenversorgung Deutschlands mit Naturharzen. Unter ben kleinen Beiträgen finben sich bebilberte Beobachtungen aus der Tier- unb Pslanzenkunbe sowie zahlreiche Berichte über Forschungsergebnisse aus ben verschiebe- nen naturwissenschaftlichen Gebieten. Anregungen zur Naturbeobachtung, ferner bie Bücherschau, ein Ueberblick über bie letzten Neuerscheinungen und die immer beliebte Preisfrage schließen bas Heft bes „Naturforschers" ab. Mit seinem vielseitigen Inhalt unb seiner vorbildlichen Ausstattung bietet es bem naturliebenben Volksgenossen eine Fülle von Unterhaltungs- unb Bildungsstoff.
— Deutschlanb zeigt ber Welt in Paris, was feine Künstler unb Handwerker, feine Ingenieure unb Erst nb er im Dritten Reich geschaffen haben. In großen farbigen Silbern vermittelt bas Juni-Heft ber „neuen I i n i e" (Verlag Otto Beyer, Leipzig) einen Einblick in bas Deutsche Haus auf ber Pariser Weltausstellung. Die Häuser von zwölf anberen Nationen geben einen interessanten Querschnitt burch bie Architektur unserer Zeit. — Das Erlebnis einer Skiwanberung in bie Zermatter Berge wirb in wunbervollen Aufnahmen geschildert. Carl Haense! erzählt zu ben Silbern eine Geschichte, bie sich in biefer Sergroelt zutrug. Die Gestalten bes Reiseverkehrs begegnen uns in reizvollen Scherenschnitten. Reise ist auch bas Thema, bas im Modeteil ausführlich behanbelt wirb. Ein ganzer Tagesplan ist für Ferienleute aufgestellt worben, unb an Wochen- enbfleiber, Stranb- unb Schwimmanzüge würbe ebenso gebacht wie an Sommerabendkleiber und Mäntel aus Tüll unb Spitzen.
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