BerstärklerEinsatz zurSammlung vonMmalerial
NSG. Die Erfassung der Alt- und Abfallstoffe in den Haushaltungen und kleingewerblichen Betrieben ist seit 1. April dieses Jahres durch den Gaubeauftragten für Altmaterialerfassung, Gauwirtschaftsberater Eckardt, für den Gau Hessen- Nassau einheitlich geregelt. Um die inzwischen gemachten Erfahrungen für die Zukunft nutzbar zu machen und zwecks Sicherstellung einer einheitlichen Behandlung aller Fragen der Altstofferfassung hat auf Einladung des Gauwirtscdaftsberaters am Sonntag in Frankfurt eine Sondertagung stattgefunden. Bei dieser Tagung waren verschiedene Dienststellen der Gauleitung vertreten, ferner nahmen sämtliche Kreiswirtschaftsberater des Gaues sowie Vertreter der Gauwaltuna der DAF., der Gaufrauenschaft — Abteilung Volkswirtfchast-Haus- wirtschaft —, der Gebietsführung der HI., des Reichsluftschutzbundes, des Reichssenders Frankfurt und der Bezirkssachgruppe Rohproduktengewerbe teil.
Der Gauwirtschaftsberater ging in seinem Vortrag grundsätzlich auf alle mit der Altstofferfassung zusammenhängenden Fragen ein. Er richtete an alle Beteiligten einen eindringlichen Appell aur Mitarbeit, um die regelmäßige Sammlung künftig so erfolgreich wie irgend möglich zu gestalten.
In der anschließenden Aussprache wurden die bisherigen Erfahrungen behandelt, wobei es sich bestätigte, daß in einzelnen Sammelbezirken des Gaues Haushaltungen und Sammler bisher nicht immer nach den bestehenden Richtlinien gehandelt haben. Nach den am 1. April für den Gau Hessen- Nassau veröffentlichten Richtlinien besteht folgende Regelung:
I. Alt- und Abfallstoffe allgemeiner Art.
Diese werden von dem Rohproduttenaewerbe, und zwar durchweg gegen Bezahlung gesammelt. Das gesamte Gauaebiet ist in Sammelbezirke eingeteilt, so daß Althändler, soweit sie in Haushaltungen und kleingewerblichen Betrieben sammeln, dies nur noch in den ihnen zugewiesenen Bezirken tun dürfen. (Das Sammeln in Mittelund Großbetrieben ist von dieser Bezirkseinteilung nicht betroffen.)
Die für das Sammeln in Haushaltungen und kleingewerblichen Betrieben eingeteilten Sammler find mit einem besonderen Ausweis des zuständigen Kreiswirtschaftsberaters versehen und tragen eine grüne Armbinde mit der Nummer des Sammler- Bezirkes. Die Sammler sind verpflichtet, monatlich mindestens einmal jeden Haushalt und kleingewerblichen Betrieb ihres Sammelbezirkes aufzusuchen. Dabei genügt es nicht, daß sie durch die Straßen ziehen und sich durch mehr oder weniger lautes Ausrufen bemerkbar machen. Sie sind vielmehr verpflichtet, in jeder Wohnung vorzusprechen und das dort angesammelte Altmaterial abzuholen.
Leere Konservenbüchsen, Blechschachteln aller Art, Schüsseln aus Emaille und dergleichen sind in Gemeinden, in denen der Müll abgefahren wird', in den Müllbehälter zu werfen. Auf den Müllhalden werden alle derartigen Gegenstände wieder erfaßt und dort der bestmöglichen Verwertung zugeführt. In Gemeinden, in denen der Müll nicht abgefahren
wird, sind die eingeteilten Sammler verpflichtet, dieses Material — allerdings unentgeltlich — mitzunehmen. Größere Posten glatten Papiers, einschließlich Zeitungen, nehmen die Sammler gegen Bezahlung entgegen. Knäuelpapier aller Art, Pappen, Verpackungsmaterial aus Papier und Pappe und dergleichen dürfen künfttg nicht mehr verbrannt werden, sondern find zu sammeln, und zwar ist es zweckmäßig, in jedem Haus einen besonderen Behälter (Kiste) für derartige Abfälle aufzustellen. Dieses Material ist den Sammlern unentgeltlich zur Verfügung au stellen. Die Sammler sind zur Mitnahme verpflichtet.
II. kleinmalerial aller Art.
Kleine Metallgegenstände, Tuben, Metallfolien, § laschenkapseln, Korkstopfen und dergleichen, bxeren ammluna für das Rohproduktengewerbe unwirtschaftlich ist, werden wie bisher von der HI. eingesammelt. Die HI. liefert dieses Kleinmaterial an den nächstgeleaenen Altmaterialhändler. Die an sich geringen Erlöse hierfür verwendet die HI. für ihre Zwecke.
III. Knochen.
Die in den Haushaltungen anfallenden Knochen werden im gesamten Gaugebiet künftig an jedem Dienstag und Freitag durch die Schulen gesammelt. Haushaltungen, die keine schulpflichtigen Kinder haben, oder in kleineren Gemeinden, in denen sich ein Sammeln durch die Schulen nicht lohnt, sollen die anfallenden Knochen an den Metzger zurückgeben. Keinesfalls dürfen Knochen, die bekanntlich volkswirtschaftlich sehr wertvoll sind, künfttg in den Müll geworfen oder verbrannt werden.
IV. Allgemeines.
Von der Bevölkerung wird erwartet, daß sie die volkswirtschaftliche Bedeutung der Alt- und Abfallstoffsammlung erkennt und die gegebenen Richtlinien befolgt. Sollten einzelne Sammler und auch die HI. nicht regelmäßig, d. h. im Monat mindestens einmal, alle Haushaltungen aufsuchen oder auch sonst irgendwelche Aufklärungen notwendig sein, dann wende man sich an die zuständigen Ortsgruppen der Partei. Jede Ortsgruppe hat einen erfahrenen Parteigenossen beauftragt, der für die gesamte Altmaterialerfassung innerhalb des Orts- gruppendereiches verantwortlich ist und allen Volksgenossen seiner Ortsgruppe mit Rat und Tat zur Verfügung steht.
V. Erweiterung der Befugnisse des Gaubeauftragten.
Wie vor einigen Tagen in der Gaupresse veröffentlicht wurde, sind Vollmachten und Aufgabenbereich des Gaubeauftragten für Altmaterialer- fassung erweitert worden. Demzufolge ist er, wie auch die ihm unterstellten Kreis- und Ortsbeauf- ttagten, nicht nur wie bisher für die Erfassung der Alt- und Abfallstoffe in den Haushalten und klein- gewerblichen Betrieben, sondern auch in der gesamten gewerblichen Wirtschaft zuständig. Die Be- aufttagten stehen demnach in Zukunft allen an der Erfassung Beteiligten — Haushaltungen, Schulen, HI., gewerbliche Wirtschaft, Rohproduktengewerbe — beratend zur Verfügung.
Kommerzienrat Schirmer 5O3oi)re in seiner Firma.
Ein seltenes Jubiläum konnte die Firma Gg. Heinr. Schirmer, Gießen, begehen: Am 10. Oktober d. I. waren es 50 Jahre, daß der derzeitige Inhaber, Kommerzienrat Heinrich Schirmer, als Teilhaber in die Firma ausgenommen wurde. Aus diesem Anlaß fand — so berichtet man uns — am letzten Samstag im Hotel Schütz ein wohlgelungener Kameradschaftsabend statt, dessen Verlauf das Gepräge einer überaus herzlichen Verb. . m- heit zwischen Betriebsführer und Gefolgschaft trug.
Nach einer von der Versammlung mit gespannter Aufmerksamkeit aufgenommenen Ansprache des Betriebsführers wurde von dem Betriebsleiter der Firma, Karl Kriechbaum, dem Vertreter der Deutschen Arbeitsfront, Otto Pipper, und dem Betriebsobmann Otto Rinn manches gute Wort an die Versammelten gerichtet, während das nachfolgende gesellige Beisammensein die Teilnehmer noch lange zusammenhielt.
Im Verlaufe des Abends gab Kommerzienrat Schirmer einen Rückblick auf die interessante Geschichte der Firma. Das Zirkular, das einst die Gründung der Firma anzeigte, trägt als Datum den 10. Oktober 1825. Der Gründer, der Großvater des gegenwärtigen Inhabers, hatte es verstanden, sein neu gegründetes Unternehmen sehr rasch zu hoher Blüte zu bringen. Sowohl die politischen, als auch die wirtschaftlichen Erschütterungen des letzten Jahrhunderts brachten viele Schwierigkeiten für die Leitung der -Firma. Den jeweils verantwortlichen Männern gelang es aber stets, ihrer Herr zu werden.
Der heutige Inhaber, der im 77. Lebensjahre stehende, noch überaus rüstige Jubilar, verstand es, dank feiner großen geschäfttichen Tüchtigkeit, seinem Weitblick und seiner vornehmen, menschlichen Eigenschaften, das Familienunternehmen während der schweren Jahre der Vor- und Nachkriegszeit vor Erschütterungen zu bewahren und der Firma die Bedeutung zu'geben, die sie heute innehat. Ein besonders ausgeprägter Zug seines Wesens war stets, zu seinen Arbeitern und Angestellten ein gutes Einvernehmen zu pflegen, so daß der Firma auch in unruhigen Zeiten Unstimmigkeiten mit der Gefolgschaft erspart blieben.
Die Bedeutung seiner Persönlichkeit brachte es auch mit sich, daß ihm zahlreiche Ehrenämter übertragen wurden; er war u. a. jahrzehntelang Handelsrichter, Präsident der Handelskammer, dessen Ehrenpräsident er noch heute ist, und er betätigte sich zum Wohle der Allgemeinheit, wo es ihm möglich war. Es ist der sehnlichste Wunsch der Gefolgschaft, ihn noch lange Jahre als Betriebsführer an der Spitze des Unternehmens zu sehen.
Reger Betrieb
in der Lehrküche im „Einhorn".
Während die Sonne lacht und den grauen November vergoldet, füllen sich die Läden und Schaufenster langsam mit Lebkuchen und Pfeffernüssen, denn in fünf Wochen ist Nikolaustag und in acht Wochen ist Weihnachten. Die kluge Hausfrau fängt an, vorzusorgen. Zwar hat sie alte, gute, seit Jahren in der Familie gebrauchte Rezepte, aber heute heißt es, zeitgemäß backen.
Die Abteilung Volkswirtschaft-Hauswirtschaft im Deutschen Frauenwerk hat die Vertrauensfrauen der vier Gießener Frauenschaften in einem abendlichen Lehrgang geschult, jede von den sechzehn Frauen hat allein ein Rezept ausprobiert und kann nun ihre Erfahrung an die Teilnehmerinnen der Lehrgänge, die jedesmal zwei Abende umfassen, weitergeben.
So herrscht nun jeden Abend im „Einhorn" in der freundlichen, praktisch eingerichteten Lehrküche munteres Treiben. Ist es schon für die Frau und Mutter zu Hause eine Freude, zu backen, so macht die Zusammenarbeit in kleinen Gruppen, die jede ein anderes Rezept Herstellen, erst recht Vergnügen. Die Arbeit wird von allen Seiten begutachten, jeder sieht einmal zu, was am Nebentisch geschafft wird, und allgemeine Freude bereitet das Gelingen der einzelnen Gebäcke. Hier wird ein Blech mit Lebkuchen bewundert, das soeben braun und knusprig dem Ofen entsteigt, dort erregen die fertigen Haferflockenmakronen verdientes Lob, weil sie so lecker und appetitlich aussehen. Rezepte und Kostproben werden mit nach Hause genommen, und jede, Teilnehmerin freut sich schon darauf, in der eignen Küche das zeitgemäße Gebäck herzustellen und damit die Familie zu erfreuen. F. K.
Polizei gegen Verkehrssünder.
Die Polizei schritt in der Zeit vom 29. Oktober bis 4. November einschließlich ein:
gegen Radfahrer mit 52 Verwarnungen und Belehrungen und mit 21 Anzeigen;
gegen ^Führer von Kraftfahrzeugen mit 37 Derwarnungn und Belehrungen und mit 32 Anzeigen;
gegen Fußgänger mit 77 Verwarnungen und Belehrungen;
gegen Lenker von Fuhrwerken mit 15 Verwarnungen und Belehrungen.
Gießener wochenmarktpreise.
* Gießen, 9. Nov. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Deutsche feine Molkereibutter, % kg 1,57 Mark, feine Molkereibutter 1,52, Markenbutter 1,55 bis 1,60 Mark, Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück 4 bis 10, Eier, deutsche, Klasse A 11%, Klasse B 11, Wirsing, % kg 8 bis 12 Pf., 50 kg 7 bis 8 Mark, Weißkraut, % kg 5 bis 6 Pf., 50 kg 4 bis 5 Mark, Rotkraut, % kg 7 bis 12 Pf., 50 kg 7 bis 9 Mark, gelbe Rüben, V» kg 8 bis 9 Pf., Karotten 8 bis 12, rote Rüben 8 bis 10, Spinat 15 bis 18, Unterkohlrabi 6 bis 8, Grünkohl
15, Rosenkohl 20 bis 30, Feldsalat, Vio 10, Tomaten, V-i kg 15 bis 18, Zwiebeln 7 bis 8, Meerrettich 30 bis 60, Schwarzwurzeln 25 bis 40, Kürbis 5 bis 6, Kartoffeln, % kg 4 Pf., 5 kg 40 Pf., 50 kg 1. Sorte 3,45 Mark, 2. Sorte 3,25, 3. Sorte 3 Mark, Aepfel, Vi kg 10 bis 18 Pf., 50 kg 10 bis 18 Mark, Birnen, Vt kg 8 bis 18 Pf., Nüsse 30 bis 50, Suppenhühner 80 bis 90, Blumenkohl, das Stück 10 bis 50, Salat 9 bis 12, Endivien 8 bis 12, Oberkohlrabi 5 bis 8, Lauch 5 bis 8, Sellerie 10 bis 30, Rettich 10 bis 15, Radieschen, das Bündel 8 bis 10 Pf.
*
** Immatrikulationsfeier in Gie - ß e n. Am nächsten Samstag, 13. November, findet in der Neuen Aula der Universität, veranstaltet vom Rektor, die feierliche Immatrikulation der Studenten statt. Die Feier beginnt um 12 Uhr.
** Dienftjubiläum. Arn kommenden Donnerstag kann der Verwalter der Verkaufsstelle von Schade & Füllgrade in der Mäusbura, Eugen I ö r g , auf eine 25jährige Tätigkeit bei dieser Firma zurückblicken.
** Gesangskonzert in Gießener K li - nifen. Der Gesangverein „Frohsinn" und der „Quartett-Verein Gießen" bereiteten am vergange
nen Sonntag den Patienten und dem Pflegepersonal der Chirurgischen, der Frauen- und der Ohrenklinik eine besondere Freude. Die Sänger brachten mehrere Lieder zu Gehör, die dankbar ausgenommen wurden.
** Neue Frachtbriefe. Ab 1. Januar 1938 werden bei der Deutschen Reichsbahn neue Frachtbriefmuster eingeführt. Neben den seitherigen großen Frachtbriefen werden auch neue Frachtbriefe kleineren Musters eingeführt. Die großen Frackt- briefe sind zu verwenden bei Sendungen mit Angabe des Lieferwerks, mit Barvorschuß ober Nachnahme, ferner bei Sendungen, die einer Zoll- oder sonstigen verwaltungsbehördlichen Behandlung unterliegen, sowie bei Sendungen, bei denen der Absender dem Frachtbrief eine Anlage beigibt, oder bet denen im kleinen Frachtbrief der Raum für die Inhaltsangabe nicht ausreicht. Für das Frachtbriefdop. pel ist dasselbe Muster zu verwenden wie für den Frachtbrief, zu dem es gehört. Die Frachtbriefe alten Musters können noch bis zum 31. Dezember 1938 verwendet werden.
Amtsgericht Gießen.
Der O. R. aus Hamburg hatte wegen lieber» tretung der Reichsstraßenoerkehrsordnung durch Strafbefehl, eine Geldstrafe von 40 Mark erhalten, weil er am 4. April 1937 in Gießen an der Ecke Friedrichstraße-Frankfurter Straße das Dorfahrtsrecht eines anderen Wagens nicht beachtet und hierdurch einen Zusammenstoß herbeigeführt hatte. Der Angeklagte war an diesem Tage mit seinem Kraftwagen aus der Friedrichstraße herausgekommen und wollte in die Frankfurter Straße nach links, also in Richtung Klein-Linden, einbiegen, obwohl zu gleicher Zeit auf der Frankfurter Straße ein anderer Personenkraftwagen in derselben Richtung fuhr. Da die Frankfurter Straße eine Fernverkehrsstraße ist, war der zweite Fahrer oorfahrts» berechtigt. Es kam zu einem Zusammenstoß zwischen den beiden Wagen, bet dem zum Glück nur Sachschaden entstand. Zur Begründung seines Einspruches hatte der Angeklagte, der vom Erscheinen in der Hauptverhandlung entbunden war, eingewandt, daß er die Kurve zu zwei Drittel passiert und sich schon in der neuen Richtung befunden hätte, als der andere Wagen herannahte. Diese Einlassung wurde jedoch durch die Beweisaufnahme einwandftei widerlegt, so daß es das Gericht bei den im Strafbefehl erkannten 40 Mark Geld- ftr a f e beließ.
Der neue Rieger-Prozeß.
LPD. Frankfurt a. M., 8. Nov. Vor dem Schwurgericht begann am heutigen Montag früh der neue Mieger-Prozeß. Die voraussichtliche Dauer der Verhandlung wird zehn Taae fein. Es wird gegen den am 27. März 1882 in Schmitten geborenen, zuletzt in Friedrichsdorf ansässigen I o - Hann Wilhelm Mieger verhandelt, der mehrfach und erheblich wegen Wilderns und Jagdvergehens vorbestraft ist, und der am 26. Juli vom Sondergericht wegen Verbrechens nach § 1 Absatz 1 Ziffer 1 des Gesetzes zur Gewährleistung des Rechtsfriedens zu lebenslänglichem Zuchthaus und wegen gewerbs- und gewohnheitsmäßigen Wilderns und Vergehens gegen das Schußwaffengefetz zu 15 Jahren Zuchthaus und Ehrvexlust auf Lebenszeit verurteilt wurde. Mieger s e n. ist beschuldigt, am 31. Oktober 1917 wenige Kilometer hinter der Saalburg auf Obernhainer Gebiet im Walde den Forstmeister W. Birkenauer, der im Alter von 62 Jahren stand, ermordet zu haben. Zu dieser Verhandlung sind zwölf Zeugen und Professor Dr. Georg Popp als Sachverständiger geladen.
Es wird ferner gegen den alten Mieger und seinen 28jährigen Sohn Willi wegen der Beschuldigung verhandelt, am 16. April d. I. im Walde der Dillinger Bornberge bei Friedrichsdorf gemeinschaftlich und vorsätzlich den Wildhüter Ernst Hofmann getötet und die Tötung mit Ueberlegung ausgeführt zu haben. Zu dieser Verhandlung sind 22 Zeugen und als Sachverständige Professor Dr. Hey und Büchsenmachermeister Bock geladen.
Der Forstmeister Birkenauer wurde am 31. Oktober 1917 ermordet, und am 12. November 1917 wurde der Angeklagte unter dem Verdacht, diesen Mord ausgeführt zu haben, verhaftet. Mieger bestreitet heute, wie auch früher schon, die Tat.
Briefkasten der Redaktion.
P. k. Die Inflations-Briefmarke Kölner Dom im Werte von 10 000 Papiermark wurde Ende Juli 1923 ausgegeben und war bis zur Einführung der Rentenmark-Wertzeichen am 1. Dezember 1923 gültig.
Mandine setzt sich durch
Vornan von
Hans-Joachim Freiherr« von Reihenstein
Copyright by Carl Ouncker
20 Fortsetzung (Nachdruck verboten.)
Man hatte Lucienne einen neuen Vertrag angeboten.
Er kam gerade zur Zeit, ehe ihre letzten Aufnahmen beendet waren.
Aber dieser Vertrag bedeutete einen Wendepunkt in ihrem Leben. Es war das erstemal seit fünfzehn Jahren, daß sie nicht die Hauptrolle spielte. Man hatte ihr eine Nebenbuhlerin zugedacht. Dagegen würde ein neuer junger Star die Heldin spielen
Lucienne Molny hatte dieses Angebot deshalb noch nicht beantwortet. Sie wußte, was für sie davon abhing. Sie rangierte sich damit aus der kleinen Reihe der großen Stars aus und schob sich selbst ein für allemal auf ein Nebengleis.
Natürlich würde sie trotz aller Bedenken ein- willigen müssen, wenn nicht im letzten Augenblick ein Wunder geschah.
Sie hoffte noch einmal auf die wundertätigen Dollars der Deutschamerikaner. Schließlich war sie seit zwanzig Jahren mit Stone befreundet.
Neben dem Verlust der künstlerischen Qualitäts- Abstempelung mußte der Beginn einer noch so guten Chargenlaufbahn große Veränderungen in ihrem Privatleben bringen: nur ein Star konnte sich Öen Zuschnitt ihres Hauses, mit Harry, dem teuersten Kleinod darin, leisten. Sie würde alles verkleinern müssen
Aber erst wollte sie es noch einmal versuchen: wenn sie ein Manuskript bekäme, in dem eine Frau, die aus der ersten Jugend heraus ist, die Hauptrolle spielte. Dann wollte sie eine sehr verführerische reife Frau darstellen und sich so in ein anderes Fach hineinspielen, in dem sie noch lange Star bleiben konnte, wenn sie es überhaupt körperlich und mit den Nerven aushielt.
Sie würde Stone noch einmal zu sich bitten und ihm die Anregung Zu einem solchen Manuskript
geben. Sein dramaturgisches Büro würde das Weitere tun.
Diesmal rechnete Blandine nicht mehr auf ihre Teilnahme an dem Fest der Filmfürsten. Sie hatte also beizeiten um die Namen der Gäste gebeten, gefragt, ob man bei ihrer kleinen Anzahl nur zwei Tischplatten ausziehen solle oder doch lieber drei, da Herren beim Essen gern bequem säßen. U-nd besonders bei einem so derben Essen, wie es vorgesehen war.
Denn Frau Molny wollte für die unter der Prohibition seufzenden Amerikaner einen deutschen Bierabend arrangieren. Kommißbrotschnitten und Salzstangen an Stelle des ewigen Toasts, und vorher sollte es Spanferkel geben.
Blandine hatte begriffen, daß dies Rüsten eines Festes, an dem sie nicht teilnahm, einen Teil ihrer Arbeit darstellte wie alles übrige.
So wie eine Erzieherin immer dann mit ihren Zöglingen zu verschwinden hat, wenn Besuch kommt. Dafür ist sie eben Hüterin der Kinder.
Für die Arbeit der Haushaltspflegerin war das luxuriöse Zimmer, das Essen am gepflegten Tisch, Wäsche, Beleuchtung und Heizung außer ihrem Gehalt das Entgelt. Ein freundliches Wort, ein gelegentliches Stückchen Konfekt oder ein süßer Likör. Darüber hinaus gab es nichts. Ihre Mutter hat recht: Man muß im Leben bezahlen, was man verzehrt. Es ist ihre Dienstobliegenheit, das Fest zu rillten, aber nicht, es mitzumachen.
Sein Leben, seine Wünsche und sein Erleben muß man sich selber schaffen.
Und Blandine schaffte es sich. Sie ging diesmal an die Festvorbereitungen unter dem Motto: als ob es für sie selber sei. Und dabei wollte sie bewußt lernen (und freute sich, daß sie die Gele-1 9?vheit dazu hatte) ein Fest auszurichten, für den Fall, daß sie später einmal ein Fest für sich selber würde feiern können.
Während sie den Teller aufsetzte, trällerte sie vergnügt vor sich hin. So, jetzt die Horngabeln. Das war eine Idee von ihr--Jagdbestccke zu
bem derben Essen anstatt des Silbers.
Harry Engemann kam durch Zimmer.
„Sie sind ja heute so vergnügt."
„Warum sollte ich es denn nicht sein?"
Er zuckte die Achseln. „Werden Sie abends dabei i sein?" j
Sie errötete und schüttelte den Kopf. „Sie haben doch selbst gesagt, daß die Leute unnatürlich wären. Da decke ich eben die Tafel so als ob ..."
Er fragte mit den Augen.
„Na ja, als ob es für amüsante Menschen märe, als ob es für ein ganz besonderes Fest und —" sie zögerte etwas. Aber er lächelte sie aufmunternd und liebenswürdig an.
„— und als ob es für mich selber wäre."
Es gab ihm einen sichtbaren Stoß. So viel Selbstentäußerung war ihm in seinem Leben noch nicht begegnet.
„Wissen Sie, was ich möchte?" fragte er begeistert. „Ein Fest nur für Sie rüsten und Sie zu Tische führen. Wenn ich der Märchenprinz wäre, dann würde ich Sie wie das Aschenbrödel erhöhen und Sie zum Tanze holen. Aber ich bin ja leider nur ein armer Teufel und habe in diesem Hause nichts zu sagen."
Er besann sich einen Augenblick.
„Aber vielleicht werde ich einmal zu Geld kommen."
„Na, das reicht ja", dachte Franz Lüdtke, der im Nebenzimmer zugehört hatte.
*
„Haben Sie schon darüber nachgedacht, wohin Ihre Frühlingsfahrt gehen soll, Fräulein Hertel?" fragte Harry Engemann am Montag früh.
„Ich hätte einen Wunsch", sagte Blandine, — „nach Sanssouci."
„Gern. Aber das ist doch nur ein Katzensprung von hier aus. Ich fahre Sie dann noch weiter. Ueberlegen Sie sich mal etwas Schönes."
„Danke", sagte Blandine. Sie beugte sich wieder über ihren Notizblock. Dann nahm sie den Hörer ab und verband sich mit einer Tischlerwerkstatt.
Es blieb Harry nichts übrig, als mit seinem Flügelschlüssel abzuziehen.
„Wir haben Ihren Kostenanschlag bekommen", hörte er Blandine sagen.
Auch Unnatur, dachte er. Anstatt daß solch hübsches Mädchen drüber nachdenkt, wo man sie hinfahren soll.
Ader auf alle Fälle würde er mit ihr eine schöne Fahrt unternehmen. Er sagte ihr nicht, daß er bloß darauf wartete, daß Lucienne in dieser Woche Nachtaufnahmen hätte.
Er setzte sich an den Flügel und träumte von die-!
ser Fahrt. Hoffentlich würde fein Geld noch zu Benzin und so weiter langen. Ganz gleich, im schlimmsten Fall versetzte er etwas. Und wenn es etwas war, was im Hause herumstand. Denn seine eigenen Sachen reichten nicht mehr weit.
Und dann träumte er von seinem großen Ziel: Komponieren. Etwas hinlegen, was sich verkaufen ließ. Sich selbständig machen, nicht mehr um Ta- schengeld bitten müssen. Ganz groß Geld verdienen. Man konnte das ja beim Film. Lucienne würde ihm mit ihren Beziehungen helfen müssen.
Blandine hörte ihn durch zwei Zimmer und drei Portieren hindurch mit großer Begeisterung spielen. Er konnte wirklich etwas, dachte sie angeregt. Sie ahnte nicht, was ihn beflügelte.
Er träumte und spielte weiter. Geld haben, tun können, was einem einfällt. —
Als Blandine eben wieder den Hörer abnehmen wollte, um mit dem Elektrotechniker eine Reparatur zu besprechen, surrte der Apparat, und Hedwig Georgi meldete sich.
„Kann ich dich heute noch sehen, Blandine? Ich mochte etwas mit dir besprechen."
„Läßt es sich nicht machen, daß du zu mir kommst? Ach möchte nach gestern heute nicht fortgehen."
„Mir geht es genau so", sagte Hedwig. „Aber ich hätte dich doch so gern gesprochen. Ich dachte, bei dir kommt es weniger darauf an, weil Frau Molny nicht da ist."
„Aber gerade deshalb muß ich doch hier sein", sagte Blandine erschüttert. „Hier sind heute Gärtner, zwei Handwerker und Wäsche. Und abends haben wir eine kleine Gesellschaft."
„Dann will ich doch mal sehen, wie ich's einrichte", schlug Hedwig Georgi vor. „Nachmittags bist du jedenfalls da?"
„Ich bin den ganzen Tag im Hause. Sollte ich fort müssen, gebe ich dir sicher Bescheid."
Blandine ahnte nicht, daß es für Hedwig um etwas Lebenswichtiges ging.
Hedwig war beleidigt, daß weder ßiffie, die sie schon angerufen hatte, noch Blandine Zeit für sie hatten. Greta war ihr zu leichtsinnig, um das mit ihr zu besprechen, was sie bewegte. Und Ilse war natürlich ganz von ihren eigenen Dingen in An- sprach genommen.
Dann würde sie sich eben allein raten müssen.
Fortsetzung folgt


