Ur. 236 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesfen)
Samstag. 9. Moder (937
Aus der Stadt Gießen.
„Warte ein bißchen
Es ist ein leicht hingeworfenes Wort und nichts weiter als eine höfliche Bitte: „Warte ein bißchen!" Aber merkwürdig, schon diese höfliche Bitte reizt irgend etwas in uns. Die unselige Nervosität wird wach und bohrt mit peinigender Ständigkeit. Warten — wozu? Warum dieses ewige Warten vor einem Ladengeschäft, in dem die Frau gerade etwas einkauft? Was für ein unbehaglicher Zustand, wenn man wegen einer kleinen Verspätung einige Minuten auf den Zug warten muß. Welch eine Zumutung, einen bei einem Stelldichein über die verabredete Zeit hinaus warten zu lassen.
Zum Warten haben wir nämlich alle keine Zeit. Ob es zur Arbeit geht, oder zum Vergnügen, immer treibt uns irgendwie die Hast. Sie steht ständig hinter uns mit ihrer Befehlsgewalt und kommandiert unablässig: Tempo, Tempo! Laß dich um Gotteswillen nicht aufhalten, eile vorwärts spute dich, es ist in jedem Augenblick die höchste Zeit! Und wir lassen uns drängen und vom Strudel des täglichen Lebens mitreißen, dem Gebot der Hast gehorchend, das keine Geruhsamkeit kennt.
Und doch kommt der Tag, an dem wir ein Wartezimmer aufsuchen müssen, wo das Gebot der Hast verstummt und die freundliche Aufforderung: „Warte ein bißchen!" zur nachdrücklichen Weisung wird. Es gibt Leute, die selbst dann ihrer hochgradigen Nervosität nicht Herr werden und mit trommelnden Fingern im Vorzimmer der Behörde die Fensterscheiben bearbeiten oder im Wartezimmer des Arztes von einer Wand zur anderen rennen. Sehr zum Mißvergnügen der Mitwartenden übrigens, deren mühsam bewahrte Ruhe durch jene Aeußerun- gen der Hast empfindlich bedroht wird.
Indessen bringen wir alle im stillen mehr Zeit zum Warten auf. als wir uns selbst eingestehen. Eine leise Hoffnung lebt in uns, die wir insgeheim pflegen und hegen: die Hoffnung auf das Glück, auf den Zufall, auf den Tag, der das Wunder bringt. Einmal muß das Außerordentliche in unseren Alltag treten, das uns an die Hand nimmt und hinführt zu der märchenhaften Erfüllung, die bislang nur in unserer Vorstellung lebte. Und wenn wir auch wahrscheinlich diesen Tag nie erleben, die Hoffnung geben wir zu keiner Stunde verloren und es macht uns im Grund nichts aus, daß es in dieser Hinsicht von einem Tag zum andern heißt: „Warte noch ein bißchen!"
Es ist ein Glück, daß wir dafür die Zeit aufbringen müssen. Wir werden ja nicht gefragt, es macht sich schon von selbst. Aber gerade dieses Warten und Hoffen birgt ja schon ein beglückendes Element, und das sollte uns nachdenklich stimmen. Vielleicht gewinnen wir dann doch ab und zu die Kraft, der Befehlsgewalt der Host zu trotzen und für manche stille Stunde des Alltages die Nervosität zu besiegen, die uns auf Schritt und Tritt peinigt und mit Gefahren umlauert. H W. Sch.
Dornoiizen.
Tageskalender für Samstag.
NSG. „Kraft durch Freude": Letzte Omnibusfahrt zur Ausstellung „Schaffendes Volk" in Düsseldorf. — Stadttheater: Sondervorstellung für NSG. „Kraft durch Freude", 20 bis 22.30 Uhr, „Im Rebeloch rumorts".--Gloria-Palast (Seltersweg): „Streit
um den Knaben Jo"; 16 und 22.45 Uhr: „Heeps Liliputaner Variete". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Wenn du eine Schwiegermutter hast". — Groß'scher Männerchor: 20 Uhr, „Karlsruhe", 91. Stiftungsfest. — Deutsche Stenografenschaft: 20.30 Uhr, Cafe Leib, Abendveranstaltung.
Tageskalender für Sonntag.
Stadttheater: 19 bis 22 Uhr, „Das kleine Hof- konzert", Operette. — Gloria-Palast (Seltersweg): „Streit um den Knaben Jo". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Wenn du eine Schwiegermutter hast". — Cafe Leib, 20.30 Uhr, „Harmonika-Spiel-
Oie Gchwaneninsel im Bau.
Gegenwärtig ist — wie wir bereits kurz berichteten -t- im Teich an der Schlageter-Allee eine stattliche Insel im Bau begriffen, die den Schwänen eine geräumige Heim- und Brutstätte werden soll. Die Insel wird es der Familie Schwan möglich werden lassen, völlig ungestört zu sein, denn die Insel liegt weit vom Ufer entfernt. Unser Bild zeigt städtische Arbeiter beim Bau der Insel.
(Aufnahme: Neuner, Gießener Anzeiger.)
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Der Gchweinestall des EHW.
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In diesen Tagen konnte der für die Unterbringung von 200 Schweinen des Ernährungs - Hilfswerkes vorgesehene Stall- bau am Gleiberger Weg unter Dach gebracht werden. Unser Bild läßt die einfache, zweckbetonte Form des gemeinnützigen Baues bereits erkennen. Im Vordergrund sieht man das langgestreckte Stallgebäude, im Hintergrund links den etwas höheren Anbau, der die Futterküche, die Futtersilos und die Wohnung des Schweinemeisters aufnehmen wird.
(Aufnahme: Neuner, Gießener Anzeiger.)
abend" der Spielgruppen Gießen, Lollar und Marburg.
Aenderung im Stadttheater-Spielplan.
Aus dem Stadtheaterbüro wird uns geschrieben: Wegen plötzlicher Erkrankung findet heute abend die Aufführung des Lustspiels „Im Rebeloch rumorts" von Vomhof statt. Dieses Volksstück erzielte bei seiner Erstaufführung am Erntedankfest einen großen Erfolg, Die Spielleitung führt Dr. Erich Schumacher. Die Vorstellung findet als 1. Sondervorstellung für die NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude" statt. Freier Kartenverkauf nur an der Abendkasse. Anfang 20 Uhr, Ende 22.30 Uhr.
Spielplan des Stadttheaters vom 10. bis 17. Oft.
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Am Sonntag, 10. Oktober, findet die Aufführung der ersten Operette der Spielzeit 1937/38, „Das kleine Hofkonzert", ein Werk aus der Welt Carl Spitzwegs von P. Verhoeoen und T. Impekoven, Musik von Ed. Nick, statt. Die musikalische Leitung hat Joachim P o p e l k a , Spielleitung Karl-Ludwig
Lindt. Mitwirkende das Operetten- und Schauspielpersonal des Stadttheaters. In dieser Operette stellen sich dem Gießener Publikum zum ersten Male die neuverpflichtete Operettensängerin Elfriede Grell und der neuverpflichtete Chargenspieler Fritz B ö h l i g vor. Das städtische Orchester, das während der Sommermonate in Bad-Nauheim große Erfolge erzielte, wird unter der Leitung des neuverpflichteten Operettenkapellmeisters Joachim P o p e l k a (vom Neuen Theater Leipzig) zum ersten Male spielen. Die Vorstellung findet außer Miete statt. Beginn 19 Uhr, Ende 22 Uhr.
Dienstag, 12. Oktober, Anfang 20 Uhr, Ende 22.15 Uhr, zum letzten Male „Moral", Komödie von Thoma, Spielleitung Hans Geißler. Dienstag-Miete 3. Vorstellung.
Mittwoch, 13. Oktober, Anfang 19.30 Uhr, Ende 22.30 Uhr, „Das kleine Hofkonzert". Musikalische Leitung Joachim P o p e l k a , Spielleitung Karl- Ludwig Lindt. Mittwoch-Miete 3. Vorstellung.
Freitag, 15. Oktober, Anfang 20 Uhr, Ende 22.15 Uhr, Erstaufführung „Uta von Naumburg", Schau
Trager de« silbernen GA- Gporiabzeichens!
Mit Wirkung vom 1. Oktober 1937 ist das weitere Tragen des silbernen SA -Sportabzeichens verboten!
Unter Vorlage des Besitzzeugnisses und des ^.-Scheines können auf der Dienststelle der Standarte 116, Gießen, Senckerberystraße 1, täglich^ von 10 bis 13 Uhr, Umtauschanträge auf broncene SA.-Sportabzeichen gestellt werden Letzter Termin 15. Oktober 1937
Angehörige der SA., SS., NSKK., HI., Wehrmacht und Polizei reichen ihre silbernen SA.-Sport- abzeichen bei ihrer vorgesetzten Dienststelle ein.
Der Führer der Standarte 116:
Gez.: Lutter, Standartenführer.
spiel von Felix Dhünen. Spielleitung Dr. Erich Schumacher. Freitag-Miete 4. Vorstellung.
Samstag, 16. Oktober, Anfang 20 Uhr, Ende 23 Uhr, Wiederaufnahme „Die Dorothee", Operette von Hermecke und Vetterling. Musikalische Leitung Joachim P o v e l k a. „Kraft-durch-Freude-Miete", Gruppe 1, 2. Vorstellung. Freier Kartenverkauf an der Abendkasse.
Sonntag, 17. Oktober, 11.30 bis 12.30 Uhr, Zweite Morgenveranstaltung der Spielzeit, „Winterreise", ein Liederzyklus von Franz Schubert, Musikalische Leitung Joachim P o p e l k a. Platzmieter auf allen Plätzen 0,25 RM. 19 Uhr, Ende 22 Uhr, „Das Keine Hofkonzert", Operette von Derhoeven und Impekoven, Musik von Ed. Nick. Musikalische Leitung Joachim Po p e l k a, Spielleitung Karl-Ludwig Lindt. Außer Miete.
BOM-undZM.-tlntergaul16,Gießen.
Betr.: Schulung der Mädelführerinnen.
Ergänzend zu dem Dienstbefehl vom 6. Oktober ist noch zu sagen, daß die Schulungen in den Landstandorten um 19 Uhr beginnen, in Gießen um 20 Uhr. Sonntag früh wird überall um 8 Uhr begonnen.
Dienstbefehl!
Alle JM.-Gruppen-, Schar- und Schaftsführerinnen nehmen, wie schon bekanntgegeben, an den Schulungen wie folgt teil:
IM. 1/116, 2 und 3/116 kommen in die DJH. Gießen;
IM. 17, 18, 19/116 im Möserheim, Seltersweg;
IM. 14, 15, 16/116 in Watzenborn-Steinberg;
IM. 11 (halb) und 13/116 in Hungen;
IM. 5 und 7/116 in Lollar;
IM. 11 (halb) und 12/116 in Lich;
IM. 6 und 10/116 in Großen-Buseck.
Alle M- und IM., Schulungs- und Sportreferentinnen fahren mit dem Zug nach dem Schulungsstandort. Die MädelschuluNgsreferentin von Londorf wird am Samstagabend und die M.- Sportreferenttn am Sonntagmorgen mit dem Wagen hingefahren.
Mitzubringen sind für die JM.-Schulungen: Schere, Lineal, Klebstoff, gummiertes Glanzpapier, Schreibzeug, Turnzeug, Liederbuch, Brotbeutelverpflegung und Trinkbecher.
Die Schulungsreferentin der Jungmädel von Großen-Buseck fährt ab 8.38 Uhr und kommt zurück 19.20 Uhr.
Die JM.-Schulungsreferentinnen von Hungen und Lich fahren ab Gießen 8.27 Uhr und kommen zurück Hungen ab 19.04 Uhr und Lich ab 19.17
Richard von Hertwig t-
Von Professor Dr. W. E. Antel.
Kaum vorstellbar, daß künftig bei Tagungen der Deutschen Zoologischen Gesellschaft und der Deutschen Gesellschaft für Dererbungswissenschaft die vertraute Gestalt oes seinen, spitzbärtigen alten Herren fehlen wird. Klein und fast zart, aber stets voll elastischer Spannung, scharf und zugleich gütig durch die Brillengläser blickend, saß er unter uns bis in die letzten Jahre hinein, ein wahrhaft ehrwürdiger und einmütig herzlich verehrter Nestor deutscher Zoologie.
Sein Leben und Arbeiten ist untrennbar mit einer ganzen umwälzenden Epoche der zoologischen Wissenschaft verbunden, aus der sein Anteil gar nicht fortgedacht werden kann. Als Richard Hert - w i g im Jahre 1850 im benachbarten Friedberg geboren wurde, anderthalb Jahre nach seinem Bruder Oskar, dem späteren Anatomen, lebten Alexander von Humboldt und Johannes Muller noch. Als er zehnjähriger Schüler war, erschien die deutsche Uebersetzung von Darwins Werk: „Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl". Und als er zusammen mit seinem Bruder Student bei Ernst Haeckel in Jena wurde, da gerieten beide in engste Berührung mit der Gedankenwelt der Entwicklungslehre, die durch Haeckels feuriges Apofteltum so siegreich voran- getrieben wurde. .
Es ist ungemein fesselnd, zu verfolgen, wie die beiden Brüder, die die Jahre ihres Studiums gemeinsam verbrachten, schließlich zur Ueberwindung * und Läuterung der Abstammungslehre Haeckelscher Prägung beigetragen haben. Oskar Hertwig ist in späteren Jahren ein entschiedener Gegner des Darwinismus geworden, Richard hingegen hat noch 1925, als in der Münchener Presse eine wilde Polemik gegen jede Abstammungslehre entfacht wurde, in ruhigen und klaren Worten gezeigt, was wir .uarroin und Haeckel zu verdanken haben.
Will man es versuchen, Richard Hertwigs Lebensarbeit mit wenigen Worten zu umreiten, so wäre dies zu sagen: Die Reaktion auf den durch Haeckel eingeleiteten Ueberschwang der reinen und häufig im Bodenlosen schwebenden Theorie war unvermeidlich. Die Gefahr, die dem folgen mußte, war die reine Ablehnung, der einzige Ausweg aber das Ganz-von-vorne-Anfangen mit mühsamer, aber sicherer Beobachtung. Veränderungen der Lebewesen im Ablauf der Zeit? Dann mußte man erst einmal die Gesetze kennen, die Beharrung und Veränderung beherrschen. Es galt vor allem, das kleine Stäubchen lebender Substanz zu erforschen das als Keimzelle" die Generationen verbindet, und in
dem notwendigerweise die „Erbmasse" enthalten sein muß, diejenige Substanz, in der die stofflichen Bedingungen für Beharrung und Veränderung denknotwendig zu suchen sind.
Richard Hertwigs Lebenswerk ist in erster Linie der Erforschung dieser Erbmasse gewidmet gewesen. Der Anfang liegt in jenen lagen/ in denen er, zusammen mit seinem Bruder Oskar am Mittelmeer die Befruchtung und die Teilung des Seeigeleies untersuchte — Oskar Hertwigs Veröffentlichungen über diesen Gegenstand haben zum ersten Male den tierischen Befruchtungsvorgang richtig gedeutet und damit für alle Zeiten geklärt. Dann kamen, nachdem Richard Hertwig als Nachfolger von Siebolds das Ordinariat der Zoologie in München übernommen hatte (1885), bahnbrechende Arbeiten über die Zelle und den Zellkern der Urtiere (Protozoen). Von hier aus sind eigentlich alle fruchtbaren und wegweisenden Gedanken Richard Hertwigs zu verstehen:
Die Aufklärung der oft verwickelten Kernverhält- niffe der Protozoen gab der Zellenlehre neue Antriebe und eine breite Basis, die Einführung des Experiments und exakter Meßmethoden führte über die reine Beobachtung hinaus und zeigte Wege, wie die verwickelten Wechselwirkungen zwischen Kern und Plasma der Zelle stofflich und durch Messungen faßbar zu machen seien. Wachstum und Teilung der Zelle erschienen in neuer Beleuchtung, wenn man das Maßenverhältnis der beiden Zellkomponenten Kern und Plasma, wenn man die „Kernplasma-Relation" ins Auge faßte Gleichsam am Rande des Weges ergaben sich andere wichtige Resultate, über die geschlechtlichen Vorgänge, den Lebensrhythmus und die Fortpflanzung der Protozoen über Gefchlechtsbeftimmung und Keimzellenreifung und auch manche mehr beschreibende Arbeit, deren Ergebnisse heute zum guten Teil dem Unterrichtsstoff der jungen Zoologen angehören
Es ist kennzeichnend, daß es schon beim Schreiben dieser ganz knappen Hinweise Schwierigkeiten macht, die Arbeiten des Meisters zu nennen, ohne zugleich der Arbeiten seiner Schüler zu gedenken. Schüler zu haben, sie anzuziehen und anzuregen und doch zugleich frei vorwärts bringen zu lassen, ist vielleicht Richard Hertwigs größte Gabe gewesen. Mit Stolz konnte anläßlich der Zoologentagung in München von Frisch, der Nachfolger Hertwigs und ebenfalls fein Schüler, festftellen, daß damals mehr als 50 Hertwigfchüler im In- und Auslande in leitender Stellung als Abteilungs- oder Institutsdirektoren tätig waren, und man kann sagen, daß heute fast alle lebenden Zoologen im Laufe ihrer Entwicklung von Wirkungen getroffen worden sind, die im Münchener Jnsttiut. dem alten Klosterbau in der Neuhauserstraße, ihren Ausgang
genommen haben. Bedenkt man allein nur die stürmische Entwicklung, die die Vererbungslehre seit der Jahrhundertwende erfahren Hai — dort in den bescheidenen Laboratorien liegen fast alle ihre Wurzeln. Hier war Theodor B o v e r i der erste Schüler Richard Hertwigs und wurde sein größter, der die Erkenntnis der Erbmasse und ihrer Gesetzmäßigkeiten bis zu Punkten vorgetrieben hat, über die wir heute noch kaum hinausgekommen sind.
Gesegnetes deutsches Forscherleben! Seltenes Glück, den Weg einer Erkenntnis sehenden Auges und wachen Geistes mitgehen zu können, der von jenem ersten Anblick des Kerns im lebenden Ei des Seeigels hinführt zu der Einsicht in den Atomaufbau der Erbmasse, wie sie sich in unseren Tagen anzubahnen beginnt. Begnadete Begabung, den innersten Gehalt der Arbeit und der Erkenntnis eines unendlich reichen Forscherlebens in einem kristallklaren Lehrbuch der Zoologie niederlegen zu können, das noch Generationen von Studenten an die Liebe und die Hingabe zu dieser einzigartigen Wissenschaft heranführen wird. Lächelnde Fügung eines gütigen Schicksals, dem alternden Meister für die Beschäftigung mit seinem Lieblingsgegenstand, den Radiolarien, Zeit, Kraft und Muße zu lassen — vor mir liegt seine letzte Arbeit über den Bau dieser unerschöpflichen Gebilde, mit klarer Handschrift dem jungen Fachgenoffen übereignet — er kannte alle und dachte an alle. Gesegnetes Dasein, das dann im 88 Lebensjahr nach nur eintägigem Krankenlager sanft verlöscht.
Deutschland und die Welt stehen in Dankbarkeit und Verehrung vor diesem Leben eines deutschen Naturforschers.
Siamesische Drachenkämpse.
Die Drachenkünste, die unsere Jugend sehen läßt, sind nichts im Vergleich mit den Drachenkämpfen, die den Nationalsport von Siam bilden. Hier ist das Drachenspiel zu einer hohen Kunst ausgebildet. Die Drachenkämpfe werden in Siam nach uralten Regeln ausgeführt, und die Leitung der kämpfenden Drachen erfordert eine erstaunliche Menge von Kraft, Geschicklichkeit und Beweglichkeit. Es gibt „männliche" und „weibliche" Drachen. Der männliche Drache oder Kula hat die Form eines großen Sterns und wird an der Leine bis zu 500 Meter hoch gelassen. Der weibliche Drache ober Pakpao ist ein kleiner und hat die Aufgabe, seinen männlichen Gegner anzugreifen und herunterzubringen. Der Kampf muß sich innerhalb eines ganz bestimmten Lustraums vollziehen. Als Angriffswaffe hat der Pakpao eine große Schlinge, mit der der männliche Drache eingefangen werden muß. Natürlich ist
es sehr schwierig, den aus starkem Bambus her- gestellten und mit pergamentähnlichem Papier überzogenen Drachen in solcher Hohe mit der Schlinge zu umgeben und herunterzuziehen. Der Strick des Kula hat kleine bleierne Gewichte, die in bestimmten Abständen angebracht sind und mit messerscharfen Stücken von Bambus abwechseln. Mit diesen Stricken werden die Drachen meisterhaft gelenkt, und es kommt darauf an, den Pakpao, der sich mit seinem langen Seidenschwanz bedrohlich nähert, mit den scharfen Bambusstellen so an seinem Strick zu treffen, daß dieser zerschnitten wird und der weibliche Drache herunterfällt.
Bei den großen Drachenkämpfen, bei denen bedeutende Geldpreise ausgesetzt sind, werden die männlichen Drachen von einer Mannschaft von acht bis zehn „Künstlern" gelenkt, während zur Bedienung des weiblichen Drachens weniger Personal notwendig ist. Die solide gebauten und reichgeschmückten Kulas gelten als große Schätze und vererben sich vom Vater auf den Sohn. Eine große Menge verfolgt diese phantastischen Gefechte in der Luft; es werden Wetten abgeschlossen, wobei die Aussichten des Kula dem Pakpao gegenüber meist wie zwei zu eins bewertet werdens und die Aufregung ist groß.
„Kampfdrachen" wurden früher von den Siamesen in ihren Kriegen benutzt, um leicht entzündliche Stoffe in die feindlichen Städte zu werfen. Die Kunst der Drachenleitung soll sich aus diesen Zeiten herschreiben. Jedenfalls sind die Siamesen darin Meister, die schweren großen Drachen emporschnellen und untertauchen, sich drehen und ausweichen zu lassen, und immer wieder entgeht der männliche Drache den leichteren weiblichen, die ihn umkreisen. Nicht nur Drachen, sondern auch alle möglichen anderen Figuren werden in die Luft emporgelassen, wie Schlangen, Skelette und allerlei seltsame Ge- bilde. Ein beliebtes Schauspiel ist es auch, Figuren von Tänzerinnen hoch oben in der Lust ihre Künste ausführen zu lassen, ohne daß man die dünnen Drähte sieht, mit denen sie gelenkt werden.
Zeitschriften.
— Die „S i r e n e", die schöne Zeitschrift des Reichsluftschutzbundes, bringt in ihrem neuesten Heft einen interessanten Bilder-Artikel über die diesjährigen englischen Luftmanöver, bei denen ein großer Angriff von 400 Flugzeugen auf London versucht wurde. Große Photo-Berichte zeigen weiter die japanische Luftabwehr, den Luftschutz auf deutschen Handelsschiffen und in einem deutschen Dorf Von der französischen Marine erzählen drei Bilderseiten. Ein anderer Aufsatz befaßt sich mit der Empfindlichkeit von Tieren gegen chemische Kampfstoffe.


