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ltr.7 vierter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiaer für Oberhessen)

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Santsfog, y.Zanuar M7

GießenerStraßenbahn im Nachtquartier

erscheinenden Dingen so: sie müssen aus einer Fülle der Erfahrung, aus Tradition, aus Zuverlässigkeit aller unmittelbar beteiligten Kräfte und aus Pünkt­lichkeit selbstverständlich geworden sein. Immer steht hinter der Selbstverständlichkeit eine genau ausge­wogene ständig gleiche Leistung. Und nicht zuletzt Verantwortungsbewußtsein I

So ist es auch bei unserer Straßenbahn! Zwar kann sich jedermann denken, daß es nicht damit getan sein kann, abends den Wagen in die Halle fahren und ihn morgens wieder herauszuholen, interessant ist es aber doch, einmal gewissermaßen hinter die Kulissen" unserer Straßenbahn zu gucken, sofern man hier von Kulissen sprechen kann, wo es sich fast ausschließlich um metallisch glänzende Realitäten handelt.

Wenn es um diese Realitäten geht, dann lassen sich Ueberblicke am besten mit einigen Zahlen schaf­fen. Insgesamt stehen 28 Straßenbahnwagen in der Halle am Elektrizitätswerk; 14 Wagen davon befinden sich während der meisten Stünden des Tages und bei voll bestrittenem Fahrplan unter­wegs. Jeder Wagen legt täglich bis 150 Kilometer zurück, und zwar bei jedem Wetter, bei Schnee und Eis, bei Sonnenschein und Hitze. 28 Fahrer wech­seln sich in 8- bis 9stündiger Arbeitszeit in der Führung der Wagen ab. Bei besonderen Anlässen (Kundgebungen, Festveranstaltungen, Zirkusgastspie­len usw.) sind oft alle Wagen im Betrieb und über 50 Mann halten dabei zeitweise den Fährverkehr aufrecht. Jeder Wagen vermag bei jeder Fahrt bis zu 35 Personen zu befördern, die neuen Wagen, die wir meist nur Sonntags zu sehen bekommen (1929 wurden diese Wagen angeschafft) vermögen 50 Personen zu fassen. Ein Wagen wiegt 8 Ton­nen. Es ist selbstverständlich, daß bei der hohen Be­anspruchung der Wagen eine ständige Pflege und Ueberprüfung notwendig ist. Auch eine tägliche Reinigung der Wagen ist nötig, denn bei vielen Volksgenossen erstreckt sich der Ordnungssinn noch nicht bis zum Straßenbahnfahrschein, die allnächt­lich inrauhen Mengen" aus dem Wagen gekehrt werden müssen. Mit der Reinigung der Wagen und dem Putzen der Fensterscheiben hat ein Mann die ganze Nacht zu tun, denn am Morgen wollen die Fahrgäste, wenn auch unbewußt, doch einen saube­ren Wagen antreffen.

Jede Nacht sind im Straßenbahndepot zwei Män­ner an der Arbeit; während der eine die Reini- gungsarbeiten zu versehen hat, hat der andere, ein Schlossermeister, die verantwortungsvolle Arbeit der Ueberprüfung der Wagen auf ihre Betriebssicher­heit und eventuelle kleine Reparaturen vorzuneh­men. Jeden Abend werden die Schaltanlagen einer genauen Prüfung unterzogen. Auch das schwere Fahrgestell muß immer nachgesehen werden. Zu diesem Zweck kann sich der diensttuende Schlosser direkt unter die Wagen begeben, denn alle Wagen stehen zur Nacht über tiefen Laufgängen, die die ganze Halle durchziehen. Der Monteur kann dabei völlig aufrecht unter vier hintereinanderstehenden Wagen hindurchgehen, bis er am anderen Ende der Halle wieder auftaucht. Einer ständigen Kon­trolle werden auch die großen Bügel unterzogen, über die der Strom aus der Oberleitung den Motoren zugeführt wird. Hier wurde übrigens vor kurzer Zeit eine begrüßenswerte Neuerung durch­geführt, und zwar wurden Bügel beschafft, die er­heblich breiter sind, als die bisher benützten, die außerdem in jenem Teil, der unmittelbar mit der Oberleitung in Berührung steht, beweglich sind. Da­durch ist eine sichere Verbindung zwischen Strom­kabel und Bügel gegeben und ein Ueberspringen von Funken wird dadurch vermieden. Diese Ein­richtung wurde besonders den Radiohörern zuliebe beschafft, die das Ueberspringen von Funken bis­her als ein vernehmliches Knacken in ihren Laut­sprechern bemerkten. Wie man nach den bisherigen Beobachtungen schließen darf, hat sich die Neue­rung gut bewährt.

Mit der allnächtlichen Ueberprüfung der Wagen kann es allerdings nicht getan fein. Nach einer genau

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Bei der Wagenwäsche. Arbeit der Nachtstunden.

Es ist uns allen, die wir zu unserer Straßen­bahn in vertrauter Beziehung stehen, zur Selbstver­ständlichkeit geworden, daß jeden Morgen um 5.37 Uhr der erste Wagen dergrünen Linie" vom Straßenbahndepot aus unter allen bekannten Ge­räuschen nach Wieseck fährt. So etwa alle Volks­genossen, die an den Straßen wohnen, die diese Elektrische" passiert und den Wagen im Halbschlaf hören, denken dann:Jetzt kann ich noch IV2 Stunden schlafen" und drehen sich uff auf die andere Seite. Vielen Volksgenossen ist die erste Straßenbahn die Uhr. Das ist mit Fug und Recht ein Lob für diese gemeinnützige Einrichtung.

Aber es ist in allen uns selb st ver stündlich

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Die Schaltanlage wird überprüft.

Bei der Arbeit unter dem Wagen.

umrissenen gesetzlichen Be­stimmung müssen Stra­ßenbahnwagen alle zwei Jahre einer General­überholung unterzogen werden. Im Zeitraum von zwei Jahren legt je­der Wagen unserer Gie­ßener Straßenbahn, so­fern er täglich im Be­trieb ist, etwa 60 000 bis 70 000 Kilometer zu­rück. Wenn auch nach die- er Strecke die Betriebs­icherheit noch nicht ge- ährdet wäre, so ist sich die Leitung des Elektri­zitätswerkes doch aller Verantwortung bewußt und läßt es an nichts fehlen.

Eine große Schlosser­werkstatt steht zur Ver­fügung, eine Schreinerei und eine Lackiererei sind

ebenfalls angegliedert und nicht weniger denn 20 Facharbeiter sind dort ständig beschäftigt. Sie alle sind auch im Fahrdienst ausgebildet und stehen, wenn es notwendig ist, am Führerstand der Wagen.

Fast stets befinden sich ein oder zwei Wagen in Gesamt - Ueberholung, und sie werden zu diesem Zweck fast völlig auseinandergenommen. Motore werden gründlich gereinigt, Lager werden neu aus­gegossen und wieder ausgedreht, die Achsen werden überprüft, die Räder mit neuen Eisenmänteln ver­sehen, der Oberbau wird nachgesehen, repariert, lackiert, so daß der Wagen nach dieser Ueberholung wie neugeboren die Werkstätten verläßt. Es läßt sich auch kaum behaupten, daß die Wagen unserer Straßenbahn ihr Dienstalter von 27 Jahren ver­raten. Die Arbeit, die bei unserer Straßenbahn geleistet wird, läßt erkennen, daß alle beteiligten Stellen ein hohes Verantwortungsbewußtsein erfüllt

all jenen gegenüber, die die Straßenbahn benützen. Mit den Führern der Straßenbahnwagen verbindet wohl viele Volksgenossen ein herzliches Verhältnis. Die Männer, die jahraus, jahrein auf dem zugigen Platz am Führerstand stehen, immer dafür sorgen müssen, daß sie sich möglichst pünktlich alle sieben Minuten auf dem Marktplatz ein Stelldichein geben können, haben keinen leichten Dienst. Ihre Arbeit nach zwei Seiten Wagenführen und Fahr­scheine ausgeben verdient Anerkennung. Diese An­erkennung kommt am besten dadurch zum Ausdruck, wenn die Fahrgäste der Straßenbahn ihnen ihr verantwortungsvolles Amt erleichtern, indem sie sich mit dem nötigen Kleingeld versehen, rechtzeitig mel­den, ob sie umsteigen wollen oder nicht, sich ferner mit dem neuen Tarif vertraut machen und nicht immer gerade auf den Platz an der Türe stehen wallen. N.

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Links oben: Der bekannte Blick zurück will noch jemand mit? Rechts oben: Am Führer­stand. Links unten: Am Bahnhof gibt es immer eine kleine Pause. Rechts unten: Der Fahrgast zückt feinen Groschen. (Ausnahmen j7j: Neuner, Gießener Anzeiger.)

Das fremde Gesicht.

Vornan von Laren.

11. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)

In Ihrem Alter darf man das überhaupt noch gar nicht wissen."

Man darf vielleicht nicht, aber man weiß es. Leider! Das kommt ganz von selbst."

Sie wandte sich mit einem müden Achselzucken zum Gehen. Aber Alland vertrat ihr den Weg. Sie jetzt wieder fortlassen in dieser Stimmung? Ohne ein Wiedersehen verabredet zu haben? Um keinen Preis!

Verzeihen Sie mir, wenn wenn ich Sie vielleicht belästige, aber ..." Seine Worte über­stürzten sich.Ich möchte Sie jetzt nicht allein lassen. Ich bin Arzt kein Nervenarzt allerdings, aber ich verstehe mich doch auch ein wenig auf den seelischen Organismus."

Haben Sie Angst, daß ich es noch einmal tue?" fragte sie mit einem seltsam hinterhältigen Lächeln.

Ja, offen gestanden, ich fürchte es. Sie sind hier so allein, da kommt man leicht auf dumme Ge­danken. Darf ich Sie um etwas bitten?"

Ja um was?"

Daß Sie sich von heute ab als meine Patientin betrachten und sich ein wenig von mir in die Kur nehmen lassen. Versprechen Sie mir das?"

Sie sah ihm mit altklugem, fast überlegen spötti­schem Blick in die Augen.

Aber Sie wissen ja gar nicht, wo es mir fehlt, und ob Sie mich überhaupt kurieren können."

Das weiß kein Arzt im voraus. Man versucht es eben. Die wenigsten Leiden sind unheilbar." Langsam ging er neben ihr her bis zu ihrer Tür. Darf ich Sie nach Tisch zu einem kleinen Spazier­gang abholen? Oder wo essen Sie zu Mittag?"

Er wußte, daß dieSouvenir" nur eine Wohn- pension war, die keine Verpflegung gab, er wußte es von Leuten, die da gewohnt und ihre Mahlzeiten in seinem Hotel eingenommen hatten. Das Mäd­chen wurde sichtlich verlegen.

Ich esse mittags nur Obst", erklärte sie aus­weichend,ich habe bei der Hitze keinen Appetit."

Und am Abend?"

Oh, ganz verschieden. Wo ich gerade bin."

Dann könnten mir ja "zu Fuß nach Mentone gehen, wenn es Ihnen nicht zu viel ist, und dort miteinander zu Abend essen ja? Es gibt so hübsche kleine Gasthäuser in Mentone,"

Er merkte an ihrem ängstlich flimmernden Blick, daß sein Vorschlag ihr nicht gefiel.

Nein, nicht nach Mentone", sagte sie hastig,dort sind so viele Menschen. Ich mag keine Menschen sehen!"

Eine eigensinnige Bestimmtheit war in ihrem Ton. Frank Alland wunderte sich im stillen über die seltsame Menschenscheu dieses jungen Geschöp­fes, aber er gab sofort nach. Man einigte sich auf einen Spaziergang ins Gorbiotal. Um drei sollte er sie abholen. Alland fühlte vor Freude sein Herz bis in die Kehle schlagen.

Der Händedruck, mit dem er zum Abschied ihre Finger umschloß, fiel beinah ein wenig zu heftig aus. Auf einmal wurde er sich bewußt, daß er noch immer die Rosen in der Hand trug, und daß er sich ja überhaupt nicht einmal vorgestellt hatte. Die kna­benhafte Unbeholfenheit, mit der er das Versäumte nachholte, entlockte ihr ein Lächeln ganz kleines, aber sehr helles Lächeln, das ihr melancholisches Kindergesicht förmlich verklärte.

Wozu diese Feierlichkeit?" sagte sie lieb und ein bißchen befangen.Ich heiße Evelyn das ist einfacher. Wozu Ihnen erst meinen Familiennamen buchstabieren! Sie behalten ihn ja doch nicht." Sehr behutsam nahm sie ihm die Rosen aus der Hand und vergrub einen Augenblick ihr Gesicht darin. Dann verschwand sie in der Haustür.

Die Tage vergingen strahlend blaue Septem­bertage, die bei aller südlichen Glut schon etwas mild herbstliches hatten. Man lag am Strande, man ruderte, schwamm, machte kleine Ausflüge in die Umgebung. Kaum eine Stunde des Tages, die man nicht gemeinsam verbrachte. Unmerklich fast kam man einander näher. Unmerklich begannen sich zwi­schen den beiden jungen Menschen die ersten zarten Fäden einer noch im Unbewußten schlummernden Beziehung zu spinnen, eines scheuen und sehr kost­bares Gefühls, das sie ängstlich vor einander zu verbergen bemüht waren aus Unsicherheit viel­leicht ober auch in instinktiver Angst vor einer tieferen Bindung, die mit diesem kurzen Svmmer- glück doch wieder und um so schmerzlicher zerrei­ßen mußte ...

Besonders Evelyn war es, die dem Freund gegenüber eine seltsame Zurückhaltung bewahrte, ein oft fast die Grenze des Verletzenden streifende Verhülltheit, die ihm weh tat. Es gab Stunden, in denen Evelyne ganz auftaute, in denen unter dem Schleier von Schwermut, der auf ihr lag, ihre kindlich-heitere Natur zum Durch­bruch kam' Dann konnte sie ganz munter drauflos plaudern, vergnügt und unbefangen wie jedes an­dere Mädchen ihres Alters, und dazwischen ertönte

frei und ohne jede Gezwungenheit ihr Lachen. Dann aber mitten in der heitersten Unterhaltung zog sie sich ganz plötzlich wieder in sich selbst zurück. Sie verkroch sich förmlich vor ihm wie ein scheues Tier, das sich zu weit in den Bereich der Menschen­hand vorgewagt hat und plötzlich mißtrauisch zurückschreckt.

Alland wurde nicht klug aus ihr, weder aus ihrer Vergangenheit noch aus ihren Geldverhältnissen aus nichts. Oft kam es ihm vor, als ob ihr Aufent­halt in dem kleinen Rivieraort nur ein ganz zufäl­liger fei, eine Art Notlandung wenn nicht so­gar ein Schiffbruch. Jedenfalls keine Serienreife, die man in Ruhe vorbereitet hat, und auf die Frauen für gewöhnlich dreimal so viel mitnehmen als sie brauchen. Bei Evelyn war das Gegenteil der Fall, sie schien so gut wie gar fein Gepäck zu haben. Tagaus, tagein trug sie das gleiche Kleid, dieses sehr elegante, aber für den Süden viel zu warme Nachmittagskostüm aus schwerem Seiden­krepp, in dem er ihr an jenem ersten Morgen begegnet war. Dazu Schuhe aus Eidechsenhaut, die für den Boulevard gemacht waren, aber nicht für die stei­nigen Fußpfade dieser romantischen Felsenküste. Alland mußte sie erst dazu überreden, sich ein'Paar einfache Leinenschuhe zu kaufen mit niedrigen Ab­sätzen, wie sie hier jedermann trug. Dabei hatte er den Eindruck, daß sie nicht aus Eitelkeit in dieser unbequemen Kleidung herumlief sie war viel zu ungeziert und natürlich in ihrem ganzen Wesen, als daß man ihr diese törichte Koketterie hätte zu­trauen können. Nein, es hatte viel eher den An­schein, als scheue sie die unbedeutende Geldausgabe. Auch sonst sprach vieles dafür, daß ihre Barmittel ziemlich gering fein mußten. Er hatte sie sogar im Verdacht, daß sie sich nur deshalb das Mittagessen versagte. Im Anfang hatte er geglaubt, sie betreibe, wie so viele Frauen, die Obstesserei zur Erhaltung ihrer schlanken Linie.

Allmählich kam er dahinter, daß sie es aus Spar­samkeit tat. Wenn er, wie fast jeden Abend, mit ihr in einem Restaurant, studierte sie eine Viertel­stunde lang die Speisekarte, um dann endlich das billigste und einfachste Gericht zu wählen, das sie mit kindlichem Heißhunger verschlang. Aber niemals erlaubte sie ihm, für sie zu zahlen ober sie auch nur zu einer Tasse Kaffee einzuladen, und als er ein­mal doch hinter ihrem Rücken die gemeifame Zeche beglich, wurde sie fast böse und sagte:Wenn Sie das noch einmal tun, Frank, geh ich nie wieder mit Ihnen aus" Sie sagte das so entschieden, daß Alland ihr nicht zu widersprechen wagte. Ader er begann im stillen unter diesem Zustand zu leiden. Die Vorstellung, daß sie sich vielleicht in irgend­einer peinlichen Verlegenheit befand, aus der er ihr

ganz leicht hätte heraushelfen können, wenn er nur gedurft hätte diese Vorstellung hatte etwas unsagbar Quälendes für ihn. Aber was ging es ihn an, wenn sie lieber ihren Schmuck versetzte, als daß sie ihn, den Freund, in ihre Sorgen einweihte? Denn sie hatte natürlich den schönen Smaragdring versetzt, den sie in den ersten Tagen noch immer getragen hatte, und den er dann plötzlich an ihrer Hand vermißte. Sie behauptete zwar, sie habe ihn beim Baden verloren, aber er glaubte ihr das nicht. Sein Instinkt sagte ihm, daß sie ihn belog.

Mochte sie ihn belügen! Er hatte kein Recht, Aufrichtigkeit von ihr zu verlangen. Er hatte über­haupt kein Recht an sie. Er wußte ja nicht einmal, ob er ihr mit ihrer Rettung einen Gefallen erwie­sen hatte. Wie hätte er das auch beurteilen können ...?

Es war so wenig, was sie ihm bisher von ihrem Leben verraten hatte. Sie vermied es offenbar ängstlich, von sich selbst zu sprechen; und wenn das Gespräch sich allzusehr dem Persönlichen näherte, wußte sie ihm geschickt eine andere Wendung zu geben. Alles, was er von ihr wußte, war, daß sie einer deutsch-russischen Emigrantenfamilie ent­stammte und bei einer Tante in Paris ausgewach­sen war, in nicht sehr glänzenden Verhältnissen, wie es schien; denn sie erzählte einmal ganz harmlos, daß sie eine halbe Nacht hindurch vor der Opern- kasse gestanden habe, um einen Galerieplatz für ein Schaljapin-Gastspiel zu erobern.

Sie liebte die Musik, sie schien ganz darin'aufzu­gehen, obgleich sie selbst kein Instrument spielte. Aber ihr Gang, ihre Bewegung, ihr ganzer Kör­per hatte etwas Musikalisches. Alland war nicht im geringsten überrascht, als sie eines Tages zögernd damit hervortrat, daß sie Tänzerin fei, ja ober eigentlich erst Tanzschülerin, denn zu einem selbständigen Auftreten sei sie noch gar nicht aefommen. Erft arbeiten nichts als arbeiten. Sechs, sieben Stunden am Tag.

Evelyn war plötzlich wie verwandelt. Ganz dun­kel vor Ergriffenheit klang ihre junge Stimme, und ihr Gesicht war wie von innen heraus durch­glüht. Alland konnte den Blick nicht von ihr lassen. Er fühlte, daß ihre Begeisterung echt war. Mit so leidenschaftlichem Ernst konnte nur ein Mensch sprechen, dem seine Kunst alles war. Wenn er, von ihrer Verschlossenheit gepeinigt, je von dem Zwei­fel befallen worden war ob er es nicht doch am Ende mit einer kleinen Abenteuerin zu tun hatte diese feierliche Minute, die ihm den innersten Kern ihres Wesens enthüllte, überzeugte ihn tiefer und endgültiger als jede Gewißheit von ihrem menschlichen Wert.

(Fortsetzung folgt!)