Nr. 7 Dritter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Samstag, 9.Zanuar(937
Aus der Provinzialhauptstadt.
3n größeren Zusammenhängen.
Von Kans Hartmann.
Das Erlebnis der Jahreswende verklingt. Seine Einzelheiten verschwinden im Dämmer der Vergangenheit. Eines aber bleibt: das Gefühl, daß wir in größeren Zusammenhängen stehen und daß es gut ist, wenn wir zuweilen zwangsläufig auf sie gestoßen werden. Es ist wie bei einer Kette: da, wo die einzelnen Glieder „Zusammenstößen", entsteht ein Uebergang, ähnlich dem Uebergang vom einen Jahr zum anderen; da entsteht das Bewußtsein, daß kein Glied allein ist, sondern verknüpft mit vielen Gliedern. Das ist ja auch unser Neujahrserlebnis gewesen: wir hängen zusammen mit dem, was uns das letzte Jahr brachte, und dieses hängt wieder mit dem zusammen, was vorherging, und so fort bis in die Glieder der Kette, die in der Unendlichkeit oder Undeutlichkeit verschwimmen. Umgekehrt: was jetzt begann, das neue Jahr, hängt „nach vorne" zu fammen mit dem, was noch kommen wird und was uns jetzt unbekannt ist.
Wir können diesen Gedanken vertiefen und uns dabei in das ewige Geschehen, das Auf und Ab, die Wellenbewegung des Lebens versenken, die Goethe mit der Systole und Diastole, dem Zusammenziehen und Wiederausweiten des Herzens verglich. Jetzt, am 10. Januar, vor hundertfünfzig Jahren, hat Goethe seine „Iphigenie" vollendet, eines seiner schönsten, aber verborgensten Werke; denn der Zugang erschließt sich nicht leicht. Es bedarf eines nach innen gerichteten Sinnes. Wer das vermag, wird viel von den großen Zusammenhängen des Lebens, von der Schicksalskette, in die wir eingekochten ffcib, darin erleben. Goethe stößt ganz von selbst aSs die Frage, wie wir eigentlich selbständig leben, selbständig Taten tun, selbständig das Werk der Väter fortsetzen können. Er läßt den Freund des Orestes, Pylades, ausdrücken, was aus der Handlung des Stückes herauswächst, aber uns zugleich als ewige Wahrheit ansprechen und weiterbringen soll:
„Unendlich ist das Werk, das zu vollführen Die Serie dringt. Wir möchten jede Tat So groß gleich tun, als wie sie wächst und wird, Wenn Jahre lang durch Länder und Geschlechter Der Mund der Dichter sie vermehrend wälzt.
Es klingt so schön, was unsre Väter taten. Wenn es im stillen Abendschatten ruhend Der Jüngling mit dem Ton der Harfe schlürft; Und was wir tun, ist, wie es ihnen war, Doll Mih' und eitel Stückwerk!
So taufen mir nach dem, was vor uns flieht, Und achten nicht des Weges, den wir treten. Und sehen neben uns der Ahnherrn Tritte Und ihres Erdenlebens Spuren kaum. Wir eilen immer ihrem Schatten nach, Der göttergleich in einer weiten Ferne
Der Berge Haupt auf goldnen Wolken krönt."
Seherisch ist hier der größere Zusammenhang ausgesprochen, in dem wir stehen: von Urzeiten her, durch die Erbströme hindurch, grüßen uns die Ahnen und ihre Taten, mit denen wir verbunden sind. Kein Wunder, daß wir, die wir einem aufstrebenden Volke angehören, das wirken und bauen will, gerne an das Werk gehen. Und wenn wir nicht mit einem Wurf alles schaffen, sollen wir nicht ungeduldig werden, sondern an die „Väter" denken, die es auch schwer hatten, aber doch zum Ziel kamen.
Dornotizen.
Tageskalender für Samstag.
Stadttheater: 20 Uhr „Charleys Tante" (NSG. ,Kraft durch Freude"). — Gloria-Palast, Seltersweg: „Das Hofkonzert"; 14.15 Uhr, Sondervorstellung: „Italien marschiert"; 23 Uhr, Nachtvorstellung: „Eine Frau vergißt nicht". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Port Arthur".
Gießener Konzertverein.
II. Orchester-Konzert.
Unter der großen Reihe von Veranstaltungen, die der Konzertverein im Laufe der Jahre seinen Hörern geboten hat und die inLgesamt einen wichtigen Faktor für das Kulturleben unserer Stadt bedeuten, lassen sich dennoch nicht viele namhaft machen, die dem heutigen Höhepunkt völlig gleich kämen. Nicht allein, daß Georg Kulenkampff (Berlin) als Solist wirkte, sondern auch die Gaben des Orchesters waren in der Art ihrer Darbietungen einzigartig.
Die glückliche Vereinigung von reifstem Musiker- tum und höchstem instrumentalen Können, die Georg Kulenkampff verkörpert, mußte ebenso wie im Vorjahre hellste Begeisterung und letzte Bewunderung erwecken. Ja, dieses Mal konnte sich seine Persönlichkeit noch intensiver und einheitlicher auswirken in dem Konzert von G l a s u n o f f. Es schien, als sei es der Charakter des Konzertes mit seinem Gegenüberstellen und dem gegenseitigen Sich-Anfeuern von Solo und Orchester erst das Element, das seine reichen Kräfte bis zum Letzten anzuregen und zu voller Geltung zu bringen vermag. Dieses gegenseitige Wetteifern der beiden Klangorgane prägt sich bei Glasunoff in einer äußersten Differenzierung der Klangfarben ebenso ab wie in den oftmals eruptiv herausbrechenden Temperamentsentladungen. Denn hier schwingt sich slawisches Volkstum mit seinen starken Kontrasten des Gefühlsablaufes aus. Die Leidenschaftlichkeit und der drängende Ausdruck des ersten Einsatzes der Sologeige mußte jeden von vornherein gefangen nehmen. Und je weiter der Solist in das Werk hineinführte, um so mehr mußte man die Tiefe seines Eindringens, die Größe seiner Fähigkeit im Nachschaffen bewundern. Und nicht nur das Werk als Ganzes erhielt hier seine letzte Kündung. Jede Einzelheit war hier bewußt nach jeder Möglichkeit hin durchdacht und in den Rahmen des Ganzen gestellt. Ob nun die mit schärfster Elastizität gespannten Passagen ober die weit ausladende Kantilene, stets leuchtete sein schöner warmer, runder Ton in nachgiebiger Modulation über dem Orchester. Fast mochte man die Kadenz am Schluß des Andante als den Gipfel geigerischer Offenbarung ansehen, wo Kulenkampff, ganz auf sich gestellt, Musikalisches und Technisches miteinander band, wo man Über die Leichtigkeit seines Bogens wie über tue Doppelgrifftrillerketten immer wieder staunen konnte, so schien das Finale mit seinen einleitenden Fanfarenklängen dennoch alles Vorausgegangene überbieten zu wollen. Wie hier das Thematische im Wechsellicht mit dem Orchester und den fast uner-
Gießener Künstler- und Pressefest 1937.
Bühnenkünstler, Maler, Bildhauer und preffe feiern gemeinsam.
Schon einige Jahre liegen die bekannten und beliebten Bühnenbälle des Gießener Stadttheaters zurück. Dann kam eine Zeit, in der man recht zurückhaltend mit solchen Veranstaltungen war, und der Karneval blieb in Gießen mehr oder weniger Sache von Vereinen und kleinen Zirkeln, die sich nach außen abschlossen, Und dann hieß es: In Gießen ist nichts los!
Die aufbaufreudige Soldaten- und Universitätsstadt will aber auch Frohsinn und echte Karnevalstimmung pflegen und aufkommen lassen und alles fördern, was dazu dient, im Rahmen der Fastnachtszeit den Alltagsmenschen umzukrempeln. Die Bühnenkünstler wollten, die oberhessischen Maler und Bildhauer wollten, und die Presse wollte auch. Sie schlossen sich zusammen, um gemeinsam ein F e st z u veranstal- t e n, das dem Schönen und Guten dient, allen die Last der Tagesarbeit erleichtert durch Frohsinn und heitere Laune.
So entsteht das Gießener Künstler, und Pressefest, das am 2. Februar in sämtlichen Räumen des Gesellschaftsvereins (Klub) in der Sonncn- strahe in Gießen ftattfinden wird.
Der Zweck dieser Veranstaltung erschöpft sich aber nicht allein in dem Zugeständnis an die Karnevalszeit. Hier sollen und wollen auch die Künstler das persönliche Verhältnis zur Bevölkerung gewinnen. Die Bühnenkünstler, die allabendlich im Rampenlicht vor vielen hundert Menschen stehen und Rollen und Charaktere spielen, wollen einmal ohne Schminke und Perücke unter ihrem Publikum weilen, so wie sie sind. Die Maler und Bildhauer wollen einmal mitten drin stehen im Kreise bekannter und unbekannter Menschen und
neue Freunde gewinnen. Die Presse schließlich will um alle ein Band schlingen und die Verbindung Herstellen zwischen ihrer großen Lesergemeinde und dem Fest.
Das Gießener Künstler- und Pressefest 1937 soll das Fest des Karnevals in Gießen fein, ein Beispiel für Gemeinschaftssinn und Gemeinschaftsarbeit.
Jeder Teil der tragenden Kräfte wirkt hier mit, entsprechend seiner Eigenart und seinem Können. Die gesamte Künstlerschaft des Stadttheaters, das Ballett, das Orchester, Bühnenbildner, Beleuchter, überhaupt alle, die vor und hinter den Kulissen zu tun haben, stellen sich in den Dienst der Sache. Zwei Kapellen spielen ohne Pause alte und neue Tanz- weisen. Sämtliche Räume des Gesellschaftsoereins find der Eigenart des Festes entsprechend ausgeschmückt.
Kunst und Frohsinn regieren die stunde!
Die Künstler des Stadttheaters, die bildenden Künstler und die Presse laden alle zu ihrem Fest ein, die sich mit ihnen verbunden fühlen. Der Herr Oberbürgermeister der Stadt Gießen, P g. Ritter, hat den Ehrenvorsitz des F e st a u s s ch u s s e s übernommen. Der 2. Februar 1937 soll für Gießen ein besonderer Tag werden, der Ausdruck gemeinsamen Festfeierns und Freuens an allem, was die heitere Laune der Kunst uns bietet.
Einzelheiten über Eintrittspreise, Vorverkauf usw. werden noch bekanntgegeben. Man erscheint entweder kostümiert ober in Abendkleidung. Vorschläge für Kostüme werden in einschlägigen Textilwarengeschäften gezeigt, weitere Mitteilung darüber in der Presse.
Tageskalender für Sonntag.
Stadttheater: 15 bis 17.15 Uhr „Prinzessin Allerliebst"; 19 bis 21.30 Uhr „Charleys Tante". — Gloria-Palast, Seltersweg: 11 Uhr, Sondervorstellung: „Italien marschiert"; „Das Hofkonzert".— Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Port Arthur". — Oberhessischer Kunstverein, Turmhaus am Brand: 11 bis 13 Uhr Ausstellung der Oelgemälde, Aquarelle und Zeichnungen von Prof. Otto Dill (Neustadt a. d. Weinstraße). — Gesellschaft Liebig- Museum: 11.30 Uhr außerordentliche Mitgliederversammlung im Hörsaal des Liebig-Museums, Vortrag von Prof. Dr. B e h a g h e l „Neues aus alten Akten, Briefen und Schriften des Liebig-Museums". — Ev. Stadtmission, Löberstraße 14: 15 und 20.15 Uhr Bibelkursus (Redner Missionsinspektor G utz k e, St. Chrischona).
Stadtheater Gießen.
Heute abend findet die 7. Vorstellung für den Theaterring der NS.-Kulturgemeinde statt. Es findet eine Wiederholung des großen Erfolges der Silvester-Aufführung, mit den tänzerischen und kabarettistischen Einlagen, von „Charleys Tante", Schwank von Br. Thomas, statt. Die Spielleitung führt der Intendant, der auch die neue Bearbeitung und die Gesangstexte geschaffen hat. Die Musik schrieb Richard Rährl. Kapellmeister Paul Walter hat die musikalische Gesamtleitung. Die Rolle der „Tante" spielt Heinrich Hub. Tänze: Irmgard Zenner. Anfang der Vorstellung 20 Uhr, Ende 22.30 Uhr. Freier Kartenverkauf zu Tagespreisen.
Am Sonntagnachmittag findet, auf vielfachen Wunsch, die unwiderruflich letzte Wiederholung des Weihnachtsmärchens „Prinzessin Allerliebst" ober „Der wunbersame Regenschirm" von Friebrich Forster statt. Die Spielleitung bes Märchens hat Karl V o l ck. Kapellmeister Ernst Bräuer führt die musikalische Leitung. Die Rolle ber „Prinzessin Al-
schöpslichen Möglichkeiten geigentechnischer Auswertung stänbig neue Klangbilder erleben ließ, das zwang allerhöchste Achtung vor dem Künstler ab, angesichts der fast verblüffenden Selboerständlichkeit, Sicherheit und Leichtigkeit der Ausführung und der musikalischen Tiefgründigkeit. Dieser beispiellose Erfolg war dadurch möglich, daß das Orchester die Schwierigkeiten der Begleitung voll Schlagfertigkeit und angeglichenem Mitgehen meisterte.
Die Schumann - Symphonie war von aufblühender Frische erfüllt, von besonderer Wirkung war die Coda des Kopfsatzes mit ihrem lyrischen Verweilen. Im Larghetto lenkten die vollen Streicherklänge ebenso die Aufmerksamkeit auf sich, wie der thematische Anteil der Celli; besonders aber sei der weiche Klang der Posaunen beim Uebergang zum Scherzo erwähnt. Dem Scherzo gab Musizierfreude das Gepräge. Anmutig, sprühend, mit frohlockendem Jubel der Holzbläser, mit betonten Akzenten in der Durchführung und der großen Steigerung der Coda erwuchs das Finale.
Sicherlich die schwerste Aufgabe für das Orchester bedeutete die symphonische Dichtung „Tod und Verklärung" von Richard Strauß. Der große Klangapparat verschmolz zu idealem Ausgleich bei satter Fülle des Klanggewoges. Ueberaus stark und eindrucksvoll waren die Akzente seelischer Kämpfe; voll Weihe die klangliche Verklärung des Schlusses. Die unheimliche brütende Sphäre des Einganges hatte Prof. Dr. Temes - vary ebenso eingefangen wie die Augenblicke des Triumphes. Er hatte hier ein erschütterndes Seelengemälde aufgerollt und über das Programmatische hinaus zu einem absoluten Musikerleben werden lassen. Dafür dankte das gut besuchte Haus mit aufrichtiger Herzlichkeit. Dr. H. Hering.
Viertel vor acht.
Von (Sorl Dietrich Carls.
„Selbstverständlich repariere ich die Lichtleitung selbst", sagt Werkelmann mit einer Bestimmtheit, die jede weitere Einwendung überflüssig macht. „Ein richtiger Mann kann alles!"
Stolz sieht er sich um im Kreise seiner Lieben. Grenzenloses Vertrauen strahlt ihm entgegen aus den Augen der vierjährigen Helga und der neunjährigen Annedora. Frau Werkelmann allerdings weicht seinem Blick aus. Zweifelt sie? Nem, um Himmelswillen nicht!
Schon hat Werkelmanns sachverständiger Blick die Fehlerquelle entdeckt. Sogleich weiß er auch, wie die Kleinigkeit in Ordnung zu bringen ist.
„Die Leiter, Liebling!", schallt seine Stimme männlich sicher durch den Raum. Wie merkwürdig
lerliebst" spielt Charlotte Krause. Außerdem ist das gesamte Schauspiel-Personal beschäftigt. Die Einstudierung der Tänze und choreographische Leitung liegt in den Händen der Balettmeisterin Irmgard Z e n n er. Die Vorstellung beginnt um 15 Uhr und endet 17.15 Uhr. Außer Miete. — Am Abend findet eine Wiederholung des großen Erfolges der Silvester-Aufführung mit den tänzerischen und kabarettistischen Einlagen, von „Charleys Tante", Schwank von Br. Thomas, statt. Die Vorstellung findet außer Miete statt und beginnt um 19 Uhr, Ende 21.30 Uhr.
Dienstag, 12. Januar, Anfang 20 Uhr, Ende 22.15 Uhr „Gyges und sein Ring", Trauerspiel von Friedrich Hebbel. Spielleitung: Wolfgang Kühne. Dienstag-Miete. 16. Vorstellung.
Freitag, 15. Januar, Anfang 20 Uhr, Ende 23 Uhr Erstaufführung „Carmen" Oper von G. Bizet. Musikalische Leitung: Paul Walter. Spielleitung: Der Intendant. Freitag-Miete. 16. Vorstellung.
Samstag, 16. Januar, Anfang 20 Uhr, Ende 22.30 Uhr Theaterring der NS.-Kulturgemeinde. „Charleys Tante" Schwank von Br. Thomas. Musikalische Leitung: Paul Walter. Spielleitung: Der Intendant. Freier Kartenverkauf zu Tagespreisen.
Sonntag, 17. Januar, Anfang 11.30 Uhr, Ende 12.30 Uhr 9. Morgenveranstaltung. Einmalige Wiederholung der Uraufführung „Die weiße Fürstin" von Rainer Maria Rilke. Für Platzmieter ist der Eintritt frei. — Anfang 19 Uhr, Ende 22 Uhr „Prinzessin Nofretete" Operette von Nico Dostal. Musikalische Leitung Hans H. Hampel. Spielleitung: Paul W r e d e. Außer Miete.
„2Uif 1000 PS in den Fasching".
Die Ortsgruppe Gießen des DDAC. lädt im heutigen Anzeigenteil zu einem Koftümball am Samstag, 23. Januar, im Klub ein. Näheres in der Anzeige.
laut Vati spricht, denkt Annedora. Sonst hat er doch eine so weiche Stimme, mit der er wundervoll Märchen erzählen kann. Aber das muß wohl so sein, wenn ein Vati arbeitet ...
„Den Hammer, Annedora!", lautet Werkelmanns neue Weisung. Während der Blondkopf davonsaust, schleppt Frau Werkelmann die große Leiter herbei. Behende, wie ein Leichtmatrose, klettert Werkelmann hinauf.
„Gib den Hammer herauf, Annedora!" Immer klarer und sicherer kommen die Anordnungen von seinen Lippen. Nur fällt dem Mädel die Ausführung etwas schwer. Den Hammer tragen, die Leiter ersteigen und sich dabei auch noch festhalten — das alles zusammen ist nicht ganz einfach. Nun, Frau Werkelmann springt ein und reicht den Hammer hinauf.
„Was will Vati mit dem Hammer?" fragt ahnungslos die kleine Helga, die neugierig am Fuß der Leiter steht. Ein strafender Blick aus der Höhe läßt sie verstummen. Frau Werkelmann befördert sie fürsorglich in die geschützte Spielecke.
Aber was ist geschehen? Nachdenklich schaut Werkelmann zuerst auf die Lampe, dann auf den Hammer, wägt ihn in der Hand und schweigt eine Weile. Dann glättet sich seine sorgenvolle Stirn wieder und von neuem ertönt die kommandogeschulte Stimme.
„Den Schraubenzieher, bitte!" Frau Werkelmann holt eilig das verlangte Werkzeug. Daß Werkelmann kurz darauf der Hammer aus der Hand fällt und beinahe feiner Frau auf den Fuß, ist gewiß nicht feine Schuld. Das kann dem besten Handwerker passieren.
„Messer, Gabel, Schere, Licht", läßt sich Helga vernehmen im Gespräch mit Putzi, ihrer Puppe.
„Ruhe!", brüllt da Werkelmann gereizt. Aber gleich darauf sagt er auch: „Ach, Liebling, dreh doch mal eben den Hauptschalter aus!" Ja, kleine Töchter können unter Umständen selbst einen erfahrenen Mann auf ausgezeichnete Gedanken bringen.
Werkelmanns Aelteste hat heute morgen viel nachzudenken. Warum mag Vati das Schwesterchen fo böse angeschaut und sogar angeschrien haben? Er ist doch sonst so nachgiebig gegen sie. Vielleicht kann er das Sprechen nicht vertragen, wenn er arbeitet? Sicher ist es so. Denn jetzt, da alle verschüchtert schweigen, schreitet seine Arbeit munter fort. Andächtig schaut Annedora zu ihm auf. Warnend legt Helga ihrem Putzi den Finger auf den Mund. Geduldig hält Frau Werkelmann die Leiter.
„Das wäre geschafft", verkündet Werkelmann und steigt strahlend hernieder. „Bitte Liebling, den Hauptschalter andrehen!" Höchstselbst bemüht er sich
Ortsgruppe Gießen-Süd.
Mnlerhilsswerk des deutschen Volkes 1936/37.
Am Montag, 11., Dienstag, 12., Mittwoch, 13. Januar, findet in der Ortsgruppe Gießen-Süd durch die NS.-Frauenfchaft die WHW.-Pfundsamm- lung statt. Es wird gebeten, die Lebensmittelspenden (Pfundpakete) zur Abholung bereitzuhalten.
Hitler-Zugend Bann 116 Gießen.
Betr.: Wochenendschulungen.
1. Wochenendschulung des Unterbau- n e s 11/116. Alle Führer (vom Kameradschaftsführer aufwärts) der Gefolgschaften 6, 7, 8, 9, 10 und 17 haben an der Schulung in Londorf teilzunehmen. Die Teilnehmer an der Schulung, die am 9.1.1937 20.15 Uhr beginnt, müssen 20 Uhr in Londorf eingetroffen sein. Sportzeug ist mitzubringen.
2. Wochenendschulung der Gefolgschaften 5, 13, 14 und 15. Alle Führer (vom Kameradschaftsführer aufwärts) der obengenannten Gefolgschaften haben an der Schulung in Wat- zenborn-Steinberg teilzunehmen. Die Teilnehmer an der Schulung, die am 9.1.1937, 20.15 Uhr beginnt, müssen 20 Uhr am HJ.-Heim angetreten sein. Sportzeug ist mitzubringen.
Beide Schulungen sind am 10. 1. gegen 16 Uhr beendet.
Vetr.: Schießlehrgang.
Sonntag, 10.1., 9.15 Uhr, findet in Gießen der Schießlehrgang statt.
Vetr.: HI.-Leislungsabzeichen.
Samstag, 9.1., 20.15 Uhr, an det Banndienst- stelle findet die Abnahme des Gepäckmarsches für das Leistungsabzeichen statt. Die Jgg., die sich daran beteiligen wollen, müssen Tornister mitbringen.
Velr.: Jugendsilmsiunde in Hungen.
Die für Sonntag, 10.1., in Hungen vorgesehene Jugendfilmstunde fällt aus.
Waldemar Denninghoff f.
Nach langer Krankheit ist am Mittwoch der Mitinhaber des Gießener Brauhauses A. & W. Den- ninghosf, Brauereibesitzer Waldemar Den- ninghoff, im Alter von 57 Jahren verstorben. Mit ihm ist eine Persönlichkeit dahingegangen, die im Gießener Wirtschaftsleben als Mitinhaber und Leiter eines unserer bedeutendsten Unternehmen an hervorragender Stelle tätig war.
Waldemar Denninghoff hatte sich ursprünglich dem Apothekerberuf gewidmet und war nach dem Abschluß seiner Studien einige Jahre als Apotheker tätig. Im Jahre 1907 gab er diesen Beruf auf und trat als Mitinhaber in die Leitung der Firma Denninghoff ein. Während des Krieges diente er von Anfang bis Kriegsende als Apotheker in einer Reihe von Lazaretten. Nach dem Kriege nahm er feine Mitarbeit in der Leitung der Brauerei Denninghoff wieder auf, an deren Ausbau er eifrig und ununterbrochen mitwirkte. Seinem zielbewußten Streben nach größter Leistungsfähigkeit des Unternehmens, seiner Tatfreudigkeit und seinem weiten Blick, in Gemeinschaft mit dem Wirken des anderen Mitinhabers der Firma, seines Bruders, war es vergönnt, den Betrieb der Brauerei in großzügiger und moderner Weise auszugestalten und ihm die hohe wirtschaftliche Bedeutung zu geben, die er im Wirtschaftsleben unserer Stadt Gießen und weit darüber hinaus einnimmt. Die Tätigkeit des Entschlafenen brachte aber nicht nur dem Unternehmen als solchem, sondern auch den darin beschäftigten Mitarbeitern den Nutzen einer gedeihlichen und ge-
zum Schalter der Lampe. Der große Augenblick kommt. Werkelmann knipst das Licht an.
Ein Auffackern — ein merkwürdiger Knacks — und dann nichts mehr! Die Lampe scheint nicht zu brennen
„Hast du vielleicht doch irgend einen kleinen Fehler gemacht?" fragte nach einer Weile vorsichtig Frau Werkelmann.
„Unsinn!" gewinnt Werkelmann die Sprache zurück, „das werden wir gleich haben!" Und schon schickt er sich an, erneut die Leiter zu erklimmen.
„Es ist viertel vor acht. Du mußt gehen — sonst kommst du zu spät ins Büro ..," Liebevoll sagt es Frau Werkelmann und steht auch schon sorgend mit Hut und Mantel bereit. Ein hilflos dankbarer Blick streikt sie. Hastig schlüpft Werkelmann in den Mantel. Helga will ihren gewohnten Abschiedskuß im Empfang nehmen, er übersieht es in der Eile. Aber gefallen lassen muß er sich, daß Frau Werkelmann ihn mit einem herzhaften Kuß verabschiedet.
Als er fort ist, geht sie ans Telephon. „Hallo! ... Hier bei Werkelmann ... Ach, bitte, kommen Sie doch gleich mal vorbei ... Wir haben Kurzschluß ..."
Während sie den Hörer auflegt, erklingen aus dem Nebenzimmer die plappernden Worte der kleinen Helga: „Siehst du Putzi, Vatt kann alles". Und ein schallender Schmatz auf die Puppenbacken bekräftig! es.
Vorsichtig sucht Frau Werkelmann den Blick ihrer Aeltesten, die immer noch unbeweglich unter der Lampe steht. Ihr leises kaum merkliches Lächeln läßt die Mutter ahnen, daß das Mädel plötzlich begreift, wie ernst so ein großer Mann auch beim Spielen manchmal genommen werden will. Wortlos wird in diesem Augenblick ein Bund der unendlichen Liebe für den guten Vatt geschlossen.
Ja, Vati kann alles. Und eine ganz kleine Mutti ist noch schrecklich dumm. Wenn sie etwas arößer ist. wird sie langsam verständig. Und ist sie erst viel älter geworden, dann wird sie immer klüger und zuletzt weise.
Das Festmahl mit den dicksten Kellnern.
Ein Festessen, bei dem die zehn dicksten Männer, die nur aufzutreiben waren, bedienten, wurde von einer serbischen Gesellschaft in Kosovska Mitrovica als Schauspiel veranstaltet, um Geld für arme Kinder zu schaffen. Die Kellner wogen zusammen eins Tonne. Scharen von Menschen wohnten dem Mahl bei, und da für zerbrochenes Geschirr auch Geldstrafen auferlegt worden waren, so kam eine hohe Summe zusammen. Dreißig Teller gingen unter den Händen der dicken Kellner in Scherben.


