Nr. 28d viertes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Merheffen)
Mittwoch «.Dezember (951
Die Wollhandkrabbe kommt!
Eine neue Flußgefahr im Anmarsch. - Dom Masseneinbruch eines fremden Tieres.
Von Dr Karl Rudolf Fischer.
In unseren deutschen Müssen geht zur Zeit ein Masseneinbruch vor sich, der in Gewalt und Ausmaß dem Lawinentempo gleicht, und gegen den bislang kein Kraut gewachsen war: die Wollhandkrabbe dringt in deutsche Binnenlandgewässer ein, in unaufhörlich schnellem Laus und stetig wachsender Vermehrungszahl! Als 1923 zum ersten Male Warnungsstimmen sich erhoben, da man die Krabbe massenhaft am deutschen Küstenrande traf, dort, wo die großen Ströme an den Mündungstrichtern bereits dem Ozeanpulsschlag, Ebbe oder Flut, gehorsam waren, da ahnte niemand von der Zunft der Fisch- und Wasserkundigen, daß über ein Jahrzehnt das Tier bis weit ins Herz von Deutschland in einer solchen Art von Ueber- schwemmung eingebrochen sein würde.
Nun ist's so weit. Und es wird Zeit, daß man den aufdringlichen Gast, der doch ein Fremdling unserer Fauna ist und sich zum Unruhestifter aus- zuwachfen scheint, ein wenig kritisch unter jene Lupe nimmt, die allen, die mit Flüssen, Fischen, Dämmen, Wehren und sonstigen, dem nassen Element verwandten Vorrichtungen, umzugehen haben, das Wesen jenes Eindringlinges zu erkennen gibt. Zuletzt hat man gehört — wie weit das verbürgt ist, steht dahin —, daß er bereits in hessische Gewässer vorgedrungen sei, im Osten bis ans Edertal und südwärts bis zur Fulda vorgestoßen, im Westen rheinentlang gewandert und in dem Lahngebiet erschienen sei. Da ist es also Zeit, einmal darüber zu berichten, was unsere Wissenschaft bislang von dieser Krabbe in Erfahrung brachte.
Die Wollhandkrabbe (Eriocheir sinensis) stammt aus China und ist nach der einen Quelle 1910, nach der anderen 1912 (angenommenermaßen in den Wassertanks von Ueberseeschiffen) nach Deutschland gelangt. Jedenfalls hat man um diese Zeit das erste Exemplar in der Aller gefunden. Dann hörte man nichts mehr von dem Tier bis 1918, wo es sich in der Unterelbe unliebsam bemerkbar machte und von da an fortgesetzt elbaufwärts wanderte. Dabei konnte man bemerken, daß ihr eine rmgeahnte Fruchtbarkeit zu eigen ist und auch ihr Wanderdrang die Ausdehnung weit über die gewohnten Maße hin begünstigte. Und nun kam allgemein die Einsicht: daß das zunächst mehr gleichgültig als aufgezwungenermaßen eingeräumte Gastrecht sich eines Tages bitter rächen muß und unsere Nachsicht einmal teuer wird. Denn dieser Eindringling war über oermehrungsstark, womit wir einen Grad an Häufigkeit bezeichnen, der durch natürliche Feinde nicht im Normalmaß der „eisernen Portion" gehalten werden kann, demgegenüber also die sonstige „Selbstregulation der Natur" im harmonisch abgewogenen Verhältnis von Raubtier — Beutetier, auch „biologisches Gleichgewicht" genannt, versagt und so den Menschen vor die Aufgabe stellt, von sich aus Mittel und Wege zur Niederhaltung zu ersinnen. Wir nennen das „Schädlingsbekämpfung" und wenden sie schon lange anderen Katastrophenerregern und Massenvermehrern gegenüber an, die der Naturbeschränkung aus irgendwelchen Gründen nicht mehr unterworfen sind: Nonne, Forleule, Maikäfer usw. Und über kurz oder lang, darüber war man sich genau so klar, würden auch hier die Klagen kommen über Eingriffe in menschliches Nutzgut, und man stand dann vor der vollendeten Tatsache, einer Landplage ersten Ranges ausgeliefert zu fein.
Die ersten Feststellungen, die damals ihrem Der- breitungsradius galten, ergaben, daß die „verseuchten" Gebiete von Holland bis an den Westen Jütlands reichten und zu befürchten war, daß sie von der Küstenregion aus durch die Einfallspforten der beiden norddeutschen Hauptströme und deren tiefer landeinwärts gelegenen Netz- und Seitenverzweigungen auch ins Landinnere eindringen
Gebet aus (Stein.
Zur Wiederherstellung der Kathedrale von Reims.
Nach zwanzigjähriger Arbeit ist Frankreichs Krönungskirche, die Kathedrale von Reims, von den Wunden des Krieges genesen, neu geweiht und abermals ihrer gottesdienstlichen Bestimmung übergeben worden. Es geschah in schöner und würdiger Form, ohne kränkende Anspielung auf Ereignisse, die abzuwenden damals in niemandes Macht stand. Auch in Frankreich hat die Zerstörung der Kathedrale von Reims längst aufgehört, eine „Frage" zu sein. Sie war eine Notwendigkeit, freilich eine so tragische, daß auch wir Deutschen, als die mit der Vollstreckung eines Schicksalsspruches Beauftragten, nie gezögert haben, dieses Bauwerk, das wir vielleicht gründlicher kannten und heißer geliebt haben als die Franzosen, als eines der edelsten Opfer des Weltkrieges zu beklagen. Um so größer ist unsere Freude über seine Wiederherstellung.
Ueber die Baugeschichte kann hier nur das Allgemeinste in die Erinnerung zurückgerufen werden. Im Jahre 1211 wurde mit dem Bau der heutigen Kathedrale begonnen: Gean b’Drbais war der erste Meister. Sein Werk, der Chor, konnte schon 1241 mitsamt dem Querschiff und einem Teile des Langhauses bezogen werden. Die westliche Verlängerung des Schiffes und die Errichtung der unteren Geschosse der Stirnseite fällt in die Zeit von 1250 bis 1300. An den oberen Teilen der von drei Skulpturenportalen und der mächtigen Rose durchbrochenen Fassade wurde noch bis ins 15. Jahrhundert hinein gebaut In den Ruhm, sie erdacht . zu haben, teilt sich mit anderen jener sagenhafte Robert d e C o u c y , den man lange für den Urheber des Gesamtplanes gehalten hat.
Die auf das Außerordentliche gerichteten Plane des Erzbischofs Aubri de Humbert fanden volles Verständnis bei der Bürgerschaft. Selten ist mit solcher Hingebung gearbeitet worden. Nur so erklärt sich die erstaunlich kurze Bauzeit von der Grundsteinlegung bis zur Weihe 1241. Zum Ruhme Gottes und der Jungfrau Maria und als ein Ehrenmal der Nation erhob sich dieser Bau auf einem durch die Geschichte von sieben Jahrhunderten geweihten Boden. Hier hatte Chlodwig die Taufe empfangen; hier wurden Frankreichs Könige mit dem heiligen Oele gesalbt.
Wer in der Reimser Gotik den Ausdruck hysterischer Verzücktheit zu sehen erwartet, wird firb enttäuscht finden. Diese ungeheuren Mauerstärken,
wurden. Die Zukunft hat diese Befürchtungen nicht nur erfüllt, sondern sogar noch übertroffen. Bereits 1933 konnte Dr. Schnakendeck, der Entdecker der Wollhandkrabbe in Deutschland, eine Mitteilung machen, die hinsichtlich der Verbreitungsweite und Siedlungsdichte folgenden Wortlaut hat: „Am stärksten verseucht ist die Elbe, wo sie weit in die Nebenflüsse hineingeht und bis weit nach Böhmen hin gefunden wurde. Im Ostseegebiet ist sie in vielen Teilen gefunden worden, von der westlichen Ostsee bis Ostpreußen, hier auch schon in einigen Binnengewässern. Einzelne Funde sind auch aus der oberen Oder bekannt. In welchen Massen die Krabbe in manchen Teilen der Elbe und zu gewissen Zeiten vorkommt, darüber macht sich ein Fernstehender kaum eine Vorstellung. Zentnerweise werden diese Tiere gefangen. Ein absolutes Hindernis für ihre Ausbreitung gibt es kaum, sie gehen auch über Land und klettern. Bis zu einem gewissen Grade können jedoch Wehre hemmend wirken. Zwar versuchen die Krabben dann dadurch, daß sie unterhalb des Wehres an Land gehen, oberhalb das Wasser wieder zu gewinnen. Bei niedrigen oder geböschten Ufern gelingt ihnen das sehr leicht, bei hohen und steilen Steinwänden ist es für sie schwieriger."
In unserem mitteldeutschen Heimatgebiet hat sich Professor Dr. Henneberg seinerzeit mit dem Verbreitungsproblem der Wollhandkrabbe befaßt und festgestellt, daß sie bislang weder in der Lahn, noch ihren Nebenflüssen nachgewiesen wurde. „Die Möglichkeit, daß sie in unserer Gegend früher oder später auftreten wird, ist freilich vorhanden." Jedoch konnte Henneberg 1932 bereits' darauf Hinweisen, daß sich die Wollhandkrabbe elbaufwärts bis nach Dresden vorgearbeitet habe und feit 1925/26 auch in die Unterweser eingedrungen sei, so daß sie bis 1931 bereits die Ems und die Kanäle, „die diese mit dem Rhein verbinden", erreicht habe. Dann hörte man in Mitteldeutschland abermals geraume Zeit nichts von ihr, bis dann Ramner 1936, zum Teil gestützt auf die Beobachtungen von N. Peters, genauere Daten und Gedietsstreifen angab, die sich kontinuierlich an das anreihten, was man zuvor schon von der Wollhandkrabbe wußte: „Dom Einschleppungsgebiet in der Unterelbe und Unterweser reicht ihr Wohngebiet 1932 ungefähr 400 Kilometer nach Westen (Belgien) und 900 Kilometer nach Osten (Masurische Seen, Kurisches Haff). Sie bevölkert in diesem Bereiche die Küsten der Nord- und Ostsee, viele Binnengewässer und die großen Stromläufe von der Küste an weit aufwärts, den Rhein auf mindestens 500 Kilometer, die Weser auf 300 Kilometer, die Elbe auf 700 Kilometer (bis Böhmen) und die Oder auf ungefähr 400 Kilometer." — „Das Aufwärtswandern der jungen Tiere dauert mehrere Jahre, z. B. von der Küste bis nach Dresden 3 bis 4 Jahre." — „1928 trat die Wollhandkrabbe bei Halle auf, 1930 erreichte sie in der Elbe die sächsische Grenze und gelange bereits 1932 nach Prag. Im gleichen Jahre fan> "'m sie auch in der Mulde bei Eilenburg."
1 erzählte mir ein Koblenzer Rheinfischer, daß er in seinem Netz einen handgroßen, viereckigen Krebs gefangen habe, der „grünliche und braune Kleckse auf dem Rücken gehabt" habe und dessen „Scheren ausgesehen hätten, wie die Haarkvlben beim Schilfrohr". Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß dieser oberhalb von Bendorf und Vallendar am Rheindoppelarm beobachtete Krebs die Wollhandkrabbe war.
Nun ergeben sich folgende Folgerungen, die wichtig für die Nachforschungen sind: Wenn die Krabbe bereits 500 Kilometer rheinaufwärts vorgedrungen ist, so ist das entweder von Hoek van Holland durch die Scheldemündung her vor sich gegangen ober von der Unterweser aus durch den Ems-Jade-Kanal. Im ersten Falle wäre sie dann — sagen wir von
diese mächtigen, von üppigem Blattwerk umkränzten Pfeiler, aus denen ein Strom von Kraft in die Rippen und Gurten überspringt — sie reden eine ganz andere Sprache. Eine lebensprühende Feststimmung webt in diesem Wunderbau. Seine bei aller Geistigkeit vollen und fleischigen Glieder scheinen der Höhenstreckung heimlich entgegenzuwirken, wodurch jene ruhige Gleichgewichtslage entsteht, in der auch der Körper zu seinem Rechte kommt. Eine ans Abenteuerliche grenzende Kühnheit und eine unerhörte Selbstdisziplin: beide zusammen haben diese Riesenmasse geschaffen und organisiert, lieber fast zwei Jahrtausende hinweg grüßt hier gotischer Geist den fernen griechischen als Freund. Das empfand Rodin bei einem nächtlichen Besuch der Kathedrale. Jeden Augenblick erwartete er den delphinischen Gott aus dem Pfeilerwalde hervorbrechen zu.sehen.
Und nun gar die Plastik! Gleich einem schimmernden Brokatmantel umhüllt sie den edlen Leib der Kathedrale. Die gesamte christliche Heilslehre ist in ihn hineingewirkt. An den Gewänden der Portale halten die historischen Gestalten der Bibel Wache, in den Bogenfeldern ist das Leben und Sterben der Heiligen erzählt. UeberaU, in den Tabernakeln und Wimpergen, auf Sockeln und Türpfosten, wuchert plastisches Leben: Apostel und Engel, Atlanten, Jahreszeiten, wasserspeiende Ungeheuer, fratzenhafte Masken und unter der großen Rose der Westseite die berühmte Königsgalerie. Unerklärlich fast, daß man inmitten dieses andrängenden Reichtums doch nie den Eindruck peinlicher Ueberfüüung hat.
Und tvas uns schon bei der Architektur auffiel, setzt uns bei der Betrachtung der Plastik erst recht in Erstaunen: die geheime Blutsverwandtschaft dieser Kunst mit der Antike! Dieses Frankreich des 13. Jahrhunderts war attischen Geistes voll. Seine Plastik schwingt in einem Lebensrhythmus, der sie als ein Weiterleben hellenischer Daseinsgläubigkeit unter andern Himmelsstrichen erscheinen läßt. Man betrachte jenen holdseligen Engel, den man das „Lächeln von Reims" getauft hat, oder Gestalten wie die heilige Klotilde, die Maria der Verkündigung ..und besonders die kleinen nackten Fiauren der auferstehenden Toten am Gerichtsportal! Schon vor dem 15. Jahrhundert hat es also eine „Wiedergeburt der Antike" gegeben, eine Renaissance, die sticht weniger groß ist als die des nachmittelalterlichen Italiens. Die Reimser Kathedralplastik ist ihre feinste Blüte. .
Diese weltoffene, Mittelalter und Antike m sich versöhnende Kunst wax die bohe Schule der Gotik. Hier lernten auch die deutschen Bildhauer, was
Rotterdam aus — bis in die Gegend von Speyer gekommen, im zweiten Fall von Emden her bis gegen Karlsruhe oder Rastatt. In diesem Falle hätte sie aber auch zwangsläufig die angeschlossenen Jn- buftriefanäle, nämlich den Dortmund-Ems-Kanal und den Rhein-Herne-Kanal, höchstwahrscheinlich aber auch die Lippe überschwemmen müssen. Weiterhin wären ihr auf alle Fälle die Einfallspforten in die Lahn bei Nieder-Lahnftein und in den Main bei Mainz-Kastel geöffnet. An der Weser wäre sie bis Kassel entlanggekommen. Hier hat nun die Untersuchung einzusetzen, inwieweit man schon in unserer Gegend von verseuchten Gewässern reden kann, bzw. wieweit die ersten „Pioniere" wegbereitend für die nachfolgenden Heere eingedrungen sind.
Um solche Feststellungen zu ermöglichen, ist eine kurze Darstellung von Aussehen und Lebensweise für jedermann geboten. Die Krabbe wird im Alterszustand bis zu 7 Zentimeter lang, ist olivgrün gefärbt und dunkel gesprenkelt. Beim Männchen find die Zangenarme bis zum Knie mit einem dichten Haarpelz besetzt, eine Erscheinung, dem das Tier den Namen verdankt. Eigenartig ist seine Lebensweise. „Die beispiellos schnelle Ausbreitung der Wollhandkrabbe in Europa ist nur durch den auffallend starken Wandertrieb der Art möglich gewesen", sagt Ramner. „Von den Laichplätzen in den Flußmündungen und an der Küste streben nämlich die Scharen der jungen Wollhandkrabben (von etwa 10 bis 45 Millimeter Panzerlänge) dem Süßwasser entgegen, unaufhörlich flußaufwärts, immer der Strömung entgegen. Auf diesem Wege vermögen sie spielend Hunderte von Kilometer zu überwinden. Erst zu geschlechtsreifer Größe herangewachsen, wandern die Wollhandkrabben (von etwa 45 bis 75 Millimeter Panzerlänge) wieder zu Tal, um ihre Laichplätze im brackigen und salzigen Wasser aufzusuchen. Außer den geschilderten Wanderungen kommen regelmäßige Ortsveränderungen noch dadurch zustande, daß ein großer Teil mit Eintritt der kalten Jahreszeit tieferes und wärmeres Waffer aufzufuchen pflegt. Das Winterquartier verlassen die jungen Krabben geschlossen in großen Scharen im Frühjahr und wandern zunächst gemeinsam in den großen Flüssen stromaufwärts. Dann lösen sich die Schwärme allmählich auf; ein Teil der Tiere bringt in Nebenläufe, seichtes Wasser, Gräben und Kanäle vor, andere Tiere wandern am Rande der zunehmend rascher strömenden Flüsse weiter aufwärts, überklettern Wehre, Schleusen, machen sogar kurze Landwanderungen und gelangen dadurch in Teiche und Seen, die nicht mit dem Fluß in Verbindung stehen „Sie wandern solange flußaufwärts, bis sie erwachsen sind und eine Körperlänge von etwa 4 bis höchstens 8 Zentimeter erreicht haben. Dann beginnt der Abstieg, der in der Strommitte erfolgt. Dort ist es wärmer, auch unterstützt die raschere Strömung ihr Wandern. Die Männchen haben einen stärkeren Wandertrieb als die Weibchen, sie gehen viel weiter flußabwärts, während sehr viele Weibchen überhaupt in der Nähe der Flußmündungen Zurückbleiben. Im Herbst sammeln sich in der Unterelbe gewaltige Scharen flußabwärts wandernder Wollhandkrabben an, da die Elbe mit ihren Nebenflüssen ihr Hauptverbreitungs- gebiet in Deutschland ist." Im Herbst und Winter erfolgt also ihr Fortpflanzungsgeschäft, wozu sie flußabwärts zu den Flußmündungen wandern. Ungeklärt ist jedoch die Frage, ob sie nach erfolgtem Laichen wieder ins Binnenland zurückkehren. Jedenfalls aber führen die Wanderungen häufig an Wehren und Abdämmungen zu Massenansammlungen. Besonders sind diese Stauungen anzutreffen bei Rathenow an der Havel und bei Calbe a. d. S. zur Frühjahrszeit. Im Herbst dagegen werden sie zentnerweise bei der Buttfischerei in den Elbniede- rungen gefangen.
Ueber das wichtigste Kapitel des Kradbenproblems aber, über die Fischereischädlichkeit, ist viel geschrieben und noch mehr übertrieben worden. Weniger aber von berufener als von unberufener Seite. Eine Klarstellung ist daher geboten, um abseits jeder Unruhe schassenden Sensationshascherei den WETFH-' lUZUBUWii ini' '
wahren Sachverhalt zu erkennen. Auch hier wird es sich empfehlen, die Hamburger Untersuchungs« ergebnisse von Fachleuten, die an der Quelle sitzen, heranzuziehen. Schnakenbeck schreibt dazu: „Immer wieder heißt es, die Wollhandkrabbe fresse Fische, ja, in manchen Gewässern sei die ganze Fischbevölkerung der Ausrottung preisgegeben. Diese Behauptungen treffen in keiner Weis zu. Lebende gesunde Fische greift die Krabbe unter normalen Verhältnissen nicht an, sie ist dazu überhaupt nicht imstande. Als Laichräuberin ist sie ebensowenig denkbar, denn die Fischeier sind winzige, gallertartige Kügelchen, die einzeln an Pflanzen sitzen oder auf dem Boden und von den Scheren der Wollhandkrabben gar nicht erfaßt werden können. Die größeren Eier der Salmo-Arten aber sind mit Kies bedeckt. Allenfalls könnte man bei Eiern, die in Klumpen abgelegt werden, eine Gefährdung durch die Krabbe annehmen. Der wirkliche Schaden, den sie anrichtet, liegt in der Schädigung des Fischereibetriebes. Die Krabben geraten in die Fanggeräte, beschädigen diese oder die darin mitgefangenen Fische, fressen
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den Köder von den Angelhaken oder die daran gefangenen, in ihrer Bewegung gehemmten Fische. Diese Schädigung ist stellenweise so groß, daß die Fischer statt der Fische fast nur Krabben fangen und dabei noch Netzschädigungen mit in Kauf nehmen müssen. Außerdem ist die Krabbe eine ernste Nahrungskonkurrentin für die Fische, denn sie frißt Mollusken, Krustazeen, Insektenlarven, daneben aber auch Pflanzen. Sie ist eine Allesfresserin. Tote, behinderte oder kranke Fische, deren sie habhaft werden kann, frißt sie ebenfalls. Neuerdings hat sich aber herausgestellt, daß sie auch für die Ufer,, ähnlich der Bisamratte, eine Gefahr ist. Nach Untersuchungen von Dr. N. Peters (Hamburg) graben sich die Krabben tief in die Uferböschungen hinein und lockern diese dadurch auf, daß sie leicht zum Einsturz kommen." In diesem letzten Moment liegt die größte Gefahr, wenn man bedenkt, was für Unheil uns beoorsteht, wenn die Krabbe massenhaft als Schädling in den künstlich angelegten Jndustriekanälen, an Deichen und an den ernährungswichtigen künstlichen Großfischereianlagen auftritt.
Die immer weiter um sich greifende Massenoermehrung des Tieres hat es mit sich gebracht, daß man sich in den überfluteten Gebieten ernsthaft nach geeigneten Bekämpfungsmitteln umsah. Jedoch die nächtliche Lebensweise des Tieres stellt sich hier als erste Schwierigkeit schon in den Weg. Auch ist es Utopie zu glauben, daß intensives Wegfangen zur Ausrottung führen könnte, und dementsprechend sind auch ausgesetzte Fangprämien nicht zielentsprechend. Die vorgeschlagene Infektion der Gewässer mit Krebspest muß zurückgewiesen werden, da es nur auf Krabben übertragbare Bakterien nicht gibt und ein solches Verfahren die gesamte Binnenfischerei samt Brut- und Flußnutzwirtschast ruinieren müßte. Bleibt nur der Massenfang an ihren Stauungsstellen an den Wehren (Schiemenz- verfahren) und die Verwertung dieser Massenfänge zu eiweißreichem Schweinefutter oder Dung. Die Ausnutzung für Küchenzwecke und den menschlichen Bedarf hat sich nicht bewährt.
Winterschlußverkauf 1938.
DHD. Am 31. Januar 1938 beginnen in diesem Winterhalbjahr die Winterschlußverkäufe, die zur Räumung der Läger von modeempfindlichen Waren bestimmt sind. Die Liste derjenigen Artikel des Tex- tilfachgebietes, die Modefchwankungen wenig ausgesetzt und darum auch in diesem Jahre wieder von den Verkäufen ausgenommen sind, wird in einer soeben im Deutschen Reichs- und Preußischen Staatsanzeiger veröffentlichten Anordnung des Reichswirtfchaftsministers bekanntgegeben.
ihnen noch fehlte: die formale Bezwingung der Körpererscheinung. Hier, vor diesen königlichen Figuren, die selbst bei stärkster Verhüllung noch den Zusammenhang zwischen Gliederbau und Be- tteidung durchfühlen lassen, erwachte in ihnen das Bewußtsein von dem göttlichen Recht des Leibes. Mit solchen Gedächtnisbildern im Kopfe gehen die Deutschen in die Heimat zurück. Aber daß nirgends bloße Kopistenarbeiten entstanden, ist gewiß der sprechendste Beweis für die geistige Freiheit, mit der unsere frühgotische Kunst sich das Fremde anzueignen wußte. Wir besitzen allerdings fein „Lächeln von Reims", dafür haben wir aber eine Naumburger Uta, einen Bamberger Reiter, eine Straßburger Ecclesia — denen von Reims ebenbürtige, wenn auch von einem deutschen Lebensgefühl beseelte Gestalten. Ihre äußere Abhängigkeit von Reims haben wir nie geleugnet, noch haben wir es an Dank fehlen lassen. Und als wir das todbringende Geschoß gegen die Kathedrale richten mußten, geschah es in Ausübung einer der bittersten Pflichten, die im Verlaufe dieses an Forderungen der Selbstverleugnung so überreichen Krieges an uns herangetreten sind.
Ernst von Niebelschütz.
König Friedrich reitet durch Berlin.
Friedrich August Ludwig von der Marwitz (1777 bis 1837), Herr auf Friedersdorf, preußischer General, „Erzjunker" und leidenschaftlicher Gegner der Hardenbergschen Reformen, gibt in feinen Erinnerungen die folgende kleine Szene aus dem Jahre 1785; Marwitz war damals, ein Jahr vor dem Tode des großen Königs, ein achtjähriger Junge.
„Er kam geritten auf einem großen weißen Pferde — ohne Zweifel der alte Conde, der nachher noch zwanzig Jahre lang das Gnadenbrot auf der ecole veterinaire bekam, denn er hat feit dem Krieg beinahe kein anderes Pferd mehr geritten. Sein Anzug war derselbe wie früher auf der Reise, nur daß der Hut ein wenig besser konditioniert, ordentlich aufgeschlagen und mit der Spitze nach vorn, echt militärisch aufgesetzt war. — Hinter ihm waren eine Menge Generale, dann die Adjutanten, endlich die Reitknechte. Das ganze Rondell (jetzt Belle- Alliance-Platz) und die Wilhelmstraße waren gedrückt voll Menschen, alle Fenster voll, alle Häupter entblößt, überall das tiefste Schweigen, und auf allen Gesichtern ein Ausdruck von Ehrfurcht und Vertrauen, wie zu dem gerechten Lenker aller Schicksal». Der Könia ritt gan- "(fein vorn und grüßte, indem er fortwährend den Hut abnahm. Er beobach
tete dabei eine sehr merkwürdige Stufenfolge, je nachdem die aus den Fenstern sich verneigenden Zuschauer es zu verdienen schienen. Bald lüftete er den Hut nur ein wenig, bald nahm er ihn vom Haupte und hielt ihn eine Zeitlang neben demselben, bald senkte er ihn bis zur Hohe des Ellbogens herab. Aber diese Bewegung dauerte fortwährend, und so wie er sich bedeckt hatte, sah er schon wieder andere Leute und nahm den Hut wieder ab. Er hat ihn vom Halleschen Tor bis zur Kochstraße gewiß zweihundertmal abgenommen. Durch dieses ehrfurchtsvolle Schweigen tönte nur der Hufschlag der Pferde und das Geschrei der Berlinischen Gassenjungen, die vor ihm hertanzten, jauchzten, die Hüte in die Lust warfen und neben ihm her-- fprangen und ihm den Staub von den Stiefeln abwischten. Ich und mein Hofmeister (Hauslehrer) hatten soviel Platz gewonnen, daß wir mit den Gassenjungen, den Hut in der Hand, neben ihm herlaufen konnten ... Bei dem Palais der Prinzessin Amalie, der Schwester des Königs, angekommen (welches, in der Wilhelmstraße gelegen, auf die Kochstraße stößt), war die Menge' noch dichter, denn sie erwarteten ihn da; der Vorhof war gedrängt voll, doch in der Mitte, ohne Anwesenheit irgendeiner Polizei, geräumigen Platz für ihn und seine Begleiter. Er lenkte in den Hof hinein, die Flügeltüren gingen auf und die alte, lahme Prinzessin Amalie, auf zwei Damen gestützt, die Oberhofmeisterin hinter ihr, wankte die flachen Stiegen herab, ihm entgegen. Sowie er sie gewahr wurde, setzte er sich in Galopp, hielt, sprang rasch vom Pferde, zog den Hut (den er nun aber mit herabhänaendem Arm ganz unten hielt), umarmte sie, bot ihr den Arm und führte sie die Treppe wieder hinauf. Die Flügeltüren gingen zu, alles war verschwunden, und noch stand die Menge, entblößten Hauptes, schweigend, alle Augen auf den Fleck gerichtet, wo er verschwunden war, und es dauerte eine Weile, bis ein jeder sich sammelte und ruhig feines Weges ging ... Und doch war nichts geschehen! Keine Brächt, kein Feuerwerk, keine Kanonenschüsse, keine Trommeln und Pfeifen, keine Musik, kein ooran- gegangenes Ereignis! Nein, nur ein dreiundsiebzjg- jähriger Mann, schlecht gekleidet, staubbedeckt, kehrte von seinem mühsamen Taaewerk zurück. Aber jedermann wußte, daß dieser Alte auch für ihn arbeite, daß er fein ganzes Leben an diese Arbeit gesetzt und sie seit 45 Jahren noch nicht einen einzigen Tag versäumt hatte! — Jederman sah auch die Früchte seiner Arbeiten, nah und fern, rund um sich her, und wenn man auf ihn blickte, so regte sich Ehrfurcht, Bewunderung, Stolz, Vertrauen, kurz alle Gefühle des Menschen ..."


