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Nr.8tt Erstes Blatt

187. Jahrgang

Mittwoch, 7. April 1937

Giehener Anzeiger

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General-Anzeiger für Oberhessen

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Das zweite Dankopfer der Nation.

Oie SA. beginnt ihre große Sammlung.

B e r l i n, 5. April. (DNB.) Die O b e r st e <521.= tf ul) rung teilt mit:

Cm den nächsten Tagen werden die Stürme her <521. wieder, wie im Vorjahr, die Einzeich- nungslisten für das Dankopfer der Nation auflegen, das als ein Geburtstagsgeschenk Des ganzen Volkes an den Führer erneut dem Ge- fubl des Dankes gegenüber feiner fruchtbaren Staatsführung Ausdruck geben wird. Der Führer selbst hat dieser Tat eines echten Sozialismus Rich­tung und Ziel gegeben und ihren Ertrag dazu be­stimmt, dem deutschen Arbeiter Leben und Schaffen schöner zu gestalten. So wurde das erste Dankopfer bereits zur Dankopfer-Siedlung, von der SA. getragen und durch sie als ein Geschenk der Nation an den Führer vermittelt.

Auf Grund des umfassenden Einsatzes zieht sich dieses Opferwerk lückenlos über die ganze Nation hin und überall auch im Reich, fei es im Alpenland oder in Ostpreußen, in Oberschlesien oder an der Nordsee, werden aus den großen und kleinen Bei­

trägen der Volksgenossen Heimstätten für b i e Schaffenden erstehen, würdige und schöne Bau­ten, die den Arbeiter wieder in die Landschaft hin­ausführen und ihm die Heimaterde näherbringen. Aus der Erkenntnis heraus, daß bisher alle Wünsche nach Siedlungsmöglichkeit am Mangel eines notwendigen Eigenkapitals scheiterten, wurde das Dankopfer dazu bestimmt, die erforderlichen Erstehungskosten für neue Siedler- stellen zu decken, die an die Würdigsten unter den Werktätigen des Volkes, an Kriegsopfer, Kinder­reiche und verdiente Vorkämpfer der Bewegung ab­gegeben werden.

Wenn daher die SA. ihre Ehrenlisten für das Dankopfer auflegt, die jedem Volksgenossen Ge­legenheit geben, an diesem Aufbauwerk teilzuhaben, dann wird er wissen, welcher höheren Aufgabe sein Opfer dient, mit dem er Zeugnis ablegt vom Ge­fühl der im ganzen Volke lebendigen Dankbarkeit gegenüber dem Führer und seinem Werk.

DrrpolmscheWeMerbMd fordert deMheGebiele

Ein politischer Skandal in Srandenz.-Was sagt die polnische Negierung dazu?

$ür oder wider Rex.

Mit ungewöhnlicher Heftigkeit, mit dem Einsatz aller publizistischen und reklametechnischen Mittel tobt der Wahlkampf durch Straßen und Säle der belgischen Hauptstadt. Denn am kom­menden Sonntag soll der Wahlkreis Groß- Brüssel sich entscheiden, welchen Abgeordneten er in die Kammer schickt: Leon De grelle oder Paul v a n Z e e l a n d. Der Aufwand an politischen Energien und finanziellen Mitteln, der dieser Tage in Brüssel getrieben wird, steht scheinbar in keinem Verhältnis zu der Bedeutung dieses Wahlaktes. Denn ob nun die eine oder die andere Partei einen Vertreter mehr oder weniger im Parlament sitzen hat, ist für das Kräfteverhältnis zwischen Regierung und Opposition an sich ganz belanglos. Aber es geht hier gar nicht um den einen Abgeordnetensitz, es geht um eine Entscheidung grundsätzlicher Art, näm­lich um die Frage, ob Leon Degrelle, der Führer der Rex-Bewegung, schon heute eine so starke Mehrheit aller Wähler hinter sich hat, daß er als künftiger Machtfaktor- im Staate anerkannt werden muß. Das Regime selber steht auf dem Spiel. Die Einwohnerschaft Brüssels soll an einem Probe- satt zeigen, ob Belgien künftig nach dem alten libe­ralen Prinzip aber nach dem neuen autoritären Prinzip regiert wird. So hat es Degrelle gewollt, als er sich zu dieser Ersatzwahl stellte, so hat es der Ministerpräsident angenommen, als er darauf verzichtete, durch einen einfachen Parlamentsbe­schluß und eine entsprechende Gesetzesänderung die­ser Alternative auszuweichen.

Kein Mensch zweifelt daran, daß van Zee- l a nd die absolute Mehrheit der Stimmen für sich erobern wird. Aber es kommt für ihn, wenn er fein politisches Ansehen und das Prestige des von ihm vertretenen Systems retten will, darauf an, daß er, wie man in Brüssel sagt, einen trium­phalen Sieg davonträgt. Denn niemand wird von dem jungen Rexistenführer, der bei den letzten Kammerwahlen vom Mai 1936 22 o. H. der Stim­men auf sich vereinigte, nun plötzlich erwarten, daß er die ganze Brüsseler Bevölkerung in die Tasche steckt. Aber wenn der Chef der jungen Bewegung auch nur annähernd die Hälfte der 360 000 Wähler gewinnt, die in der belgischen Hauptstadt wohnen, so bedeutet ein solches Ergebnis schon eine Nieder­lage für den jetzigen Regierungsführer. Man muß bei der Abschätzung des gegenseitigen Kräftever­hältnisses bedenken, daß Degrelle allein für sich steht, während sein Gegner die Unterstützung der drei alten großen Parteien, der Liberalen, der Katho­liken und der Sozialdemokraten genießt, zu denen sichfreilich gegen den Willen van Zeelands auch noch die Kommunisten gesellt haben. Diese Kräfteverteilung ist überaus bezeichnend für den revolutionären Charakter der gegenwärtigen Aus­einandersetzung. Auf der einen Seite steht der jugendliche Idealist, der noch keine Gelegenheit hatte, dem Volke die Richtigkeit seiner Ideen durch die Praxis zu beweisen, der allein durch die hinreißende Gewalt seiner Rede und durch die schonungslose Kritik an den herrschenden Gewalten seine An­hänger gewonnen hat. Auf der anderen Seite steht der angesehene, erfolgreiche Wirtschaftsführer, der im Auslande einen großen Ruf hat und der auch feinem Lande in zweijähriger Regierungsarbeit manchen sozialen und wirtschaftlichen Fortschritt gebracht hat. An der persönlichen Sauberkeit und ehrenhaften Gesinnung der beiden Gegner ist nicht zu zweifeln. So wird das Wahlduell mit verschieden­artigen, aber im großen und ganzen gleichwertigen Waffen ausgetragen. Denn das Minus an Er­fahrung, das der eine besitzt, wird durch das Plus an Begeisterungsfähigkeit bei dem anderen ungefähr aufgewogen.

Ein wie großes Gewicht man dem Ergebnis der Abstimmung geben darf, das geht schon aus der Spannung hervor, mit der man auch im Aus­land den Gang der Handlung verfolgt. Die Eng­länder und Franzosen sehen in dem Brüsseler Wahlakt geradezu eine Kraftprobe der Demokratie. Auch die Diplomatie der demokratischen Westmächte hat alles mögliche getan, um die Stellung van Zeelands in den letzten Wochen zu stärken. Sie hat ihm bei seinem Londoner Besuch das Versprechen gegeben, Belgien aus seinen Locarno-Ver­pflichtungen z u entlassen, sie bereitet ge­rade jetzt den offiziellen Briefwechsel vor, welcher der belgischen Öffentlichkeit kurz vor dem Wahltag die Londoner Abmachungen bestätigen soll, sie hat dem Ministerpräsidenten soeben bas sehr ehrenvolle Angebot gemacht, eine kommenbe Weltwirt­schaftskonferenz vorzubereiten, obgleich solche Pläne ben Engländern augenblicklich gar nicht in den Kram passen, alles zu dem Zweck, das innerpolitische Ansehen van Zeelands gegenüber seinem Wahlgegner zu stärken.

In den frankophilen Kreisen Brüssels hat man versucht, eine ähnlicheEinmischung" auch für die andere Seite zu konstruieren. So behauptete die ZeitungSoir" schon vor einiger Zeit, Leon Degrelle würde von Deutschland mit finanziel­len Mitteln für seine Wahlkampagne ausgestattet. Doch diese Lüge hatte nur kurze Deine. Das Gericht stellte fest, daß der Beweis für diese Behauptung nicht erbracht werden könne, und verurteilte das Hetzblatt zu einem Schadenersatz von 25 000 Fran­ken. Der Ruhm, von außen her auf die Gestaltung der belgischen Innenpolitik Einfluß genommen zu haben bleibt also ben alten Demokratien. Deutschland verfolgt die belgische Entwicklung na­türlich mit dem größten Interesse, aber es verzichtet nach wie vor auf jeden Versuch einer direkten oder indirekten Einmischung in die inneren Verhältnisse eines anderen Landes. tv-

Graudenz, 6. April. (DNB.) Der p o 1 n i s ch e west verband veransiattele in Graudenz im Rahmen seiner Pomerellenwoche eine Kundgebung, an der eine Reihe von offiziellen polnischen Orga­nisationen tettnahmen. 3n den Umzügen wurden, ohne daß die polnische Polizei einschritt, Trans­parente mit Aufschriften getragen wie ,,G r a u- denz soll die künftige Hauptstadt der nichtbefreiten Gebiete werden!" Auf einem anderen Transparent las man:Das Schlochauer Land muß in den Schoß der Mutter zurückkehren!" Weitere Schilder verlangten die Einverleibung Masurens, des Ermtandes und des Weichsellan­des in den polnischen Staat. Am Markplah war eine große Landkarte im Schaufenster einer Buchhandlung ausgestellt, in der die nach Ansicht des polnischen Westverbandes noch zu befreienden Gebiete, die bisher zu Deutschland gehören, in roter Farbe eingezeichnet waren.

Auf ber Kunbgebung sprachen ber Vizestabtpräsibent von Graubenz, Michalowski, ber Sejmabge- orbneter unb Präses bes Westverbanbes ist, unb einige andere Einwohner von Graubenz. Die Kunb­gebung enbete mit einem Hoch auf die Republik Polen, den Staatspräsidenten und auf den obersten Führer, Marschall Rydz-Smigly. In einer Reso­lution wirb u. a. folgenbes erklärt: Die Bewoh­ner der Stadt Graudenz werden wie bisher so auch weiter die Wacht an der Weichsel halten unb die Interessen von Nation unb Staat auf ber pommerelltschen Erbe schützen.

Aufrecht erhalten bleibt in seinem ganzen Um­fange das nicht realisierte Recht Po­lens auf die nichtbefreiten Gebiete. Wie nicht den Verlauf der Weichsel, so könne man auch nicht die Forderungen und Bestre­bungen der polnischen Ration zur Vereinigung aller polnischen, bisher unbefreiten Länder in den Grenzen des Staates aufhatten.Den Landsleuten daselbst und besonders im E r m - land und in Masuren senden wir Worte der Begrüßung und der Zuversicht und ermun­tern sie zu dem Aushalten bis zu dem Augen­blick, wo mit Gottes Hilfe für sie das Mor­genrot der Freiheit leuchtet."

Es werden bann noch Kampfforberungen gegen b i e beutsche Minberheit in Pommerellen ausgesprochen.

VeWens Locarnoverpflichtung.

Paris, 7. April. (DNB. Funkspruch.) In unter­richteten Kreisen verlautet, baß für bie Verhand­lungen zwischen Frankreich, England unb Belgien über bie Entlassung Belgiens aus ben Verpflichtun­gen bes Locarno-Vertrages bie gleichzeitige Ver­pflichtung Belgiens, baß es ben Völkerbunbs- atjungen treu bleiben unb fein Gebiet gegen jeden Angriff verteidigen werbe, bie Grundlage bilbe. Man wolle Belgien in der Weise zufriedenstellen, daß seine Grenzen auch wei­terhin garantiert würden, ohne daß Belgien selbst Garantiemacht bleibe.

In sehr vorsichtigen Andeutungen verlautet auch, daß Besprechungen im Gange seien über eine Ver- hanblungsgrundlage für ben Abschluß bes 2ße ftp altes. Die Schwierigkeiten, bie burch bie Verpflichtung entstanden finb, die Frankreich, Eng­land und Belgien am 19. März 1936 übernommen habe, hält man nicht für unüberwindlich.

Roihermere fordert eine neue englische Außenvolitik.

London, 7. April (DNB. Funkspruch.) Viscount Rotherme re erklärt in berDaily Mail", es sei ein gutes Vorzeichen für die Tätigkeit bes künftigen Premiers, daß er offen zugegeben habe, daß die Politik ber kollektiven Sicherheit unb der

Dazu schreibt derDeutsche Dienst" u. a.: Man darf gespannt sein, was die amtlichen polnischen Stellen zu dieser geradezu skan­dalösen Resolution und zu dieser Kundgebung sagen werden. Wenn in Deutschland in dieser Form in einer öffentlichen Kundgebung eines großen Ver­bandes unter den Augen ber Regierung durch ben Bürgermeister einer Stadt in dieser Form Forderungen auf große polnische Gebiete an­gemeldet würden und ferner entsprechende Land­karten ausgestellt und Transparente angebracht würden, wieWir fordern Pommerellen und ganz Posen zurück!",Wir verlangen die Rückgabe Ost­oberschlesiens!" oberWir grüßen die Millionen unerlöster deutscher Brüder in Posen und Pom­merellen!", dann würden mit Recht die polnischen Stellen dagegen Protest erheben und das als einen sehr unfreundlichen Akt und 'eine Ein­mischung in bie inneren Verhältnisse Polens betrachten.

Das gleiche Echo muß natürlich eine derartige Kundgebung in Deutschland haben unb alle jene Kreise in Polen, bie guten Willens sind, werden zweifellos ber beutschen Bevölkerung bie Berechti­gung ihrer außerordentlichen Empörung nicht ad- streiten. Man darf nur hoffen, daß sie stark genug sind, auch d i e entsprechenden Maßnah­men gegen derartige Hetzer und Schreier zu ver­anlassen unb solche Elemente wie ben Vizebürger­meister von Graudenz ein für alle Mal aus der Politik zu entfernen, zumal sie dem polnischen Staat mit ihrer chauvinistischen Kundgebung keinen Dienst geleistet haben. Man darf das um so mehr hoffen, als schon die Bezeichnungun erlöster Ge­biete" in einer kleinen Zeitschrift ober die an­deutungsweise Anführung der ehemaligen de urschen Reichsgrenzen auf einer alten Landkarte polnische Stellen bereits z u ener­gischen Protesten in Deutschland zu veran­lassen pflegen.

Verdrängung

der deutschstämmigen Eisenbahner bei derpolnischenStaatsbahn inOanzig.

Danzig, 6. April. (DNB.) Bei einem Kamerad­schaftsabend der deutschstämmigen Eisenbahner in Danzig wies Gaufachschaftsleiter und Vvlkstags- abgeorbneter Paul Nicklas auf bie bebaiierliche Entwicklung der Zahl ber Beschäftigten bei der polnischen Staatsbahn in Danzig hin. Seit dem Jahre 1921 ist bie Zahl ber polnischen Eisen­bahner im Lohnverhältnis v v n 3 v. H. a u f 8 2 v. H. unb im Beamtenverhältnis v v n 3 v. H. a u f 6 2 v. H. gestiegen.

Sanktionen sich als Fehlschlag erwiesen habe. Die einzige Sicherheit Englands liege darin, die Außenpolitik in Einklang mit dem neuen Gleichgewicht zu bringen, das auf dem Kontinent entstanden fei. Neville Cham­berlain würde gut daran ^un, es zu feinem Leit­satz zu machen, daß Spanien die britische Nation nichts angehe. Die inneren Streitig­keiten anderer Länder müßten diesen s e I b ft zur Beilegung überlassen bleiben. Er sollte aber er­kennen, daß vom Standpunkt Englands aus ein von Moskau beherrschtes Spanien das schlimmste wäre.

Englands Oelversorgung für den Kriegsfall.

London, 7. April. (DNB. Funkspruch.) Das amerikanische Innenministerium hat die größte Oel- lieferung, die je in Auftrag gegeben wurde, ange = halten. Es handelt sich um rund 16 Milliarden Liter Oel, die von England aufgekauft worden sein sollen, um sie auf Grund bes Rüstungsplanes für einen Kriegsfall einzulage'rn. Die Oelgesellschaften von Texas verhanbeln jetzt mit ber Regierung über bie Ausfuhrgenehmigung. Man plant ben Bau einer Oelleitung von Texas zum Atlantischen Ozean, um englischen Delbampfern das Tanken zu erleichtern. Das Oel würbe bann in England in riesige unterirdische Lager gepumpt werden.

Zwischen Schutzzoll und Freihandel.

Wie eine Schwalbe noch keinen Sommer macht, so ist auch bie Rede des Staatssekretärs ber Ver­einigten Staaten, Hüll, gelegentlich ber Wieder­kehr des Tages des Eintritts ber USA. in ben Weltkrieg trotz der zur Schau getragenen amerika­nischen Selbstkritik noch keine Wendung zum Freihandel. Allerdings ist schon diese amerika­nische Selbstkritik bezeichnend für die amerikanische Stimmung, denn bisher war im Lande des Keep smiling jede Kritik an der Handelspolitik geradezu verpönt. Wenn Staatssekretär Hutt offenherzig klarlegt, gerade Amerika habe 1928 durch die Erhöhung ber Schutzzölle einen Schlag gegen den internationalen Wirtschaftsaustausch geführt, bann läßt bas tief blicken. In Wirklichkeit hat aber nicht nur in ber Nachkriegszeit bie norüamerikanische Union ben Reigen ber Schutzzoll-Länber angeführt, sondern sie hatte ganz bewußt schon in den 90er Jahren bes vorigen Jahrhunberts ihre damalige Monopolstellung als Weizen-, Fleisch- und Baumwoll-Lieferant der ganzen Welt dazu ausge- nutzt, um ihre eigene Industrie durch die McKinley- Zölle künstlich hoch zu schrauben und die anderen Länder geradezu der amerikanischen Wirtschaft tri­butär zu machen. Damals begannen allmählich die europäischen Nationen, nicht nur sich andere Roh- stoffgebiete zu suchen, sondern sich mehr und mehr von der amerikanischen Monopolstellung unabhän­gig zu machen, und schließlich hat, gerade durch Amerikas sture Haltung beeinflußt, nach den Zeiten der Prosperity, die Amerika einen einmaligen Ge­winn auf Kosten des durch den Krieg ausgebrann­ten Europa in den Schoß warf, diese Bewegung dazu geführt, daß Amerikas Monopolstellung auf immer verloren ging.

Wenn Hüll sich auf Wilson beruft, der eine Niederlegung der Handelsschranken im dritten seiner 14 Punkte forderte, so hat A m e r i k a selbst alles getan, um diese Punkte wirtschaftlich unb politisch nicht zu verwirklichen. Man muß Hüll aber Darin recht geben, daß gerade in Versailles eine große Gelegenheit versäumt wurde, einen Frieden Zu schaffen, der wirklich Bestand hätte. Die Sieger­staaten haben eine Politik des Eigennutzes betrieben, die sich schwer gerächt hat, unb Hüll gibt zu, baß bie Zentralmchchte notgedrungen sich ebenfalls han­delstechnisch absperrten, sobald sie wirtschaftlich wieder die Ellbogen rühren konnten und selbständi­ger wurden. Gegen den Willen, gegen den Buch­staben des Versailler Vertrages, dieses Werks ber politischen unb wirtschaftlichen Unvernunft.

21ber so wertvoll die Selbstbezichtigung unb bie Erkenntnis des amerikanischen Staatssekretärs ist, daß nur durch die Niederlegung der Handelsschran­ken die Welt des Abendlandes wirklich zum Frieden kommt, so stark sind doch die Widerstände gegen diese Vernunft, unb es ist nicht verwunder­lich, daß England dabei an die Spitze der Ab­lehnenden sich stellt. England hatte bis zuletzt ben Freihandel beibehalten, und zwar lediglich deshalb, weil England als Industriemacht und als agra­risches Zuschußgebiet ein klares Interesse am Frei- hanbel, am ungehemmten Warenaustausch besaß. Die Freihanbelsperiode Englanbs hat kaum hundert Jahre gedauert. Sie begann mit der Propaganda Cobdens und seiner Manchester-Schule in ben 30er Jahren bes vorigen Jahrhunderts gegen die Kornzölle, und zwar weil die aufblühenbe englische Industrie, bie damals dieselbe Monopolstellung ein­nahm wie einige Menschenalter später Amerika in Agrarerzeugnissen, billiges Brot für ihre Arbeiter­massen nötig hatte.

Nur im doktrinär gerichteten Deutschland konnte die Frage, ob Schutzzölle oder Freihandel das beste seien, aus einer Nützlichkeitsfrage zum Prinzip der liberaliftifchen Weltanschauung ge­macht werden. England war davon frei. Als die Umstände sich änderten, als das englische Industrie­monopol gebrochen wurde, ging England daran, ür sein Empire einen Wirtschaftsraum lediglich zu­gunsten der Mutter-Insel zu schaffen, und da in diesem Jahr die Konferenzbeschlüsse von Ottawa wieder überprüft werden sollen, geht schon jetzt die englische Presse zum Generalangriff gegen Die N'iederlegung Des britischen Zollwal- 1 e 5 vor. Daß Der belgische Ministerpräsident van Zeeland jetzt offiziell Damit betraut ist, die Möglichkeit des Abbaues des internationalen Zoll- toaU.es zu prüfen, kümmert Die EnglänDer bezeich­nenderweise wenig. Sie sagen schon jetzt dieser Tä­tigkeit einen vollen Mißerfolg voraus und geben höchstens zu, daß verschiedene Ausschüsse und Unter­ausschüsse Die Frucht Der Zeelandschen Tätigkeit sein würDen, daß die Akteirberge wüchsen und die ganze Erörterung Der Niederlegung Der Hanbelsschranken rem akabemisch verlaufe. Mit solchem Pessimismus, solcher Verneinung stehen zwar Die politischen unb wirtschaftlichen offiziellen Äußerungen ber briti- chen Staatsmänner in Widerspruch,' aber bie Ver­neinung ist tatsächlich ber Grunbzug ber englischen Wirtschaftspolitik. Man spricht von Freihanbel unb orgt gleichzeitig bafür, baß Die Schutzzollmauern um bas Land, unangetastet bleiben!

Immerhin ist die Ankündigung Hulls, daß der große amerikanische Kontinent jetzt bie Hanbels- chranken nieberlegen will, wohl als Beginn ber Auseinanbersetzung zwischen Freihanbel unb Schutzzoll anzusehen. Das amerikanische Beispiel konnte, ba Amerika als Wirtschaftsmacht unzweifel­haft an erster Stelle steht, richtunggebenb werben, wenn wirklich Washington ernst macht. Alle Völker haben ein Interesse baran, baß ber Wirtschaftsaus­tausch wieder ungehemmt vor sich geht, und vor allem die Mächte, Die keine Rohstoffquellen be­sitzen. Wenn England der Hort des Wiberstandes fein