lfr.79 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Dienstag, b.April 1957
Staats oper leitete. Die szenische Dynamik des Werkes gliederte er in fließender Bewegung des Spiels mit virtuoser Sicherheit, er ließ die Akte anschwellen und abklingen und fand Möglichkeiten, außer der Tiefe auch die Höhe der Bühne für die Darstellung zu verwenden. Dazu die musikalische Leitung Leo Blechs, unter dessen Händen die prickelnde Rhythmik, die melodische Pracht und die dramatische Prägnanz der Musik sich in einer unendlichen Stufenfolge des Ausdrucks entfalteten. — Das gab mit Sängern wie Maria Müller und Marcel Witt risch als Liebespaar und den köstlichen Komikern Fritz K r e n n als zungengewandtem Heiratsvermittler und Erich Zimmermann als stotterndem Tölpel eine in jeder Hinsicht vollkommene Aufführung, die mit Recht bejubelt wurde.
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Einen Publikumserfolg, der in einem außergewöhnlichen Ereignis begründet war, errang auch Wilhelm Furtwängler, der für die meisten Berliner Musikfreunde zum erstenmal als K o m -
Die „Hitler-Freiplatz-Spende".
Bon Heini Sieubing, Gauschulungsbeaufiragier der NSV.
p o n ist in Erscheinung trat und die Erstaufführung seiner neuen Sonate in d - m o 11 für Violine und Klavier zusammen mit Hugo K o l b e r g an einem zweiten Abend wiederholen mußte. Das Werk ist einzigartig in seiner Quantität: Es dauert 55 Minuten, sprengt die Grenzen der Sonate und reicht — unter starker Bevorzugung des Klaviers — vom poetischen Stimmungsbildchen bis zur instrumentalen Ballung der Symphonik, ja bis zur Dramatik der Opernszene. Stilistisch läßt Furtwängler die „moderne" Musik fast unbeachtet. Mit Brahms • wäre die Grundhaltung ungefähr angedeutet, obgleich sich auch manche anderen Elemente zusammenfinden. Das Wesentliche ist jedoch der ungeheure Ausdruckswille, mit dem ein zwischen heroischem Aufbegehren und tiefer Resignation gespannter, mit tragischen Zügen gezeichneter Mensch sich selbst bekennt. In der Ekstase, die hinter die Dinge zu greifen versucht, ergeben sich Parallelen zur Eigenart des Dirigenten Furtwängler. Wo sich bei diesem der persönliche Deutungswille mit der Antwort im vorgeformten Werke vereinigt, ragt jedoch beim Komponisten Furtwängler die leidenschaftliche Frage auf, die zur Klarheit durchstoßen will. Dem Bewunderer des Dirigenten eröffnete der Komponist ergreifende Einblicke in sein menschliches Wesen. Johannes Jacobi.
Oper und Konzert in Berlin
Wilhelm Furtwängler als Komponist.
Auf eine Sängergemeinschaft von Weltrang und Bayreuther Weihe stützte sich die Neuinszenierung des „Parsifal" in der Staatsoper. Max L o - r e n z, als tumber Tor nicht weniger überzeugend als in der Reife des wissenden Erlösers, Frida Leider, eine in der psychologischen und deklamatorischen Meisterung der Verführungsszene wie in der Biegsamkeit des fülligen Organs noch immer unerreichte Kundry, Herbert Janssens wahrhaft ergreifender Amfortas, Ivar Andresens Gurne- manz und Eugen F u ch s' scharf gezeichneter Kling- sor standen unter der musikalischen Führung Robert Hegers, der mit der bezaubernd musizierenden Staatskapelle eine seiner besten Dirigentenleistungen schuf. Dos szenische Gewand gestaltete der Preetorius-Scküler Gottfried zum Winkel mit starkem Bemühen um einen Ausgleich zwischen Ueberlieferung und persönlicher Einfühlung in den Charakter des Werkes. Glücklicherweise konnte der vom Kulissenbrand verschonte Gralstempel von Arovantinos unverändert verwendet werden. Er ist in seiner feierlichen Weiträumigkeit und formalen Geschlossenheit eine der eigenwilligsten, aber überzeugendsten Lösungen des umstrittenen Problems. Als Spielleiter fand der Opernreferent der Reichstheaterkammer, Bruno von N i e s f e n , einen angemessenen, mythisch überhöhten und dennoch sparsamen Gebärdenstil.
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Eine Regieleistunq bedeutenden Ausmaßes bot auf völlig anderer Ebene wieder Josef Gielen, der die Neuinszenierung der „Verkauften Braut" von Friedrich Smetana in der
Dom 1. bis 10. April führt die NSV. des Gaues Hessen-Nassau eine Werbeaktion für ihre Sommerarbeit durch, die neben der Kinderlandverschickung, den Erntekindergärten und Zeltlagern auch die Hitler-Freiplatz- Spende in Den Vordergrund stellt.
NSG. Am 1. Januar 1936 wurde die Abteilung „Hitler - Freiplatz - Spende" der Reichsleitung der NSDAP, in München in das Hauptamt für Dolks- wohlfahrt eingegliedert. Seit dieser Zeit liegt die gesamte Erholungspflege für Erwachsene in den Händen der NS.-Volkswohlfahrt. In der „Hitler- Freiplatz-Spende" wird auch die „Volksgenossenverschickung" mit bearbeitet. Der „Hitler-Freiplatz- Spende" ist die Aufgabe gestellt worden, allen bedürftigen Volksgenossen einen kostenlosen Erholungsaufenthalt zu verschaffen. Hier zeigt sich die Größe unserer sozialen Arbeit, daß nicht ein Unterschied gemacht wird zwischen Parteigenossen und Volksgenossen, sondern daß die NS.-Volkswohlfahrt eine Organisation ist, die allen helfen will.
Urlauber, die im Rahmen der „Hitler-Freiplatz- Spenden" berücksichtigt werden, sind Parteigenossen und Angehörige der NS.-Formation, die sich vor der Machtübernahme des Führers schon für die Wiedererneuerung unseres Volkes mit ganzer Kraft eingesetzt haben. Heute ist es unsere Verpflichtung, diesen treuen Paladinen einen Erholungsaufenthalt zu schaffen, der ihnen für einige Tage und Wochen Freude verschafft und neue Kräfte gibt, um im Alltag ihren Mann zu stellen. Die NS.-Volkswohlfahrt wirbt mit ihren Tausenden von ehrenamtlichen Helfern im ganzen Reich bei Volksgenossen, die gut gestellt sind, Freiplätze und prüft, ob sie für die Aufnahme eines Urlaubers geeignet find. Wir legen Wert darauf, daß genau wie bei der Jugenderholungspflege die Menschen, die einen Erholungsaufenthalt zur Verfügung stellen, auch in weltanschaulicher Hinsicht in Ordnung gehen. Ferner muß die Familie wirklich aus innerster Ueber- zeugung der NSV. den Freiplatz für einen bedürftigen Volksgenossen zur Verfügung stellen. Wir sorgen dafür, daß in Zusammenarbeit mit den NS.-Gliederungen nur der Urlauber einen Freiplatz erhält, der würdig und bedürftig ist.
Um eine erfolgreiche Arbeit zu gestalten, wird eine Arbeitsgemeinschaft in den Gauen und in den Kreisen gebildet, der SA., SS., HI., NSKK., NSKOV., Reichsbund (Kyffhäuser), Deutscher Gemeindetag, Reichsfremdenverkehrsverband ufw. angehören. Die NS.-Volkswohlfahrt hat die Führung dieser Arbeitsgemeinschaft und trägt den Vor
schlägen und Wünschen der Vertreter der genannten Organisationen Rechnung. Dabei werden selbstverständlich die Formationen, Vereine, Verbände usw. zur Mitarbeit herangezogen, und fast immer wurde ein erfreuliches Ergebnis erreicht. Durch die Verschickung von Partei- und Volksgenossen im Rahmen der „Adolf-Hitler-Freiplatz-Spende" und der „Volksgenossenverschickung" in alle Gaue unseres Vaterlandes lernen sich alle Stämme kennen. Aus Nord, Süd, Ost und West kommen sie oft in einen Kreis bzw. eine Ortsgruppe zusammen und verbringen in Kameradschaftlichkeit ihre Urlaubstage und tauschen Erinnerungen aus der Kampfzeit aus. Damit dient die Erholungspflege für Erwachsene gleichzeitig auch der Volksverbundenheit, der Gemeinschaftlichkeit und der Stärkung des einzelnen.
Wie oft kommt es vor, daß der Urlauber nicht in der Lage ist, die Fahrtkosten zu tragen; hier hilft ihm die NS.-Volkswohlfahrt und gibt ihm Fahrpreisermäßigungsscheine, ja sogar einen Zuschuß für die restlichen 50 v. H. der Fahrtkosten. Bei genauer Prüfung erhält dann der Urlauber noch ein kleines Taschengeld, das ihm die Möglichkeit gibt, die Sehenswürdigkeiten des Urlauberortes zu besuchen. Das Hauptamt in Berlin, über das die geworbenen Freiplätze gehen, versichert jeden einzelnen, der im Rahmen der „Hitler-Freiplatz- Spende" verschickt wird, gegen Unfälle während der Erholungszeit und auf der Bahnfahrt. Die Ortsgruppen der NS.-Volkswohlfahrt sind angewiesen, wenn mehrere Urlauber an einem Ort verweilen, diese öfters zu Veranstaltungen einzuladen, um die Freude des Urlaubers zu vergrößern. Sie bekommen Dergünftigungskarten für Theater oder Filmvorführungen, soweit es geht, auch für die Straßenbahn. Hieraus ersieht man, daß mit viel Liebe und Sorgfalt daran gegangen wird, dem Urlauber feinen Aufenthalt so schön wie möglich zu gestalten. Handelt es sich um einen Urlauber, der Arbeitslosen- oder Wohlfahrtsunterstützung bezieht, so wird auch hier alles getan, damit er die Unterstützung für seine Familie während seines Erholungsaufenthaltes weiter bekommt. Die Verhandlungen mit den Landesarbeitsämtern und den Vorständen der Bezirksfürsorgeverbände, konnte bis jetzt auf einer Basis durchgeführt werden, die dem Urlauber restlos gedient hat. Durch die Fortzahlung der Unterstützung wurde die Familie in ihrer Lebenshaltung nicht beschränkt, ja sie konnte sogar eine Erleichterung verspüren.
Auch Hitler-Jungen wurden in genügender Anzahl bei der diesjährigen Aktion berücksichtigt. Er-
Zwei Standardwerke der Opernliteratur, die religiöse Gedanken und Stimmungen des Christentums in anschaubarer Gestalt auf Die Musikbühne verpflanzten, erschienen kurz vor Ostern in neuem Gewand auf den Berliner Opernbühnen: Richard Wagners „Parsifal" und Wilhelm Kienzls „E v a n g e l i m a n n". Das Zusammentreffen zeigte nicht allein die starke Abhängigkeit, die den Kienzl des „Eoangelimann" mit dem damals übermächtig nachwirkenden Wagner verband, es schärfte auch den Blick für die Grenzen, die der Darstellung des Religiösen auf der Bühne gezogen find. Im „Par- fifar ist das Heilige mit dem Allgemein-Menschlichen eine reine Verbindung eingegangen, die die Erlösungsidee auf mythischer Ebene verwirklicht. Kienzl dagegen stellt die von sentimentaler Volksbuchromantik umsponnene Gestalt des Evangeli- mann in den Mittelpunkt eines realistischen Eifersuchtsdramas, das die sanfte Lyrik des Komponisten aus der liederfrohen Steiermark und den musikalischen Vokabelschatz des Wagner-Epigonen mit dem italienischen Opernverismus der Jahrhundertwende würzt. Wird die Sonderstellung des „Parsifal" auf der Opernbühne praktisch durch die enge Bindung der Aufführungen an die christlichen Festzeiten gewahrt, so sollte man meinen, daß der „Eoangelimann" heute auf Verwunderung, mindestens auf Zurückhaltung des Publikums stoßen würde. Aber weit gefehlt. Die Neuaufführung im Deutschen Opernhaus löste begeisterten, ja tobenden Beifall aus, der immer wieder in die Handlung hineinbrandete.
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Dem Verlangen des naiven Opernbesuchers nach kontraststarker Gegenüberstellung von Gut und Böse kam die Inszenierung des Generalintendanten Wilhelm Rode entgegen, die sich keine Wirkungsmöglichkeit des realistischen Theaters entgehen ließ und in Hans Reinmar als Johannes und Walther Ludwig als Eoangelimann zwei Darsteller aufwies, die diese Regieabsichten mit selbstloser Hingabe verwirklichten. Beide Künstler boten unter Walter Lutzes musikalischer Leitung gemeinsam mit Luise Wille r, die die berühmte Arie der Magdalena durch edelste Vortragskultur adelte, auch gesanglich prachtvolle Leistungen.
freulich ist es, daß der Gau Hessen-Nassau bei der diesjährigen Aktion „Hitler-Freiplatz-Spende" und die „Dolksgenossenverschickung" den ersten Platz im Reiche erhielt und damit erneut seine Einsatzbereit- schäft unter Beweis stellte.
Zum Schluß möchte ich noch die Hitler-Urlauber- Kameradschaften erwähnen, die in unserem Gau, wie auch im ganzen Reich zusammengestellt wurden. Hier handelt es sich meist um eine Geldspende der Stadt, ober der Gemeinde, oder sonst einer Behörde, die sich verpflichtet hat, mehrere Urlauber zu gleicher Zeit in einem Hotel, einer Pension oder einer Jugendherberge aufzunehmen. Hier treffen sich cq. 30 alte Kämpfer, gleich ob sie der SA., SS., NSKK. oder HI. angehören, verbringen zwei bis drei Wochen unter Führung eines bewährten Parteigenossen und unter der sorgfältigsten Betreuung der NS.-Volkswohlfahrt ihren Erholungsaufenthalt.
Im Gau Hessen-Nassau konnten über vierzehn „Hitler-Urlauber-Kameradlchaften" erstellt werden, und über 400 Parteigenossen wird damit Erholung gewährt. Die Bevölkerung hat sich durch diese „Hit- ler-Urlauber-Komeradschaften", die man im Anfang „Urlauber-Marschblock" nannte, davon überzeugen können, wie die NSV. um das Wohl der alten Parteigenossen besorgt ist.
Auch im Jahre 1937 wird die „Hitler-Freiplatz- Spende" wieder betrieben, und es wird jeder aufgefordert werden, Freiplätze zur Verfügung zu stellen.
Stabschef Luhe kommt nach Frankfurt
Lpd. Frankfurt a. M., 5. April. Arn 10. April findet in Frankfurt a. M. ein großes Hallen-Sport- feft der SA.-Gruppe Hessen statt, an dem Stabschef Lutze teilnehmen wird.
Auch dein Zunae will dabei sein'
NSG. Am Mittwoch findet im gesamten Gaugebiet Hessen-Nassau der zweite Einführungsdienst der neuaufgenommenen Pimpfe statt, der sie mit dem Jungvolkbetrieb vertraut machen und in die Gemeinschaft einreihen wird.
Eine Mahnung für Kraftfahrer.
Nehmt keine Kinder auf größere Entfernungen mit!
Lpd. Vor einigen Tagen ging eine Nachricht durch die Tageszeitungen, wonach eine 13jährige Schülerin ohne Wissen der Eltern mit einem Fernlastzug von Bremen ins Rheinland gefahren war. Es wurde ermittelt, daß sie am 25. März in Boppard war. Sie fuhr in Richtung Köln weiter, und von da fehlte jede Spur, fo daß ein Verbrechen vermutet wurde. Nunmehr wurde das Mädchen durch die Polizei in Koblenz ermittelt und den Eltern zugeführt.
Laftwagenfahrer werden dringend davor gewarnt, allein unterwegs befindliche Kinder auf derartige Entfernungen mitzunehmen, da den Eltern unnötige Sorgen und Unkosten entstehen.
Alkoholverbot für Jugendliche.
DNB. Der Reichsführer SS. und Chef der deutschen Polizei macht in einem Runderlaß den Polizeibehörden zur Pflicht, mit Nachdruck darüber zu wachen, daß die nach § 16" des Gaststättengesetzes zum Schutze der Jugend bestehenden Anordnungen genau beachtet werden.
Der Erlaß erinnert daran, daß -ber Ausschank von Branntwein ober vorwiegenb branntweinhaltiger Genußmittel im Betriebe einer Gast- ober Schankwirtschaft ober im Kleinhanbel an Personen, bie bas 18. Lebensjahr noch nicht vollenbet haben, zu eigenem Genuß verboten ist, baß ferner bie Verabreichung von geistigen Getränken ober Tabakwaren an Personen, bie bas 16. Lebensjahr noch nicht vollenbet haben, zu eigenem Genuß in Abwesenheit bes zu ihrer Erziehung Berechtigten ober seines Vertreters ebenfalls verboten ist.
Weiter wirb an bie in allen beutfchen Lanbes- teilen bestehenben polizeilichen Anorbnungen erinnert, bie eine Teilnahme Jugenblicher an öffentlichen Tanzlustbarkeiten verbieten. Auch für bie Befolgung dieser Anordnungen sollen die Polizeibehörden mit Nachdruck Sorge tragen.
Zehn Teufel und ein Rekrut.
Don Erich paehmann.
Sie trug den Namen Hexe, aber sie hatte zehn Teufel im Leibe. Es hätte nicht des Warnungsschildes bedurft, um das festzustellen. Man konnte es schon an den beiden Flankierbäumen sehen, die mit den Spuren ihrer wüsten Sinnesart bedeckt waren. Auch aus zwei Bohlen, mit denen ihre Box rückwärts gegen die Stallgasse verbarrikadiert war, hatten ihre Eisen breite Späne herausgeschlagen. Sie trug zwei Halfter übereinander und war mit doppelten Stallketten angebunden. Einmal, vor etwa vier Wochen, zu Anfang ihrer militärischen Laufbahn, hatte man auch den Versuch unternommen, sie als Vorderpferd vor die Kanone zu spannen. Es war ein verhältnismäßig glimpflicher Mißerfolg; er foftetete nur einem Fahrer ein halbes Ohrläppchen und einem anderen zehn Zentimeter Knochenhaut. Seit dieser Zeit ließ man die Bestie im Stalle stehen und sich an des Kaisers Hafer mästen. Denn man schrieb bas Jahr 1916.
Um diese Zeit traf mit einem Trupp Aspiranten der Kanonier Berthold in Wahn ein, um einen
Kursus in der Schießschule zu absolvieren. Berthold war Kriegsfreiwilliger und kam geradewegs von den Bänken eines humanistischen Gymnasiums. Aber in den wenigen Wochen Militärzeit war die lateinische Politur so rettungslos abgeblättert, daß an allen Ecken und Kanten seine siebzehn Lenze in ihrer unbekümmerten Natürlichkeit zum Vorschein kamen. — Zum Offizierskursus gehörte auch Reiten und Pferbepflege. Daher hatte Bertholb halb Gelegenheit, mit ber Hexe bekannt zu werben. Unb zwar fand biefe Bekanntschaft zu einem ziemlich günstigen Zeitpunkt statt, kurz nach bem Füttern.
Bertholb trug von bem bäuerlichen Großvater her eine geheime Liebe zu allem Viehzeug in seiner Seele Daher war er am Morgen nach seiner Ankunft bevor noch ber Dienst für bie Kursusteilnehmer begonnen hatte, ein bißchen durch die erste Stallbaracke geschlendert. Die Gäule standen rechts unb links mit breiten Kruppen in ben Standen, mahlten ihren Hafer unb schnoben ab unb zu m bie Krippen, daß ber Häcksel aufstob kaum einer bog den Hals nach dem Schritt, der über der Stallgasse klang. Dann kam Berthold an einen leeren Stand und nebenan, am Ende der Reihe, stand die Hexe.
Berthold war kaum stehengeblieben als sie schon die Ohren anlegte und erregt ben Kops herumwarf. Dabei trieb sie die Luft mit einem kurzen, bösartigen Schnaufen durch die Nüstern unb brannte mit ber Hinterhand zur Seite, fomeit es ber Flankier
bäum zuließ. Und da der Ruhestörer noch nicht weichen wollte, dauerte es nicht mehr lange, bis ihre Eisen krachend gegen die Bohlen fuhren. Zwischendurch äugte sie hastig und nervös nach hinten.
Berthold ging in den leeren Nebenstand. Dabei redete er mit ruhiger Stimme immer wieder auf das Tier ein. Aber wenn er den Versuch machte, heranzutreten, zog es bie Oberlippe über bem Gebiß hoch und begann nach ihm zu schnappen. Es dauerte eine Viertelstunde, in der er zentimeterweise näherrückte, bis es sich mit seiner Gegenwart notdürftig abgefunden hatte unb sogar mieber zu fressen anfing. Aber bas war auch bas Aeußerste, was er für heute bei der Hexe erreichen konnte. Nach zwei Tagen erschien er auf ber Schreibstube unb bat um seine Versetzung zur Bespannung. Das war für einen Aspiranten reichlich ungewöhnlich, man willfahrte jedoch seiner Bitte. Er brachte es sogar fertig, daß unter den zwei Gäulen, die ihm zugeteilt wurden, sich die Hexe befand.
Mit diesem Tage begann ein stiller, hartnäckiger Kampf zwischen ber großen, ungebärdigen Kreatur und bem kleinen Rekruten. Man wartete in ber ganzen Batterie mit einer besorgten Spannung barauf, wie lange bie Bestie brauchen würbe, um ihren jugendlichen Herrn klein zu kriegen. Aber der wurde nicht klein.- Der hatte nach knapp vierzehn Tagen das Kunststück fertiggebracht, daß sich bie Hexe ohne Nasenknebel putzen ließ. Sie knabberte höchstens ein bißchen unwillig an ber Krippe herum, wenn ihr bie Karbätsche allzu hastig unter ben Bauch fuhr. Aber eigentlich war das auch mehr Spielerei als richtige böse Laune.
Nach weiteren vierzehn Tagen machte man zum zweitenmale ben Versuch, sie als Hanbpferb einzuspannen: biesmal gelang es. Sie tänzelte zuerst noch ein bißchen in ben Riemen, aber als Bernjofb vom Sattelpferb aus ein paarmal begütigend ihren Hals beklopfte, stellte sie die Ohren gerade und zog an. Damit war bie Hexe felbbienstfahig geworben.
Kurze Zeit barauf geschah es, daß ein Waggon mit sechs Pferden und drei Mann nach Westen rollte, darunter auch die Hexe und der Gefreite Berthold. In Cambrai wurden sie ausgelaben, bann ging es im Sattel auf Bourlonwalb zu, wo bas Bataillon in Ruhe lag. Der Batterieführer lachte zunächst als ba hinter ben beiben langen Ersatzfahrern aus ber Garnison ein blutjunges Bürschchen als Transportführer zum Vorschein kam unb sechs Pferde und drei Mann zur Stelle meldete. Aber bald wandelte sich sein Lachen in Wohlgefallen. Denn dieses Bürschchen unb fein Hanbpferb Hexe waren zwei richtige Staatskerle, quick unb
roenbig, Kameraben durch dick und dünn und ewig guter Laune. Als der Batteriechef eines Nachts in der Wechselstellung bei einer Runde die Beiden in tiefer Eintracht zusammen schlafen sah, den kleinen Krieger mit dem Kopf auf bem weichen Pferdehals, wollte ihm das Schmunzeln, das ihn anfänglich ankam, nicht mehr ganz gelingen, unb er ging zum ersten Male auf Zehenspitzen aus einer zerschossenen französischen Scheune heraus.
Hexe ist in Frankreich geblieben, aber sie starb einen raschen unb leichten Tob, mitten auf einem saftigen Kleeacker bei bem Dorfe la Frontelle.
Die Tommies hatten die Angewohnheit, jeden Nachmittag, den Gott werden ließ, regelmäßig bie Dörfer in ber Siegfriebstellung nach einem men- schenfreunblichen Schema unter bas Feuer ihrer Langrohre zu nehmen. La Frontelle kam meistens so gegen vier Uhr an bie Reihe. Jeder Fahrer pflegte also um diese Zeit, wenn es anging, seine Gäule aus dem Dorfe herauszuziehen unb auf einer Wiese hinter Hügeldeckung grasen zu lassen. Die konnten außerdem bas Zusatzfutter gut gebrauchen, benn man war jetzt Nacht für Nacht mit Munitionstransporten braufeen in Stellung.
Nur der Hexe schienen diese anstrengenden Nachtfuhren nichts auszumachen. Sie war trotz der acht Pfund Hafer, auf die man die Tagesration pro Pferdekopf vermindert hatte, noch immer prall und rund im Futter und bekam sogar manchmal unzeitgemäße Anwandlungen von jugendlichem lieber» mut. So konnte sie mitten aus friedlichem Grafen heraus den Kopf hochwerfen und über die Koppel sprengen, als wäre ein Schwarm Bremsen hinter ihr her. Und ebenso plötzlich stoppte sie wieder ab ober machte auch fchnell ein paar überflüssige und komische Galoppaden auf der Stelle.
An einem solchen Nachmittag hatte ber Richtkanonier auf ber anderen Seite mal den unglückseligen Einfall, eine Granate ein paar Strich links neben das Dorf zu fetzen, direkt auf den Kleeacker. Ein Splitter traf die Hexe auf das Blatt.
Sie brach mitten im Sprung zusammen, zuerst auf die Knie, bann fiel sie schwer auf bie Seite, und zuletzt sank der Kopf, ben sie noch immer in stummer Verwunberung hochgereckt hatte, langsam unb still zu Boben. Aus ber Wunbe troff noch eine Zeit- lang ein bünner Faben Blut in bie blühenben Kleebüschel hinab.
Als Berthold von ihr Abschied nahm, starrten seine Kameraden angestrengt nach einer anderen Richtung. Eine Stunde später stand er vor dem Bataillons-Kommandeur und meldete-sich zur Versetzung an bas Geschütz.
Lichtspielhaus:
„Die Stimme des Herzens."
Dies ist ein neuer Film mit Benjamino (Sigit, unb es bedarf keiner Versicherung, daß die ungezählten Bewunderer feiner prachtvollen Stimme hier wie in allen vorausgegangenen Gigli-Filmen auf ihre Kosten kommen: der Maestro singt, vom Drehbuch mit einer wahrhaft verschwenderischen Partie ausgestattet, sozusagen von der ersten bis zur letzten Szene, im Konzertsaal, auf ber Probe, in der Osteria, sogar auf bem Bahnhof in Wien, vom Bestall einer begeisterten Menge von Reisen- ben überschüttet, von benen vermutlich viele ihren Anschluß verpassen; er singt aus „Martha", aus dem „Lohengrin" (italienisch), am allerhübschesten ein paar kleine Kinderlieber inmitten eines Schwarms von Buben und Mädchen im Spielzeugladen. Der Glanz, ber Umfang, die ftrahlenbe Höhe feiner Stimme find hier fchvn mehrfach geschildert worden; es erübrigt sich, noch einmal ausführlich davon zu sprechen; aber es darf vielleicht gesagt werden, baß ihm das Drehbuch diesmal gewisse Sentimentalitäten freundlich erspart hat, die früher gelegentlich den Eindruck beeinträchtigten. Hier geht am Ende alles gut aus, und Gigli hat, wie ein guter Papa oder Onkel, nicht wenig dazu beigetragen; daß er sich ganz einfach und sogar ein wenig mit Humor geben kann, statt in eitel Gram, Verzweiflung und getäuschter Liebe, ist eine erfreulich neue Note im traditionellen (Sefangsfilm. Geraldine Katt — wir kennen sie aus bem „Mädchen Irene" — spielt in jugendlicher Unbekümmertheit, frisch, natürlich und gar nicht hoheitsvoll die kleine Prinzeß, die durch eine verwirrende Musik- leidenschaft fast um das Glück ihrer Liebe gebracht wird. Unter ber großzügigen Spielleitung von Karl Heinz Martin wirken u. a. Gustav Wolbau (ein scharmanter, alter Kammerherr), Ferdinand Marian, Gina Falckenberg unb Fritz Dbemar mit. Die Musik schrieb Dr. Giuseppe B e c c e. — (Bavaria.)
Im Beiprogramm gibt es bie Fox-Wochenschau unb einen Kulturfilm mit Bildern aus den alten, griechischen Hafenstädten Saloniki und Aegina.
Hans Thyriot
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Dem ao. Prof. Dr. habil. Wilhelm Schütz in München ist unter Ernennung zum o. Professor in der Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Königsberg ber Lehrstuhl für Experimen- tal-Physik übertragen worben.


