Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)
GA„ GG.,NSKK. und Kinderreiche sammeln für das Winterhilfewerk.
Am heutigen Samstag und am morgigen Sonntag stellen sich die Männer der SA., SS. und des NSKK. wieder in den Dienst des Winterhilfswerks. Ihnen schließen sich bei diesem Dienst die Mitglieder des Reichsbundes der Kinderreichen als Sammler an.
Wie die politischen Soldaten des Führers sich bei den bisherigen Sammlungen für das Winterhilfswerk immer mit aller Tatkraft für vollen Erfolg ihrer Helfertätigkeit einsehten, so werden sie es auch am heutigen Samstag und am morgigen Sonntag an dem altbewährten Helfer- und Opfergeist nicht fehlen lassen.
Sie werden durch ihren Eifer auch die zum ersten Male als Vertreter ihrer Organisation in dieser Front auftretenden Väter von kinderreichen Familien zum gleichen starken Einsatz begeistern.
Auf den Straßen und in den Gaststätten, nach dem heutigen Arbeitsschluß bis in den späten Abend hinein, und am morgigen Sonntag von frühmorgens bis zum Nachmittag, werden sie alle als Helfer und Mitkämpfer für das WHW. die Volksgenossen in Stadt und Land zum Opfer für die gute und große Sache aufrufen.
Und wie bisher, so werden auch diesmal wieder alle deutschen Männer und Frauen, alle Zungen und Mädels sich mit ihrer Opfergabe gerne zu der großen Gemeinschaft aller hilfsbereiten deutschen Menschen bekennen, die es als eine Ehre ansehen, den in schwerem Daseinskampf stehenden Volksgenossen helfend zur Seite stehen zu können.
Alle werden gerne das Spendeabzeichen des WHW. erwerben und dadurch wiederum Mitarbeiten im Dienste des Führers und der großen deutschen Volksgemeinschaft!
Platzkonzert der SA
Anläßlich der Sammlung der SA. für das WHW. gibt der Musikzug der SA.-Standarte 116 unter Leitung von Musikzugführer Herrmann am morgigen Sonntag, 7. März, auf dem Bahnhofsplatz von 11 bis 11.30 Uhr ein Platzkonzert. Die bekannten hervorragenden instrumentalen Darbietungen des SA.-Musikzuges werden sicherlich wiederum eine zahlreiche dankbare Zuhörerschaft finden.
Gießen im Zeichen der Artillerie.
Der Auftakt für das zweite Artilleristentreffen in Gießen.
Am heutigen Samstagabend und am morgigen Sonntag wird unsere Stadt im Zeichen des 2. Ar - tilleristen-Treffens stehen. Was dieses kameradschaftliche Treffen der alten Artilleristen mit der aktiven Truppe unserer Artillerie-Garnison bringen wird, haben wir in unserem gestrigen Blatte in großen Zügen bereits mitgeteilt, heute morgen trat zutage, daß auch von auswärts das Interesse der einstigen Soldaten mit dem schwarzen Kragen an dieser Veranstaltung außerordentlich groß ist, so daß man mit sehr starkem Besuch rechnen kann.
Einen eindrucksvollen Auftakt erfuhr der Artille- risten-Tag durch einen Uebungsmarfd) u n - ferer Artille rie-Abteiluna am heutigen Vormittag, bei dem man einen Ausschnitt des militärischen Ereignisses auch in den Straßen der Stadt sehen konnte.
Artillerie fährt durch die Stadt.
Die III. Abteilung des Artillerie-Regiments 9 zog von ihrer Kaserne an der Grünberger Straße mit allen Geschützen und den Fahrzeugen des Nachrichtenzuges zu einer Uebungsfahrt aus und be
rührte dabei ansehnliche Teile des Stadtgebietes. Das Trompeterkorps der Abteilung ritt an der Spitze der Truppe und schmetterte schneidige Marschmusik in den jungen Morgen. Die Pferde tänzelten auf dem Pflaster, schwer ratterten die Geschütze und die besetzten Fahrzeuge einher. Der Weg ging von der Kaserne aus bis zur Volkshalle, dann über den Kugelberg und die Licher Straße herab, durch die Moltkestraße über den Adolf-Hitler-Wall, sodann durch eine Reihe Straßen der Innenstadt.
Der großartige Zug unserer Artillerie erregte bei den Straßenpassanten Helle Begeisterung und große Freude, wozu die ausgezeichnete Haltung der Soldaten, das schmucke Pferdematerial, die Geschütze und Wagen in ihrer wuchtigen und eindrucksvollen Gestalt allen Anlaß gaben. Wiederum konnte man berechtigten Stolz empfinden beim Anblick der Truppe, die uns an ihrem Teile die wunderbare Größe der wiedererstandenen Wehrmacht vor Augen führte. Natürlich waren die Kinder in den Straßen ganz besonders begeistert über die Gießener Artilleristen, die ihnen diese unerwartete Morgenüberraschung vor dem Schulanfang bereiteten.
Kr.55 Drittes Blatt
Aus der proviuzialhauptstadt.
Eine Lokomotive erzählt.
Einen Spaziergang zum Bahnsteig macht man nicht alle Tage. Die meisten Menschen tun es wahrscheinlich nur dann, wenn sie auf Reisen gehen oder einem das Geleit bis zur Bahn oder von da bis zur Stadt geben, oder einen ganz besonders eiligen Brief selbst zum Bahnpostwagen bringen. Und doch ist der Groschen für die Bahnsteigkarte nicht weggeworfenes Geld, denn es gibt immer Überraschungen hinter der Sperre. Wieviel wehmütige, Höfliche, lächerliche und freudige Szenen ereignen sich vor den Abteilen der aus- und einfahrenden Züge! Wieviel mannigfache Einblicke in Temperament und Verhältnis der Partner zu einander geben die Gesten des Abschiedes und der Begrüßung. Die Phantasie hat Beschäftigung genug.
Aber diesmal wurde ich von anderen Dingen in Anspruch genommen. Die Lokomotive eines einfahrenden Zuges machte unmittelbar vor meinem Standort halt, und stieß sehr hastig und geräuschvoll ihren Atem aus, als ob sie für ihre Schnelligkeit besonders gelobt fein wollte. „Ja, ja", keuchte sie, „betrachte dir nur einmal meinen Ausweis, die Buchstaben und Zahlen unter dem Namen meiner Firma „Deutsche Reichsbahn" an der Außenseite des Führerstandes ein wenig genauer. Da siehst du, daß ich nicht etwa eine Schnellzugslokomotive bin, sondern eine schlichte Personenzugmaschine. Die beiden ersten Ziffern der großen Zahl 38 3696 sagen es dir. Die Reihe der Personenzuglokomotiven umfaßt nämlich die Zahlen 20 bis 39. Die Zahlen darunter bis 19 kennzeichnen die Schnellzugmaschinen, die darüber bis 59 die Eilzugslokomotiven. Der Rest meiner großen Zahl 38 3696, also 3696, bedeutet die Betriebsnummer. In der Mitte unter der Zahl steht der Name der Reichsbahndirektion, rechts der Heimatbahnhof und links eine neue Zahl. Diese Zahl 3517 ist das Geheimnisvollste. Sie heißt nicht etwa dreitausendfünfhundertsiebzehn, vielmehr sind die Ziffern 3 und 5 und 17 jedesmal eine Bedeutung für sich. Die erste verrät dir die Zahl der gekuppelten Achsen, die zweite Ziffer die Achsenzahl überhaupt — also von 5 Achsen sind 3 gekuppelt — und die letzte Zahl 17 bezeichnet den Achsendruck, das Gewicht, das auf jeder Achse ruhen darf. In meinem Falle 17 Tonnen. Vervielfache nun die Zahl 17 mit der voranstehenden Ziffer, also mit 5, so hast du mein Gesamtgewicht: 85 Tonnen. Vervielfache ebenso die Zahl 17 mit der ersten Ziffer 3, so erhälst du das Reibungsgewicht, das heißt das Gewicht, mit dem sich meine Arbeit auf die Schienen überträgt: 51 Tonnen. Nur zwei Zehntel dieses Gewichtes macht die Zugkraft aus, die ich auf den angekoppelten Zug ausübe, also 10,2 Tonnen. Das P vor der Zahl heißt natürlich Personenzuglokomotive und das Dreieck dahinter besagt, daß mein Schornsteinaufsatz abnehmbar ist.
Die Lokomotive begann heftiger zu pusten und zog mit aller Kraft an. „Die Zahlen am Tender?!" rief ich in ihr Schnauben und Zischen hinein, aber sie hörte nichts mehr. „21,5 m3 W 7 t K" schrieb ich in mein Notizbuch und ein Beamter bestätigte mir die Richtigkeit meiner Vermutung: der Tender fasse 21,5 Kubikmeter Wasser und 7 Tonnen Kohlen.
Wenn ich wieder auf den Bahnsteig komme, will ich mich noch mit anderen Lokomotiven anfreunden und sie ausfragen P. B.
Dornotizen
Tageskalender für Samstag.
Deutsche Arbeitsfront, Ortswaltung Gießen-Süd: 20.30 Uhr, Mitgliederversammlung im Katholischen Vereinshaus. — Stadttheater: 20 bis 22 Uhr, „Kupferne Hochzeit" (NS.-Kulturgemeinde). — Gloria-Palast, Seltersweg: „Der kleinste Rebell". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Premiere". — Ober- hessischer Kunstverein, Turmhaus am Brand: 17 bis 18 Uhr, Ausstellung „Forscher als Künstler". — Artilleristentreffen: 20 Uhr, Festabend in der Volks- Halle. — Deutsches Jungvolk, Fähnlein 1/116:
Gießener Gtadttheater.
Jochen Huth: „Die vier Gesellen."
Jochen Huth, der als Lustspiel- und Film-Autor in der letzten Zeit recht beachtliche Erfolge hatte, bezeichnet fein Stück als einen „Versuch, den Alltag ... auf die Bühne zu bringen". Es sei nämlich gar nicht wahr, daß die Leute im Theater, wie man oft hören könne, abends von ihrem eigenen Alltag „die Nase so voll" haben, daß sie dergleichen nicht mehr sehen und hören mögen. Es kommt nur daraus an ... aber das kann man im Programmheft nachlesen. Also schon beinahe ein Thefenstück, jedenfalls ein unterhaltsames. Und der Autor hat die nicht zu unterschätzende Ehrlichkeit, zu erklären: „Mein Stück hat als Lustspiel nur die eine Absicht ... zu unterhalten". Das nimmt von vornherein sehr für ihn ein.
Denn aus lauter Lustspiel-Situationen — wenn wir auch mal ehrlich sein wollen — ist unser Alltag nicht gemacht ... selbst wenn es manchmal so aussieht, wie hier zum Beispiel. Die vier Gesellen sind weiblichen Geschlechts, vier junge Mädels mit Gebrauchsgraphik und Kunstgewerbeschule, die sich zusammengetan und eine Firma für Reklame-Entwürfe aufgemacht haben. Ein gemeinnütziges Unternehmen. Oberster Grundsatz: Geschäftsinteresse geht vor Privatinterefse.
Thema des Lustspiels: in drei Akten die Fragwürdigkeit dieses Prinzips zugunsten anderer, auch nicht zu verachtender Grundsätze zu erweisen. Mit dem Privatinteresse ist das nämlich so eine Sache. Als die Firma schon knapp vor der Pleite steht, ist es die durchaus private Beziehung eines der vier Gesellen, die das Schiffchen wieder flott macht und den großen Auftrag hereinholt, der mit einem Schlage das Geschäft zu erstaunlicher Blüte bringt. Aber leider ist es nur eine Scheinblüte. Das Privatleben läßt sich nämlich auf die Dauer nicht einfach umbringen, und im Grunde ihres Herzens hat jede von den vieren ein ganz anderes und viel größeres Interesse als das Geschäft und die Firma. (Schlimm, wenn es anders wäre.)
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Und deshalb geht es mit vier Gesellen ähnlich wie mit den berühmten zehn kleinen Negerlein: am Ende sind sie zwar nicht alle tot, Gott bewahre, aber es ist keine mehr von ihnen übrig — im Geschäft. Die eine heiratet meuchlings, die zweite auch, aber nicht meuchlings, die ist ganz tapfer und denkt an die andern und an den geschworenen Eid und an die Firma und muß in aller Form hinaus- geschmiffen werden, damit sie endlich glücklich wird.
20 Uhr, Volksgemeinschaftsabend im Studentenheim. — Oberhessischer Gebirgsverein: Mvnatsversamm- lung im Hotel Köhler. — Garde-Verein: 20.30 Uhr, Versammlung im Hotel Prinz Carl. — Fröbel- seminar, Gartenstraße 30: 15 bis 18 Uhr, Ausstellung von Werk- und Nadelarbeiten. — Volksmissionswoche in der Johanneskirche: 20 Uhr, Vortrag von Pfarrer Heinemann.
Tageskalender für Sonntag.
Platzkonzert des Musikzuges der SA.: 11 bis 11.30 Uhr auf dem Bahnhofsplatz. — Stadttheater: 11.30 bis 12.30 Uhr: klastische Kammermusik; 19 bis 22.15 Uhr „Carmen". — Gloria-Palast, Seltersweg: 11.15 Uhr, „Ein Walzer für Dich"; „Der kleinste Rebell". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: 11.15 Uhr, „Die ganze Well dreht sich um Liebe"; „Premiere". — Artilleristentreffen in Gießen. — Bauerscher Gesangverein: 16.15 Uhr, Konzert in der
Die dritte ist eine „gottbegnadete Künstlerin" mit der bekannten großen Chance, die nur einmal im Leben kommt, die kann und kann plötzlich kein Plakat mehr machen, die will mehr und kann mehr und verläßt natürlich auch das sinkende Schiff.
Die Vierte ist die trotzigste und die allerehr- geizigste, bei der dauert es am längsten, die fällt erst nach einem vollen Jahr um, als die andern alle, teils reumütig, teils gerührt, zum „Jubiläum" gratulieren kommen. Da ist es aus, ganz und gar, und es ist ein Glück, daß unter den Gratulanten auch der Mann ist, dem sie den ersten Auftrag verdanken, und welcher dem übriggebliebenen Negerlein (privat natürlich) schon drei vergebliche Heiratsanträge gemacht hat. Den vierten macht sie ihm, und damit sind die vier Gesellen wie die kleinen Negerlein alle weg.
Ganz so ist es ja nun im Alltag nicht, aber der Zweck des Lustspiels „ist die Darstellung unseres Lebens in einer Form, die ihm die Schwere nimmt, ohne sie zu verleugnen". Man sah ein Lustspiel, aber man sah und hörte, durch die lustspielhaften Kulissen hindurch, auch das Einerlei und bunte Allerlei und den uns allen geläufigen Ton des täglichen Lebens. Huth hat Auge und Ohr dafür, er versteht es, eine Situation aufzubauen, ganz schlicht und selbstverständlich, ohne dicke Tone und falsche Hintergründigkeit. Sie reden da allesamt, wie ihnen und uns der Schnabel gewachsen ist, und man hort das auch von der Bühne herunter einmal sehr gern, und es ist gar nicht langweilig, sondern wirklich, wie uns verheißen wurde, unterhaltsam.
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Lohnende Aufgabe für den Regisseur. Herr Kühne hat das Stück so inszeniert, daß es in allen Teilen seine ursprüngliche Wirkungskraft entfalten konnte. Das Parkett begriff sogleich, worum es sich handelte, es hatte Verständnis für den Ton, der da angeschlagen wurde, und die Situationen, die sich entwickelten. Die Spielleitung ihrerseits verstand es, die nüchterne Lebensrealität mit der für ein Lustspiel notwendigerweise brillanten Bühnen- ralität zu verbinden, wovon der Autor in seiner Einführung spricht.
Auch das Bühnenbild (Löffler) entsprach genau diesem Tatbestand und diesem Ton; besonders hübsch die augenscheinliche Verwandlung der Räumlichkeit, die Aufstieg und Niedergang des Unternehmens spiegelte.
Ein prächtiges Quartett stellten die Damen Birk
mann, Prinz, Gerhardt und Krause;
Aula der Universität. — Goethe-Bund und Kausm. Verein: 20.15 Uhr liest Josefa Berens-Totenohl aus eigenen Werken in der Neuen Aula. — Frobel- seminar, Gartenstraße 30: 11 bis 13 Uhr und 15 bis 18 Uhr, Ausstellung von Werk- und Nadelarbeiten. — Volksmissionswoche in der Johanneskirche: 20 Uhr, Vortrag von Pfarrer Heinemann. — Ober- hessischer Kunstverein, Turmhaus am Brand: 11 bis 13 Uhr, Ausstellung „Forscher als Künstler".
Stadttheater Gießen.
Aus dem Stadtheaterbüro wird uns geschrieben: Heute abend findet zum letzten Male eine Wiederholung des großen Komodien-Erfolges „Kupferne Hochzeit" von Svend Rindom statt. Die Rolle des „Per" spielt weiterhin Hans Geißler, die Rolle des „Kersten" der Intendant Hermann Schultze- Griesheim. Die Spielleitung führt Hans G e i ß- l e r. Diese Vorstellung findet gleichzeitig als 10.
Frl. Birkmann als ,/die Krugfche", die mit Idealismus, Ernst und Trotz am längsten gegen das Privatinteresse kämpft; Frl. Prinz, die Franziska mit dem künstlerischen Ehrgeiz und dem unverwüstlichen Mundwerk; Frl. Gerhardt, die Käthe, ein rührendes Häschen, das wirklich zu feinem Glück gezwungen werden muß; Frl. Krause, die Lotte, von vornherein unsicherste Kantonistin, die es auf einmal mit der Angst kriegt.
Von der Gegenpartei: Herr Lindt, Retter in der Not, Sieger zum Schluß, nett, anständig, beharrlich. Drei liebevoll und lustig ausgemalte Typen: Herr Walther als optimistischer junger Feinmechaniker; Herr Geißler als korrekter, aber hilfloser Beamter; Herr Geiger als opferbereiter und trostspendender Malerprofessor, guter alter Onkel. Eine halb komische, halb schon traurige Figur: die alternde Sekretärin (Frau Stirl).
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Erfolg auf der ganzen Linie. Großer Beifall, zum Teil bei offener Szene. Hans Thyriot.
Post für die blauen Jungs.
Briefe gehen in alle Welt.
„Die haben es gut!" sagt ein grauhaariges Mütterchen, das bedächtigen Schrittes die Stufen vom Marinepoftbüro im Postamt C 2 in der Konig- straße in Berlin hinuntersteigt. Verlegen dreht sie ein kleines Päckchen in den Händen. Der Sohn, der sich auf einem Handelsschiff auf See befindet, sollte es als Gruß aus der Heimat erhalten, doch dafür ist das Marinepostbüro nicht zuständig, hat man ihr gesagt. Es vermittelt nur die Beförderung der Postsendungen an die im Ausland befindlichen Schiffe der Reichsmarine, — selbst bis in die entlegensten Winkel unseres Erdballs.
Jedesmal wenn ein deutsches Kriegsschiff den Heimathafen zu einer längeren Auslandreise verläßt, wird von der Reichsmarineleitung der Reise- plan bekanntgegeben, mit genauen Angaben, wann das Schiff diesen oder jenen fremdländischen Hafen anläuft. In den Tageszeitungen erscheinen kurze Ankündigungen, bis wann Sendungen für die einzelnen Schiffe aufzuliefern sind, und dann laufen im Marinepoftbüro von allen deutschen Postanstalten die Briese, Karten und Päckchen ein. Festverpackt, in plombierten Beuteln treten sie von hier aus die weite Reise zu den „blauen Jungs" an, die sich unter deutscher Flagge in fremden Meeren befinden. Und umgekehrt werden von hier aus die von den Schiffen einlaufenden Postsendungen an die Empfänger im ganzen Reich weitergeleitet.
Samstag, 5. März (937
Vorstellung für den Theaterring der NS.-Kultur- gemeinde statt. — Anfang 20 Uhr, Ende 22 Uhr.
Die 11. Morgenfeier am 7. März sieht „Klassische Kammermusik"'vor. Es gelangen zwei Frühwerke Mozarts und Beethovens zum Vortrag; Mozart: Quartett D-dur für Flöte, Violine, Viola und Dio- lincello; Beethoven: Septett Es-dur für Violine, Viola, Violincello, Contrabaß, Klarinette, Horn, Fagott. Das Konzert wird ^ausgeführt von der Kammermufikvereinigung des Städtischen Orchesters. Es wirken mit: Heinrich Grau, Franz Kerzisnik, Rudolf Meyer, Albert Ries, Georg Scheuermann, Ernst Schneider, Georg Thomas, Fritz Wilhelmi. Wir bitten unsere Besucher, die Feier nicht durch zu spätes Kommen zu stören. Anfang der Morgenveranstaltung um 11.30 Uhr, Ende 12.30 Uhr. Für unsere Platzmieter ist der Eintritt frei. — Am Sonntagabend findet eine Wiederholung des großen Erfolges „Carmen", Oper von G. Bizet, statt. Die musikalische Leitung liegt in den Händen des Kapellmeisters Paul Walter. Spielleitung führt der Intendant. Hildegard I a ch n o w singt die Partie der „Carmen". Die Partie des „Don Jose" singt Ernst August Waltz, die Partie des „Esca- miiio" Gustav Bley. Einstudierung der Tänze und choreographische Leitung: Ballettmeisterin Irmgard Zenner. Die Vorstellung findet außer Miete statt. Anfang 19 Uhr, Ende 22.15 Uhr.
Dienstag, 9. März, Anfang 20 Uhr, Ende 22.30 Uhr „Die verkaufte Braut". Komische Oper von Smetana. Musikalische Leitung: Hans H. Hampel. Spielleitung: Paul W r e d e. Dienstag-Miete 22. Vorstellung.
Mittwoch, 10. März, Anfang 19.30 Uhr bis 21.45 Uhr „Die vier Gesellen" Lustspiel von Jochen Huth. Spielleitung: Wolfgang Kühne. Mittwoch-Miete 22. Vorstellung.
Freitag, 12. März, Anfang 20 Uhr Ende 22.30 Uhr Erstaufführung „Der Opernball" Operette von Heuberaer. Musikalische Leitung: Hans H. Hampel. Spielleitung: Karl-Ludwig Lindt. Freitag- Miete 24. Vorstellung.
Sonntag, 14. März, Anfang 19.30 Uhr, Ende 21.30 Uhr. Zum letzten Male „Heiterer Tanzabend" Leitung: Irmgard Zenner. Musikalische Leitung: Ernst 'Bräuer. Hieraus: „Die schöne Galathee,, Operette von Fr. von Suppe. Musikalische Leitung Ernst Bräuer. Spielleitung: Paul W r e d e. Außer Miete.
Gießener Konzertverein.
Das näd;ste Symphoniekonzert findet nicht, wie es angekündigt war, am 9. März, statt, sondern mußte auf den 16. März verschoben werden. Als Solistin wurde die bekannte Pianistin Lubka K o l e s s a gewonnen, die das Klavierkonzert in a-moll von Robert Schumann zu Gehör bringen wird.
Ausstellung im Fröbetfeminar.
Das Fröbelseminar (Gartenstraße) zeigt am heutigen Samstag und am morgigen Sonntag einen Teil der im vergangenen Jahre geleisteten praktischen Arbeit aus dem Werkunterricht und dem hauswirtschaftlichen Unterricht. Auf die heutige Anzeige sei besonders hingewiesen.
Versammlung des Einzelhandels.
Die Kreisgruppe Gießen der Wirtschaftsgruppe Einzelhandel macht nochmals auf die am Dienstag, 9. März, im Cafe Leib, Gießen, pünktlich um 20 Uhr beginnende Berufsförderungstagung aufmerksam. (Siehe heutige Anzeige.)
Auf welchem Wege ein Bries an seinen fernen Bestimmungsort gelangt, will ich von dem Leiter des Marinepostbüros wissen. „Natürlich werden stets die schnellsten Verbindungen benutzt", heißt es, „nach Amerika die neuesten deutschen Schnelldampfer, nach anderen Erdteilen fast ausschließlich die Dampferlinien fremder Staaten, mit denen entsprechende Vereinbarungen getroffen sind."
Nur einfache Briefe, Postkarten, Postanweisungen und Geschäftspapiere sind zur Beförderung zuge- laffen, zu den Portosätzen, wie wir sie auch im Inland entrichten. Höchstgewicht 500 Gramm. Was schwerer wiegt, muß nach den Sätzen des Welt- postverkehrs freigemacht werden. Und auch dafür ist gesorgt, daß die Blaujacken einmal eine Probe heimatlicher Eßwaren erhalten können. Für Paketsendungen besteht ein besonderes Abkommen mit der Hamburger Firma Matthias Rhode, die in unbestimmten Abständen die Weiterbeförderung der Pakete übernimmt. „Aber mit den Paketen ist das so eine Sache!" Nicht jeder gutgemeinte schmackhafte oder süße Gruß von Mutter, Braut oder Schwester verträgt eine Temperatur von 35 oder 40 Grad Wärme, wie sie vielfach im Schiffsinnern herrscht, wenn es durch die Meere südlicher Breitengrade geht.
Seit 1867 besteht das Marinevostbüro, die „Hof- post", wie es einst scherzhaft in Marinekreisen hieß, da von hier aus bei Auslandsreisen auch die kaiserliche Post nachgeleitet wurde. Viel Arbeit war hier stets zu leisten. Mindestens zehn Beamte waren vor dem Kriege tätig, und während des Weltkrieges stieg der Umfang der zu bearbeitenden Post ins Unbegrenzte. Von hier aus werden auch heute die Blaujacken auf den Schiffen der Reichsmarine, die die deutsche Flagge in fremden Häfen zeigen, mit Nachrichten aus der Heimat versorgt.
Mancherlei Anfragen kommen auf das Marinepostbüro. Was dürfen wir schicken? Welches Gewicht darf es haben? Bis wann muß es dort fein? Für alles bringen die Beamten Verständnis auf, und jeder Frager erhält eine erschöpfende Antwort. In der ersten Zeit nach dem Auslaufen eines Schiffes ist der Betrieb besonders rege. Dann kommen besorgte Mütter und wollen wissen, wann der Sohn den Brief bekommen wird, wann er geantwortet haben kann, und wo er sich jetzt gerade befinden mag. Junge Ehepaare und solche, die es werden wollen, vergewissern sich vor der Ausreise, wie die Postverbindungen sind, um sich ja recht oft schreiben zu können. Viel Sorge und Liebe um unsere „blauen Jungs" lernt der Leiter des Ma- rinepoftbüros, der feit mehr als zwei Jahrzehnten auf feinem Poften steht, kennen
Adolf N e s s.


