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Jugend und Hochschule.

Das Vildersehen der Kinder.

Don Professor Or H. Wohlbold.

Wenn wir ein farbiges Bild kurz fixieren und dann auf eine Helle Fläche blicken, so sehen wir dort ein sogenanntes Nachbild in der entgegenge. setzten, komplementären Farbe. Ein grüner Fleck erscheint also zum Beispiel im Nachbild rot, eine schwarze Zeichnung sehen wir weiß auf dunklem Grund. Solche Nachbilder sind starr, wir können sie nicht durch unseren Willen beeinflussen und nach kurzer Zeit verschwinden sie.

9m Gegensatz zu ihnen sind die in unserer Erin­nerung auftauchenden Bilder, dieVorstellungs­bilder , durch den Willen leicht zu verändern. Wir können das, was wir untertags gesehen haben, mehr oder weniger deutlich an unserer Erinnerung vor- überziehen lassen, die Bilder wechseln, wie wir es haben wollen. Eine Landschaft, durch die wir ge­gangen sind, taucht als Vorstellungsbild wieder auf. Wir können uns oorftellen, wie der klare Himmel sich mit Wolken überzieht, wie ein Zug durch den Wald fährt. Manchen Menschen erscheinen solche Erinnerungsvorstellungen ganz spontan, besonders, wenn sie ermüdet sind. So berichtet ein Zoologe, der den ganzen Tag über am Mikroskop saß und Präparate studierte, daß ihm am Abend auf dem Sofa plötzlich Bild um Bild, wie er sie gesehen hatte, wieder vor die Augen trat. Ein anderer Ge­währsmann hörte noch einmal alles, was andere Menschen zu ihm gesagt hatten, so deutlich, als wenn sie wieder zu ihm sprächen.

In der Mitte zwischen den starren Nachbildern und den beweglichen Vorstellungsbildern stehen die sogenanntenAnschauungsbilder", auf die erst die neuere Psychologie aufmerksam geworden ist. Sie kommen fast nur bei Kindern vor, die man bann Eidetiker" nennt. Eidos heißt griechisch das Bild. Erwachsende sind selten Eidetiker, wenigstens bei den Kulturvölkern. Unter primitiven Rassen sind die Eidetiker sehr häufig. Läßt man ein Kind, bas diese Fähigkeit besitzt, zum Beispiel kurze Zeit ein Ge­mälde oder eine Ansichtskarte ansehen und entfernt diese dann, so verschwindet der Eindruck nicht, son­dern das Kind sieht das Bild noch immer vor sich. Es kann dem Urbild gleich gefärbt sein, bisweilen sind die Farben viel glänzender und leuchtender als auf diesem, bisweilen sind sie komplementär. Gute Eidetiker sehen alle Einzelheiten haarscharf un­ter Umständen kann das Kind nicht unterscheiden, ob es noch das Urbild selbst oder das Anschau­ungsbild sieht. Als Anschauungsbild erkennt es das­selbe nur daran, daß es sich bewegt, wenn es die Augen seitwärts wendet, geht das Bild mit. Manche Eidetiker, die eine Zeichnung kurz betrach­tet haben und dann auf ein leeres Blatt Papier sehen, erblicken sie dort nun so deutlich, daß sie diese nachzeichnen können. Sie brauchen dazu keinerlei zeichnerische Begabung. Wohin auch das Kind den Blick richtet, das Anschauungsbild geht immer mit. Der Eidetiker sieht es auf oft auch scheinbar vor oder hinter der Wand. Es dauert viel länger an als ein Nachbild und kann nach dem Verschwinden, oft mit allen Einzelheiten, wiederkehren. Biswei­len erscheint es schon bei der Betrachtung der Vor­lage und liegt dann wie ein Schleier darüber. Meist allerdings wird es erst gesehen, wenn das Urbild entfernt wurde. Es gibt Kinder, die ein einmal ge­lesenes Gedicht oder ein Prosastück sofort wieder aufsagen können. Früher glaubte man, sie hätten ein ausnehmend gutes Gedächtnis. Das ist aber gar nicht der Fall. Das Kind sieht die bedruckte Seite als Anschauungsbild vor sich und lieft den Tert ab.

Das Bildersehen der Kinder, das im allgemeinen zwischen dem 10. und 18. Lebensjahr auftritt, ist durchaus nichts Krankhaftes ober auch nur Anor­males. Bei der Prüfung ganzer Schulklassen auf eidetische Fähigkeiten zeigte es sich, daß in manchen Fällen bis zu 50 v. H. der Knaben und bis zu 75 v. H. der Mädchen Eidetiker waren. Merkwürdiger­weise ist der Prozentsatz in den einzelnen Städten verschieden groß. In Wien, Regensburg und Bres­lau waren über 30 v. H aller untersuchten Kinder Eidetiker. Viel seltener kommt ein Wiederhören von Tönen oder Melodien vor. Auf zehn Kinder, die Bilder sehen, kommt eines, das Töne hört und sel­tener werden Empfindungen zum Beispiel Schmerzen nachgefühlt, wenn sie bereits vergan­gen sind.

Besonders merfroürbig ist die Tatsache, daß es Zwei verschiedene Arten des Bildersehens gibt, so daß man an der Art der eidettschen Fähigkeiten

geradezu die besondere Veranlagung eines Kindes erkennen kann. Die Anschauungsbilder haben näm- lich entweder gewisse Eigenschaften der Nachbilder oder aber der Erinnerungsbilder. Im ersteren Fall sind sie nicht plastisch sondern mehr flächenhaft, dazu starr und unbeweglich und nicht selten ist ihre Farbe der des Urbildes komplementär. Anschau­ungsbilder dieser Art treten im allgemeinen mit dem Charakter von Zwangsvorstellungen auf, die Kinder fühlen sich von ihnen förmlich verfolgt, so daß sie diese als lästig und unangenehm empfin­den. Kinder mit dieser Art von Anfchauungsbildern werden meist einmal nüchterne Menschen, deren Begabung und Interesse nur auf bas praktische Leben gerichtet sind. Es sind dastrockene" Natu­ren, ohne Phantasie und ohne jede künstlerische Fähigkeiten. Ihr Seelenleben ist starr und wenig beweglich, ihr Standpunkt kühl und sachlich.

Die Anschauungsbilder anderer Eidetiker sind dagegen plasttsch, das Bild hat die Farben des Ur­

bildes, und oft sind sie viel leuchtender. Vor allem aber sind diese Bilder lebendig und beweglich. Sie nähern sich dadurch mehr den Erinnerungsbildern, die ja nach Belieben verändert werden können. Bis­weilen verändern sich diese Anschauungsbilder von selbst. Sie ziehen sich zusammen oder sie dehnen sich aus. Die Gegenstände rücken einander näher ober sie entfernen sich von einanber. Ein Rabfahrer sitzt plötzlich verkehrt auf bem Rab unb blickt nach hinten. Der Eibetiker kann bie Silber auch oon sich aus beliebig verändern unb bewegen. Man legte vor ein Kind einen Apfel und einen Stock mit gekrümm­tem Griff. Das Kind sah die Gegenstände noch vor sich, als sie entfernt worden waren im allge­meinen genügt für bie Hervorrufung der Anschau- ungsbilber eine Betrachtung von 15 Sekunben und nun konnte es in dem geschauten Bild den Stock nach dem Apfel hinbewegen, bis der Grif den Apfel erfaßte und ihn heranzog.

Die zweifache Art der eidettschen Fähigkeiten wei­

sen also hin auf die ursprünglichen zwei Menschen­typen, denen wir im Leben immer wieder begeg. , nen. Es kann für den Erzieher wichtig sein, die - Kinder auf ihre eidettschen Fähigkeiten hin zu prü­fen und aus der Art, wie sie auftreten, Schlüsse auf ihre Veranlagung zu ziehen. Demgemäß sind ie in der Erziehung zu führen. Die beiden Men- chentypen sind notwendig. Sie ergänzen sich gegen« eitig. Schwierigkeiten können sich im Leben nur Kinn ergeben, wenn die eine aber bie anbere Ver­anlagung ins Extrem ausarten. Dann kann der praktisch nüchterne Mensch zum Pedanten, der phantasiebegabte zum Phantasten oder zum leicht- sinnigen Springinsfeld werden. Die Erziehung kann, wenn die Veranlagung richtig erkannt wird, bem dadurch vorbeugen, daß sie für die ertreme Entwick- lung nach der einen oder anderen Seite hin recht­zeitig ein gesundes Gegengewicht schafft.

Die SWerbücherei

Was kostet mein Studium?

Wichtige Zahlen für Abiturienten und ihre Väter.

Die Parole, die Reichserziehungsminister R u st dem jungen Hochschulnachwuchs am Beginn des Vierjahresplanes für die nächste Zukunft mitgegeben hat, hieß:Wissenschaft". Mehr als je zuvor wird tüchttger geiftiger Nachwuchs auf zahlreichen Ge­bieten der Wissenschaft, dieser Zwillingsschwester der Praxis, gebraucht. Die guten Aussichten, die sich dem jungen Wissenschaftler heute vielfach bieten, sind ein starker Anreiz geworden.

Je näher das Osterfest heranrückt, das in diesem Jahr besonders früh liegt, desto dringlicher wird für die angehenden Hochschüler (und ihre Väter!) die Notwendigkeit, sich für bas rechte Studium zu entscheiden und zu überlegen, welche Bedin­gungen finanzieller Art mit bem ge­wählten Fach verbunden find. Wer einmal um diese Zett das akademische Auskunftsamt in Berlin be­sucht, der wird an bem eifrigen Kommen unb Gehen, an den vielen Ratsuchenden die Nähe des neuen Semesters am deutlichsten spüren. Und wer sich nicht einfinden kann, der läßt sich denWeg­weiser durch bie Lehrgebiete der Deutschen Hoch­schulen" (Verlag des Deutschen Instituts für Aus­länder, Berlin) kommen, aus dem alle Einzelheiten über Semestergebühren, Nebenausgaben, Prüfungs­kosten, Materialaufwand usw. zu ersehen sind. Da­neben gibt dieser Wegweiser einen Ueberblick über bie an den deutschen wisfenschaftlichen Hochschulen und an der Technischen Hochschule zu Danzig ver­tretenen Lehrgebiete, der dadurch noch verdienst- licher ist, daß er, nach Lehrgebieten geordnet, für jedes Gebiet die Hochschulen nennt, an denen es vertreten ist, ihre Lehr- und Forschungseinvichtun- gen und Die Prüfungsmöglichkeiten für bas be­treffende Fach angibt und endlich die Mindest- bauer Des jeweiligen Studiums sowie die Be- ttmmungenüber praktische Tätigkeit nennt.

Dabei fallen auch einige Studienfächer ins Auge, die nicht allgemein bekannt sind. So kann man in Königsberg Bernsteinkunde als Wissen- (haft betreiben, sieben andere deutsche Hochschulen ühren Bienenkunde als Studienfach. In Ber­lin und Frankfurt a. M. gibt es Lehrstühle für Edelstein- und Perlenkunde. Mit bem ganz modernen Problem der Lustfahrtmedi- zin beschästtgen sich zwanzig Hochschulen, auch der Luftschutz rückt mehr und mehr in den Bereich der wissenschaftlichen Bettachtung, hier sind am meisten bie Chemiker und auch die Bautechniker interessiert.

Wie sicht es nun mit den Kosten, die ein junger Student heute für den Besuch der Hochschule veranschlagen muß? Da sind zuerst einmal die Semestergebühren. Sie sind in ihrer Ge- amtsumme praktisch an allen deutschen Hochschulen die gleichen, wenn sie auch in der Zusammensetzung hier und da voneinander abweichen. Sie bestehen aus:

1. einerAllgemeinen Gebühr" (für Kranken-, Unfall-Versicherung, auch für Benutzung der Universitätsbibliothek usw.) von etwa 30 Mark.

2. der sogenanntenS tud i e n ge b ü h r", an den meisten Hochschulen in Höhe von 80 Mark.

3. den K o l l e g g e I b e r n für bie besuchten Vor­lesungen unb Hebungen. Hier beträgt bie Semesterwochenstunde zur Zeit 2,50 Mark. Belegt man eine Vorlesung, bie wöchentlich

zweimal gehalten wird, also vier Semester­wochenstunden umfaßt, so bezahlt man hierfür 4 mal 2,50 = 10 Mark.

4. dem sogenanntenErsatzgeld" bei natur­wissenschaftlichen, medizinischen und technischen Studien (für Aufwendungen der Hochschule für Experimente usw.) in Höhe von etwa 35 Mark.

Für die in einem Semester insgesamt zu zahlenden Hochschulbettäge kann nur eine Durch­schnittssumme geschätzt werden, da der Aufwand weitgehend von der Zahl der belegten Dorle ungen und Hebungen abhängt. Diese Durchschnitts umme beträgt bei normaler Anlage des Studiums ür die einzelnen Lehrfächer etwa:

Mark

Geisteswissenschaften (Theologie, Jura, Volkswirtschaft, philosophiscy^historische Wissenschaften) Mathematik, Geographie Biologie, Chemie, Physik, Pharmazie, Geologie, Mineralogie Medizin, Zahnheilkunde, Tierheilkunde: vorklinisches Studium klinisches Studium Architektur, Bauingenieurwesen, Maschi­nenbau, Elekttotechnik, Bergbau, Hüt­tenwesen usw Landwirtschaftslehre

160180

160180

200230

210230

230250

180220

180200

Zu diesen reinen Hochschulgebühren kommen nun in jedem Semester noch die Nebenkosten für Bücher, Instrumente und Material. Man sollte den Bettag, um Enttäuschungen zu vermeiden, nicht zu niedrig veranschlagen, obgleich sich manche Bucher- anschaffung, insbesondere während ber ersten Stu­diensemester, durch die zweckmäßige Ausnutzung der Universitätsbibliothek und der Seminarbiblio- theken vermeiden läßt. Immerhin tut man gut, für derartige Anschaffungen im Semester 30 bis 60 Mark bereitzustellen, bei medizinischen Studien wird sich der Satz auf 70 Mark erhöhen. Erhebliche Kosten für Materialien und Instrumente erwachsen dem Zahn Mediziner, der hierfür während der vorklinischen Zeit ungefähr 150, während ber klinischen etwa 360 Mark braucht. Mediziner und Tiermediziner hingegen brauchen zunächst kaum mchr als 20 Mark hierfür. In den naturwissen­schaftlichen Praktika werden für Chemikalien und Glas suchen etwa 60 bis 150 Mark im Semester verbraucht werden, der Pharmakologe benötigt für Material etwa 25 bis 40 Mark. Anschaffung von Zeichenmaterial für die technischen Fächer erfordert etwa 50 Mark für Erstanschaffungen, bie Ergän­zungen in den weiteren Semestern kommen auf etwa 15 Mark.

Nicht unerheblich sind auch die Kosten für die Prüfungen. Die einheitliche Gebühr für bie Doktorprüfung beträgt 200 Mark. Die Druck­legung der Do Etor arbeit macht je nach Länge noch besondere Kosten. Diplomprüfun­gen kosten je nach Fach 60 bis 100 Mark, wo Vor­prüfungen abgehalten werden, kosten diese 20 bis 40 Mark. Bei Staatsprüfungen gibt es keine einheitlichen Sätze.

Alles in allem ist ein Studium nicht billig, denn die Lebenshaltungskosten kommen zu den oben geschilderten Semestergebühren ja noch hinzu.

Dr. Buresch.

Lebendiger Geschichtsunterricht.

Jede Arbeit, insbesondere auch die auf bem Ge« biet der Geschichte unb ber Geschichtsunterricht ist eine ernsthafte Arbeit und sollte nie als etwas anderes aufgefaßt werden bedarf einer gewissen Grundlage in wichtigen Quellen unb anderen ge­schichtliche Fragen behandelnden Werken. Es ist da­her wesentlich, daß die Schulbüchereien diesen Ge« sichtspunkten Rechnung tragen.

Das bedeutet teilweise eine grundsätzliche Hmstel« lung in der geistigen Struktur derSchülerbiblio- theken", die also in erster Linie für die Bedürfnisse des Schülers an Lesestoff geschaffen wurden, aber zu einem nicht gerade geringfügigen Teil in billiger Unterhaltungslektüre sich erschöpften oder aber Werke enthielten, die als für den Schüler unbrauchbar unb unproduktiv abgewiesen werden müssen.

Es ist, um bei einem Beispiel zu verweilen, unerttäglich, wenn zur deutschen Kolonialgeschichte als einziges Buch Weules Schrift über Deutsch« Ost vorhanden ist, nicht nur deshalb, weil ein ein­ziges Werk selten einen umfassenden Heberblick über eine Materie gewährleistet, sondern auch, weil alsdann bie Zuverlässigkeit des Schriftstellers unb sein persönliches Erleben von entscheidender Be« beutung werden. Weule aber ist tendenziös, unb seine Tendenzen sind versteckt und für den jungen Menschen nicht schlechtweg erkennbar.

Das tendenziöse Moment aber muß gerade bei der Geschichtsschreibung vermieden werden. Ten­denz und Weltanschauung liefern sich hier oft er­bitterte Kämpfe, in bie Den Schüler, ber erst zur Formung eines Bilbes gelangen will, hineinzu­ziehen in jedem Falle vom Hebel ist.

Trotz alledem wird es sich jedoch nie erreichen lassen, daß die Schulbücherei den Begriff einer bibliothekarischen Vollkommenheit erreicht. Schon der zur Verfügung stehenden Mittel wegen unb weiter auch deswegen, weil ja die Bibliothek nicht allein unter dem Gesichtswinkel des Geschichtsunter, richts ausgerichtet werden kann, kann es eine Voll­kommenheit nicht geben. Deshalb ist eine Zusam­menarbeit mit den öffentlichen Bibliotheken uner«

Die Zusammenarbeit wird um so intensiver fein, je größere Anforderungen an die Gemeinschafts­arbeit von Lehrer und Schüler gestellt werden können und müssen. Namentlich in den höheren Klassen wird sich die Zusammenarbeit mit den öffentlichen Bibliotheken schon deswegen besonders fruchtbar gestalten, weil damit den Schülern die erste Einführung in die wissenschaftliche Arbeit ge­boten werden kann. Diese Möglichkeit ist von einer grundlegenden Wichtigkeit.

Nur zu häufig hat gerade bie wissenschaftliche Ar­beit dazu geführt, daß das Leben ber Materie in bem Wust unb ber Trockenheit einer sogenannten wissenschaftlichen Arbeit erstickte. Gerade geschicht­liche Stoffe können mit Erfolg dazu verwendet werden, jene wissenschaftliche Arbeit zu lehren, die mit ber Gründlichkeit das Leben verbindet. Keine andere wissenschaftliche Arbeit verlangt so sehr nach Lebendigkeit, nach einer Anschauung der Dinge, die richt in dem Moderduft der Pergamente erstickt, andern in den Gestalten der Vergangenheit blut- volles Leben, wahrhafte Menschen sieht.

Lebendige Geschichte! Geschichte ist gelebtes Le- ben, vorgelebtes Leben. Nie kann das Leben ein Lernstoff fein. Aber es kann und soll in seiner Farbigkeit, in der Vielfältigkeit seiner Gestalten und in der Wucht seiner Ereignisse denen ein Bei- ' piel sein, die berufen sind, in der Zukunft die Ge­schichte unseres Volkes zu meistern. Dr. H. B.

Englische Zungen.

Von Or. Hans Telle.

Wenn man mitten unter jungen Engländern lebt, bann ist es schwer, bas ihnen allen Gemein­same herauszusinben. Unb boch gibt es einen ganz bestimmten englischen Junaentypus, so wie es einen .Deutschen Jungen" gibt. Das englische Volk, bas sich feit der Normanneneroberung im 11. Jahr­hundert ungestört aus seinem Wesen heraus ent- wickelt Hat, ift eine wirkliche Nation mit deutlichen Eigentümlichkeiten und eigenem Lebensstil. Seine Äugend als. lebendiger Teil bes Ganzen besitzt bas national Eigentümliche als Wesenszug. Schon im Aeußerlichen, in Gestalt unb Haltung, zeigt sich ber junge Englänber. Man könnte ihn unter Jugend- licfyen anderer Völker sofort heraussinden: er ist schlank, und der Anzug der Erwachsenen, bie langen Hasen, bas Jackett und der Schlips, erweckt den An­schein, als ob er schmächtig sei. Er ist es in Wahr- beit nicht. Seine Augen blicken kühl und ruhig auf bie Welt. Seine Bewegungen finb sparsam und be­dacht. Die Hänbe hat er gerne in ben Taschen. Sein Gang ist lässig unb bequem, er läßt sich Zeit und bewegt sich kaum hastig ober aufgeregt.

Diese Körperhaltung ist Ausdruck seines Wesens. Im Vergleich zu deutschen Altersgefährten ist ber lange Engländer entschieden ruhiger. Er ist nicht so quicklebendig, so geladen voller Lebensübermut, wie es unsere deutschen Jungen oft sind. Schon in ber Schule zeigt sich sein stilleres Wesen. Es treibt ibn nur selten dazu, Allotria zu treiben unb Streiche auszuführen. Es muß schon ein sehr schlechter Leh- rer sein, ber in einer englischen Schule keine Zucht zu halten versteht. Beim sportlichen Wettspiel kämpft er lautlos unb gibt Freude ober Enttäu- schung kaum kunb. Sie sind bestrebt, ihre Gefühle zu b"herrschen. Sie lieben sehr die Geselligkeit und sind ft?:5 heiter, fröhlich und bei guter Laune. Un° geselliges Bmehmen, das anderen die Stimmung raubt, gilt als unmöglich und kommt kaum vor. Sie haben einen prächtigen Sinn für Humor. Heber ihre trockenen Witze lachen sie aber nicht selbst, sondern freuen sich an dem Gelächter ber anberen.

Junge Englänber sind in ihrem Innern sicher­lich viel einfacher und unkomplizierter als deutsche Jungen es sind. Sie sind nüchtern und haben kaum einen Sinn für bas Romantische. Es treibt sie nicht, mit Gleichaltrigen in ben Ferien auf große Fahrt Zu gehen und ferne Gegenden zu durchstreifen. Der Zauber des Lagerfeuers ist ihnen unbekannt. Für sie ist bas Leben nicht so sehr bas große Unbetannte, sie alles jo selbstverständlich und durchsichtig. Sie wachsen ohne Schwierigkeiten in das Leben ber Er­wachsenen hinein. Das Bewußtsein vom Gegensatz ber Generationen ist in England nicht vorhanden. Der junge Engländer will bald erwachsen sein, er betont nicht bas Reich ber Jugend als etwas (Eigen- ftänbiges Das Verhältnis zwischen alt und jung ist ohne schwere Spannungen. Dag er gibt es in Eng­land keine Jugendbewegung wie die deutsche in ihrem Anfang, die sich gegen die Welt der Er­wachsenen auflehnte. Die Führer der englischen Boyscouttrupps sind berufstätige Männer, und jedermann empfindet bas als selbstverständlich.

Auch im Verhältnis des englischen Jungen zur Schule zeigt sich das Fehlen des Generationsgegen­satzes. Englische Jungen sind so stolz auf ihre Schule wie ein Soldat stolz auf sein Regiment ist. Nie wird man junge Engländer etwas Schlechtes gegen ihre Lehrer sagen Horen. Sie gehen gerne zur Schule und verbringen dort ben größten Teil Des Tages. In den berühmten Alumnatsschulen ist ihr ganzes junges Leben ausgefüllt von der Schule, die mehr ist als nur eine Anstalt zur Vermittlung von Wissen, sondern auf die ganze junge Persönlichkeit Einfluß besitzt und sie gestaltet. Sie bietet viele Möglichkeiten für die Betätigung persönlicher Lieb­habereien in den Mußestunden der Jungen. Vor allen Dingen sind es die Spiele, für bie bie Schule jorgt unb bie ber englische Junge über alles liebt. Er hat eine große Freude daran, seinen Körper auf dem Spielrasen in der frischen Luft zu be­wegen unb mit Kameraden Crickett oder Rugby zu spielen. Ein zäher Siegeswillen erfüllt ihn. Mit großem körperlichen Mut setzt er sich für den Sieg bis zur letzten Minute ein, doch wenn er verliert, bann nimmt er eben diese Niederlage hin. Junge Deutsche unb junge Engländer sollten sich in

Freundschaft miteinander verbinden, denn sie pas­sen gut zusammen und würden sich viel gegen­seitig geben können.

Das erste Semester.

Von Or. H. Buhl.

Wer kennt ihn nicht, jenen besonders gearteten Typus des menschlichen Lebens, für den bie Sprache ber hohen Schulen feit unvordenklichen Zeiten die Bezeichnungmulus erfunben hat. Der Mulus, zu deutsch es mag sein, baß es in unserer Mutter­sprache etwas gröber klingt ber Maulesel, ist jener glückliche Mensch, bem noch der Himmel voller Geigen hängt, ber, (einer jungen Weisheit voll, bie geheiligten Räume betritt, in benen bie abge­schabten unb vernarbten Bänke Zeugnis für ben Fleiß früherer Generationen ablegen. Unb so tritt er fröhlich ein, setzt sich hn stolzen Bewußtsein ber jungen Bürgerschaft der Alma mater, die ihm soeben noch in der Jmmatrikulationsurkunbe be­scheinigt hat, baß er einvir doctissimus et pru- dentissimus, ein höchst gelehrter Mann sei!

In dieser Stimmung begrüßt er ben Lehrer, der das Podium betritt unb in bie Hunderte oon Augen und neuen Gesichtern sieht, die jetzt ber Hochschule zugeströmt sind. Aufrecht hört er zu, wie ihm die einführenden Grundbegriffe auseinandergelegt wer­den. Seine Augen werden groß und größer, er gerät in leichtes Staunen, wird unruhig, fühlt sich unbehaglich unb kann nur mit Mühe verhüten, daß er in Schweiß gerät, den ihm eine Redewendung des weisen Mannes auf dem Podium auspreßt, bie dieser fast mit Genuß zu wiederholen scheint. Großer Gott, wie wirb er hier eingeschätzt! Dorn Lehrstuhl herab hagelt es nur so von Komplimen­ten:Wie Sie ja wissen",wie Sie gehört haben werden",wie Ihnen ja bekannt ist".

Da sitzt er nun in feines Nichts durchbohrendem Gefühle und weiß plötzlich daß er nichts weiß.

Wie schwer ist doch das erste Semester, wie schwer wird es dadurch gemacht, baß berMulus" nur bie Voraussetzungen sieht, mit denen er empfangen wird, ohne zugleich die Mittel erkennen zu können,

sie zu erfüllen. Der akademische Lehrer scheint ihm unendlich fern in olympischen Höhen zu schweben, und bie älteren Semester zwinkern sich verständ­nisinnig an:Ein Mulus!"

Man mag vielleicht Darüber lächeln, aber es ist doch so: Gerade der Mulus, Der für Spott nicht zu sorgen braucht, bedarf einer festen Haltung und eines steifen Rückgrates. Man muß ihn unterstützen, helfen, wo man nur helfen kann. Das gilt nicht nur für Die älteren Semester, Das gilt insbesondere auch für bie Hniversitätslehrer. So sehr Die Unter» stützung Des Dozenten Dem älteren Semester gewiß ist, so wenig hat im allgemeinen Der Neuling zu erwarten. Es ist selbstverständlich, daß fortge» sch ritte ne Schüler ein größeres Interesse bieten. Größer aber als die Aufgaben, die er dem Lehrer stellt, find die, die aus den stummen Fragen des Neulings unausgesprochen dem Lehrer entgegen» strömen. Wer diese Fragen befriedigt, wer hier ben Beginn einer neuen Entwicklung mit feinen unb kluaen Händen in die richtigen Bahnen weist, hat mehr für die deutsche Wissenschaft getan als ber beste und tiefste Problematiker des Katheders.

Der Mulus ist im Grunde eine Gestalt voller Tragik. Noch nicht fertig, wird er vor die Aufgabe gestellt, Erkenntnisse in sich aufzunehmen, zu ver­arbeiten und zu gewinnen, bie ihn bis in bie Ab­gründe menschlicher Unzulänglichkeit führen. (Er sieht ein Gebäude, das er sich errichtete, unter wenigen Sätzen in Trümmer sinken und besitzt doch nicht bie Fähigkeit, anderes an feine Stelle zu fetzen. Darum soll man ihn nicht nur mit Spott belächeln aber ihn überhaupt vergessen, sondern ihm vor allem eine erhöhte Aufmerksamkeit zuwenden. Die Wissenschaft ist. ein feinnerviges Instrument, und man soll bie Hönde leiten, die sich in ungeübten Versuchen mit ihm befassen.

Nimmt man demersten Semester" bie Meinung, baß diese Aufgaben schwerer sind als die irgend­eines anderen Standes, Dann wird er wissen, daß er eines mit allen anderen Menschen gemeinsam bat: Das Hiel, feine Fähigkeiten und fein Können so weit einzufetzen und zu vervollkommnen, als dies im Bereich seiner und in der allgemeinen menschlichen Kraft möglich ist.