Ausgabe 
6.1.1937
 
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Nr. 4 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)

Mittwoch, 6.Januar 1937

Wo kann ich helfen?

Äon Lotte Matschoß

Wer in einer Gemeinschaft lebt, kann nicht nur das tun, was ihm behagt. Wenn ein Mädel zu Hause der Mutter Helsen will, so wird sie dort an­packen, wo ihre Hilfe am nötigsten ist. Sie kann nicht Plätzchen backen, wenn gerade alle Hände beim Großreinemachen gebraucht werden, und sie kann nicht an ihrem neuen Pullover weiterstricken, wenn dringend die Strümpfe der Familie gestopft werden müssen.

Natürlich soll man im Leben das tun, wozu einem natürliche Gaben mit auf den Weg gegeben sind. Aber man sollte auch bei der Berufswahl überlegen, an welchem Platz man mit diesen Gaben seinem Volk am besten dienen kann. Es ist für die Berufswahl des jungen Menschen keineswegs gleich­gültig, welche Aufgaben und Ziele seinem Volke in dieser Zeit gestellt sind. Wie im Haushalt der Mutter, müssen auch im großen Volkshaushalt alle Kräfte dort eingesetzt werden, wo es nötig ist, um Schaden und Verfall zu vermeiden und Neues zu schaffen. Die jungen Menschen tun gut daran, das zu lernen, was später für die Allgemeinheit den größten Wert hat und wo sie ihre eigenen Anlagen und Fähigkeiten nach am meisten leisten können.

Unser Volk steht heute im großen Kampf um seine geistige, politische, wirtschaftliche Selbständig­keit.Erzeugungsschlacht",Nahrungsmittelfreiheit des deutschen Volkes",Kampf dem Verderb", Schutz dem Volksgut" das sind die Kämpfe und Ziele, für die jetzt alle Kräfte eingesetzt wer­den. Es geht zunächst um das tägliche Brot, um die Grundlage des freien Lebens unseres Volkes.

Wie im Hause die Frau dafür sorgen muß, daß nichts umkommt, daß die Vorräte richtig bewahrt und verwendet werden, daß das tägliche Brot auf den Tisch kommt so liegt auch im Volkshaushalt ein gut Teil dieser Aufgaben in den Händen der Frauen. Wir brauchen einen großen Stab von Frauen, die auf diesem Gebiet so gut geschult sind, daß sie nun ihrerseits in der praktischen Arbeit, im Schul- und Beratungsdienst die Menge der deut­schen Frauen und Mädchen beraten, belehren, er­ziehen können.

Die wichtigsten Stellen für die Ausbildung solcher Führerinnen sind die Landfrauenschulen. Die Landfrauenschulen des Reifensteiner Verbandes bilden Lehrerinnen der landwirtschaftlichen Haus­haltungskunde, ländliche Haushaltspflegerinnen, praktische Hausfrauen aus. Sie arbeiten in enger Verbindung mit den Ideen und Zielen des Reichs­nährstandes, da sie ihm angegliedert sind. Wer diese Landfrauenschulen besucht und die Berufe, zu denen sie vorbereiten, ergreift, wird einst mitten in der Arbeit unserer Zeit stehen. Das Arbeitsfeld ist un­ermeßlich groß. Es werden so viel Arbeitskräfte gebraucht, daß gar nicht genug junge Mädchen in diese Berufe kommen können. Und es ist obendrein die weiblichste und schönste Arbeit; denn alle Lehre­rinnen, Beraterinnen, Haushaltspflegerinnen dienen dem einen großen Beruf: sie sind Verwalterinnen des deutschen Volksguts, Kämpferinnen für seine Nahrungsfreiheit, kurz sie sind Hausfrauen im Haushalt unseres Volkes.

Hmle ümd gebügelt!

23on Dagmar Köhler

Der Waschtag bereitet manchen Hausfrauen Un­behagen, und sie sind froh, wenn er vorüber ist. Ist also der Waschtag das Stiefkind, so ist der Bügeltag ein Lieblingskind! Es ist auch zu schön, einen Korb frisch duftender Wäsche vor sich zu haben und zu sehen, wie alles glatt und glänzend wird, wenn man mit dem heißen Eisen über die Wäschestücke gleitet.

Ja, aber ganz so leicht, wie es sich die junge Hausfrau vorstellt, ist auch das Bügeln nicht. Ge­lernt muß es werden. Plätten ist nmnlich gar nicht so kinderleicht, wie es aussehen mag. Auch die er­fahrene Hausfrau ist dankbar, wenn man ihr ein paar Tricks verrät, die das Bügeln erleichtern.

Halten wir einmal ein fröhliches Kolleg am Bügelbrett ab. So, der Korb mit der gewaschenen Wüsche steht vor uns. Sind die Stücke auch rich­tig eingesprengt, nicht zu trocken und nicht zu feucht? Wenn es die Hausfrau nämlich allzu gut mit dem Wasser meint, dann verbraucht sie die doppelte Heizkraft für das Bügeleisen. Mit einem Wäschesprenger geht es besser als mit der bloßen Hand, die nie das Wasser gleichmäßig verteilen kann. Setzen Sie dem Einsprengwasser ein Tee- löffelchen voll Borax zu, dann bekommt die Wäsche nach dem Plätten einen besonders schönen Glanz. Daß man die eingesprengte Wasche nicht tagelang liegen lassen darf, weiß wohl jede Haus­frau, denn dann entstehen die häßlichen und für den Stoff gefährlichen Stockflecke. Auf der anderen Seite darf man aber auch nicht sofort hinter dem Einsprengen das Bügeleisen schwingendie Wasche muß mindestens ein paar Stunden ruhen, damit die Feuchtigkeit richtig durchzieht.

So, nun an die Arbeit! Halt ist denn das Bügeleisen auch richtig in Form? Man prüft den Hitzegrad auf dem Versuchstuch. Das Eisen rutscht nur schwer, es hakt auf dem Stoss Schnell wird es mit dem Wachslappen abgeneben, den man sich selbst Herstellen kann aus Resten von Stearinkerzen, die man in ein Gazebeutelchen naht.

Jetzt kommt das erste Gebot: Immer muß i n Fadenrichtung gebügelt werden, niemals gegen den Strich! Das ist auch wichtig bei uinfn= geweben, damit z. B. die Kaffeedecken und ^ifa)1 tücher später beim Auflegen keine hochstehenden Falten zeigen, die immer häßlich wirken. Daß Wollstoffe nie direkt mit dem Eisen zusammen­kommen dürfen, ist ein zweites Gesetz. Man legt über den Stofs ein Handtuch, dann kann man auch von rechts plätten.

Seidenstoffe dürfen niemals emgesprengt werden, sie bekommen bann Wasserflecken, die nie wieder herausgehen. Selbst Wasch- oder Bastseide muß trocken, mit mäßig warmem Eisen von links, ohne Druck geplättet werden.

Die heute so beliebten Cloqueestoffe werden selbst­verständlich auch nicht angefeuchtet. Man zieht den Stoff erst genau in die richtige Form, da Cloquee immer nach dem Waschen seine Form verändert hat entweder viel zu weit oder viel zu eng ge­worden ist. Hat man das Kleidungsstück in die richtigen Maße gebracht, dann wird es von links

Aus dem Reiche der Krau.

mit lauwarmem Eisen behandelt. Auch hier legt man ein Tuch unter, am besten aus Frotteestoff.

Schwieriger ist es, Samt zu bügeln. Zunächst muß der Stoff über heißem Wasser gedünstet wer­den, damit sich die feinen Härchen aufrichten. Oft genügt das Dämpfen schon, um jede Druckstelle zu beseitigen. Man kann diese Arbeit, die manchmal Kopfzerbrechen verursacht, sich sehr erleichtern, in­dem man das Kleid einfach über die Badewanne hangt, die man mit heißem, dampfenden Wasser gefüllt hat. Schon nach kurzer Zeit hat dasDampf­bad" gewirkt. Sind dann noch Druckstellen vor­handen, so muß der Stofs gebügelt werden. Dazu gehört Geschicklichkeit, denn man darf Samt nicht aufs Plättbrett legen, man muß ihn von links in

der Hand bügeln, also den Stoff über das Eisen ziehen.

Daß die Wäsche stets gut auskühlen muß, ehe man sie in den Schrank legt, weiß wohl jede Hausfrau! Auch frischgeplättete Kleider müssen zu­nächst außerhalb des Kleiderschrankes hängen, da­mit alle Hitze auszieht und das Kleid nicht wieder von neuem zerknittert.

Mit kleinen Tricks kann man sich den Bügeltag erleichtern! Und ist wirklich einmal ein Sengfleck in der Wäsche entstanden, dann ist das auch keine Katastrophe. Ein altes Hausmittel hilft: Zwiebel­saft, tüchtig eingerieben, läßt den Fleck verschwin­den. Bei empfindlichen Stoffen nimmt man Borax­wasser, allerdings muß man gut nachspülen!

Was sollen wir tragen?

PRAKTISCHE VORSCHLÄGE UNSERES MODEZEICHNERS

7M

Von den drei heute gezeigten Abendkleidern ist das einfache weiße Mattkreppkleid ganz links für kleinere Festlichsten gedacht, für Theaterbesuche etwa das heliotropfarbene Velourschiffonkleid rechts und für große Gesellschaften das goldfarbene Kreppsatin­kleid in der Mitte.

Sehr schlicht in der Linienführung ist das weiße Kleid, der leicht glockige Vierbahnenrock ist seitlich etwas geschlitzt. Alle Schlitze werden durch kleine, viereckige Bergkristallknöpfe zusammenge­halten.

Das Velourschiffonkleid erhält seine Wirkung durch Farbe, Material und die reichgezogenen, halblangen Raglanärmel. Auch der breite Gürtel aus dem gleichen Material ist gezogen und schließt durch eine Spange aus Altsilder.

Die reich geschnittenen Glockenteile sind in halber Rockhöhe schräg angesetzt.

Schwerer, fließender Kreppsatin ist das Material für das große Abendkleid in der Mitte. Leicht ge­zogen sind das Blusenteil, die Hüftpartie, die Schul­terteile und die schleppenden Glockenteile des Rockes. Eine um den Rückenausschnitt und den Hals geführte Schrägblende ersetzt die Träger. H.

Hausarbeit und Körperhaltung.

23on Heinrich Petri

Hausfrauenarbeit ist zum großen Teil körperliche Arbeit und trägt als solche alle Mrkmale körper­licher Berufsarbeit an sich. Dadurch, daß die meisten Hantierungen der Hausfrau stehend und in mehr oder minder vorgebeugter Haltung vorgenommen werden, bilden Haltungsfehler, wie vorhängende Schultern, eingefallener Brustkorb und runder Rücken die Hauptgefahr für die Körperhaltung. Be­einträchtigung der freien Funktion der inneren Or­gane ist die zwangsläufige Folge. Vieles Stehen ermüdet den Körper durch die ständige Muskel­anspannung am schnellsten. Vieles Stehen zieht alle die nachteiligen Folgen nach sich, die sich zunächst in schmerzenden Füßen und Beinen und sich dann zu Krampfadern, Senkfüßen und Knickfüßen aus­wachsen können.

Zwar besitzen wir in der modernen Gymna - ft i f und im Sport ein hervorragendes Mittel, um den Berufsschäden aller Art ausgleichend zu begegnen, doch ist es ebenso notwendig und wichtig, durch vorbeugende Maßnahmen das Uebel bei der Wurzel zu packen. Das heißt in unserem Falle: Die Arbeit rationell und kraftsparend zu gestalten und die Arbeitsbedingungen in das günstigste Verhältnis im gesundheitlichen und kraft­sparenden Sinne zu bringen. Gerade die Haus­frau muß mit ihren körperlichen Kräften haushal­ten, wie sie es mit den Dingen des täglichen Lebens zu tun gewohnt ist, hängt doch von ihrer Gesund­heit und Arbeitskraft das Wohl und Wehe einer ganzen Familie ab. Darum ist es einer gewissen­haften und fleißigen Hausfrau durchaus nicht un­würdig, wenn sie sich die Arbeit erleichtert und be­quemer macht. Hat doch die Technik auch auf die­sem Gebiet segensreich gewirkt und durch die ver­schiedensten Apparate der Hausfrau die Arbeit ab­genommen und angenehmer gestaltet. Aber auch ohne diese kostspieligen Hilfsmittel kann man sich die Arbeitsbedingungen entsprechend gestalten. Zu­nächst erhebe ich die Frage, ob es denn wirklich notwendig ist, die Arbeit immer stehend zu

verrichten? Nein, gewiß nicht. Die oben geschilder­ten Nachteile vielen Stehens können leicht vermie­den werden. Stoßen Sie, verehrte Hausfrau, nicht gleich in das alte Horn des Vorurteils, daß man im Sitzen nicht arbeiten könne! Man muß sich nur die notwendigen Gerätschaften griffbereit und be­quem aufbauen, muß alles sorgfältig bereithalten, damit man später nicht wegen jeder vergessenen Kleinigkeit wieder aufstehen muß. Vorgeneigte Haltung läßt sich aber trotzdem nicht immer ver­meiden und da sollte sich die Hausfrau täglich mehr­mals ihre schlechte Haltung ins Gedächtnis zurück­rufen, den Körper aufrichten und straffen, die Schultern zurücknehmen, den Brustkorb wölben und mehrere tiefe Atemzüge am geöffneten Fenster neh­men. Solche gelegentlich zwischen die Arbeit einge­schalteten gymnastischen Bewegungen vermögen das Gefühl der Abspannung und Ermüdung zu mildern und neue Spannkraft zu verleihen. Besonders dann, wenn man längere Zeit eine gebückte Haltung ein­nehmen mußte, sollten einige Streckbewegungen für den sofortigen Ausgleich sorgen. Das ermüdende Bücken kann besonders dadurch vermieden werden, daß man auf die richtige Arbeitshöhe ach­tet. Da ist die Hausfrau, um ein Beispiel zu nen­nen, mit dem Aufhängen der Wäsche beschäftigt. Der Wäschekorb steht am Boden, und nach jedem Wäschestück muß sie sich rief hinunterbücken. Hinten­nach klagt sie dann über Kreuzschmerzen. Wie ein­fach wäre es doch, den Wäschekorb auf einen Stuhl ober Hocker zu stellen und dadurch das Bücken zu vermeiden! Nicht in allen Fällen kann so die Arbeitshöhe in das richtige Verhältnis gebracht wer­den, kann man doch Tisch oder Herd in ihrer Höhe nicht verändern. Wo sich aber die Möglichkeit gibt, durch Höher- ober Tieferstellen bes Gefäßes, burch Verwenbung von Bocken unb Fuß-Schemeln, burch Erhöhen ber Sitzfläche bie Arbeitshöhe günstig zu oeränbern, ba sollte man bie kleine Mühe nicht scheuen, es zu tun. Besonbers in ber Wasch­küche bei ber anftrengenben Wascharbeit, spielt bas eine große Rolle. Steht bas Waschgefäß zu tief,_muf3 man sich barüberbeugen unb ermübet rasch. Steht es bagegen in Hüfthöhe, so kann man aufrecht­stehen.

Wie sollen wirunsere Kinder abWen?

Äon Or. meb. et Phil Gerhard Äenzrner.

Es gibt nicht wenige Kinber, bie ihren Eltern da- burch Sorge bereiten, baß sie m beinahe regelmä­ßigen Abstänben an allen möglichen katarrhalischen Erscheinungen, an Schnupfen,rotem Hals", Ra­chen- unb Luftröhrenentzünbungen, Husten, Man- belschwellung usw. erkranken. Solche Kinber sind ewig erkältet", bie Eltern zerbrechen sich ben Kops barüber, wie bem abzuhelfen sei, unb roenben alle erbenklichen Maßnahmen an, um ihre Lieb­lingeabzuhärten". Dabei wirb bann ber Grunbsatz befolgt, baß man bie Anfälligkeit fürErkältungen" am zweckmäßigsten baburch herabsetzen könne, in« bem man ben Körper vorsichtig an ben schäbigen- ben Einfluß, also an bie Kältereize, gewöhnt; b. h. man läßt bie Sorgenkinber bei offenem Fenster schlafen, verabfolgt ihnen morgens kalte Waschun­gen, Abgießungen, Duschen usw.

Der Gebankengang, ber solchen Verfahren zu Grunbe liegt, wäre richtig, wenn es feftftänbe, baß jene häufig wieberkehrenben Halsentzünbungen, Mandelschwellungen unb Katarrhe wirklich burch bie Kältereize ausgelöst werben, also in ber Tat nur alsErkältungen" aufzufassen sind. Hieran muß aber nach neueren Untersuchungsergebnissen der ärzHichen Forschung erheblich gezweifelt wer­den. Zwar treten sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern Katarrhe in berbunklen Jahreszeit", d. h. etwa von Dezember bis März unb April, am häufigsten auf. Aber es müssen nicht unbebingt Kältereize sein, bie hierfür verantwortlich zu ma­chen finb; vielmehr können ebenso anbere Erschei­nungen bes Winters, z. B. Nässe, Vitaminarmut ber Nahrung unb anbere, noch gar nicht aufgeklärte Einflüsse bie natürliche Wiberstanbskraft des Kör­pers herabsetzen. Verhängnisoollerweise werben hiervon nun ganz besonbers bie Schleimhäute be­troffen, welche bie Körperöffnungen auskleiben, so z. B. bie bes Rachens unb ber Luftröhre. Die na­türliche Folge ist, baß sie bann etwa einbringenben Keimen einen besonbers günstigen Boben bieten, unb schon stellen sich Katarrhe,' Luftröhrenentzün­bungen usw. ein. Dennoch haben biese Erscheinun- gen, obgleich lanbläusig alsErkältungskrankhei­ten" angesehen, gar nichts mit Erkältung im wah­ren Sinne bes Wortes zu tun, finb vielmehr reine Ansteckungen; unb ebenso liegen bie Dinge bei einer Unzahl weiterer, immer unb immer wieber als Erkältungen bezeichneter katarrhalischer Erkran­kungen. Gegen sie muß eine Abhärtung, bie sich lebiglich gegen Kälteeinflüsse richtet, natür­lich versagen; wir werben also lernen müssen, un­sere Anschauungen über zweckmäßige Abhärtung auf eine neue Grundlage zu stellen.

Zunächst ist zu beachten, daß die heutige kinder- ärztliche Wissenschaft bem Nutzen ber so beliebten Kaltwasserkuren zumal bei anfälligen Kin­dern sehr zurückhaltenb gegenübersteht. Man ist sich längst barüber einig, baß kalte Übergie­ßungen Unb Duschen für den kindlichen Organismus keineswegs so gesund sind, wie dies in weiten Kreisen immer noch angenommen wirb; baß sie vielmehr geradezu gesunbheitsschäblich wirken kön­nen, indem sie dem Nervensystem schaden, die Nei­gung zu Katarrhen, zumal Luftröhrenentzünbung, Lungenentzünbung unb Dickdarmkatarrh noch er- höhen unb so bas Gegenteil bes gewünschten Er­folges bewirken. Man kann schließlich aber auch nur in geeigneten Fällen! bas Kinb morgens, sobalb es aus bem Bett kommt, auf einen Stuhl stellen unb um ben Körper ein nasses, zimmerwar­mes, ausgewrungenes Tuch legen, bas vom Hals bis zu ben Füßen reicht. Damit wirb bie Haut tüchtig eine halbe bis eine Minute gerieben, worauf mit einem trockenen Frottiertuch grünblich nachge- rieben wirb. Rötet bie Haut sich jetzt unb empfin­det bas Kinb ein angenehmes Wärmegefühl, so hat das Verfahren seinen Zweck erreicht; friert das Kind aber auch jetzt noch, so ist bas ganze Verfah­ren weit eher schäblich als nützlich.

Auch sonst sei man mit Abhärtungsmaßnahmen, Z. B. solchen, bie sich auf bie Kleibung beziehen, vorsichtig! So kann es vom ärztlichen Stanbpunkt nicht gutgeheißen werben, wenn Jungen ober Mäbchen im Winter bei Winb unb Wetter in kur­zen Hosen ober Röcken mit nackten Knien herum­laufen. Zumal beim Stehen kommen bann Ge­websauskühlungen zustanbe, die von den Knien nach den Oberschenkeln unb bem Unterleib zu ein­wirken unb bann zu Schäbigungen besonbers ber Blase führen können.

Denn burch bie Auskühlung unb bie baburch be­dingte Gewebeschäbigung wirb ben Infektionen Tür unb Tor geöffnet. Dor ber Berührung mit schäb- lichen Keimen in geschlossenen, von zahlreichen Menschen besuchten Räumen, in ber Schule, ber elektrischen Bahn usw. werben wir unsere Kinber praktisch zwar nicht bewahren können. Wohl aber können wir bie Schleimhäute gegen bas Einbrin­gen ber Krankheitskeime wiberstanbsfähiger machen unb überhaupt die allgemeine Anfälligkeit bes Or­ganismus herabsetzen. Dies geschieht vor allem burch bie Vitamine, bie in hervvrragenber Weise allen Infektionen entgegenwirken. Wir 'wissen heute, baß ein vitaminreich ernährter Körper einer Ansteckung ungleich leichter Herr wirb als ein vitaminarm er­nährter; auch setzen manche Vitamine, wie man neuerbings festgestellt hat, bie Lebenskraft unb Gif­tigkeit von Krankheitserregern, z. B. Diphtherie-Ba­zillen, merklich herab.

Dort, wo eine besonders gesteigerte Anfälligkeit besteht, wirb man baher mit bem vitaminreichen Lebertran ober gar mit ben heute zur Verfügung stehenben reinen Vitaminpräparaten eineAbhär- tungsfur" burchführen; eingehenbere Vorschriften bafür finb in meinem BuchGesunb burch Vita­mine" (Franckhsche Verlagshanblung, Stuttgart) ge­geben. Im allgemeinen wirb man aber schon durch zweckmäßige Ernährung eine wirksame unb zuver- lässige Abhärtung betreiben können.

Von dem früher geübten Verfahren, anfällige Kinber mit großen Mengen von Milch und Eiern vollzustopfen, ist man heute abgekommen; bie moberne Ernährungslehre hat als beste abhär- tenbe Kost für empfinbliche Kinber, bie häufig von Katarrhen heimgesucht werben, eine eiweißarme unb gemischte Nahrung erkannt, bie also in reicher Menge O b st und Gemüse bevorzugt unb auch Butter gestattet; ben Genuß von Fleisch, Eiern unb Zucker bagegen tunlichst einschränkt unb an Milch täglich nur etwa ein viertel bis ein halbes Liter er­laubt.