Mittwoch 5.Mai 1937
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oderhefien)
Nr. WZ Zweites Blatt
Aus dem Leben König Georgs VI.
Als ernochMr.Zohnsonwar. — Seekadett aufH.M.G.Cottingwood. — „prinj A" und die Anbenkenjäger. - Weltreisen. - LmJamilienkreiseundauf dem Sportplatz.
(Nachdruck verboten.)
London, im April 1937.
Ein guter Hausvater, der sich der äußeren Würde seines Königshauses voll bewußt ist, aber auch ein ungezwungener Gesellschafter bei Gelegenheit, ein eifriger Sportler, arbeitsam und sehr ausdauernd, mutig und bescheiden — das sind die hervorstechendsten Eigenschaften König G e o r g s VI.
Der König wurde am 14. Dezember 1895 m Sandringham geboren. Seine Erziehung ging dahin, daß er zu allererst ein Mann zu sein hätte. Gleichzeitig aber wurde er für die Aufgabe vorbereitet, die möglicherweise eines Tages an ihn herantreten konnte: nämlich ein König zu sein. Den ersten Unterricht gaben ihm Privatlehrer. In seiner Freizeit konnte er mit den Dorfjungens Fußball spielen. 1909, im Alter von 14 Jahren, schickte man ihn zur Ausbildung als Seekadett nach Osborne. Während seiner vierjährigen Dienstzeit in Osborne und später in Dartmouth trug er den Namen „Mr. Johnson" und wurde genau so behandelt wie seine übrigen Kameraden.
Zeitweilig nahm er es mit seinen Aufgaben nicht sehr ernst, und es wird von ihm berichtet, daß er als Kadett gewöhnlich zu den Letzten seiner Klasse gehörte. Immerhin geigte er ein besonderes Interesse für technische Fragen und begehrte stets zu wissen, „wie und warum die Räder sich drehten" — ein Interesse, das ihm eigentümlich blieb, wie Fabrikanten und andere Unternehmer bezeugen, deren Werkstätten der König in den letzten Jahren besichtigte.
3m Seuer der Gkagerrakschlacht.
Als der Weltkrieg ausbrach, war der König gerade als Seekadett auf H. M. S. „C o ll i n gwood" befohlen worden. Im Mai 1916, als die Colling- wood an der Skagerrakschlacht teilnahm, lernte er den modernen Krieg unmittelbar kennen. Der junge Prinz gehörte zur Bedienung eines Zwöli-Zoll-Geschützes. Während der ganzen Schlacht erfüllte er voll seine Pflicht, genau wie die übrige Geschützmannschaft, die auf ihr unsichtbare Ziele feuerte und hinter dem Panzerschutz nichts von dem Verlauf der Schlacht ahnte.
Und als die Schlacht vorüber war, nahm „Mr. Johnson" unbekümmert seinen normalen Dienst wieder auf und machte den Kakao für seinen Vorgesetzten und seine Mannschaft fertig.
Eins der schönsten Andenken, die der König heute besitzt, ist die Flagge, welche während der Skagerraktage über der „Collingwood" wehte, und die ihm später zum Geschenk gemacht wurde.
Seit vor 250 Jahren ein früherer Herzog von Park sich bei Lowestoft mit den Holländern herumschlug, hatte nun zum ersten Male der Sohn eines britischen Monarchen wieder an einem Seegefecht teilgenommen.
Das Pilotenexamen.
Nach der Skagerrakschlacht stellte es sich jedoch mehr und mehr heraus, daß die Magenbeschwerden, an denen der junge Prinz seit einiger Zeit litt, ihm die weitere Verfolgung der seemännischen Laufbahn unmöglich machen würden, obgleich er mit seinem ganzen Herzen an diesem Beruf hing. Er gab den Dienst nicht sofort auf, sondern trat in den Stab des Oberkommandos in Portsmouth ein. Später ging er zur Marineleitung derLuft- streitkräfte in Cranwell und machte im Juli 1919 jein Pilotenexamen. Mittlerweile, als die Armeefliegerei mit der Marinefliegerei vereinigt wurde, war er zum Hauptmann der „Royal Air Forces“ ernannt worden.
In dieser Eigenschaft wirkte er im Stabe des Generals Sir H. T r e n ch a rd in Nancy im Oktober 1918 und verbrachte, nachdem der Waffenstill
stand unterzeichnet war, das Weihnachtsfest in Spa. Ab Februar war er dann im Luftfahrtministerium tätig. Seit August 1919 bekleidete er bei der Luftwaffe den Rang eines Staffelführers, 1920 wurde er Geschwaderführer, 1921 Gruppenkommandant.
3« Cambridge.
Mit vielen Gleichaltrigen, deren Erziehung durch den Weltkrieg unterbrochen war, ging Prinz A l- b e r t, wie er damals genannt wurde, 1919 nach Cambrid ge zum Studium. Dank seiner natürlich Begabung war die Zeit, die er dort mit dem Studium der Geschichte, der W'irtschafts- und Staatswissenschaften zubrachte, keineswegs verloren, wenn auch später auf Grund der Protokolle gesagt wurde, daß er die Vorlesungen häufig nicht besucht hätte.
Am Schlüsse des Kollegs jedoch entwendeten gewöhnlich eifrige Andenkenjäger den Zettel mit dem Namenszug „Prince A", der in den Kontrollkasten gesteckt werden mußte. Einmal wurde er beim Ausgang „erwischt". Der Pedell, der ihn nicht erkannte, stellte ihn zur Rede, weil er sich mitten auf der Straße, angetan mit Mütze und Talar, eine Zigarette anzündete.
Empire-Reisen.
In der Ehrenliste zum Königsgeburtstag 1920 wurde Prinz Albert zum Herzog von Port, Baron Killarney und Grafen von Jnverneß ernannt, Drei Jahre später, am 16. Januar 1923, wurde seine Verlobung mit der jetzigen Königin bekannt gegeben. Die Hochzeit fand nach einigen Monaten, am 26. April, in Westminster Abbey statt. Im Sommer des folgenden Jahres machte das königliche Paar seine erste offizielle Empire-Reise — nach Nordirland.
Der König selbst kannte bereits Kanada und die Westindischen Inseln, wohin er gelegentlich einer sechsmonatigen Kreuzfahrt durch den Atlanttk mit der „Cumberland" gekommen war. Damals, im Jahre 1913, war der König 18 Jahre alt. Er arbeitete und spielte währende der Reise, lernte alle Höfe längs der Seeküste kennen und kam auch ins Innere des Landes bis nach Montteal, Ottawa und den Niagarafällen.
Im Jahre 1924 reifte das Paar zu einem längst geplanten Besuch in Ost a f ri £ a ab, hielt sich über Weihnachten in Nairobi auf und unternahm von dort eine Großwild-Expedition. Das Neujahrsfest 1925 feierten sie in der Wildnis. Im Verlaufe dieser Expedition erlegten sie einen Löwen und eine Löwin, zwei Rhinozerosse, zwei Büffel und einen Leoparden. Der König vermehrte die Beute später in Uganda noch um zwei Elefanten.
Durch den plötzlichen Tod des Gouverneurs von Kenya wurde die Reife etwas gestört. Das Herzogspaar kehrte sofort nach Nairobi zurück, fetzte aber dann seine Fahrt zu den Großen Seen fort, von wo es im Auto nach Rejaf am Nil gelangte. Am 7. April mar man schließlich in Khartum, und einige Tage später bestieg das Paar in Port Sudan das Schiff nach England.
Besuch in Australien.
Eine weitere offizielle Reise führte den ehemaligen Herzog von Port nach Australien und den Dominien' der südlichen Erdhälfte. Der unmittelbare Anlaß dazu war die Einweihung des neuen Parlamentsgebäudes in Canberra. Obgleich die Herzogin dadurch gezwungen war, ihre kleine Tochter, die am 21. April 1926 geborene Prinzessin Elisabeth, allein zurückzulassen, begleitete sie ihren Mann auf dieser Reise. Mit „H. M. S. Re- noron" fuhren sie über Jamaica, Panama-Kanal, die Südseeinseln und Neuseeland nach Australien, und von dort nach England zurück.
In Neuseeland wurde der König zum Maori- Häuptling erwählt. Auf den Fidschi-Inseln jchenkte ihm der Eingeborenenhäuptling einen Wal- sischzahn, das Wahrzeichen der Lehnstreue.
Ser Familienvater.
Der König gibt sich zu Hause wie ein rechter Familienvater. Er ist am glücklichsten, wenn er mit der Prinzessin Elisaveth und ihrer kleinen Schwester Margaret Rose spielen kann. Wenn irgend möglich, versäumt er es niemals, abends in das Kinderzimmer zu gehen und seinen Töchtern gute Nacht zu sagen. Einen großen Teil seiner freien Zeit widmet er der „Takelage von Spielzeug", wie er es nennt, um seine Kinder (und sich) damit zu unterhalten. Unter anderrn hat er für das Kinderzim- mer eine eigene Funkstation und für das Puppenhaus eine elektrische Anlage selber zusammenge- bastelt. So eifrig er als Vater ist, so vorbildlich ist er als Ehemann. Wenn er einmal in einer Rede sagte „Ich weiß, was eine Frau in einem Hause bedeutet", so war das nur einer von den vielen Lobsprüchen, die er seiner Frau vor aller Oeffent- lichkeit gewidmet hat. Er vergißt niemals den Hochzeitstag und macht es sich zur Aufgabe, die Königin in jedem Jahr durch ein besonderes Erinnerungsgeschenk zu erfreuen.
Liegen keine öffentlichen Verpflichtungen für den Abend vor, so bleibt er am liebsten im Familienkreise zu Hause, beschäftigt sich mit Kreuzworträtseln ober Strickereien. Als die Königin 1934 dem Ausschuß für nationale Strickwarenwerbung ihre Geschenke sandte, befand sich darunter auch eine weiche wollene Halsbinde, die der König angefertigt hatte.
3m 3ugendlager.
Des Königs Liebe zu Kindern und seine Ueber- zeugung, daß die Zukunft von dem guten Willen und der Zusammenarbeit aller Teile einer Gemeinschaft abhängt, bestimmten ihn, alljährlich ein Lager für 400 Jungen im Alter von 17 bis 19 Jahren durchzuführen. 200 Jungen werden aus den öffentlichen Schulen einschließlich Eton, Harrow, Rugby und Winchester genommen, die anderen 200 sind Jungarbeiter aus den Industriegebieten. Der Zweck dieses Lagers ist es, die Klassenschranken zu beseitigen und die Jungen 14 Tage im Sommer unter dem gleichen Zeltdach leben zu lassen. Cliquenbildung ijt verboten, und die Jungen arbeiten, spielen und schwimmen zusammen unter den gleichen Bedingungen.
Der König selber verbrachte stets ein oder zwei Tage bei ihnen, als er noch Herzog von Pork war, trug kurze Hosen und offene Hemd^i, also die übliche Lagerkleidung, wie die andern auch. Seine Besuche waren sehr beliebt, weil er sich an dem Lagerleben aktiv beteiligte, mit den Jungen schwamm und nachher am Strande sein Jngwerbrvt verzehrte. Oiephotographen und dieLautsprecher.
Bei einer Gelegenheit, als sich der König in der Öffentlichkeit zeigen mußte, geriet er mit den Pressephotographen in Wortwechsel. Die Photographen hatten ihn während des ganzen Tages verfolgt, bis er sich schließlich zu ihnen mit den Worten umwandte: „Sie haben mit dauernd photographiert; nun will ich Sie photographieren." Er lieh sich eine Kamera von ihnen aus, und nachdem er sie geknivst hatte, sagte er mit einem kleinen Lächeln: „Ich werde gleich noch eine Aufnahme machen — für alle Fälle ..
Ein anderer eigenartiger Zwischenfall, der dem König viel Beifall einbrachte, ereignete sich, als er das zweite Jahr der Wembley-Ausstellung 1925 eröffnete. Er stieg auf das Rednerpodium und begann zu sprechen, aber aus den ringsum aufgestellten Lautsprechern drang kein Ton hervor. Er wandte sich um, um einen seinen Begleiter darauf aufmerksam zu machen.
„Die oerb ... Dinger funktionieren nicht", brüllten plötzlich alle Lautsprecher über den Platz.
Die Monteure hatten den richtigen Augenblick zur Einschaltung gewählt.
Der König als GporlSmann.
Der König ist auch ein tüchtiger Sportsmcmnn. Wie sein Vater, der verstorbene König Georg V., ist er ein eifriger Besucher des Turfs und unterhält einen eigenen Rennstall. Im übrigen ist er auch das einzige Mitglied der Familie, das etwas von der väterlichen Schießkunst geerbt hat. Früher pflegte er auch zu jagen und Polo zu spielen und galt lange Zeit als eine Koryphäe des TennisPorts. 1920 gewann er mit dem Geschwaderführer Sir Louis Grieg zusammen das Doppel bei den Luftfahrtmeisterschaften, und 1926 kam er mit demselben Partner in die Ausscheidungskämpfe von Wim- bledon.
Es ist charakteristisch für ihn, daß er damals darauf bestand, mit ausgelost zu werden und auf dem berühmten Centre Court zu spielen. Das Paar erlitt eine ehrenvolle Niederlage gegen zwei ehemalige Tennismeister in der ersten Runde, aber die Linkshandschläge des Königs wurden von den Zuschauern sehr bewundert.
Der König ist auch ein eifriger Motorfahrer, der seinen Wagen selbst fährt, wenn es nur irgend geht. Seine Lust am Fahren geht so weit, daß er sogar lernte, Eisenbahnzüge und Straßenbahnen zu führen. Als er 1927 in Neuseeland war, begeisterte er die dortigen Eisenbahner, indem er seinen Zug selbst durch den längsten Tunnel des Dominions fuhr. Im übrigen tut der König, was er kann, um jedermann eine sportliche Betätigung zu ermöglichen.
Eanitätsführertagung der Motorgruppe Hessen.
NSG. Rund 200 NSKK.-Aerzte der Motorgruppe Hessen versammelten sich am Sonntag in Bad- Nauheim zu einer Arbeitstagung. Nach der Mel- düng des Gruppenarztes, San.-Oberführer Z ö ck - l e r , eröffnete Gruppenführer Richard Prinz von H e j f e n die Tagung und wies in feiner Ansprache darauf hin, daß der Sanitätsführer feine Tätigkeit im Kraftfahrkorps nicht als zusätzliche Berufsbelastung auffassen dürfe, sondern als ehrenvollen Dienst an der Nation, wie alle die Millionen Männer der Partei und ihrer Kampfgliederungen. Nach einem kurzen Ueberblick über die Entstehungsgeschichte der Motorgruppe Hessen und die allmähliche Entwicklung der heute so gewaltigen und umfassenden Aufgaben des nationalsozialistischen Kraftfahrkorps richtete er einen Appell an jeden Sanitätsführer der Motorgruppe, die ihm anvertrauten mrichtigen Aufgaben immer einsatzbereit und opferwillig zu erfüllen.
Darauf gaben die Referenten für Fürsorge und Motorsport aus dem Stabe der Motorgruppe einen Ueberblitf über die Leistungen und Zukunftspläne ihrer Abteilung. Der Referent für Presse und weltanschauliche Ausbildung erinnerte die Aerzte eindringlich an die besonderen Pflichten'jedes NSKK.- Santtätsführers, und gab die einheitlichen Richtlinien für die weltanschauliche Ausrichtung bekannt, nach denen gearbeitet werden muß.
Nach kurzer Pause wurden in vier interessanten und fesselnden Vorträgen medizinisch-wissenschaftliche Themen behandelt. Es sprachen: San.-Truppf. Prof. A. W. Fischer, M (Gießen), über „Wundpflege", Sturmmann Heilmann, M 49 (Homburg), über „Sanitätsgasschutz", San.-Truppf. Prof. Pfeiffer, IV/M 49 (Frankfurt a. M.), über „Kommandosprache". Besonders aufmerksam wurde das Thema des San.-Obertruppführers Dr. Gregor (Kassel), „Das Sanitätswesen im neuen Heer" verfolgt. Neben aufschlußreichen Zahlen und statistischem Material aus dem Weltkrieg zeigte Dr. Gregor auch starke weltanschauliche Festigung, die als Muster für einen nationalsozialistischen Arzt bezeichnet werden kann.
Diese erste Arbeitstagung aller Einheits-Aerzts der gesamten Motorgruppe Hessen muß als ein voller Erfolg und eine wertvolle Anregung für den zukünftigen Einsatz des Sanitätswesens bezeichnet werden. mg.
Tulpenfelder vor der Stadt.
Don O. H. Sarnehki.
Wer die Niederlande im Frühling um diese Zeit besucht, wird kaum versäumen, auch wenn er in diesen oder jenen Geschäften das Land bereist, das wahrhaft berückende Naturschauspiel zu genießen, das Menschenhand in jahrhundertelanger Kultur geschaffen: die blühenden Tulpenfelder vor und zwischen den kleinen und großen Städten vor allem Nord-Hollands. Wir wissen, es ist nicht der Zauber des Dustes, der wie bei anderen Blumen von der Tulpe auj uns einwirkt und uns selbst unscheinbare Pflänzchen wie Lavendel oder bescheidene wie Veilchen vertraut macht: es ist die eigentümliche hoheitsvolle Haltung, mit der sie gewissermaßen ihren Blumenadel betont, und dieser Adel ist schon beglaubigt, wenn man ihre Geschichte seit ihrem Einzug ins westliche Abendland verfolgt, um die Zett der Reformation. Aber als Holland nach dem Umweg über die Leidenschaft einer Pariser Tulpenmode sich zum Haupt- und Hochsitz der Tulpenzucht entwickelt hatte — ein Vorrang, der noch heute behauptet wird — kam es zu jenen fast abenteuerlichen Sammler-Liebhabereien, von denen die selt- jamften und schnurrigsten Geschichten erzählt werden. Wenn man bedenkt, daß zeitweilig eine er» erlesene Tulpenzwiebel hoher im Kaufwert stand als ein kostbares Gemälde, so war es eben das Besondere, das sich aus Kreuzung und Fortzüchtung ergab: Der Reiz der Vielfältigkeit der Farbe, der uns noch heute, wo diese Ueberfteigerung phantastischer Leidenschaft verflogen ist, immer wieder zur Tulpe hinzieht, sobald der Frühling seine frühesten Heerscharen zu einem verschwenderischen Blühen aufruft. Da steht sie vor uns als das Bild einer vollendeten Schönheit, einer kühlen, klassischen Schönheit in einfachen und unverkünstelten Formen, mit hellgrünen, breit linealischen Blättern, zwischen denen sich aufrecht der Stengel erhebt, bekrönt von einer Blüte, deren sechs Blätter zu einer Glocke zusammengeschlossen sind. Und von der leuchtenden Farbe dieser Glocke geht das Geheimnis ihrer Wirkung aus, jetzt wie ehedem ...
Gibt es nur Tulpenfelder in Holland? Muß man eine Reise ins Nachbarland unternehmen, um dem unvergleichlichen Bilde zu begegnen, Tausende, Hunderttausende, Millionen dieser Frühlingsblüten vereinigt zu sehen, säuberlich wie an der Schnur gezogen bi Sn in die Ferne sich ausbreiten, den Rausch von Farben zu erleben, von der Maiensonne zu einem fast feierlichen Glühen erweckt? Mr wissen,
daß die Versuche sich mehren, diesen wichtigen Handelszweig auch für uns zu erobern, wo die besonderen Bedingungen gegeben sind im Erdreich und in den atmosphärischen Verhältnissen, und wissen auch, daß von Ostfriesland her, wo die Tulpenkultur schon länger gepflegt wird, sich Tulpenfelder allmählich südwärts ziehen, über die niederrheinische Landschaft, von Emmerich etwa, bis in die Gegend von Neuß, bis vor die Tore von Köln.
Das ist wie eine Entdeckung. Es bedarf nur einer kurzen Fahrt oder einer einstündigen Wanderung: da ist, so weit man sieht, eine baumlose fruchtbare Ebene, und nur in der Ferne zieht sich das Vorgebirge hin, mit Wäldern und Dörfern an den Hängen, aber auch hohen ragenden Schloten als den weithin sichtbaren Zeugen gewerblicher Tätig- keit rund um die Braunkohle. Wir biegen auf einen Feldweg ab; ein Feld kreuz oder ein Heiligenhäuschen, von alten Linden überdacht, sonst steht nichts in der Landschaft. Und plötzlich liegt es vor den Blicken — hier mitten im Lande: unübersehbar Feld an Feld von blühenden Tulpen. Tausende, Hunderttausende, Millionen von Blumen. Es brennt, glüht, leuchtet von Farben: Weiß, Lila, Rotbraun, scharlach-, burgunber», purpurfarben, grünlich, gelb — oh, dieses Gelb ist von einer Leuchtkraft in der Ferne, daß es alle andern Farben übertönt.
Wir stehen vor einer neu angelegten deutschen Tulpenkultur...
Dies alles, was man vor sich sieht, ist wie ein Schöpfungs- und Wachstumswunder. Aufgerichtet und unbeweglich stehen die blühenden Heerscharen unter dem sonnigen Himmel in Reih und Glied, in musterhafter Ordnung gereiht, und weder in den Wegen noch in den Furchen der langen schmalen Beete ist die geringste Unordnung, wird auch nicht einem Grashalm das bescheidenste Lebensrecht gegeben. Tulpen, nichts als Tulpen. Und dunkle feuchte Erde. Alle Fruchtbarkeit der Erde, ihre Kraft und das phantastische Spiel ihrer Kraft ist in ihnen beschlossen. Da sind weiße Bluten, von marmorner Blässe und doch von einem warmen Hauch übertönt; da drüben sind weiße mit lila Sprenkeln. La reine maxima getauft — auch die Namen berücksichtigen die adlige Herkunft von einer zarten und wahrhaft königlichen Schönheit. Rote Tulpen, die sich gerade wie auf geheime Verabredung zu erschließen beginnen — dunkelrote, brandrote, die wie erstarrte Flammen sind, braungoldene, wie Käferdecken, alle Spielarten von Rot, vom Wein- und Burgunderrot bis zu Purpur und Scharlach, Couleur Cardinal, Carmoisie brillant
genannt, und die Namen bezeichnen schon Rang und Farbe. Da sind Tulpen, die sind getigert oder gefleckt wie Orchideen, andre haben bizarr gezackte Ränder, andre sind gefüllt — es sind lilafarbene — und den Schwestern ganz unähnlich geworden. Ibis hat ein brennendes Rot mit weißen Rändern, wieder andre haben seltsam metallischen Glanz, spielen ins Graue, ins Violette, ins Grünliche, und das schreiende Gelb, das über das Feld zuckt und gelber leuchtet als das Federkleid des Kanarienvogels, gehört dem Gelben Prinzen.
Es macht Freude, die Namen der Arten zu lesen. Jeder jagt gewiß etwas aus — nicht mir, aber dem Kundigen. Aber ich ahne Geheimnisse dahinter. Prinz von Oesterreich, Duc de Berlin (da er seines Blütenkopfes schon beraubt war, sehe ich nichts mehr von den Farben seines Wappens, aber ich weiß, daß es ein Rot ist mit gelbem Rand), General de Wet. Victoire d’Olividra, Allard Pearson, Prinzeß Elisabeth, Willlliam Pitt — oh, man kann sich aussuchen und sich schöne Geschichten zusammendenken, von denen nicht eine einzige wahr ist. Denn die Romantik ist nur für die Beschauer. Für sie ist das farbensatte, das über die Maßen bunte Bild, dieses Blütenfeld ohne Ende eine Augenweide. Sonst aber ist Tulpenzucht eine Wisjen- schaft, ist gewissenhafte Arbeit und ist Geschäft. Der Segen dieser Erde, dieser sttllen Fruchtbarkeit reift in Jahren geduldiger Arbeit. Gerade werden die roten Blüten geschnitten, gleich unter dem Stengel- ansatz, wenn ihre Glocken unter der Sonne sich geöffnet haben zu einem flachen glühenden Stern. Nutzlose Schönheit, die auf Karren geladen dem Kehricht verfällt. Denn schöner noch muß sich die Blüte entfalten, im nächsten, im übernächsten Jahr — und in der Erde müßen die neugeborenen Zwiebeln heranwachsen.
Es ist ein großes Schweigen um die Tulpen. Eine Stille der Farbe an sich. Sie blühen. Sie blühen über der Erde, sie treiben unter der Erde. Das ist ihr Zweck. Und das Auge der Sonne ist über ihnen. Und das der Menschen...
*
Während ich dies schreibe, steht vor eine weiße Porzellanvase mit Goldrand, und aus ihr erhebt sich, ein Geschenk von Freunden, ein halbes Dutzend makelloser roter Tulpen. Weiß, gold, grün, rot, ein harmonischer Klang. Die dunkelsamtnen Blütenglocken beginnen sich leise zu öffnen. Sie vervielfältigen sich — und ich sehe weite Felder, ein Meer von Blüten, eine Sinfonie von Farben, Offenbarung des Schöpferischen im Organismus einer ewig sich fortzeugenden, sich entfaltenden und ewig sich verwandelnden Natur.
Die eiserne Nähmamsell.
Ums Jahr 1850 traf die erste Nähmaschine aus Amerika in Berlin ein, der Schneidermeister Pom- merenke, ein unternehmungslustiger, fortschrittlicher Mann, hatte sich entschlossen,, dies Wunderwerk der Technik in seinem Betrieb zu verwenden. Ihr Schicksal wird in „Reclams Universum" erzählt, Die Maschine wurde unter allgemeiner Spannung und begreiflichem Staunen ausgepackt. Die „eiferne Nähmamsell", die nun rastlos in Pommerenkes Werkstatt ratterte, erregte das größte Aufsehen, und jedermann wollte sie sehen. So wurde die Schneiderwerkstatt von den Berlinern eifrig besucht. Auch König Friedrich Wilhelm IV. und der Papa Wran- gel erschienen, um die Maschine in Augenschein zu nehmen. Der alte Haudegen war von der eisernen Nähmamsell so begeistert, daß er am nächsten Morgen sämtliche Schneider des 2. Garde-Jnfanterie- Regiments zu Fuß Pommerenke auf den Hals schickte, damit sie nähen lernten. Auch der König war entzückt und stimmte Wrangels Vorschlag zu, die Nähmaschine der Militärschneiderei bienftbar zu machen. Doch die Sache war nicht so einfach. Die braven Musketiere konnten mit dem neumodischen Ding nicht so ohne weiteres fertig werden; gar zu oft riß ihnen der Zwirn und nicht minder die Geduld. Die Maschine war eben noch sehr unvollkommen, und Friedrich Wilhelm IV. erkannte sehr bald, daß die Mängel in der wenig zuverlässigen Greifvorrichtung zu suchen waren. Später wurden daher die Nähmaschinen in dieser Richtung verbessert. Das erste Erzeugnis der eisernen Nähmamsell war eine Steppjacke für den König, die Meister Pommerenke dem Monarchen überreichte, als dieser wieder einmal die Werkstatt besuchte. Der König nahm die Jacke dankend an. Weniger Glück hatte der Meister mit einer zweiten Steppjacke, die er Papa Wr angel in seine Wohnung brachte. Der alte Haudegen betrachtete die wohlgefütterte Steppjacke von allen Seiten, dann wandte er sich mit unverhohlener Geringschätzung an Meister Pommerenke: „Danke scheen, lieber Sohn, bet is aber nid) vor mir!" Hierauf ging er sporenklirrend auf seinen Adjutanten zu: „Da, lieber Natzmer, hast du bet Ding von ber eisernen Nähmamsell, verbrauche es mit Je- sundheit!"
Der ao. Professor Dr. Kurt Wilhelm Käst n e r ist zum planmäßigen Drbinarius und zum Direktor des Kunstgeschichtlichen Seminaxs der Universität Greifswald ernannt worden.


