Nr.21 Zweites Blatt Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Donnerstag, 4.Zebruar M7
MeAiissichlmsör Freiwillige der Luftwaffe.
Von Major (E.) Adler, Meichsiustfahrtminlsterium).
I.
Vielseitig wie die Luftwaffe ist, sind auch die D i e n st l a u f b a h n e n, die sich dem Freiwilligen eröffnen und vielfältig die Möglichkeiten für den nach Ableistung der Dienstzeit zu wählenden Zivilberuf. Der Freiwillige findet entsprechend der Wahl seiner Dienstlaufbahn nicht nur eine Förderung und Weiterbildung der vor der Dienstzeit erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten, sondern er kann sich darüber hinaus durch Besuch von Fachschulen und anderen Lehranstalten besondere Kenntnisse und damit die Anwartschaft für seinen künftigen Lebensberuf erwerben. Schließlich ist der Dienst bei der Luftwaffe für den jungen Soldaten so lehr- und abwechslungsreich wie kaum anderswo.
Bei den Laufbahnen der Fliegertruppe ist zunächst zu unterscheiden zwischen „fliegendem Personal", „Flugzeugpersonal" und dem „allgemeinen Personal". Zum fliegenden Personal gehören: Flugzeugführer, Hilfsbeobachter und Fliegerschützen (Bordfunker und Bordmechaniker). Diese Dienstzweige stellen besonders hohe Anforderungen an die Gesundheit und kräftige körperliche Verfassung des Bewerbers emerjeits und Charaktereigenschaften wie Mut, Ausdauer und geistige Beweglichkeit anderseits. Ferner sind technische Kenntnisse erwünscht. Als Bordfunker kommen besonders in Frage: Zivilfunker, technische Angestellte und Arbeiter der Funkindustrie, Feinmechaniker; als Bordmechaniker: Motorenschlosser, Maschinenschlosser, Maschinenbauer. Nach der militärischen Grundausbildung erhalten die Flugzeugführer ihre Sonderausbildung auf Flugzeugführerschulen, die Hilfsbeobachter auf Beobachterschulen, die Bordfunker bei der Luftnachrichtentruppe und auf der Luftnachrichtenschule, die Bordmechaniker auf der Flieger- technischen Schule. Sobald die Sonderausbildung abgeschlossen ist, werden die Angehörigen des fliegenden Personals zu den Staffeln versetzt und erhalten nach Bewährung das Tätigkeitsabzeichen als Flugzeugführer beziehungsweise Füegerschütze. Der Dienst bei den Staffeln bezweckt die Festigung und Förderung der in der Sonderausbildung erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten. Militärischer Dienst auf dem Boden, theoretische Weiterbildung und praktischer Flugdienst gehen dabei Hand in Hand. Für das fliegende Personal besteht nach Ableistung der zwölfjährigen Dienstzeit Aussicht auf Anstellung bei den Luftverkehrsgesellschaften, der Luftfahrtindustrie oder im Flugsicherungsdienst. Abgesehen davon kann durch Besuch von Fachschulen im 11. und 12. Dienstjahr die Erweiterung vorhandener beruflicher Kenntnisse erreicht und die Anwartschaft auf eine Anstellung als Beamter erworben werden. .
Zum Flugzeugpersonal gehören: Flugzeugmechaniker, Fluqmotorenschlosser, Flugzeughandwerker, Flugzeugrüstpersonal, Flugzeugfunkpersonal, Flugzeugbildpersonal. Für diese Laufbahnen eignen sich nicht nurFacharbeitermitabgeschlos- senerBerufsausbildung (Gesellenprüfung), sondern die betreffenden Soldaten finden auch wahrend ihrer Dienstzeit eine wertvolle Förderung für ihren Zivilberuf. Es kommen also z. B. als Flugzeugmechaniker in Frage, Mechaniker, Feinmechaniker, Instrumentenmacher, Uhrmacher, aber auch Maschinenschlosser und Maschinenbauer. Als Flugmotorenschlosser sind wertvoll: Motorenschlosser, Maschinenschlosser, Maschinenbauer. Dagegen werden als Flugzeughandwerker gebraucht: Schlosser aller Art, Klempner (Spengler und Flaschner), Kupferschmiede, Tischler (Schreiner), Sattler (Tapezierer, Polsterer), Maler (Lackierer), Feinmechaniker, Uhrmacher, Elektriker (Elektroinstallateure und Elektromonteure). Ins Flugzeug
rüst personal gehören: Büchsenmacher, Schlosser, Elektriker, Mechaniker. Das Flugzeugpersonal ergänzt sich aus: Funktechnikern, Elektrikern, Elektrotechnikern, Elektromechanikern. Das Flugzeugbildpersonal ist die Laufbahn für: Photographen, Kartographen, technische Zeichner, Vermessungstechniker, Feinmechaniker.
Nach Abschluß der militärischen Grundausbildung leisten die Angehörigen des Flugpersonals unter fachmännischer Anleitung in ihren Sondergebieten technischen Dienst in Verbänden (Staffeln), Schulen und Fliegerhorstwerften, mit Ausnahmen der Flugmotorenschlosser, Flugzeugfeinmechaniker und Flugzeugelektriker, die zunächst für ein Jahr zur Fliegertechnischen Schule kommandiert werden. Technisch und militärisch besonders geeignete Soldaten, die für die Unteroffiziers-Laufbahn ausersehen sind, können ein zweites Jahr zur Fliegertechnischen Schule kommandiert werden zur Teilnahme an einem Unteroffiziers-Lehrgang, der mit einer schriftlichen und einer praktischen Prüfung schließt. Besonders bewährte Unteroffiziere können im fünften Dienstjahr nochmals zu einem Feldwebel-Lehrgang an der Fliegertechnischen
Schule einberufen werden, der sechs Monate dauert und mit der technischen Oberfeldwebelprüfung schließt.
Das Flugzeugfunkpersonal erhält seine militärische und fachliche Ausbildung bei der Lustnachrichtentruppe, um dann nach einem Lehrgang von sechs Monaten Dauer auf der Lustnachrichtenschule die Flugzeugfunkerprüfung abzulegen. Die Förderung technisch und militärisch geeigneter Flugzeugfunker geschieht gegebenenfalls in weiteren Lehrgängen. — Das Flugzeug- bildperfonal erhält nach der militärischen Grundausbildung die Fachausbildung in den Bildstellen der Staffeln oder Schulen. Im zweiten ober dritten Dienstjahr folgt eine mehrmonatige Sonderausbildung auf einer Fachschule. Besonders bewährte Unteroffiziere können an einem Bildfeldwebel-Lehrgang teilnehmen, dessen erfolgreicher Abschluß die Voraussetzung für die Beförderung zum Flugzeugbildfeldwebel oder Flugzeugbildoberfeldwebel bildet
Das „allgemeine Personal" der Fliegertruppe setzt sich zusammen aus: Bekleidungs- oerwalter, Geräteverwalter, Rechnungsführer, Ver-
Fasching! SOOOOKostümezumAussuchen!
Rokoko wieder stark gefragt. — Der $ilm Hilst auf die Sprünge.
Von unserem Sonderberichterstatter.
Von unserem Sonderberichterstatter.
Mit Dienstag, dem 9. Februar, erreicht die Faschingszeit in Deutschland ihren Höhepunkt. In der folgenden Schilderung erleben wir einen Gang durch eines der ältesten und größten Berliner Maskenverleihunternehmen. Wem Prinz Karneval eine Einladung ins Haus flattern läßt, der fragt sich vor allem: was ziehe ich an? Jeder möchte sich feinen Anlagen entsprechend verkleiden, „einmal eine große Dame sein" ist für viele schöne Frauen, für manches junge Ding die Parole für die Kostümierung.
Wie sie sich verwirklichen läßt, konnten wir uns in einem der ältesten Berliner Maskenverleihgeschäfte erzählen lassen, und fürwahr, als sich die hohen Wandschränke öffneten, da staunten wir nicht nur über die Fülle der Gesichte, wir gaben auch zu, daß kein Traum hier unerfüllt bleiben konnte. Wie uns die Enkelin des Gründers dieses interessanten Geschäftes erzählte, stehen hier oft die bekanntesten Filmstars und lassen sich anprobieren, Maß nehmen, verwandeln.
„Was am meisten gefragt ist", meinte die Inhaberin. „Bei uns wird am meisten das große Rokoko- oder Biedermeierkostüm verlangt. Sie erhalten zahllose Prämiierungen, die die Trägerinnen unserer Reifröcke immer nach Hause bringen, wir haben kaum ein Rokokokostüm, das nicht schon mehrere Preise bekommen hätte."
Mich wundert das keinen Augenblick, als sie mir die herrlichen Roben aus kostbaren Seiden- und Samtstoffen in den prächtigsten Farben zeigt. „Wir haben einen Grund st ock von etwa 30000 Kostümen. Und jedes Jahr zum Fasching kommen allein 90 bis 100 neue Kostüme — meist historische — dazu, die wir dann nach dem Fasching in den Filmverleih mit übernehmen."
„Was haben die Kundinnen denn sonst noch für Vorlieben, außer dem Reifrock?"
„Neuerdings hat es der Cul de Paris ihnen wieder mal angetan. Der Film regt überhaupt die Phantasie anscheinend sehr an, neulich, z. B. wollten sie alle plötzlich mit Kosakenstiefelchen und Pelz- kasaks und hohen Mützen gehen, da war gerade PolaNegri in einem Film als Altrussin heraus- gefommen, und das hatte gewirkt! Außerdem können wir Ihnen hier jede Volkstracht beinahe der ganzen Welt originalecht zusammenstellen. Hier oben sehen Sie z. B. altdeutsche Sachen."
Sie weist in das obere Stockwerk eines Schrankes, da hängen Samte und Brokate in alten, schö-
nen Farben, die an die Meister des Mittelalters mahnen. Ein anderer Schrankflügel öffnet sich, schon fluten leuchtende Kaskaden von Farben herunter, hier hängen schwergestickte ungarische und polnische Trachten.
Daneben ist der Schrank mit den Phantasiekostümen. „Die gehen heute nicht mehr so gut, das macht, weil viele sich heute ein Phantasiekostüm selbst zusammenstoppeln. Bei den Damen ist es oft so: Sie kommen her und wollen ,ganz billig und bescheiden^ gehen, und dann ziehen sie schließlich mit einer Staatsrobe ä la Pompadour selig davon. Es gibt ja auch manche, die haben keine Ahnung, was sie sich leisten können, ich denke da an eine, die hatte, milde gesagt, eine Walkürenfigur" — sie beschreibt mit den Armen einen beträchtlichen Umfang — „und wissen Sie, was die sich durchaus für ein Kostüm leihen wollte? Gottlob paßte es ihr nachher nicht, aber ausreden lassen wollte sie es sich um keinen Preis!"
Mit einer Stange holt uns die Inhaberin aus dem Phantasieschrank ein schillerndes Schuppengewand, passend für eine Kundry oder Papagena, es reicht vom Herzen bis knapp zum halben Schenkel. Wir lachen beide, als wir uns die stattliche Schöne also verkleidet vvrstellen.
„Und wie steht es mit dem starken G e - schlecht? Verleihen Sie heute beispielsweise nach Ritterrüstungen, wie ich sie vorn am Eingang auf hohem Roß bewundert habe?"
„Ganz selten! Die Männer wollen meistens möglichst leichte Sachen haben. Auch als Cowboy gehen sie gerne, obgleich das schon nicht mehr so leicht ist, wegen der vielen Ledersachen. Pierrvt und Pierrette sind vollkommen aus der Mode gekommen. Da hat sich der weiße Domino besser gehalten. Bei Frauen sind nach wie vor Hosenrollen auch sehr beliebt und bei den Männern übrigens noch die Spanier, das steht eigentlich jedem.
Zu uns kommen Stamm kundinnen, die heute Großmütter sind und ihre Enkelin zu uns bringen, um sie zum Fasching einzukleiden, und die dann oft gern das Kleid wiedersehen möchten, in dem sie einmal glücklich gewesen sind."
Es liegt ein eigener Reiz im Anblick dieser alten Sachen, die an verklungene Tage erinnern. Oder ist es der Klang der rauschenden Feste, der in ihren Falten hängen geblieben ist und aus ihnen wieder emporfteigt, wenn eine Hand sie vom Bügel nimmt?
Dr. B u r e s ch.
maltungspersonal, Kraftfahrpersonal, Truppennach- richtenpersonal, Musikern, Feuerwerkern, Waffen- personal, Sanitätspersonal und Anwärtern für dis Beamten- (Einheit-) Laufbahn. Die Bekleidungsverwalter ergänzen sich aus Soldaten, die praktische Vorkenntnisse aus ihrem Zivilberuf (zum Beispiel Textil-, Lederindustrie, Schneideroder Schuhmacherhandwerk) mitbringen. Die Ausbildung geschieht bei einer Verwaltung und beim Luftwaffenbekleidungsamt. Als Gerätverwal- t e r für allgemeines Gerät, Fliegersondergerät und Unterkunftsgerät eignen sich schreibgewandte Soldaten aus praktischen Berufen (Tischler, Schreiner usw.). Gerätverwalter für Waffen und Gasschutzgerät können Soldaten werden, die Schlosser sind oder ähnliche Berufe haben, und die ihre Ausbildung bekommen bei der Verwaltung, in einer Waffenmeisterei, in einer Gasschutzstelle. Gerätverwalter für Kraftfahrzeuge ergänzen sich aus Kraftfahrern, die eine entsprechende Ausbildung auf der Kraftfahrschule der Luftwaffe erhalten. Als Gerätverwalter für Luftnachrichtengerät nimmt man Soldaten der Luftnachrichtentruppe, die für die Verwaltung und Instandhaltung des Nachrichtengeräts geeignet sind, also Feinmechaniker, Mechaniker sind. Sie werden auf der Luftnachrichtenschule ausgebildet.
(Schluß folgt.)
Die „Goldene jRofe" für Königin (k lena
y ' -
Am 3.März wird der Papst die „Goldene Rosesegnen, um sie der Königin Elena von Italien aus Anlaß ihres 40jährigen Ehejubiläums mit König Victor Emanuel überreichen zu lassen. Diese Rose ist eines der seltensten Geschenke des Papstes. Bisher erhielten sie nur die ehemalige Königin Vikto'ria von Spanien und Königinmutter Elisabeth von Belgien. — (Associated-Preß-M.)
Die Jagd nach dem Namenszug.
Drei Anekdoten aus England.
Der Schmetterling.
Der englisch-amerikanische Maler W h i st l e r war dafür bekannt, daß er statt seines Namenszuges lieber einen Schmetterling unter seine Bilder setzte, so wie auch Spitzweg lieber einen Wecken statt seiner Unterschrift hinzupinseln pflegte. Aber Whistlers Schmetterling galt nicht nur unter seinen künstlerischen Urkunden, sondern auch unter seinen bürgerlichen. Ein Namenszug von seiner Hand auf einem Schriftstück war geradezu eine Seltenheit.
Eines Tages nun meldete sich ein Herr bei ihm und präsentierte eine kleine Schuldforderung. Der Meister zögerte keinen Augenblick, schrieb großartig einen Scheck über die geringe Summe aus und setzte seinen Schmetterling darunter.
„Verzeihung", sagte der Herr darauf, „aber diesen Scheck wird man mir nicht einlösen "
„So?" fuhr der Maler airf, „warum?"
„Weil es nicht üblich ist, einen Schmetterling, oder was das hier sein soll, als Unterschrift zu geben."
„Dieser Schmetterling, mein Herr, oder was das da sein soll, gilt mehr, als wenn Sie zehn Namen hätten und auf einen Scheck setzten!"
„Bei der Bank von England schwerlich, Herr Whistler!"
lieber diese Unkenntnis seines Spleens und seiner Popularität ergrimmte der Künstler derartig, daß er den Scheck zerriß, dann aber plötzlich einen neuen ausfüllte und mit höhnischer Miene richtig und voll unterschrieb.
„So", sagte er, „nun wollen wir einmal sehen, worauf die Bank von England mehr gibt: Auf diese elenden Buchstaben oder auf mein Zeichen." Er entließ den eigensinnigen Herrn und malte sich im Stillen schon aus, wie ihm der Bankdirektor mitteilen würde, daß man einen Mann verhaftet hätte, der einen Scheck des großen Meisters fälschte und dazu noch erzdumm, indem er statt des bekannten Schmetterlings den sehr ungewöhnlichen Namenszug James Mc Neil! Wistler setzte. Aber er wartete vergebens. Statt dessen erfuhr er ein paar Tage später, daß ein Autogrammjäger eine ganz seltene Whistler-Unterschrift auf einem kleinen Scheck zu einer hohen Summe angeboten und auch losgeschla- gen hatte.
D i e Marmeladefabrik.
Es ist keiner so schlau, daß er nicht noch einen Schlaueren fände. Auch der Dramatiker Bernard
Shaw hat das eines Tages erleben müssen. Mit welchen Gefühlen, ist unbekannt, aber die Geschichte verlief fv:
Kenneth C. Mac Donnald fahndete schon seit langen nach einem Autogramm von G. B. S. Er hätte es für einen Dollar von dem geschäftstüchtigen Schriftsteller kaufen können, aber das verstieß ganz gegen Kenneth Mac Donnalds Sammelmethode und Sportgeist auf diesem Gebiete. Er teilte das zunächst brav und bieder Bernard Shaw mit, aber der wollte ebenfalls nicht von seinen Grundsätzen abgehen und ließ den Sammler überhaupt ohne Antwort.
Also mußte die List helfen.
Eines Tages bekam Shaw einen Brief von einem Unbekannten, der ihm höflich ansagte, daß er sich entschlossen hätte, eine Marmeladefabrik zu eröffnen und den Kopf des berühmten und geehrten Schriftstellers als Reklame auf die Packung zu nehmen. Shaw möchte doch nun so freundlich sein und ihm ein paar nette Worte schreiben.
Shaw setzte sich sofort an seinen Schreibtisch und schrieb: „Wenn Sie es wagen sollten, ihre Absicht zu verwirklichen, so werde ich mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln gegen Sie einschreiten. B. Shaw." _ , f
Die Verwarnung erreichte ihr Ziel, aber auch Kenneth C. Mac Donnald hatte das seine erreicht. Er besaß ein Autogramm Bernard Shaws, ohne dafür einen Dollar be$ai)tt zu haben.
Kleiner Kriminalfall um Wallace.
Zu Edgar Wallace kam eines Tages das Hausmädchen ins Zimmer gestürzt und meldete.entsetzt, daß ein Herr von Scotland Yard den Schriftsteller zu sprechen wünsche. r ,
In seinen Romanen und Bühnenstücken ließ Wallace ja die Männer von Scotland Yard zu Dutzenden auftreten, aber so in der Wirklichkeit und ohne seine Aufforderung, was konnte da los fein?
Der Herr von Scotland Yard wurde also hereingebeten, sagt höflich „Guten Abend Sir", und, nachdem er von dem berühmten Kriminalschnftsteller ein Papier ausgebreitet hatte: „Schauen Sie sich das doch bitte einmal an, Mister Wallace!"
Mister Wallace las, zunächst mit Schreibmaschine vorgeschrieben: An das Warenhaus Selfndge & Co. Ich bitte, dem Ueberbringer dieses eine Kollektion Pelzmäntel zur Auswahl für mich mitzugeben. Dann folgte, mit Feder und Tinte geschrieben, der Name des bekannten Schriftstellers Edgar Wallace.
„Das ist eine plumpe Fälschung", sagte Wallace, „haben Sie den Mann?"
„Selbstverständlich", sagte der andere kurz. „Wur
den Sie zu seiner schnelleren Ueberführung bitte hier Ihren richtigen Namenszug hersetzen?
„Mit Vergnügen", erwiderte Wallace.
„Ich bin Ihnen sehr verbunden", sagte der andere und verabschiedete sich.
Wallace soll aufrichtig gelacht haben, als ihm dieses Erlebnis später als Husarenstück eines Autogrammjägers erklärt wurde, der in seinem Club gewettet hatte, dem Meister des Kriminalromans mit seinen eigenen Waffen ein Schnippchen zu schlagen.
Dr. Wolfgang Kockjy.
Die Sprache der Zungen.
Von 3. Graul.
Neben Familie und Schule wirken die Kameraden auf die Sprache des Jungen ein. Dieser Einfluß ist durch die Hitler-Jugend ganz besonders verstärkt worden. Hier wird ein neuer Sprachzustand geschaffen. Die Jungen reden bei ihren Zusammenkünften, wo immer sie unter sich sind, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Da gewinnen sie die Freude am Sprechen wieder, und mancher, der in der Schule den Mund kaum auftut, kann hier fließend reden. So wächst eine natürliche, unverbildete Sprache heran.
Ueberblitft man das gesamte sprachliche Leben in der Jugend, so kann man unschwer drei Kreise unterscheiden, die sich mitunter überschneiden. Da gibt es die Sprache der Befehle und Verordnungen. Sie richtet sich nach der der Wehrmacht, bemüht sich also, möglichst knapp und klar zu sein; die Umgangssprache ist allen Führern und Gefährten gemeinsam; und bei besonderen Anlässen gilt eine gehobene Umgangssprache.
In früheren Jahren zeigte die Schülersprache eine große Ähnlichkeit mit der Studentensprache, als noch der Student dem Pennäler als Ziel vorschwebte. Vorbild für den Jungmann von heute ist nicht mehr der Student, sondern der Soldat. Und so finden wir denn auch in der Sprache der Jungen manchen Widerhall der Soldatensprache. Die Einführung der allgemeinen Dienstpflicht hat diese Entwicklung natürlich noch begünstigt.
Das allen alten und jungen Soldaten bekannte „Affenfett" erfreut sich größerer Beliebtheit als die „Fußlappen" (Weißkohl), die der „Küchenbulle" nicht zu oft kochen darf. Die „Knochen" muß man zusammen- oder auseinanderreißen. Jede Bewegung muß „zackig" ausgeführt werden, fönst gibt's einen „Anpfiff". Zum Appell müssen die Sachen „gewienert" sein. Beim Dienst werden die Jungen
manchmal mit Ordnungsübungen „geschliffen". „Mann!", sagt ein Pimpf zum andern, „hat der uns aber durchgedreht." Dieses „Mann!" kann alles mögliche ausdrücken: Staunen, Bewunderung, Tadel, Vorwurf.
Neben den Ausdrücken aus der Soldatensprache finden wir Wendungen aus der Kaufmannssprache (geht in Ordnung, prima), aus der Kundensprache (Kiste, verpfeifen), aus der Technik (haut uffn Zeiger, Omme rot einschalten, d. h. rot werden), aus dem Sport (hinein, flachrennen, d. h. robben). Der fremdsprachige Anteil ist sehr gering. Von dem englischen to tram (eine Straßenbahn in Betrieb setzen oder damit fahren) stammt offenbar der Ausdruck „ein Auto tremmen", d. h. anhalten. Die Jugend zeigt im geringen Gebrauch von Fremdwörtern einen bemerkenswert feinen Sinn. Sie gibt ihnen eine minderwertige Bedeutung: „Organisieren" ist heimliches Wegnehmen; waren Besucher im Lager, so muß nach ihrem Weggang natürlich erst die „Zivilisation" (weggeworfenes Papier) auf- gesammelt werden.
Sonst wird ein deutsches Wort an die Stells des fremden gesetzt. Hier ist die Führung der HI. mit gutem Beispiel vorangegangen. In der Benennung der Gliederungen sind alte deutsche Wörter zu neuem Leben erweckt. Darüber hinaus wird — der Jugend natürlich unbewußt — altes Sprachgut aus dem Schatz der Volkssprache wieder her- Doroeholt.
Einen blondgefärbten Lockenkopf nennt man eine „schäumende Omme". Der Sprachkundige erkennt in diesem Wort ein altdeutsches ome, das Spreu oder bildlich „nichts" bedeutet. Man vermutet also Spreu in solch einem „plötzlich erblondeten" Kopf. , Schlauchen" heißt aus billige Art sich etwas verschaffen und geht zurück auf altdeutsches slüchen, d. h. schlingen, schlucken. Für begriffsstutzig gibt es unter anderem den Ausdruck „angezerbst", was offenbar mit dem altdeutschen zirben (im Kreise herumdrehen) zusammenhängt.
In anderer Weise bereichert die HI. die Sprache durch Neubildungen (z. B. Pimpf oder Knöch, das ist der Junge, der die Pimpfenprobe noch nicht bestanden hat) ober durch Bedeutungsänderungen. Hierfür ein Beispiel, das auch die Treffsicherheit der Sprache zeigt: Wenn jemand „angibt", also sein Licht zu sehr leuchten läßt, ruft man ihm zu: abblenden! Witz und Humor darf natürlich in einer Sprache, die Ausdruck deutscher Jugend ist, nicht fehlen. Damit hilft man sich über beschwerlichen Dienst hinweg: man spielt Häschen in der Grube (Hüpfen in Kniebeuge) und treibt praktische Erdkunde (hinlegen).


