Nr. 230 viertes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Samstag, 2. Oktober 1<)3Z
Bauer und Städter in Oberhessen.
Frohe Erntedankfestfeier in herzlicher Gemeinschaft
Zeit der Kartoffelernte: Heimkehr am Abend.
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„Stadt und Land — Hand in Hand — blühe deutsches Vaterland!" Ein prächtiges Wort. Wir hörten es fchon vor gut zehn Jahren mitten in der Systemzeit. Eindringlich wurde es verkündet bei Veranstaltungen, in deren Mittelpunkt der Heimatgedanke stand. Der dieses Wort immer wieder im Rahmen seiner Heimatdichtungen verkündete, ist selbst Sproß einer Bauernfamilie. Seme Berufsarbeit spielt sich auf dem Lande ab, wenn auch der Platz seines Schreibtisches sich in der Stadt befindet. Dieser Mann, Georg Heß von Leihgestern, lebt mit seinem Hausstand im Bauerndorf: sein Haus hat angestammten bäuerlichen Zu- schmtt. Zu jener Zeit vor gut zehn Jahren, als er jenes Wort zum erstenmal bei Heimatveranstaltungen aussprach, sahen wir manch spöttisches oder skeptisches Lächeln. Es fanden sich aber auch damals schon viele Männer und Frauen, denen er ganz aus der Seele sprach. Sie hatten auf ihrem Lebenswege und durch den Druck der Fremdherrschaft nach dem Kriege nicht nur den starken seelischen und sittlichen Wert der Heimatoerbundenheit des deutschen Menschen erkannt, sondern sie hatten auch erfahren, wie gut und wie dringend notwendig für den deutschen Wiederaufstieg es sein werde, wenn die deutschen Menschen aller Schichten und Lebensverhält- nisse sich zu einer großen Gemeinschaft zusammen- sinden würden. Damals war dies noch ein Sehnen,
Oberhessische Bäuerin auf dem Wochenmarkt.
ohne Aussicht auf Verwirklichung. Der bäuerliche Mahner aus Ober- Hessen befand sich in seiner engsten Heimat fast in der Rolle eines Predigers in der Wüste. Jahre voll Leidens und Kämpfens zwischen deutschen Brüdern zogen noch dahin. Erft der gewaltige nationale Sturm der Bewegung Adolf Hitlers brachte im Frühjahr 1933 auch hier den entscheidenden Wandel. Das Wort: „Stadt und Land — Hand in Hand — blühe deutsches Vaterland!" ist d u r ch Adolf Hitler Wahrheit geworden.
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Eingedenk dieses Wortes begehen wir am morgigen Sonntag auch in Oberhessen zum fünften Male im Geiste des Füh
rers das deutsche Erntedankfest. Dabei werden wir erneut Hinblicken auf die große und glückliche Wandlung, die auch unsere engere Heimat seit dem nationalen Frühjahrssturm von 1933 erfahren hat. Verschwunden sind auch bei uns die großen, vielen Schattenseiten der schweren Not, die bis 1933 das deutsche Volk niederdrückte. Auch in unserem engeren Heimatgebiet ist wieder Arbeit in Hülle und Fülle vorhanden. Der Verlauf des Arbeitsjahres vom Erntedankfest 1936 bis jetzt hat wiederum unzählige neue Schaffensmöglichkeiten erschlossen. Wir brauchen hier nicht im einzelnen aufzuzählen, was in unserer engeren Heimat inzwischen wieder neu und besser geworden ist. Jeder kann in der Stadt und auf dem Lande in reichem Maße Zeugen dieses Wandels zu einer besseren Zeit erkennen. Jedoch eines sei her-- vorgehoben: Standen einst auf dem Lande und in der Stadt auch bei uns Tausende arbeitsloser und in großer Not lebender Menschen verbittert herum, so werden heute neben den ortsansässigen sogar noch Hunderte von Volksgenossen aus entfernten Wohngebieten in Oberhessen beschäftigt, und sie finden dabei zu ihrer Freude für sich und ihre Angehörigen Existenz und Brot. Und auch der Bauer steht nicht beiseite. Er sieht jetzt seine Lebensgrundlage und seine Schaffensmöglichkeiten wieder gesichert und in aufwärtsgerichteter Entwicklung. Die Erzeugnisse seiner Arbeit bleiben ihm nicht mehr ungenutzt im Hause liegen, sie werden nicht mehr zu ungerechtem und zu unzulänglichem Preis in die Stadt gebracht. Ein anderer Geist und ein verständnisvoller Klang für die Lebenslage der Städter und der Bauern und für die Beziehungen zueinander ist ein weiterer großer Gewinn für unsere Gemeinschaft, in der die ideellen Werte wieder zu Ehren gekommen sind. Damit ist eine gute Grundlage wiederhergestellt worden, auf der schon vor Jahrzehnten das Verstehen zwischen Stadt und Land zum Nutzen beider Teile und damit der Gesamtheit sich als gedeihliches Instrument für das Leben des Volkes und des Staates erwiesen hat.
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Wenn wir heute von der Stadt „über Land" gehen, so wird uns dieser Gang immer zu einem schönen Erlebnis. Wir begegnen wieder frohen und zufriedenen Menschen, bei denen der Wille zur Gemeinschaft mit allen Volksgenossen wieder zum Durchbruch gekommen ist. Wir lassen diesen schönen Geist gern auf uns wirken. Wir erfreuen uns aber auch immer wieder an der herrlichen Landschaft, die wir unsere engste Heimat nennen dürfen. Hier haben wir ein Stück deutscher Erde, das in vielfältiger Weise das Auge entzückt. Und auf dieser Erde schmucke prächtige Dörfer, weithin in der Runde des Blickes sichtbar. Gewiß hat z. B. auch der deutsche Osten, oder das Gebiet von Nord- deutschland seine Reize. Dort sieht man sehr oft als
Arbeitsfeld des Landmannes weite, große „Schläge", die nur eine Anbaufrucht tragen; Felder in der geschlossenen Anbau-Einheit von 100, 200 oder 300 Morgen mit Kartoffeln oder Roggen oder bergt, und diesen Vorgang im Rahmen des Wirtschaftsbetriebes häufig wiederholt, find dort nahezu die Regel. Bei uns dagegen sehen wir den bäuerlichen Kleinbetrieb am Werk, der eine Bodennutzung von durchschnittlich 10 bis 15 Morgen bearbeitet. Dort im Osten oder im Norden nnseres Vaterlandes find vier- oder sechsspännige Arbeitsfuhrwerke mit kräftigen Pferden auf den Aeckern keine Seltenheit. Bei uns dagegen behauptet die Kuh auch als Arbeitskamerad des Bauern noch sehr stark ihren Platz. Dort wird es früh Winter und spät Frühjahr. Bei uns dagegen gilt in dieser Hinsicht ein erheblich enger gespannter Zeitraum. Aber eines ist überall gemeinsam: der deutsche Bauer müht sich vom frühen Morgen bis zum späten Abend; er hängt mit aller Liebe an seiner Scholle; er stellt sich gern in den Dienst der Volksgemeinschaft, von der er nur fordert, daß sie ihn und seine Arbeit so würdigt und achtet, wie beide es verdienen. Und in dieser Hinsicht können wir Städter allesamt dem Bauer und der Bäuerin nur beipflichten, denn wir verlangen ja Gleiches auch für uns.
Hinzu kommt aber noch, daß bei uns zwischen dem deutschen Menschen in der Stadt und dem Volksgenossen auf dem Lande vielfach schon seit Jahren enge persönliche Beziehungen bestehen. Wir
Jungbäuerin bei der Apfelernte.
brauchen beispielsweise nur einen Blick auf den Wochenmarkt zu werfen. Dreimal in jeder Woche findet er in Gießen statt. Da sitzen die Bauersfrauen mit den Erzeugnissen ihrer Wirtschaft. Viele Stadtfrauen sind seit Jahren feste Kunden dieser Landfrauen. Manche von ihnen hat auch ihre ständigen Kundinnen in den städtischen Haushaltungen, zu denen ihr Weg regelmäßig an jedem Markttage führt. Da ist es auch keine Seltenheit, daß die Bauersfrau in dem Stadthaushalt mit einer Taffe Kaffee, oder mit einer anderen Erfrischung bewirtet wird, auch ein kleiner Plausch mit der Hausfrau sich anschließt. Umgekehrt sind die Fälle nicht selten, daß diese Bekannten, ja Freunde in der Stadt, zur Kirmes oder auch zum Schlachtfest in das Bauernhaus eingeladen werden und dort als herzlich begrüßte Gäste in schöner Harmonie mit den bäuerlichen Gastgebern verweilen. Die Fäden der persönlichen Beziehungen zwischen Land und Stadt sind eben gar mannigfaltig, sie reichen vielfach über Jahre hinweg und stellen eine Gemeinschaft her, die ganz dem Volksgemeinschaftsgedanken entspricht, den wir alle als eine der wichtigsten Grundlagen des nationalsozialistischen Staates ansehen. Nicht
Mit scharfer Sense in das Korn.
(Aufnahmen [5]: Neuner, Gießener Anzeiger.) minder herzlich und fruchtbar sind die Beziehungen, die sich zwischen Bauer und Städter aus der gemeinsamen Arbeit im Dienste der Partei und aus der Frauenarbeit innerhalb der Bewegung ergeben. Gleiche wertvolle Frucht ist für die Zukunft zu erwarten aus der Kameradschaft unserer jungen Männer während ihres Dienstes im Arbeitsdienst, in der Wehrmacht, oder in den Kampfformationen der Partei, ebenso auch in der Gemeinschaft unserer Jugend in der HI. und im BDM. Und noch eines weiteren hohen Gewinnes wollen wir hier gedenken: der Bauer stellt sich in bewährter Opferfreudigkeit auch mit erheblichen Spenden in den Dienst unserer Volksgemeinschaft. Beim Winterhilfswerk sind in jedem Jahre feine Nahrungsmittel- und Geldspenden ein sehr bedeutender Faktor für die Grundlage des WHW. Diese Leistungen verdienen allen Respekt.
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Wir sehen also gute Grundlagen zwischen Land und Stadt aus der bisherigen vielfachen Verflochtenheit durch schöne Beziehungen, und wir sehen im Werden der jungen Generation eine neue herzliche Gemeinschaft organisch erwachsen, die weiterhin alles Gute für beide Teile und für die Größe unserer Volksgemeinschaft erwarten läßt. So haben wir denn auch bei dem diesjährigen deutschen Erntedankfest in unserer engeren Heimat allen Grund, mit herzlicher Dankbarkeit auf die große deutsche Erneuerung zu blicken, die durch die Tat und das unermüdliche Wirken unseres Führers die früher zum Teil schon bestehenden guten Beziehungen zwischen Städter und Bauer noch vertieft und so erweitert hat, daß davon die Gesamtheit des deutschen Lebens erfaßt wurde. Darum können wir heute alle miteinander, Städter und Bauer, am Erntedankfesttag der deutschen Nation in dankbarer Huldigung für unseren Führer Adolf Hitler mit vollem Recht bekunden: Stadt und Land — Hand in Hand — blühe deutsches Vaterland! B.
Jetzt füllen sich überall auf den Feldern die Säcke mit Kartoffeln.
MHMWWMH!
Roman von Bernhard Lonzer.
Urheberrechtsschutz:
Arthur Moewig, Romanvertrieb, Berlin SW 68.
31 Fortsetzung (Nachdruck verboten.)
„Vielen Dank, Herr von Achenbach. Schaden kann es natürlich nicht. Nur — ich habe natürlich immer daran denken müssen, ob Wolfersdorff auch gut einschlägt. Sind Sie mit ihm zufrieden?"
Der Schloßherr strich die Asche von seiner Zigarre.
„Leider nicht, mein lieber Dieckow. Ganz und gar nicht. -Er ist nach meiner Ueberzeugung ein ausgesprochener Windhund. Ganz abgesehen davon, daß er als Persönlichkeit an sich nicht gerade angenehm zu nennen ist. Man könnte über beides vielleicht hinwegsehen, wenn er wenigstens in der Arbeit zuverlässig wäre. Aber da hapert es eben an allen Ecken und Enden. Nach meiner Ansicht ist er nicht der richtige Mann für uns."
„Oh, bas ist mir aber peinlich. Sein Vater hat allerdings früher viel mit ihm durchmachen müssen. Aber ich dachte doch, daß er mit den Jahren zur ' Vernunft gekommen wäre. Ist ja schon aus manchem Leichtfuß ein brauchbarer und tüchtiger Mensch geworden. Aber — wie gesagt, es ist mir außerordentlich peinlich —"
„Nun, darüber brauchen Sie sich keine Gedanken zu machen. Sie können doch nicht dafür, daß er Ihre Erwartungen enttäuscht. Und es ging damals ja auch alles Hals über Kopf. Viel Schaden hat er bisher ja auch nicht anrichten können."
„Immerhin. Aber vielleicht — möchten Sie ihm nicht noch Gelegenheit geben, zum Frühjahr zu zeigen, was er kann? Vielleicht macht er sich doch noch, ich werde ihn schon gehörig an die Kandare nehmen."
„Das können wir schon versuchen. Sie werden sich ja bald selbst ein Urteil bilden können. Aber damit wollen wir uns jetzt nicht den Kopf schwer machen."
Man sprach von anderen Dingen, die in der Hauptsache persönlicher Natur waren. Der alte, verdiente Inspektor nahm eine Vertrauensstellung ein, und der Schloßherr hatte ihn schon des öfteren
auch mit persönlichen Angelegenheiten betraut. Dieckow vergaß nie den schuldigen Respekt, durfte sich aber auch einmal ein vertrauliches Wort erlauben.
„Ich habe da vorhin noch ein neues Gesicht gesehen", bemerkte er im Laufe der Unterhaltung. „War wohl die neue Assistentin des jungen Herrn? Meine Frau sprach schon davon —"
Wolfgang v. Achenbach bekam blanke Augen.
„Assistentin, ja — aber das ist nicht die Hauptsache. Fräulein Hildach ist nämlich gleichzeitig unser Haustöchterchen, und zwar ein sehr, sehr liebes. Sie wissen ja, wie still und einsam es in den letzten fahren bei uns zugegangen ist. Man kam sich manchmal wie verschüttet vor. Wie vorzeitig begraben. Jetzt haben wir wieder Sonne und Wärme im Hause, Dieckow. Man lebt und atmet wieder. Und Sie sollen es auch wissen: Annelore Hildach ist meine Hoffnung. Meine Hoffnung für die Zukunft. Für die Zukunft der Familie Achenbach."
„Ah — so...?" beugte der alte Inspektor sich interessiert und verständnisvoll vor. „Das wäre ja sehr erfreulich."
„Die Sache ist natürlich noch nicht spruchreif. Sie kennen Stefan ja. Er weiß wohl noch nicht so richtig, was mit ihm los ist. Oder er traut seinem Herzen noch nicht so recht. Nach den Erfahrungen, die er gemacht hat, ist es ja auch fein Wunder. Aber daß da etwas im Werden ist, steht fest, man darf nur nicht hineinreden, muß das in Ruhe reifen lassen. Uebrigens —"
Er wurde unterbrochen. Der alte Friedrich trat ein und meldete den Besuch zweier Herren vom Verein zur Förderung der Stammes-, Wappen- und Siegelkunde, die den Schloßherrn zu sprechen wünschten.
Wolfgang v. Achenbach erhob sich.
„Also, mein lieber Dieckow, da wünsche ich Ihnen für die paar Tage noch recht gute Erholung. Dann gehen wir wieder mit frischen Kräften an die Arbeit, nicht wahr?"
Die beiden Herren, die Friedrich gemeldet hatte, standen in dem behaglich wirkenden Empfangszimmer, als Wolfgang v. Achenbach eintrat. Sie waren in den Anblick eines Porträts vertieft, das von dem seinerzeit sehr gesuchten Porträtisten Graff stammte und den Großvater des Schloßherrn dar
stellte. Der ältere von ihnen, ein Geheimrat Borr- mann, war Wolfgang v. Achenbach bekannt, es ergab sich also sofort ein freundschaftlicher Kontakt.
Man nahm Platz. Die Herren brachten ihr Anliegen vor. Die Mitglieder des Vereins beabsichtigten, im Frühjahr eine Studienfahrt zu unternehmen, und die Herren baten, daß man auch die Sehenswürdigkeiten von Schloß Achenbach, vor allen Dingen aber die vorhandenen alten Urkunden besichtigen dürfe. Wolfgang v. Achenbach gab sofort seine Erlaubnis. Nach einem lebhaften Gespräch über die auch ihn sehr interessierenden Dinge zeigte er den Herren die hauptsächlichsten Sehenswürdigkeiten des Schlosses, die etwas finstere Ahnengalerie, den freundlichen Gartensaal mit den prachtvollen Gobelins, die alte Kapelle und die „Rüstkammer" mit der einzigartigen Waffensammlung. Dann begab man sich in das Arbeitszimmer, und nun breitete Wolfgang auf dem mächtigen Schreibtisch eine stattliche Reihe von Urkunden aus, deren Kalligraphie und prächtige Siegel gebührend bewundert wurden.
Schnell verging darüber die Zeit. Die Lampen brannten bereits, als Wolfgang v. Achenbach die beiden Herren wieder hinunter begleitete.
Stefan stand mit Annelore in der Nähe der Treppe. Der Dienst in der Klinik war beendet. Annelore hatte den weißen Berufsmantel ausgezogen. Das schlichte dunkle Kleid brachte ihre Vorzüge voll zur Geltung. Ihre zurückhaltende, natürliche Art wirkte vornehm, trotz aller Schlichtheit. Niemand konnte vermuten, daß es Chef und Assistentin waren, die sich hier unterhielten.
Der Geheimrat kannte auch Stefan und trat zu ihm heran, um ihn zu bearüßen. Dann verbeugte er sich tief vor Annelore, die ihm fremd war. Er schien verwundert, daß Stefan nicht sofort vorstellte. Nach sekundenlangem Zögern sah er Stefan wieder an.
„Wohl die Frau Gemahlin?"
Stefan lief plötzlich ein helles Rot über die Stirn. Tiefe Verlegenheit prägte sich für einen Augenblick auf seinem Gesicht aus. Dann zog ebenso plötzlich ein eigenartig starres Lächeln um seine Lippen.
„Nein, Herr Geheimrat", erwiderte er mit fremd klingender Stimme, „Frauen haben auf Schloß Achenbach Seltenheitswert..."
Er riß sich zusammen.
„Fräulein Hildach, meine Assistentin. Und Großvaters Haustöchterchen", stellte er vor.
Der Geheimrat hatte auch Annelores tiefes Erröten bemerkt. Der Irrtum war ihm sichtlich sehr peinlich. Er suchte den Eindruck, den seine Worte hervorgerufen hatten, wieder zu verwischen, indem er lebhaft von der Angelegenheit zu sprechen begann, die ihn hergeführt hatte.
Als man sich dann endlich zum Gehen wandte, war Annelore verschwunden.
„Da habe ich, ohne es zu wollen, eine recht hübsche Taktlosigkeit begangen, Herr von Achenbach", sagte der Geheimrat. „Ist mir natürlich furchtbar unangenehm, furchtbar peinlich —"
Stefan zwang wieder ein Lächeln auf fein Gesicht.
„Der Irrtum ist durchaus begreiflich, Herr Geheimrat. Der Gedanke lag ja nahe. Ich hätte rechtzeitig vorstellen sollen, dann wäre es nicht dahin gekommen. Belasten wir also ruhig mein Konto damit. Auf ein bißchen mehr oder weniger kommt es ja nicht an."
„So?" lächelte nun auch der Geheimrat. „Haben Sie denn ein so hohes Schuldkonto, daß es nicht darauf ankommt?"
„Wohl möglich!"
Damit verabschiedete Stefan sich und ging, während der Großvater die Herren an den Wagen begleitete.
Ihm war der Vorfall nicht weniger peinlich. Aber noch erheblich peinlicher mußte er für eine Dame fein. Stefan hatte zwar nicht gewagt, Annelore anzusehen, aber ihr Verschwinden sprach ja deutlich genug.
Der Gedanke, daß sie die junge Frau des Hauses sein könnte, lag in der Tat nahe. Sogar für einen so lebenserfahrenen Mann wie den Geheimrat. Und Stefan von Achenbach ...?
Stefan brannte der Kopf. .Er schob diese Frage von sich, aber sie kam wieder. Die Brust war ihm eng und weit zugleich. Mit raschen Schritten stieg er die Treppe zum Obergeschoß hinauf.
Er hörte Stimmen im Wohnzimmer. Annelore ließ eben die Hand von Fräulein von Birkhammers Schulter gleiten, als er eintrat.
Fortsetzung folgt ' ■ 7 J


