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Kr. 229 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Zreitag,!. Oktober,957

Aus der Stadt Gießen.

Der Monat der Stürme.

Wenn wir von Herbstwetter sprechen, erwarten wir entweder Nebel und blaß scheinende Sonne über halbentblätterten Bäumen, oder schwere Stürme mit Regen. Die übrigen Charakteristiken des Herbstes, die hinsichtlich der meteorologischen und naturkundlichen Form tatsächlich schon seit dem Septemberbeginn an der Tagesordnung sind, kom­men deshalb nur weniger zum Bewußtsein, weil sie äußerlich Gutwetter darstellen und auch in ihrer be­gleitenden Temperaturhöhe noch sommerlich erschei­nen. Mit dem Einsatz des Oktober hören diese nachsommerlichen Tendenzen auf. Der Oktober ist der altdeutschen Anschauung entsprechend der eigent­liche Herbstmonat, und statistisch gesehen der Mo­nat der Stürme, weil während seiner Laufzeit die Windstärken am kräftigsten sind und am häufigsten zu Sturmerscheinungen ausarten. Im Oktober kann man im nordwesteuropäischen Küstengebiet mit den ersten schweren Sturmfluten rechnen, und in der mitteleuropäischen Landzone löst der Oktober jene Stürme aus, die die Blätter von den Bäumen reißen, die, ganz anders als in den vergangenen Sommermonaten, Regenstürme über Wald und Feld brausen lassen. Im Oktober kann auch die Temperatur jäh sinken und sich in den Nachtstun­den der erste stärkere Frost mit Reifbildung ein­stellen. Diese Oktoberfröste sind das Ende der letz­ten nachsommerlichen Pracht, denn auch die wider­standsfähigste Herbstblume und das beharrlichste Laub wird der Kälte der Oktobernächte nachgeben müssen. Wir sehen also: der Oktober beendet in jeder Beziehung den Sommer!

Natürlich darf man einen Monat nicht nur von der charakteristischen Seite bzw. von der extremen Richtung aus sehen. Nicht immer toben die Herbst­stürme, nicht nur regnet es im Oktober, und auch die kalten Frostnächte sind nur zeitweilige Erschei­nungen. Aus der Tatsache, daß der Oktober im deutschen Raum noch eine Tagesdurchschnittstempe­ratur von rund 8 Grad Wärme aufweist, ergibt sich, daß die Mittagstemperaturen immerhin noch 10 bis 15 Grad in der ersten Monatshälste erreichen, und daß die Nachttemperaturen auch in den schärfsten Kälteeinbrüchen der letzten Monatsdekade kaum un­ter 5 Grad Kälte sinken, denn sonst könnte ja der Durchschnittswert nicht gehalten werden. Entspre­chend dem Charakter unserer gemäßigten Klima­zone mit dem ozeanisch beeinflußten Wettertyp ist auch das Oktoberwetter zuKompromissen" geneigt. Wir können selbst noch im Oktober Sonnentage er­warten, die in ihrer lauen Wärme und Heiterkeit des Himmels zumeist als Altweibersommer gelten. Auch für den Fall, daß in der zweiten Monats­hälfte die Nachttemperaturen bis zum Gefrierpunkt sinken, kann die Oktobersonne in den Mittagsstun­den immerhin noch 5 bis 8 Grad Wärme aufbrin­gen. Der Oktober ist also noch keineswegs begin­nender Winter, sondern er ist derHerbst, wie er im Buche steht". Er hat in seiner ganzen Form etwas ungemein Anziehendes an sich, und der Na­turfreund wird gerade im Oktober manche Dinge in der atmosphärischen Gestaltung vorfinden, die einen ganz besonderen Reiz mit sich verbinden. Gibt es doch nichts Schöneres, als an einem sturm­bewegten Oktodertag meistens sind die richtigen Oktoberstürme mit verhältnismäßig schönem Wetter verbunden durch die Natur zu wandern. Die Wolken sagen wie Phantome am Himmel dahin, in den Hecken und Gebüschen pfeift der Wind, und aus den Wäldern, die größtenteils schon entlaubt sind, schallt das dumpfe Heulen des Sturmes zwi­schen den Aesten und Stämmen.

Der Herbst und namentlich der Oktober verdienen es, nicht nur von der traurigen Seite des Sterbens in der Natur gesehen zu werden, sondern auch von der urkräftigen Seite der Natur, die hier nur des­halb mit Morsch- und Welkgewordenem aufräumt, um Platz für den neuen Frühling und sein Sprie­ßen zu schaffen. So müssen wir den Oktober, den eigentlichen Herbst, sehen, und wir werden selbst in Erinnerung an die schönsten Sommertage sagen, daß die Melancholie des Herbstes nur eine eingebildete ist und daß ein lebensbejahender Mensch gerade im Herbst das ewige Leben der Natur am besten er­kennen kann.

Bankdirektor Grießbauer erhält die Ehrenplakette der Stadt Gießen

Bankdirektor Grießbauer. (Aufn.: Neuner.)

Heute mittag zwischen 12 und 13 Uhr findet im Gebäude der Filiale Gießen der Commerz -und P r i v a t - B a n k eine Abschiedsehrung für den mit dem gestrigen Tage in den Ruhestand getretenen langjährigen dienstältesten Leiter der Filiale, Bank­direktor Grießbauer statt. Bei dieser Ehrung im Kreise der Betriebsgefolgschaft und in Gegen­wart einiger Vertreter von Behörden und öffent­lichen Körperschaften wird auch die Stadt Gie­

ßen Bankdirektor Grießbauer eine besondere Ehrung bereiten.

In Vertretung des wegen dringender Dienst­geschäfte auswärts weilenden Oberbürgermeisters Ritter wird Bürgermeister Professor Dr. Hamm Herrn Bankdirektor Grießbauer die Ehren­plakette der Stadt Gießen überreichen. Diese hohe Ehrung erfolgt im Hinblick darauf, daß Bankdirektor Grießbauer der Stadt Gießen im Finanzwesen und bei der Finanzierung von Pro­jekten vielfach zur Seite gestanden hat, bei der Schaffung des Gießener Flughafens seinerzeit mit an erster Stelle im Interesse der Stadt tätig war, ferner für die Erhaltung der Industrie in Gießen und zur Gewinnung von neuen Industriebetrieben für unsere Stadt der Stadtverwaltung in vielfäl­tiger Hinsicht beratend und fördernd zur Seite stand, außerdem alle Bestrebungen zur Sicherung unserer Stadt auf dem Gebiete des Luftschutzes und gemein­nützige Unternehmungen volksportlicher Art förder­lich unterstützte. Weiterhin war für die Ehrung be­stimmend, daß Herr Gr i e ß b a u e r bei der Zu­sammenarbeit mit Behörden und Privaten, die der Stadt zur Seite standen, durch seine vortrefflichen beruflichen und menschlichen Eigenschaften sehr zum Nutzen der Stadt wirkte, wertvolle Fäden anknüpfen, ausbauen und vertiefen half und dadurch dem wirt­schaftlichen Aufschwung unserer Stadt große Hilfe leistete.

Aus allen diesen Gründen hat es Herr Ober­bürgermeister Ritter als angenehme Pflicht der Stadt Gießen angesehen, Herrn Bankdirektor Grießbauer durch die Verleihung der Ehren­plakette derStadt Gießen mit der höchsten Auszeichnung, die Gießen zu vergeben hat, den herz­lichen Dank der Stadtverwaltung und der gesamten Bevölkerung von Gießen abzustatten.

lieber den Verlauf der Ehrungsfeier werden wir morgen berichten.

Reservisten-Abschied von Gießen.

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Am gestrigen Donners­tag feierten die ersten Re­servisten nach der Wie­dereinführung der allge­meinen 2jährigen Dienst­zeit ihren Abschied von der Garnisonstadt Gießen. Schon in den Vormittags­stunden konnte man die ausgedienten alten Kno­chen" in fröhlicher Stim­mung in den Straßen sehen. Erstmalig wieder im Zioilkleid, die Solda­tenmütze auf dem Kopfe, den Rock mit Blumen und Bändern geschmückt, den Reservistenstock in der Hand, die Reservisten­feldflasche umgehängt, so zogen sie in bester Laune einher. Selbstverständlich mußte dieser denkwürdige Tagbegossen" und mit Reservistenliedern gefeiert werden. Es gab denn

auch in den Stammlokalen unserer Soldaten manch frohen Umtrunk und überall kräftigesGesangs­konzert". Andere erfüllten als Kavaliere die Pflicht, sich in geziemender Weise bei derholden Bekannt­schaft" zu verabschieden und dabei mit dem Mädel noch einmal einen Spaziergangsbummel durch die Stadt zu machen.

Während des ganzen Tages fuhren die Reser­visten in kleineren oder größeren Trupps mit den Zügen nach allen Richtungen von Gießen ab. Einen geschlossenen Sammeltransport, der ur­sprünglich vorgesehen war, hat man nicht durch­geführt. Das Geleite zum Bahnhof wurde den Re­servisten teilweise von ihren Kampanien bzw. Bat­terien gegeben, wobei mehrfach die Regiments­

musik unserer 116er den Marschgruppen voraus­schritt und die Reservisten, begleitet von ihren Offizieren, Unteroffizieren und von den nun­mehrigenalten Knochen", zum letzten Male hinter der Regimentsmusik marschierten; andere Truppen­teile brachten ihre Reservisten auf Wagen zum Bahnhof; bei allen gab es ein herzliches Abschied­nehmen und trat die enge kameradschaftliche Ver­bundenheit der Soldaten in schönster Weise zutage.

Manchealte Knochen" konnten sich aber auch bis gestern spät abends noch nicht von Gießen tren­nen. Sie feierten bis weit in den Abend hinein Abschied und werden nun wohl heute morgen, nach­dem der Kampf gegen den Kater erfolgreich bestan­den ist, still und leise heimpendeln.

Der neue Kreisleiter in Gießen.

Vom heutigen 1. Oktober 1937 ab hat Kreisleiter Backhaus die Kreisleitung des Kreises Wetterau übernommen, lieber die Persönlichkeit des neuen Kreisleiters teilt der NSG. folgendes mit:

Kreisleiter Heinrich Backhaus ist am 3. De­zember 1888 in Jehrden, Kreis Harburg-Elbe, ge­boren. Er besuchte die Volksschule in Fleestedt und die Bürgerschulen in Harburg und Altona, die er 1905 mit dem Reifezeugnis verließ. Er trat dann in die mittlere Postlaufbahn ein. 1910 kam er zum Eisenbahn-Regiment 2 in Berlin-Schöneberg, Unter­offiziersaspirant. Frontkrieg von 1914 bis 1918 im Westen und Osten, Träger des EK. 2, Hanseaten­kreuz und Frontkämpferabzeichen. Kreisleiter Back­haus war zuletzt Postinspektor und seit 1933 Amts- und Gemeindevorsteher in Ahrensburg, dann Bürgermeister der Kreisstadt Pinneberg.

Er trat am 13. Juni 1925 in die Partei ein und war bis 1928 stellvertretender Ortsgruppenleiter in Altona. Vom 1. Mai 1929 bis 15. September 1932 war er Kreisleiter des Kreises Stormarn, vom 1. April 1931 bis jetzt Gauamtsleiter im Amt für Beamte des Gaues Schleswig-Holstein. Er ist Gau-- rebner und Obersturmführer der SA., Träger des Goldenen Parteiabzeichens und seit 1932 Mitglied des Reichstages.

Vornoiizen.

Tageskalender für Freitag.

NSLB., Fachschaft Höhere Schule: 17.30 Uhr Singsaal Realgymnasium Vortrag. Stadttheater: 20 bis 22.15 UhrMoral". Gloria-Palast, Sel­tersweg:Sieben Ohrfeigen". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Liebe im ^-Takt".

Stadttheater Gießen.

Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Heute abend findet die Erstaufführung der Komödie Moral" von Ludwig Thoma statt. Spielleitung hat Hans Geißler. Die Vorstellung findet als 2. Vorstellung der Freitag-Miete statt. Anfang 20 Uhr, Ende 22.15 Uhr.

Don der Universität.

Von der Pressestelle der Ludwigs-Universität wird uns mitgeteilt:

Der Reichs- und preußische Minister für Wissen­schaft, Erziehung und Volksbildung hat durch Erlaß vom 31. Juli 1937 dem Dr. phil. habil. Joseph Meixner in Gießen die Dozentur für das Fach theoretische Physik" verliehen und ihn der Philo­sophischen Fakultät, II. Abteilung, der Universität in Gießen zugewiesen.

Am 6. September 1937 verlieh der Reichs- erziehungsminister dem Dr. habil. Helmut Arntz in Gießen die Dozentur für Vergleichende Sprach­wissenschaft und wies ihn der Philosophischen Fakultät, I. Abteilung, der Universität Gießen zu. Gleichzeitig wurde der ihm erteilte Lehrauftrag für Indogermanistik bis auf weiteres verlängert.

NSD., Ortsgruppe Mitte.

Die Annahme der Unterstützungsanträge für das Winterhilfswerk 1937/38 für den Bereich der Orts­gruppe Gießen-Mitte erfolgt nach folgen­dem Plan:

Samstag, 2. Oktober, von 9 bis 12 Uhr: Alicenftraße, Am Pfarrgarten, An der Johannes- kirche, Bahnhofstraße; von 15 bis. 18 Uhr: Bis­marckstraße, Bleichstraße, Bruchstraße, Erlengasse, Burggraben, Goethestraße, Grabenstraße, Hinden- burgwall. Hinter der Westanlage, Horst-Wessel-Wall, In Löbershof, Johannesstraße, Kaplansgasse.

Montag, 4. Oktober, von 9 bis 12 Uhr: Katharinengasse, Kleine Mühlgasse, Kornblumen-

Schnellkur bei Erkaltung, Grippe!

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Roman von Bernhard Langer.

Urheberrechtsschutz:

Arthur Moewig, Romanvertrieb, Berlin SW 68.

30 Fortsetzung (Nachdruck verboten.)

So ist es. Wir haben uns bemüht, es so schnell wie möglich wieder zu vergessen. Und wir haben es vergessen. Rest los ver gessen, Frau Konsul! Und wir wünschen, nicht mehr daran erinnert zu werden."

,^)h Sie sind sehr hart, Herr von Achenbach. Und Sie nehmen mir allen Mut, Ihnen zu erklären, wie alles gekommen ist."

Es würde auch zwecklos sein. In jedem Falle."

Gloria senkte den Kopf. Dann hob sie ihn wieder und sah in die Ecke.

Ich weiß nicht, ob Sie nur für Ihre Person sprechen oder auch für Stefan. Ich bin eine Frau, Herr von Achenbach. Einer Frau, die viel bereut und viel gebüßt hat, werden Sie die Antwort nicht verweigern"

Sie hob ihm das Gesicht mit einem schmerzlichen Ausdruck entgegen.

Ich möchte eins wissen, Herr von Achenbach: Wie hat Stefan das damals getragen . -.?"

Scharf und streng war das Gesicht des Schloß- ^,Wie ein Mann, Frau Konsul! Wie ein Achen­bach! Die Achenbachs stehen fest wie Eichen, möge kommen, was da kommen will."

Dann reckte er sich in den Schultern, eine Bewe- roegung, wie sie auch Stefan zuweilen an sich hatte. Es war die erste Bewegung, die er machte.

Man sollte meinen, daß Sie das alles nicht mehr interessieren kann, so wenig, wie es uns noch inter­essiert. Man könnte Ihnen auch sagen: Sie haben einen Mann, Frau Konsul. Einen sehr sympathischen, sehr ehrenwerten Mann. Aber ich hoffe, es, wird nicht notwendig fein, Sie daran zu erinnern."

Glorias Stimme flackerte leicht.

Es ist nicht notwendig, Herr von Achenbach. Aber ich sehe, ich habe wirklich keine Verzeihung von Ihnen zu erhoffen*

Von mir, Frau Konsul? Ich habe Ihnen nichts zu verzeihen."

Sie schien noch etwas sagen zu wollen, ließ aber den Kopf wieder sinken. Langsam wandte sie sich zum Gehen.

Leben Sie wohl, Herr von Achenbach."

Leben Sie wohl, Frau Konsul."

Unbewegt sah er ihr nach, bis sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte.

Gloria stand auf dem halbdunklen Gang. Ihre Schläfen waren heiß. Nein, von diesem Manne hatte sie keine Gnade zu erwarten. Und Stefan? War Stefan nicht Blut vom Blute dieses Mannes? War er nicht auch ein Achenbach? Durfte sie von ihm Gnade erwarten? Durfte sie hoffen, daß fein Herz sich ihr wieder öffnen würde?

Sie hatte dem alten Herrn da drinnen eine Ko­mödie vorgefpielt. Besser, als man sie jemals auf der Bühne gespielt hatte. Aber stand hinter dieser Komödie nicht bitterer Ernst?

Stefan war damals ja noch so jung gewesen. Man hatte seine Bewunderung, seine aus anfäng­licher Zurückhaltung plötzlich aufbrechende Leiden­schaft nur als jugendlichen Rausch betrachtet, wenn man auch manchmal gefühlt hatte, daß diese Leiden­schaft etwas anderes gewesen war als die Bewun­derung, die einem von vielen Seiten entgegenge­bracht wurde. Man war in dieser Beziehung ja so verwöhnt gewesen, hatte selber nicht mehr gewußt, was Schein und Wahrheit war, was eine Zukunft versprach. Da war dann der andere gekommen, um dessentwillen man Stefan vergessen hatte. Er war eben stärker gewesen. Oder ach, man konnte es ja heute gar nicht mehr sagen! Es war eine schwere Enttäuschung geworden, an der man zu tragen ge­habt hatte, bis man sich in die Ehe mit Bruckner geflüchtet hatte wie in einen ruhigen, sicheren Hafen. Aber man war doch nicht schlecht! Man war doch nicht schlecht .. .1

Nicht schlecht, Gloria Bruckner? Hast du nicht erst vor kurzem gedacht: Wenn die Ehe mit Bruck­ner wieder in die Brüche geht, so ist es eben Schick­sal ...? Er muß sich damit abfinden? Ach, Bruck­ner ist gut, ist die Güte und Liebe selbst. Er ver­dient nicht, unglücklich gemacht zu werden durch die Frau, die ihm alles war. Ja doch! Aber stärker als all das war doch der Gedanke: Stefan ..J

Konnte man denn dafür? Mein Gott, konnte man denn dafür?

Und diese diese Annelore Hildach! Man glaubte sie zu hassen. Aber war das wirklich Haß? Redete man sich das nicht nur ein, weil man vor innerer Angst verkam? Weil man in ihr die Nebenbuhlerin witterte? Nein, wenn man ehrlich sein wollte: man hatte sich in diesen Haß nur hineingeredet. Man hatte auch mit ihr eine Komödie aufgeführt. Wie bei einem Theaterdialog zwischen zwei eifersüchtigen Frauen. Man konnte zu diesem Mädchen sagen: Verzeih mir aber ich muß dich hassen. Weil Stefans Herz dir nahe ist! Oder weil sein Herz doch auf dem Wege zu dir ist! Aber vielleicht war das gar nicht einmal der Fall. Vielleicht war sie auch ein Mensch, der um seine Liebe litt. Und wenn auch nein, von Haß sollte nicht die Rede sein. Man war doch nicht schlecht ... Man war nur so ganz wirr weil man heute wußte, daß man in Wirk­lichkeit nur Stefan geliebt hatte ...

Nein, Stefan, dachte sie, nein, Stefan, ich bin nicht schlecht! Ich bin ganz gewiß nicht schlecht!

Das Halbdunkel des Ganges lag wie eine Last auf ihr Sie sah sich mit wirren Blicken um. Rechts? Oder links? Ja, dort zur Linken war die Treppe. Mit unsicheren Schritten stieg sie hinab. Ihr war, als liefe sie auf Watte oder als wäre jede der Stufen ein schwankender Wolkensaum. Mußte man jetzt nicht stürzen? Ins Bodenlose?

Als sie das Erdgeschoß erreichte, sah sie wie durch einen Schleier, daß das Mädchen in auffälliger Hast dem hinteren Ende des Korridors zueilte. Im gleichen Augenblick tauchte eine männliche Gestalt vor ihr auf: Wolfersdorfs.

Er verbeugte sich mit einem vielsagenden Lächeln.

Also wirklich, Fräulein Frau Konsul...! Ich war vorhin im Zweifel, aber ich hörte eben"

Ein erstaunter, abweisender Blick traf ihn.

Was hörten Sie?"

Daß Gloria Rettner heute die Frau Konsul Bruckner ist."

,31t)!" riß Gloria sich zusammen.Aber wollen Sie mir nicht erst mal sagen, wer Sie sind?"

Er machte die Andeutung einer neuen Ver­beugung.

Wolfersdorfs. Gerhard Wolfersdorfs. Aber zum besseren Verständnis: Ich gehörte seinerzeit zum

Freundeskreise Klindworths, der das fabelhafte und von uns allen beneidete Glück hatte"

Eine flammende Röte schoß Gloria ins Gesicht.

Nun und ...?"

Ich finde es bemerkenswert, daß Herr von Achenbach heute das Glück hat. Sie zu seinen Patienten zählen zu dürfen."

Ein unsäglich verachtungsvoller Blick traf ihn. Ohne noch ein Wort zu verlieren, wandte Gloria sich ab. Da war wieder die Vergangenheit! Und sie war doch tot... Hier war eine Frau, die mit bangem Herzen durch die Gegenwart tastete und die Zukunft suchte. Alles andere war doch tot!

11.

Na, da setzen Sie sich nur erst mal, mein lieber Diekow", sagte Wolfgang v. Achenbach und drückte den alten, treuen Inspektor freundschaftlich in einen Stuhl.Ich freue mich aufrichtig, daß die Kur so gut angeschlagen hat. Wir haben also doch' das Richtige getroffen. Sie haben sich auch sonst tüchtig herausgemacht, sehen ja aus wie ein junger Gott.

O, du liebe Zeit, Herr von Achenbach, es ist lange her, daß man das mit einigem Recht von sich sagen konnte. Die Jahre lassen sich nicht fortexperi­mentieren. Aber vorläufig geht es Gott fei Dank wieder."

Na ja. Und ich denke, wir werden noch manches Jahr zusammen unseren Kohl bauen."

Wollen's hoffen, Herr von Achenbach."

Wolfgang v. Achenbach schob die Zigarrenkiste heran.

Ich freue mich natürlich, daß Sie da find, aber so eilig war es nun doch nicht, da Sie ja erst heute mittag zurückgekommen sind. Sie haben doch nicht etwa vor, sich morgen schon wieder in die Sielen zu legen?"

Das hatte ich allerdings gedacht, Herr von Achen­bach."

O nein, so scharf wollen wir nicht gleich ins Zeug gehen. Wir wollen die Kur doch erst mal wirken lassen. Erholen Sie sich also ruhig erst noch vierzehn Tage zu Hause. Mutter Dieckow wird es an einer entsprechenden Nachkur schon nicht fehlen lassen, denke ich. Mit der Arbeit ist es jetzt ja auch nicht so schlimm, so lange behelfen wir uns schon noch."

Fortsetzung folgt.