Nr. 229 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesstn)
8reitag,i. Oktober |93Z
Besuch in Neudeck.
Zu Hindenburgs 90. Geburtstage am 2. Oktober.
Äon Kurt Ziesel.
Dunkel und schwer stehen Gewitterwolken über der Weite ostpreußischer Felder und Wälder und die unzähligen Seen im Süden der Provinz Ostpreußen, die das sogenannte Oberland durchziehen, werden aufgepeitscht vom aufkommenden Sturm, der drohend über das Land fegt.
Südwärts dieses Oberlandes dehnt sich, schon nahe der polnischen Grenze, der arme und in der Schönheit seiner Landschaft doch so wunderbar harmonische Landstrich, in dessen Mitte nahe bei Freystadt das Gut der Familie Hindenburg, Neudeck, liegt. Während wir, von der Landstraße einbiegend, durch den gepflegten Park vor dem hohen Portal des Schlosses Neudeck Vorfahren, an dessen Seite die zwei aus unzähligen Bildern bekannten alten Geschütze von der soldatischen Laufbahn des einstigen Schloßherrn künden, überfällt uns ein eigenartiges Gefühl der Andacht und jene Ehrfurcht, die wohl jeden Deutschen umfängt, wenn er an Stätten des Wirkens des Größten seiner Geschichte weilt.
Groß und weit empfängt uns die Wohnhalle. Als erstes fällt uns ein überlebensgroßes Gemälde Hindenburgs auf, das, den ganzen Raum beherrschend, über einem alten Kamin hängt. Das Bild ist im Jahre 1916 von Professor Petersen, Düsseldorf, gemalt und gehört wohl zu den schönsten und lebensechtesten Porträts von Hindenburg. Frau von Hindenburg, die Schwiegertochter des verewigten Generalfeldmarschalls, die uns stundenlang in der liebenswürdigsten Weise durch sämtliche Räume des Hauses führt und uns alle die unzähligen Erinnerungsstücke an den großen Toten zeigt, erzählt, daß die ganze Familie Hindenburg gerade dieses Bild besonders liebt. Unter dem Bild ist ein markanter Lieblingsspruch in den granitenen Kamin eingemeißelt: „Die Treue ist das Mark der Ehre". Zwischen künstlerisch feinsinnigen Plastiken und Statuetten, Geschenken von Verehrern Hindenburgs, steht eine Bronzeplastik von Prof. (Tauer aus Königsberg, die in wunderbarer Ausarbeitung die Hand Hindenburgs mit dem Marschallstab zeigt. Vor dem Kamin stehen der Tisch und die stilvollen Stühle, an denen manche wichtige und große Beratung Hindenburgs mit seinem Stabe stattgefunden hat. Man muß dies selbst gesehen und erlebt haben, um zu spüren, wie hier in liebevoller Pietät und in ehrfürchtigem Andenken an den Größten ihres Geschlechts die Familie Hindenburg eine Stätte wahrhaft großartigen Andenkens geschaffen hat.
In all diesen Räumen lebt auch noch heute mit spürbarer Kraft und Deutlichkeit der Geist Hindenburgs so sehr, daß man die Stimme dämpft, wenn man durch diese Räume schreitet, und daß man nur mit einer fast behutsamen Scheu Fragen stellt und Dinge berührt, die er noch vor zwei Jahren in Händen gehalten hat. Wenn man all das schildern wollte, was als Zeugnis eines einzigartig reichen Lebens in diesen Zimmern auf Neudeck zu sehen ist, dann könnte man ein Buch füllen, aus dem uns die Geschichte unseres Volkes feit Jahrhunderten entgegenlebt, ein Buch, in dem Sitte und Brauchtum, Handwerk und Bauerntum und Eigenart nicht nur aller Stämme unseres Volkes, sondern der ganzen Welt zum Ausdruck kommt. So können wir nur einiges von dem anführen und erzählen, was wir in diesen Stunden in Neudeck gesehen haben, was in seinem Reichtum und in dieser Vielfalt über einem kleineren Kreis hinaus kaum bekannt ist.
Da steht in dem Wohnraum zum Beispiel in einer Nische der schönen Holztäfelung eine dickbauchige Vase, fast ein Meter groß. In kreisrunder Fassung sehen wir in Porzellanmalerei das Bild des letzten Zaren von Rußland. Wieviel an Schicksalen mag diese Vase allein erlebt haben! Sie wurde vor drei Jahrzehnten vom deutschen Kaiser dem
Zaren als Geschenk überreicht und vor zehn Jahren vom deutschen Botschafter in Moskau auf geheimnisvolle Art aufgefunden und Hindenburg zum Geschenk überreicht. Oder wenn wir weiter in die mehrere tausend Bücher umfassende Bibliothek kommen, die im anschließenden Zimmer untergebracht ist, sehen wir die Ahnengalerie der Familien Hindenburg, in der Mitte den Ururgroßvater des großen Toten, der von Friedrich dem Großen mit dem Pour le merite ausgezeichnet und mit dem Gut Neudeck belehnt wurde. Er heißt in der Familie nur der „Oberst" von Hindenburg. Frau v. Hindenburg öffnet uns auf der einen Seite der Bibliothek einen gewaltigen Schrank. Von oben bis unten Stapel auf Stapel in Kassetten oder Buchform, in Rollen oder in urkundartigen Blättern ist hier nur ein Teil der Ehrenbürgerbriefe, die Hindenburg im Laufe der Jahre von allen Städten und Dörfern Deutschlands erhielt.
Dazu scheu wir auf allen Tischen der Bibliothek und im Arbeitszimmer weitere Ehrenbürgerbriefe, die wegen ihrer besonders schönen künstlerischen Form hier geschmackvoll geordnet nebeneinander liegen. Da sind solche aus schwerem Gold und solche aus gewöhnlichem Eisen, solche aus Leder und welche aus Pergament, da ist einer als prachtvolle Holzeinlegearbeit ausgeführt und einer als edelsteinbesetztes Prunkstück. Eine Sammlung von Meisterwerken deutscher Handwerker- k u n st, die allein einem Museum für Volkskunde ausschließlich als Material genügen würde. Es ist ganz unmöglich, hier auch nur auf irgendwelche Einzelheiten näher einzugehen. In einem kleinen Glastisch der Bibliochek sind einige besonders wertvolle Stücke aus dem Familiengut ausgelegt: ein japanischer Ehrensäbel aus dem 13. Jahrhundert, das Geschenk eines japanischen Prinzen, ein fast unfaßliches Meisterwerk feinster Goldziselierkunst. Da sind Pfeifen von Blücher und Marschall Ney, Geschenke an den früher schon genannten Obersten von Hindenburg, eine Tabakdose von Friedrich dem Großen mit einer persönlichen Widmung an den Obersten, eine Taschenuhr, die Napoleon Vendome geschenkt hat und die durch einen Magdeburger Uhrmacher Hindenburg vor Jahren verehrt wurde. Da sehen wir weiter altjavanische Dosen, einige wundervolle Kästchen mit chinesischen Gebetsbüchern, Geschenke von tibetanischen Kirchenfürsten an Hindenburg. Da find des weiteren: Teppiche vom Sultan und auf Stoff und Seide gemalte japanische Bilder, Geschenke des japanischen Kaisers. Da finit Kelche und Becher, Plastiken und Bilder, alte Originalhandschriften deutscher Dichter, die, wie die Sprüche von Fontane, unter Glas im Rahmen in Hindenburgs Arbeitszimmer hängen. Es dünkt uns manchmal fast, als habe sich hier die Kunst und die Geschichte der ganzen Welt ein Stelldichein zur achtungsvollen Verehrung unseres Hindenburg gegeben.
Schwere Vorhänge dämpfen das grelle Licht in Hindenburgs Arbeitszimmer, das wir als letztes in den unteren Räumen des Schlosses betreten. Bei allem Prunk und Glanz der Geschenke und G a - den aus der ganzen Welt wirkt dieses Arbeitszimmer doch so schlicht und einfach, so ganz auf die tägliche unermüdliche Arbeit eines bis in die letzten Tage feines hohen Greisenalters für fein Volk und fein Land tätigen Mannes eingerichtet. Wir stehen hinter dem hochlehnigen Stuhl vor dem Schreibtisch Hindenburgs, wo er noch wenige Tage vor seinem Tode gesessen und gearbeitet hat. Da liegt rechts die K a r t ä t s ch e n k u g e l, die ihm als Siebzehnjährigen bei Königgrätz den Helm durchlöcherte und beinahe das Leben gekostet hätte. Der Helm selbst steht in einem Glaskasten an der Wand. Da sind des weiteren auf seinem Schreibtisch die Bilder seiner Kinder und seiner Frau und
seiner Eltern, alte verblichene Photographien. Da liegen in verschiedener Größe Lupen, die Hindenburg ständig bei seiner Arbeit verwandte, und auf einem Rauchtisch in einer Ecke des Zimmers liegt der alte und bewährte, abgegriffene Andreesche Handatlas, ein Buch, das wohl zu den meistbenutzten Hindenburgs gehörte.
„Seine geographischen Kenntnisse", so erzählt hier Frau von Hindenburg, „waren ja einzigartig. Ich erinnere mich keiner Frage geographischer Art, auf die mein Schwiegervater jemals die Antwort schuldig geblieben märe. Dennoch verging kein Tag, an dem er nicht in diesem Atlas sich über die Richtigkeit irgendwelcher geographischer Dinge vergewisserte." Neben dem Atlas liegt ein kleines Büchlein eines Schweizer Militärarztes über strategisch-ärztliche Maßnahmen in der Armee. Es war dies das letzte Buch, das er, wie Frau v. Hindenburg erzählte, flüchtig gelesen hatte, da es ihm von Professor Sauerbruch während seiner Krankheit mitgebracht wurde, lieber dem Schreibtisch von Hindenburgs Arbeitszimmer hängt das berühmte Moltke-Bildnis von Lenbach, eines der schönsten und kostbarsten Stücke des ganzen Hauses. In einer Ecke stehen auch noch die beiden Stöcke Hindenburgs, mit denen er bis wenige Tage vor seinem Tode gegangen ist.
Im ersten Stockwerk des Schlosses sehen wir auch noch in einer Reihe von Räumen Erinnerungsstücke an den großen Toten. Auch hier können wir nur aus einer Unzahl einiges erwähnen. In einem großen Glasschrank sind sämtliche Orden und soldatischen Ehrenauszeichnunaen, die Hindenburg im Lause seines Lebens aus aller Welt erhielt, gesammelt. Der Pour le merite und der höchste deutsche Orden, der Schwarze Adler mit der eigenhändig unterschriebenen Urkunde des Kaisers, der blaue Feldmarschallstab, das schwere goldene Vließ des spanischen Königs, fast sämtliche deutschen, österreichischen, ungarischen, türkischen, bulgarischen Orden, die höchsten Auszeichnungen fast aller Länder der Welt und daneben ein Schrank mit Kelchen und kostbaren Porzellantassen, alles Geschenke von Verbänden und Verehrern des Toten. Und
NSG. Die Monats-Türplakette gilt als Ausweis dafür, daß der Inhaber dieser Plakette für den betreffenden Monat ein Opfer für das Winter- Hilfswerk des deutschen Volkes gebracht hat.
Anspruch auf Aushändigung der Plaketten haben:
1. a) Lohn- und Gehaltsempfänger, die während der Dauer des WHW. ein Opfer von 10 v. H. ihrer Lohnsteuer — jedoch mindestens 25 Pf. — an das WHW. entrichten.
b) Lohn- und Gehaltsempfänger, die wegen ihres geringen Einkommens zur Einkommensteuer nicht herangezogen werden, gegen ein Opfer von monatlich 25 Pf.
c) Festbesoldete, die neben ihrer Lohnsteuerleistung noch zur Einkommensteuer veranlagt werden, wenn sie neben ihrer monatlichen Spende in Höhe von 10 v. H. ihrer Lohnsteuer ein monatliches Opfer in Höhe von 1 v. H. ihres für das Jahr 1936 veranlagten Einkommensteuerbetrages an das WHW. entrichten, soweit die Steuerschuld nicht durch Lohnabzug getilgt ist. Diese 1 v. H. werden also lediglich von der Einkommensteuerrestschuld errechnet, die durch Vorauszahlung und die Abschlußzahlung getilgt worden ist.
2. a) Inhaber von offenen Handelsgesellschaften und Kommanditgesellschaften, Gewerbetreibende und Angehörige der freien Berufe, sowie sonstige Einkommensbezieher, die zur Einkommensteuer veranlagt werden, soweit sie monatlich ein Opfer in Höhe von 1 v. H. des für das Jahr 1936 veranlagten Einkommensteuerbetrages an das WHW. entrichten.
b) Gewerbetreibende und Angehörige freier Be-
mitten unter diesem Prunk und dieser überwältigenden Schau der Achtung einer ganzen Welt vor diesem großen Deutschen eine ganz kleine schlichte und unscheinbare Porzellantasse mit blauem Rand und dem eingemalten Namenszug Hindenburgs, die er — wie Frau von Hindenburg erzählt — feit vielen Jahren bis zu feinem Tode benutzte.
In dem großen hellen Speisezimmer im ersten Stock, das die Familie Hindenburg auch heute noch benutzt, ist eine der hohen und langen Wände vollkommen ausgefüllt mit einem Schrank, in dem sich das Geburtstagsgeschenk der Reichsregierung zum 80. Geburtstag Hindenburgs, ein 120teiliges Meißener Porzellan - Service befindet, das künstlerisch von überwältigender Schönheit ist.. Neben den vielen Gobelins und Teppichen, die als achtungsvoll dargebrachte Geschenke von den Fürsten und Herrschern und Regierenden der ganzen Welt Hindenburg im Lause seines Lebens verehrt wurden, fällt uns ein größerer Wandgobelin besonders auf, den ein kleiner kaukasischer Stamm von unseren türkischen Verbündeten im Weltkrieg dem Generalfeldmarschall nach dem Kriege als Geschenk übersandt hat.
Noch erfüllt von diesen Eindrücken treten wir zum Abschied in das S t e r b e z i m m e r des ver- einigten Reichspräsidenten und Generalfeldmarschalls, das fein ständiges Schlafzimmer war. Es ist einer der kleinsten und schlichtesten Räume im ganzen Haus, einige wenige Bilder, vor allem ein wundervolles Bild feiner Frau bilden den ganzen Schmuck des Zimmers, und schlicht und einfach ist auch das breite Messingbett, in dem der deutsche Heros in die Ewigkeit eingegangen ist. Stumm und zutiefst innerlich berührt von der Wanderung durch diese Stätte des Lebens Hindenburgs verlassen wir durch den großen einsamen Park Neudeck. Rund um uns versinkt das Land in Nacht und Nebel. Bis allmählich in der dämmerigen Stille dieses Abends als eine Vision von heroischer Gewalt Türme und Mauern des Grabmals vor uns auf- tauchen.
rufe, sowie sonstige Einkommensteuerbezieher, die nicht zur Einkommensteuer veranlagt werden, wenn sie einen Mindestbetrag von monatlich 1 Mark opfern.
3. Kapitalgesellschaften (namentlich Aktiengesell- schaftsn und G. m. b. H.) erhalten die Türplakette des Winterhilfswerkes, wenn sie während der Dauer des WHW. ein Opfer von insgesamt 15 v. H. der in diesen Monaten (1. Oktober 1937 bis 31. März 1938) zu entrichtenden Vorauszahlung auf die Körperschaftssteuer leisten. Falls im vorhergehenden Geschäftsjahr ein entsprechendes Einkommen nicht erzielt wurde und Vorauszahlungen auf die Körperschaftssteuer nicht festgesetzt sind, erhalten sie die Plaketten, wenn sie für die sechsmonatige Dauer des WHW. ein pro Mille des Reinvermögens vvm letzten Bilanzstichtag opfern. Gesellschaften, die weder Reinvermögen besitzen, noch Vorauszahlungen auf Körperschaftssteuer zu leisten haben, erhalten die Türplaketten, wenn sie sich mit einem ihrer Leistungsfähigkeit entsprechenden Betrag beteiligen, mindestens aber monatlich 1 Mark für das WHW. opfern.
Die Richtlinien enthalten lediglich Mindestsätze zum Erwerb der WHW.-Plakette. Es wird jedoch die bestimmte Erwartung ausgesprochen, daß das von den Einzelpersonen und Firmen zu bringende Opfer in einem angemessenen Verhältnis zur tatsächlichen Leistungsfähigkeit steht. Behörden oder Firmen geben die schriftliche Erklärung ab, daß die Plaketten entsprechend den Richtlinien des Reichsbeauftragten für das WHW. ausgegeben werden. Behörden und Firmen, deren Gefolgschaftsmitglie-
Die Monats-Türplakette -es WHW.
Wer hat Anspruch darauf?
Die Nymphe mit dem Fischnetz.
Von Anion Schnack.
Wenn ich auch nur eine Bildsäule aus Marmor des Penteiikongebirges bin und jetzt in der Wildnis eines Gartens, nahe eines von Wasserrosen bedeckten Teiches stehe, vor Zeiten habe ich jedoch an der ginstergoldenen Küste von Illyrien gelebt. Mein Lieblingsaufenthalt war ein vom Meer umspülter Felsen aus Muschelkalk, beschattet von einer zerzausten Strandkiefer, deren Harzgeruch bei Sonnenuntergang stark und eigentümlich war. Im Schatten dieses Baumes, dessen Gezweig Reiher zum Nestplatz gewählt hatten, lag ich, ein Bienenlied im Ohr, und wartete auf die veilchenfarbene Dämmerung. Denn die Dämmerung ist dem Fischfang günstig.
Die Tritonen des Neptun bliesen aus Muschelhörnern dampfende Wassersäulen in die Lust. Von den Strahlen der ins Meer sinkenden Sonne getroffen, sprühten die Tropfen einen goldenen Regen auf den Thymianstrand der Hirschinsel, wo die ungefügen Tölpel mich vermuteten und suchten. Ihre Liebe war mir zu ungestüm und viel zu schnaubend.
Dor den Hirten aus den Schluchten brauchte ich mich nicht zu verstecken. Sie trugen wunderliche Särte, blaue Kittel und Hüte aus Bast, rund wie die Käseräder, die von römischen Handelsleuten an die Küste von Illyrien gebracht wurden, um dafür Wolle einzutauschen, die sie bann mit dem Saft der Purpurschnecke färbten. Die Hirten hatten siebenlöcherige Flöten, und wenn der lautlose Abend mit schrägen Schatten vom Meer herauf zu den Felsen am Strande wuchs, saß der Aelteste inmitten seiner Schafe und spielte die Demut der Urvätergesänge, von der scheuen Grasmücke m den Lorbeerbüschen begleitet, Felgen und Schafkäse wickelten sie in ein langes Schilfblatt unb legten es auf die unterste Baumgabel der Kiefer. Die Feigen aß ich, aber den Käse ließ ich für den hörnertragen- den schmutzigen Faun liegen; damit er mir die Netze flickte, dir mir zuweilen der gefräßige Seehund zerriß und die scharfen Muschelschalen zerschlitzten, wenn ich das Netz über den Grund schleifte. Ich hatte mit dem Netz zuletzt einen guten Fischzug getan; silberne Meeraale, breite Goldbrassen, messer- schmale Sardellen und fette Seekarpfen zappelten in den Maschen. Ich verschenkte sie. Ich warf sie heimlich in den Fischkasten eines jungen Fischers, namens Cyrill, der aus der Stadt Olcinium gebürtig war. Mochte er an ein Fischwunder glauben, ich wollte ihm nur meine heimliche Liebe zeigen.
Cyrill war der schönste Mann der Küste hinauf und hinunter; ich kannte seinen Badeplatz und den Ort feiner Netze und Fischgeräte, ganz dicht dabei stand ein breitblätteriger Feigenbaum, der mich seinen Blicken verbarg. Wenn Cyrill aus dem Wasser stieg, glänzte er am ganzen Körper wie hartes Metall. Seine Zähne schimmerten, dem Schnee ähnlich, der auf den hohen Gipfeln im Bergland während des Sommers liegen soll, feine Haare waren schwarz wie die Nacht vor Aufgang des Mondes und satt und düster wie der Lack der Schreiber und Zeichner. Cyrill war der beste Aalstecher an der ganzen Küste zwischen Budua und Olcinium. Kein Wunder, bei diesen durchdringenden und vogelschönen Augen. Diese Augen hatten die sonderbare Kraft zu bannen und festzuhalten und erkannten blindlings den Standort der Fische. Sie hatten auch mich erspäht, als ich in der türkis- farbenen Grotte auf der Felfeninfel Nedjelja eine bestimmte Muschel suchte, um mir eine Kette für den Hals zu fädeln.
Cyrill warf in einem weiten Bogen fein Netz vor den schmalen Grotteneingang, wo die schwarzen Seeigel an den Steinen klebten. Um mir nicht an den glasharten Stacheln der Igel die Haut zu ritzen, schwamm ich mitten in das Netz des Fischers, und ich freute mich schon, von seinen Händen berührt zu werden. Als er mich jedoch mit lüsternem Gesicht und zärtlichen Gebärden aus den Maschen und Stracken herausschälte, um mich an einen versteckten Ort, gewürzt von Thymian und Heide, zu tragen, berührte mich plötzlich der Dreizack des eifersüchtigen Neptun. Mein Blut erkaltete, mein Fleisch wurde zu Stein, und das Fischerboot füllte sich, von der ©teinlaft übermäßig beschwert, langsam mit Wasser. Oh ich Bedauernswerte, sv nahe der Liebe, mußte ich die Rache des Wassergottes spüren und durste nicht die Geheimnisse der Menschenliebe kennenlernen!
Am Ufer rief der Fischer Cyrill die Hirten und Olivenbauern zusammen: „Seht, was ich gefangen! Die Bildsäule einer nackten Frau!" Und wahrend er sich den Schweiß von der Stirne wischte, weil mein Steingewicht kaum zu tragen und durch das Liegen im Wasser glatt und glitschig war, fügte er feiner Rede noch hinzu: „Bei den Göttern, ich hatte sie in der Dämmerung der Meeresgrotte für lebendig gehalten. Und nun bei Tageslicht besehen, ist sie ein Stein, gut für den griechischen Kunsthändler Marsyas in der Stadt Olcinium. Ich hatte schon Lust, sie zu lieben, aber auch die Silberstücke sind mir angenehm, die ich aus ihrem Verkauf an den Kunsthändler löse."
Oie Portrataufnahme.
Von $elif DRiemfaflen.
Die folgende, ebenso lehrreiche wie muntere Unterweisung entnehmen wir dem Büchlein „Photographieren mit Lachen leicht zu lerne n." Von Felix Riemka st e n. Preis kart. 1,80 Mark. F. Bruck- mcmn Verlag, München. — (232) —
... Wenn du Gruppen ausgenommen hast und Landschaften wie Wafferschaften ebenfalls bewältigt hast, dann bleibt dir noch die Porträtaufnahme übrig. Das allerdings, ich meine — fein Porträt guckt sich jeder sehr lange an und verlangt hier viel. An die Porträtaufnahme ist also mit besonderer Vorsicht heranzugehen. Wenn das Porträt ein Porträt werden soll und nicht bloß ein Kopf auf dem Kqrper, so muß man mit dem Apparat nahe Herangehen. Vorsicht ist aber geboten, damit keine perspektivistischen Uebertreibungen vorkommen, die dir übel vermerkt werden könnten. Je länger die Brennweite des Objektives, desto besser läßt sich das Porträt technisch bewältigen, und da dir auswechselbare Objektive nicht zur Verfügung stehen, greife zur Vorsatzlinse. Es ist nämlich so: Dein Objektiv betrachtet niemand mit Liebe, sondern jeden nur rein objektiv. Es bildet das Nahe groß ab und das Entfernte sehr klein. Es gleicht darin dir. Auch du läßt dich überwiegend beeinflussen von Dingen, die nahe sind, während ferne Dinge dich wenig rühren. Heute leihst du dir Geld und kannst schwitzen dabei vor Erregung, aber um die Rückzahlung machst du dir weit weniger Sorge. Und wenn du nun deinen Schwiegervater* photographierst, der vor dir im Liegestuhl liegt, so werden die Schuhsohlen des wackeren Mannes riesengroß, weil sie im Vordergrund liegen, während sein Haupt winzig erscheint, weil es weiter ab liegt. Das hält der Mann für bewußten Hohn und zahlt dir den monatlichen Zuschuß nicht mehr. Also laß das, das ist sehr ernst! u
Ich weiß nicht, in welchem Lichte der Mann bei dir steht, aber vor dem Apparat soll er nicht m in zu hartem, übermäßigem Lichte stehen, denn das macht seine Augen häßlich starr, die Nase wiqt Schatten, der wahre Charakter wird zu deutlich, und dein Porträt soll doch schmeicheln. (Denke an den Zuschuß!)
Ganz und gar von vorne soll er fein Licht nicht empfangen. Beleuchte ihn so, daß es ein bißchen
* Es dürfen aber auch andere Verwandte fein, dem Apparat mit der Vorsatzlinse ist es egal.
förderlich vorderlich ist, wiederum auch ein bißchen seitlich von der Seite, aber nicht gerade Schlagseite, ziehe ihn an der Nase nach rechts, nach links und erkläre dann, jetzt ginge es so. Es geht so, wenn die Schatten auf seinen edlen Zügen harmonisch weich sind, weder zu hart noch zu flach.
Eine weitere Schwierigkeit, die jetzt kommt, liegt nicht bei dir, auch nicht in der Technik, sondern allein bei deinem Schwiegervater. Der Mann soll nach allen diesen Prozeduren und angesichts des kalt und gierig blickenden Apparates mit der wissenschaftlich aussehenden Vorsatzlinse — und da also soll der Mann unentwegt harmlos aussehen! Harm- los. Interessant möchte er sowieso gern aussehen, unb... also es ist eine Arbeit, o ja. Du kannst ihm viel ersparen, wenn du erst eine Probesitzung machst. Sobald die richtige Stellung, Beleuchtung usw. dir vertraut sind, läßt du ihn rasch einrücken, visierst noch einmal und erschießt ihn auf kurze, rasche, schmerzlose Art. Er wird erfreut aussehen auf dem Bilde. _ . ,
Tückisch ist bei Porträtaufnahmen der Hintergrund. Er ist fteilich überall tückisch. Die Tücke bei der Porträtaufnahme besteht darin, daß sich fremde Objekte geradezu vernichtend höhnisch ins Bild drängen wollen, lieber dem Haupte schwebt das Hirschgeweih von der Wand, eine Blumenvase steht auf ihm — rechts vom Kopfe ist als Hinter- gründ eine dunkle Wand zu sehen, links dagegen der helle Kachelofen. Achte also auf einen ruhigen, friedlichen Hintergrund ohne Muster, ohne störend wirkende Bilderrahmen, ohne geblümte Tapeten, auf der eine dunkle Tulpe nachher sich verwandelt hat in eine aufwärts gestrichene Locke oder in einen Backenbart.
Bei der Landschaft suchtest du die Landschaft, bei der Gruppe die Gruppe, und beim Porträt suchst du nichts als das Porträt, und alles, was du nicht gesucht hast, hat seinerseits nichts zu suchen in der Aufnahme. Durch eine ganz große Blende (große Blende = kleine Blendenziffer), große Blende also, und dazu durch Scharfeinstellung auf die Augen erreichst du, daß der Hintergrund wenigstens zurücktritt und seine allzu große Aufdringlichkeit verliert. Er spielt zwar selbst jetzt noch mit, aber nur auf ganz kleiner Flöte, während die großen Paukenschläge und der Posaunenstoß auf den Schwiegervater gehen, mitten ins Auge...
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Dem Professor Dr. Wilhelm T ö n n i s ist unter Ernennung zum Extraordinarius der Lehrstuhl für Gehirnchirurgie an der Universität Berlin übertragen worden.


