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Dienstag, 50. September (941

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oderhesstn)

Nr. 252 Zweites Blatt

4058

statt.

r -

(Nachdruck verboten.)

31. Sortierung.

nicht alles

Maggis Würze

k e i t!" hatte die NS. -GemeinschaftKraft durch Freude" ein neues buntes Darietepro- gramm zusammengestellt, das gestern abend im Gloria-Palast startete, bei ausverkauftem Hause gute Laune und vielseitige Unterhaltung brachte und mit großem, dankbaren Beifall belohnt wurde. Die Dortragsfolge, die mit erfreulicher Präzision und Fixigkeit abrollte, wurde von der Solotänzerin Ruth Peter eröffnet; sie begann mit einem ge­fälligen Walzer, brachte später eine hübsche Ballett- Parodie und schloß mit einem munteren Reigen deutscher Kinderlieder. Die Tanzsoubrette Gusti G o e d e sang die so sehr beliebten SchlagerVon der Pußta will ich träumen" undDrunt in der

Verdunkelungszeit

30. September von 19.01 bis 7.18 Uhr.

Briefkasten am Bahnhof, und der Brief, den sie dort einwarf, damit er gewiß noch den Frühzug nach Berlin erreiche, lautete folgendermaßen:

Libs Fräulein Trix! Hofe, daß dieser Brief Sie noch rechtzeitig in die Finger kamen tut, denn wenn nicht, wüste ich nich was und wäre alls abgedraht. Ich bin gesund, die Kinder auch, habe sie näulich beim Kohlenhändler auf die Wage gestellt, wiegen 85, 3d, 30, 21 Kielo. Hofe von Ihnen ein gleiches. Leider ist hier aber nicht alles jo wie es sollte. Das ist nämlich der Herr Docktor, der wo mir gross Sorgen macht, sotaß ich die Feder ergreife. Ihnen zu schreiben, was hier forgeht. Entschuldigen höfl. den Klex, ist nicht von Tinte, sondern eine Trehne, wo soeben auf den Schreibpapier getropft ist. Aus meinen Augen. Ja, soweit ist es. Und kurz for Morgengrauen, damit ich den Brief nachher gleich in den Postkasten einwerfen tu und er noch mitgeht nach Berlin hinauf, denn es ist wichtig und eilt. Nämlich der Herr Docktor gefällt mir garnicht. Ich glaub es ist alles nuhr, das ihm die Änsprach felt, was er nötig hat als geiftliger Arbeiter sozusagen. Und da dachte ich, wenn Sie kämen. Ist ein starker Mann in den besten Jahren, hätte nicht glaubt, das ihn der Tot von sel. Frau so reißen würde. Hat ihn aber grausam zammgepackt und fürchte, ich wird immer schlimer. Arbeiten tut er nichts auser fünf Zeilen for zwei Monaten, wo schon ausge­strichen sind und wo er in einem fort draufstiren tut. Dafür aber um so mehr Konjack und Rumm. Kann man schrieftlich nicht so deutlich sagen, Hofe, daß Sie schon verstehen, wenn ich andeute, das er sauft. Aber aus Kummer, und ist zusammengerutscht, daß er wahrhaft kraß ist, wie ein Rohrnudl, wo man vergesen hat, Häfe dran zu tun, wo er früher ein Mannsbild war, daß sich die Weiber nach ihm umidraht haben. Heute glaub ich keine mehr, auch nicht das Fräulein Zögling, die wo wir expediert haben. Muß ich Ihnen alles später erzählen. Haben ihr farplosen Lack ins Haarwasser gegossen, die Kinder. Muß noch immer lachen, wenn ich dran denken tu, auch jetzt, wo meine Trehnen den Papier näßen. Wahr aber vileicht doch ein Fehler, denn seitdem ist es mit dem Herrn Dr. ganz zudraht, weil er eben ein Ansprach braucht, und gebildet war sie, muß ich zugeben, sprach englisch und französisch, aber sonst so eine außen Sammt innen Kralen. Ein Luder! Entschuldigen höfl.! War sie aber! Werde

** Die deutsche Wirtschaft führt in der Welt. Das neue Arbeitskönnen nach der Lehre bedarf dauernd sorgsamer Pflege und Ver­tiefung. Die deutsche Wirtschaft hat sich ihren guten Ruf in der Welt auf Grund ihrer hochwertigen Ar­beitskräfte erworben. Die Erhaltung dieses Rufes ist an das Arbeitskönnen des Erwachsenen geknüpft. In den Berufserziehungswerken hat die Deutsche Ar­beitsfront neue Lehrgemeinschaften für Praktiker vorbereitet. Sie beginnen in den späten Nachmit­tags- und frühen Abendstunden der kommenden Tage. Anmeldungen zu Lehrgemeinschaften erfolgen bei der Ortswaltung der Deutschen Arbeitsfront.

Kranke Zähne können nur durch gewissenhafte Behandlung gesund gemacht werden. Richtige Zahnpflege aber schützt vor Krankheiten und Zahnzerfall.

soll und darf man sie sparsam ver­wenden, lieber ein paar Tropfen weniger als zuviel I Man muß aber schon beim Kauf daran denken, daß ist, was sich Suppenwürze nennt.

Bunter Abend mit KdF. im Gloria-palast.

Unter dem MottoTriumph der Heite

Bit örti Wwang-KM

Boman von 4jorft Alernach

.weist- den Weg zün richtigen Zahnpflege

Aus der Stadt Gießen,

lleberbrückte $erne . ..

Mutter Reinhardt schreibt an ihren Sohn. Sie sitzt mit nachdenklichem Gesicht vox der Schreib­mappe und zeichnet bedachtsam gleichmäßige Schrift­züge. Das Fenster ist geöffnet, und manchmal fällt ein herbstlicher Sonnenstrahl auf die Schreiberin, daß die Brille glitzert und funkelt. Aber Mutter Reinhardt achtet nicht darauf. Ihre Gedanken wei­len draußen bei ihrem Sohn, sie durcheilen unge­hindert weite Strecken und bringen ihm Grüße aus der Heimat. Die Mutter sieht den Jungen im Geiste vor sich, und während sie ihre Zeilen formuliert, die so viel enthalten sollen und die ihr doch eigentlich gar nicht genügen, da überkommt sie das Gefühl seelischer Uebereinftimmung. Was sind die kargen Sätze, was können alle Worte besagen? Gegen das Bewußtsein glücklicher Verbundenheit sind sie nicht

Löbau"; auch das Lied von der Million und dem kleinen Einfamilienhaus fand allgemeinen Anklang. Rose und Red präsentierten sich als ein Step- tanzpaar von großer Eleganz und höchst exakter Technik; sie bereicherten ihre Nummer um einige aparte neue Nuancen, die man sonst beim Step nicht zu sehen bekommt. Lachsalven ohne Ende ent- fesielte der Komiker Josef L o b e r s , der auf säch­sisch abenteuerliche Geschichten erzählte und dabet vom Hundertsten ms Tausendste geriet. Eine aus­gezeichnete Nummer zeigte der sprechende Jongleur Rostando: hier vereinigten sich auf drolliae und'liebenswürdige Weise eine glänzende artistische Technik mit unverwüstlicher Laune; Jongleure gibt es ohne Zahl, aber feiten sieht man solche Tricks, wie sie her gezeigt wurden. Irene und Harriet begannen ihre Darbietung mit einem Fanfaren­marsch zu zweit und erwiesen sich darnach als tüchtige, sauber und sicher arbeitende Parterre- Akrobatinnen, deren Leistung mit Recht viel Bei­fall fand. Eine Sache für sich: Sherrier und G o u l d ; eine Tanzfolge, deren unwiderstehlich ko­mische Wirkung auf schlechthin verblüffende Körper- beherrschung beruht; die Leute konnten gar nicht ge­nug davon kriegen und erklatschten sich immer noch eine Zugabe. Zum Schluß sahen wir die zwei F r a n c o n a s (Wintergarten, Berlin) mit einem Zahnkraftakt am hohen Trapez, der rein artistisch den absoluten Höhepunkt des Programms bildete; der Hänge-Spagat, freischwebend an den Zähnen des Partners, dürfte eine international unerreichte Spitzenleistung sein; stürmischer Applaus belohnte diese erstaunliche Schlußnummer. Walter Radi- s ch e w s k i wirkte als zuverlässiger Begleiter am Flügel. Hans Thyriot.

VS-GeMluWsi M krall öariD Stenöe

Leichlalhletikkursus. Abnahme des Reichssport abzeichens findet am Dienstag, 30. September 194 von 18.30 Uhr bis 20.30 Uhr auf hem Sportpla des Männerturnvereins am Schiffenberger We

Kommt sie zu uns zu Besuch?"

Ja, ich glaub schon; soviel was ich verstanden hab, will sie für ein paar Tage hier bleiben."

Pfundig! Pfundig!" Die Mädel hüpften vor Freude. Kathi scheuchte sie davon, und sie schossen zum Schlafzimmer, um ihrem Vater die über­raschende Nachricht zu überbringen. Kathi hob den Hörer wieder empor:Der Herr Doktor wird so­gleich am Apparat sein, die Kinder wecken ihn schon." Und dann flüsterte sie:Mein Gott, was ich mir in diesen Tagen für Sorgen gemacht hab, daß der Brief Sie nicht mehr rechtzeitig erreicht oder womöglich Ihren Leuten daheim in die Finger gerät. Ich hab gar nicht mehr schlafen können vor lauter Aufregung ..." Sie hörte Hellwang kom­men und legte den Hörer schnell auf den Tisch. Er stieß die Hände noch durch die Aermel des Morgen- rocks, als er in die Diele trat. In der Eile hatte er nur einen Hausschuh gefunden. Britta brachte ihm den anderen nach.

Meine Schwägerin?" fragt? er aufaestört und schien alles andere als angenehm überrascht zu sein, und aus München? Auf der Durchfahrt, wie? Oder sie will doch nicht etwa zu uns auf Besuch kom­men ..."

Kathi hob den Finger an die Lippen und deutete erschrocken auf den offen daliegenden Hörer hin. Hellwang nahm ihn auf:Hallo, Trix, du ...?" Seine Stimme klang genau so, als wenn er bereit sei, im nächsten Augenblick fortzufahren, daß er hier niemand brauchen könne, daß das Haus auf Besuch nicht eingerichtet sei und daß er ungestört zu bleiben wünsche. Er hörte ihr leises Lachen.

Was sagst du dazu, mein Lieber? Das ist eine Ueberraschung, auf die du nicht vorbereitet warst, wie? Ehrlich gestanden, ich habe mich selber über­rascht, da ich ursprünglich die Absicht hatte, nach Hause zu fahren. Aber dann erhielt ich von den alten Herrschaften die Nachrichten, daß die Oefen umgesetzt würden und daß gleich darauf der Maler ins Haus käme und da habe ich es denn doch vorgezogen, die entgegengesetzte Richtung einzu­schlagen und euch zu überfallen. Ist das nicht groß­artig?"

3a hm ..." murmelte er und umspannte den Hörer wie ein Wurfgeschoß.

(Fortsetzung folgt.)

Annelie", die Geschichte eines Lebens

Ein preisgekrönter llfa-Zilni im Gloria-palast.

Ihre Hoffnung, an die sie sich geklammert hatte, daß Hellwangs Zustand eine Krankheit sei, von der er eines Tages genesen würde, zerbrach. Es war mit ihm von Tag zu Tag bergab gegangen, und sie wußte, daß es nur noch schlimmer werden konnte. Er sauste wie ein fallender Stein in einen Abgrund, die Fahrt wurde immer schneller, und die Tiefe des Sturzes war nicht abzusehen.

In dieser trüben Stunde, in der Kathi sich einen Menschen herbeiwünschte, um ihr schwer beladenes Herz einmal ausschütten zu können, kam ihr plötz­lich ein Gedanke. Er schnellte wie ein Kork aus der uferlosen, schwarzen Flut ihrer Verzweiflung em­por, und sie griff mit beiden Händen danach. Unter den Briefen und Karten, die Britta zu ihrem Ge­burtstage erhalten hatte, befand sich auch eine Gra­tulation ihrer Tante Beatrix, Luisas jüngerer Schwester. Trix lebte seit zwei Jahren in Berlin. Sie bereitete sich dort auf den Beruf der Assistentin in Röntgenbehandlung vor. Auf der Geburtstags­karte entschuldigte sie sich wegen der Kürze ihrer Nachricht, da sie im Abschlußexamen stände, das sie gerade an Brittas Geburtstag zu bestehen hoffe. Wenn alles so klappe, wie sie es sich wünsche, werde sie nach dem Examen nach Hause fahren und dort die Entscheidung abwarten, ob sie die Stellung in einem Berliner Krankenhaus bekäme, um die sie sich beworben habe.

Beatrix war das letzte Mal zur Bestattung ihrer Schwester in Greiffing gewesen; aber früher hatte sie fast jeden Sommer ein paar Wochen im Haus Gode Wind" verlebt. Und vor fünf Jahren, als Hellwang mit Luisa die Mittelmeerreise machte, hatten Trix und Kathi das Haus und die kleinen Mädel betreut.

Im Morgengrauen schlich Kathi aus dem House. Sie hatte nur einen Mantel übergeworfen und die Zöpfe unter ein Kopftuch gestopft. Das Nachthemd schaute handbreit unter dem Mantelsaum hervor, und über den Hausschuhen leuchteten ihre strammen Reine. Greiffing schlief noch. Ihr Ziel war der

laud im Weltkriege ... irgendwie haben wir das alle einmal miterlebt, und auf irgendeine Weise ist das, was hier geschieht, auch ein Stück aus unserer eigenen Lebensgeschichte.

So fein und behutsam, wie die Spielleitung sich der Uebergänge angenommen und auf die Symbol­kraft der kleinen mitspielenden Einzelheiten und Episoden geachtet hat, so verständnisvoll und ein­fühlsam haben sich die Darsteller in die Gestalten versenkt, die hier zu zeigen waren. Luise Ullrich ist Annelie. Sie hatte wohl die dankbarste, aber auch die schwierigste Aufgabe; man wird die Derwand- lungstraft (nicht allein der Maske) bewundern, mit der sie den Stationen dieses Lebensweges folgt vom schlenkrigen Backfisch zur glücklichen Braut, zur jungen Frau und Gattin und Mutter bis hin zu der feinen, zarten, alten Dame von 1941: in jeder dieser Figuren ist die wienerische Anmut und die weibliche' Süße zu spüren, die uns in manchen ihrer früheren Gestalten entzückte; entscheidend scheint uns aber zu fein, wie hier die stille Liebeskraft und die Bewährung eines fraulichen Herzens in guten und ernsten Stunden ganz schlicht ünd selbstverständlich gestaltet worden ist.

Werner Krauß als Vater Dörensen. Es ist eine Freude, biefen großen Darsteller wieder einmal im Film zu sehen; er gibt hier ein Meisterstück schau­spielerischer Präzision, in dem jede Bewegung be­messen und durchgeformt ist; er zeigt in dieser Ge­stalt das Typische wie das Individuelle, den Be­amten, den Bürger, den Vater, den Menschen ... Karl Ludwig Diehl spielt mit der Sicherheit, der innerlich und äußerlich untadeligen Haltung, der noblen Verhaltenheit, die seine Rollen von jeher auszeichneten, Annelies Mann. Axel v. Ambes- s e r gibt eine mit sparsamer Komik hübsch ausge­arbeitete Charge, Annelies Tanzstundenherrn, Käthe Haack, leise und mütterlich, Annelies Mama, Al­bert Hehn Annelies Aeltesten, Ilse Fürsten- b e r g ?in sehr lebenswirkliches Hausmädchen, und Eduard v. Winter st ein den guten, alten, er­fahrenen und humorigen Hausarzt. An der Ka­mera: Werner Krien und Hanns König; Mu­sik von Georg Haentzschel.

*

Der Film wurde auf der Internationalen Film­kunstschau Venedig 1941 preisgekrönt. Im Bei­programm läuft die neue Wochenschau.

Hans Thyriot.

alles müntlich erzehlen. Lides Fräulein Trix, ersehe aus Ihrer Karte an Britta, d- Sie paar Wochen Vakanz haben und bitte Sie dringend, doch nicht heimzufahren, sondern hirher! Ich weiß nicht aus noch ein, wie man dem Herrn Dr. helfen soll aber Sie! Denn for mir schämt er sich nicht, brüllt mich hökstens an. Hat aber vor Ihnen grose Achtung und Reschbekt. Können ihm auch was erzehlen, aber ich nicht, er möchte mir kündigen, wenn ich auch nicht geh, sondern drauf seifen tu, was er mir sagt. Ist ein Trumm Bries geworden, bitte höfl. zu ent­schuldigen! Werde auf Sie warten. Bleipt geheim, daß ich Ihnen geschrieben hab gell? Möchte sonst einen Mortskrach geben. Hochachtungsvoll grüßt Sie vielMalz Kathi Zirnmoser."

VIII. Trix.

Kathi stand am Herd und rührte hie Morgen­suppe für die Kinder. Zwei Tage waren vergangen, seit sie den Brief abgeschickt hatte. Zwei Tage, in denen ihr oft genug schwere Bedenken gekommen wären, ob sie mit ihrer Handlungsweise auch recht getan hatte. Wenn man's genau besah, war es ein Vertrauensbruch gegen Hellwang, das wusch kein Regen ab. Und wenn der Brief durch einen Zu­fall in unberufene Hände fiel? Wenn Beatrix Ber­lin schon verlassen hatte, so daß er ihr nachgesandt werden mußte und womöglich von den Großeltern der Kinder geöffnet wurde? Kathi wagte gar nicht daran zu denken, was daraus entstehen könnte.

Das Telephon läutete. Sie stellte die Suppe vom Feuer und ging an den Apparat. Britta und Lydia kamen geraöe aus dem Badezimmer und sahen, wie sie plötzlich die freie Hand gegen das Herz drückte:Fräulein Trix? Ja, von wo sprechen Sie überhaupts? Jessas naa, aus München ..."

Wer?" fragten Britta und Lydia zugleich. Kathi preßte den Hörer ans Ohr und winkte heftig nach hinten ab.Die Kinder stehen nämlich am^Appa- rat!" rief sie bedeutungsvoll, und dann:Sowas! So eine Ueberraschung! Der Herr Doktor schlaft noch, aber ich werd ihn sofort wecken lassen. War­ten Sie bittschön so lange, es wird keine Minute dauern, bis er da ist. Dann können Sie mit ihm selber sprechen!" Sie deckte den Trichter mit der flachen Hand ab:Eure Tante Trix ist es. Lauft, Kinder, weckt euren Pappa, aber klopft an und rumpelt nicht gleich ins Schlafzimmer hinein!"

mehr wie ein Hauch. Mutter Reinhardt spürt, daß sie mit ihrem Jungen wirklich stille Zwiesprache hält, und das verschafft ihre eine starke, innere Freude. Es ist eine Stunde reinsten Erlebens, die ihr geschenkt wird, die weit mehr bedeutet als nur das bißchen Briefschreiben. Das starke mütterliche Gefühl hat die weite Ferne überbrückt.

!Es ist kein Geheimnis, daß die räumliche Tren­nung sich als ein zuverlässiger Prüfstein für die Echtheit der Gefühle erweist. Eine Mutter bedarf freilich eines solchen Prüfsteins nicht, aber in wie­viel anderen Fällen hat sich nicht schon seine Wirk- famteit erprobt. Zwischen jungen Menschen, die sich das Leben gemeinsam schmieden wollen, zwischen Freunden und Kameraden muß sich oft die Kraft her gegenseitigen Bindung erst noch bewähren. Die Schwingungen der Gefühle haben nicht nur die Ausstrahlung, sie haben auch die Aufnahmebereit­schaft zur Voraussetzung. Wieviel Glücksbewußtsein aber lösen sie aus, wenn die Uebereinftimmung bleibt und keine Dissonanzen die Harmonie stören. Dann können Welten zwischen den eng sich ver­bunden fühlenden Menschen liegen, die räumliche Trennung vermag die Zuneigung eher zu stärken als zu schwächen.

In der vom Kriegslärm erfüllten Zeit, wie wir sie jetzt durchleben, eilen die Gedanken an jedem Tage über unendliche Weiten mit einem lieben Gruß zu jenem, der dem Herzen teuer ist. Die Mutter und die Frau, die Braut und die Schwester überbrücken mit ihrem Gefühl jede Ferne. Und wenn abends das Radio, dieses Wunder unserer Zeit, einge­schaltet wird, dann erlebt das Glück der Verbunden- beit eine neue Steigerung. Wir wissen, daß in dem­selben Augenblick, wo wir die Worte der Sendung vernehmen, die Worte draußen bei unseren Singe» . hörigen erklingen und ausgenommen werden. Diese Vorstellung allein läßt die Entfernungen zusam­menschrumpfen und die Gefühle stark werdenderen Schwingungskreis in einem ununterbrochenen Strom alle Breiten erfaßt, auf denen deutsche Menschen wohnen oder kämpfen. H. \V. Sch.

Vomoiuen.

Tageskalender für Dienstag.

Stadttheater: 19.30 bis 22.30 UhrZigeunerliebe". Gloria-Palast, Seltersweg:Annelie". Licht­spielhaus, Bahnhofstraße:Krach im Vorderhaus".

Mpzw

Unser Leben währet siebzig Jahre ..." Was hier in schlichten Bildern an uns vorüberzieht, ist das Leben einer Frau in einer kleinen deutschen Stadt. Es beginnt in der Silvesternacht 1870/71 und es endet 1941, mitten im Kriege. Daß es nicht mit dem Glockenschlag 12 beginnt, sondern eine volle Viertelstunde später, ist dem Herrn Katasteramtsrat Dörensen ein kleiner Kummer in seinem pünktlichen Beamtensinn und ein winziger Wermutstropfen im Freudenbecher seines jungen Vaterglücks. Es er­weist sich indessen, daß diese Viertelstunde später eine schicksalhafte Bedeutung im Leben seiner Toch­ter Annelie gewinnt. Wir begleiten ihr Dasein vom ersten zarten Schrei bis zum letzten stillen Seuf­zer. 1871, 1914, 1941 sind die großen Wendepunkte und Schicksalsstunden ihres irdischen Wandels über­schrieben. Die Bilder, welche die Stationen dieses Weges festhalten, sind heiter und traurig, rührend und alltäglich und für den, der sie zu sehen be­kommt, voller Erinnerungen an Selbsterlebtes; es find Bilder darin wie aus einem Familienalbum oder aus einer alten Illustrierten, ganz einfache, natürliche und menschliche Bilder aus dem Leben einer deutschen Familie. Es gibt keine großen Probleme und Sensationen darin, aber die wenigen starken Erschütterungen, die es bewegen, haben un­zählige Frauen, unzählige Familien unseres Volkes bewegt: das macht die Bedeutung dieses Films aus, daß er beispielhaft ein Stück deutschen Lebens aus den letzten sieben Jahrzehnten spiegelt. Natür­lich überspringt der Bilderablauf weite Strecken der Entwicklung, er zeigt bloß die kleinen und großen Meilensteine auf dem Erdenwege der Annelie Dö­rensen: Geburtsstunde und Schulstunde, Tanzstunde und Klavierstunde, das erste Stelldichein, die erste Liebe, eine gefährliche Krankheit, die Verlobung, das große Glück einer harmonischen Ehe, das erste Kind ...

Die zweite Generation wächst schnell heran, aus dem verspielten Backfisch wurde eine junge Frau, die Mutter von drei Söhnen, und eines Tages ist wieder Krieg, der Mann geht hinaus, und die Söhne gehen hinaus, und eines Abends kommt Annelie, die inzwischen mit manchen anderen Dingen auch Pünktlichkeit gelernt hat, eben noch recht, um im Lazarett für immer von dem gelieb­ten Mann Abschied zu nehmen ... Die Jahre gehen hin. Und dann kommt der siebzigste Geburtstag, Annelie begeht ihn im Kreise der Kinder und Enkel, und von den Söhnen einer hat gerade Zeit, auf der Fahrt' an die Front der Mutter einen eiligen Glück­wunsch zuzurufen ... wenig später ist Annelie im weißen Haar ganz still und schmerzlos eingeschlafen, und ein Leben hat sich vollendet, das wie viele andere Leben war, beladen mit Gyüd und Sorge, mit Trauer und Zärtlichkeit, mit Glauben und Liebe ... ein irdisches Dasein, ein einfaches mensch­liches Leben.

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Es ist das große Verdienst des Spielleiters Josef d. Baky , das Drehbuch Thea v. H a r b o u s (nach einem Theaterstück von Walther Sied) so in Bil­der umgesetzt zu haben, daß wir das beispielhaft Gültige der anspruchslosen Geschichte «mpfinben: wir sind alle, welcher Generation wir angehören mögen, irgendwie an den Dingen beteiligt, die da geschehen; man denke an den Ball, an die Klinik, an das Lazarett, an den Abschied und an den Ur-

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