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Nr. 28 4 Zweite Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für GSerhefien)___________2O./5O. November N41

Berge von Keldposipäckchen rollen zu unseren Soldaten

Aus der Stadt Gießen.

Oer Terminkalender.

So bewegt das Leben immer ist. in Terminkalen­dern schreitet es mit korrekten Schritten vorwärts. Nichts kann je diese gemessene Gerechtigkeit von Tag ru Tag, von Woche $u Woche ändern. Keine Ein- tragung, kern Erlebnis, nicht einmal der Mangel an Erlebnissen! Ob es leere Tage waren, öde, ganz und gar verregnete, oder Tage, die voll und prall waren von lauter Leben es ist der gleiche Schritt. Terminkalendern ist das egal, sie zählen. Unbewegt, gleichgültig, pedantisch.

Nun sind wir im Terminkalender für 1941 bald da, wo er schlicht und ohne viel Aufhebens nicht mehr weiterzählt. Es kommt nichts mehr, nur ein Posttarif, eine Münzoergleichstabelle, Verkehrszei­chen und ganz am Ende noch der Buchdeckel. Es ist vorbei.

So, und nun wollen wir mal rückwärtsdlättern, wie es war. Da stehen die Notizen, Verabredungen, Verpflichtungen, da stebt mitten ins Blaue eine Te­lephonnummer geschrienen, nichts dabei, nichts drum, herum, ich ahne nicht mehr, was das ist, wer dahin- tersteckt, was ich überhaupt mit der Telephonnummer einmal zu schaffen hatte, nichts weiß ich mehr. Wie, wenn man einmal blindlings an riefe? Aber der Teufel kann sich da melden oder des Teufels Groß­mutter.

Dies und das aus den Notizen im Kalender kennt man wieder. Wunderliche Schriftzeichen stehen da: ,,8'/r CH. D. Uhl.-Breit," man klaubt noch etwas an den Abkürzungen herum, aber dann hat man's, was es war:8/s CH. D. Uhlandstraße-Breitestraße." Dos Ganze ist eine Verabredung.

Und mitten zwischen alledem steht der Ernst des Lebens. Wir wollen das nicht so hochtrabend neh­men, denn so ist es nicht. Wenn man im feierlichen blauen Anzugins Leben tritt", wie man dies gemeinhin nennt, da glaubt man erst, dieserErnst des Lebens" wäre' so etwas, das man nur mit ge­schwollenen Backen aussprechen kann. Erst, wenn man einen Terminkalender zu führen aenötigt ist. da merkt man, wie er wirklich heißt. Er heißtGas­rechnung einzahlen!", er heißtBischof anru'en", er heißt1 Uhr Braun" lauter kleine, kaum so bedeutende Notizen sind es, die erledigt und ge­strichen werden wollen. Seht, so kämpft man den Stampf des Lebens" und nicht anders.

Auf dem inneren Buchdeckel des Terminkalenders steht noch etwas: eine lange Reihe von Telephon- Nummern. Ich habe schon einen neuen Kalender ge­kauft und bin dabei, das Regiment von Telephon- nummern auf den neuen Buchdeckel zu übertragen. Vier sind gestrichen und fallen aus, fünf neue sind hinzugekommen.

Und wenn man die Blätter eines Terminkalen­ders durch Daumen und Zeigefinger der linken Hand surren läßt, so daß einem daraus ein Wind in die Nase weht, dann ist so ein ganzes Jahr we­nig, es rutscht einem unter der Hand weg in einem Augenblick. Und trotzdem ist es viel: Denkt, ein ganzes Jahr!

Es gab darin Trauriges und Schönes, Böses und Gutes, und am Ende ist es gut genug, daß . es dies und jenes zusammen gab, und wenn das Wort Glück nicht von tausend Schlagertexten schon ausgelaugt und ausgesotten wäre, daß es Heuer nur nach Schwamm noch schmeckt, dann würde ich sagen, das eben wäre das Glück.

Der Terminkalender ist tot es lebe der Ter­minkalender. Chr. B.

verdunkelungszeil

29.11. von 17.12 bis 9.05 Uhr.

30.11. von 17.12 bis 9.06 Uhr.

AZlege des Wettruyms.

We»

I HA.BYLAN-eAHNPAATA gebraucht, kann and darf lachen, denn toUhe 7. äh ne dürfen üch tehen Ionen!

Von Friedrich Ltichtenoih.

Wir hatten die Straße, in welcher unser Haus lag, Den Hirschgraben nennen hören; da wir aber toeoer Graben noch Hirsche sahen, so wollten wir diesen Ausdruck erhärt mi|jen. Man erzählte sodann, un|er Haus stehe auf einem Raum, der sonst außer­halb der Stadt gelegen, und da, wo jetzt die Straße sich befinde, sei ehemals ein Graden gewesen, in welchem eine Anzahl Hirsche unterhalten wurden. Man habe diese Tiere hier bewahrt und genährt, well nach einem alten Herkommen der Senat alle Jahre einen Hirsch ösfenllich verspeiset, den man denn für einen solchen Festtag hier im Graben muner zur Hand gehabt, wenn auch auswärts Für- tten und Ritter der Stadt chre Jagdbefugnis ver- 1 ümmerten und störten, oder wohl gar Feinde die Stabt eingeschlossen oder belagert hielten. Dies gefiel ms sehr, und wir wünschten, eine solche zahme Wild bahn wäre auch noch bei unseren Zeiten zu -ehen gewesen." Mit diesen Worten stellt Goethe «iDichtung und Wahrheit" den räumlichen Bezirk seines Elternhauses hinein in Geschichte und 3raud)tum unserer Vaterstadt. Seit jenen Jahren isst der Große Hirschgraben in Frankfurt das Ziel über ein gern begangener Umweg von ungezählten Renschen aus ber ganzen Welt geworden.

Begleiten wir zunächst einen Reisenden, der nur nit den Augen über die Treppen und durch das .Zimmer streift. .

lieber ber Haustür grüßt ihn ein doppeltes Wap­pen: bas ber Textors, der Familie, aus der Goethes Mutter stammt, ein Mann mit dem Schwert, und ins Wappen der drei Leiern, bas sich Johann Cafpar Goethe, ber Vater, 1755 an Stelle seines familienmappens, des Lammes mit bem Kreuz, (-gelegt hat. ...

Im Vorplatz, dem ,Hausehrn", sehen rotr bie kroße Kelleröffnung zum Herablasien ber Fässer. . echts, wo heute bie Eintrittskarten ausgegeben d erden, war früher das Gelbe oder Weimarer Zim- tuer, so genannt nach den Büsten und.Bildern aus Veimar, die den Emvfangsraum ber yarmlie sHmückten. Links, im Wohn- und Speisezimmer,

Ein Besuch beim Postamt und der Paketumschlagstelle Gießen.

Nur noch wenige Tage werden Feldpost- Päckchen von der Reichspost zur Beförderung angenommen. Wenn diese Päckchen rechtzeitig <)U Weihnachten draußen bei unseren Sol­daten eintreffen sollen, muß die Auflieferung bei ber Heimatpost bis spätestens zum kom­menden Montagabend erfolgt sein. Der Ver­sand an Feldpostpäckchen ist schon seit Tagen flott im Gange. Darüber konnten wir bei einem Besuch im Gießener Postamt inter­essante Wahrnehmungen machen. Aus un­serer Unterhaltung mit bem Leiter des Post­amts Gießen, Postamtmann Lotz, können wir folgendes berichten.

Die Aufforderung ber Reichspost, die zu Weih­nachten bestimmten Feldpostpäckchen für unsere Soldaten spätestens bis zum 1. Dezember bei den Postämtern aufzuliefern, hat sich nach dem bis­herigen Umfang solcher Sendungen als sehr erfolg­reich erwiesen. Täglich gehen bei dem Gießener Postamt große Mengen Päckchen ein. Bisher stehen biß Landorte des Gießener Postbez.rks bei diesem Versand erheblich im Vordergrund, während die Sendungen aus der Stadt jetzt erst allmählich in Fluß kommen. Es ist eine alltägliche Erscheinung, daß mit jedem Landkraftpostauto mindestens 20 Säcke Feldpostpäckchen bei dem Gießener Postamt tur Weiterbeförderung eintreffen. Die Stückzahl in den Postsäcken ist natürlich unterschiedlich je nach ber Größe ber darin aufbewahrten Päckchen. Immerhin kann gesagt werden, daß bisher schon Tausende von Feldpostpäckchen ihren Weg über bas Gießener Postamt zu unseren Soldaten an der Front und in den besetzten Gebieten angetreten haben.

Rach bem Stand vom vorgestrigen Donnerstag­abend belief sich ber Umfang bes Feldpostpäckchen­versands für die Weihnachtstage über das Post- amtGießen auf etwa das fünfzehnfache des nor­malen durchschnittlichen Feldpostpäckchenversands in den letzten Monaten. Trotzdem werden erst die aller­letzten Tage und Stunden der Päckchenannahme, die wie gestern gemeldet vom 6. bis 24. Dezember gesperrt ist, den Höhepunkt des Weihnachtsväck- chenversands und damit eine gewaltige Spitzen­leistung ber Arbeit unserer Postbeamten bringen, denn in diesen letzten Tagen und Stunden werden vor allem bie vielen N^chzü^^r aus der Stadt Gießen und aus den Nachbarstädten noch mit ihren Päckchen erscheinen. Aber mag auch d^r Zustrom solcher Sendungen alltäglich noch so groß sein, ein Grundsatz gilt immer und wird bis zum letzten in die Tat umgesetzt: der tägliche Eingang an Sen­dungen ,* insbesondre Weihnackstsfeldpostnäckchen, wird am gieren Tage bis zum letzten Stück von hier weiterbefördert, damit unsere Soldaten ihre Bäckchen so schnell wi" möglich erhalten, soweit dazu die Giehen"r Post förderlich sein kann.

Zur Beförderuna dieser gewaltigen Mengen Rost- sendungen hat das Postamt Gießen eine große Zahl von Postsäcken zur Verfügung, deren jeder etwa 100 bis 150 Päckchm. je narb drrtn Gröh-. faht Di? aroße Zahl nnfteigcner Säcke reicht aber iwch den bisherigen Erfahrungen nicht aus, um alle Feld- noftMnrfdm tätlich weitern Marich ?u leben, fo daß das Vvstamt Gießen sich von Brivatfirm"n in unser-"- Stadt und in der Nachbarschaft einige Tau­send S^cke mit gmhem Fassung -rmöaen ("liehen hat, um auf aff-* ftüte b-m täglich"n flauen We't"r- transnnrt der Päckchen sich-wust"llen. An den An- nabm"lchaster" und in den P"ck^mm"rn der Post herrscht vom Morgen bis zum späten Abend starker Betrieb, d der Zustrom von R^ckchm uv"nter- hrochen an^rt und bar/'ben die 2b'foar'" nnn B"ket- f"nbun*en für vrivate Eirwfäva"r im R-ich bis jetzt eine Steigerung des weihnachtlichen Verkehrs um . rtwi 10 v. H. gegenüber bem Normaleingang ge­bracht hat.

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! Ein besondrer Br^nnvunkt des getarnten Päck- ch"n- und Paketvers-mds ist die Paketum- lch lag stell" am Bahnhof, di? der Le'tt'vg d"s Nsstjnsvektors A d a w Lotz ftfrn an gewöhnlichen Tagen ein großes Maß von Arbeit zu bewältigen hat, die aber gerade in diesen Wochen

I vor dem Weihnachtsfeste eine ganz außerordentliche Steigerung des Arbeitsanfalls bewältigen muß. Hier sind ununterbrochen in Tag- und Nachtschichten viele Männer an der Arbeit, um alle Päckchensen­dungen für unsere Soldaten und außerdem den starken Paketverkehr ber Zivilbevölkerung glatt unb ohne Einschränkung durchzuführen. In dieser Umschlagstelle strömen alltäglich nicht nur die Hun­derte von großen Säcken mit Feldpostpäckchetz aus der Stadt Gießen und den ländlichen Kreisorten Tag unb Nacht zusammen, hierher werden auch die gleichen Sendungen von den Strecken Alsfeld Gießen, StockheimGießen, BetzdorfGießen und LimburgGießen geleitet, soweit die Säcke eine Neuverteilung ihres Inhalts notwendig machen, während die bei auswärtigen Postämtern bereits fix und fertig abgeschlossenen Päckchensäcke zwar nicht die große Sortierhalle der Umschlagstelle pas-

Heimkehr", als zweiter Film nachOhm Krüger" mit dem höchsten PrädikatFllm der Nation" aus­gezeichnet, nach bem Drehbuche von Gerhard Men­zel von Gustav Ucicky in Szene gesetzt, ist ein historisches Dokument: er schildert bas furchtbare Schicksal einer kleinen Gruppe von Volksbeutschen in Polen. Im Frühjahr 1939 beginnt ihre Leidens- Zeit-, sie.merken an den als Manöver flüchtig ge­tarnten militärischen Vorbereitungen der Polen, daß der Krieg beoorsteht. Noch ehe er ausbricht, müssen sie erfahren, was es heißt, im fremden Lande dem chauvinistischen Haß gegen alles Deutsche wehr­los ausgelirfert zu sein, eie sind alsbald völlig rechtlos, unb ihre Proteste verhallen ungehört, als man ihnen bie deutsche Schule nimmt, die angeblich als Quartier für mobilisierte Verbände benötigt wird. Mit bem Tage, an dem England Polenga­rantiert", sind sie der fanatisch aufgestachelten Wut des polnischen Pöbels preisgegeben. Das erste Opfer ist der junge Dr. Mutius: in einem polnischen Kino, wo die Menge über drei einsame Deutsche herfällt, erhält er einen Fußtritt in den Leib; feine Braut bemüht sich vergeblich, bem Sterbenben Hilfe zu verschaffen; bie Polen verweigern bem verhaßten Deutschen, den sie für einenNazi-Spion" oder po­litischen Agenten halten, die Aufnahme ins Kran­kenhaus. Der scheußliche Austritt im Kino hat wie ein Signal gewirkt: jetzt sind alle Deutschen vogel­frei und der maßlosen, unmenschlichen Brutalität ber Polen, die sich in ihrer Verblendung für stark und sicher halten, erbarmungslos ausgeliefert. Dem deutschen Arzt lauern sie an der Straße auf und schießen ihn blind. Eine junge Frau, an deren Halse man ein Hakenkreuz entdeckt, wird von ber rasenden Menge gesteinigt. Schließlich wird die ganze kleine Gemeinde zusammengetrieben und in Lastautos unter militärischer Bewachung ins Ge­fängnis gebracht, wo sie, Männer, Frauen, Kinder und Greise, stehend zusammengepfercht wie Schlacht­vieh, vom unablässig auf sie gerichteten, stechenden Scheinwerferlicht gepeinigt und zu Wahnsinnsaus­brüchen getrieben, einem schauerlichen Schicksal ent­gegensehen. Sie werden in einen Keller gejagt, und bie polnische Soldateska schießt mit einem Ma­schinengewehr wahllos durchs Fenster hinein. Da kommt in ber letzten Not und Verzweiflung die kaum mehr erho'fte Rettung mit den heranbrau­senden Stukas und Panzern ber siegreich vordrin­genden deutschen Armeen.

Der politische Charakter des aufwühlenden Film­dokuments kennzeichnet sich in der höchst eindrucks­voll eingeblendeten Szene des Obersten Beck und feiner Antwort auf die Vorstellungen unseres di­plomatischen Vertreters wegen der an den Deut­schen verübten Gewalttaten; vor allem aber auch in den warnenden Worten des Führers kurz vor dem Ausbruch der Feindseligkeiten. Den Orgien des Hasses und des maßlos blutigen Schreckens­regimentes der Polen stehen die stille Gefaßtheit,

fieren, aber doch von den Männern dieser Dienst­stelle Tag und Nacht von den ankommenden Zügen abgeholt und zu den Anschlußzügen nach Frankfurt geschafft werden müssen. Es handelt sich hierbei wie wir bei unserem Besuche am Donnerstag in den späten Abendstunden selbst sahen um große Berge solcher Sendungen auf einer langen Reihe von Transportwagen, deren rasche, unbeschädigte unb zielsichere Wetterleitung namentlich in der Zeit der Verdunkelung größte Anforderungen an die körperliche unb geistige Spannkraft aller Männer stellt. Es ist eine ungemein schwere Arbeit, die mit den hochbeladenen Wagen bei dem Fahren von Bahnsteig zu Bahnsteig und bei bem Einlaben in die Güterwagen für die Sammeltransporte geleistet werden muß, ganz gleich welche Witterung dabei herrscht. Zu diesen Massenfuhren kommen aber noch ganze Autoladungen von Feldpostpäckchen -

das vertrauensvolle Gemeinschaftsgefühl und bie Sehnsucht der kleinen volksdeutschen Gruppe nach ber großen, schützenden Heimat erhebend gegenüber. In oer Heimkehr ber Ueberlebenben im endlosen Treck zur deutschen Grenze findet diese Sehnsucht ihre Erfüllung.

Der Regisseur Ucicky schrieb über seine Arbeit: Woraus es mir... ankam, war, bie Pflicht des Spielleiters zu erfüllen, das Abstrakte ber Aufgabe so in bie Wirklichkeit zu übersetzen, als wäre niemals etwas anderes dagewesen als diese Wirklichkeit ..." Das ist ihm gelungen; er hat es sich und dem Beschauer nicht bequem gemacht, uns nichts erspart uno ge­schenkt: das fürchterliche Schicksal der Volksdeut­schen teilt sich dem Beschauer in seiner ganzen Grau­samkeit und Unmenschlichkeit mit, und auch die Schauspieler waren offenbar fo in den Bann ge­meinsamen Erlebens und Erleidens gezwungen, daß ihre Darstellung, soweit hier der landläufige Spiel­film-Begriff überhaupt Berechtigung hat, am besten als Gemeinschaftsleistung gewertet wird. Paula Wessely freilich hebt sich (als junge Lehrerin Marie Thomas) dennoch schon durch den Umfang dessen, was sie zu sprechen hat, aus dem kleinen Häuflein hervor: eine Gestalt, in der Menschlichkeit und Weiblichkeit sich überzeugend begegnen: in ihr haben die Deutschen eine besonnene Wortführerin, Kameradin unb Helferin, bie auch in den schwersten Stunden Kopf und Herz behält und die Ihren mtt dem geliebten Bilde der fernen Heimat aufrichtet und stärkt. Eine prachtvolle, männlich ergreifende Gestalt: Peter Petersen als der Arzt Dr. Tho­mas; dann Attila Hörbiger, Carl Raddatz, Otto Wernicke, Eduard Köck, Ruth Hell­berg, Elsa Wagner und Gerhild Weber: in allen Gesichtern und Gestalten ist ein Stück deutschen Schicksals bewahrt, das nun für alle Zeiten gewen­det ist. (Wien-Film im Verleih ber Ufa.)

Hans Thyriot

Heimkehr" - ein volksdeutsches Schicksal.

Zilm der Jlafion* im Gloria-palast.

spielen viele Szenen ausDichtung unb Wahrheit", in ber Küche gewahren wir unweit des großen Her­des mit dem mächtigen Rauchfang als Seltenheit eine Pumpe, denn das Haus hatte feinen eigenen Brunnen. In der Speisekammer entdeckte der Knabe das' Puppenspiel, das des jungen Goethe Phantasie so anreizte, in dem Gang neben der Treppe haben sich die Kinder vor den Blitzen versteckt. In edlem Zuge schwingen sich die Stufen, von schönen eisernen Geländern flankiert, zum ersten Stock empor. An den Vorplatz grenzen nach der Straße die Repräfen- tationsräume der Familie. Im Nordzimmer grüßen wir die Großeltern Textor in Bildern von guten Malern, im Südzimmer sehen wir Maximiliane Brentano, die Mutter von Bett'na und Clemens Brentano, im Musikzirnrner eine Kopie des Goethe- schen Familienbildes von Seekatz.

Auf dem Vorplatz des zwetten Stocks fällt uns die astronomische Uhr des etwas wunderlichen Hof­rats Hüsgen auf, über den wir inDichtung unb Wahrheit" lesen:Eine für damalige Zeilen wenig­stens wundersame Uhr, welche neben den Stunden und Tagen auch die Bewegungen von Sonne und Mond anzeigte, ließ er nach seinen Angaben (1749 in Neuwied) verfertigen. Sonntags früh um zehn zog er sie jedesmal selbst auf, welches er um fo ge­wisser tun konnte, als er niemals in die Kirche ging ..." Im Geburtszimmer stehen wir an einem der Pole dieses Lebens, das der menschliche und der kosmische Mittelpunkt einer Gedankenfülle werden sollte, bie bis heute unentwegt kreist und an Kraft eher zunimmt als verliert. An den Abschluß des Erdenweges gemahnen Leier- und Stern-Embleme von der Aufbahrung in Weimar (der Stern war Goethes Wavpen seit dem 3. Juli 1782), die irdische Erscheinung findet in einem Abguß noch ber Klarier- scheu Büste von 1778 hoheitsvollen Ausbruck. Sta­tionen bes Lebens, an seinem Ausgangspunkt an­gebeutet, Zeugnisse eines Wunders, dem wir näher kommen, je weiter uns die Zeit von ihm entfernt, denn wir bedürfen der Weisheit, die sich nur mtt dem Verstreichen der Tage gewinnen läßt, sofern wir die Tage nützen.

Der dritte Stock bekommt feinen Hauvtakzent durch Goethes Wohn- unb Arbeitszimmer. Was ist im Lichte dieses hellen Raumes, an diesem kleinen

Schreibtisch alles zu Papier gekommen hätte es physische Gewalt, die Welt wäre davon in Stücke gegangen, umgeschmolzen worden in eine höhere Existenz.

Nach einem Blick in das Puppentheaterzimmer wenden wir uns hinab zum Hof. Die beiden Hinter­türen waren vor dem Umbau von 1754/55 die Vordertüren des Hauses. Die eiserne Tür, die zum Gärtchen führt, ist bie alte Tür bes Goethefchen Gartens vor den Toren der Stadt, an ber Pumpe hat die spätere Königin Luise von Preußen gespielt, als sie bei der Kaiserkrönung von 1790 im Goethe- Haus einquartiert war.

Wir wollen wie ein Reisender durch die Räume gehen, der nur seine Augen gebraucht, unb haben doch ben Gedanken nicht ausweichen können, denn es ist das Zwingende in diesem Haus, daß es er- Hieht, daß es eine Größe bewahrt, die auch den Unbeschwerten überkommt. Verwandeln wir uns jetzt in den anderen Besucher, der im Bewußtsein Goethes kommt, treten wir noch e nmal ein in das Arbeitszimmer und lassen wir aufklingen, was uns bewegt. Den spielenden Knaben haben wir schon zitieren dürfen, des Jünglings unb Studenten brau­chen wir hier nicht besonders zu gedenken, wo wir am Orte feiner Geniezeit stehen. Hier ist berGötz von Berlichingen" geschrieben worden, hier haben Die Leiden des jungen Werthers" ihre literarische Gestalt bekommen, hier haben den Dichter große dramatische Entwürfe (Faust",Mahomet",Pro­metheus") bewegt, ist innerhalb von acht Tagen der Clav go" niedergeschrieben worden, sindStella", Erwin und Elmire",Claudine von Villa Bella" entstanden, hier hat sich nur von dem Bekannte­sten wollen wir sprechen ein liebendes und stür­mendes Herz im Gedicht gebunden.Das Veil­chen", das aus Goethes und Mozarts Genialität in den deutschen Liederschatz eingegangen ist, dasZi- aeunerlied",Mahomets Gesang",Der König in Thule",Ganymed",An Schwager Kronos", Prometheus",Neue Liede, neues Leben",In allen guten Stunden",Wonne der Wehmut" wir hören auch den Namen Schuberts, wenn wir fo an Goethe denken. Verse werden in uns wach, um die sich feit fast zwei Jahrhunderten große und kleine Sprachen dieser Erde bemühen, sie auch in Uebersetzungen einzufangen, und die doch nur dem

deutschen Menschen ganz gehören, Melodien kom­men dazu, Bilder, Szenen, Erhabenheiten und Er­schütterungen. In diesem Hause am Großen Hirsch­graben strömt das Glück auf uns zu, das Glück, im Namen Goethes Deutsche zu sein.

Schon unsere Eltern und Großeltern haben ge­wußt, was sie diesem Hause schuldig sind. Solche Schuld dankbar einzulösen, ist die schönste Aufgaoe desFreien Deutschen Hochstifts", bas Otto Volger mit bem 10. November 1859* als Stiftungstag ge­gründet hat. Er erwarb das Haus, das von 1795 bis 1863 in fremder Hand war, zunächst aus eigenen Mitteln, bis das Hochst.ft eine Sammlung in Deutschland ausschrieb, an der sich der Kaiser Franz Joseph und die deutschen Fürsten mtt größeren Summen beteiligten. Bis etwa zum Jahre 1900 stand die Wiedereinrichtung des Goethe-Hauses im Vordergrund.Von da an bis zum Weltkrieg setzte das Hochstift alle Kräfte ein, d e Bibliothek zu schaf­fen, bie heute fein wissenschaftlicher Stolz und Ruhm ist. Damals waren die Zeiten noch günstig, Erst­drucke des 18. Jahrhunderts und ber Romantik anti­quarisch zu kaufen, und so gelang es, rechtzeitig den Schatz zu bergen, der heute kaum oder, wenn über­haupt, nur mit größten Opfern gufammengetragen werden könnte. Durch den Krieg und die Inflation verlor das Hochstift sein Stiftungsoermögen von einer halben Million Mark, das im Jahre 1881 ihm i durch die Hochherzigkeit des Kanzleirates Emanuel , Müller zugefallen war. Daher wurde es seit 1925 | mit der Einführung der Festmark die Hauptaufgabe, e'n neues Vermögen durch eine allgemeineDeutsche Volksspende für Goethes Oeburtsftätte" wieder ein­zuwerben ... Heute umfaßt allein die Bücherei des Freien Deutschen Hochstists 55 000 Bände über Goethe unb seine Zeit. Sie ist die beste Goethe- Bibliothek der Welt. Die Häuser, welche (für Bibl'o- thef und Goethe-Museum) die Stadtverwaltung auf 99 Jahre hergab, stammen noch aus Goethes Zeit, sie bilden zusammen mit dem Geburtshaus eine Einheit, die vom Goethebewußtsein aller Schichten unseres Volkes geistig und seelisch getragen und von der Macht des Reiches geschirmt wird als eine der reinsten Begnadungen im Erbgut der Nativ-

6 dem 100. Geburtstage Schillers.