Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Donnerstag. 27. Novembersy^
Aus der Stadt Gießen.
Unser Heim.
Wenn es ftürmt, wenn der Wind durch die kah- len Bäume jagt und an den Fensterläden rüttelt, dann sitzt es sich gar mollig in der Nähe des warmen Ofens. Und gern erinnern wir uns an die Jugendzeit, in der in unferm Elternhaus der alte eiserne Ofen das Zimmer wärmte. Er stand noch auf vier"Beinen und hatte viele Türchen: denn die Mutter wollte doch auch einiges darauf kochen. Damals wurde nur Holz gebrannt. Wie schön war es dann, wenn die Abenddämmerung hereinbrach und das Zimmer ganz dunkel wurde. Durch die kleinen Löcher am Ofentürchen aber leuchteten die Flammen und sandten ihren goldnen Schein in die Stube. Wir saßen ganz still und horchten aus das leise Knacken des brennenden Holzes. Im Ofen aber brieten die dunklen Maatäpfel. Der Duft erfüllte das ganze Zimmer.
Auch heute noch hilft uns der Ofen, daß es im Zimmer recht gemütlich wird. Die Welt draußen liegt in Nebelschleiern, manchmal strömt Regen nieder, dann und wann gibt es Schnee. Wie leicht kommen da Schwermut und Trauer. Die Menschen suchen Zuflucht in dem hintersten Winkel ihrer Seele, sie sehnen sich nach Licht und Wärme.
Da ist unser Heim der schönste Platz. Hier fühlen wir uns geborgen. Und wenn die Kinder zur Ruhe gegangen sind, dann laden wir unsere Freunde aus dem Bücherschrank ein. Alle Bücher, die wir lieb gewonnen haben, stehen dort wie in einem verschlossenen Garten. Sind sie nicht wie liebe Bekannte, die nur darauf warten, uns Freude zu bereiten? Der Dichter läßt uns Ungeahntes erleben, alles, was wir mit Sinnen fassen können, kommt auf uns zu: Lust und Liebe, $reube und Trauer. Wir leben mit dem Buch. Wieviel eignes wird uns durch gute Dich* tung zurückgegeben! Wie oft verschönt ein gutes Buch den Abend! Es ist so, als ob ein guter Freund zu Besuch wäre.
Wenn wir einmal ein Buch liebgewonnen haben, dann stehen mir in Treue zu ihm, wenn es auch noch so bescheiden ist. Wir nehmen es vor in einer stillen Stunde, wenn wir ganz allein sind. Dann halten wir Zwiesprache mit ihm und hören auf das, was uns das Buch zu sagen hat.
Die großen Dichter unseres Volkes sind ja nicht tot. Jeder von uns kann aus dem ungeheuren Reichtum, den sie uns in lebendiger Sprache hinterließen, auswählen. Der eine wird gern die Klassiker lesen, der andere wird Erinnerungen und Aufzeichnungen aus dem politischen Leben bevorzugen, ein Dritter will miterleben, was einem Forscher in fremden Erdteilen begegnete ...
Gute Bücher vermitteln uns Reichtümer und geistige Schätze. Wir müssen nur den guten Willen haben, diese Schätze zu heben. Dann werden die Bücher unsere besten Freunde, unsere Begleiter und Tröster in allen Lebenslagen. Wir können uns Kraft und Erholung bei ihnen holen. Deshalb können wir uns unser Heim gar nicht ohne Bücher vorstellen. —h.
Tageskalender für Donnerstag.
NSG. „Kraft durch Freude": 19 Uhr im Stadttheater 5. Veranstaltung im 16er-Ring „Dschungel". — Gloria-Palast, Seltersweg: 14.30, 16.45, 19.30 Uhr: „Paradies der Junggesellen". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: 14.30, 16.45, 19.30 Uhr: „Der Gasmann". — Oberhessischer Kunstverein: 16 bis 17 Uhr Ausstellung oberhessischer Künstler im Turmhaus am Brand.
Feidpostpöckchen mit Weihnachtsgaben
Feldpostpäckchen mit Weihnachtsgaben für unsere Soldaten sollen spätestens bis zum 1. 12. bei der Post eingeliefert werden. Sonstige Weihnachtspakete oder Päckchen müssen möglichst in der ersten, spätestens aber bis Ende der zweiten Dezemberwoche zur Post gebracht werden.
Derdunkelungszeit
27.11. von 17.14 bis 9.01 Uhr.
Oie Front rüst!
Eine Sammlung für unsere Soldaten am 6. und l. Dezember.
Im vergangenen Winter griffen viele unserer Soldaten im hohen Norden, wenn ihnen bei den langen Nächten die Zeit zu lang wurde, zum Schnitzmesser, um sich die Langeweile zu vertreiben. Zum Schnitzmesser wurden bald andere Werkzeuge — oft primitiver Art — beschafft, und so entstanden dann Bastelarbeiten der mannigfaltigsten Art, die nicht nur Freude bei dem Hersteller selbst auslösten, sondern darüber hinaus auch anderen Kameraden Anregung gaben, dasselbe zu tun. Manche Stunde des Wartens und der langen Abende wurde auf diese Weise glücklich überwunden, ganz abgesehen davon, daß vielen Kindern in der Heimat mit die? fen Bastelarbeiten eine Freude bereitet wurde.
Diese Art Freizeitgestaltung soll auf Anordnung des Oberkommandos der Wehrmacht für unsere Truppen im Ostraum und im Norden im Winter 1941/42 in verstärktem Maße durchgeführt werden. Dazu gehören aber Werkzeuge aller Art, die fabrik- mäßia nicht so schnell heraesteUt werden können, wie Laubsägen und feine Sägen (Fuchsschwänze), Laubsägeblätter, Raspeln, Schraubstöcke, Zangen aller Art, Hämmer, Bohrer, Schnitzmesser sowie auch Bleistifte, Leim, Tusche, Farbstifte, Bücher über Werkschaffen, Modellbau usw.
An die Betriebe und Haushaltungen ergeht daher die Bitte, alle entbehrlichen Werkzeuge der oben genannten Art für unsere Soldaten bereitzulegen. Die Deutsche Arbeitsfront und die Hitler-Jugend haben sich in den Dienst dieser Sammlung gestellt und werden sie am 6. und 7. Dezember 1941 durchführen.
Rasch einen Blick in den Werkzeugkasten, den es ja in jedem richtigen Haushalt gibt, getan! Gewiß ist manches Brauchbare darin, das wir gut entbehren können! Unseren Soldaten aber wird es zur Freude gereichen und ihnen die Mußestunden aus- füllen helfen! Die Front ruft! Und für die Heimat gilt es, sich durch diese Sammlung dankbar za erweisen!
Ueberflüssiqe Anrufe beim Arzt.
Ein Appell des Gauamtes für Volksgesundheit.
Es ist zur Genüge bekannt, daß die in der Heimat verbliebenen Aerzte beruflich sehr stark überlastet sind. Schon öfters mußte deshalb an die Vernunft und Einsicht der Bevölkerung appelliert werden, den Arzt nur in dringenden Fällen in Anspruch zu nehmen. Trotzdem gibt es nach immer Volksgenossen, die dem Arzt durch überflüssige Anrufe seine kostbare Zeit stehlen. So ist es sehr beliebt, bei dem Arzt anzufragen, wann er eigentlich Sprechstunde habe. Eine andere Unsitte ist es, vorher telephonisch anzufragen, ob man heute ober morgen in die Sprechstunde kommen könne. Diese Anfrage ist unsinnig, denn dafür sind doch die Sprechstunden da, und längere Zeit warten muß man heute sowieso schon, auch ohne vorherigen telephonischen Anruf.
Darum, Volksgenossen, denkt daran, daß für den
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Nr. 282 Zweiter Blatt
Oie ersten USA.-Truppen in Niederländisch-Guayana. fRio be Janeiro, 27. Nov. (Europapreß) Zur Durchführung der von Roosevelt angeordneten militärischen Besetzung von Holländisch-Guayana, die mit dem angeblichen Schutz von nordamerikanischen Wirtschaftsinteressen begründet wurde, erfolgte am Mittwoch die Landung der ersten Trup- pen-Kontingente in Paramaribo. Den nordamerika- bereitet Iruppen mur6e ein „einfacher" Empfang
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. Die gesamte Neu Yorker Presse behandelt eingehend die Besetzung Holländisch-Guayanas. Uebereinstimmend meinen plötzlich die Blätter, daß das benachbarte Französisch-Guayana eine „Bedrohung" für die holländische Kolonie darstellen könnte und deuten offen an, daß die UAS. Martinique und Französisch-Guayana besetzen könnten. Aus Kongreßkreisen liegen Aeußerungen von Abgeordneten und Senatoren vor, die die Ansicht äußerten, daß es sich bei der Besetzung Holländisch- Guayanas um eine „Verteidigungsmaßnahme der Westhemisphäre" und um den „Schutz der holländischen Kolonien" handele. Der republikanische Senator Aiken äußerte sich kritisch, daß es so aussehe, als „versucht Amerika, die gesamte Erde zu besetzen". Der Washingtoner Korrespondent der interventionistischen Zeitung „P. M.", Konneth Craw- ford, spricht von der Möglichkeit, daß die USA. auch noch Truppen nach Curaxao und den holländischen Ar uba-In sein vor der Küste Venezuelas senden konnten.
ll<.^A.-Krieg6material für die Gaullisten.
Washington, 26. November. (DNB.) Nach einer amtlichen Erklärung wurden die Gaullisten in Nordafrika nach Vereinbarung mit England bereits feit drei Monaten m'it USA.« Kriegsmaterial beliefert. Aus britischen Beständen an USA.-Kriegsmaterial feien die Gaullisten aus dem Mittleren Osten mit Tanks, Lastwagen und Munition versorgt worden. Das USA.= Rote Kreuz habe sanitäre Materialien zur Verfügung gestellt. Die Quantität des zur Verfügung gestellten Kriegsmaterials sei nicht Übergroß.
Bullitt geht als Beobachter in den Nahen Osten.
Washington, 26. November. (Europapreß.) Der ehemalige USA.-Botschafter in der Sowjetunion und in Frankreich, William Bullitt, wird als außerordentlicher Vertreter des Präsidenten in den Nahen Osten gehen, teilte Präsident Roosevelt in der Pressekonferenz selbst mit. Der Botschafter soll sich über die Lage in den Randgebieten des östlichen Mittelmeers informieren und bann zur Berichterstattung nach Washington zurück- kehren. Bullitt wird nicht irgendwo festes Quartier nehmen, fein Hauptquartier wird vielmehr, wie der Präsident sagte, ein Flugzeug sein, da er sowohl die arabischen Staaten, Aegypten, Palästina als auch die britische F r o n t "i n Libyen besuchen soll.
Englands Dollar-Reserven nahezu erschöpst.
G e n f, 26. November. (DNB.) „Financial News" schreibt u. a.: Prüfe man die Dollar-Reserven Groß- britanniens, dann gelange man zu dem Ergebnis, daß sie nahezu erschöpft seien. Bei Kriegsausbruch habe Großbritannien über rund 4V- Milliarden Dollar verfügt, am Ende dieses Winters habe man günstigenfalls nur noch 150 Millionen. Es bestehe auch keine Aussicht, daß man während der nächsten sechs Monate die Dollarbestände durch Ausfuhren, größere Produktion usw. steigern könne. Im Gegenteil: Die zu erwartenden Dollarausgaben würden bis zum 1. März die Einnahmen um etwa 580 Mill. Dollar übersteigen. Dadurch werde sich die im
Karin Grunelius
Roman von GuiöoK.Vran-
38. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Karin spürte wieder jene Macht auf sich zukommen, gegen die sich ihr Gewissen wehrte. Vielleicht nahm sie das alles viel zu schwer, zu tragisch, wie der Onkel ihr vorwarf, als sie Thomas ein wenig heftig ins Wort fiel: „Das hätten Sie nicht tun sollen, Herr Bröger!"
„Und warum nicht?" fragte er erstaunt zurück. Aber an ihrem Schweigen merkte er, daß sie unsicher geworden war. „Na, sehen Sie! Sie wissen es ja selbst nicht!"
„Ich möchte arbeiten, Herr Doktor. Vielleicht werde ich in den nächsten Tagen mit der Doktorarbeit fertig!"
„Wie Sie meinen, Karin!" Er gab nach, weil er wußte, daß die Stunde nicht weit war, da er ihr die Geschichte des Bildes und damit feiner stillen Liebe sagen konnte.
Zischend fuhr die Flamme eines Bunsenbrenners hoch, Karin mischte rasch ein paar Flüssigkeiten, kontrollierte ein Resultat von gestern und hielt-das Glas quirlend über dem blauen Bogen. Eine Stille hatte sich über alle Instrumente, Gläser und Retorten gelegt, so daß sich der Atem der beiden Menschen wie ein leichtes Wehen anhörte. Bedrückend legte sich das Schweigen um ihre Kehlen, machte ihre Bewegungen maßlos, unfrei und ungeschickt, so daß ihre Hände zitterten, wenn sie einen Gegenstand von einem Platz an den anderen stellten.
Unheimlich langsam drehten sich die Minuten. Gin einziges Wort hätte die verkrampfte Stimmung lösen können. Aber ein undurchdringlicher Widerstand hatte sich zwischen sie geschaltet.
„Jessas, guatn Morgn, Fräuln Grunelius!" rief, die Tür weit aufreißend, der Laboratoriumsdiener. „Sie, da is ein Herr da, der auf Sie wart. Er hat gfagt, daß er auch aus Afrika kommt. Akkrat rote Sie! Derf er hereinkommen?"
Während Thomas ganz leicht den Kopf hob und sich in das Nebenzimmer begab, bat Karin mit vibrierender Stimme, Günther Merck heremzu- I assen. Wollte Thomas der Unterredung aus- weichen? Sie schloß die Augen, ballte ihre Hande über dem Tisch und lauschte wie auf etwas Unabänderliches auf den Gang hinaus, auf dem Die schritte immer näher tarnen. . |L
wunderbar sieht es ja bei dir aus, Hanni
Augenblick noch vorhandene Summe bis zum 1. März auf rund 150 Mill. .Dollar fenfen.
Das Ritterkreuz.
Berlin, 25. Nov. (DNB.) Der Führer und Oberste Befehlshaber der Wehrmacht verlieh auf Vorschlag des Oberbefehlshabers des Heeres das Ritterkreuz an: Oberst Wünne nberg, Kommandeur eines ^-Polizei-Schützeß-Regiments, Hauptmann von Harbou, Bataillonsführer in einem Schützenregiment, Oberleutnant Hofmann, Kompaniechef in einem Gebirgsjäger-Regiment, Oberleutnant von Hi rschf eld, Kompaniechef in einem GebirgsjägerRegiment, Oberleutnant Beter, Kompaniechef in einer Panzer-Pionier- Kompanie, und Oberfeldwebel Meusgeier, Zugführer in einer Panzerjägerabteilung-, ferner an Generalleutnant Siebert, Kommandeur einer Infanteriedivision, Oberst Szelinski, Kommandeur eines Infanterieregiments, Oberst Picker, Kommandeur eines Gebirgsjägerregiments, Oberleutnant Freihr. von Werthen, Kompaniechef in einem Panzerregiment, Oberfeldwebel Köckenbauer, Zugführer in einem Gebirgsjägerregiment.
Klein« politische Nachrichten.
In seiner Rede aus Anlaß der Wiedereröffnung der Reichsuniversität Straßburg machte Reichserziehungsminister Rust die Mitteilung, daß der Führer für die Reichsuniversität eine Diertelmil- lion Reichsmark zur Verfügung gestellt und damit wiederum seine enge Verbundenheit mit dieser alten Stätte deutschen Kulturschaffens unterstrichen habe.
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Der italienische Außenminister Graf Eiano ließ als Oberstleutnant der italienischen Luftwaffe an der Bahre des tödlich verunglückten Fliegerhelden Oberst Mölders einen Kran; niederlegen, ebenso auch der italienische Botschafter in Berlin, Alfieri.
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Der Staatspräsident von Chile, Pedro Aguirre Cerda, ist gestorben. Er war 62 Jahre alt. Wegen seines in letzter Zeit recht schlechten Gesundheitszustandes hatte er am 10. November die Befugnisse des Staatspräsidenten vorübergehend dem Leiter der radikalen Partei, Mendez, übertragen.
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Das erste Kontingent spanischer Arbeiter ist nach Deutschland abgereift. Es handelt sich um Bergleute, Mechaniker und Handwerker.
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Der französische Kolonial-Staatssekretär Admiral Platon, der im nördlichen Gebiet der Elfenbeinküste eingetroffen war, ist nach Abidjan, der Hauptstadt des Gebietes der Elfenbeinküste am Golf von Guinea (Westafrika), weitergeflogen.
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Das Bundesamt für wirtschaftliche Kriegführung der USA. gab die Annullierung aller Brennstoffverschickungen nach Spanien und den spanischen Besitzungen, sowie nach Algier, Französisch-Marokko und Tunis bekannt. In Zukunft sind Oelliefe- rüngen nur noch möglich, wenn eine neue Lizenz eingeholt wird.
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Der bisherige Botschafter der USA. in Moskau, Steinhardt, ist mit dem Clipper-Flugboot in den Bereinigten Staaten eingetroffen.
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Marineminister Knox erklärte Pressevertretern, daß als Folge der Torpedierung des USA.-Zerstörers „Kearney" die Freiwilligen-Meldungen für die nordamerikanische Marine um 15 v. H. gesun- k e n seien. Der Minister sprach von der Möglichkeit, die Dienstpflicht für die USA.-Marine einzuführen.
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Bei einer Nachwahl zum ägyptischen Senat wurde der Kandidat der Wafd-Partei mit überwältigender Mehrheit gewählt. In Kairo hält man das für bezeichnend für die politische Lage in Aegypten, in der die Wafd eine ständig stärker werdende Stellung einnimmt.
Guten Morgen! Allein? Also das ist deine Welt! Dein Reich, wie?" fragte er etwas übertrieben laut.
„Ja, Günther. Hier bin ich zu Haufe. Du hast schon einmal angerufen?"
„Auch das! Wahrscheinlich war der Herr Kunstmaler am Apparat. Du, ich habe mir im übrigen das Bild einmal angesehen, das der Herr Bröger von dir gemalt hat. Ich finde es großartig. Nicht nur ausgezeichnet getroffen, sondern so, als hätte er sogar noch mehr hineingelegt! Ich verstehe zwar von Malerei ebensowenig wie von Chemie, aber wenn er als Chemiker so viel kann, wie als Maler, scheint er sehr begabt zu sein!"
Karin wußte nicht, ob die Ironie, die er in seine Worte hineinlegte, berechnet ober nur so hingesagt war. Sie kam gar nicht mehr dazu, zu antworten, denn wie aus dem Boden gewachsen, stand Thomas plötzlich unter der Tür.
„Ich lege zwar keinen Wert auf solche Urteile, aber sie sind immerhin bezeichnend für Laien. Guten Tag, Herr Merck! Wie geht es Ihnen? Schauen aber schon bedeutend besser aus als damals in Spacca- forno. Mein Gott, wenn ich noch daran denke, wie Sie beide aus der Lust heruntergegondelt tarnen, wie? Muß doch ein verdammtes Gefühl gewesen fein! Sehen Sie, das kann sich nun unsereiner nicht vorstellen! Ich habe nämlich keine Ahnung vom Fliegen!" lenkte Thomas die Unterhaltung mit einer kühnen Bewegung ab. „Bekommen Sie eigentlich die Maschine ersetzt?"
Günther sah ihn eine Sekunde von der Seite an. „Wieso interessiert Sie das?"
„Ach, mein Gott, ich will Ihnen ganz offen gestehen, daß mich der Unfall einigermaßen beeindruckt hat. Dieser schauerliche Anblick eines abstürzenden Flugzeuges, das hilflos wie ein Pfeil herabschießt... ich sehe noch heute das aufspritzende Wasser und zwei Menschen durch die Luft wirbeln... na, wissen Sie, das vergißt man nicht so leicht. Wenigstens ich nicht!" ,
Karin hatte eine harte Antwort erwartet, aber sie wurde enttäuscht. Gab sich denn Thomas nicht ganz preis und sagte fo viel, daß auch Günther merken mußte, wie sehr sich der Mensch, der jetzt zwischen ihnen stand, über das rein Zufällige hinausgehoben hatte?
„Na, wissen Sie, so schlimm kann es sich auch nur jemand vorstellen, der von der Fliegerei keine Ahnung hat!" glaubte Günther auftrumpfen zu müssen. Wie schlecht und plump fand Karin diesen Einwand. „Und Sie betreuen jetzt Fräulein Grunelius bei ihrer Arbeit, wie ich hörte?"
„Betreuen? Das ist ein Wort, das zwischen uns beiden keinen Sinn hat. Denn Fräulein Grunelius
weiß fo viel, daß sie sich selbst durch die Probleme, die sie sich gestellt hat, hindurchbeißen kann, und ich möchte nur meine Bitte wiederholen, Herr Merck, die ich damals in Spaccaforno geäußert habe."
„Eine Bitte?" Günther tat, als müßte er sich besinnen. Auch diese Art, sich in die gegebene Situation zu finden, erregte Karins Mißfallen. Aber sie brauchte nur die Hände der beiden nebeneinander anzuschauen, um den Unterschied zwischen ihnen festzustellen. -
„Soviel ich weiß, hatte dich doch Doktor Bröger gebeten, mich einen Beruf ausüben zu lassen!" mischte sie sich in die Unterhaltung, die sie als. höchst unsympathisch und überflüssig empfand. Jr- aendwie spürte sie, wie das Ganze auf einen Zusammenstoß zustrebte. Das Lächeln auf Thomas' Lippen, das Funkeln in Günthers Blick warnte sie.
„Ach ja, ganz richtig. Na, das halt du jetzt ja 3ur Genüge!" lachte er, mit einer Armbewegung, Die den ganzen Raum umfaßte. „Da kann ich doch nicht gut nein fügen!"
Karin glaubte, nicht recht gehört zu haben. So ohne irgendeinen Vorbehalt sagte er das? Und warum hatte er es ihr gestern nicht zugestanden? Hatte er es sich irgendwie als Hohn aufgespart, als Spitze gegen sie? Es war ihr nach nicht recht zum Bewußtsein gekommen, daß sie jetzt ein Jahr in Deutschland bleiben durfte, in München!
„Oder hattest du dir etwas anderes gedacht, Karin?" Ohne sie antworten zu lassen, wandte er sich lachend an Thomas: „Fräulein Grunelius hatte mir nämlich den Vorschlag gemacht, ein Jahr mit Ihnen zusammenzuarbeiten, um mal das alles so von Grund auf kennenzulernen!"
„Mit mir?" fragte Thomas zweifelnd.
„Na, nicht gerade mit Ihnen, aber überhaupt. Und ich habe gefunden, daß das gar nicht fo uneben märe. Wer weiß, wie sie das einmal gebrauchen kann. Und fo ein Barbar möchte ich doch nicht fein und mir den Vorwurf machen lassen, ich hätte ihr im Weg gestanden!"
Aber, mein Gott, wie sprach denn Günther mit einemmal? Karin war sprachlos. Was waren das für merkwürdige Worte, als wollte er damit etwas anderes verdecken! Dabei sah er sie nicht einmal an, sondern redete zum Fenster hin, an Thomas vorbei, über dessen Gesicht ein seltsames Lächeln lief. Hätte sie nicht aufjubeln sollen, Günther umarmen müssen?
Noch niemals hatte sie so das Gefühl gehabt, daß er unendlich weit entfernt war von ihr. Sie hatte schon gar keine Beziehung mehr zu ihm, als ■ stünde irgend jemand Fremdes neben ihr, der im I Namen Günthers etwas. ausrichtete. k
,Zst das wirklich dein Emst?" vergewisserte sie sich. „Ich kann arbeiten ...'?"
„Ohne Einschränkung!" gab er zurück. „Ich sehe doch, wie sehr du an deinem Studium hängst ..."
Ueberglücklich über diese unerwartete Wendung, wollte sie ihm ihre Arbeiten zeigen, ihn in die Geheimnisse einweihen, die sie der Natur entlocken wollte. Aber seltsamerweise hatte er jetzt keine Zeit. Er schützte eine dringende Unterredung vor und drängte darauf, das Institut zu verlassen.
„Ich weiß noch nicht, ob ich zum Mittagessen kommen kann!" wollte er sich verabschieden.
„Aber die Tante hat sich doch darauf vordere!* tet!" meinte sie ängstlich.
„Auf alle Fälle gebe ich dir noch Nachricht!" Er hatte es plötzlich sehr eilig. „Auf Wiedersehen, Here Doktor Bröger!"
Er gab Karin die Hand und ließ sie verblüfft stehen.
Eine Zeitlang herrschte tödliches Schweigen zwischen Karin und Thomas. Es war gar keine Lücke mehr in dem Zimmer, die durch irgendeinen Laut hätte ausgefüllt werden müssen. Diese Stille aber nahm zu und wurde wie eine Spannung, die jede Sekunde zerreißen konnte.
„Fräulein Karin! Darf ich Ihnen etwas sagen?" fragte Thomas, ohne daß er sich von seinem Platz bewegte. Er ftanb an der anderen Seite des Tisches, ihr gerade gegenüber, und sah ihr ins Gesicht. Ihre Augen starrten roeitoufgeriffen über die Glaskolben hinweg ins Leere. Jetzt wandte sie ihren Blick voll Thomas zu.
„Haben Sie es gehört, Herr Bröger? Ich kann jetzt bleiben!" sagte sie ganz langsam und mit zitternder Stimme.
17.
Tante Cornelia ging prüfend um den Tisch herum, legte hier eine Gabel zurecht, rückte dort ein Messer näher an den Teller heran. Sie war zufrieden. Jetzt konnte Herr Merck kommen. Karin wartete drüben auf ihrem Zimmer, und der Geheimrat glaubte die Zeit noch mit Lesen ausfüllen zu können. Es lag eine Spannung in den Zimmern, von der keiner recht wußte, warum sie eigentlich da war. Schließlich war Günther doch wieder nicht so fremd, daß man sich besonders auf ihn vorbe- reiten mußte.
Immer näher rückte die Zeit, auf die man sich verabredet hatte. Die Tante trivvelte von einem Zimmer ins andere. In der Küche wurde das Annerl nervös, weil sie sich alles genau auf die Minute ausgerechnet hatte und schon im weißen Häubchen und m der weißen Schürze wartete.
(Schluß folgte


