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XL

Oesterreich ist für die Verjagung der Türken aus Europa zu gewinnen, indem man gleichzeitig seine Eifersucht wegen der Eroberung Konstantinopels da­durch wirkungslos macht, daß man ihm entweder einen Krieg mit den alten europäischen Staaten auf den Hals ladt oder ihm einen Teil der Eroberung gibt, den man ihm später wieder abnimmt.

XII.

Alle nicht unierten oder schismatischen Griechen sowohl in Ungarn als auch in der Türkei und in Südpolen sind an Rußland anzuschließen und um es zu scharen. Dieses muß ihr Mittelpunkt und ihre Stütze sein und sich für alle Zeit als allgemeine Vormacht eine Art geistliches Königtum oder Regi­ment geltend machen. In jenen Griechen wird dann Rußland so viele Freunde haben, wie jemand im Lager seiner Feinde nur finden kann.

XIII.

Ist Schweden zerstückelt, Persien besiegt, Polen unterjocht und die Türkei erobert, sind die Armeen gesammelt und sowohl das Schwarze Meer als auch die Ostsee durch unsere Flotte geschützt, dann gilt es, ganz heimlich zuerst, dem Versailler und dann dem Wiener Hof, jedem besonders, eine Tellung der Weltherrschaft vorzuschlagen. Nimmt einer von bei­den den Vorschlag an, was bei der Schmeichelei, die darin für ihren Ehrgeiz und ihre Eigenliebe liegt, unausbleiblich erscheint, dann bedient man sich des einen, um den anderen zu vernichten. Schließlich zer­malmt man den Uebriggebliebenen in einem Kampf mit nicht zweifelhaftem Ausgang, da Rußland be­reits den Orient und einen großen Teil Europas sein eigen nennt.

XIV.

Sollten, was nicht wahrscheinlich ist, beide das Anerbieten ablehnen, dann muß man sie durch An­stiftung von gegenseitigen Kämpfen zu erschöpfen suchen. Im entscheidenden Augenblick pürbe dann Rußland seine bereits vorher gesammelte Armee in Deutschland eindringen lassen, während sich gleich­zeitig zwei Flotten, die eine vom Asowschen Meer, die andere vom Hafen von Archangelsk aus, beide gedeckt durch die Kriegsflotten des Schwarzen Meeres und der Ostsee, mit den asiatischen Völkerschaften in Bewegung setzen würden. Diese würden Frankreich vom Mittelmeer und vom Atlantischen Ozean aus überschwemmen mit Deutschland ist dies ja be­reits von der Landseite aus'vorher geschehen, worauf sich dann nach Besiegung dieser beiden Staaten der Rest Europas leicht und ohne Schwert­streich unter das Joch beugen würde. So kann und muß Europa unterworfen werden.

*

Pays Reel" knüpft an die Wiedergabe dieses Dokuments die Feststellung, man sei bei einem Rück­blick auf die Geschichte gezwungen, zu erkennen, daß in der Tat die russische Politik immer in großen Zügen vom Testament Peters des Gro­ßen bestimmt wurde. Auch die Sowjet­union sei in ihrer Außenpolitik dem größenwahn­sinnigen Ehrgeiz des Zaren gefolgt; Lenin und Stalin seien nur Vollender dieses Werkes gewesen. Die europäischen Völker hätten jetzt endlich erkannt, daß sie früher oder später von den Russen verschluckt werden würden, wenn sie nicht gegen die moskowitische Gefahr einmütig zusammen- hielten.

Vorbild höchster militärischer Tugend.

Tagesbefehl Görings zum Megertode des Oberst Mölders.

Berlin, 24. Nov. (DNB.) Reichsmarschall Göring hat zum Fliegertod des Oberst Mölders den nachstehenden Tagesbefehl an die Luft­waffe erlassen:

Soldaten der Luftwaffe!

Unser Oberst M ö l d e r s weilt nicht pehr unter uns. Eine unerforschliche Vorsehung hat es ge­wollt, daß der Sieger in 115 Lustkämpfen, der Offizier, der als einziger in der deutschen Wehr­macht das Eichenlaub mit Schwertern und Brillan­ten zum Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes als höchste Tapferkeitsauszeichnung trug, das Opfer eines tragischen Flugzeugunfalles geworden ist. In tiefer Erschütterung treten wir an die Bahre unseres Besten und Tapfersten. Unfaßbar ist uns allen, daß unser ruhmreichster Flieger nicht mehr in unseren Reihen steht. Wie ein strahlender Ko­met zog sein junges Heldenleben hell leuchtend als Beispiel unbesiegbaren Kampfeswillens und vor­bildlicher Tapferkeit an uns vorüber. Siegreich auf allen Schlachtfeldern dieses Krieges um Deutsch­

lands Ehre und Freiheit, hat ihn kein Feind über­wältigen können. Nun ist er, der treueste Pflicht­erfüllung und höchste Einsatzbereitschaft verkör­perte, in Walhall eingezogen. Auf Befehl des Füh­rers und Obersten Befehlshabers der Wehrmacht trägt sein siegreiches Geschwader nun seinen Na­men. So wird er in der Luftwaffe wie in der Geschichte des deutschen Volkes bis in alle Ewig­keit fortleben. Sein Andenken soll uns stolze Tra­dition und stets Vorbild höchster mili­tärischer Tugend sein. Seinem kühnen An­griffsgeist sollt ihr nacheifern, um so die Lücke zu schließen, die sein Tod in unsere Reihen ge­rissen hat. Darum vorwärts, Kameraden, zum End­sieg im Geist unseres unvergeßlichen Helden!

Göring,

Reichsmarschall des Großdeutschen Reiches und Oberbefehlshaber der Luftwaffe.

General Wilberg tödlich verunglückt.

B e r l i n, 25. Nov. (DNB.) General der Flieger Helmuth Wilberg verunglückte am 20. 11. 1941 auf einem Dienstflug tödlich infolge Flugzeugab­sturzes. Mit ihm hateinerderältestenFlie- a e r o f f i z i e r e der deutschen Wehrmacht den Fliegertod gefunden. Bereits im Jahre 1910 ließ er sich auf eigene Kosten bei der Wright-Flugmaschinen- Gesellschaft zum Flugzeugführer ausbilden und er­warb den Internationalen Flugzeugführerschein Nr. 26. Von Oktober 1913 ab war er in der In­spektion der Fliegertruppen tätig und rückte ins Feld. Bei Kriegsende leitete er als Kommandeur der Flieger der 4. Armee den Einsatz der Flieger in Flandern. Nach Kriegsende wirkte er im Reichs- wehrministerium und kämpfte um die Erhaltung des Fliegergedankens in Wehrmacht und Volk. Nachdem er im November 1932 als Generalmajor und Kommandant von Breslau aus dem Heere aus- geschieden war, wurde er im März 1933 ins Reichs- lustfahrtministerium berufen. 1935 wurde er Gene­ralleutnant. Im Juli 1937 war er an der Aufstellung der »Legion Condor" beteiligt. Im März 1938 schied er nach Erreichung der Altersgrenze als General der Flieger aus dem aktiven Dienst aus, fand aber mit Kriegsbeginn erneut Verwendung als H ö h e - rer Flieger-Ausbildungs - Komman­deur. Ein tragisches Schicksal setzte seinem Sol­datenleben ein jähes Ende. Mit General Wilberg fand Oberstleutnant Ru erb 5 als Flugzeugführer den Fliegertod.

BDM. übernimmt die pflege der Gefollenengräber.

Durch eine Anordnung der BDM.-Reichsreferen- tin ist die Betreuung von Soldatengräbern durch den BDM. geregelt worden. Eine Schar bzw. Mä­delschaft oder eine Arbeitsgemeinschaft des BDM.- WerksGlaube und Schönheit" wird jeweils mit der Pflege eines oder mehrerer Soldatengräber be­auftragt, um die sich die Angehörigen der Gefal­lenen infolge her weiten Entfernungen nicht küm­mern können. Neben die Sorge der Wehrmacht für die Gräber tritt damit die liebevolle Pflege des BDM. Es handelt sich in erster Linie um die Sol­datengräber in den neuen Gebieten im Osten und Westen, oder um 'die Gräber ver­wundeter Soldaten, die in den Heimatlaza­retten starben. Wenn sich die Heimatanschrift des Gefallenen ermitteln läßt, wird die das Grab be­treuende Einheit die Verbindung mit den Angehö­rigen aufnehmen, um auch ihre besonderen Wunsche erfüllen zu können und ihnen das Bild der Grab­stätte zuzusendem

Zum 80. Geburtstag August Biers.

Der Führer hat dem Geheimen Medizinalrat Professor Dr. Bier zu seinem 80. Geburtstag in Würdigung seiner großen Verdienste um die Heil­kunde telegraphisch herzlichste Glückwünsche über­mittelt. Staatssekretär Zschintzsch überbrachte im Auftrage von Reichserziehungsminister Rust dem Jubilar dessen Bild mit eigenhändiger Unterschrift und ein Glückwunschschreiben. Gerade die national­sozialistisch ausgerichtete Hochschulführung sieht, so führt der Minister in seinem Schreiben aus, in dem praktischen Wirken von Geheimrat Bier jene Syn­these zwischen medizinischem Wissenschaftler und volks- und naturverbundenem Arzt verkörpert, die berufen sei, auf den Lehrstühlen unserer Universität den richtigen ärztlichen Nachwuchs uns heranzu- bilden. Begleitet von den führenden Persönlichkeiten des deutschen Gesundheitswesens überbrachte Reichs- gesundheitsführer Dr. Conti dem Geheimrat Bier die herzlichsten Glückwünsche der deutschen Aerzte-

schaft. In einer Ansprache ehrte Dr. Conti den her­vorragenden und vorbildlichen großen Arzt als besten Vertreter deutschen Arzttums.

Oie Kulturleistung der deutschen Gemeinden.

Auf der Kulturtagung des Deutschen Gemeinde­tages in Berlin gab Vizepräsident Zeitler einen Ueberblick über die Kulturleistungen der deutschen Gemeinden im Jahre 1941. Im Jahre 1941 wur­den von den deutschen Gemeinden über 2000 Ein­

wohner 200 Millionen Reichsmark für kulturell« Zwecke ausgegeben. 140 Millionen wurden für M< Städtischen Theater und Kulturorchester aufge. wandt, 30 Millionen für sonstige musikalische Zwecke, 20 Millionen für bildende Kunst, Haupt- sachlich für die Museen, und 20 Millionen für Büchereien. Eine Vorstellung von der außer­ordentlichen Anteilnahme des deutschen Volkes am Kulturleben vermittelte die Tatsache, daß von den Städtischen Bühnen des Reiches im Jahre 1941 35 Millionen Theaterkarten verkauft wurden.

OieUSA. legen ihre Hand aufGuayana.

N e u y o r k, 25. Nov. (DNB. Funkspruch.) Amt­lich wurde in Washington bekanntgegeben, daß die U8A.-Regierung ein Truppenkontingent nach Holländisch-Guayana schicken werde, um die dortigen Bauxitbergwerke zu »schützen", die für die U8A.-Aluminiuminbustrie von großer Bedeutung seien. Nach amtlichen Erklärun­gen lieferten die Bauxitwerke von Surinam mehr als 6 0 v. H. der notwendigen Rohswffe für die amerikanische Aluminiumindustrie.

Auf ihren imperialistischen Raubzügen haben die USA. also nun auch niederländisches Kolonialgebiet an sich gerissen. Der neue koloniale Diebstahl der Vereinigten Staaten wird auch dadurch nicht legali­

siert, daß, wie Has Weiße Haus mitteilt, holländische Emigranten, die sich anmaßendRegierung" nen­nen, ihre Zustimmung dazu gegeben hätten. Die Mitteilung des Weißen Hauses bildet die Haupt­sensation der Neuyorker Abendpresse. Die interven­tionistischeNew Port Post" schreibt, die USA.- Aktion oezwecke nicht nur, die Bauxitminen Gua­yanas zu schützen, sondern auch Holländisch-Guayana als Lust- und Marinebasis zu benutzen« New Port Journal American" bringt eine Land« karte von Südamerika, auf der Holländisch-Guayana mit einem großen Sternenbanner überdeckt ist.

Solnetschnogorski genommen.

Der Wehrmachtbericht.

DNB. Aus dem Führerhauptqnartler, 24. November. Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt:

3m mittleren Abschnitt der Ostfront gewann unser Angriff weiter an Boden. Nach erbitterten Kämpfen wurde die Stadt Solnelfchno-

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gorski 50 Kilometer nordwestlich von Moskau durch Panzertruppen genommen. Erfolgreiche Luft­angriffe richteten sich gegen Eifenbahnanlagen im Raum um Moskau. Mehrere Bahnlinien wur­den durch Bombenvolltreffer unterbrochen.

vor Leningrad brachen Ausbruchsversuche des Gegners wieder unter schweren Verlusten zu­sammen. Acht feindliche Panzer, darunter sieben

schwerste, wurden hierbei vernichtet. Schwere Ar­tillerie des Heeres setzte die Bekämpfung kriegswlch- ttger Ziele in Leningrad fort.

An der englischen Südwestküste wurden in der letzten Nacht verschiedene Häfen bombardiert. Bei Angriffsversuchen britischer Jagdfliegerverbände an der K a n a l k ü st e wurden sieben feindliche Flugzeuge abgeschossen.

In Nordafrlka verlief der von den deutsch­italienischen Heeres- und Lufiwaffenverbänden in bewährter waffenbrüderschast geführte Gegenan­griff auch gestern erfolgreich. Zahlreiche weiter« Panzer wurden vernichtet. Die Gefangenen- und Beutezahlen steigen. Die Schlacht südlich Tobruk fotbie Angriffe starker britischer Kräfte gegen die Sollum-Bardia-Frout sind noch im Gange.

Sowjet-Oivision in Weißmeer-Korelien vernichtet.

Helsinki, 24. Nov. (DNB.) Finnische und deut­sche Truppen haben Anfang November mit dem An­griff an einem Frontabschnitt in Weißmeer- Karelien begonnen. Der Angriff, der zur Ein­schließung und Vernichtung der Hauptteile einer feindlichen Division führte, wurde unter schwierigsten Verhältnissen in unbekannten Waldgebieten und auf vereisten Sümpfen geführt, durch die die finnischen Truppen unter starken Kämpfen einen Weg in den Rücken des Feindes bahnten. Die Sowjets verteidig­ten sich in ausgebauten Stellungen bis zum letzten Mann. Oestlich des Einfchließungsrinaes machte der Feind heftige Versuche, um die bolschewistische Ab­teilung aus der Umklammerung zu befreien. Die Verluste des Feindes betragen über 3000 Gefallene und über 1600 (Befangene.

Oie Schlacht in der Marmarica.

Der italienische Bericht.

Rom, 24. Nov. (DNB.) Der italienische Wehr­machtbericht vom Montag hat folgenden Wortlaut:

Auch am gestrigen fünften Tag der großen SchlachtinderMarmarica ging der Kamps zwischen den deutsch-italienischen und den britischen Streitkräften vom Morgen bis zum Abend ohne Unterbrechung weiter. Erbitterte Kämpfe zu Lande und in der Luft finden im Wüstenviereck Tobruk, Bir el Gobi, Sidi Omar und Sollum statt.

Weiteren Ausfallsversuchen aus Tobruk, die der Feind mit starkem Einsatz von Kampfwagen und Panzerfahrzeugen unternahm, stellte sich unsere In­fanterie und Artillerie in engstem Zusammenwirken mit deutschen Verbänden erfolgreich entgegen. Nicht weniger als 50 Kampfwagen und weitere Panzer­fahrzeuge wurden in diesem Abschnitt, in dem der

Feind schwere Verluste an Menschenleben erlitt^ außer Gefecht gesetzt.

Südlich und südöstlich von Tobruk zer­schlugen italienische Divisionen im Verein mit deut­schen Panzereinheiten und im Zusammenwirken mit ßuftftreitfräften der Achse beträchtliche feindliche Panzerverbände, wobei viele Panzer und Kraft­fahrzeuge vernichtet und schwer beschädigt wurden. Es wurden Gefangene gemacht und dem Feind be­trächtliche Verluste zugefügt.

Westlich von Sollum erlitten die britischen Streitkräfte bei den am 22. und 23. gegen deutsche Panzerverbände geführten Kämpfen beträchtliche Verluste. Einige der britischen Verbände wurden stark mitgenommen ober vollständig vernichtet, wie dies bei der 4. Panzerbrigade der Fall war, deren Kommandeur, General Sperling, gefangengenom­men wurde.

Ein großer deutscher Arzt.

Zum 80. Geburtstage von August Bier.

3mmer zu lernen bereit", so könnte man als Leitwort über das Leben und Wirken des großen Chirurgen und deutschen Nationalpreisträgers August B i e r setzen, der am 24. November in ungebrochener Lebenskraft feinen 80. Geburtstag beging. Es ist fein Geheimnis, wie das aller bedeutenden Aerzte, daß er die Natur stets als feinen besten Lehrmeister be­trachtete. So verdankt er feine schon heute unum­strittene Stellung in der Geschichte der Medizin neben "zahlreichen hervorragenden Einzelleistungen vor allem jener glücklichen Vereinigung von ärzt­lichem Wissen und praktischem, ärztlichem Verstand mit der so seltenen Gabe denkender Naturbettach­tung. Er mußte über fein Spezialfach hinaus zu jener Ganzheitsbetrachtung streben, die für die heutige Generation wieder so selbstverständlich zu werden beginnt, wie sie es für Hippokrates und Paracelsus gewesen ist. Daß sich der Chirurg Bier mit Problemen der inneren Medizin, mit der Frage der Abwehrkräfte des Körpers, der Bedeutung des Fiebers und der Entzündung beschäftigte, hat ihm eine spezialistisch orientierte Kollegenschaft oft ver­übelt. Er wehrte solche Angriffe mit seinem sarkasti­schen Humor ab und schenkte der deutschen Heilkunde manchen entscheidenden Fortschritt oder gab Anre­gungen zu wichtigen wissenschaftlichen Forschungen.

Am 24. November 1861 in Helsen in Waldeck ge­boren, bestand er 25jährig zu Kiel das medizinische Staatsexamen und wurde 1889 Assistent an der dortigen Klinik des Professors von Esmarch. Schon damals gelang ihm eine außerordentlich wich­tige Verbesserung der Schmerzbetäubung; er sah die Ausführung einer Lumbalpunktion* durch Quincke. Sofort kam ihm der Gedanke, daß man durch Ein­spritzung eines Betäubungsmittels in den Rücken­markskanal auf eine verhältnismäßig einfache und sichere Art Unempfindlichkeit für bestimmte, opera­tive Eingriffe erreichen könne. Um zu beweisen, daß die Methode auch ungefährlich ist, ließ er zunächst

Rückgratstich.

sich selbst eine solche Einspritzung machen, und konnte durch diesen heroischen Selbstversuch der Chirurgie die Rückenmarksanästhesie schenken, die einfach in ihrer Technik und schnell in ihrer Wir­kung ist.

Bier war auch einer der ersten, die im Fieber und in der Entzündung nicht Krankheitszeichen, son-

(Scherl-Archiv-M.)

bem im Gegenteil Heilmittel der Natur sahen. Er prägte den Begriff des Heilfiebers und der Heil­entzündung und wandte sich entschieden gegen den bis dahin allgemein üblichen Brauch, diese angeb­lichenKrankheiten" in jedem Fall durch Medika­mente und andere Maßnahmen zu bekämpfen. Mit feinem BuchHyperämie als Heilmittel" leitete Bier geradezu eine neue Epoche der Heilkunde ein, in dem er die Heilmethoden der Natur als die Vor­bilder des Arztes wieder in den Mittelpunkt des ärztlichen Denkens stellte. Er hatte die aktive Tätig­keit der feinsten Haargefäße, der Kapillaren, entdeckt, die durch eine selbsttätige Erweiterung das Blut in die zu versorgenden Gewebsteile hineinlocken können. Nun rüttelte er an der alten mechanistischen Lehre des Blutkreislaufs und stellte der passiven Durch­

blutung die aktive gegenüber. Er wagte auch die Behauptung, nicht die Entzündung verursache den Schmerz, sie lindere ihn vielmehr, denn der Schmerz sei die Folge der Infektion und ihrer Giftwirkung auf die Nervenendigungen. Die Entzündung aber habe die Aufgabe, das Gewebe zu entgiften. Aus solchen (Bebanfengängen heraus entstaub bie be­rühmteBierfche Stauung", bei ber eine besondere starke Durchblutung kranker Gewebsteile durch Aufstauung des Venenblutes erzielt wird. Mag die von Bier entwickelte Methode heute auch nicht mehr eine so umfassende praktische Bedeutung haben, so sind seine Ideen dafür um so fruchtbarer gewesen.

Die Wichtigkeit der Freiluftbehandlung zur Stärkung der Erneuerungskräfte des Körpers erkannte dieser vielseitige Arzt ebenfalls schon früh­zeitig. Gründlich, wie in allen feinen Ideen, betrieb er auch die Gründung der Hochschule für Lei­besübungen, die er zur Pflanzstätte einer neuen Auffassung vom gesunden Leden machte, und deren erster Rektor er zehn Jahre lang gewesen ist. Als ein Forscher, ber mit offenen Augen um sich sah, probierte er auch alte Volksheilmittel aus unb stellte sie, wenn sie sich bewährten, ohne wissenschaft­liche Hemmungen in ben Dienst der Behandlung des kranken Menschen. Es gehört zum Bild seiner ärzt­lichen Persönlichkeit, daß er im Jahre 1925 eine Lanze für die Homöopathie brach und schließ­lich auch die Errichtung des ersten homöopathischen Lehrstuhls an ber Berliner Universität burchsetzte. Im Jahre 1937 ehrte ber Führer bie Derbienste Biers um bie Förberung ber Heilkunbe burch Ver­leihung bes Nationalpreises. Se-it seiner Emeritie­rung beschäftigt sich ber immer noch rüstige unb viel­seitig interessierte Mann hauptsächlich mit biologi- schen Problemen, so u. a. mit der Züchtung von Heilpflanzen. Als Forscher stets zielbewußt, blieb er doch immer trotz aller Erfolge ein warm­herziger unb bescheibener Mensch, dessen immer ori­ginelle unb oft kühne Jbeen burch gefunbe Selbst­kritik in bie richtigen Bahnen gelenkt würben. Er soll einmal bei einer Magenoperation, bei ber er ein Magengeschwür entfernen wollte, nach ber Deffnung ber Bauchhöhle plötzlich gesagt haben: Meine Herren, was ich ba eben sagte, war eine

Fehlbiagnose! Das ist kein Geschwür, das sind Gal­lensteine. Ich sage Ihnen das, damit Sie sich auf Ihre Gelehrsamkeit später einmal nicht zuviel ein­bilden!" Dr. Ludwig Kühle.

Auf der Spur

von Stradivaris Geheimnissen.

Zu allen Zeiten hat es Geigenbauer gegeben, die den Geheimnissen des weltberühmten Cremo- nefer Meisters Antonio Stradivari nachsvürten, unb viele von ihnen wollten auch das Wunder des be­törenden Klanges ergründet haben. Das behauptet von sich auch ber 57jährige Forscher unb Instru­mentenbauer Einar Kristiansen aus Naeroset bei Moelv in Südnorwegen. Er hat die alten Stradi- vari-Geigen besonders genau studiert und selbst schon zahlreiche Instrumente gebaut, immer wieder an ihnen herumgefeilt, verbessert, geprobt, gemessen und gehorcht. Unb er will nun in ber Lage sein, bem berühmtesten Schüler Amatis Konkurrenz zu machen. In ber Tai äußern sich bie norwegischen Musikwissenschaftler und -Praktiker überaus aner­kennend über den kräftigen Ton und den echt ita­lienischen Schmelz, der seine Instrumente auszeich­net. Er selbst behauptet, daß sie noch viel besser würden unb tatsächlich ihrem großem Dordilbe gleichkämen, wenn sie erst so gut eingespielt wären, wie die 200jährigen Strodivari-Geigen. Das Ge­heimnis soll auf der harmonischen Abstimmung aller Einzelteile zueinander beruhen, und diese Harmonie soll sich aus einem Naturgesetz mit mathematischer Genauigkeit ableiten lassen. Sehr verheißungsvoll äußert Kristiansen in einem Interview:Wenn ich eines Tags meine Entdeckung preisaebe, bann wer­ben wir auch in unserer heutigen Zeit Sttabivari- (Beigen bauen können, nachbem wir bas Gesetz ber Resonanz ergrünbet haben, aber für jedes Instru­ment muß die ihm eigentümliche richtige Resonanz herausgefunden werden." Dieses System soll sich auch für Bratschen und Cellos anwenden lasten. Alles in allem eine Zukunftsmusik, die lieblich in unseren Ohren klingt. Hoffentlich enttäuscht ber Zauberer von Moelv nicht auch wie alle seine Vor­gänger bie hochgespannten Erwartungen, die man auf ihn setzt.