Aus der Stadt Giehen.
Erinnerungen.
„21 d), alles hier auf Erden muh einst vergessen werden —"
Irgendwo las ich diesen Vers. Ein dummer Vers! Vergessen? Warum vergessen, was man nicht ver- gossen will? Oder ist der Tod gemeint? 9a, dann kann man wohl nichts mehr festhalten. Ader jetzt ist so vieles, daran will ich mich erinnern.
„Die Fähigkeit, fleh erinnern zu können, ist eine allgemeine Eigenschaft der menschlichen Intelligenz." Wie fühl klingt das. es erklärt nicht im geringsten dieses Wunder, unser Erinnerungsvermögen. Warum erinnert sich der Mensch? An was erinnert sich der Mensch? Warum behält er oft nebensächliche Kleinigkeiten, während er Wichtiges vergißt? Man hat festgestellt, daß das Erinnern bis in die frühe- sten Kindheitsjahre zurückgeht. Wie weit, das ist wohl bei den einzelnen Menschen verschieden. Es kommt wohl auch auf die Ereignisse an, die, besonders eindrucksvoll, in dem kindlichen Gedächtnis haften blieben. So erzählt Wilhelm von Kugelgen in seinen „Fugenderinnerungen eines alten Man-
Verdunkelungszeit
26. Januar von 17.66 bis 9.14 Uhr.
27. Januar von 17.58 bis 9.12 Uhr.
nes": „Meine erste deutliche Erinnerung beginnt mit dem läge, an dem ich drei Jahre alt wurde. Als ich am Morgen die Augen aufschlug, strahlten mich drei kleine Wachskerzen an, die auf weiß- gedecktem, mit 9mmergrün garniertem Tische um einen prachtvollen Kuchen standen. Daneben lagen bunte Sachen, unter denen mir eine Arche Noah und besonders ein Bilderbuch erinnerlich ist. Das Entzücken, das ich empfand, mag Ursache der Un- vergeßlichkeit jenes großen Augenblicks gewesen sein."
Ein Bekannter, der überhaupt ein schlechtes Ge- düchtnis für Einzelheiten aus der Vergangenheit hat, erzählte, daß er aus seiner Kinderzeit als einzige deutliche Erinnerung nur den Tod seiner Mutter bewahre, den et mit vier Jahren erleben mußte. Wir alle werden uns so an schmerzliche und beglückende Ereignisse aus unseren Kindertagen erinnern können Oft wird allerdings auch die Phantasie oder Erzählungen der Mutter bet einem Kinde ein Erinnerungsbild formen, das in solcher Schärfe in Wirklichkeit nicht vorhanden wäre. Viele Zunder wünschen sehnlichst, sich der Zeiten erinnern zu können, als sie noch im Wagen gefahren und mit der Flasche ernährt wurden, ein Zustand, der ihnen, zumal wenn unangenehme Schulstunden drohen, einfach paradiesisch vorkommt. Wie oft, so apch hier, ist das Wunschbild ein Trug, denn in nassen Windeln zu liegen und sich noch nicht einmal hochsetzen zu können, wenn man etwas sehen möchte, mun doch gräßlich sein!
Merkwürdig ist, daß man die Gesichter seiner Eltern, als man noch ein Kind war, die man doch täglich um sich sah, nicht wieder in sein Gedächtnis zurückrufen kann. Ueberhaupt wird das Gedächtnis des einzelnen sehr verschieden eindrucksam sein: bei dem einen für Töne oder Worte, bei dem andern für Farben oder Formen oder Gerüche. Oft auch kann ein Erinnerungsbild durch ein Gemälde, einen Geruch, eine Musik wieder ganz stark und gegenwärtig werden: Wenn ich in einem Orchester Instrumente stimmen höre, spüre ich plötzlich wieder das erwartungsvolle Herzklopfen meiner Zugendjahre vor den Wundern einer Opernaufführung, ja, ich rieche auf einmal wieder jenen geheimnisvollen Duft unseres Opernhauses, ein bißchen muffig, ein bißchen nach Menschen und Parfüm, halt jenen nicht zu beschreibenden Theatergeruch! Wenn ich Akazienblüten rieche, brauche ich nur die Augen zu schließen, bann sehe ich Loeamo vor mir, strahlend Im Sonnenschein, davor den blauen See und Madonna bei Sasso hoch oben thronen. 9d) rieche förmlich wieder die ganze bezaubernde Luft jenes Mai- morgens nach unserer Ankunft.
Wenn Augen versagen Magnus-Brillen tragen!
Oie Betreuung der schaffenden Jugend.
Betriebsjugendwaltertagungen im Kreise Wetterau.
9m Laufe der letzten Tage fanden seitens der DAF. Vetriebsjugendwaltertagunoen in Gießen, Butzbach und Friedberg statt. Das Ziel dieser Tagungen ist, den 9ugenbiualtcrn auch während des Krieges das zur Ausübung ihrer Tätigkeit nötige Rüstzeug zu geben, damit die Betreuung der fchaf enden Jugend auch während des Krieges sicher- gestellt ist und weiter gepflegt wird.
Es wurde angeovdnet, In sämtlichen Betrieben allmonatlich einmal Fugend-Apvelle durchzuführen, die jedoch nicht länger als 15 Minuten Zett in An- spruch nehmen sollen. Die Appelle sind nach den hierfür vom 9ugendamt der Deutschen Arbeitsfront herousgegebenen Richtlinien zu gestalten.
Ferner wurde auf die von der 9ugenb einzuhal- tende Arbeitsdisziplin hingewiesen und angeordnet, daß, wo sich Mängel dieser Art zeigen, in Zukunft schärfere Maßnahmen seitens der DAF. ergriffen werden sollen. Es mürbe betont, daß die Jugend im Betrieb ganz besonders während des Krieges
durch Pflichterfüllung am Arbeitsplatz dahin gelangen muß, daß sie den Stolz der Betriebsgemeinschaft darstcllt.
Ferner wurde bekanntgegeben, daß das Fugend- schutzgesetz während des Krieges noch in vollem Umfange besteht, sogar mit Erweiterungen. Die Fugendwalter und -Walterinnen wurden darauf aufmerksam gemacht, daß bei der Beschäftigung von 9ugcnblid)en in stärkstem Maße darauf zu achten ist, daß durch die Arbeit keine körperlichen und seelischen Schäden der jungen Menschen entstehen. Die Aufgabe der Fugendwalter und -Walterinnen In den Betrieben wurde klar herausgestellt. Die Maßnahmen sind immer in kameradschaftlicher 'Weise und mit höchster Verantwortung durchzusüh. reu. Von den Mitarbeitern der DAF. soll die Erziehung der Fugend zur Arbeitsfreude, Arbeits- disziplin und Einordnung in die Betriebsgemein- jchaft erfolgen.
Verdunkelung wichtiger denn je.
Die scharfen Strafmaßnahmen der Polizei und. auch die wachsende Disziplin der Bevölkerung haben die groben Verstöße gegen die Verdunkelungsvor- schriften geringer werden lassen. Trotzdem gibt es noch eine ganze Reihe „Versager", die hier noch einmal in einer kurzen Zusammenfassung gebracht werden sollen, damit jeder selbst einmal nachprüft, ob und wie weit er daran mitschuldig ist, und bann das Scinige dazu beiträgt, die Fehler zu vermeiden.
Zu vielen Beanstandungen geben immer noch Ladengeschäfte und Gaststätten Anlaß. Nach der Ersten Ausführungsbestimmung zum § 29 der Achten Durchführungsverordnung zum Luftschutz- gesetz ist für Lichtschleusen blaues Licht vor- geschrieben. Durch diese Maßnahme soll unbedingt verhindert werden, daß beim Passieren der Schleuse Lichtschein auf die Straße fällt. Aber sowohl bei Ladengeschäften als auch bei Gaststätten kann man die Beobachtung machen, daß die Lichtschleusen zu- ineist den Vorschriften und Qlnforbcrungcn nicht genügen. Mit jedem Käufer bzw. Gast, der die Räuine betritt oder verläßt, fällt greller Lichtschein auf die Straße. Durch derartige Verstöße wird die beste Verdunkelung ganzer Häuserblocks hinfällig.
Geradezu unhaltbare Zustände haben sich bei der Benutzung der Taschenlampen herausgebildet. Trotzdem es jedermann bekannt ist, daß nur Taschenlampen, deren Lichtquelle blau abgeschirmt worden ist, verwendet werden dürfen, sieht man im Straßenverkehr alle Augenblicke schneidend grelles Licht in der Dunkelheit aufblitzen.
Weitere Fehlerquellen, auf die noch viel zu wenig geachtet wird, bilden die Treppenhäu- fe r und Häuser -Rückfronten. Es muh von jedem verlangt werden, baß er sich selbst davon überzeugt, ob die Verdunkelung tatsächlich vorschriftsmäßig ist. Von der eigenen Wohnung aus kann man das nicht beurteilen, sondern man muß sich schon die Mühe machen, vom Hof ober einer sonstigen Stelle aus. die einen guten Ueberblick gestattet, alles gründlich <gu überprüfen. Selbst der
kleinste Lichtsvalt ist gefährlich und kann dem Feind zum Wegweiser werden.
Da wir ständig damit rechnen müssen, daß auch in den frühen Morgenstunden noch FeindeiNflüge stattfinden können, müssen die Verdunkelungszeiten aufs strengste eingehalten werden. 9ild)t umsonst werden in der Tagespresse lausend die genauen Zeiten veröffentlicht, Man kann aber die Beobachtung machen, daß besonders Geschäfts- rtiume schon lange vor Tagwerden entdunkelt werben. Der alte Grundsatz gilt immer noch: Erst Licht aus, bann die Verdunkelung beseitigen.
Da die Polizeibeamten erneut angewiesen worden sind, auf derartige Verstöße besonders zu achten und die Derdunkelungssünder unnachsichtig zur Anzeige zu bringen, liegt es in jedermanns Interesse, sich streng an die Vorschriften zu halten.
Lustschutz — noch stärker aktiviert!
Der Führer, der die außerordentlichen Leistungen des deutschen Luftschutzes wiederholt nachdrück, lid) anerkannte, hat durch den Reichsminister der Luftfahrt und Oberbefehlshaber der Luftwaffe, Reichsmarschall Göring, eine Reihe von Maß- nahmen besohlen, die unverzüglich einer verstärk- ten Schlagkraft des Luftschutzes im gegenwärtigen Ringen dienen sollen. Dieses große Aktivierungs. Programm, dessen Durchführung in den Händen des Staatssekretärs der Luftfahrt und Generalinspekteurs der Luftwaffe, Generalfeldmarschall Milch, liegt, kommt unmittelbar ans der prak- tischen Erfahrung und spricht demzufolge den letz, ten Volksgenossen an. Wissenswerte Einzelheiten über den Aktivierungs.Erlaß bringt bas neueste Heft der „Sirene", der Flttsitrierten Zeitschrift des Reichsluftschutzbundes.
Fn gleichfalls praktisch überzeugender, anschau- licher Weise untersucht der physikalische Mitarbeiter der „Sirene" die Gefahren der Flaksplitter, eine kleine eindringliche Lektion, die sich jeder dienen lassen sollte. Außerdem bringt diese Nummer,^wie immer, die Mitteilungen des Präsidiums sowie Be- richte der ©nippen des Reichsluftschutzbundes.
Und jenes Lied? Zaubert etz nicht wieder den Sommerabend am See vor deine Seele?
„Wenn durchs Herz die alten Lieder ziehn der Burschenherrlichkeit, Eurer, Freunde, denk ich wieder, die Ihr längst gegangen seid."
(Presber.)
Wenn man von ei^m Menschen sagt, er lebe von Erinnerungen, so heißt das, daß er zwar, wie auch die anderen, von Sauerstoff lebt, daß aber der Geist seine Spannkraft aus der Erinnerung schöpft. „Erinnerung ist viel, ist alles, und die hab' ich nun und bleibt mir und kann mir nicht genommen werden." So läßt Fontane die Heldin feines Buches „Frrungen, Wirrungen" sagen. Ja. selbst die traurigen Erinnerungen möchte man nicht missen, denn auch sie können Kraft und Ausdauer im Leben verleihen. E. L. St.
Dornotizen.
Tageskalender für Samstag.
Gloria-Palast (Seltersweg): „Rosen aus Tirol". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Was will Dri- csitte?" — Oberhessischer Kunstverein: 17.30 bis 18.30 Uhr Ausstellung im Foyer des Stadttheaters.
Tageskalender für Sonntag.
Stadttheater: 19 bis 22 Uhr „Die Macht des Schicksals". — Gloria-Palast (Seltersweg): „Rosen aus Tirol". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße) „Was will Brigitte?" — Oberhessischer Kunstverein: 11 bis 13 Uhr Ausstellung im Foyer des Stadttheaters.
Sladllhcater Gießen.
Arn morgigen Sonntag wird als Festoorstellung zum 40. Todestage Verdis (27. Fan.) zum letzten Male die große Oper „Die Macht des Schicksals" wiederholt. Musikalische Leitung Otto Söllner, Spiel- leltung Intendant Hans Matter Klein. Bühnenbild
Karl Löffler. Ehöre und Extra-Singchor: Otto Söll, ner. Tanzleitung: Irmgard Trömel. Äußer Miete.
Dienstag, 28.9an., Erstaufführung „Die unga. rische Hochzeit", Operette von Nico Dostal. 18. Stens. tag°Miete.
Mittwoch, 29. Fan., „Der Ahnenpaß , Schwank von Max Neal und Fr. R. Frank. 17. Mittwoch Mete.
Donnerstag, 30. Fan., Zum Tag der Machtuber, nähme: Festvorstellung „Tiefland", Oper von d'Al. bert. Außer Miete!
Freitag, 31. Fan.: Keine Vorstellung!
Sonntag, 2. Feör.: 4. Morgenveranstaltung ,Das Reich", Dichtungen zum Reichsgedanken. Außer Tltete! Abends: „Die ungarische Hochzeit", Operette von Nico Dostal. Außer Mete!
Ortszeit für den 26. Januar.
Sonnenaufgang 9.18 Uhr, Sonnenuntergang 17.58 Uhr. — Mondaüfgang 8.58 Uhr, Monduntergang 17.23 Uhr.
Ortszeit für den 27. Januar.
Sonnenaufgang 9.16 Uhr, Sonnenuntergang 18 Uhr. — Mondaufgang 8.37 Uhr, Monduntergang 18.31 Uhr. Neumond 13.03 Uhr.
Kein Schulausfall am 30. Januar.
Der Reichserziehungsminister gibt bekannt: Am 30. Fcmuar, dem Tage d^r nationalen Erhebung, fällt der Schulunterricht nicht aus. In einer Schul« feier, die gegebenenfalls auch im Klassenverband ab« gehalten werden kann, ist auf die Bedeutung bei Tages hinzuweisen.
Wer will Marineoffizier werden?
Das Oberkommando der Kriegsmarine stellt zum 1. Mal 1941 Offiziersanwärter für die Verwaltunas« offizierslaufbahn ein. Bewerber hierfür müssen Schüler höyerer oder diesen gleichzuachtender Lehr« anstatten sein und nach dem bisherigen Schuljahrs« beginn zu Ostern 1941 in die 8. Älasse versetzt wer-
Die Front freut sich auch auf deine Duchspende. Am Sonntag wird sie Dein zuständiger pofi» tischer Leiter in Empfang nehmen!
den. Sie können sick) sofort bei der Inspektion des Bildungswesens der Marine, Annahmestelle, in Kiel melden. Sofern sie von der Fnspektlon des Bildungswesens der Marine angenommen sind und rhre zuständige Schulbehörde Führung und Leistung als ausreichend anerkennt, erhalten sie nach ihrer Einstellung das Reifezeugnis. Auskunft erteilen die Marineoffiziere bei den zuständigen Wehrbezirkskommandos. Vordrucke für die Anmeldung überfen« bet die Inspektion des Bildungswesens der Marine. Annahmestelle, Kiel, die auch zu weitergehenden Auskünften bereit ist.
Gippenstunden durch KdF.
. Die NS-Gemsinschaft „Kraft durch Freude" führt auf Anregung des Leiters des Reichsbundes Deut« scher Familien, Gauhauptstellenleiter Pg. Hand« werk, zusammen mit der NS.-Frauenschaft und dem Reichsbund Deutscher Familien im Abstand von 4 bis 6 Wochen sog. Sippenstunden durch. Sinn und Zweck ble'fer Veranstaltungen ist es, den , Müttern gutes deutsches Erzählgut zu vermitteln. Die erste Veranstaltung dieser Art findet am morgigen Sonntag in Gießen unter Mitwirkung von Fräulein Prasser und Pg. R ü f s e r (Lesungen), einem Trio und einem Chor der NS.-Frauenschaft statt.
Das Hüttern der Singvögel.
Durch die übliche Winterfütterung soll den Sing« vögeln nicht jede Nahrungssorge abgenommen werden. Es liegt aber im Fnteresse der Gartenbesitzer, daß unsere gefieberten Sänger bei hohem Schnee nicht durch Hunger zugrunde gehen. Man füttere
Umwege -es Herzens
Roman von f>. 6. Hansen
Copyright by Prometheus »Verlag Dr. Eich ade tr • Gröbcnxelt
8. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
„Sie sind verhaftet, Korn."
Der Staatsanwalt ging voran.
Bruchhausen gestattete dem Gefangenen noch einen kurzen Abschied von Frau und Äinbern. Dann nahm er Ihn am Arm. ,Lommen Sie, die Zelt drängt."
Der kleine Trupp schritt die Dorfstraße hinunter. Boran gingen der Staatsanwalt und der Kriminal- rat Hinter ihnen folgten zwei Polizeibeamte mit Korn in der Mitte. Den Schluß bildete ein dritter Beamter in Uniform.
Als sie in dem kleinen Saale des Gasthauses eintrafen, befanden sich dort schon die Teilnehmer zweier anderer Haussuchungen und berichteten, daß ihre Mühe vergeblich gewesen sei.
„Wir bleiben hier, bis alle Meldungen eingegangen sind", entschied Doktor Fecht. „Und jetzt wollen wir einmal den Verhafteten vernehmen."
Der Wirt stellte sein Wohnzimmer zur Verfügung, in dem Fecht, Bruchhausen, der Protokollführer des Staatsanwalts und ein Kriminalbeamter Platz nahmen. Der (Befangene saß in der Mitte des Raumes.
Nachdem die Personalien festgesteUt waren, aus denen bervorging, daß Gustav Korn vierundfunfzig Fahre alt, verheiratet und Vater von sechs Kindern war, leitete der Staatsanwalt die Vernehmung ein.
„Do waren Sie gestern nacht zwischen vier und sechs Uhr?"
„Fch bin um fünf aufgeftanben und habe mich angezogen. Dann habe ich Im Stall die Kuh gefüttert und gemolken."
„Dann haben Sie den Stall wieder verlaßen?"
„Mit der Kuh war Ich um sechs Uhr fertig. Dann tarnen die Kaninchen, die Schweine und die Hühner an die Reihe."
„Haben Sie dafür einen Zeugen?"
„Nein, wo sollte der denn Herkommen?"
„Schlafen Sie mit Fhrer Frau in einem Zimmer?"
„9a. Aber sie merkt nichts davon, wenn ich aufstehe."
„Also hat 9hre Frau auch heute früh nichts gemerkt, daß Sie bis fünf Uhr geschlafen haben und bann aufgeftanben sind?"
„Nein."
„Wann find 9hre Frau und Fhre Kinder auf« gestanden?^
„So gegen sieben. Sonntags schläft meine Frau immer ein bißchen länger als in der Woche."
„Waren Sie beim Aufftehen 9hrer Frau mit allen Arbeiten In den Ställen fertig?"
„Nein, noch nicht. Die Hühner hatte ich ja schon herausgelassen und den Schweinestall remgemacht. zlber das Schweinefutter kocht meine Frau selbst, und für die Kaninchen mußte ich noch Grünsutter schneiden."
„Woher haben Sie das Gewehr?"
„Das ist nod) aus dem Kriege."
„9m Kriege hatte man doch nicht solche Waffen. Der Karabiner ist umgearbeitet."
„9a, vor ein paar 9ahren habe ich ihn umarbeiten lasten."
„Wer hat das gemacht?"
„Ein Waffenschmied in Berlin. Er ist jetzt tot."
„Wozu brauchten Sie das Gewehr?"
„Fch habe früher mal gewildert."
„Wann haben Sie es zuletzt in der Hand gehabt?"
„Das ist schon lange her. Vielleicht vor zwei ober drei Fahren."
„Der Zustand der Waffe ist aber so einwandfrei, daß das sicher nicht zutrifft."
„Das Gewehr ist eben gut eingefetfet und lag sicher vor Feuchtigkeit."
„Die Untersuchung durch beit Sachverständigen wird bas ergeben *
„Fd) habe noch niemand erschossen, am allerwenigsten heute morgen den Herrn Kühlitz. Fch nicht. Wer weiß, wer dos getan hat" Korn brachte das seelenruhig hervor, lieber den Verlust der Waffe und die Folgen dieser Entdeckung hatte er sich schon getröstet. Und er glaubte nicht Im geringsten daran, daß ihm tatsächlich wegen Mordes Gefahr drohe.
Der Staatsanwalt unterhielt sich leise mit dem Kriminalrat und wandte sich dann an den Polizei
beamten. „Bringen Sie Korn in den Saal und lassen Sie den Ortsbauernführer holen."
Als die beiden das Zimmer verlassen batten, meinte Bruchhausen: „Fch kann mir nicht helfen, Herr Staatsanwalt, der Mann hat anscheinend ein sauberes Gewissen. Wenn er wirklich den Mord begangen hätte, würde er jetzt nicht so ruhig sein."
„Fch hatte schon Fälle erstaunlicher Selbstbeherrschung bei Mördern. Der Augenschein trügt."
„Möglich."
Minuten vergingen. Dann kam der Beamte mit dem Ortsbauernführer herein.
„Hier ist Herr Rahl, Erbhofbauer und Orts- bauemführer."
Fecht und Bruchhausen nannten ihre Namen.
„Herr Rahl, ich habe eine Bitte qn Sie. Don dem Mord wissen Sie zweifellos. Bei der Haus- fudiung im Gehöft Korns fanden mir eine Waffe, wie sie beim Mord gebraucht wurde. Nach dem Urteil des Sachverständigen stammt die Kugel, mit der Herr Kühlitz erschossen wurde, aus einem solchen Gewehr. Doktor Fecht wiederholte die Angaben des Verdächtigen über dessen Arbeit in der Zeit von fünf bis sieben Uhr morgens. „Bitte, suchen Sie das Anwesen auf und beurteilen Sie, welche Zeit man zur Durchführung der eben genannten Arbeiten braucht. Der Frau und den Kindern bitte ich nichts von dem Zweck 9brcß Besuches zu sagen. Fch werde Fhnen einen Beamten mitgeben."
Der Erbhofbauer machte sich sofort auf den Weg. Fnzwlschen ließen sich Fecht und Bruchhausen von den übrigen eingetroffenen Haussuchungskommissionen erklären, daß nirgends etwas Verdächtiges gefunden worden war.
Eine halbe Stunde nach feinem Weggehen kam der Ortsbauernführer zurück. Sein Bericht war knavp und klar. „Das Besorgen der Kuh nimmt fünfundzwanzig bis dreißig Minuten Zeit In Anspruch. Das Hühnerherauslassen bedarf überhaupt keiner Zeit, well nur die Klappe zum Stall hochgezogen werden muß. Den Schwcinestall kann man gemütlich in zehn Minuten relnmachen. Hochgeschätzt bat also Korn für alles, was er getan hat, einschließlich des Ankleidens eine Stunde und zehn Minuten gebraucht. Er ist hier auf dem Gut als flotter Arbeiter bekannt, so daß ich Ihm normaler» weise bestens funfundfünfzlg bis sechzig Mimtten
Zeit für die Erledigung geben würde. Fch würde mich verpflichten, in drei viertel Stunden fertig zu fein, wenn Ich flott zupacke."
„Fch danke Fhnen, Herr Rahl." Der Staatsanwalt schüttelte ihm die Hand. „Und nun bringen Sie mir mal Korn wieder herein", wandte er sich an den Gendarmen.
Als der Verhaftete Platz genommen hatte, er» klärte Doktor Fecht ihm fachlich: „Lügen haben kurze Beine, Korn. Nach dem Gutachten des Orts- bauernführers, der bei Fhnen zu Hause sich alles angesehen hat, brauchten Sie für Fhre Morgen» arbeit in den Ställen bestenfalls eine Stunde und zehn Minuten, bei flotter Arbeit sogar nur' fünf» unvlerzig bis fünfzig Minuten. Wo also hoben Ei» die übrige Stunde verbracht?"
Korn ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. ,Lch habe doch keinen Akkord arbeiten müssen. Da ich Zeit hatte, habe ich gemütlich gearbeitet Ein paarmal habe ich mir zwischendurch die Pfeife gestopft und bann auch mal nach dem Wetter gesehen."
„Also steht eines fest, daß Sie, vorausgesetzt, daß Fhre Zeitangabe bezüglich des Aufstehens überhaupt wahr ist, über wenigstens eine Stunde, zwischen fünf und sechs Uhr heute früh, keine Rechenschaft ablegen können. Der Mord ist vor sechs Ubc erfolgt, vielleicht zwischen vier und fünf, vielleicht zwischen fünf und sechs Uhr. Sie haben Zeit genug gehabt, den Schuß anzubringen. Die Tatstelle liegt nur knapp zwei Kilometer von Fhrem Hause entfernt, für einen rüstigen Fußgänger ein Weg von sechzehn bis achtzehn Minuten, bleiben fünfundzwanzig Minuten für die Tat"
Fetzt wurde Korn zum erstenmal aufgeregt „Daist nicht wahr, ich habe keinen Mord begangen. 94 war ja gar nicht dort im Revier. Fch habe nur nach ein paar Hasenschlingen gesehen, die ich gelegt hatte.
„Aha." Doktor Fecht fixierte ihn scharf. „Warum haben Sie uns denn belogen?"
„Weil ich nicht zugeben wollte, daß ich Schlinge» gelegt hatte."
„Sie sind verhaftet und werden nach Berlin ini Untersuchungsgefängnis übergeführt"
Dann ging alles in hastender Elle. Korn wurde« Handfesieln angelegt, und eine Viertelstunde später befanden sich die Berliner Beamten auf dem Rückwege.
(Fortsetzung folgt)


