Ur. 46 Zweites Blatt
Aus der Stadt Gießen.
Einkehr beim Gärtner.
Nirgends fühlt man das Auserstehen der Erde und das unaufhaltsame Nahen des Frühlings zuversichtlicher als zwischen den vielerlei Kulturen eines Gärtners. Zwar liegen noch die meisten Ländereien winterlich verödet, fahl und abgestorben aber die Laubhaufen, die Torfballen, die Sandhüael und der dampfende Stalldung bei den Mistbeeten □erraten, daß das große Erwachen der Natur begonnen hat und die emsigen Arbeiten mit Sämereien und frühen Stecklingen im Gange sind.
Da leuchtet auch schon in froher Farbenbuntheit •in langes, feldgroßes Landstück voll blühender Stiefmütterchen! Erstaunlich ist das zähe Leben der kleinen Blätterbüschel, die mit etwas Tannengrün gedeckt den Schnee über sich kaum anders empfanden wie ein festgefügtes, sturmsicheres Dach und nun
Verdunkelungszeit
24. Februar von 18.51 bis 8.21 Uhr.
r.|t treibenden Stengeln und Knospen jedem Son- lenstrahl vertrauen und ihre anmutigen Blüten- zesichter zu holden Grüßen öffnen.
Dagegen stehen die Primelstöcke noch in den Glashäusern. In reichem und üppigem Blätterkleid und Hit vollen Dolden auf schlanken Stengeln sind die |)® zarten Pastellfarben weiß und blau, hell- und )unfelrot prangenden Schwestern den goldgelben Wildlingen in Wiesen und Waldlichtungen voraus. Sie erfreuen das Herz jedes Zimmerblumenfreundes, >er mit ihnen seine Fensterborde und Blumentische schmückt. Als Frohboten des sehnlichst erwarteten Frühlings bringen sie mit ihren lichten Blüten Helles Lntzücken in jede Wohnung. Wieviel Freude kann •in zierlicher Primelstock in ein Arbeitszimmer ragen, wieviel stilles Glück in eine einsame Kammer, wieviel hoffnungsvolle Zuversicht und wieviel ,euen Lebensmut in eine Krankenstube! Es gibt seine dankbarere Zimmerblume in diesen Borfrüh- lingstagen als die kleine Primel, die immer neue 3lütenftengel aus ihrem Blätterbusch treibt und un- irschöpflich scheint im verschwenderischen Geben, oenn sie nur mit etwas Liebe betreut wird und hin- - eichend Licht und regelmäßige Wasserspenden , mpfängt.
Wie mit ihnen so ist der Gärtner mit all seinen Arbeiten immer der Jahreszeit um Wochen, ja Monate voraus. Da hat er ein flaches Kästchen vor Id) auf dem Tisch stehen. Es ist nicht größer als ein Schachbrett und mit einem Gemisch aus Erde inb Sand bis Fingerbreite vorn Rand entfernt auf- jefüUt. In dieses Kästchen setzt er winzige Pflänzchen kaum so lang wie ein Fingerglied. Damit sie 'chön in Reih und Glied kommen, zieht er sich mit einem griffelartig zugespitzten Hölzchen Rillen. Die ; arten Gewächse mit den fadendünnen Stengeln und itnfenfleinen Blättchen faßt er mit einer hölzernen ■ Pinzette an. Es ist eine Geduldarbeit, die behutsam inb zärtlich geschehen muß, eine Mutter kann mit ihrem Säugling nicht liebevoller umgehen. Aber sie »erben rasch groß, und was heute ein paar Hände ubeaen können, wird im Sommer mehrere Tische mit stattlichen Stöcken füllen.
Wenn aber schon der Sommerflor zu werden beginnt, muß der Frühling unterwegs sein. P. B.
I Ortszeit für den 25. Februar.
Sonnenaufgang 8.23 Uhr, Sonnenuntergang 18.55 Ihr. — Mondaufgang 8.40 Uhr, Monduntergang 8.32 Uhr.
Umwege -es Herzens
Roman von h.G. Hansen
•Copyright by Prometheus «Verlag Dr. Eich acker . Gröbenzell
B Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Als das Gericht sich zurückzog, standen auch die Zuschauer auf. Erregte Fragen und Antworten imrchschwirrten den Saal. Die allgenfeine Sympa- Öie galt dem Angeklagten, der gesenkten Kopfes inzwischen von einem Beamten abgesührt worden ■ar.
Im Flur trafen sich die Anwälte mit den Ans-Hörigen ihres Klienten.
„Wie sind die Aussichten, Herr Justizrat.
„Ausgezeichnet, gnädige Frau. Wir glauben bestimmt, daß ein Freispruch erzielt wird."
„Es muß feim Sonst kriege ich meinen Schwiegersohn nicht wieder auf die Beine."
„Wir tun unser Bestes, gnädige Frau."
Unter den Zuhörern hatten sich auch die Mit- c ieder des Vertrauensrates der Koßrnannschen Fabrik befunden. Sie waren von der Gefolgschaft beauftragt worden, der Verhandlung beizuwohnen. Arbeiter und Angestellte hatten voller Schreck ver- onmen, daß ihr verehrter und geachteter Chef berichtige, den Betrieb in fremde Hände übergehen zu Kissen. Es hatte fast einen Aufruhr gegeben als dies bekannt wurde. In einer Betriebsversammlung mußte Iustizrat Hirte berichten, welche Beweg- • 0”ünbe feinen Klienten zu diesem Entschluß gebracht hatten. Er vergaß nicht hinzuzufügen, daß alle Siche- r-ngen getroffen seien, um jede Schädigung oder : Entlassung von Gefolgschaftsmitgliedern zu verhM- II knt ,
Das wirkte aber nicht beruhigend, sondern noch I n°ehr aufregend. Es war den Leuten nur ein neuer rsweis für ihren Glauben an Koßmann. Nachdem ! ochen hindurch unter der ganzen Gefolgschaft die g'wßte Erregung geherrscht hatte, wobei sich nicht ein einziges verletzendes Wort gegen den Chef be- terfbar machte, weil alle auf feiner Seite standen ui:b für feine Tat nicht nur Verständnis, sondern [(gar Begeisterung aufbrachten, wurde der Der- ttnuensrat beauftragt, der Verhandlung beizuwoh- Km und abends in einer neuen Belegschaftsver- Icmmlung Bericht zu erstatten.
Man hatte zu diesem Zweck die größte Maschinen- ^llle des Merkes zurechtgemacht und ließ eme Schicht ausfallen. An Hand eines (Stenogramms, bts die Sekretärin Koßmanns während her -üer hcmdlung ausgenommen hatte, wurden Die wichtigem Phasen vor den dreitausend Männern und 5'auen der Fabrik genau bargelegt. Dann sprach b«r Vorsitzende des Vertrauensrates.
„Kameraden und Kameradinnen! Ganz gleich, wie morgen das Urteil ausfallen wird, wir alle hallen
Sichenn Anzeiger <SeneraI-NnzeIg« fflr Aderheffen)Montag, 2g.ZebrmrMI
Gießener Woche für Kunst und Literatur.
Morgenveranstaltung im Stadttheater.
Der letzte Tag der Gießener Kunstwoche wurde mit der 7. Morgenveranstaltung im Stadttheater begonnen. Statt der ursprünglich geplanten Aufführung der „Stummen Schönheit^ von Johans Elias Schlegel horten wir eine Folge „M und- artlicher Humor vom Rhein, Main und N e ck a r", die sich dem Gesamtthema der Woche aufs glücklichste einfügte. Zu Beginn der Morgenfeier hielt Kreisleiter Pg. B a ck h a u s eine Ansprache, in der er etwa folgendes ausführte:
Der Pg. Dr. Henning habe in der Feierstunde am Freitag allen, die am Gelingen der Gießener Woche für Kunst und Literatur mitgewirkt haben, den verdienten Dank ausgesprochen. Er, Kreisleiter Backhaus, wolle ergänzend betonen, daß Dr. Henning den Gedanken der Kunstwoche angeregt und verwirklicht habe, wofür ihm der Dank aller Besucher gebühre. In seinem Geleitwort zur Kunstwoche, so fuhr der Kreisleiter fort, habe er dargelegt, daß die Kultur im Dritten Reiche Ausdruck unserer Weltanschauung sein müsse. Es müsse gefordert werden, daß sich in der Kunst die Auffassung des gesamten Volkes spiegele, daß sie der Ausdruck des Geistes unseres Volkes fei. Von der Kultur der letzten Jahrzehnte müsse manches abgelehnt werden. Im.Kunstwerk müsse die Seele des Volkes zu erkennen sein. Es fei daraus hinzuweisen, daß das maßgebende Kunstschafsen bei uns nicht auf fremde Einflüsse zurückzuführen fei. Aus dem ungeheuren Spannungsverhältnis zwischen dem germanischen Geiste und der Fremdlehre vom Mittelmeer habe sich die deutsche Kunst gestaltet. Die nationalsozialistische Weltanschauung habe in den vergangenen Jahren Millionen von Kräften nicht nur wirtschaftlicher, sondern auch kultureller Art ausgelöft, weil der Nationalsozialismus am besten dem Wesen des deutschen Volkes Rechnung trage. Deshalb dürfen wir die Hoffnung hegen, daß die deutsche Kunst, wenn der Krieg vorüber fei, einen gewaltigen Aufschwung nehmen werde. Auch wir in Gießen bemühen uns, der deutschen Kunst den Weg zu bereiten, und wir können glücklich sein, an dem großartigen Auftrieb, den die deutsche Kunst erhalten habe, zu unferm Telle mitgeholfen zu haben.
Nach der mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Ansprache des Kreisleiters gab Herr Dr. Schnei- der-Facius, der die Leitung der Morgenfeier hatte, zunächst eine kurze Einführung in die Vortragsfolge. Anknüpfend an ein Wort des Aesthetikers Friedrich Theodor Vischer zum Lobe der Mundart betonte er, daß das Programm keinem literarischen Ehrgeiz biene; es solltey charakteristische Proben echten Humors aus unferm rhein- mainifchen Raume geboten werben, und zwar von Sprechern, die in der Landschaft, weicht jeweils zu Worte fouime, selbst beheimatet seien.
Den Reigen eröffnete Herr Seitz auf owwer- hessisch, und die immer wieder gern gehörten Schwänke „Ds Eichhirnche" von Peter Fuchs und „Die Sveakschwoart" und „Prost die Muolzeit" von Peter Geibel erheiterten das Gemüt der Hörer mit bodenständig-heimatlichem Klang. Anneliese Garbe, von der „Starzion Dammstadt", las drei heitere Stückchen von Robert Schneider. Dann kam Herr Lowitz uff Meenzerisch; „Laß ds Rullo geh", ein Gedicht, das sogar schon in den Schullesebüchern seinen Platz gesunden hat, ist eine Kostbarkeit einheimischen Humors und eine wahrhaft dem Volksleben abgelauschte Szene von unwiderstehlicher Situationskomik. Herr Dr. S ch.n eider-Facius, der auch die verbindenden Worte sprach und die verschiedenen Mundarten in ihrer Eigenart kurz
charakterisierte, las drei hübsche, trocken pointierte Scherze aus Worms, während Herr Geiger, wie schon neulich im „Ferienkind", das „Pcllzische" repräsentierte; besonders die ergötzliche Geschichte von der babylonischen „Sprochverwerrung" gewährte einen tiefen Einblick in psychologische und sprachgeschichtliche Zusammenhänge. Anni As s i o n , von Herrn 21 p e 11 am Flügel begleitet, sang mit vortrefflichem Ausdruck drei luftige Lieder, die sich der Vortragsfolge sinnvoll einfügten: Lumpenlied von Ottmar Gerster, „Hat's gesagt — bleibt's nicht Dabei" von Max Lang und „Ich hab' in Penna einen Liebsten wohnen" von Hugo Wolf. Den heileren Beschluß machte Herr 23 o (cf mit Gedichten von Friedrich Stoltze, dem trotz Goethe volkstümlichsten Frankfurter Dichter, auf frankforterisch: „Der Kampf mit dem Drachen", „Parre Kännche" und die Geschichte vom Jonas im Walfischbauch sind Glanzstücke der Frankfurter Mundartdichtung, die von Herrn Volck mit Meisterschaft zum Vortrag gebracht wurden; so wurden die Hörer, die mit vielem Beifall dankten, in angeregter Stimmung entlassen.
Frohe Stunden bei Wilhelm Busch.
Eine überaus zahlreiche Gemeinde war am Sonntagnachmittag im Klub versammelt, um die Kunstwoche mit frohen Stunden bei Wilhelm B u s ch zu beschließen. Der Vereinsleiter des Goethe- Bundes, Dr. Henning, hieß zu Beginn die mitwirkenden Gäste, Ilse M e u ö t n e r , Solotänzerin an der Berliner Staatsoper, und den hier bereits bekannten Vortragsmeister Emil Kühne willkommen. Herr Kühne eröffnete das Programm mit Vorträgen aus der heiteren Philosophie Wilhelm Buschs; wohlpointiert und übrigens ganz frei sprechend, ergötzte er alle Welt mit den Geschichten vom Vogel, der Humor hat, vom Bauern hn Zoo. von der Höflichkeit und der Selbstkritik, von dem Fuchs im Hühnerstalle bei einem namens Jochen Dralle (mit tiefsinniger Moral oder Nutzanwendung) und von Onkel Kaspers roter Nase.
Der Ortsoerein Gießen der Deutschen (Steno- araphenschaft hielt am Samstag in der „Stadt Lich" seine diesjährige Jahreshauptversammlung ab, zu der der Ortsvereinssührer Werner neben den Schriftfreunden auch den Senior, Ehrenmitglied Re-, gierungsbaurat von L e m m e r s - Danforth, den Kreisverbandsführer K. H. Kuhl und den Kreis- verbandsrechner Ludwig G r a v e l i u s begrüßen konnte. Der Ortsvereinsführer erinnerte an die Heldentaten der Wehrmacht und ehrte zugleich mit den Gefallenen die im letzten Jahr verstorbenen Mitglieder. Sein besonderer Gruß galt den Schrift- freunden im Felde, unter denen sich eine große Anzahl befindet, die zum zweiten Male den feldgrauen Ehrenrock tragen.
Ortsvereinsführer Werner, der zugleich erster Schriftführer ist, erstattete sodann den Jahresbericht. In drei Unterrichtsperioden im Jahre 1940 wurden in 16 Lehrgängen und 9 Uebungsgemeinschaften insgesamt 544 Teilnehmer aus- bzw. fortgebildet. Die Anzahl der Anfänger war mit rund 200 verhältnismäßig groß. An vier Lehrgängen in Maschineschreiben nahmen 91 Mitglieder teil. Die Uebungsgemeinschaften wiesen 125 Teilnehmer auf. Der Oeffentlichen Handelslehranstalt, die die Unterrichtsräume zur Verfügung gestellt hatte, und den Unterrichtsleitern wurde besonderer Dank gesagt. An dem Gauverbandsleistungsschretben in Gießen beteiligten sich die Kurzschriftler der Vereine
Ilse M e u b t n e r begann mit dem graziösen Rondo „Der leichtsinnige Engel" von Mozart, bann folgte „Das Männlein im Walde", nach der bekannten Kindermelodie, ein auch in der Begleitung (am Flügel: Jan Koetsier) recht wandlungsfähiges Thema, das die bühnenmäßig geschulte, ausgeprägt komische Begabung der Tänzerin erkennen ließ
Den zweiten Teil bestritt Herr Kühne mit Plaudereien über das schöne und unerschöpfliche Kapitel Liebe, wozu Wilhelm Busch bekanntlich viel zu sagen hatte. „Vater werden ..." ist eines der berühmtesten Worte in diesem Zusammenhang, aber auch die Verlobung und die Junggesellen, die Fliege am Honig, das Haar in der Suppe und die Knaben Franz und Ferdinand, die beide dasselbe Kätchen liebten, waren nicht vergessen. Ilse Meudtner erntete einen Beifallssturm mit dem hier schon aus dem Film bekannten Tanz „Am Abend auf der Heide", der alsbald wiederholt werden mußte.
Nach der Pause sprach Herr Kühne einige hübsche Kleinigkeiten aus Eugen Roths erquicklichem Gedichtbuche „Ein Mensch": reizende kleine Sächelchen, vom 60. Geburtstag und vom groben Brief, von der Beerdigung am Samstagnachmittag und vom technischen Fortschritt. Sie fanden nicht minder starken Anklang als Ilse Meudtners drei Zirkustänze „Seiltänzerin", „Dompteuse" und „Clown", von denen der erste bewegungsmäßig, der letzte pantomimisch am ergiebigsten waren. — Im dritten Teil vereinigten sich Tänzerin und Rezitator zu einem Busch-Duett. Herr Kühne begann mit „Mamsell Schmäle", Dietchen Klingebiels „Ständchen" und ein paar Späßen aus „Eduards Traum" und sprach dann verbindend die berühmten Texte zu den Tänzen „Witwe Bolte" und „Die fromme Helene", in denen sich die komisch-pantomimische Begabung Ilse Meudtners am unmittelbarsten entfalten konnte: die Witwe mit den toten Hühnern, Helette im kurzen Röckchen, dann im Grünen, „das so ausgeschnitten", zuletzt mit der Pulle im Arm wirkten wie aus den Bilderbüchern genommen und in ein groteskes' Bewegungsspiel übersetzt. Tänzerin und Rezitator wurden mit Beifall überschüttet; Zugaben, Blumen, Autogramme waren überdies die Zeichen eines großen Erfolges. Hans Thyriot.
Gießen, Wetzlar, Grünberg und Butzbach. In Gießen wurden 44 Preise erzielt, davon 31 im Schnell- und 13 im Schönschreiben. Im Schnellschreiben mürben 3 Ehrenpreise für sehr gute Leistungen (in 60, 80 und 180 Silben) zuerkannt. Bei der Handels- famerprüfung erzielte Hilde Henning (Heuchelheim) die Note „sehr gut", Herta Bree (Gießen) die Note „gut" in der Geschwindigkeit von 180 Silben, die Prüfung in 150 Silben bestand Gertrud Ziegler (Gießen). Mit den Mitgliedern im Felde wurde enge Verbindung aufrechtorhalten. Der Führerrat setzt sich zusammen aus: Ortsvereinsführer und 1. Schriftführer Hans Werner, dem stellvertt. Ortsvereinssührer A. Merle, Kassenwart August Siebert, der für den einberufenen Karl Heß eingesprungen ist, Kassierer Wilh. Werner, Dem Obmann für Kurzschrift Ad. Kling, dem Wett- schreibeobmann 2lug. Siebert, deren Stellvertreter und den Bücherwarten. Allen Mitarbeitern wurde für die bereitwillige Mitarbeit herzlicher Dank gesagt. Anfangs 1940 erhielt das langjährige Mitglied Fidel Balken für besondere Verdienste um die Kurzschrift von der Rekchsbundesführung die goldene Ehrennadel der Deutschen Stenografenschaft. Im Jahresbericht wurde auch auf Den Neubau der deutschen Kurzschristpflege hingewiesen.
Kassenwart August Siebert erstattete den Kassenbericht, der geordnete wirtschaftliche Verhältnisse auswies. Kreisoerbandsführer Kuhl erteilte dem
Mreslaaung der Deutschen Stenographenschaü.
unseren Herrn Koßmann für unschuldig. Er wird niemals imstande sein, ein Verbrechen zu begehen. Uns war er stets der gerechteste und gütigste Vorgesetzte. Ich brauche nicht erst daran zu erinnern, welche Weihnachtstzihilfe er uns gibt, daß wir längeren Urlaub bekommen, als der Tarif es vorschreibt, daß er bei Krankheitsfällen, Todesfällen, Heiraten und Geburten immer eine offene Hand gezeigt hat. Jeder von uns hat schon selbst gespürt, daß er bei Herrn Koßmann Rat und Hilfe findet, wenn er sie braucht. — Und noch eists. Der alte Vater Koßmann und sein Sohn haben die Fabrik gegründet und hochgebracht. Sieben sind unter uns, die dreißig Jahre im Werk sind. Einundzwanzig sind ein Dierteljahrhundert hier, fast dreihundert mehr als zehn Jahre. Daß diese und viele andere während der schlimmen Jahre der Arbeitslosigkeit Brot fanden, haben sie in erster Linie Herrn Koßmann zu danken. Jetzt ist es an uns, ihm die Treue zu zeigen, die wir für ihn haben, weil er sie stets für uns hatte. Wir werden Herrn Koßmann bitten, daß er bei uns bleibt und uns weiter ein guter Chef fein wird. Wenn er auch nicht, was manche wohl lieber sehen würden, zu Scherz und Frohsinn aufgelegt ist, wenn er auch für den Geschmack von vielen zu ernst ist, ein Herz hat er immer gezeigt. Jetzt wissen wir auch, was ihn bedrückt hat. Wir wollen ihm helfen, wieder froher zu werden. Und wir wollen ihm sagen, daß wir unter keinem anderen arbeiten wollen. Hannes Koßmann war unser Betriebsführer und soll es immer sein, bis einer feiner Jungen einmal an seinem Platze stehen kann.
Ich verlese jetzt einen Bries, den Herr Justizrat Hirte unserem Chef morgen nach der Versammlung von uns geben soll. Am Eingang liegen Listen, in die ihr alle eure Namen als Unterschrift zu dem Briefe eintragen könnt.
.Hochverehrter Herr Koßmann!
Dreitausend Männer und Frauen, Ihre ganze Gefolgschaft, bitten Sie inständig, weiter der geliebte und geachtete Bettiebsführer in den Koß- mann-Werken zu bleiben. Wir - haben zu keinem andern Menschen das Zutrauen wie zu Ihnen und glauben nicht, daß irgend jemand anders uns und die Fabrik so gut führen wird wie (Sie. Wir sind nicht dazu da, Ihre Taten zu beurteilen. Herr Justizrat Hirte hat uns erklären müssen, warum Sie Ihr und Ihres Vaters Werk verkaufen wollen. Wir können es aber nicht glauben, daß Sie von uns gehen werden. Jeder von uns, ohne eine einzige Ausnahme, wird Sie. wenn Sie wieder unter uns als unser bester Arbeitskamerad weilen, noch mehr durch Pflichterfüllung und Arbeit erfreuen, als es bisher schon der Fall war. Wir hoffen fest darauf, daß Sie uns nickt enttäuschen und im Stich lassen werden Das bestätigen wir durch unsere Unterschrift/"
Tosender Beifall dröhnte durch die Halle, als der
Brief verlesen war. Dann drängten sich alle Arbeitskameraden und -kameradinnen zu den Tischen, auf denen die Listen zum Einzeichnen lagen. Von der ganzen Belegschaft fehlte nicht eine Unterschrift, als eine Stunde später der Verttauensrat die Listen Justizrat Hirte übergab.
Frau d'Oleron wartete mit ihren Kindern auf das Ergebnis der Betriebsversammlung. Als kurz vor Mitternacht der alte Freund ihres Mannes erschien und mit bewegter Stimme Bericht erstattete, hatten alle Tränen in den Augen. Morgen nach dem Urteil würden sie nochmals den Mann bestürmen, der jetzt im Gefängnis war und ihre Bitten mit denen der Belegschaft vereinigen.
Als Erster ergriff am zweiten Verhändlungstag Staatsanwaltschaftsrat Beyer das Wort zu feinem Plädoyer. Er faßte sich ziemlich kurz. Nachdem er einleitend noch einmal auf die Tat und deren Verlauf eingegangen war, wobei er diesem eine andere Deutung gab als der Angeklagte, ging er auf das Strafmaß ein.
„Der Angeklagte gibt selbst zu, daß er gegebenenfalls auch vor einem Verbrechen nicht zurückgeschreckt hätte. Dieses Verbrechen wäre Mord gewesen, weil die Tat mit voller lleberlegung und mit Vorsatz ausgeführt wurde. Davor hat ein gütiges Geschick den 2lngeflagten gerettet. Trotzdem muß dem verletzten Recht Genüge getan werden.
Die Verteidigung hat geschickt versucht, allgemein menschliche Empfindungen in die Waagschale zu werfen. Das darf niemand darüber Hinwegtäuschen, daß kein Mensch das Recht hat, den von Frau und Freund an ihm verübten Betrug selbst zu rächen. Das Gesetz bietet ausreichend Möglichkeiten, die nicht vom Standpunkt der Rache ausgehen. Wenn der Angeklagte erklärte, es gebe ein Gesetz im Blut, das .zum Handeln zwinge und von dem er ein moralisches Recht herleite, so klingt das schön für ein Schauspiel oder für einen Roman, nicht aber als Rechtfertigung vor Gericht. Es ist lediglich geeignet, dem Angeklagten mildernde Umstände zuzubilligen und ihn vor einem Ehrenrechtsverlust zu schützen. Das Vorliegen der Notwehr muß für den Angeklagten verneint werden. Er selbst hat die Situation heraufbeschworen, die ihn angeblich zur Notwehr zwang. Viel eher lag ein Akt der Notwehr bei dem erschossenen Kapellmeister Kühlitz vor. Bei dieser Feststellung darf niemand beeinflussen, daß Kühlitz verwerflich gehandelt hat. Er stand plötzlich, nachdem er bis dahin völlig ahnungslos gewesen war, dem Angeklagten gegenüber, der ihn aufforderte, sich ohne Zeugen zum Zweikampf zu stellen. Kühlitz kannte die sichere Hand seines langjährigen Jagdgenossen. Er wußte, wie sehr der Angeklagte imstande war, sich zu beherrschen. Die Kugel im Laufe der Büchse des Angeklagten konnte ihr.Ziel nicht verfehlen.
21 u' der andern Seite war aber Kühlitz durch die Plötzlichkeit der Entdeckung, durch sein Gewissen
und durch Die Aufregung ob des erzwungenen Zweikampfes aus seiner Ruhe gebracht. Wenn er deshalb, den sicheren Tod vor Augen, zur Waffe griff, um dem Angeklagten zuvorzukommen, so hat er in Notwehr gehandelt. Ich gebe zu, daß viele im Verhalten des Kühlitz ein moralisches Manko sehen. Aber es handelt sich hier nicht darum, wer von den beiden Männern, Koßmann oder Kühlitz, moralisch gesehen der Wertvollere ist, es handelt sich um verletztes Recht, das Sühne verlangt.
Der Angeklagte kam mit dem Willen zur Tötung, ob im Zweikampf oder durch Mord. Er brachte Kühlitz in unmittelbare Todesgefahr, die dem Be- drohten als sicher erscheinen mußte. Also hat Kühlitz selbst zuerst zur Waffe gegriffen. Die beiden Schüsse gingen daneben, denn Die leichte Verletzung des Angeklagten ist ohne Belang. Trotzdem erhob der Angeklagte sein Gewehr und erschoß Kühlitz. Das ist nicht mehr Notwehr, das ist Totschlag.
Ich beantrage gegen den Angeklagten eine Gefängnisstrafe von Drei Jahren und Einziehung der zur Tat benutzten Waffe."
Frau d'Oleron, ihr Sohn und ihre Tochter saßen mit wachsbleichen Gesichtern auf der Zeugenbank. Sie befürchteten, das Gericht werde im Sinne des Antrages beschließen. Koßmann zeigte keinerlei Erregung ober Ueberraschung. Er blieb ohne Veränderung in seiner gewohnten Haltung sitzen.
Von den Anwälten sprach zuerst Doktor Braß. Auf die Beweggründe zur Tat ging er überhaupt nicht ein und beschränkte sich darauf, die 2lrgumen« tation des Staatsanwalts wegen des Nichtvorliegens einer Notwehr zu zerpflücken.
„Bevor ich auf Die juristischen Formulierungen zu sprechen komme, möchte ich zuerst einmal darauf verweisen, daß es ganz ohne Zweifel dem gesunden Volksempfinden widersprechen würde, wenn man den Angeklagten, einen Mann von untadeliger Ehre, verurteilen würde. Niemand in diesem Saal, niemand draußen in Der Stadt oder im Lande würde Verständnis dafür haben, wenn Herr Koßmann für seine Tat ins Gefängnis müßte.
Der Herr Staatsanwalt versucht, den erschossenen Kühlitz als einen Mann hinzustellen, Der sich in Notwehr befand. Er hat Dabei auch erklärt, der Angeklagte habe sich in eine selbstverschuldete Gefahr begeben. Trifft das nicht viel eher auf Kühlitz zu? Dieser kannte doch Herrn Koßmann, seine Lebensauffassung und sein Ehrgefühl. Mußte er nicht ein ganzes Jahr Damit rechnen, Tag für Tag und Stunde für Stunde, daß fein Betrug an dem Freunde offenbar und er vor Die Pistole gezwungen würde? Kühlitz hat sich benommen wie ein Schurke, ohne Charakter, ohne Ehrgefühl, ohne Anstand. Er beging eine Tat. wie sie schlimmer zwischen Freunden nicht gedacht werden kann. Darüber hilft uns keine juristische Formulierung hinweg. Das ist die Meinung jedes anständigen Menschen.
(Fortsetzung folgt)


