Montag, 22. Dezember 194!
Nr. 503 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Aus der Stadt Gießen.
Wie alt ist der Wechnachtsbvum?
„Wie gern doch seh ich glänzen mit z* den reichen Kränzen den grünen Weihnachtsbaum",
singt Robert Reinick, und er ist nicht der einzige Dichter, der von dem Zauber des Weihnachtsbaumes sagt und singt^ gehört doch für uns Heutige der strahlende Lichterbaum selbstverständlich zum
Aber noch nicht lange ist das so, denn ein für die Gegend des Oberrheins fürs Jahr 1551 bezeugter Christbaum blieb wohl einzig in seiner Art. Zuerst bürgerte .sich die Sitte des geschmückten Christbaums in Straßburg ein. Von dort besitzen wir eine Nachricht aus dem Jahr 1605, die also lautet: „Aufs weihenachten richtet man dannen- bäume zu Straßburg in den stuben auff, daran hencket man rosen aus vielfarbigem papier geschnitten, äpfel, Oblaten, zischgold, zucker etc." Wieder von einer diesmal mit Lichtern geschmückten — Tanne hören wir im Jahr 1611 aus Schlesien. Dort
Verdunkelungszeit:
22.12. von 17.08 bis 9.29 Uhr.
bescherte die Herzogin Dorothea Sibylla von Brieg den armen Kindern zu .Silvester unter dem Licyler- baum. Ganz allgemein üblich war der Christoaurn ums Jahr 1642 in Straßburg, wo er zunächst seltsamerweise von der Kirche heftig bekämpft wurde.
Vielfach waren die damaligen Christbaume unseren heutigen recht unähnlich, denn es waren keine Tannen. So berichtet. 1708 Lieselotte von der Pfalz von ihren Kindertagen in Hannover, wo man zum „Christkindel" Tische wie Altäre hergerichtet habe mit den Gaben für die Kinder.Auf die Tische stellte man Buchsbäume und befestigte an jedem Zweig ein Kerzlein. Und offenbar ist nicht nur in Hannover der Christbaum früher ein Buchsbaum gewesen, sondern auch in der Pfalz, wo er noch heute in manchen Gegenden „Boßbaum" heißt. In anderen Teilen der Pfalz hieß der Weihnachtsbaum um 1780 „Zuckerbaum", wie wir aus einem Gedicht des Malers Müller erfahren. Der pfälzische Christbaum wurde nicht am Heiligen Abend, sondern erst am Christmorgen angezündet; sein Schmuck bestand früher aus Zimtwaffeln, Aepfeln, Nüssen, „Zuckerbackes", „Zuckerdings" und gusgeblafenen Eierschalen. Als Lichter Dienfen Nußschalen mit Rüböl und Docht.
Was nun sind die Vorläufer des Weihnachtsbaums? Zunächst wohl die Tannen- oder Busch- zweige, mit denen man am 24. Dezember die Bilder der Heiligen schmückte. Erst allmählich dachte man daran, auch die Tische zu zieren. Es entstanden nun die „Weihnachtspyramiden", die, sich drehend, von der Decke herabhingen oder ausgestellt wurden und die der Erzgebirgler noch heute schnitzt. Oder man schmückte auf dem Lande den großen „Weihnachtsapfel", der auf .vier Stäbchen stand und mit buntem Papier usw. geziert war, das „Weihnachtsszepter", die Lichterpyramide auf einem, Holz- gefteUt, ober man baute den „Weihnachtsberg" auf. Vielfach hieß die buntbemalte Weihnachtspyramide auch „Paradiesbaum" und war bann reichlich mit Buchs besteckt.
Im Sudetenland wurde zu Weihnachten ursprünglich nur die Krippe aufgebaut und erst allmählich durch den Christbaum zurückgedrängt, der hier womöglich eine Edeltanne sein soll. Ihr Plätzchen unter dem Weihnachtsbaum findet die Krippe aber sowohl hier wie auch im Saarland immer noch ganz regelmäßig.
Seinen eigentlichen Siegeszug trat der Weihnachtsbaum erst im 19. Jahrhundert an, aber auch jetzt war er keineswegs immer eine Tanne: ein Stich von 1820 zeigt eine Schmuck und Geschenke tragende Stechpalme, die von der Decke.herabhängt. Daß sich der Christbaum aber jedenfalls im 19. Jahrhundert in der Schweiz fand, bezeugt uns Gottfried Keller, der schreibt:
„Der erste Tannenbaum, den ich gesehn, das war ein Weihnachtsbaum im Kerzenschimmer."
In Danzig kennt man den Christbaum seit 1815, im Sudetenland ist er seit 1820 heimisch. In wald- armen Gegenden behalf man sich jedoch auch noch
im 19. Jahrhundert ohne Baurn und legte z. B. in Mitteldeutschland „Weihnachtsgärtlein" an aus Moos und allerlei Wintergrün. Eingerahmt wurde das jIärtlein von zwei Reihen brennender Wachskerzen, zur Rechten und zur Linken lagen die Geschenke. In Dänemark hing man neben dem Schmuck auch die Geschenke an den Baum und ließ ihn schon am heiligen Abend plündern, was in Deutschland erst sehr viel später, in manchen Gegenden erst am Dreikönigstag geschieht.
Gern weist man dem Weihnachtsbaum den Platz so an, daß man fein Widerspiel im Spiegel sieht. So schildert uns Theodor Storm in der von Weihnachtsduft durchzogenen Novelle „Unter dem Weihnachtsbaum" den Christbaum seiner Kindheit: „Vor uns, zurückgestrahlt von dem großen Wandspiegel, steht der brennende Baum mit seinen Flittergoldfähnchen, seinen weißen Netzen und goldenen Eiern, die wie Kinderträume in den goldenen Zweigen hängen." L. B.
Weihnachtsfeier im Etandortlazarett.
Der Chefarzt des Reserve-Lazaretts I (Heeres- Standortlazarett) hatte für gestern nachmittag zu einer von der NSDAP., Kreisleitung Wetterau, ausgerichteten Weihnachtsfeier für die Verwundeten und Kriegskranken eingeladen, um damit der inneren Verbundenheit von Wehrmacht, Partei und Heimat Ausdruck zu geben. Verwundete, Aerzte, Schwestern und Gäste hatten sich im weihnachtlich geschmückten Gemeinschaftsraum unter dem brennenden Tannenbaum zusammengefunden. Mitglieder der NS.-Frauenschaft und ihrer Jugendgruppe hatten die Ausgestaltung des Programms mit instrumentalmusikalischen, gesanglichen und rezitatorischen Vorträgen übernommen. Nach einem Vorspiel der Geigen (Adagio von Mozart, Walzer von Brahms) richtete Oberfeldarzt Dr. T s ch a m e r als Chefarzt und Hausherr herzliche Worte der Begrüßung an die Kameraden des Lazaretts und die geladenen Gäste, insbesondere die Vertreter der Wehrmacht, der Partei, des Deutschen Roten Kreuzes und der Presse. Sein Dank galt den Dienststellen und allen Männern und Frauen, die die Feier so liebevoll ausgestaltet haben. Inmitten weltgeschichtlicher Entscheidungen, so führte der Chefarzt aus, begehen wir die dritte Kriegsweihnacht als das Fest des deutschen Zukunftsglaubens; eine Brücke innigen Gedenkens verbinde heute Heimat und Front. So feiere das deutsche Volk wie eine einzige große Familie, geschart um den Führer, das Fest unseres Siegesglaubens in einmütiger Geschlossenheit. Mit herzlichen Wünschen an die Verwundeten und Kriegskranken, die in dieser Feier Liebe und Dankbarkeit des ganzen Volkes empfinden sollten, schloß Chefarzt Dr. T s ch a m e r feine Begrüßung.
Im Mittelpunkt der Feier stand die Ansprache von Kreisleiter Backhaus, der u. a. betonterbie Partei schätze sich glücklich, zur Ausgestaltung dieser Lazarettfeier der dritten Kriegsweihnacht beitragen zu können. Aus allen Teilen des Reiches seien hier Verwundete und Kriegskranke versammelt: viele von ihnen könnten heute nicht auf Urlaub nach Hause fahren, aber diese Feier im Kreise der Kameraden werde ihnen stets eine schöne Erinnerung bleiben. Der Kreisleiter wies ferner auf den vorchristlichen Ursprung des Weihnachtsfestes hin, das unsere Vorfahren als Fest des steigenden Lichtes und des neuen Lebens begangen haben. So wollen wir auch in diesem Jahre Weihnachten festlich begehen, auch wenn uns der Tisch nicht so reichlich gedeckt ist wie sonst, als ein Fest der Liede und e'n rechtes Familienfest. Wir gedenken heute der Kameraden an der Front, die auch an den Festtagen keine Ruhe haben werden. Der Dank der Heimat aber gelte den Verwundeten, die ihr Leben für Deutschland eingesetzt haben. Unter dem Weihnachtsbaum erneuern wir das Gelöbnis unserer Einigkeit. Mit guten Wünschen für ein frohes Fest gab der Kreisleiter dem Glauben Ausdruck, daß das kommende Licht den Sieg über Europa und die Welt davontragen werde.
Gemeinsame Lieder, Gesangs- und Gedichtvorträge und Geigenspiel, von Mitgliedern der Frauenschaft und der Jugendgruppe vortrefflich zu Gehör gebracht, umrahmten die Ansprachen und ließen die Feierstunde ausklingen, der sich die reichhaltige Weihnachtsbescherung für die Verwundeten und Kranken anschloß. —
Die Geologie im Raum um Gießen.
Von Professor Dr. K. Hummel, Direktor des Geologischen und Paläontologischen Instituts der Ludwigs-Universität Gießen.
(Schluß.)
Eine zweite Erscheinung, die fast noch mehr als der Vulkanismus eine Besonderheit des Raumes um Gießen darstellt, sind die vorzeitlichen Verwitterungsbildungen. Die Eigenart der erdgeschichtlichen Entwicklung hat es mit sich gebracht, daß am Rande des Schiefergebirges gegen die Hessische Senke mehr als sonst irgendwo in Deutschland Reste alter Landoberflächen mit ihren eigentümlichen Verwitterungserscheinungen erhalten geblieben sind, und die vulkanischen Gesteine des Gebietes sowie fonftige Umstände haben zur Folge gehabt, daß die Verwitterungsvorgänge hier mehr als anderwärts zur Anreicherung nutzbarer Stoffe (Bafalteifenftein, Eisen- und Manganerz, ferner Baurit und der technisch wichtige „Zement- auarzit") geführt haben, so daß auch e:n praktisches Interesse an der Untersuchung dieser Erscheinungen vorhanden ist und vom Bergbau gute Aufschlüsse geschaffen wurden. Außerdem bedingte der geologische Unterricht für Land- und Forstwirte, daß auch im Lehrbetrieb der Boden- und Verwitterungskunde besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird. Dies alles wirkte sich dahin aus, daß in Gießen schon feit vielen Jahrzehnten die Untersuchung der Verwitterungsvorgänge und die Kenntnis der Verwitterungslager st alten ganz besonders gevflegt wurden und zahlreiche Arbeiten über diese Fragen veröffentlicht wurden, die teilweise auch allgemeine, weit über den örtlichen Rahmen hinausreichende Bedeutung gewonnen haben.
Da die vorzeitlichen Verwitterungserscheinungen unter klimatischen Bedingungen entstanden sinh, die vom heutigen Klima stark abweichen, und da vergleichbare Erscheinungen heute nur in tropischen
und subtropischen Klimagebieten entstehen, so führte die Erforschung dieser vorzeitlchen Verwitterungserscheinungen notwendigerweise zur Beschäftigung mit der tropischen Verwitterungs- und Bodenkunde. Darauf ist es zurückzuführen, daß im Geologischen Institut der Universität Gießen eine in Deutschland ziemlich einzigartige Sammlung tropischer (insbesondere afrikanischer) Verwitterungs- und Badenprofile vorhanden ist.
In diesem Zusammenhang ist nicht ganz unwichtig, daß Gießener Geologen auch sonst in der K o - loni al-Geologie (insbesondere in der Geologie Deutsch-Südwest-Afrikas) seit über drei Jahrzehnten eine hervorragende Rolle gespielt haben. Dies beruht allerdings in erster Linie auf persönlichen Beziehungen der in Gießen tätigen Forscher, das Interesse an der tropischem Verwitterungs kunde hat dabei nur eine nebensächliche Rolle gespielt; jedoch wurden die verwitterungskundlichen Forschungen in Gießen dadurch mittelbar erheblich gefördert.
Als letzte und minder hervorragende Besonderheit der geologischen Forschung im Raum um Gießen kann das Interesse an der Landschafts- farmung, der Talgeschichte und T e r r ässe n b i l d u n g erwähnt werden. Es sind dies allerdings Fragen, die auch anderwärts ziemlich viel und in ähnlicher Weise behandelt werden, so daß dabei nicht in gleichem Maße wie bei den zuerst genannten Forschungsaedieten von einer Sonderstellung der Gießener Forschung gesprochen werden kann. Immerhin sind einige Sonderumstände zu nennen, welche die tal- und landschaftsgeschichtlichey Untersuchungen besonders angeregt haben, so der eigenartige Lauf der Lahn, die aus dem Schiefer-
gebirge kommt und wieder in dasselbe zurückkehrt, ferner das in Deutschland fast einzigartige, radial angelegte Talnetz des Dogelsderges und dessen Störungen in der Wetterau. Das Interesse an der Talgeschichte hat dazu geführt, daß in früheren Jahren, von Gießen aus auch die Talgeschichte weiter Geriete des Rheinischen Schiefergebirges einschließlich des Rhein- und Moseltales erforscht worden sind. Die bis in die neueste Zeit hinein fortgesetzten tal- und landschaftsgeschichtlichen Forschungen im Raume um Gießen (Die nicht nur vom Geologischen, sondern z. T. auch vom Geographischen Institut durchgeführt wurden), haben teilweise auch allgemeine über den engeren Landschaftsraum hinausreichende Bedeutung gewonnen, da manche Erscheinungen (z. B. eiszeitliche Bodenbewegungen, oder das Alter der übergreifenden Vererbung) im Raume von Gießen besser als anderwärts erkannt und zeitlich eingegliedert werden können.
Mit den angeführten Aufgabenkreisen sind die geologischen Arbeitsmöglichkeiten im Räume um Gießen selbstverständlich keineswegs erschöpft: auch die in der Vergangenheit durchgeführten Arbeiten beschränken sich keineswegs auf die erörterten Fragen. Es könnte hier noch manches Forschungsergebnis angeführt werden, das allgemeinere Bedeutung gewonnen hat, und das ebenfalls dem Raum um Gießen entsprungen ist. Insbesondere bin ich hier gar nicht näher eingegangen auf die Ausgaben der „speziellen regionalen Geologie", also die Untersuchungen der Schichtenfolge, Die tektonischen Verhältnisse usw., die ebenfalls u. U allgemeinere Bedeutung gewinnen können- auch auf diesen Gebieten ist in der Vergangenheit manches geleistet worden und wird in Zukunft noch vieles zu leisten sein.
Möglich ist ferner, daß manche Sonderaufgaben, die sich aus Verhältnissen des Raumes um Gießen ergeben, bisher noch nicht erkannt wurden, weil die bisher hier tätigen Geologen nicht darauf eingestellt waren: denn diese Einstellung ist immer abhängig erstens von der persönlichen Veranlagung, zweitens vom Ausbildungsgang und den anderwärts gesammelten Erfahrungen, drittens aber auch von den vorherrschenden Zeitströmungen. Eine zukünftige Veränderung dieser Bedingungen mag also noch diese oder jene Sonderaufgabe erschließen, die bisher unbeachtet blieb.
Die oben näher erörterten Sondergebiete jedoch, also insbesondere der Vulkanismus und die Verwitterungskunde, werden für Gießen immer eine besonders hervorragende Bedeutung behalten. Mit neuen Erfahrungen, neuen Arbeitsmethoden und mit der veränderten Fragestellung, die jede neue Generation mit sich zu bringen pflegt, wird die geologische Forschung im Raume um Gießen gerade auf diesen Gebieten in Zukunft noch manche hervorragende Leistung erwarten lallen Dürfen. Bei der Gestaltung der zukünftigen Arbeitsmöglichkeiten, in der Ausstattung des Instituts und in der Auswahl der Arbeitskräfte ist daher auf diese Umstände besonders Rücksicht zu nehmen.
Bunte Kreisel - sebr gefragt.
Das Straßenbild unserer Stadt war am vergangenen Samstag und Sonntag schon von den frühen Morgenstunden an von jugendlichen Sammlern beherrscht. Pimpfe und Jungmädel, BDM. und HI. schwangen eifrig auf allen Straßen und Plätzen die Sammelbüchsen zu der letzten Reichsstraßen- sammllung dieses Jahres und boten die hübschen kleinen Holzfiguren an, die allenthalben reißenden Absatz fanden, so daß schon am Samstag um die Mittagszeit nur noch mit Mühe und Not ein Dreh- dobfch zu erhalten war. Die bunten Figürchen, in allen Farben luftig bemalt, sind aber auch ein außerordentlich reizvoller Schmuck nicht allein für den Mantelaufschlag, sondern auch für den Weihnachtsbaum, der in diesen Tagen vom Balkon oder vom Hof hereingeholt und geschmückt wird. Außerdem hatten jung und alt ihre Freude daran, Die verschiedenen Püppchen auf der blanken Tischplatte ein bißchen tanzen zu lassen, bevor ste ihrer letzten
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Versöhnung mit den Tieren.
Von Paul Eipper.
Ich sehe irgendwo einen Hund und spreche ihn an. Aber statt, daß er freudig aufhorcht, die Ohren spitzt und mit Der Rute wacrelt. knurrt er, fletscht die Zähne und drückt sich scheu davon. Ja, das' erlebe auch ich zuweilen mit einem Hund.
Man soll nun nicht sagen: „Unfreundliche, falsche Bestie!", sondern man denke darüber nach, ob dieses Benehmen des Hundes nicht durch uns Menschen verursacht worden ist. Sehr wahrscheinlich, denn die Hunde haben in sich Das Bedürfnis der „Anlehnung"; sie sind ja Herdentiere. Wenn es sich also nicht um einest dressierten Hund handelt, der zur Ablehnung alles Fremden erzogen wurde er würde Dann auch kaum auskneifen —, Dann hat der unter Knurren und Zähnefletschen scheu Zurückweichende ganz gewiß schlechte Erfahrungen mit uns Menschen gemacht; er weiß um Stockschlage, Drohworte und Fußtritte.
Gibt es nun etwas Schöneres, als ein solchermaßen enttäuschtes Tier Mrd) Geduld und Gute mit der Menschheit wieder zu versöhnen? Ich w^tz, es ist möglich, und ich gestehe, daß derartige Erfolge für mich eine tiefe Beglückung sind.
Versöhnen, dieses Wort hängt mit Sühne zusammen und hat sicher aud) eine Beziehung zu dem lateinischen „sanus“ - „gesund"; versöhnen heißt also: etwas wieder gesund machen. Und es besteht für mich fein Zweifel, daß an der Beziehung des Menschen zu den Tieren mancherlei „wieder gesund" zu machen ist. Wir haben ja in Den vergangenen Jahrhunderten und Jahrtausenden gar zu oft das Tier nur als Nutzgegenstand angesehen und behandelt. Erst die Regierung des neuen DeutschlanD machte durch die Tier- und Naturschutzgesetze Das Tier wieder zu einem Lebewesen mit nm)
Empfindungen, während es bislang strafrechtlich nur eine „Sache" war. Auch die Wissenschaft hat nach einer Zeit der allzu großen Vermenschlichung des Tieres — die ebenso falsche Gegenansicht vertreten, daß nämlich die Tiere völlig ohne Beseelung seien, Reflexmaschinen gewissermaßen. Die Regun
gen der Mutterliebe kenne ein Tier nicht; hier wirke nur ein Dumpfer Trieb zur Erhaltung der Art.
Gottlob ist unser Jahrhundert in dieser Hinsicht sehr viel gerechter: es gibt eine Reihe von großen Gelehrten, Die sachliche Forscher und zugleich warmherzige Tierfreuyde sind, die in den hochentwickelten Säugetieren durchaus den beseelten ßebensbruDer achten und lieben. Wir wissen, daß solche - Tiere ebensowenig „vom Brot allein" leben können, wie wir selbst, daß sie außer Nahrung und körperlicher Pflege aud) einen warmfühlenden Zuspruch brauchen, um glücklich zu sein und zufrieden mit ihrem Los.
Gewiß, der Kulturmensch des 20. Jahrhunderts kann in den Waldungen vor den Toren seiner Städte keine wilden Raubtiere mehr dulden, er muß insbesondere im dichtbesiedelten Deutschland auch das sogenannte Hegewild, die Hirsche, Hasen, Rehe und Sauen, in notwendigen Grenzen halten: Damit Die Frucht Des FelDes nicht durch die Tiere bedroht wird; aber die Gesetzgebung und das gesunde Volksempfinden fordern gleichermaßen, daß wir uns im Rahmen des Möglichen mit Den Tieren versöhnen, Daß wir ihnen würDige Dasensmöglich- feiten gewähren unD neu schaffen. Vergessen wir nicht: Die bei uns lebenden Tiere sinD ebenso wie Die Bäume unD Pflanzen wichtige unD notwendige Bestandteile unserer lebendigen Welt. Die Vereinigung der Dreiheit Mensch. Tier uyd Pflanze schafft erst die große atmende Heimat.
Wohl weiß ich, daß auch auf diesem Gebiet noch vieles getan werden muß; unser tierfreundlicher Reichsforstmeister Hermann Göring hat es ja deutlich ausgesprochen: Wichtiger als alle Tierschutzgesetze ist Die Erziehung Des deutschen Menschen zum Tierschutz.
Der Tierfreund kann und darf mit froher Gläubigkeit in die Zukunft schauen: er muß nur von sich aus nach besten Kräften dazu beitragen, daß Die Tierliebe im Deutschen Volk Allgemeingut wird und Daß unsere KinDer in diesem Geist heranwachsen. Dann erreichen wir gewiß einst auch die wirkliche Versöhnung mit Den Tieren: jene Harmonie des Belebten in der Natur, die allen Geschöpfen gerecht und gütig einen Platz einräumt an der Sonne.
Oie Winierlandschast.
Von Augusta von Oertzen.
„Welch ein Anblick war es, als die Sonne aufging ... Alle Bäume und Büsche standen im Reisschmuck da. Es sah aus, wie' ein ganzer Wald aus weißen Korallen, - alle Zweige waren gleichsam mit schimmernd weißen Blüten übersät. Es war ein so glänzend weißes Spitzengewebe, daß jeder Zweig förmlich einem weißen Glanz ausströmte. Und als Dann Die Sonne schien, nein, wie funkelte das Ganze, als fei es mit Diamantenstaub überzuckert, und auf dem Schneeteppich glitzerten Die großen Diamanten ober man konnte sich auch vorstellen, daß da unzählige winzig kleine Lichter brannten, die noch weißer waren als der Schnee." Der Poesie, blieb es Vorbehalten, die Stimmung der Schneelandschaft voll auszuschöpfen. In der Malerei gibt es zwar „Schneebilder", aber kaum eines vermag den unbeschreiblichen Zauber von Schönheit und Stille so wiederzugeben wie der Märchenerzähler Andersen.
In Der deutschen Malerei begegnet man schon im 15. Jahrhundert Der ersten Schneelandschaft. Martin Schongauer, Der Colmarer Stecher und Maler, ist der erste, der die Gruppe der heiligen Familie mit den Hirten in die nordische Welt verlegt: in einer Hütte betet -Maria zu dem Jesuskinde, während man draußen Joseph mit zwei Frauen durch die abendliche Landschaft über rötlichen Schnee herankommen sieht. Auch Albrecht Altdorfer, Der große Fabulierer, hat Die Anbetung Des KinDes in eine winterliche Landschaft versetzt. 1507 malte er die Christnacht im Mondschein, Schnee und flackerndem Kerzenlicht; in ähnlicher romantischer Stimmung auch 1523: noch gespenstischer geistert Das Mondlicht, noch inbrünstiger musizieren die Engel, noch inniger betet Die Gottesmutter. Daß Hans Baldung Grien (1516) Die Enthauptung Der heiligen Dorothea mitten in den Schnee versetzte, findet seinen Grund darin, daß das Wunder: blühende Rosen im Februar, durch das ein Ungläubiger bekehrt wurde, in einer Schneelandschaft erst zur vollen Geltung kam.
Später haben Holländer und Flamen Schnee
bilder gemalt. Pieter Brueghel ließ im 16. Jahrhundert Das Grauen Des Bethlemitischen Kinder» morDes sich auf mit Schnee bedeckter Erde abspie» Ien1 Im 17. Jahrhundert tritt mit Der Darstellung Des profanen Lebens auch das Schneebild in Den Vordergrund. Das fröhliche Spiel auf Dem Eise wird vielfach gemalt, eines Der typischen Bilder dieser Art ist d-e „Dorflandschaft im Schnee" von Lucas von Valckenbirgh. Unter den deutschen Malern sind es Die Romantiker, Die Dem Schnee Den größten Reiz abgewannen. Den weltfernen Zauber eines verfallenen Gebäudes in Der Winternacht gibt Caspar David Friedrich mit feiner „Klosterruine von Eldena im Schnee", ein Bild (bei dem Glaspalastbrande in München umgekommen) mit Dem Stille und Frieden der Schneelandschaft, symbolisiert durch einen einsam wandelnden Eremiten, wohl am tiefsten empfunden sind.
Unter den Landschaften des 19. und 20. Jahrhunderts begegnet man vielfach Der Schneelandschaft. Die Großstadt im Schnee mit hastenden Menschen und erleuchteten Fenstern malte Franz S k a r- b i n a, der Illustrator von Berlin und Paris. Den Zauber einer befriedeten Stimmung, Weiß in Weiß, hat wohl am feinfühligsten der Düsseldorfer Max Clarenbach wiedergegeben.
Zeitschriften.
— Das Weihnachtsfest der „neuen l i n i e" (Verlag Otto Beyer, Leipzig) ist bezeichnet durch den Dreiklang: Soldaten, Weihnachten, Heimat. So veröffentlicht Die „neue linie" Soldatengedichte, die eindringlich zeigen, daß die Männer, die heute im härtesten Kampf stehen, sich tiefe Innerlichkeit des Empfindens bewahrten. — Dann eine Farbtafel, gemalt von einem Kinde zu einem von Rilkes schönsten Gedichten. Oder die hervorragenden, farbigen Reproduktionen von Kinderbildnissen aus Dem 19. Jahrhundert, begleitet von einem Aufsatz über das Zeitalter des Kindes. — Ferner die traditionelle „Geistige Ernte", in der namhafte Dichter über ihre stärksten Bucheindrücke berichten, der Berliner Theaterbericht, die Veröffentlichung über jene führenden Frauen Europas, die an dem Internationalen Frauentreffen teilnahmen und die hier in Bild und Text vorzüglich charakterisiert find.


