Nr.m Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Mittwoch. 22. Januar Ml
Aus der Stadl Gießen.
Begegnung mit einem Dollbart.
Mit italienischen Landarbeitern nach Italien.
Von C. Didoni, Gießen.
Cm Abend mit Alfred Huggenberger
Ernst Blumschein.
wird.
3n den heule erscheinenden ^amllienblällern sehen wir die am 11. Januar begonnene Serie von Aussätzen fori, in denen unser TNusikrefe renk, Dr. Hermann Hering, die Entwicklung und Bedeutung der Or chesler- Inst r u m e n I e beleuchtet. Den Musikfreunden wird die kleine Aufsahreihe in der Zeil der winterlichen Konzerte nicht unwillkommen sein.
zarteste und innigste Liebestragödie der Deutschen genannt hat.
Erst zwanzig Jahre nachher, für ihn viel zu spät, konnte eine Aufführung unter Laube den Erfolg durchsetzen.
übersehen und bewältigt wurde, scheint uns bemerkenswert. Die Darstellung entsprach in der Melodieführung (wenn das Wort hier gestattet ist) durch die fünf Akte hin, welche der auf- und absteigenden Linie der dramaturgischen Architektur mit empfindlicher Schmiegsamkeit angeglichen war, wie auch im Aufbau und Ausdruck des weiblichen Charakters dem Bilde, das die angezogene Notiz Grillparzers umschreibt. Wie die heitere Bestimmt, heit in Heros Wesen (zu Anfang) sich schrittweise wandelt und verwirrt, um in der Turmszene einen sehr reinen Ausdruck erfüllter Erwartung und träumerisch herbeigesehnten Glücks zu finden; wie sie die Uebergänge gewann von diesem Gipfel der Empfindung über die wild und fassungslos ausbrechends Totenklage zur dumpfen, weltvergeffenden Verzweiflung und dem stillen Erlöschen zuletzt — das bezeugte eine mit sympathisch gereiften Mitteln verwaltete Kraft darstellerischer Verwandlung.
der geliebten bäuerlichen Scholle kam in der feinen Erzählung von dem langen Acker stark zum Ausdruck. hier lernte man empfinden, wie tief sich der bäuerliche Mensch in Freud und Leid und in all seiner Liebe mit dem Acker, seinem heiligen Land und zuverlässigsten Freund, verbunden fühlt.
Die gleiche tiefe Verwurzelung mit dem Grund und Boden kam in der Dichtung „Arbeit und Einkehr" zum Ausdruck, in der die vielfältigen Regungen festgehalten sind, die den bäuerlichen Menschen bei seinem Leben und Wirken aus dem Acker und bei seinem Sichoersenken in die ewigen Werte und in sein seelisches Erleben umfangen. Die schwere Ar, beit und die aufopfernde Liebe der Bauersfrau für ihre Familie und für Haus und Acker brachte der Dichter in dem Lob der Hausmutter so überzeugend vor das geistige Auge der Hörer, daß wohl jedermann das Empfinden haben mußte, in diesen Morten mit Recht zugleich mit dem Lob auch ein Mo- nument des Dankes für die schwer arbeitende, sich selbst in Liebe und Hingebung für ihre Familie und für den Nährboden der Gemeinschaft verzehrende Bauersfrau erblicken zu dürfen. Nach einer kurzen stimungsvollen Erzählung von ein paar Stunden in der Welt eines Jungbauern beschloß der Dichter seine Lesung mit zwei frei gesprochenen Gedichten, in denen der hohe ethische Wert der Bauernerde gepriesen und der aus tiefstem Herzen zu Gott gerichtete Bauerndank im Herbst in packenden Worten zum Ausdruck gebracht wird.
Die hörerschait dankte dem Dichter, der ein roarny herziger Dolmetsch der Liebe zur Heimat, zum Boden und zum bäuerlichen Leben und Wirken ist, zugleich als fesselnder Erzähler und seiner geistiger Gestalter seiner Empfindungen und Beobachtungen erneut die Herzen gewann, mit herzlichem Beifall. Es war ein Abend, an den man gerne zurückdenken
Die Hero (in der Aufführung der Wiener Grillparzer-Woche von Paula Wessely gespielt) gibt in unserer Inszenierung Luise Prasser; sie liefert mit dieser Rolle nach der Schillerschen Luise eine neue Probe ihrer Begabung und spezifischen Eignung für das Fach der jungen Liebenden im Umkreise des klassischen Dramas. Die Sicherheit, mit der die große Rolle, auch vom Sprachlichen aus,
Transportführer Raab und ich betreten deck Bahnsteig. Die italienischen Grenzbeamten besteigen den Zug, dessen Türen verschlossen werden. Die Kontrolle der Fahrtteilnehmer beginnt. Die Grenzstation Brenner ist bereits italienisches Gebiet. Pünktlich 2.30 Uhr ist die Kontrolle durch die italienischen Grenzbeamten zu Ende. Das deutsche Zugpersonal ist von italienischen Kollegen ab- gelöst.
Die Durchfahrt wird freigegeben. Mit einem Freudenschrei der italienischen Kameraden fahren wir weiter nach Süden, ihrer schönen Heimat entgegen. Es geht weiter durch Eis und Schnee. Der Sturm wütet und treibt den Schnee hoch in die höhe, die Fenster beschlagen mit Eis. Wir drücken uns in die warme Ecke des Abteils und hauchen nur von Zeit zu Zeit ein Guckloch durch das vereiste Fenster. Wir wollen nicht veraessen, daß wir am höchsten Punkt der Bahn sind, der zugleich die
Edelstes und vergleichsweise volkstümlichstes Zeugnis solcher Klassizität ist das.Trauerspiel „Des Meeres und der Liebe Wellen", die dichterische Ver- Bärung und Deutung der alten griechischen Sage Dm hero und Leander. (Die schlichtere bmg hätte unserem Empfinden mehr entsprochen, dich hat sich, wie bei Schillers „Kabale und Liebe; , ter minder glückliche Titel längst auf den deutschen Metylänen durchgesetzt.) 1831, ein 3ahr vor Coethes Tode, erlebte das Stück seine llrauffuhrung an. der Wiener Burg, „die ersten drei Akte w e Grillparzer selbst bemerkt, „wütend applaudiert, beiden letzten ohne Anteil vorübergegangen . ^as Wiener Biedermeier hatte eines der schönsten Stun s'ines größten Dichters unmißverständlich abgeleynr.
ter geht die Fahrt, und schon zeigen sich Spuren kürzlichen Schneefalles. In Kufstein finden wir Schnee bereits in 40 cm höhe. Der Bahnhof diefes reizvollen Tirolerstädtchens ist mit Hakenkreuzfahnen und der Trikolore unseres Bundesgenossen geschmückt!
Durch das schöne Land Tirol führt uns der Sonderzug weiter gen Süden, die Fenster sind dicht besetzt, alle schauen in die herrlichen Berge urdeutschen Landes, die sich in ihrer winterlichen Pracht vor uns entfalten und in uns allen einen ganz gewaltigen Eindruck erwecken! Die Brennerbahn steigt nach der Station Innsbruck stetig, wir durchfahren viele Tunnel, der Schnee liegt tiefer, die Luft ist kälter. Gespannt erwarten wir den Augenblick, an dem wir den Brennerpaß erreichen! Da — der Zug fährt langsamer, wir sehen nicht viel, es ist heftiger Schneesturm, der Zug hält, wir sind am Brenner.
Der Verfasser dieses Berichts hat sich dank feiner vollendeten italienischen Sprachkenntnisse als Dolmetscher bei der Betreuung der bis vor kurzem zur Landarbeit in unserer engeren Heimat weilenden italienischen Männer und Frauen in vielfältiger Weise verdient gemacht. Er hat es auch verstanden, bei gelegentlichen kameradschaftlichen Veranstaltungen, wie sie z. B. von der Ortsgruppe Gießen-Nord mit den italienischen Arbeits. kameraden durchgeführt wurden, den guten Mittler zwischen unseren Volksgenossen und den italienischen Freunden zu stellen. Seine Tätigkeit hat mit dazu beigetragen, das Verhältnis zu den italienischen Kameraden im Rahmen, unseres engeren Heimatgebiets herzlich und freundschaftlich auszubauen.
Als ich am Morgen des 6. November von Inspektor Pf aff Hausen telefonisch die Mitteilung bekam, daß ich von dem Leiter des Arbeitsamtes Gießen, Oberregierungsrat Dr. N o n n e n m a n n , als Reisebegleiter und Dolmetscher für den Rücktransport der italienischen Landarbeiter aus Oberhessen nach Italien ausersehen sei, da kam mir dies vor wie ein gütiges Geschenk des Himmels. Nachdem die Rück- reise der italienischen Kameraden auf Donnerstag, 5. Dezember 1940 festgesetzt worden war, hatte ich 4 Wochen Zeit, um die für eine Auslandsreise notwendigen Vorbereitungen zu treffen. Durch den Umstand, daß von maßgebender Seite meine Frau und mein lOjähriger Junge gegen Vergütung der Fahrt- kosten ebenfalls die Erlaubnis erhielten, an der Fahrt nach Italien teilzunehmen, steigerte sich die Vorfreude um ein Beträchtliches, und es verging von nun an kein Abend, an dem sich nicht die ganze Familie um die Landkarte von Italien scharte, um im Geiste die herrliche Reise vorzubereiten.
Endlich kam der langersehnte Reisetermin und freudigen Herzens begaben wir uns zu dem Ver- sammlunasort der italienischen Kameraden, in der „Bauernschänke", auf dem Rhein-Main-Marktge- lände in Gießen. Dort herrschte schon lebhaftes Treiben und frohe Reifestimmung war überall festzustellen. Nach den im „Gießener Anzeiger" vom 6. Dezember 1940 mitgeteilten Abschiedsreden von Oberregierungsrat Dr. Nonnenmann, Pg. h a n ß , als Vertreter des Kreisleiters, sowie des Inspektors der Confederazione Fascista Laooratori Agricoltura, Dr. T e o d o r i, begaben wir uns in den bereitstehenden Sonderzug, der kurz nach 14.30 Uhr unter herzlichen Abschiedsgrüßen auf beiden Seiten den Bahnhof Gießen verließ.
Der Transportzug, der überwiegend aus Wagen 1. und 2. Klaffe bestand, bot im Augenblick der Abfahrt ein wüstes Durcheinander, da sämtliche Gänge und Zugänge mit Kisten und Kasten ver. stopft waren. Dem tatkräftigen Eingreifen des Transportleiters Pg. Raab gelang es jedoch in kürzester Zeit mit meiner Unterstützung diesem Uebelstand Abbruch zu tun!
In den Abendstunden gegen 20 Uhr lief der Sonderzug in Bruchsal ein, wo eine kurze Rast ein» geschaltet und an die Transportteilnehmer Abendessen ausgegeben wurde! In tadelloser Ordnung und mustergültiger Disziplin wickelte sich die Essenausgabe, die von der NSV.-Bruchsal durchgeführt wurde, ab, so daß nach verhältnismäßig kurzer Unterbrechung die Weiterfahrt angetreten werden konnte. Diese führte über Stuttgart—Ulm a. D.— Augsburg nach München, wo wir am Morgen des 6. Dezember gegen 7.15 Uhr eintrafen!
In München ist Maschinenwechsel und der Aufenthalt leider zu kurz, so oaß der Drang unserer bur» stigen Kehlen nach einem frischen Seidel „echten Münchners" zu unserem lebhaften Bedauern nicht befriedigt werden kann, hoffnungsloses Träumen vom „Münchner Bier". Die Abfahrtzeit naht. Wei-
Den Leander spielte Herr Caninenbergt ihm standen, was den Umfang der Rolle wie dis Spanne innerer Entwicklung angeht, die hier zu umgreifen ist, nicht ganz die Möglichkeiten zu Ge, bote, wie sie der Partnerin verschwenderisch zugeteilt sind; aber auch er erschloß die Wandlung, die sichtbar zu machen ihm aufgegeben war, bei allem klassischen Maß aus der unmittelbar-naiven Menschlichkeit, welche die Antike ihren Geschöpfen immer im Augenblick der Entscheidung, beim Anrufe des Schicksals, vor dem Spruche der Götter zu geben wußte; so lag auch hier jie Spanne zwischen der Scheu der ersten Begegnung bis zum blinden hinstürmen aus das beglückend nah verheißende Ziel in der Einheit eines mit jugendlich heftigem Temperament erschlossenen Charakters.
Herr E r n st als Oberpriester steigerte sich aus der ruhigen Gelassenheit und der väterlich milden Würde der ersten Szenen im Einklang mit dem immer gewichtiger werdenden Verdacht im Gegenspiel zu eifernder Kälte. — Herr Erler spielte den Naukleros sehr lebendig und dabei sehr schlicht in der Offenheit und Herzlichkeit des Gefühls. — Fast rührend wirkten, ganz irdisch und fremd im heiligen Tempelbezirk, die beiden Alten: Hilde Kneip und Herr V o l ck als Heros Eltern. — Anneliese Garbe gab die mädchenhaft weltliche, ein wenig kokette Janthe, Herr La p or te den von spürsinnigem Argwohn umgetriebenen TempeU Hüter. —
Das Haus war ausgezeichnet besetzt. Lang anhaltender Beifall rief zuletzt mit den Darstellern auch den Spielleiter an die Rampe. Hans Thyriot .
Das Gesicht erschien mir in einer Straße, in die ch eigentlich nur eingebogen, um einen Umweg zu machen, da es zu einer verabredeten Besprechung noch zu früh war. Schon von weitem fiel mir der chwarze gepflegte Vollbart auf, der mich in seiner yorm an die Selbstbildnisse Hans Thomas erinnerte, mir aber zu diesem Gesicht irgendwie nicht assen wollte. Je näher wir einander kamen, um o mehr verstärkte sich in mir das Gefühl, es fei ein alfcher, ein künstlich befestigter Bart, der eine Wir- ung beabsichtigte, die dem übrigen Gesicht fremd mar. Und da ich nur noch zwei Schritte bis zu ihm atte, erschien mir plötzlich dieses Gesicht losgelöst on seiner entstellenden Manneszier wie ein Bild, :-on dem der Rahmen fiel, und ich erkannte es: Wir ächelten einander zu, wir riefen uns beim Vornamen und priesen beide den glücklichen Zufall, der ins in dieser fast abseits von der Strömung des Verkehrs liegenden Straße zusammengeführt hatte, liimal ich nur vorübergehend in der Stadt weilte.
Der Bärtige war ein früherer Schulfreund von nir. Des schönen Augenblicks froh schloß er sich mir »hne weiteres an, nachdem er sich durch einen flüch- tgen Blick auf seine Uhr überzeugt hatte, daß er tum Dienst noch Zeit habe.
,Zu spät kommen sollst du meinetwegen nicht! mahnte ich lachend, „du hast als Schüler genug Um «nnehmlichkeiten damit gehabt!"
,^d) muß immer wieder daran denken", sagte er, slötzlich ernst geworden, ,^ch habe viel Straf art) ei» m gemacht und Arrest adgefesfen deswegen und 'atte doch selbst keine Schuld, höchstens die eine, 'aß ich meinen Vater nicht bat, mir morgens keine Besorgungen aufzuhalsen. Er hatte die üble Gewohnheit, mich, wenn ich aus der Tür wollte, noch rgendwohin zu schicken und wenn es nur drei Zigarren waren, die ich holen mußte. Die Schule • Hipfe nicht fort, pflegte er zu sagen, sie sei kein Frosch!" Er schwieg eine Weile, dann bekannte er, wie beklommen es ihm ums Herz gewesen sei, als ir zum erstenmal sein Amtsgebäude betreten habe. Xeben Augenblick sei er darauf gefaßt gewesen, eine tür werde sich öffnen und ein aufgeregter Herr ihn : nfahren genau wie einst in der Schule. Es habe lange gedauert, bis er dieses Gefühl in sich nieder- .ekämpft und zu einer gewissen inneren Freiheit iirb Selbstbehauptung sich durchgerungen habe. Er uhr sich mit der Rechten durch den Bart, und ich begann den Zusammenhang zu ahnen: „Damals <aft du dir den Bart stehen lassen", sagte ich, „in lern ich beinahe selbst meinen früheren Schulkame- leben nicht wiedererkannt hätte."
Er nickte lächelnd und verabschiedete sich, nachdem Dir uns für den Abend verabredet hatten, P. B.
Tageskalender für Mittwoch.
Stadttheater: 19 bis 21 Uhr „Der Leutnant 3ary". — Gloria-Palast (Seltersweg): „Rosen in Drol". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Was will Brigitte?". — Oessentlicher Vortrag der Uni- lersität: 20 bis 21.30 Uhr im Kunstwissenschaftlichen Uftitut, Ludwigstraße, Professor Dr. Vollrath tber ,/Der Gestaltwandel britischer Weltanschauung". — Oderhefsischer Kunstverein: 17.30 bis 18.30 Uhr
; Ausstellung im Foyer des Stadttheaters.
Sladllhealer Gießen.
Gießener Giadttheaier.
Franz Grillparzer:
„Des Meeres und der Liebe Wellen".
Wenn dem Dichter Franz Grillparzer (ge- loren in Wien am 15. Januar 1791, gestorben in Hiner Vaterstadt am 21. Januar 1872) jetzt wäh- 'ienb der Wiener Festwoche weithin vernehmbare I Ehrungen zuteil werden, dann wird damit manches (nd)tiggefteUt und wieder gutgemacht, was zu seinen Lebzeiten versäumt worden ist. Grillparzer hat in Hinern langen Leben, wenn man das Ganze überschaut und von wenigen Ausnahmeerscheinungen nie etwa dem außerordentlichen Theatererfolge Hiner „Ahnfrau" absieht, kein Glück gehabt — weder als Dramatiker mit seinen Stücken noch tls Liebender mit den Frauen noch als k. und k. Beamter mit seinem „bürgerlichen" Beruf. Das Verhältnis zu seiner ewigen Braut Kathi Fröhlich irb das Verhältnis auch zu Goethe sind beispielhaft für die lebenslängliche Disharmonie, die xvifchen Grillparzer und seiner Umwelt Herrschte, inter der fein zarter und leicht verwundbarer Geist rmpfindlich gelitten hat, und woran, wie nicht verschwiegen zu werden braucht, gewiß auch das schwierige Naturell des Dichters nicht ohne Schuld rar. Darauf des näheren einzugehen, ist hier nicht ter Ort. Die Aufführungen und Feiern jedenfalls, Im.it denen man in diesen Tagen nicht allein in Öien, sondern in ganz Deutschland des Dichters 8-denkt, sollen bezeugen, daß man G^mparzer teute weder ablehnt noch mißversteht noch fajira« tös zensiert; daß man ihm vielmehr den Ehrenplatz verkennt, der ihm in unserem Schrifttum feit lcngem gebührt: in Grillparzer und durch ihn hat ' b« österreichische Dichtung ihren späten, aber voll- Lgältigen Beitrag zur deutschen Klassik geleistet.
In einer Notiz von 1829 charakterisiert Grillparzer seine Heldin mit folgenden Worten: „zwar im Gleichgewicht des Gefühls als Weib, aber doch so gesteigert, sensuell, all das Dämonische, die ganze Welt Vergessende, Taube und Blinde, was die Weiber befällt, wenn eine wahre Liebe eine Beziehung auf die Sinne bekommen hat. Die Gedanken Heros sind nur auf das neu erwachte Gefühl und dessen Gegenstand gerichtet. Keine Furcht mehr vor Entdeckung, für Namen^ Ruf. Der Priester läßt ihr feinen Verdacht nur allzu deutlich merken; sie bemerkt ihn nicht. Man spricht von einem Sturm, sie zündet doch die Lampe an. Träumerisch, sensuell."
Kann ein dramatischer Charakter unmißverständlicher angelegt sein? Dem klaren Jnnenbilde entspricht die ungebrochene, gradlinige, nach klassischer Norm aufsteigende und absinkende Handlung. Sie erhält ihren tragischen Akzent in der einfachen Feststellung, daß Hero, „zu Höherem bestimmt", zur Priesterin im Tempel der Aphrodite zu Sestos am Hellespont geweiht, beim Anblick des Jünglings Leander in Liebe fällt, in eine sehr zarte, jugendliche, von keuschem Gefühl getragene Liebe; wie Hero empfindet, deuten am schönsten die Worte an, mit denen sie vor dem ersten scheuen Kuß das Licht fortstellt: „Die Lampe soll's nicht sehn ..." Aber eben doch Liebe. Eine Priesterin ist durch ihr Amt jedem irdischen Gefühl entzogen. In dem Augenblick, in dem Hero eine liebende Priesterin wird, wird sie zugleich tragische Heldin, ist ihr Untergang besiegelt. Jeder mögliche Ausweg aus diesem Konflikt muß tödlich fein.
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Das schrittweise Aufeinanderzugehen der beiden jungen Menschen, die scheue, allmählich leidenschaft- lieber werdende, endlich blind ausbrechende und bedingungslos sich bekennende Neigung erfährt ihre Krönung in der berühmten Liebesfzene des dritten Aktes; hier ist dramatisch und poetisch die Mitte, der Scheitelpunkt der Tragödie. Absteigend im vierten, einer „dramatischen Steppe", weist die Entwicklung mit dem entschiedener einsetzenden Gegenspiel des Priesters und mit dem drohenden Unwetter auf die unausbleibliche Katastrophe hin, die sich im letzten Akt vollendet. Während der Geliebte nach dem Eingreifen des Priesters, der am Turmfenster die Lampe löschte, im Meersturm umkommt, stirbt Hero bei der Leiche Leanders an gebrochenem Herzen, „sie vergeht", und nyr im Tode, wie Shakespeares berühmtestes Paar, vereint sie ausklingend das Drama, das man, neben dem „Faust", die
Festaufführung zum 150. Geburtstage: der Sviel- ' (eiter Herr Hans Albert Schewe war sich offen- I bar des verpflichtenden Anspruches solcher Ankün- 1 digung bewußt. Seine Inszenierung war, wenn man einen Gesamteindruck festhalten will, in gro- 1 ßem Rahmen angelegt: zunächst im äußeren Bilde, ' in der von Herrn Löffler entworfenen Raum- aeftaltung; sie hielt sich angemessen in strengen Linien und ruhigen Farben; während eine Säulenreihe seitlich den feststehenden Abschluß bildete, war das Spielfeld bis ins Orchester vorgezogen und beiderseits je ein Zugang von vorn (für die Einzel- und Volksauftritte zu Anfang) geschaffen worden. Die fünf Akte hatte man in acht Bilder aufgeteilt, deren Verwandlung sich in wechselnden Projektionen auf den Hintergrund andeutete: schöne klassische Tempelfront, heiliger Hain oder Ausblick auf das bewegte und beglänzte Meer. Allein die „kurze Gegend" mit Leanders Hütte am jenseitigen Ufer in Abydos (5. Bild) wich von der geschilderten Anordnung ab und wurde, ganz nah und vordergründig gespielt.
Dieses Bild mit der heftigen Szene der beiden Freunde schien uns für die Auffassung, die sich in der Inszenierung aussprach, überhaupt kennzeichnend zu sein: sie wahrte im durchgearbeiteten Sprachklang wie in der Haltung der Figuren das antikisch bestimmte Maß, das hier gefordert werden muß, aber sie hielt sich erfreulich fern von jenem kühlen und blutleeren Klassizismus, die man nicht selten in Vorstellungen solcher Art findet. Die sinnliche Wärme vielmehr, die von der Szene ausging und bas menschlich Gegenwärtige unmittelbarer empfinden ließ als den fernen Mythos, schien uns der beste Gewinn der Aufführung zu fein.
Kapellmeister Sö 11ners Bühnenmusik war dem Stil des Dramas unaufdringlich angepaßt. — Für die Szene im Turm würde es sich empfehlen, die Lampe so anzubringen, daß die szenische Bemerkung „das Licht auf den Boden stellend" verwirklicht werden und die oben erwähnten berühmten Worte der Hero sinnvoll gesprochsn werden können.
Auf einer Dortragsreise durch das Reich, die er! zur Zeit auf Einladung des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda unternimmt, | weilte der auch in Gießen bekannte Schweizer! Bauerndichter Alfred Huggenberger am gestrigen Dienstag wieder in unserer Stadt. Im Rahmen eines Mitglieder-Abends des Goethe-Bundes und der Kulturellen Vereinigung (früher Kaufmän- nifcher Verein), denen sich'die hiesige Gruppe des Volksbundes für das Deutschtum im Auslande (VDA.) für diese Veranstaltung angeschlossen hatte, bereitete der Gast aus der Schweiz einem zahlreichen Hörerkreis in der Großen Aula der Universität durch Vorlesungen aus feinen Werken ein schönes Erlebnis.
Regierungsmedizinalrat Dr. Irautmann als Sprecher der Veranstalter entbot dem Gast den herzlichen Willkommensgruß und erinnerte daran, daß man in Gießen noch gerne an den Abend mit dem Dichter vor drei Jahren zurückdenke. Dann trat Alfred Huggenberger an den Vortragstisch und vermittelte seinen mit großer Spannung lauschenden Hörern die Bekanntschaft mit seinem vielseitigen dichterischen Schaffen. Mit warmer und sympathischer Stimme, schlicht und einfach wie fein ganzen Wesen, sprach dieser Mann aus dem Schweizer Bauernoolk. Und was er in seinen Erzählungen an geistigem Gut aus dem bäuerlichen Leben bekannt werden ließ, war so gewinnend und eindrucksvoll, daß man ihm von Anfang bis zum Schluß gerne folgte.
Mit einer poesievollen Erzählung von der Wiese leitete er den schönen Abend ein. Er ließ hier vor dem geistigen Auge der Hörerschaft ein so lebendiges und zugleich anheimelndes Bild von dem Leben und Wirken und dem Sterben der Wiese entstehen, daß man den Eindruck gewann, hier einen Mann sprechen zu hören, der all diesen Begebenheiten mit feinempfindendem Herzen und mit aufgeschlossenen Sinnen inmitten seiner herrlichen Naturwelt zu lauschen gewohnt ist. Die anschließende Erzählung vom Erntesonntag war auf den gleichen warmen Grundton gestimmt. Hier gab der Dichter ein psychologisch außerordentlich reizvolles Bild von den Menschen und ihrem Leben in seiner Schweizer Heimat, er kennzeichnet die seelischen Werte, aber auch die praktischen Willensäußerungen in diesem Volkstum an dem Schicksal mehrerer junger Menschen, das den Hörer stark in seinen Bann zog und ihm eine begriffliche Vorstellung von dem fernhaften Wert dieser Bauern- menschen ermöglichte. Die innige Verbundenheit mit
Am heutigen Mittwoch wird zum letzten Male las Schauspiel „Der Leutnant Dary" wiederholt. Diefes erfolgreiche Stück, das Gießen nach der Uraufführung in Kassel als erstes deutsches Theater : bernommen hat, ist mittlerweile von über zwanzig □eiteren Theatern zur Erstaufführung angenommen □orden. Spielleitung: Gerhard Reuter. Bühnen-
■ iifb: Karl Löffler. 16. Mittwoch-Miete.
Orlszeil für den 23. Januar.
Sonnenausgang 9.22 Uhr, Sonnenuntergang 17.53 IFf)r. — Mondaufgang 5.23 Uhr, Monduntergang 14.17 Uhr.


