m.11l Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefien)
Montag, 12. Mai Ml
Aus der Stadi Gießen.
Lenzliche Freuden.
Es gibt sichere Zeichen für die Wirksamkeit des Frühlings: das Keimen und Sprossen im Garten, den munteren Vogelruf im Geäst des Baumes und die bekannten linden Lüfte. Noch sicherer ist freilich das Verschwinden der Wintermäntel im Straßen- betrieb und das Erscheinen der Herren auf Taille. Zunächst geschieht es noch ganz vereinzelt und sozusagen nur probeweise, aber wenn erst demnächst dos Beispiel Schule gemacht hat, dann kann kein Zweifel mehr bestehen, daß der Frühling auch den' ärgsten Pessimisten überzeugt unb ihn mit seinen Reizen beglückt hat.
Vorerst sind die lenzlichen Freuden jedoch denen vorbehalten, die gern auf Entdeckungsfahrten aus- gehen oder die kraft geheimnisvoller Ueberliefe- rungen den Zeitpunkt für gekommen halten, dem Frühling zu huldigen. Zu der ersten Kategorie zählen die Erwachsenen, die sonntags ausfliegen, um am Abend mit einem Sträußchen Anemonen,
Verdunkelungszeit
12. Mai von 21.06 bis 5.32 Uhr.
Leberblümchen oder Veilchen wiederzukehren. Zu ihnen gehören auch diejenigen, die zarte Kar- tengrüße tauschen und sich am Abend paarweise zu einem Spaziergang finden. Es ist die Gruppe jener Optimisten, deren Grundstimmung von lyrischen oder romantischen Gefühlen bewegt wird. Für sie zaubert natürlich der Frühling alle Elemente Der Freude, selbst wenn er zuweilen noch an miß. lichen Rückfällen leidet.
Anders ist es mit der zweiten Kategorie, die zwar nicht weniger begeisterungsfreudig ist, sich aber mehr realeren Dinaen zuwendet: der lieben Schuljugend. Was sie jetzt nach der langen Spanne winterlichen Eingeengtseins an lenzlichen Freuden auskostet, ist schier unbegrenzt. Du brauchst gar nicht einmal aufmerksam durch die Straßen zu gehen, und schon stößt du auf ein Idyll solcher Frühlingsbetätigung. Auf dem Bürgersteig wird beispielsweise ein edler Wettstreit im Kreiselspiel ausgetragen. Mit feurigem Eifer werden die Peitschen geschwungen und mit geröteten Wangen die tanzenden Kreisel verfolgt. Ein paar Schritte weiter ist eine Gruppe Mädchen mit Steinchenhüpfen be- schäftigt und an der nächsten Hauswand fliegen in rythmischern Schwung die Bälle auf und nieder. Merkwürdig ist allerdings, daß der Frühling auch den Drang zum schriftlichen Ausdruck anzuregen scheint. An einer Bauplanke findest du unversehens den kategorischen Satz: „Paul ist dumm", während daneben in ungelenken Kreidestrichen die Prophezeiung zu lesen ist: „Willi kriegt Senge".
Ob Willi wirklich Senge kriegt, ist nicht wichtig. Bedeutungsvoller ist jedoch, daß auch aus diesen Kreidezeichen der erfreuliche Tatendrang spricht, den der Frühling allenthalben anzuregen weiß. Sind auch die lenzlichen Freuden vorläufig noch nicht ganz ungetrübt, so wird es doch nicht mehr lange dauern. H. w. Sch.
Tageskalender für Montag.
Gloria-Palast (Seltersweg): „Die schwedische Nachtigall"; Wochenschau-Sondervorstellung um 14 Uhr „Die letzten Kämpfe m Griechenland". — Lichtspiel, haus (Bahnhofstraße): „Ueber alles in der Welt".
Dienstag, 13. Mai: Erstaufführung „Wandlungen der Liebe", Komödie von P. v. b. Hurk. Spiellei- tung: Hans Geißler. Bühnenbild: Karl Löffler. 31. Dienstag-Miete.
Stadttheater Gießen.
Mittwoch, 14. Mai: „Zweimal klopfen", Komödie von Hans Caninenberg. 30. Mittwoch-Miete.
Donnerstag, 15. Mai: Geschl. Vorst, f. KdF. 16er Ring 15. Vorst. „Zweimal klopfen", Komödie von Caninenberg.
Freitag, 16. Mai: „Wandlungen der Liebe , Komödie von P. v. d. Hurk. 30. Freitag-Miete.
Samstag, 17. Mai: Geschl. Vorst, f. KdF. „Tiefland", Oper v. d'Albert. 8er Ring 8. Vorst.
Sonntag, 18. Mai: 10. Morgenveranstaltung Sonate in g-moll von I. Rosenmüller. „Philotas", Trauerspiel von Lessing. Außer Miete. — Abends: Sonder-Fremden-Vorstellung! „Der Vogelhändler, Operette von Zeller. Außer Miete.__________
Immatrikulationsfeier der Universität
)ie
Feier. Dann sprach
Se. Magnifizenz der Rektor Professor Or. med. H. W. Kranz
In der vollbesetzten Großen Aula fand — wie wir am Samstag schon kurz mitteilten — am Samstag in der Mittagsstunde die feierliche Immatrikulation der neuen Studierenden des Sommersemesters 1941 durch den Rektor, Professor Dr. mea. H. W. Kranz, statt. Zu der Feierstunde hatten sich neben dem Lehrkörper auch ein Vertreter des Kreisleiters, der Ehrensenator unserer Ludoviciana Oberbürger, meister Ritter, sowie weitere Gäste eingefunden.
Nach dem Einzug des Rektors und der Dekane eröffnete festliche Musik unter Leitung des Univer- itätsmusikdirektors Professor Dr. Temesväry
zu den neuen Studierenden. Er erinnerte sie einleitend an die Größe unserer Zeit, in der Weltgeschichte gemacht und über unseren Lebensraum, unsere kulturelle und machtpolitische Entwicklung für Jahrhunderte der Grundstein gelegt und entschieden werde. Dann wies er darauf hin, daß sich gerade an diesem Tage zum erstenmal der Tag jähre, an dem die nationalsozialistische deutsche Wehrmacht zum Entscheidungskampf gegen die größte Territorialarmee der Welt, Frankreich, antrat und unter dem Befehl unseres einmaligen Füh- res von Sieg zu Sieg schreiten und mit ihrem Einsatz die Entscheidung für das kommende nationalsozialistische Zeitalter erkämpfen konnte.
Dann begrüßte der Rektor besonders die vielen Studenten im Ehrenkleid des deutschen Soldaten, und er verknüpfte damit einen kurzen Rückblick auf die Zeit nach dem Kriege 1914/18, da ebenfalls junge Studenten im feldgrauen Kleid des unbesiegten deutschen Soldaten in die Hörsäle der Universität ein- zogen. Jenen Jahren gegenüber seien die heutigen jungen Studenten viel glücklicher, weil sie ihr Stu- dium in einer stolzen großen Zeit beginnen oder fortsetzen könnten, und dies nur dem Führer, seiner Idee und seinen alten Gefolgsmännern zu verdanken hätten, die unter schwierigsten Umständen die Voraussetzungen erkämpfen mußten, unter denen jetzt der deutsche Adler das Hakenkreuz in siegreichem Flug über Länder und Meere trage.
Daraus ergebe sich, so betonte der Rektor, für die Studenten eine große Verpflichtung nicht nur für einen einmaligen Einsatz, sondern erst recht in der Arbeit des Alltags. Wie unsere Soldaten an der Front ihr Leben für die Macht und die Größe unserer Nation einsetzen, so bedeute die deutsche Wissenschaft, der Aunrnehr auch die jungen Stuben, ten bienen wollten, ebenfalls eine gewaltige, und zwar eine kulturelle Macht von hervorragender poli. tischer Bedeutung. Die Geltung der grohdeutschen Nation sowie ihr Führungsanspruch im großdeut, schen Raum und in der gesamten Welt werde in Zukunft nicht nur auf den Bajonetten der deutschen
Wehrmacht ruhen, sondern aucy und erst recht auf den geistigen und wissenschaftlichen Voraussetzungen. Deshalb müsse das deutsche Schwert des Geistes ebenso blank und scharf gehalten werben wie das stählerne Schwert, das heute mit vernichtender Wucht unseren Gegner England treffe. Die Stuben- ten müßten unter Beweis stellen, daß sie nicht nur die Waffen des Krieges, sondern auch die des Gei- stes zu führen verstehen. Armis et litteris ad utrumque parati fei der Wahlspruch unserer Universität, der die jungen Studenten nun angehören.
In seinen weiteren Ausführungen betonte der Rektor die Verpflichtung der jungen Akademiker gegenüber unserer Volksgemeinschaft. Er wies auf die Gemeinsamkeit des Blutes und der Rasse, in der unser Führer uns alle eingeschlossen hat, die gemeinsame weltanschauliche Einstellung, die Macht der deutschen Seele und des deutschen Glaubens sowie die heroische deutsche Zeit hin, die von der Idee des Führers heraufgeführt wurde und heldische Menschen verlange. Die Triebkraft des heldischen Menschen sei das Herz, seine Begeisterungsfähig, feit und Liebe zum unermüdlichen Einsatz, die sich nicht durch Worte, sondern durch die Tat, durch die Leistung erweise. Don jeher sei die Begeisterungs- fähigkeit ein besonderes Charakteristikum der Jugend gewesen. Als Beispiel dafür wies er auf die Männer hin, die von der Begeisterung des Jahres 1914 und von dem stillen, nicht weniger begeisterten Heldentum im gewaltigen Ringen des Weltkrieges erfüllt waren, ferner auf die alten Kampfgenossen des Führers in jener Kampfzeit, als er immer wieder unermüdlich zum Herzen des deutschen Menschen sprach und die beutsch-germa- nische Seele erweckte, die teilhaben durften an der glorreichen Wiederaufrichtung der deutschen Nation durch den Führer.
An diese Begeisterungsfähigkeit der Jugend appelliere er auch heute wieder. Es gebe kein Volk, das sich seine Dolkwerdung im Laufe der Geschichte )o opfer» und verlustreich, so schwer und mühevoll erringen muhte, wie das deutsche Volk. Die Zeit der Erfüllung, in der wir leben, verpflichte uns alle in befonoerem Maße. So fei die Zeit unser. Was sie in Zukunft fein werde, werde sie durch die deutsche Jugend sein. Daher möchten die Studenten unserer Ludoviciana sich würdig erweisen der großen Zeit, die in besonderem Maße Einsatz, Opfer und Leistung von uns fordere.
Darauf nahm der Rektor, nachdem Dürodirektor Kinkel die Verpflichtungsformel vorgelesen hatte, die Verpflichtung der jungen Studenten auf die Gesetze der Universität und als nationalsozialistische Kämpfer der Gegenwart und der Zukunft vor.
Im Anschluß an eine weitere musikalische Dar- bietung schloß der Rektor die Feierstunde in üblicher Weise.
Iubiläumsappell der alten 116 er.
Die Kriegerkameradschaft ehern. 116er Gießen, die durch die Veranstaltung der großen 116er»Sage wertvolle Beitrage zur Geschichte der Garnisons- ftabt Gießen geliefert bat, hielt am gestrigen Sonntag anläßlich der 30. Wiederkehr ihrer Gründung einen Jubiläumsappell ab. Am Vormittag fand am 116er-Denkmal eine Ehrung der Gefallenen statt, an der sich auch Kameraden der Alsfelder 116er-Kamerabfchaft beteiligten und bei der Kameradschaftsführer Hans Bill einen Kranz nieder, legte.
Der große Saal des „Burghof" war zum Iubi- läumsappell am Nachmittag mit der Gedenktafel der Gefallenen und dem Bild eines 116ers in Pa- rade-Friedensuniform, sowie mit Grün geschmückt. Kameradschaftsführer Bill begrüßte besonders Kameraden Kreiskriegerführer, Oberoeterinärrat Dr. Monna rd mit seinem Stab, Oberstleutnant a. D. Wegeli als Vertreter des Traditionsverbandsführers und der Offizierskameradschaft ehern. 116er, die Kameradschaftsführer I. Müller von der Artilleristen- und D ö h n von der Kriegerkameradschaft 1874, die Kameraden der 116er-Ka° meradschaft aus Alsfeld, die Kameraden aus Münchholzhausen, Lollar, Wetzlar und Wieseck sowie den
alten Fahnenträger Karl D a p p e r. Den im letzten Jahr verstorbenen 12 Kameraden wurde ein ehren- des Andenken gewidmet.
Der Alexanbermarsch, der Marsch des Regiments, bildete die festliche Ueberfeitung zu der Ansprache des Kameraden Karl Beil, der in eindrucksvoller Weife einen Rückblick auf die Entwickelung der Kameradschaft gab, wie wir sie bereits am vorigen Dienstag in großen Zügen schilderten. In seiner Ansprache ging er auch auf die ersten Bestrebungen zur Errichtung eines Ehrenmals für die Gefallenen ein, die auf Das Jahr 1919 zurückgehen. Erst als 1922 der Verband ehern. 116er gegründet worden war, wurde auf dem Derbandstag 1923 erneut eine Anregung dazu gegeben, die 1924 bereits so weit verwirklicht werden konnte, daß auf dem zweiten 116er-Tag der Grundstein für ein Ehrenmal gelegt werden konnte. 1925 wurde das Denkmal seiner Bestimmung übergeben, wobei mehr als 10 000 Käme- raden zugegen waren. 1933 wurde Kamerad Bill 1. Kameradichaftsführer, der heute noch die Kameradschaft führt. Unter seiner bewährten Leitung wurde 1934 eine Wiedersehensfeier ab gehalten, an der auch die damals die Tradition des Regiments führende 2. Kompanie des J.-R. 15 unter Haupt
mann Schiel teilnahm. 1937 folgte eine wetterS Wiedersehensfeier. Die letzte Feier im Jahre 1938 mit dem neuen Regiment war wohl das schönste Fest, das Gießen je gesehen hatte. Für die älteren Kameraden war es eine besondere Freude, das junge Regiment unter der Führung von Überjt Herrlein mit seinen neuen Waffen glänzen zu sehen. Es war dies zugleich die 125-Jahrfeier .des Regiments. Der Redner gedachte sodann mit he?z* lichen Worten des Dankes an den Führer und Obsr- sten Befehlshaber des Wiederaufbaues der beutfd^eu Wehrmacht, der herrlichen Waffentaten unserer Sol* baten unter ihrem genialen Feldherrn Adolf H i t - l e r und des wunderbaren soldatischen Geistes, der in unseren Soldaten lebendig ist. Sodann erinnerte er an die großen Verdienste des Kameraden Generalmajor a. D. Mohr, der die Kameradschaft stets mit Rat und Tat unterstützte. Am Schluß seiner Ansprache brachte er die herzlichsten Wünsche für unsere herrliche Wehrmacht, für unser Regiment 116 und vor allem für unseren Führer Adolf Hitler und das großdeuksche Vaterland zum Ausdruck. An- schließend wurden gemeinsam die beiden Nationallieder gesungen.
Kameradschaftsführer Bill gab bann Kenntnis von den Glückwünschen des Traditionsoerbandsfüh. rers Major Wolf, der 116er-Kameradschaft Bad- Nauheim, des Generals Mohr, des Kameraden Dr. Martini (Stuttgart) und eines Kameraden aus Lauterbach.
Oberstleutnant a. D. Wegeli sprach hierauf über den Sinn der Tradition, die er als Kraftquelle der Wehrmacht bezeichnete. Tradition verpflichte. Die junge deutsche Wehrmacht habe bewiesen, daß sie es ihren Vätern gleich mache, ja, diese noch übertreffe. Zur Pflege der Tradition seien die Kameradschaften da, und die 116er-Kamerabschaft habe die Tradition in mustergültiger Weise gepflegt. Es bestehe enge Beziehung zwischen der Gießener Kameradschaft und dem jungen Regiment, wie sie idealer nicht fein könne. Kamerad Bill unterstrich die Verbindung mit dem Regiment und betonte, daß wie schon früher Vater und Sohn im Gießener Regiment gestanden und geblutet haben, so auch jetzt wieder der Sohn des Kameraden Petri als Offizier mit feinem Herzblut die Tradition erneuerte; ihm wurde ein stilles Gedenken gewidmet. Kamerad Falkenhainer überbrachte die Glückwünsche der Alsfelder 116er- Kameradschaft.
Kreiskriegerführer Kam. Dr. M o n n a r ö sprach der 116er-Kameradschaft seine Anerkennung für ihre Arbeit aus. Er betonte, daß er sich auf ihren Karne- radschaftsführer stets verlassen konnte und hoher die Kameradschaft in besten Händen wisse. Die trefflichen Worte des Kameraden Beil, so sagte er weiter, haben vor Augen geführt, welche große Arbeit bisher in her Kameradschaft ehemaliger 116er geleistet würbe. Wenn her alte 116er-Geist hie Kamerabschaft weiter so beherrschen wirb, bann steht ihr noch eine große Zukunft bevor. Hierauf ehrte er im Auftrage bes Reichskrieaerführers hie Kamerahen Kamerad- schaftsführer Bill, Karl Burger, Friehrich Reitz, Karl Beil, Fritz Hirsch, Georg Korell, Richarb Biehenkavp und Heinrich Kern. Weiterhin ehrte her Kre'skri-aer- führ er auch hie Mitbegrünber, hie Kamerahen Karl Burger, Fritz Reitz. Karl Beil. Fritz Hirsch. Aholf Möhl, Christian Weeg, Karl Haupt. Fritz Adami, Konrad Becker. Wilhelm Braun. Fr'tz Nennst'"l, Karl Plank. Heinrich Svieß, Christ. Franz. WhiL Nikolaus. G-ora Schröbel, Karl Zink, Karl Gilbert und August Noll.
Kamera- Bill lvrach hierauf bas Schlußwort, in harrt er für alle Glückwünsche bankte und zu n"N"r Mitarbeit, eingedenk der großen Tradit'on. anfrtef.
Die Kapelle Schleuse, ein ehemaliger 116er, umrahmte die Feier mit Marschmusik und Soldatenliedern.
M'etst-'aerunaen
bei möblierten Simmern umukäsfia.
Seit Kriegsbeginn hot eine Reihe von Umständen die Nachfrage nach möblierten Zimmern in vielen Teilen des Reiches außerordentlich verstärkt.
'-DRAGEES^
Roman von Elisabeth jjolt
15.Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Nach erner halben Stunde begann der Polizei- rat die Hauszentrale in Bewegung zu bringen, tief unten im Halbstock störte er einen Beamten auf einsamem Nachtdienst aus leichtem Dösen auf, und noch zwanzig Minuten später lieferte der Der- schlafene ein Fahndungsblatt her Neuyorker Po- lizeizentrale an Mühsams Schreibtisch ab, bas fol- genden Wortlaut hatte:
„Erkennungsdienst
Polizeidirektion Neuyork Eity
5000 Dollar Belohnung!
Es ist zu fahnden nach:
Name: Peter Schiff, alias Frank Stone, alias???
Geschlecht: männlich.
Nationalität: Vermutlich Amerikaner, spncht ohne fremden Akzent.
Alter: etwa 35 Jahre.
Figur: schlank.
Größe: etwa 175 Zentimeter.
Bart: glattrasiert.
Gesichtsform: länglich.
Haare: bunfeL
Augen: ?
Mund: gewöhnlich.
Stirn: ?
Hautfarbe: hell.
Befaäftiflung: Ana-blich .ynLustri-xhoto^aph. MögUchsrwefte auch zeitweise künstlerische Beschatte - a(siehe die genaue Kenntnis der Lebensgewohn- Rosie Barkers).
Kleidung: Gute unauffällige Kleidung.
Ständiger Aufenthalt: Unbekannt. Scheint viel ZU reifen, dürfte in verschiedenen Orten verschiedene Nomen führen und nach Verübung eines Ber- brechens seinen Aufenthalt unverzüglich wechseln.
Sprachkenntnisse: Englisch, Italienisch, möglicher- weise auch etwas Deutsch.
Gefährten: keine. Arbeitet stets allein.
Lichtbild liegt behördlicherseits nicht vor. Der Gesuchte entstammt anscheinend höheren Ständen und verfügt über eine gewisse Gilbung, die es ihm ermöglicht, in wohlhabenden Kreisen Zutritt zu sin- den und dort Gelegenheiten für Einbruchsdiebstähle auszuspüren. Nachweisbar liegen ihm zur Saft:
1. Raub eines Smaragdschmuckes aus dem Besitz des Edelsteinhändlers Cornel ten Bork, Amsterdam.
2. Kasseneinbruch bei Smith Brothers, Juweliere, Neuyork. ~ _____
3. Kasseneinbruch bei Maxwell Limited, Philadelphia. _
4. Einbruch, Raub und Mord an der Tänzerin Roste Barker, Neuyork.
5. Mordversuch an Schutzmann P O. Donnovan, den Schift, um sich einer drohenden Verhaftung zu entziehen, anschoß.
Schift zeigt sich stets allem, er schießt sofort, sowie er Entdeckung befürchtet.
Der Gesuchte hat sich am zwanzigsten Januar unter dem Namen F. Stone auf dem italienischen Passagierboot .Regina Ttaria< nach Europa einge- schifft und konnte bei her ßanhung in Genua unerkannt entkommen. Die Polizeibehörden aller Länder werden aufgeforbert, Spuren bes Gesuchten zu verfolgen unb zweckbienliche Mitteilungen sofort nach hier weiterzugeben."
Dieser Aufforderung waren noch ein paar lose Blätter beigeheftet — an Fachleute gerichtet, offenbarten sie "bestimmte Einzelheiten und Eigenarten der arbeit Peter Schiffs. Wahrscheinlich wußte er selber nichts davon, daß ihn alle Ueberlegunq und Vorsicht nicht davor bewahrt hatte, gewisse charakteristische Spuren,hinter sich zu lassen wie verwischte Besuchskarten. Zum Deisptel: immer bohrte er die Stahlschranke und Safes von hinten an,_ immer fügte er sich durch Ziegelmauern an die Rückwand der Kasten durch, Alarmsignalen unb allerlei tückischen Kombinationen her Schlusselfront vorsichtig aus hem Weae gehend. Unb stets fraß seine elektei- sche Bohrmaschine jene gewiße Löcherreihe in ben Stahl, die her Zinkenweite feines Reißers genau entsprach. O ja — es lag schon so etwas wie fünft- lerifche Eigenart in Peter Schiffs Arbeit, hie Kaltblütigkeit unb unheimlich geschickte Hänbe voraussetzte'
Polizeirat Mühsam rief Schweigers Arbeitszimmer an.
„Sind Sie noch da?" fragte er sanftmütig. ,^s wäre mir recht, wenn Sie nochmals auf einen kleinen Sprung zu mir herüberkämen. Das Protokoll ausfertigen? Hat Zeit. Ich möchte Jl)nen vorerst etwas zeigen."
Ohne ein weiteres Wort bekam Schweiger das Fahndungsblatt nebst den fünf vertraulichen Beilagen in die Hand gedrückt. Er las und stieß einen Pfiff aus, er las wieder unb runzelte hie Stirn, feine Theorie von ben zwei Männern bekam einen Sprung. Ja, natürlich, konnte es auch ein einzelner Mann geschafft haben. Aber bas schien fast unglaublich.
„Schauen Sie einmal her", sagte der Polizeirat, „was mich stutzig macht: der Kerl hat ben Einbruch doch schon einmal versucht und wurde damals von her Sekretärin — wie heißt sie —? ja von her Maurer, verscheucht. Er ist bann eben zu geeigneterer Zeit roiebergefommen. Das hat er bei zwei von ben früheren Fällen geradeso gemacht. Der Bursche ftt zäh unb geht nicht so leicht ab von seinem Plan. Genau so bei ben Juwelieren Maxwell in Philabelvhia wie bei her Raubmorbsache an der Barker. Zu her hat er sich mit einem Orchideenstrauß in der Hand hinauffahren lassen, der Liftmann hielt ihn natürlich für einen Herrn aus her ständigen Gesellschaft der Tänzerin. Das erste Mal waren Gäste bei der Barker, unb Schiff tat so, als wäre er irrtümlich an eine falsche Tür geraten. Zwei Wochen später hat er bann bas Experiment wieberholt, da war die arme Person allein! Nun — urteilen Sie selbst!"
Zehn Minuten vor Mitternacht ließ sich Schweiger überzeugen, unb es wurde für hie ersten Morgen- ftunben eine Vernehmung im Hause der Sängerin verabredet.
Mühsam war chr einmal bei irgendeinem Ball vorgestellt worden und gestaltete die dienstliche Begegnung weltmännisch. Er küßte Pola hie Hand und entschuldigte sich wegen her frühen Stunde — aber es sei unerläßlich: je frischer hie Spur, desto größere Aussicht auf Erfolg.
„Oh, ich stehe immer um acht Uhr auf", versicherte Pola überzeugend, aber nicht ganz wahrheitsgemäß. Sie hob hilflos die Hände von her j Armlehne ihres Stuhles. „Aber ich weiß gar nichts, ich kann nichts erzählen."
1 Mühsam lächelte wohlwollend und ging behutsam
daran, das schlechtlaufende Erinnerungsvermögen her Zeugin zu ölen.
„Wann haben Sie den echten Schmuck zuletzt gezogen?"
„Erst neulich — bei meiner kleinen Gesellschaft, letzten Mittwoch."
„Schön. Und später?"
„Später nicht mehr. Aber der gesamte Schmuck war bei mir zu Hause im Safe. Bis vorgestern. Denken Sie nur, was für ein Glück!" sagte Pola aufseufzend.
Auch Mühsam fand, bas Schicksal habe es mit Pola gut gemeint, aber er wollte wissen, warum her \ Schmuck gerabe vorgestern in die Bank getragen wurde. Ein Zufall? Ober habe sich vielleicht irgendjemand besonders auffällig nach den Juwelen um- gesehen?
Die Sängerin ließ ihn nicht zu Ende sprechen. Umgefehen? Sie lächelte schwach und hochmütig. | „Diele Leute sehen sich nach meinem Schmuck um, j Herr Polizeirat. Aber hie großen Stücke liegen . meistens in her Bank, ich trage sie nie auf her | Bühne, nehme sie höchstens mit auf Reisen. Der I Schmuck lag eben im Safe, unb vorgestern hat Otto --hat Baron Otto Birinsky, her seit Jahren I zu meinen intimsten Freunben gehört, ihn in die • Bank gebracht."
I „Demnach wußte von chrer näheren Umgebung niemanb, daß im Safe nur mehr die Imitationen lagen?"
„Nein." Pola schaute interessiert zu, wie der Polizeirat stenographierte. Die letzten Runen, bie er auf bas graue Konzeptvapter ichmierte, brüteten: Birinsky hat Einblick in ben Safe. Mer noch* । Beziehungen zu anderen Männern ? Neue Bekannte?
Er begann sachte auf ben Busch zu klopfen, ynb zu ferner Ueberraschung fiel nicht einer, ten^rn ! rund zehn Männ-r heraus, bie kaum xv&n Monate lang zu Polas Bekannten zählten. Sie filmte ta, | sie ging hoch nächstens mit einem kleinen Ensemble । auf Gastspielreise, auswärtige Manager sprachen bei ihr vor, Gott mochte wissen, wer alles ins Haus kam. Die meisten fertigte Rosa ab, oder n°uer- bings Frau Maurer, ihr selbst blieb weher Muße noch Kraft, sich für bie mannigfachen Anliegen fremder Leute zu verzetteln.
(Fortsetzung folgt.)


