M- Jahrgang Nr.m (Sdcbeim täglich, auker Sonntags und feiertags Beilagen: Die Illustrierte Giekener^amilienblätter Heimat imBild DieSckwlle MonatS-BezugSvreis:
Mit 4 Beilagen NM. 1.95 Ohne Illustrierte • 1.80 Zustellgebühr. „ -.25 aucb bei ^«'icbtersckemen von einzelnen Nummern infolge höherer Gewalt Aernsvrechanschluk 2251 Drahtanscknnft:„Anzeiger" Postscheck 116««krankt. M
GietzenerAnzeiger
vrühllche Unti>erfUäts6ru<ferti H. taege General-Anzeiger sür Oberhessen ^ekbemSdlMltttaee M
Montag. Mai
Annahme von Anzeiger» für die Attttagsnummer bis8'/,Uhr desBormittags
Aruergen-Prerle:
Ämetflentetl 7 Nvk. te mm bei 22 rinn Zeilenbreite, Tertteil 60 Rvl. te mm bei 70 mm Zeilenbreite
Nachlässe:
Wiederholung Malstaffel l AbschlüsseMengenüanel B
Plavvorschrift l vorherige Vereinbarung) 25 ’/n mehr
Die Regierung
Bon unserem E. F
Vichy, Mai 1941.
„Vichy, Ville thermale ävitez le bruit" (Vichy, Badestadt, keinen Lärm machen), kann man auf einer großen Tafel lesen, wenn man über die Brücke gefahren ist, die zwischen Bellerive und Vichy den Allier-Fluß überquert. Man macht sich seine Gedanken und stellt lächelnd fest, daß man den Worten ohne allzugroße Phantasie einen doppelten Sinn unterschieben kann. In der Tat, man liebt den Lärm nicht allzusehr in Vichy, weder in den Straßen noch in den Büros der zahlreichen Ministerien, die in soundsoviel Hotels untergebracht sind. Man kann die Analogie noch viel weiter treiben und finden, daß der ganze Regierungsbetrieb sich durch eine gedämpfte Betulichkeit auszeichnet.
Begnügen wir uns damit, einen Blick auf den äußeren Rahmen zu werfen, der den gegenwärtigen Aufenthalt der französischen Regierung umspannt. An den Ufern des Allier, der von der Auvergne nordwärts zum Bourbonnais fließt und gerade hier das Land in die feinen, duftigen Linien der Loire-Landschaft zu Hullen beginnt, liegt die Badestadt Vichy, der das halbe Dutzend heilkräftiger, dem südlichen Dulkangestein entströmender Quellen Weltruhm verliehen hat. Zumindest ist Vichy der bedeutendste Badeort Frankreichs. Da seine Hotels darauf eingerichtet sind, etwa 30 000 Fremde gleichzeitig zu beherbergen, verfiel man im vorigen Sommer wie von selbst darauf, hier die Regierung zu installieren, nachdem man Bordeaux hatte verlassen müssen und sich kurze Zeit in Clermont- Ferrand aufgehalten hatte. Gerne wäre man nach dem lebhafteren Lyon gegangen, aber die Frage der Unterbringung wäre dort weniger leicht zu lösen gewesen als in Vichy. Bald wird dieses Regierungs-Provisorium ein Jahr gedauert haben, und der Begriff „Vichy" wird irgendwie mit die- em inhaltsschweren Jahr europäischer Geschichte ür Frankreich verbunden bleiben. Die Hotels werten eines Tages wieder Hotels und nicht mehr Ministerien sein, aber es wird in ihnen für immer ein Hauch aus der Zeit geistern, in der die Welt den Atem, angehalten hat.
Welch merkwürdige Durchsetzung beschaulicher Pro- vinzspießigkeit mit der snobistischen Betriebsamkeit, die während vieler Jahrzehnte aus Paris und allerlei sonstigen internationalen Zentren hereingeströmt ist! Zwischen die anspruchslosen Häuschen mit ihren roten Dächern schieben sich die Hotelpaläste mit den tönenden Name, und Badehäuser in einem etwas überraschenden Stil bauen sich vor ihnen aus. Der „Alte Park" ist das Kurzentrum wo ttt ihren Pavillons dis sieben Quellen sprudeln, denen ihre Heilkraft und die dafür gemachte Reklame eine internationale Berühmtheit verschafft haben. Aber dieser „Park" ist kein Park, sondern ein langgestreckter Platz mit einigen Baumreihen. Rings herum zieht sich ein offener Wandelgang, der durch ein Dach mit Eifenplatten geschützt ist, die auf gußeisernen Säulen ruhen.
Das alles war sicherlich einmal sehr elegant zur Zeit unserer Großväter, die an gußeisernem Blätter- werk ihre Freude hatten. Heute liegt auf alledem der Staub, und es geht hier in Vichy wie mit so vielen anderen Dingen in Frankreich auch: die Tradition ist mehr eine Last denn ein Born junger Freude. Die Anlagen stammen in der Hauptsache aus der Zeit des dritten Napoleon, der in den fünfziger und sechziger Jahren gern nach Vichy kam, wie alles, was nicht mit dem Funktionieren seiner Leber, feiner Nieren und seiner Gedärme zufrieden war. In der Zeit des dritten Napoleon mag man auch das Kurhaus, das „Kasino" gebaut haben, das auf den Postkarten und Bildern in den illustrierten Zeitschriften viel pompöser wirkt, als es sich dem nüchternen Blick darbietet. Zwischen dem alten und dem neuen Park liegen einige Straßenzüge mit kleinen Häuschen, in denen Dutzende von Spezialärzten für die typischen „Vichy-Leiden" praktizieren. Auch der „Neue Park", der sich dann am Ufer des Allier-Flusses anschließt und knapp hundert Meter breit ist, ist eine Schöpung Napoleons III., wie auch das halbe Dutzend hier eingesprengter „Chalets" im Stil von Schweizerhäuschen.
Im ganzen genommen muß man die Natur außerhalb dieses Badeortes suchen, auf den saften, mäßig bewaldeten Höhenzügen, die den Lauf des Allier begleiten, und in dem Blick auf die fernen Berge der Auvergne. Wenn man einen Ausflug flußaufwärts macht, leuchten dort im Südwesten schneeig-weiß und faszinierend die vulkanischen Kegel, die sich um den steilen Puy-de-Dome, die Urheimat der Gallier, gruppieren. Drüben am anderen Ufer des Allier, steht freundlich und luftig, im englischen Cottage-Stil, rot und weiß, mit moosigem Dach, das Golfhaus; die Rennbahn schließt sich an, und ein Spazierweg führt mitten durch sie.
In Vichy selbst geht es im Grunde genommen sehr puritanisch zu. Es i|t nicht mehr die Zeit der glänzenden „Saisons" von einst, wo es für die Gesellschaft und die Träger so vieler bekannter Namen aus Politik, Kunst und Literatur zum guten Ton gehörte, einige Wochen in Vichy zu verbringen, und wo die Luxuskokotten aus Paris sich in diesem Kometenschweif einstellten. Jetzt ist das Hauptquartier des Waffenstillstands-Frankreichs, dieses Land zwischen Krieg und Frieden, im Hotel du Parc, im Angesicht der Sprudel, wo man ernst die „Grande Grule" errichtete, das große Gitter, das vor zwei Jahrhunderten erbaut werden mußte, um die andrängenden Viehherden zuruckzuhalten, die bas aus dem Wiesenboden hervorquellende Master begierig schlurften.
Martialische Soldaten der Garde Marschall Pötains, in schwerem Lederhelm, mit weißen Stul- penärmeln, bewachen das Hotel, wo das Außen- minifterium und die Ratgeber des Marschalls untergebracht find. Man braucht Ausweise und besondere Erlaubnisse, um in diese Räume vorzudringen. 9m übrigen sind die militärischen Ministerien am besten untergebracht; Justiz, Inneres,. Kolonien usw.
n der Badestadt.
.-Korrespondenten.
hausen bescheidener. Das Staatssekretariat für die Luftfahrt residiert in einem klotzigen Riefenhotel, dem „Hotel Radio", vor dem sich ein intimer Platz, der Square Albert I. ausbreitet. Die gefallenen Krieger aus dem Weltkrieg sind hier durch eine idealisierte Jünglingsgestalt dargestellt, die mit dem Schwert in der Hand träumend in die Ferne blickt. Ein bescheidenes „Hotel Voltaire" sinnt in träumerischer Versunkenheit vor sich hin, und der rote Backstein des Kasinos dringt in eine Ecke des Platzes vor. Nebenan ist das „Hotel des Ambaffadeurs", wo immer noch viele Diplomaten sich ihrer Muße hingeben können.
Das Kriegsministerium ist gleichfalls in einem sehr geräumigen und komfortablen Hotel untergebracht, dem „Thermal-Hotel" beim Kasino. Das Marineministerium haust etwas abseits, im „Hotel du Helder" hinter den Badeanlagen. Matrosen geben dieser Gegend ihr buntbewegtes Aussehen, Anten- tennen und Wagen mit allerlei Funkgerät vermitteln hier Botschaften zwischen Frankreichs einstweiliger Hauptstadt und den vorgeschobenen Posten des Kolonialreiches, die auch heute noch von der Kriegsmarine betreut werden. Die übrigen Ministerien sind etwas summarisch und verstreut untergebracht, zumeist ebenfalls in Gasthäusern; vielfach stehen noch Hotelbetten in den Zimmern, die Beamten seufzen und sehnen den Tag herbei, an dem sie einmal nach Paris zurückkehren können. Die Photographie des Marschalles aber begegnet einem überall; sie ist zu einem Symbol geworden.
Vom „ewigen Frankreich" hört man viel, mehr allerdings in theoretischen Zeitungsartikeln als in politischen Gesprächen, die meist mehr um brennende Gegenwartsprobleme kreisen. Welche Briefe könnte heute eine Madame de SöoignL schreiben! Für die Franzosen sind die Madame de SLvigne
Berlin, 11. BlaL (DBB.) Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt:
Die britische Luftwaffe hat in den letzten Büchten erneut und planmäßig Wohnviertel deutscher Städte, darunter auch der Reichshauptstadt bombardiert. Als Bergeltung führten in der letzten Bucht starke Kräfte der deutschen Luftwaffe einen Großangriff gegen London durch. In rollenden Einsätzen wurde die britische Hauptstadt die ganze Bucht hindurch bei guter Erdsicht mit Sprengbomben aller Kaliber und Zehntausenden von Brandbomben belegt. Großfener im Themsebogen, besonders in den Lommercial- und Will- wall-Docks sowie zwischen Waterloo-Bridge und den Bictoria-Docks liehen die durchschlagende Wirkung erkennen. Lin Flammen - Meer nordwestlich des Themsebogens war noch aus einer Entfernung von 100 Kilometer sichtbar.
Andere Kampffliegerverbände zerstörten durch Bombenvolltreffer große Teile eines Leicht- metall- und Motorenwerkes sowie eines weiteren Rüstungswerkes im Süden der Insel und bekämpften erfolgreich Hafenanlagen an der Themsemündung, in Plymouth und an der Südostküste, lieber englischem Gebiet wurden zwei feindliche Flugzeuge abgeschossen.
U-Boote versenkten bei Operationen im Bord- atluvtik 29 800 BRT. feindlichen Handelsschiffs-
!«■
Großer Eindruck der W rkung des
Berlin, 12. Mal. (MB. Funkspruch.) Die englischen B erichte über den deutschen Ber- geltungsschlag gegen London in der Bucht zum Sonntag lassen jedes Eingehen auf Einzelheiten vermissen. Im Londoner Rundfunk hieß es nur „überall hätten sehr heftige Brande gewütet" und „in verschiedenen Stadtteilen seien schwere Schäden und Berluste entstanden". Ls sei „eine der arbeitsreich st en Rächte für die Feuerwehr" gewesen! Unter den verschiedenen wichtigen Gebäuden, die als getroffen erwähnt werden, wird auch das Parlamentsgebäude aufgezählt. Reuter fugt dazu: „Ls ist zu befürchten, daß das Unterhaus vor feinem Wiederaufbau (!!) n ich t mehr zu benutzen fei“.
Etwas farbiger find die Meldungen der Beu- yorker Sonntagspresse, wenn auch hier die Weisungen des englifchen Zensors überall durchklingen. Der Angriff komme den schlimmsten gleich, die London je erlebt habe. Man rechne mit riesigem Schaden und einer großen Zahl Opfer. Bach „Bero York Times" wurden alle Stadtteile wiederholt mit Tausenden von Spreng- und Brandbomben belegt In zahlreichen Dellen hätten die deutschen Flugzeuge angegriffen, wobei sie teilweise sehr niedrig flogen. Ganze Stadtteile feien von dem Einschlag schwerster Bomben betroffen worden.
„Bem Jork herald Tribüne" beschreibt den Angriff als durch den Bollmond begünstigt, der Mond sei später durch den Rauch zahlreicher Großbrände verdunkelt worden. „Der branderhellte, blutrote Himmel bot einen schauerlichen Anblick." Der Berichterstatter von Associated Preß roerfd als Sympton für die Schwere des Angriffs, daß
und ihre Briefe an ihre Tochter ja immer noch ein literarischer Begriff, diese Briefe, in denen die maliziöse Dame ein so brennend interessantes Bild ihrer Zeit, der des Sonnenkönigs Louis XIV. entwarf. Sie hat manchmal auch hier, in Vichy, ihre Kur gemacht, die Madame de Sövignö, als es hier noch etwas altfränkisch zuging und wo man sich doch so galante und manchmal auch so spitze Dinge sagte. Der Pavillon de Sövigne in der Nähe der Allierbrücke ist ein entzückendes Juwel französischer Renaissance-Architektur, versteckt und nur noch gelegentlich zu repräsentativen Zwecken benutzt. _
Etwas weiter flußwärts hat man die „Celestins- Quelle" modern gefaßt. Ihr Wasser ist angenehmer zu trinken als das der übrigen Quellen mit ihrem vielen Calcium, Magnesium usw., denn es enthält reichlich Kohlensäure, und darum wird es auch in alle Welt verschickt. Dieser Betrieb ist staatlich, und die „Compagnie Fermiöre" hat nicht nur die Einnahmen, sondern muß auch alle die Kureinrichtungen betreuen. Der Name der „Celestins", der .himmlischen" Klosterbrüder, die einst vor Jahrhunderten die Heilkraft des Wassers schätzten, lebt in Milliarden von Flaschenetiketten fort.
Diele Fragezeichen ohne Antwort stehen vor dem Besucher, der das alles betrachtet. Wenn man vom Hotelfenster aus in einer Mondnacht nach dem Horizont sucht, blitzt das silbrige Licht seltsam auf den merkwürdigen Kuppeln und minarettartigen Türmen der Thermalhallen auf, die man hier im Kolonialstil aufgeführt hat. Ja, es ist nicht nur elegantes Publikum aus Paris nach Vichy gekommen, sondern hier hat man auch die Leberkrankheiten von Generationen von Kolonialsoldaten und Kolonialoffizieren zu kurieren versucht. In einer Seitenstraße liegt ein großes Militärhospital für die Ko- lonialsoldaten, und aus Nordafrika kamen regelmäßig einflußreiche Eingeborenenführer. Jetzt strahlt der Mund sein Licht auf goldene, geheimnisvolle Kuppeln über langgestreckten Hallen, wo man badet und gurgelt, und die grünblau lasieren halbkugel- förmigen Dächer spitzer Türmchen stehen vor den Sternen.
raums. Außerdem wurde eine britische Unterfee- bootfalle durch Torpedatrefser schwer beschädigt. Im Seegebiet um England versenkten Kampfflugzeuge aus einem Geleitzug ein Handelsschiff von 5000 BRT. und beschädigten sieben weitere große Schiffe schwer.
In Bordafrika erbeuteten Truppen des deut- scheu Afrikakorps vor Tobruk drei schwere Flakgeschütze und weiteres firiegsgerät Im übrigen beschränkten sich die Kampfhandlungen in diesem Raum auf beiberfeiftge Artillerietätigkeit. In erfolgreichen Kämpfen bei 5 o ttum wurden drei britische Panzerwagen zerstört, mehrere Geschütze und Kraftfahrzeuge erbeutet, sowie eine Anzahl Gefangene eingebracht. Bei einem Vorstoß gegen die Insel Malta schossen deutsche Jäger am gestrigen Tage ein viermotoriges britisches Flugboot vom Muster Sunderland in Brand.
Der Feind griff in der letzten Bacht mit stärkeren Kräften vorwiegend die Stadt Hamburg an. Durch Abwurf von Spreng- und Brandbomben entstanden zahlreiche Brände und Zerstörungen, fast nur in Wohnvierteln. Die wehrwirtschaftlichen Schäden sind nicht bedeutend. Die Zivilbevölkerung hatte Berluste an Toten und Bedeuten. Einzelne Flugzeuge drangen bis in die Umgebung der Reichshaupt st adt vor. Bachtjäger schossen acht der angreifenden britischen Flugzeuge ab.
7/
utschen Angriffs auf die Amerikaner.
die Straßen während der ganzen Dauer nicht zu betreten gewesen seien, da Splitter und brennende Trümrnersiücke dicht umherflogen. Die Wucht des Angriffes habe immer zugenommen. In dem Bericht von United Preß wird davon gesprochen, daß zahlreiche Gebäude „wie Streichholzschachteln zertrümmert worden seien.
Einer der härtesten Schläge auf die britische Hauptstadt.
Der Vergcltungsangriff auf London ist nach ergänzenden ' Meldungen der eingesetzten Verbände einer der härte st en Schläge gewesen, den die britische Hauptstadt seit Beginn des Krieges erhalten har. Nördlich der Themse im weiten Raum vom Tower bis zur Kings-Croß-Station haben die Flammen ganze Stadtviertel erfaßt. Die Feuersbrünste im Zentrum von London, vor allem längs beider Themseufer, nahmen bereits in den ersten Stunden des Angriffs einen derartigen Umfang an, daß die gewaltigen Rauchwolken, die über den Zielen lagen, verschiedentlich die Sicht erschwerten. Eines der deutschen Flugzeuge, das mit den letzten Wellen anflog, wurde nach dem Abwurf seiner Bomben plötzlich von einem britischen Jäger angegriffen. Der deutsche Flugzeugführer stieß daraufhin mit seinem Flugzeug sofort in eine dicke Brandwolke und entzog sich so der Verfolgung. Der Angriff der letzten Nacht hat die behelfsmäßigen Ausbesserungsarbeiten an den Londoner Dock- und Speicheranlagen, Verlade- und Transportelnrichtungen, die in den vergangenen Monaten ausgeführt wurden, größtenteils zunichte gemacht.
Das Erdöl im Nahen Osten.
Mit den Namen Mofsul, Kerkuk, Kirmanschah und Bahrein erschöpft sich im allgemeinen die deutsche Kenntnis von den Erdölvorkommen im Vorderen Orient. Irak- und Jranöl sind die verallgemeinernden Bezeichnungen für die dortigen Erdölvorkommen. In Wirklichkeit ist aber das Erdöl keineswegs auf Iran und den Irak beschränkt. Der ganze Vordere Orient einschließlich der ägyptischen Sinai-Halbinsel und Arabiens besitzt, wie man heute mit ziemlicher Sicherheit weiß, Erdölvorkommen. Auch in Afghanistan soll nach den neuesten Nachrichten Oel gefunden worden fein. Der Vordere Orient ist also zweifellos eines der zukunftsreichsten Oelgebiete der Erde. Anfang 1940 erklärte der iranische Finanzminister, Iran könnte an zweiter Stelle unter den Erzeugerländern stehen, wenn die Konzessionsgesellschaft die Erzeugung nicht aus egoistischen Jnteresien einschränken würde. Wenn das schon allein für die iranischen Ölvorkommen gilt, so kann man sich daraus ein ungefähres Bild machen, welche Entwicklung dem ganzen Nahen Osten in der Zukunft noch bevorfteht.
1929 betrug die Erdölproduktion des Nahen Ostens erst 5,9 Mill, t, 1939 waren es trotz der wenig produktionsfreundlichen Einstellung der Oel- gesellschaften bereits 17,5 Mill. t. Der Anteil an der Weltproduktion stieg dadurch von 3 auf 6,1 v. H. Die Nohölgewinnung verteilt sich auf die einzelnen Länder folgendermaßen: 1929 fiel fast die gesamte Produktion auf die iranischen Oelfelder mit 5549 Mill. t. Im Irak wurden damals nur 116 000, in Aegypten 272 000 t gefördert. 1935 trat zu den erdölfördernden Ländern des Nahen Ostens als viertes das Bahrein-Gebiet mit 181000 t. Es förderte damit schon mehr als Aegypten, dessen Förderung auf 176 000 t zurückgegangen war. Die iranische Produktion stand mit 7 607 0001 aß der Spitze, die Förderung des Irak war inzwischen auf 3 729 000 t emporgeschnellt. Im Jahre 1938 trat zum erstenmal auch Saudi-Arabien in die Reihe der erdölfördernden Länder ein, zunächst freilich nur mit 70 000 t. Doch bereits im Jahre 1939 förderte Saudi-Arabien 550 000 t. Die Bahrein-Inseln hatten in diesem Jahr bereits eine Leistung von 1093 000 t erreicht/ im Irak betrug die Rohölgewinnung 4 295000 t, in Iran 10 940 000 und in Aegypten war die Erzeugung ebenfalls mit 632 000 t gegenüber dem Vorjahre fast verdreifacht.
Diese schnellen Produktionsteigerungen sind ein weiterer Beweis für den großen Erdölreichtum des Nahen Ostens. Zu den genannten Ländern kommt weiter noch "das Gebiet von Kuweit, wo 1939 eine Sonde erbohrt wurde, die 815 t Erdöl täglich fördert.
Im Iran hat die Anglo-Jranian-Oil- C o m p. den größten Konzeffionsbcfitz. Ihre Oelfelder liegen in Südiran, die bekanntesten find die Felder von White Oil Springs, von Masquid und Gacsaran. Sie ist gleichzeitig an der Irak - Pe - troleum-Comp. beteiligt, ferner an der K u - w e i t - O i l - C o m p., hier in Verbindung mit einer amerikanischen Gesellschaft, während die Jrak- Petroleum-Comp. zu gleichen Teilen, nämlich zu je 23,75 v. H. zwischen den Engländern (Anglo- Jranian, vertreten durch die Zweiggesellschaft D'Arci Exploitation Comp.), der Royal-Dutch- Shell, der Standard-Oil und der französischen Compagnie Francaise des Petroles und dem angeblichen Privatmann Gulbenkian mit 5 v. H. aufgeteilt ist. Da in der Royal-Dutch-Shell die englischen Interessen ebenfalls überwiegen und hinter dem Privatmann Gulbenkian zweifellos auch englische Jnle- reffen stehen, beherrscht die Anglo-Jranian praktnch auch das Mofsul- und Kerkuk-Oel. lieber die Jral- Petroleum-Gesellschaft gehört auch die Basrah - Petroleum-Comp. zum Machtbereich der Anglo-Jranian. Probebohrungen haben bei Basrah und im mittleren Euphratgebiet bereits den Nachweis reicher Vorkommen erbracht.
England beherrscht mithin sowohl das iranische wie das irakische Erdöl, das Bahrein-Erdöl, (letzteres wohl allerdings heute nicht mehr, da infolge des Krieges hier die amerikanischen Gesellschaften California und Texas-Oil-Comp. die Oberhand gewonnen haben) sowie das ägyptische Erdöl. Die m Palästina und Transjordanien zu erwartenden Erdölfunde werden selbstverständlich ebenfalls von ihm mit Beschlag belegt. Eine englische Erdölgesellschaft hat sich auch bereits den a r a- bischen Küsten st reifen am Roten Meer gesichert. Die Besetzung der F a r a s a n - I n s e l n, gegen die Saudi-Arabien soeben protestiert hat, hat zweifellos nicht nur strategische Gründe, sondern ist wobl auch darauf zurückzuführen, daß hier bereits 1926 Bohrungen versucht wurden, die Ende 1936 wieder ausgenommen wurden. Interessant ist, daß bei dieser Konzession die Araber die Bedingung gestellt haben, daß das Gebiet um Dschidda und Mekka aus religiösen Gründen frei bleibt. Abgesehen von diesen Konzessionen am Roten Meer hoben es aber in Saudi-Arabien die Amerikaner 1 verstanden, den Engländern den Rang abzulaufen. Sie haben sich das Erdöl des ösllichen Saudi-Arabien in der Provinz El-Hasa am Persischen Golf ' durch eine 1933 erteilte Konzession gesichert und sollen 1939 auch eine weitere Konzession für das Erdöl Jnnerarabiens erhalten haben.
Ausfallen muß bei einer Betrachtung der Karte, daß das nordiranische Gebiet am Kaspischen Meer,das doch an das rufsischeBaku- Gebiet anschließt, bisher noch nicht unter die Herrschaft des englischen Oelkapitals gekommen ist. Das hat politische Gründe; einmal mar diese Nachbarschaft den Sowjetrussen nicht erwünscht und zweitens wollte sich die iranische Regierung dadurch ein Gegengewicht schaffen. Aus eigenen Straften war Iran indessen noch nicht imstande, dieses Gebiet zu erschließen. So kam es, daß 1939 ein Vertrag mit der Niederländischen Gesellschaft Algemeene Exploratie Maatschappy abgeschlossen ! wurde, wonach diese Gesellschaft drei Jahre lang nach verschiedenen Mineralien, darunter Erdöl, schürfen durfte mit der Bestimmung, daß sie bei Fündigwerden das Recht hoben sollte, die Vorkommen 60 Jahre lang auszubeuten. Die iranische Regierung ist in diesem Vertrage am Risiko und


