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Jm Ring von Leningrad.

Eine Stockholmer Zeitung entwirft ein Bild von dem Leben in dem eingeschlossenen Leningrad. Dar­aus geht hervor, daß sie Bevölkerung der um Le­ningrad herum gelegenen Jnduftriefiedlungen, be­sonders am Wolchowfluß, ebenso wie die herzlich arme Landbevölkerung in die Stadt getrieben worden ist und die Zahl der Münder vermehrt, die da essen wollen. Die Schilderung kann nicht gelesen werden, ohne daß sich der Ge­danke einschleicht, welch ein Glück es ist, daß der Ostfeldzug die Front tausend und mehr Kilometer weit über die deutsche Grenze hinaus nach Osten gerückt hat. Denn in Leningrad sieht es so aus:

Bon Leningrads Umgebung find riesige Dolksmassen in das Innere der Stadt ge­flüchtet. Wer nicht freiwillig fliehen wollte, wurde dazu gezwungen. Alle öffentlichen Gebäude, Lager­häuser und überhaupt alle verfügbaren Gebäude sind von den Militärbehörden beschlagnahmt wor­den. Trotzdem aber kann nur ein Bruchteil der Be­völkerung in den Häusern Zuflucht finden. Vor den Toren treiben sich die Menschen in dichten Hau­fen herum, die ohne Dach und Zuflucht sind. In den Parks unter den Bäumen und unter den Büschen verbringen Tausende von Menschen die Nacht, ohne zureichende Bekleidung, frierend und durchnäßt. Auch in den Vor­städten Leningrads ist der Andrang so gewaltig ge­worden, daß die Menschen in dichten Scharen a u f den Feldern liegen müssen.

Der Verkehr in Leningrads Umgebung ist voll­kommen desorganisiert. Ein Flüchtling aus Lenin­grad, der die Stadt am 1. September verlassen hatte, berichtet, daß der Bahnverkehr voll­kommen aufgehört hatte, da alle aus der Stadt hinausführenden Bahnlinien in den Händen

des Feindes oder so schwer beschädigt waren, daß sie nicht mehr repariert werden konnten. Auch der Autoverkehr war vollkommen desorganisiert. In den Vorstädten und von der Provinz gab es keine Transportmöglichkeit mehr für die Bevölke­rung nach dem Innern der Stadt. Trotzdem wurde sie durch schärfste Terrormaßnahmen dazu gezwun­gen, ihre Wohnstätten zu verlassen. Diese Menschen hatten Befehl erhalten, die Straßen, die st ä n d i - gen Luftangriffen und Artillerie­feuer ausgesetzt waren, freizuhalten und sich durch die Wälder zur Stadt durchzuschlagen. Ver­zweifelt versucht die militärische Führung, die Hauptstraßen für die Truppenbewegungen freizu­halten. '

Die Möglichkeiten, Lebensmittel zu erhal­ten, wurden immer schwieriger. In den Lebens­mittelgeschäften konnte man nur noch Brot erhalten. Diejenigen, die aus der Umgebung Leningrads her­eingetrieben wurden, lebten ausschließlich noch von ihrem mitgeführten Proviant. Der Bevölkerung ist eine Proklamation Woroschilows bekanntge- aeben worden, in der dieser erklärt, daß, wenn Leningrad kapitulieren müßte, er die Stadt durch Sprengungen dem Erdboden gleichmachen würde. Alle, die imstande sind, Waffen zu tragen, sind den Truppen zur Verteidigung der Stadt zugeteilt worden, ohne Rücksicht auf ihre Ausbildung und ohne daß man ihnen Uniformen und in den mei­sten Fällen sogar Waffen geben konnte. In den Außenbezirken der Stadt ist bereits eine große An­zahl von Anlagen und Gebäuden zerstört worden. In der Stadt selbst brachen gewaltige Feuers­brünste aus, deren Flammen man bis zur finnischen Front sieht."

Sprengflofflager im Gesandlschastsgarlen.

Oie Machenschaften der ehemaligen englischen Gesandtschaft in Belgrad.

Belgrad, 11. September. (DNB. Funkspruch.) Sprengstoffunde, die vor einiger Zeit in der engli­schen Gesandtschaft in Belgrad von deutschen Amts­stellen gemacht worden sind, werfen erneut ein be­zeichnendes Licht auf die Zusammenhänge, die zwi­schen der englischen Diplomatie und dem englischen Geheimdienst mit dem Ziel bestanden haben, durch ihre heimtückische Wühlarbeit und Sabotagemaß­nahmen die Neutralität des ehemaligen jugoslawi­schen Staates zu gefährden. Nach den Funden m Sofia und Agram stellen sie erneut die gegen die Achsenmächte gerichtete Zusammenarbeit zwischen der englischen und der nordamerikanischen Diplo­matie auf dem Balkan unter Beweis.

Zahlreichen Vertretern der- Presse war am Mitt- woch Gelegenheit gegeben, die Sprengstoffunde zu besichtigen. Sie konnten sich davon überzeugen, daß die englische Botschaft in Belgrad die Zentrale war, von der die Sprengversuche im Hafen von Split und das versuchte Attentat ge­gen das Eiserne Tor ihren Ausgang genom­men haben. Auf dem Dachboden wurden in einem Winkel 63 Karabiner mit 2880 Schuß Munition gefunden. Der serbische Angestellte Pcmitsch der ehemaligen englischen Gesandtschaft gestand^ daß er zusammen mit drei Gehilfen auf Anordnung des amerikanischen Konsuls, der nach Kriegsausbruch dqs brittsche Gesandtschaftsgebäude übernommen hatte, 25 Packungen mit Sprengkör­pern. >m Park des Gesandtschaftsgebäudes vergra­

ben habe. Die Sprengkörper seien in Kisten ver­packt durch englische Kuriere aus Athen nach Belgrad gekommen. Sie seien vom eng­lischen Marineattache M a ste r s o n und dessen Ge­hilfen in sechs Räumen untergebracht worden. Gra­bungen bestätigten die Aussagen des Panitsch. In den letzten drei bis vier Monaten vor Ausbruch des deutsch-jugoslawischen Krieges wurden wöchent­lich ein - bis zweimal durch Kuriere aus Sa­loniki und Athen oft bis zu acht Kuriersäcke mit einem Taxi in das Gesandtschaftsgebäude gebracht. Don den Gehilfen des englischen Marineattach^s sei das Material nachts in unbekannter Richtung weitertransportiert worden.

Der Sprengstoffund bringt den einwandfreien Beweis, daß ähnlich wie in anderen südeuropäischen Staaten die englischen Diplomaten unter Mißbrauch der diplomatischen Immunität mit dem Secret Ser­vice züsammengearbettet haben. Ihre Machenschaf­ten liegen auf derselben Linie, wie sie.durch die Sprengstoffattentate in den rumänischen Oelfeldern von Ploesti, die Munitions- und Sprengstoffunde in der englischen Gesandtschaft in Sofia und durch die Explosion im englischen Diplomatengepäck im Pa- lacehotel in Istanbul vor aller Welt enthüllt wor­den sind. Sie offenbaren aber glechzeitig das eng­lische und amerikanische Zusammenspiel als Folge der Balkanreise des Sondergesandten Roosevelts, Donovan, auf dem Balkan.

genossen dringend bedurfte, gab es keine ausrei­chenden Möglichkeiten, den Russen die reichen Mittel der Entente mzusenden. Die Heere der Mittelmächte verhinderten die Landverbindung zwischen ihren Ost- uird Westgegnern. Deutsche und türkische Führung und Tapferkeit sperrten den Zugang zum Schwar­zen Meer, Japan hatte kein besonderes Interesse, seinem ehemaligen Hauptfeinde, der plötzlich sein Verbündeter geworden war, von Osten her nennens­werte Hilfe zu bringen. So besann man sich der günstigen nautischen Verhältnisse an der Murman- küste und des Hafens von Archangelsk, der aber nicht immer eisfrei ist. England und Frank­reich bemühten sich, die noch im Norden gelegenen Häfen vor allem für den Munitionszuschub zu ver­wenden. Die Schwierigkeit lag damals hauptsächlich in dem Mangel an Verbindungen aus Jnnerruß- land zu jenen fernen Gestaden. Durch rücksichtslosen Einsatz deutscher, deutsch-österreichischer und unga­rischer Kriegsgefangener ließ Rußland eine Bahn an die Eismeerküste bauen.

Welche Hoffnungen die Entente und besonders England auf diese' einzige direkte Verbindung mit seinen Bundesgenossen setzte, erhellt daraus, daß die Briten ihren bedeutendsten Soldaten, Feldmar­schall Lord Kitchener, im Sommer 1916 von England an die Murmanküste sandten, um das rus­sische Riesenreich zu höchster militärischer Leistung emporzureißen. Doch Kitcheners Schiff sank nördlich von Schottland, wo es auf eine deutsche Mine auf- gefcchren sein dürfte, und der Feldmarschall fand den eeemannstob. Die britischen Anstrengungen, von der Murmanküste aus den Russen möglichst ma­terielle Hilfe zu bringen, erlahmten zwar bis Kriegs­ende nicht, doch hatten sie keinen wesentlichen Er­folg.

Nach dem Weltkrieg machten sich die neuen Ge­walthaber in der Sowjetunion die offensichtlichen nautischen und strategischen Vorteile der Murman­küste zu Nutzen und 'bauten vor allem die wichtig­sten Verbindungen dorthin rasch zu großer Leistung aus. Neben der Eisenbahn von Leningrad nach Murmansk und ihren Abzweigungen zur finniscben Grenze geht ein Kanal von Leningrad nach der Onegabai. Dieser Kanal ist allerdings in den Win­termonaten zugefroren. Die Sowjetflotte hat an der Murmanküste eine rasch wachsende Zahl von Unterseebooten und Torpedobooten stationiert. Nahe der finnischen Grenze wurden viele Militärflugplätze eingerichtet. Weiter ließ die Sowjetregierung seit mehreren Jahren das Nördliche Eismeer systematisch erforschen. Diese Maßnahme erhielt zwar einen wissenschaftlichen Aufputz, diente aber hauptsächlich strategischen Zwecken. Ein weiterer wichtiger Schritt der Sowjets war der Ankauf der Kohlenbergwerke auf der norwegischen In­sel Spitzbergen. Damit wollte sich die Sowjet­union im Nordatlantik eine günstig gelegene Koh- leststation schaffen.

Neben diesen gegen Nordeuropa gerichteten stra­tegischen Vorbereitungen hatten die Sowjets auch eine Reihe von Versuchen unternommen, um auf derNördlichen Umfahrt" vomArktischen Ozean" wie die Russen das Nördliche Eismeer nennen in die ostsibirischen Häfen, vor allein^ nach Wladiwostok zu gelangen. Eine Reihe von Flug-, Rundfunk- und Wetterstationen dient diesem Zweck. Einige Schiffe vollführten auch tatsächlich in den kurzen Sommern die ganze Hin- und Rückfahrt. Eisbrecher waren chre unentbehrlichen Begleiter.

Doch die Hauptsache blieb den Sowjets die Ein­richtung des Hafens von Murmansk und das nahe gelegene Polarno je zu einer neuzeitlichen, höchst leistungsfähigen Basis der See- und Luft­streitkräfte für ihren Einsatz im Nordatlantik. Es war daher nach allen dargelegten Umständen sehr wahrscheinlich, daß die Sowjetunion ihre Flotte an der Murmanküste, also in eisfreien Häfen und mit freier Ausfahrt in den Atlantischen Ozean statio­nierte. Ein Blick auf eine Europakarte zeigt die Gefahr, die durch die Möglichkeit entstanden wäre, daß die Sowjetflotte jederzeit in den Nordatlantik einfallen könnte. Die Bedrohung Nordeuropas wäre effektiv geworden, der Krieg gegen Finnland war das Vorspiel. Die weiteren Angriffsabsichten und Angriffsmöglichkeiten haben jedoch Adolf Hitler und die deutsche Wehrmacht verhindert.

Oas Bitterkreuz

für tapfere Tkuppenführer.

Berlin, 10. Sept. (DNB.) Der Führer und Oberste Befehlshaber der Wehrmacht verlieh auf Vorschlag des Oberbefehlshabers des Heeres das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes an: Generalleut­nant Sponheimer. Kommandeur einer In­

fanterie - Division, Generalmajor Harpe, Kom­mandeur einer Panzerdivision, Oberst H e r t s ch, Kommandeur eines Infanterie-Regiments, Major Gnaden, Bataillonskommandeur in einem Ge­birgsjäger-Regiment, Oberleutnant B e n a ck, Kom­paniechef in einem Kradfchühen-Bataillon und Oberfeldwebel Prfyklenk, Stohtruppführer in einer Panzeraufklärungsabteilung; ferner an Ge­neral der Infanterie v. Stülpnagel, Oberbe­fehlshaber einer Armee, Generalmajor F e l d t, Kommandeur einer Kavalleriedivision, Oberst Großmann, Kommandeur eines Infanterie- Regiments, Oberstleutnant h e m m a n n, Kom­mandeur eines Infanterieregiments, Hauptmann Rohweder, Kommandeur einer Panzerjäger­abteilung und Oberfeldwebel h e r z e r, Zugführer in einem Schühenregiment.

Erfolgreiche Kämpfe an allen Fronten.

Berlin, 10. September. (DNB.) Arn 9. Sept, machten die Sowjets trotz der schweren Verluste in den letzten Tagen an einigen Stellen des Dnjepr den Versuch, auf dem Westufer zu lan­den. Im Schutze der Dunkelheit gelang es einem sowjetischen Stoßtrupp in Stärke ' von ' 21 Mann, das Westufer des Dnjepr zu erreichen. Durch die Wachsamkeit der deutschen Truppen wurden die Sowjets jedoch gestellt und in em Sumpfgelände zurück geb rängt. Hier wurde der gesamte Spähtrupp gefangengenommen. Auch an anderen Stellen des Dnjepr wurden sowjetische Uebersetzversuche kampfkräftiger Späh- und Stoßtrupps im vorbild­lichen Zusammenwirken deutscher und ungarischer Truppen abgeschlagen. In den letzten Tagen haben

die Bolschewisten durch deutsches Infanterie. oder Artilleriefeuer auf dem Unterlauf d e s Dnjepr zahlreiche Kanonenboote, Monitors, Schleppdampfer und andere Schiffe verloren. Am 8. September wurde wiederum ostwärts Eher, son ein Transportdampfer, vollbesetzt mit Solda­ten, durch deutsches Feuer versenkt. Von der Be­satzung konnte sich nur ein kleiner Teil retten. U n terh alb Kiew wurde ein sowjetischer Monitor, der einen Angriffsoersuch auf die deutschen Stel­lungen unternahm, ebenfalls versenkt. Im südlichen Teil der Ostfront wurden in einem Abschnitt nach» Brechung hartnäckigen Widerstandes 700 Gefangene gemacht und 10 sowjetische Panzerwagen vernichtet. . An anderer Stelle 1000 Sowjetsoldaten gefangen­genommen, 14 Geschütze und vier Lastkraftwagen erbeutet. In einem weiteren Abschnitt ebenfalls 1000 Gefangene ein geb rächt und 14 Sowjetpanzer­kampfwagen erbeutet.

In weiterem Vordringen nahmen die deutschen Truppen im Nordabschnitt der Ostfront eine wichtige Straßenkreuzung. Die Sowjets leisteten , erbitterten Widerstand. Die Kreuzung war durch Bunker und Feldstellungen gesichert. Nach hartem j Kampf setzten die deutschen Soldaten die sowjeti­schen Bunker außer Gefecht und brachen den bol- j schewistischen Widerstand. Im Raume südlich des Ilmensees versuchten die Sowjets wieder­holt, sich hinter schnell angelegten M i n e n s p e r- r e n festzusetzen. Pioniere und Infanteristen be- . seitigten jedoch die Sperren in kürzester Zeit, sodaß das Vordringen der deutschen Truppen fortgesetzt werden konnte. Beim Vorstoß auf eine größere Ortschaft stießen sie auf stärkere Sowjetverbände, denen Panzerkampfwagen zugeteilt waren. In hef­tigem Kampf wurden ohne eigene Verluste 15 sow­jetische Panzerkampfwagen, darunter mehrere 52* Tonnen-Panzer, vernichtet.

Lim 3000 Jahre abendländischer Kultur.

Rom, 10. Sept. (DNB.) Der italienische Außen- minifter Graf Ciano erließ einen Aufruf, in dem es heißt:Nicht ein Problem her Macht Politik wird an der Ostfront entschieden,' sondern das Schicksal von 3000 Jahren abenölän* bischer Kultur, von 3000 Jahren Arbeit, mit der viele Generationen in Europa mühevoll für sich und die Welt jene höchstentwickelten Formen der Religion, der Familie und des S t a a. t e s geschaffen haben, die unser geistiges und kul- turelles Erbe darstellen und die der Bolschewismus in blinder Wut aus dem Herzen der Völker unb aus der Geschichte auszulöschen versucht. Es ist der alte Kampf gegen die Barbarei, den Europa fo viele Male im Laufe der Jahrhunderte durchgefochten hat und in dem es so oft gegen diese immer wieder- kehrende Bedrohung siegreich geblieben ist. Es ist der Kampf für unseren heimischen Herd, für unsere Altäre und für unsere Gesetze. Diese Güter sind es, für die wir in den Kampf gezogen sind und für die wir alle, Opfer, die dieser Krieg mit sich bringt, auf uns nehmen. Alle Völker dieser Welt werden mit uns die Früchte unseres Sieges ernten."

Moskaus wahres Gesicht.

Ein Rundfunkaufruf Tanners.

Helsinki, 10. Sept. (DNB.) Der Mehrheits- sozialistenführer und ehemalige finnische Minister- . Präsident Tanner erließ über den Rundfunk einen Aufruf, in dem es heißt: Im Lause feiner kurzen Macht Periode hat der Bolschewismus zahlreiche Der- wandlunaen durchgemacht, aber errist stets ver­räterisch und unzuverlässig gewesen. Ein jeder, der es versucht hat, mit ihm in Berührung zu kommen, hat sich am Ende getäuscht. Die Sowjet­union versprach auch den kleinen Völkern das Selbstbsstimmungsrecht und gewann am Anfang ihre Sympathie. Aber bj# Absicht war, die Wett in einen leichtgläubigen Frieden einzulullen. Die ganze Zeit blieb die Weltrevolution, durch die die Weltherrschaft angestrebt werden sollte, das Ziel. Für diesen Zweck mußte die Sowjetunion militärisch gefeftigt werden. Hierauf waren die vielen Fünfjahrespläne abgestellt. Die Bevölke­rung der Sowjetunion lebt, trotz der Naturreich­tümer des Landes, unter elenderen Verhältnissen als die irgend eines anderen Landes. Der Bolsche­wismus hat die Arbeiterschaft in vielen Ländern zer- plittert und ihren Einfluß geschwächt. Wegen seiner riesenhaften militärischen Aufrüstung und seines imperialtstischen Expansionsfanatismus ist der Bol-

Mürel HMongMnün

Roman von jjotjl Alemath

15. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Dann hockten sie in schwarzer Finsternis eng bei­einander, und Britta begann mit Grabesstimme die schaurige Geschichte zu erzählen:

Ein armes Dienstmädchen mußte einmal Kar­toffeln aus dem Keller holen. Unb wie es so durch die dunklen, düsteren Gewölbe ging, hörte sie mit einemmal ein seltsames Geräusch aus der Tiefe kom­men, das machte immer bumm klick bumm klick bumm klick. Das Dienstmädchen ließ die Laterne, die es in der Hand trug, vor Schrecken fallen unb ftanb mit klopfenbem Herzen in der schaurigen Rabenfinsternis. Und plötzlich hörte es eine tiefe, dumpfe Stimme, die fragte: Wer hat mein Bein? Wer hat mein Bein?---und die

Stimme und das Tappen tarnen immer näher, unb es hörte sich an, als käme da ein Mann mit einem hölzernen Fuß durchs Dunkel auf bas arme Dienst­mädchen zu, bumm klick bumm klick. Das Mädchen wollte schreien, aber die Kehle war ihm wie zugeschnürt. Und immer näher, immer näher kam die grausige Stimme: Wer hat mein Bein? Wer hat mein Bein?"--Britta machte eine lange

Pause. Sie hockten alle drei atemlos unb mit ge­sträubten Haaren im Finstern unb warteten, was dem armen Dienstmädchen nun geschehen würde. Unb plötzlich griff Britta nach Söhnchens Arm unb schrie mit furchtbarer etimme:Du hast mein Bein!"

Lydia kreischte auf, Söhnchen schrie gellend los, die Bettdecken flogen auf, unb da saßen sie nun, mit blassen Gesichtern unb klopfenben Herzen. Es war wirklich eine munberbare Gruselgeschichte, sogar Britta, die Erzählerin, atmete jebesmal auf, wenn sie zu Ende war.

Seid's ihr denn ganz narrisch, so an Krach zu schlagen?!" Es war Kathis Stimme. Sie trat zum Fenster unb stieß die Läben auf. Die Kinder blin­zelten in bas hereinflutende Sonnenlicht.

Ferien fan doch, Kathi!" rief Britta.

Koa Schul unb nix lernat" frohlockte Lydia.

Kathi legte den Kopf mit dem straff gezurrten Dutt auf die Seite unb kniff bas linke Auge zu: Ha, unb die Oftervakanz habt's schon ganz ver­gessen, wie? Wo sie (Daumenbewegung nach oben) euch jeden Tag, den der Herrgott werden ließ, mit die Rechenaufgaben gezwackt hat und mit Diktat- schreiben, ha?!'

Das war eine Erinnerung, die wie eine dupkle Wolke über die Feriensonne flog.Ja, meinst benrt, Kathi, daß sie auch dieses Mal mfeber mit 'dem Krampf daherkimmt?"

Und ob ich dees mein'!" verkündete Kathi düster prophetisch. Sie sah habet die Kinder an, «als sähe sie sie rettungslos verloren in einem einsamen Boot auf hoher See treiben, bei Sturm unb Wellengang.

Dann sag' ich ihr einfach," erklärte Britta,baß wir früher in den Ferien niemals haben lernen brauchen, unb baß die Luisa immer gesagt hat, bie Ferien finb zur Erholung da und nicht zum Lernen!"

Ober wir gehen zum Konni unb beschwören uns", setzte Lybia hinzu. Aber Kathi schnaufte nur ver­ächtlich.

Euer Papa, oh mei', da feibs ihr schon ange­schmiert; bem wann sie erzählen tut, daß ihr bees Lerna brauchts, nachha is gar aus mit den Ferien, bös sag i!"

- Die Möbel machten lange, bekümmerte Gesichter. Sie sahen ein, daß Kathi leider recht hatte. Söhnchen war bem Gespräch schweigend, aber höchst interessiert gefolgt. Jetzt wollte auch er etwas zur Unterhaltung beitragen.

Gel, Kathi, bas Fräulein, bas is unsre neue Mama?"

Die Möbel brachen in ein Gelächter aus, aber ehe sie dazu tarnen, Söhnchen über seinen Irrtum auf­zuklären, fuhr Kathi wie von einer Schlange ge­stochen auf ihn los:Wer hat bas gesagt?" keuchte sie. Söhnchen erkannte, daß er etwas Fürchterliches angerichtet hatte.

Der Stangl-Toni hat mi gefragt, ob bees unsere neuche Mamma is ..."

Unb was haft du eahm geantroorf?"

"Ich weiß doch nicht, was sie ist", antwortete Söhnckien weinerlich. Die Mäbel wollten wieder erklärend eingreifen, aber Kathi gebot mit einer großen Geste Schweigen. Sekundenlang ftanb sie vor ben Kinbern, mächtig und unheilvoll, und ihr Blick bohrte sich in weite Fernen.

Habt's ihr das gehört?" fragte sie schließlich, wie aus einer Betäubung erwachend,der Rotzbub weiß nicht mehr, wer fei' Mutter ist ..."

Die Mädels nickten beklommen. Sie spürten Kathis Blicke bohrend auf sich geachtet, sie sah Britta unb Lydia nacheinander an, prüfend, als wolle sie ihnen bis auf den Grund ihrer Seele for­schen, ob sie vielleicht auch schon nicht mehr recht wußten, in welchem Verhältnis sie zum Fräulein standen. Die Kinder ließen die Prüfung verschüchtert über sich ergehen. Sie standen in ihren weißen Nachthemden recht unglücklich da, traten von einem Fuß auf den anderen unb spähten in Kathis dickes, böses Gesicht, was nun kommen würde.

Na, mär' das denn so schlimm", fragte Kathi, wenn euer Papa noch einmal heiraten tat, unb wenn ihr eine neu6 Mutter kriegen tätet?" Sie tröpfelte ihre Worte wie aus einer Flasche, aber aus einer Flasche mit bem Totenkopf unb zwei gekreuz­ten Knochen. Unb sie beobachtete bie Wirkung ber vorsichtigen Dosis auf bie Kinber aus schmalen, ver­kniffenen Augen.

Aber doch nicht bie Sieglinba!" stammelten bie Mädel erschrocken. Kathi hotte tief Luft.

Die nicht! Darauf könnt's ihr euch verlassen. Aber zu mir müßt ihr hatten! Zusammen müssen wir halten, wie Pech unb Schwefel, bees sag i euch! Sonst geb i für nix eine Garantie!" Sie musterte ihre kleine Garbe noch einmal, streng unb durch- bohrend, als nähme sie ihnen ein grimmiges Ver­sprechen ab, durchzuhalten bis zum letzten Atem- Zuge. Die Kinder erwiderten den Blick stumm unb ein wenig bebrütft,. als wäre ihnen vieles babei unklar, wonach sie aber nicht zu fragen wagten.

So, unb jetzt zieht euch an, derweil ich eure Suppe koch!" befahl Kathi barsch. Sie schickte die Kinber ins Badezimmer und versprach Lydia, daß sie nachher genau nachprüfen würde, ob der Hals auch sauber fei; denn auf ber weißen Haut ftanb ein deutlich erkennbarer Rand.

Bees is sie beut, bie Kathi, arg bees", wisperte Söhnchen mit einem geduckten Blick nach ber Tür, bie Kathi nicht allzu sanft hinter sich geschlossen hatte. Die Möbel suchten ihre Hausschuhe. Brittas waren wie gewöhnlich unauffinbbar. Schließlich ent­deckte sie einen unterm Spielschrank, ber andere blieb verschwunden. Lydia saß auf dem Bettrand

unb rieb vorsichtig mit dem angefeuchteten Zeige­finger an ihrem Halse herum.

Heut!", sagte sie achselzuckend unb mit etnepi Seufzer, ber sozusagen nach zwei Richtungen zu gleicher Zeit ging und Söhnchens Feststellung bestätigte als auch Die Tatsache, daß es beim Reiben Röllchen" gab, unb daß das Halswaschen somit unmöglich länger hinausgeschoben werden konnte^ Ach, allweil is die jetzt grantig unb weißt auch^ warum?" Die Frage war an Britta gerichtet.

Warum? Wegen bem lauer, weil ber nimmer* kimmt."

Ach, Schmarrn! Der Xaver ist boch längst basses bem weint sie keine Träne nicht nach, hat sie selber gesagt und daß sie schon einen in Aussicht hat mit einem Automobui, weil sie bas Motorradfahren nicht vertragen tut ..." Lydia tat ben Fall Xaver mit einer lässigen Handbewegung ab unb schaute sich nach Söhnchen um, aber ben interessierte die Geschichte längst nicht mehr.

Also, was hat sie dann, die Kathi?" fragte Britta.

Wegen der Sieglinba raucht er ihr", flüsterte . Lybia, ,Haß die ihr anschafft und befiehlt, grab al# wenn sie bie Luisa wär', verstehst?"

Ich versteh nur eins nicht", meinte Britta ver­zagt,weshalb sie mit uns grantelt, wenn sie einen Rochus auf die Sieglinba hat."

Weil bie Kathi halt denkt, daß wir zur Sieg- linba halten, nicht zu ihr!"

Britta hob ratlos bie Schultern:Wenn doch aber die Sieglinba allweil sagt, daß mir nicht so viel in ber Küche umeinanderhocken sollen ..

Ja, mei*, es is halt ein rechtes Kreuz!" seufzte Lydia niedergeschlagen;die zankeln sich, und wir fressen's aus." Sie tat einen Schnaufer wie ein achtzigjähriges Spitalmeiberl, dem die Last ber Erde allmählich zu schwer wirb.

Britta hockte sich auf ben Bettrand. Sie zog die Knie bis ans Kinn empor unb strich bas Nachthemd jiber ben Beinen glatt. Ihr kleines blondes Gesicht war seltsam ernst. Wie eine winzige Erwachsene saß sie vor ihren jüngeren Geschwistern.Es gefreut mich nimmer ...", sagte sie plötzlich leise, als spräche sie zu sich selbst.

Was?" fragte Lydia.

(Fortsetzung folgt)