Donnerstag, 3. Zull Ml
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)
Ur. 156 Zweites Blatt
15 Lahre Hiiler-Lugend.
Jeder der vergangenen Reichsparteitage, die eine gewaltige Heerschau des Nationalsozialismus dar- ftellten, hat seinen Höhepunkt gehabt. Von all den Bildern, die dieses eindrucksvolle Geschehen vermittelten, find jedoch stets die am ergreifendsten gewesen, die den Führer im Kreife seiner Jugend sahen. Wenn Adolf Hitler, seine Augen über diese Zehntaufende deutscher Jungen und Madel im schlichten Ehrenkleide schweifen lieh, wenn ihm der Jubel dieser begeisterten Jugend cntgegenbrauste, dann las man aus den Zügen des Führers jenes Glück und jenen Stolz heraus über diese junge Generation, die dazu berufen ist, Hüter der Zukunft und Bannerträger des Nationalsozialismus zu fein.
Es ist für die deutsche Jugend eine stolze und ehrenvolle Verpflichtung, daß sie den Namen des Führers tragen darf. Und wir können, gerade auch im Hinblick auf die Erfahrungen die-ses Krieges gestehen, daß sich die Jugend dieser ehrenvollen Verpflichtung würdig erwiesen hat. Zu dieser Feststellung liegt jetzt ein besonderer Anlaß vor, denn am 3. Juli sind 15 Jahre seit der Gründung der Hitler- Jugend vergangen. Eineinhalb Jahrzehnt, gewiß ein kurzer Abschnitt, aber doch eine Zeitspanne, die angefüllt ist mit Kampf und Opfern und mit einer durch nichts zu beugenden Siegeszuversicht, die sich auch den härtesten Anforderungen gegenüber stets gewachsen gezeigt hat.
Der Weg, den die Hitler-Jugend in diesem eineinhalb Jahrzehnt gegangen ist, hat von Anfang an unter dem Gedanken gestanden, die gesamte deutsche Jugend mit dem Geist der Bewegung zu erfüllen. Um dieses Ziel zu erreichen, haben viele deutsche Jungen ihre Treue zum Führer mit ihrem Blute besiegelt. Ihr Andenken stets in Ehren zu halten, ist eine Verpflichtung, die sich die Hitler- Jugend besonders angelegen sein läßt.
Was Adolf Hitler von seiner Jugend verlangt, das hat er mit überaus eindrucksvollen Worten auf dem Reichsparteitag des Jahres 1933, dem ersten nach der Machtübernahme, gekennzeichnet, auf dem er u. a. folgendes ausführte: „Ihr müht die Tugenden heute üben, die Völker brauchen, wenn sie groß werden wollen. Ihr müßt treu sein, Ihr müßt mutig sein, Ihr müßt tapfer sein, und Ihr müßt untereinander eine einzige große, herrliche Kameradschaft bilden. Dann werden alle die Opfer der Vergangenheit, die für das Leben unseres Volkes gebracht werden mußten und gebracht worden sind, nicht umsonst hingegeben worden sein, sondern dann wird aus all den Opfern am Ende doch eine glückliche Entwicklung des Lebens unseres Volkes kommen. Denn Ihr, meine Jungen, Ihr seid die lebendigen Garanten Deutschlands, Ihr seid das lebendige Deutschland der Zukunft, nicht eine leere Idee, kein blasses Schemen, sondern Ihr seid Blut von unserem Blute, Fleisch von unserem Fleisch, Geist von unserem Geist, Ihr seid unseres Volkes Weiterleben."
Der Weg, den die Hitler-Jugend gegangen ist, kann nicht getrennt werden von dem Mann, der in den vielen Jahren entscheidender Entwicklung an ihrer Spitze gestanden hqt: Baldur von Schl- rach. Er und sein Nachfolger, Reichsjugendführer A x m a n n , haben den Millionen der deutschen Jugend Richtung und Ziel gewiesen und ihre' Herzen mit dem Geist einer opferbereiten Hingabe erfüllt. Die Aufgabe, die die Hitler-Jugend erfüllt hat und weiter erfüllen wird, ist gekennzeichnet durch die seelische Ausrichtung und die körperliche Schulung, die beide unter dem Leitgedanken der nationalsozialistischen Weltanschauung stehen. Dabei ist die kulturelle Arbeit ebenso wenig zu kurz gekommen wie die Erschließung der Schönheiten unserer deutschen Heimat. Gerade den Ausbau des Jugendher- bergs-Wesens hat sich die Reichsjugendführung m den letzten Jahren besonders angelegen fein lassen; was auf diesem Gebiet geleistet worden ist, steht einzigartig da. Neben all ihrer umfangreichen Arbeit hat es sich die Hitler-Jugend auch stets besonders angelegen sein lassen, Brücken zu der ihr befreundeten Jugend anderer Länder zu schlagen. Ein wechselseitiger Austausch und gegenseitige Besuche haben dabei reiche Früchte getragen. Die deutsche Jugend, geeint in der nationalsozialistischen Idee und erfüllt von dem heißen Willen, mit ihren Kräften dem Führer und seinem Volk zu dienen, wird auch weiterhin in freudiger Einsatzbereitschaft den Weg gehen, der ihr gewiesen ist.
Oer Bialowiezer Urwald.
Nahe dem Kampfraum um B i a 1 y st o k, in dem zwei sowjetrussische Armeen eingeschlossen und^ver- nichtet worden sind, dehnt sich zwischen dieser Stadt und Brest-Litowsk ein großes zusammenhängendes Waldmeer aus, der berühmte Bialowiezer Urwald, eins der eigenartigsten Naturdenkmäler Europas. Er zieht sich in 60 Kilometer Länge und 35 bis 40 Kilometer Breite von Südwest nach Nordofl und bedeckt ein Gebiet von etwa 1280 Quadratkilometer, das fast ganz geschlossen ist, im Süden und Westen ist es eingerahmt von Feldern und Wiesen, gegen Osten und Norden läuft es in Niederunaen oder große Sümpfe aus. Nur längs der Wasserläufe sich hinzlehende Wiesengründe und kleine Ortsfluren bringen Unterbrechung, und in der Mitte liegt das Waldfchloß Bialowiez. Nur vereinzelt treten einige flache Höhenrücken, die sich bis zu 30 Meter erheben, auf. Die angrenzenden Sümpfe bilden ein großartiges Wasserreservoir und sind das Ursprungs-gediet zahlreicher Wasserläufe.
Den Hauptbestandteil der Waldes bilden an Nadelhölzern Kiefer und Fichte, an Laubhölzern Eiche, Esche, Linde, Ulme, Birke, Spitzahorn, Hainbuche, Schwarzerle und Aspe. An den Rändern tritt als Unterholz der Kiefer massenhaft der Wacholder auf und schafft in mächtigen, fünf Meter hohen Büschen eindrucksvolle Waldoilder. Das Wachstum aller dieser Bäume ist erstaunlich. Die Kiefer, die am meisten verbreitet ist, erreicht mit 120 bis 150 Jahren eine Höhe bis zu 38 Meter und hat in Brusthöhe einen Durchmesser von 55 bis 75 Zentimeter, während über 200 Jahre alte Bäume bis zu 40 Meter Höhe und einen Durchmesser von 100 Zentimeter auf weisen, mit ihren breiten, malerisch schönen Kronen und dem weit hinauf astreinen Schaft bieten sie einen imposanten Anblick dar. Bei den Fichten sind Höhen von 40 bis 42 Meter nicht selten, die größte gemessene Höhe betrug sogar 46 Meter. Die Eiche erreicht eine Höhe von 30 Meter, und die Esche kommt ihr sehr nahe. Wenn schon die alten 200jährigen Kiefernbestände mit dichtem Unterwuchs von Birken, Fichten und Kiefern ganz außergewöhnliche Waldbilder bieten, so besteht der wirkliche Urwald doch aus Laubholz und enthält oft sämtliche Holzarten, die infolge der seit unvordenklichen Zeiten auf natürlichem Wege stattfindenden Verjüngung die günstigsten Wachstumsbedingungen finden. Aus dem dichtgeschlossenen Massiv der Weiß
buche ragen die gewaltigen Kronen der Eichen, Eschen, Ahorne und auch einzelner Fichten hiervor. An nassen Stellen wechselt Erlenbruch mit Schilf, mächtige Aspen und weißglänzende Birken mit dichtem Haselgesträuch, Eichenstämme von mächtigem Umfang, Linden mit sonderbar gekrümmten Kronen, übersät' von unzähligen Mistelbüichen bieten dem Naturfreund ein erstaunliches Bilo.
Der Ruhm des Bialowiezer Urwaldes beruht vor allem aber auf seinem Wildbestande, und das stolzeste Wild waren von jeher die Wisente, die hier ihre letzte Heimat in Europa hatten. Seit Jahrhunderten waren sie durch strenge Gesetze geschützt, und die Könige und Großen von Polen und Litauen ließen sich ihre Erhaltung mit Eifer angelegen sein, ebenso wie die Zaren sie schützten. Unzählige Male ist der Wisent von Bialowieze in Wort und Bild verherrlicht worden, und es gibt viele phantasiereiche Schilderungen von gefahrvollen Wisentjagden. Im Lauf der Zeit war der Wisent jedocb durch fortwährende Fütterung und sonstige Fürsorge schon recht zahm geworfen und dachte kaum noch daran, den Menschen anzugreifen. Aber seit hundert Jahren ist der Bestand an diesen Dildrindorn ständig zuriick- gegangen. Während man im Jahre 1857 noch 1900 Stück zählte, waren es in den Jahren vor dem Weltkrieg nur noch 800, und dann forderte der Krieg viele Opfer; die kämpfenden Truppen, die ab» ziehenden Russen, vor allem aber die im Walde zurückgebliebenen Wilderer» und Räuberbanden stellten dem edlen Wilde nach, so daß in der Zeit, in der der Urwald unter deutscher Verwaltung stand, nur noch 200 vorhanden waren.
Neben dem Wisent gab es im Urwald früher Elch, Rotwild, Sauen, Rehwild sowie Bär, Luchs und Wolf. Es war also ein richtiges Urwaldrevier, aber menschliche Unvernunft und das Streben der Jagdverwalter, sich bei den fürstlichen Jagdherren durch möglichst große Strecken beliebt zu machen, führten dazu, das Raubwild vollkommen auszu- rotten, während Rot-, Dam- und Rehwild mit großen Mitteln gehegt und auf eine kaum glaubliche Höhe gebracht wurden. In der Kriegszeit aber fielen viele Tausende Stück Wild einer Wildseuche zum Opfer, und überhaupt wurden durch die Kriegsoer- hältnisse und Wilddieberei der Wildstand erheblich gemindert. C. K.
Oie slowakischen Kameraden
Von Hauptmann Wilhelm Ritter von Schramm.
PK. Die Slowakei ist vor einigen Tagen an der Seite Deutschlands in den Krieg gegen die Sowjetunion eingetreten. Sie tat es schnell und, wie aus allen Verlautbarungen heroorgeht, in der sicheren Ueberzeugung, ihrem Lande und Volk damit zu dienen und die bolschewistische Gefahr endgültig zu vertreiben. Aber darüber hinaus will sie auch, wie ihre führenden Männer klar zum Ausdruck gebracht haben, zuin Sieg des organisch gewachsenen Lebens über den Kommunismus beitragen und die lebensfeindlichen Konstruktionen der fogenannten Prolet- Kultur mit beseitigen helfen. Sie kämpft an unserer Seite mit für eine Liquidierung des Bolschewismus als eines teuflischen Prinzips.
Die ersten slowakischen Truppenteile haben die Grenzen überschritten und sich dem Vorgehen unserer Armeen angeschlossen. Sie schickten eine Reihe von auserwählten schnellen Verbänden voraus, denn das slowakische Heer brannte darauf, gegen die Sowjets eingesetzt zu werden. Dieser Wunsch und das lebhafte Verlangen, es den Soldaten des Großdeutschen Reiches gleichzutun, kommt den Slowaken aus ehrlichem Herzen. Ja, der Wille und der herzliche Enthusiasmus des Offiziers wie des einfachen Mannes springt einem förmlich entgegen, wenn man mit ihnen spricht, wozu sich mancherlei Gelegenheit ergab. Man weiß aus dem Weltkriege, daß die Slowaken immer gute und tapfere Kämpfer waren. Heute, da es um ihre eigene Sache und die der Verbündeten geht, denen ihre ganze Hochachtung gehört, find sie es erst recht. Ihre militärische Leistungsfähigkeit ist noch weiter gewachsen, seitdem sie durch das deutsche Vorbild und Beispiel angefeuert worden sind.
Nun stehen die Slowaken in gemeinsamer Front
mit uns gegen die Sowjetarmee. Sie sind schon mit ihren Vorausabteilungen tief in d i e sowjet- russischen Stellungen cingebrungcn. Und dies geschah in einem schwierigen, waldreichen Gelände, in dem sie auch die sowjetischen Hinterhältigkeiten kennenlernen sollten. Aber im Vertrauen auf ihre guten Waffen und den Stand ihrer Ausbildung haben sie sich dadurch nicht irremachen lassen. Mit ihrem schnellen Vorgehen, von eigenen Panzerwagen kräftig unterstützt, haben sie direkt und indirekt sowjetische Grenzbefestigungen in beträchtlicher Ausdehnung zu Fall gebracht — ein Befestigungssystem von solcher Abwehrkraft und zudem so zäh verteidigt, daß es bei geringerem Angriffsgeist noch sehr viel Zeit und Opfer gekostet hätte. Nun liegen die Bunker und Schartenstände, Drahthindernisse und Panzerabwehrgräben schon lange still, ausgeräuchert, aufgeknackt oder geräumt in unserem Rücken und zahlreiche Ukrainer, die die Bolschewisten allerdings nie zu geschlossenen Einheiten zusammenzufassen wagten, haben sich zunächst in diesen Abschnitten ergeben oder sind bei der ersten sich bietenden Gelegenheit übergelaufen.
Wir haben eine slowakische Batterie schwerer Feldhaubitzen in ihrer Feuerstellung besucht. Auf einer eben gemähten Wiese neben einem Gehölz. Nur durch eine kleine Anhöhe gegen die Sicht des nahen Feindes gedeckt, war sie aufgefahren und hatte sich geschickt gegen Flieger getarnt. Der Batteriechef war auf seiner Beobachtungsstelle voraus, denn es galt, sich für efne kommende Unternehmung einzuschießen. Vor ihm im Grunde lagen die sowjetischen Bunker und Stellungen. Sie sollten niedergehalten werden, während ein starker Brückenkopf über den Fluß gebildet wurde. Die
SWterie hatte sich bereits eingeschossen und machte eine Feuerpause, als wir sie erreichten.
Der erste Offizier kam, um zu melden und helle Freude strahlte aus seinem braungebrannten Gesicht unter dem Stahlhelm, daß er Deutsche begrüßen konnte. Er bedauerte nur, daß die Batterie nicht feuerte — aber er erwarte neue Befehl für die Stunde, da das Brückenkopfunternehmen stiege. Aber sie hätten bereits, so versicherte er treuherzig und stol^, viel und erfolgreich geschossen und manchen Bolschewik laufen sehen. Er lachte mit schneeweißen Zähne und die kämpferische Freude strahlte dabei aut seinen munteren hellbraunen Augen. Dank der Mitwirkung der slowakischen Artillerie war bas Unternehmen zwei Stunden spater tatsächlich geglückt. , ,f.
Dann begegneten uns Kolonnen, motorisierte Ab- teilungen und stärkere slowakische Jnfanteriever- bände' UebcraU bei den eigenen Truppen, zu denen wir in diesem Kampfgebiet noch kamen, lobte man die Slowaken. Der Ordonnanzoffizier eines Stabes hatte noch einen persönlichen Dank an sie abzustatten, denn sie hatten ihn befreit, als er im Walde von einer versprengten 'Abteilung beschossen wurde. Der kommandierende General und der Oberbefehlshaber haben ihren Dank c?)i die slowakischen Truppen im Armeebefehl zum Ausdruck gebracht.
Das slowakische Volk ist artgetreten und hat seine Soldaten zu uns geschickt. Es ist ein relativ kleines Bauern- und Bergvolk und Vat keine Millionenmassen mobilisieren können. 2A5er die eingesetzten Verbände haben gezeigt, daß fit' ber gleiche Geist wie die deutsche Wehrmacht erfÜUt. Sie und die ihnen folgenden Divisionen werden' im Rahmen der deutschen Operationen jedenfalls wichtige Aufgaben erfüllen und diesen Aufgaben gewachsen fein. Das haben die eingesetzten slowakischen Soldaten bereits bewiesen. Sie sind als Söhne eines Bergvolkes tapfer, bedürfnislos und zäh.. Und fie1 find unsere Kameraden aus ganzem Herzen, davon wissen wir, seitdem sie in schwierigem Bergland manche kleinere deutsche Abteilung, die in mißliche LagL" geraten war, entsetzten und befreiten.
Die Ursache der deutschen Erfolge.
Helsinki, 2. Juli. (Europapreß.) Das Vkgtt der Geschäftswelt, „Kauppalehti", schreibt: Man muß sich die Frage vorlegen, welches die Zauber kraft ist, die die siegreichen deutschen Waffen führt. Einige sagen, daß die entscheidende Waffe die deutsche Fähigkeit zu organisieren sei. Diese Fähigkeit spielt in der Tat bei den deutschen Siegen zweifellos eine gewaltige Rolle. Aber man darf nicht vergessen, daß die deutschen Soldaten durch ihre besondere Todesverachtung urvb ihre Standhaftigkeit an dem Platz, an dem sie eingesetzt worden sind, ebenfalls sehr stark zu diesen Siegen beige trag en haben. Hinzu kommt, daß die deutschen Soldaten zu selbständigem Handeln erzogen worden sind. Wenn eine solche Armee zugleich mit den besten, überhaupt nur vorstellbaren Waffen ausgerüstet ist, wirb sie unbesiegbar. Eine solche Armee'kann natürlich nur von einem Volke geformt werden, das selbst in feiner Totalität ebenso tüchtig wie entschlossen ist. Ein solches Volk kann nur unter dem starken Druck von außen zu einer solchen Kraft gelangen. Das deutsche Volk, das im Herzen Europas lebt, hat immer um seinen Platz an der Sonne kämpfen müssen. In diesem Kampf sind fein Geist und seine Kräfte gewachsen. Nun ist ein Entwicklungsstand erreicht worden, der es befähigt, das ganze Europa einer glücklichen Zukunft entgegenzuführen. Es geht 'jetzt nicht mehr um Deutschland, sondern um die ganze europäische Welt und sogar um das Schicksal der westlichen Kultur überhaupt. Dem Riesenkampf, der sich jetzt abspielt, folgen daher alle Völker mit größter Spannung.
Wenn jetzt eine Kurve kommt, 5)
wird sicher irgendeinem auf die Hühneraugen getreten. Der hätte nichts zu lachen! Aber er könnte es ja besser haben - er brauchte nur Elastocorn mit dem Filzring droufzulegenl
Die Dominiks.
Roman von Hellmuth M.vöttcher.
20. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Es hat ja auch keinen Zweck, mit dem Alten zu streiten. Es gibt Dinge, wo sie sich nie verstehen werden. Da ist jedes Wort verloren.
Nun, Vater wird sich irren.
„Ja, ich habe auch noch zu tun — einen ziemlichen Haufen", gesteht er und geht still hinaus.
Ihm ist weh zumute — bis in die tiefste Seele. Irgend etwas ganz Großes, ganz Schönes, ganz Heiliges ist zerrissen, beschmutzt.
Nissen weiß nicht, wie dieses Heilige heißt. Er ist in dieser Stunde zu zerschlagen, um darüber nachzudenken.
Aber er leidet.
Am Abend fenes Tages, lange nach Geschäftsschluß, geht Friedrich Dominik noch einmal auf sein Büro.
Das Gespräch mit seinem Sohne hat ihn tiefer gepackt, als er sich selbst gestehen mag. Alte Zeiten sind aufgestanden, Zeiten, zu denen über jeder Stunde ein Name stand, ein Frauenname, der Name Martha Spreckels.
Der Inhalt des privaten Wandtresors weiß viel von jenen altert, reichen Tagen zu erzählen. Dominik nimmt ein Bündel alter Papiere heraus^ Blättert darin.
Briefe von Martha, Briefe an Martha ... Eine große, reiche Welt ... eine tote Welt. Sogar ein Gedicht ist da! In seiner Handschrift. Hat er damals gedichtet? Er muß wider Willen lächeln. Das hat er vergessen gehabt. Was würden die Leute in der Stadt sagen, wenn sie hörten, daß Friedrich Dominik einmal ein Gedicht, ein Liebesgedicht gemacht hat?
Er streicht die Falten des Bogens glatt.
„Du bist ich, und ich bin Du, sind einander verbunden.
Meines Herzens Unruh' und Ruh' wurzeln in Dir und warten Dir zu und leben um dich ihre Stunden.***
Das hat er einmal geschrieben! Wann war das wohl? Das gleiche könnte er noch heute schreiben. Die Herzensunruhe ist geblieben.
„Suche nach der Heimat und baue Dein Nest — kannst mich nimmer vergessen.
Ziellose Wandrer von Ost nach West sind wir, und was das Leben uns läßt, haben wir niemals besessen." „Wandrer aus zweisarner Ewigkeit über verlorene Gründe ringen nach ewiger Zweisamkeit.
Aber dazwischen liegt weit tiefes Leid um eines Irrtums Sünde .. /
Was war dieser Irrtum? Daß der Senator Spreckels seine Tochter dem armen Friedrich Dominik nicht, gönnen wollte und sie lieber dem anderen Bewerber mit der sicheren Zukunft gab? Oder daß derselbe Friedrich Dominik damals an Marthas Hochzeitsabend den huschenden Schatten, der hinter den Pappeln am Flußufer wartete, nicht zu sich hereinrettete? Daß er das nicht wagte, was allein feinem und Marthas Leben die rechte Zukunft gesichert hätte Er hat es nicht fertiggebracht. Er fürchtete nicht um seinetwillen — um Marthas willen.
Da lag des „Irrtums Sünde". Die Sünde gegen den heiligen Geist der Siebe.
Statt dessen hatte er-Verse geschrieben! Haha!
„Küß einen Gatten im Frühlingswind — Gehen uns nimmer verloren!
Aus deinen heimlichen Küssen rinnt Sehnsucht nach mir, und selbst dein Kind wird meiner Liebe geboren ..."
Der Mann am Schreibtisch stöhnt auf. Das hat er also damals schon gewußt! Oder nur gehofft und geahnt?
Und hat dennoch nicht den Schritt getan — den einzigen, den befreienden, den Schritt zur Wahrheit der Siebe!
„Fremde im Norden, Fremde im Süd!
Was frommen Grübeln und Wandern? Herzensunruh' und Leid werden müb, und am endlichen Ende blüht Erfüllung des einen im andern!"
Daran hat er also damals noch geglaubt An eine Erfüllung?.
Glückliche, törichte Jugend! Jetzt hat er einen grauen Kopf. Und Martha? Martha ist noch immer die Frau von Mattheus Lind ...
Das Leben steht nicht still. Ein paar Jahre noch — dann ist alles „am endlichen Ende". Schon jetzt find Herzensunruh' und Leid müb geworden.
Aber Friedrich Dominik lieft heute noch lange in vergilbten Briefen.
Er weiß nicht, daß drüben im Lindschen Hause eine Frau nicht schlafen kann, daß auch ihre Gedanken wandern — wandern. —
*
Mit der Frühpost am 30. Mai erhält Mattheus Lind ein Rundschreiben des Bankiers Schild, wonach ein Posten Dominik-Aktien mit 187 v. H. zum Verkauf steht.
Lind nimmt einen Notizblock und rechnet. 187 v.H. ist ein Betrag, den man für Dominik-Aktien zahlen kann. Die sind unter Brüdern bedeutend mehr wert. Wer hat also ein Interesse am Verkauf? Handelt es sich um einen kleinen oder einen größeren Posten? Liegt ein Notoerkauf, ein Meinungsverkauf, ein Spekulationsverkauf vor? Das alles find Fragen, die man beantwortet haben möchte, bevor man in die Kaufverhandlungen eintritt. Sonst verdirbt man sich womöglich für die Zukunft die Preise.
Lind weiß, daß die Geschäftsinhaber der Bank ihm nicht antworten würden. Vor allem nicht durch Fernsprecher. Am Telephon kann jeder Mensch Lind heißen. Die Bankiers verstehen ihr Geschäft so gut wie er das feine.
Er wartet also bis zwölf und meldet bann ein Gespräch nach Magbeburg an. Zehn Minuten später ist bie Verbindung da. Irgendein Bürofräulein meldet sich. '
„Ist einer Ihrer leitenden Herren zu sprechen?" „Leider nicht. Die Herren sind eben zur Börse." Damit hat Lind gerechnet.
„Das ist schade, Fräulein", bedauert er mit einem Anflug gespielter Verdrossenheit.
„Wenn ich vielleicht etwas ausrichten kann?" das Fräulein bemüht sich offenbar sehr, bie Interessen ihres Chefs wahrzunehmen.
„Sie sind sicher nicht im Bilde."
„Vielleicht doch!"
Die junge Bankbeamtin ist ehrgeizig. Selbstverständlich ist ste überall im Bilde.
„Ich weiß nicht, ob Sie mir durch Fernsprecher Auskunft erteilen wollen —"
Er sagt „wollen", daß eine Angestellte es im allgemeinen nicht „darf", ist ihm bekannt.
„Mit roem hab' ich die Ehre?"
„Hier ist Lind — Mattheus Lind — von der Norddeutschen Werft AG."
„Ach, Herr Lind persönlich! Sie sind doch auch im Aufsichtsrat der Dominik-Werft, nicht wahr? Ich hab' nämlich die Auszüge aus dem Handbuch der Aktiengesellschaft gemacht. Wir hatten auch schon öfter mit Ihnen au tun. Da geben wir natürlich gern telephonische Auskunft. Selbstverständlich. Vielleicht fragen Sie gerade nach Dominik-Aktien?"
„Erraten!"
Das Fräulein kichert vor Vergnügen.
„Ich wundere mich, wie vorzüglich Sie im Bilds sind", lobt Lind. „Ich wollte eigentlich schreiben — aber das dauert aus bestimmten Gründen zu lange. Und daran könnte sich das Geschäft zerschlagen."
Das Fräulein wird aufgeregt. Es handelt sich, wie sie weiß, um ein Paket von mehreren hundert Stück Aktien — ein Geschäft, wie es nicht jeden Tag auf der Straße liegt. Sie multipliziert schnell im Kopf. Zweihundertsiebzig Aktien zu 187 v. H., das sind fünfhundertviertausendneunhundert Mark. Dazu kommen Provision, Courtage und Steuern.
„Haben Sie selber Interesse, Herr Lind?"
„Nein, nicht ich selber. Dann wäre es nicht so eilig. Ein Bekannter von mir — der in diesen Tagen für ein paar Monate nach Ueberfee will —"
„Und welche Auskunft möchten Sie, Herr Lind?" flötet das Fräulein.
„Ich wollte eigentlich mit Ihrem Chef verhandeln. Aber da er nicht da ist — dep Namen des Verkäufers der Aktien wissen Sie wohl nicht, Fräulein?"
„Den Namen des Verkäufers? Einen Augenblick, Herr Lind, ich sehe gleich mal nach — einen kleinen Augenblick, bitte."
„Sprechen Sie noch? fragt die Dame vom Fern« amt eine Sekunde später. „Es liegen weitere Anmeldungen für das Bankhaus Schild vor, darunter eine dringende von der Dominik-Werft — Direktionsapparat."
„Wir sind gleich fertig."
(Fortsetzung folgt)


