Hr.80 Zweites Blatt
Siehe«« Anzeiger tSenerai-Anzeiger für Dverhehen)
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Aus der Stadt Gießen.
An der Schwelle des Blumenjahrs.
Wirklich Frühling wird es doch erst im April. Denn auch der März nach der alten deutschen Bezeichnung den Namen Lenzmonat trägt, so wissen wir doch alle aus „langjähriger" Erfahrung, wie wenig lenzlich er sich in unseren Breiten im allgemeinen zu gebärden pflegt. Im April aber haben wir, selbst dann, wenn er noch frostig beginnt, sozusagen einen Garantieschein auf den Frühling.
Allerdings bewegt sich auch noch in diesem Monat der Frühling ost genug im Tempo der Spring- prozessiön: immer drei Schritte vor und zwei zurück. Aber die Natur ist viel emsiger an der Arbeit, als wir es wahrnchmen. Selbst wenn Hagel- schloßen oder frisch gefallener Aprilschnee die Erde bedecken, treibt und webt es im Innern, wie es das schon feit Wochen tut, im Grunde schon seit Ende Januar, jetzt aber vollzieht sich die Entwicklung im Schoß der Erde und im Innern der Pflanzen wie
verdunkelungszeil
4. April von 20.01 bis 6.51 Uhr.
im Sturm, und nur so ist es möglich, daß fast über Nacht die großen Verwandlungen sichtbar in Erscheinung treten: wo gestern noch kahles Geäst war, liegt nach einer lauen Regennacht plötzlich ein grüner Schimmer über allen Gartensträuchern und wenig später sogar über den Kronen der Bäume. Und während unsere Augen sich noch an dem lang- entbehrten ersten Grün erquicken, bekleidet die Erde sich schon mit all den anderen Frühlingssarben. Das kräftige Rosa des Mandelbäumchens steht neben dem zarteren der Aprikose und dem Weiß oer ersten Kirschen, die gelbe Forsythie neben weißen Spiräen, imd an einer geschützten Stelle im Rasen glänzt die Magnolie im schneeigen oder rosig angehauchten Festgewand. Ganz bunt aber leuchtet es von den Blumenrabatten her.
Narzissen und die Tulipan, Die ziehen sich viel schöner an Als Salomo ms Seide
fingt Paul Gerhard. Die Tulpen allein bieten eine ganze Farben skala von Gelb, Lachsrosa, Scharlachrot, daneben die gelben Trompetennarzissen und die frühesten blauen Iris, Primeln und Aurikeln in allen Arten und Farben, von den wilden gelben bis zu den tiefdunkel sammetfarbigen. Im Steingarten sind die weißen Kissen der Arabis insekten- mnsummt, ebenso wie die bläurichrvten der Aubrie- । rien, wie der blaue Akonit und die gelben Sterne des Adonisröschen. Die Veilchen, die schon im I März blühten, deren eigentliche Zeit aber auch jetzt ; erst angebrochen ist, verraten sich mehr durch ihren I Duft, und man muß die einzelnen Blüten richtig, unter ihrem starkwüchsigen Blätterteppich suchen.
Don den Wiesen- und Grabenrändern und vom trockenen Waldrand können wir uns einen Strauß xusammenholen, in dem wir die ganze herbe Süße des heimischen Frühlings in der Hand hakten: weißes Wiesenschaumkraut und blaue Leberblümchen, honigsarbene, apritosenduftende Himmelsschlüssel und saftig gelbe Dotterblumen, rosig angelaufene weiße Gänseblümchen und silbrige Weidenkätzchen. Ts gibt nicht Rührenderes als einen solchen beschei- j denen Heimatstrauß von Wald und Wiese, in dem b-ie deutsche Erde uns grüßt. Und doch ist es auch Ichon, daß in unsere Gärten die Blütenpracht der weiten Welt eingekehrt und heimisch geworden ist, baß hier oft auf einem einzigen Beet nebeneinander bie Kinder des Orients, Sibiriens, Japans, Zentral- nsiens, Kanadas, Kleinasiens und aller europäischer ‘ Länder stehen, nicht etwa nur in Luxusgärten, son- bern daß sie in einem schlichten deutschen Bauern- jarten wurzeln, als wären sie immer da gewesen imb könnten nirgends anders fein.
Wenn das Blumensahr einmal recht begonnen bat, dürfen wir uns bis lief in den Winter hinein . in feinem unerschöpflichen und immer wechselnden Reichtum freuen. Wie aber über allem Anfang ein ;■ (jan,3 besonderer Zauber liegt, so empfinden wir | rach die Blütenpracht in Garten und freier Natur | nie roieber so beglückt und dankbar wie in dieser Zeit, wo sie zuerst wieder in ganzer Fülle aus der frühlingshaften neugeborenen Erde quillt. C. K.
Keine unnötigen Reisen zu Ostern.
Oie Zahl der Zulaffungskarten wird aufs äußerste eingeschränkt.
Die Deutsche Reichsbahn muß zur Zeit neben all den sonstigen umfangreichen kriegs- und lebenswichtigen Transporten in erster Linie die für die Volkswirtschaft dringend erforderlichen Transporte von Kohlen, Düngemitteln, Saatkartoffeln und dergleichen durchführen. Sonderleistungen für den Öfter-Reiseverkehr (Sonderzüge oder Dor- und Nachzüge zu den fahrplanmäßigen Zügen) sind deshalb unmöglich. Es steht auch zu Ostern nur die jetzt schon außerordentlich stark eingeschränkte Zahl von Reisezügen zur Verfügung. Der Reiseverkehr muß in dieser Zeit hinter den kriegswichtigen Aufgaben zurücktreten.
Wie bereits bekanntgegeben, wird in der Zeit vom Donnerstag, 10. April, bis Mittwoch, 16. April, auf zahlreichen Bahnhöfen die Benutzung bestimmter Schnell- und Eilzüge von dem Besitz einer besonderen Zulassungskarte abhängig gemacht. Da diesmal keinerlei Zugvermehrungen stattfinden
können, wird die Zahl der auszugebenden Zulassungskarten aufs äußerste eingeschränkt werden. Wer zu Ostern trotzdem reift, läuft Gefahr, überhaupt nicht ober nur in stark überfüllten Zügen befördert zu werden, Anschlüsse nicht zu erreichen und nicht rechtzeitig heimzukommen.
Jede nicht unbedingt notwendige Reise über Dftern sollte unterbleiben. Auch dieses kleine Opfer ist ein Beitrag zum Siegs
Auch keine Familienfahrten und Urlaubsreifen.
Der Reichsarbeitsminister macht nochmals auf feinen im Reichsarbeitsblatt vom 5. 3.41 abgebruck- ten Runberlaß vom 28.2.41 aufmerksam, nach bem eine Häufung ber Familienheimfahrten und Urlaubsreisen in ber Zeit vom 6. bis 20.4. unter allen Umständen zu vermeiden ist.
Miniatur-Kriegsschiffe in Gießen
Schüler als Erbauer. - Eine sehenswerte Schau
Die Schülerzeitschrift „3)Uf mit", die vom NS.- Lehrerbund herausgegeben wird, hatte im Herbst vorigen Jahres einen Wettbewerb für deutsche Jungen unter ber Parole „Seefahrt i st not" ausgeschrieben, ber bie Jungens in allen beutschen Schulen für ben Gebauten ber beutschen Seefahrt gewinnen und begeistern sollte. In diesem Aufruf war ben Jungen bie Anregung gegeben worben, ihr Interesse an ber deutschen Seefahrt durch bie Beteiligung an einem Mobellbauwettbewerb und durch bie schriftliche Niederlegung ihrer Gebauten in entsprechenben Aufsätzen zu betunben.
Dieser Aufruf hat, wie wir am gestrigen Donnerstag feststellen konnten, im Kreise ber Schuler unserer Gießener Justuq-von-Liebig-Schule (früher Oberrealschule) starken, erfreulichen Wiberhall ge- funben. Die Jpngens waren sofort mit aller Lust unb Liebe bei ber gestellten Aufgabe. Besonders der Bau von Mobellen unserer Kriegsschiffe an Hanb von Lehrschaubogen unb unter Forderung burch ftänbige Hinweise in der Schülerzeitschrift „Hilf mit" fand stärkstes Interesse bei ben Jungens. Daneben Netzen sie sich aber auch zur Anfertigung von Skizzen unb zur Niederschrift von Aufsätzen über bie Seefahrt anregen. So entftanb eine Vielfältigkeit von Arbeiten, bie eindrucksvoll Zeugnis ablegt für bie Begeisterungsfähigkeit biefer Jungens unb für bie Verwurzelung des Seefahrtge- bankens in ihren Herzen. Wenn auch nicht alle ursprünglichen Tellnehmer an bem Wettbewerb die Ausdauer unb ben Schwung aufbrachten, eine begonnene Mobellarbeit bis zum Ende burchzufüh- ren, unb badurch natürlich aus bem Wettbewerb ausschieden, so haben doch andere Jungens in anerkennenswerter Weise durch unermüdliche unb viele Stunben währenbe Arbeit ihre selbstgewählte Aufgabe vollenbet. Dabei haben sie im Mobellbau Leistungen vollbracht, die ber vorbehaltlosen Anerkennung wert finb.
Die jugendlichen Konstrukteure und Schiffsbauer ber Justus-von-Liebig-Schule stehen im Alter von 12 bis 15 Jahren. Neben der selbstverständlichen Erfüllung ihrer allgemeinen Schulpflichten, von denen ihnen keine wegen dieses Wettbewerbs erlassen werden konnte, haben sie mit vorbildlicher Arbeitsfreu- bigfeit und in bewundernswerter Bastelei, bie vielfach große Hanbfertigkeitskunst offenbart, eine Reihe von Schiffsmodellen geschaffen, bie sich sehen lassen können und auch bei dem kritisch prüfenden Blick alter erfahrener Seemänner den jugendlichen Schöpfern volle Anerkennung brachten. Ein Teil biefer Mobelle ist schwimmfähig gebaut worden, ein großes Kriegsschiffmodell ist sogar in mehrere Teile zerlegbar. In der sehenswerten Ausstellung kann der Besucher wunderbar gelungene Modelle des Panzerschiffes „Lützow", der Kreuzer „Nürnberg" unb „Königsberg", des Aviso „Grille", eine Nachbildung ber „Santa Maria", bes Segelschiffs bes Columbus unb eine hanseatische Kogge sehen, von
in derIustus-v.-Liebig-Schule.
benen man wegen ihrer gediegenen Ausführung meinen könnte, sie feien einem Mobellzimmer einer großen Schiffbauwerft entliehen worden Das Werk der Ausbauten bei ben Kriegsschiffen, ber verschie- benartigen Bestückung, selbst mit drehbaren Geschütztürmen und den nach oben ober unten schwenkbaren Geschützrohren, mit ber Flakabwehr, ben Einrichtungen bes Meßdienstes, ben Funkanlagen und vielem anderen mehr, ebenso bie Takelage an ben Segelschiffen, alles bas ist von den Jungens in be- rounbernsroerter Originaltreue an Hanb der Schaubogen gebaut worden. Mit Recht wird biesen Arbeiten vollste Anerkennung zuteil, bie auch von fach- kunbiger Marineseite vorbehaltlos ausgesprochen wurde.
Die Ausstellung hat bisher schon viele Besucher erhalten unb allen starke Eindrücke vermittelt. Sie wirb sicherlich in ben wenigen Tagen, in benen sie noch zu sehen sein wirb, auch weitere Besucher stark interessieren. Im Rahmen einer Kreisausstellung, bie bemnächst zusammen mit ben gleichgerichteten Arbeiten anberer Schulen in ber Pestalozzi-Schule veranstaltet wirb, werben sie vor bie breite Oesfentlichkeit kommen. Die besten Mobelle unb Arbeiten werden anschließenb, nach einer Gau- ausstellung, in eine Reichsausstelluna verbracht werben, wo ihnen bann bie höchste Auszeichnung winkt.
Sernofigen.
Tageskalender für Freitag.
' Stadttheater: 19 bis 21 Uhr „Clavigo". — Gloria- Palast, Seltersweg: „So gefällst du mir!" — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Premiere". — Oberhessischer Kunstoerein unb Winterhilfswerk: 17 bis 19 Uhr Ausstellung im Turmhaus am Branb.
Sladtlhealer Gießen.
Am heuftgen Freitag wirb bie Neuinszenierung von Goethes „Clavigo" zum erstenmal wieberholt. Spielleitung: Wilhelm Michael Munb a. G. Büh- nenbUb: Karl Löffler. 26. Freitag-Miete.
Das Tanzgastspiel Hopfner
Auf Veranlassung ber NSG. „Kraft burch Freude" werben bie Geschwister Hebi unb Margot Höpf - ner, Solotänzerinnen bes Deutschen Opernhauses in Berlin, am fommenben Montagabenb im Gloria- Palast ein einmaliges Gastspiel geben. Die Tanzkunst ber Geschwister hat nach ben uns oorliegenben Presseurteilen bisher in zahlreichen beutschen Stäbten großen Beifall gefunben. Man barf baher ihrem Besuch in Gießen mit befonberem Interesse entgegensetzen.
Ortszeit für ben 5. April.
Sonnenaufgang 6.53 Uhr, Sonnenuntergang 20.04 Uhr. — Monbuntergang 3.16 Uhr, Monbaufgang 12.13 Uhr. — Erstes Viertel 2.12 Uhr.
Lieber 47 600 RM.
für das Kriegs-Winterhilfswerk.
Die am vorigen Wochenenbe von ber Deutschen Arbeitsfront burchgeführte letzte Reichsstraßensammlung für bas Kriegs-WHW. 1940/41 erbrachte im Kreise Wetterau bas Gesamtergebnis von runb 47 666 RM.
Rhein-Main-Kulturarbeit.
NSG. Die Aprilfolge des KdF.-Monatsheftes, die soeben erschienen ist, trägt ben neuen Titel „Rhein- Main-KbF.-Monatsheft". Wir finben in ihm einen sehr interessanten Bildbericht von einem Besuch ber KdF.-Schachspieler in Lazaretten. Der Gaureferent für bilbenbe Kunst ber NS.-Gemeinschast ,Kraft burch Freube", Gaustellenleiter Müller, schreibt über bie umgestaltete Kunsthalle Haus Lichtenstein. Silber zeigen uns, was KbF. im vergangenen Monat brachte, darunter auch bie Berliner Künstlersahrt in ben Gau Hessen-Nassau. Der allmonatliche Bilb- bericht zeigt bas schöne und turmreiche Worms. Sehr schöne Silber aus bem Rhein-Main-Gebiet sind von ben Lesern bes Rhein-Main-KbF.-Monats- heftes eingesanbt worben. Wir sehen ben Aufbau einer Werkkunstausstellung, wie sie KdF. für Alzey, Alsfeld, Bensheim, Darmstadt, Höhr-Grenzhausen, Heppenheim, Lauterbach, Mainz, Rüsselsheim, Rübesheim unb Siershahn anfünbigt. Film- unb Buch» besprechungen werben interessierte Leser finben. Den Abschluß bilbet roieber bie Vorschau auf bas Programm des Monats. Das Heft gibt so einen schönen Ueberblick über die Rhein-Mainische Kulturarbeit.
Vorsicht beim Genuß der Lorchel.
Der Genuß ber Lorchel, Frühlingslorchel (Helvella ober Gyromitra esculenta), bie fälschlich meist als Morchel bezeichnet wirb, verursacht fast alljährlich im Frühjahr zahlreiche, in einzelnen Fällen sogar löblich verlaufenbe Erkrankungen. Um bie schäbliche Wirkung bieses Pilzes zu oermeibcn, ist es erfor- berlich, bie zerkleinerten frischen Pilze mit einer reichlichen Menge Wasser zum Kochen zu bringen, minbestens fünf Minuten im Kochen zu erhalten, bas Kochwasser wegzuschütten und bie Pilze auf einem Sieb abtropfen zu lassen. Einfaches Abwaschen ist nutzlos, auch Abbrühen schützt nicht vor Erkrankungen. Größere Mengen als ein Pfunb zubereiteter frischer Lorcheln sollten von einer Person bei einer Mahlzeit nicht genossen werben. Auch ist zu oermeiben, eine zweite Lorchelmahlzeit kurz nach ber ersten einzunehmen. Getrocknete Lorcheln, wie sie auch im Hanbel erhältlich finb, haben ihre Giftigkeit verloren unb bedürfen feiner befonberen Vorbereitung.
Don der Börse.
Geschäftsslttle Aktienmärkte.
FWD. Frankfurt a. M., 3.April. Die Se- richtszeit, in bie der Anlagetermin fiel, brachte zunächst noch z. T. kräftige Kurserholungen, doch prägte sich im Wochen verlauf die Geschäfts stille immer mehr aus, und das Kursniveau bröckelte ziemlich allgemein wieder ab. Kundschaft und auch bie Börsenkreise verhielten sich in verstärktem Ausmaß zurückhattend, zumal Anregungen fehlte«. Einige Aktienwerte zeigten jedoch bemerkens- wert feste Haltung, so vor allem Conti Gummi, die dis auf 300 anziehen konnten. Hier wurde der Abschluß günstig ausgenommen, und man begrüßte, baß die Verwaltung ihren ursprünglichen Dividen- denvorschlag von ünveränbert 14 v. H. dis zum Erlaß reichsgesetzlicher Bestimmungen über Dividendenbesteuerung unb Kapitalaufstockung zurückstellte. Dor allem nahm man günstig auf, daß bie Verwaltung damit ihre Bereitwilligkeit, die Unterkapitalisierung zu beseitigen unb ben Aktionären ihre Renblte zu wahren, offen kundtat. Auch bei einigen anderen Aktien blieb das Kursniveau recht fest, da man bei ihnen ähnliche Erwägungen erwartet. Sübd. Zucker stiegen in wenigen Tagen um 14 v. H. auf 269, auch Scheideanstalt bis 309 nach 306 weiter fest, obwohl dieses Papier von ben letzten Kursstürzen kaum berührt worden war. IG. Farben lagen dagegen zeitweise wieber unter Abgabedruck, letzter Kurs etwa 183 nach 188. Die anderen Märkte lagen weniger stark verändert.
Arn Rentenmarkt konnte die Reichsaltbesih« anleihe bis 160 anziehen. Gesucht blieben 3'/- v. H.
(Nachdruck verboten.)
kl.Fortsetzung.
WWWilSlMMk
Roman von Otto MsM.
3eber Wochentag begann für Charlotte um halb sechs Uhr, denn um sechs kam der Lehrjunge Max , zum Frühstück, der bei ihr in Kost stand. In ben irften Tagen war er scheu unb linkisch gewesen, hatte kaum ein Wort gesprochen, während er in feiner Ecke in ber Küche sein Frühstück gegessen Hatte. Allmählich aber würbe er zutraulicher unb unterhielt sich mit ihr hauptsächlich über seine küh- r.en Radiobasteleien, bie sein ganzes Denken er- Mten. Er hatte keine Mutter mehr, sein Vater c rbeitete in Berlin, mußte also früh weg und kam lernt wieder nach Hause, so baß Max ihn kaum zu Gesicht bekam. Um so enger hatte er sich an Hanne | cngeschlossen, unb nun würbe also Charlotte so -| thnas wie eine Stellvertreterin seiner Mutter.
Seine Kleidung war verwahrlost. Sie nahm Nch ihrer an, unb er bankte ihr, indem er ihr Spielzeug für Iockele zusammeübastelte, ihr hilfreiche Hanb Hei schweren Hausarbeiten leistete, felbzt, wenn leine Arbeitszeit längst vorbei war. Neuerdings : latte er es sich angewöhnt, ihr morgens Blumen nituibringen, obwohl in Hannes Garten auch eine Stenge wuchsen. Er übergab sie ihr nicht, sondern feilte sie in bie Küche auf bas Fensterbrett. Dankte f e ihm bafür, bann würbe er rot bis über beide dhren.
Während er noch frühstückte, begannen Hanne ind Peter in ihren Schlafmansarden zu rumoren. Ver von ihnen Tankstellen-Nachtdienst gehabt hatte, lurfte eine halbe Stunde länger schlafen, machte über nur bei schlechtem Wetter von dieser Erlaub- ' ‘^rtermadjte sich gewöhnlich durch lautes Pseisen '«merkbar, womit er sich die Zeit beim Rasieren ; Wrtrieb. Dann unterhielt er sich durch dre Wand nit Hanne, daß -- durch das ganze Haueschall^ Anfänglich hatte sie es ihm m.tRu-ksicht °uf2ock°les ii Norqenschlaf verboten, aber er vergaß das B-rbot immer wieder, und es ergab sich auch, daß zockele bck durch bas Dfeifen unb bie nachbarlichen Mor- ! pnVache nicht im Schlaf stören ließ Wachte er P.M tinmal auf, so nahm er noch mel lauter an
der Unterhaltung teil unb bestand darauf, baß er gleichfalls rasiert würbe. Hanne unterzog sich biefer Aufgabe mit ernster Gewissenhaftigkeit. Iockele würbe um bas Kinn herum ein geseift und danach wurde ber Schaum mit bem Apparat, in bem jedoch keine Klinge stak, roieber entfernt. Er ließ sich bann bie Rasierflächen pudern, bas Haar kämmen, worauf Hanne jebesmal mit ber Miene eines gelernten Friseurs bie Hand ausstreckte unb sagte: „Macht zwanzig Pfennige, ber Herr!"
Iockele bezahlte jeben Morgen mit denselben beiden Hosenknöpfen und begab sich zu Charlotte, um sich bewundern zu lassen. Sie mußte an seinen Raste rfläch en riechen, wo der duftende Puder saß.
Gefrühstückt wurde gemeinsam, wenn nicht gerade sehr bringende Arbeit vorlag, bie ben einen ober anberen abrief. Den wichtigsten Gesprächsstoff bil- bete schon am frühen Morgen bie Rabitsch-Sieblung. Die Veröffentlichung bes Preisausschreibens war richtig erfolgt, unb Peter hatte sich bie ausführlichen Bebingungen von ber Oschnitzer Stadtverwaltung kommen lassen.
Es erwies sich, daß Charlotte ihn ziemlich genau unterrichtet hatte. Die Frist für bie Einreichung der Entwürfe war kurz bemessen, was Peter lieb war, da er schon einen erheblichen Vorsprung hatte. Er I war mit leidenschaftlichem Eifer bei der Sache, Hanne und Charlotte arbeiteten mit, wenigstens unterstützten sie ihn mit Ratschlägen, bie er bald verwarf, bald annahm. Als sie sich über bie Aufteilung ber Grünflächen nicht einig werben konnten, 1 faßte Peter ben Entschluß, selber nach Oschnitz zu j fahren, um sich an Ort unb Stelle umzusehen. Char- ilotte schwankte lange, ob sie ihm wenigstens an Lis Grüße auftragen sollte.
Er wollte nichts davon wissen unb versuchte chr klarzumachen, daß er erst bann mit ben Mathesius- Ceuten in nähere Berührung kommen wollte, wenn über bas Preisausschreiben entschieden war. Er reifte also ohne jeben Auftrag, war am brüten Tage roieber zurück unb sagte zu Charlotte, als sie ihn empfing: „Wirklich ein Nest, ihr Oschnitz, Lolott, aber ein reizendes! Man kann es liebgeroinnen„ bloß die Leute sinb mit Vorsicht zu genießen. Sie schwatzen übrigens noch von Ihnen."
„Natürlich Schlechtes?"
,Kann man nicht sagen. Ich glaube eher, daß Sie ihnen imponiert haben, als sie einfach auf- unb diwongingen.*
Er hatte auch ben alten Mathefius zu Gesicht bekommen unb sagte, baß er sich ungefähr so den lieben Gott vor gestellt habe. Er sagte bas ohne Spott. Charlotte fragte nach keinen Einzelheiten. Gesprochen hatte er ihren Vater nicht, sonbern war ihm nur in ber Nähe ber Werke begegnet, und das hieß: er hatte bie Begegnung gesucht. In seinem Hotel hatte er gesprächsweise erfahren, baß Mathe- fius bei gutem Wetter zwischen sechs unb halb sieben zu Fuß nach Hause zu gehen pflege, unb ba seine Neugier auf Charlottes Vater groß gewesen war, hatte er um biese Zeit mehrmals biesen Weg gemacht, bis er ihn getroffen hatte.
„Ein ehrroürbiger Mann." meinte er, „unb Sie steigen gewaltig in meiner Achtung, Lolott, baß Sie ihm bie Stirn geboten haben. Neugierig bin ich bloß, was für ein Gesicht er machen wird, wenn er mal erfährt, baß der Peter Theiß, den er zum Oschnitzer Baumeister machen wirb, in engen Beziehungen zu seinem Fräulein Tochter steht. Warten roir’s ab !"
Die genaue Kenntnis des Geländes in Oschnitz erleichterte ihm künftighin seine Arbeit. Die Reise war ihm auch in anderer Hinsicht nützlich gewesen. Er hatte die Landschaft, ihren Charakter, ihr Wesen in sich ausgenommen unb legte am Abenb nach seiner Rückkehr in einem langen Gespräch mit Charlotte unb Hanne bar, wie ftilroibrig feine bisherigen Entwürfe seien.
Bisher hatte er baran ebensowenig auszufetzen gehabt wie Hanne unb Charlotte, aber jetzt behauptete er, baß alles geänbert werben müsse. Was er ba zu Papier gebracht habe, sei Konfektionsware, lieblos unb ohne Eigenart. Die Häuser müßten vielmehr ein länbliches Aussehen haben, sie müßten ben Einbruck erwecken, als seien sie gerabe aus dieser Erbe gvwachsen. Auch bie ganze Anlage müßte noch mehr aufgelockert werben.
Er arbeitete bie ganze Nacht hindurch, zeigte am nächsten Morgen bas Ergebnis feiner nächtlichen Arbeit vor, unb alle waren nun überzeugt, baß er auf bem richtigen Wege fei. Besonbers Charlotte lobte ihn sehr. Bisher war er nur aus Ehrgeiz bei ber Sache gewesen: jetzt hatte ihn eine Liebe bazu gepackt.
Unter vier Augen sagte er zu Charlotte: „Es hängt mit Ihnen zusammen, Lolott! Das ist klar! Als ich burch bie Oschnitzer Straßen ging, burch ben Stabtgarten unb durch den ,Wall', ba finb Sie
neben mir gewesen unb haben mir alles erklärt. Sie waren auch dabei, als ich mir bie Rabitfch- Gegenb angesehen habe. Und nun will ich Ihnen mal was sagen: Sie werben eines Tages Aurüef- gehen! Oschnitz oerbient es! Es ist Heimat. Berlin ist nur eine große Ansammlung von Häusern. Unb ich will dafür sorgen, baß Ihr Oschnitz noch schöner wirb!"
Sie antwortete nichts barauf, well sie anberer Meinung war. Es kam vor, baß sie an Heimweh litt, sie sehnte sich nach Gert, nach Lis, besonders nach ihrer Mutter, aber sie hatte nicht viel Zeit, an dieses Heimweh zu denken. Das Haus nahm sie in Anspruch, Iockele roar ba, unb es gab so viel zu tun für alle, baß sie wenig Muße zum Rückwärtsblicken Hütte.
Was Iockele betraf, so hatte er sich in Gatow prächtig entwickelt. Er war bazu übergegangen, seine Lallsprache zu einem verständlichen Deutfch zu entwickeln, wobei ihn besonbers Hanne anleitete.
Peter machte sich häufig ben Spaß, mit Iockele in besten unbeutlicher Kinbersprache zu reben. „Tomm, Heiner Mann", sagte er etwa, „nu beht's in bie Heiaheia ..."
„Das soll man nicht," erklärte Hanne mit der Miene eines Lehrers, ber genau Bescheib weiß. „Mit solchen Jungen soll man ein richtiges Deutsch reben. Damit er‘s lernt. Außerdem machst du bich mit solchem Gequatsch selber halb lächerlich vor bem Jungen."
Es ergab sich bei ber Fortsetzung dieses Gesprächs, baß Hanne — gewissenhaft wie er nun mal roar — sich ein Buch über bie Erziehung bes Kleinkindes angeschaftt unb es grünblich ftubiert hatte. Er roar entschlossen, an Iockele auszuproben, was er gelernt hatte. Er roußte eine Menge über bas kindliche Seelenleben, über Gymnastik, über bie notwendige Vitaminzufuhr unb redete darüber wie ein Fachmann.
Die beiden hörten ihm mit Verwunderung zu. Sie konnten nicht bestreiten, baß Iockele unter Hannes Fürsorge vortrefflich gebiehen war, aber Peter meinte: „Ist ja alles ganz gut unb schön, aber früher, als man noch nichts von Vitaminen, Komplexen unb ultraviolettem Licht wußte, finb bie Kinber auch groß geworben unb manchmal sogar f noch bester geraten als heutzutage."
I (Fortsetzung folgt)


