Nr. 105 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesien)
Freitag, 2. Mai RI
Aus der Stadt Gießen.
Der Mai.
„Im wunderschönen Monat Mai, als alte Knospen sprangen" singt der Dichter, und anmutig heißt es: „Wenn's Mailüfterl weht". Aber dieses „Mailüfterl" ist gar oft ein ran her Wind, und wir werden nicht immer übereinstimmen können mit dem Dichter, der im Jahr 1609 fang: „Die Maien- zeit ich preise, gleich einem Paradeise!" Aber im allgemeinen haben doch die Worte eines Fastnacht- spiels recht: „Es geht gen des maien zeit, die uns neue Freude geit. die vogl alle singen, die plüml schon entspringen."
Aber nicht nur die Blumen entspringen im „Maien gut". Für alles, was da grünt und wachsen soll dem Menschen zu Nutz und Frommen, ist der Wonnemonat von großer Bedeutung, er, und das Wetter, das er mit sich führt. Nur zu verständlich, daß der Landmann dies für Gedeih und Verderb seiner Ernte so wichtige Maiwetter sorgfältig beobachtet und aus seiner Erfahrung heraus Wetterregeln geprägt hat. Häufige Erfahrung sagt ihm: „Der April kann rasen, der Mai hält Maßen." A«t trau, schau, wem! Denn der Bauer weiß: „Des Maien Mitte hat für den Winter immer noch eine Hütte", und das ist schlimm, denn: Maienfrost Blüten und Früchten das Leben kost", und „Maienfröste — schlimme Gäste!", aber „Maientau — macht grüne Au."
So sehr der Städter einen warmen, fonnigen Mai liebt, so wenig tut das der Bauer. Er sagt im Gegenteil: „Mairegen auf die Saaten, dann regnet es Dukaten", oder „Kühler Mai — gut Geschrei", „Mai kühl und naß, füllt dem Bauer Scheuer und Faß" und „Trockener Mai — Wehgeschrei, feuchter Mai — bringt Glück herbei", und „Kühle und Abendtau im Mai — bringen Wein und viel Heu"; „Im Mai regnen Brot und Heu", „Maimonat kühl und windig macht die Scheuern voll und pftündig." Ferner heißt es: „Auf nassen Mai — kommt trockener Juni herbei", oder: „Donnert es im Maien viel, hat der Bauer gewonnen Spiel."
Freilich muß auch zwischendurch die Sonne scheinen, denn: „Wie die Kirschenblüte, so die Roggenblüte", und „Wenn im Mai die Bienen schwärmen, kann der Bauer vor Freude lärmen." Das Schwärmen der Menen kündet dem Bauern überhaupt allerhand: „Ein Schwarm im Mai — ein Fuder Heu, ein Schwarm im Jun — ein fettes Huhn, ein Schwarm im Jul — ein Federspul." Gar zu üppig darf's nicht wachsen im Mai, denn: „Will der Mai ein Gärtner fein, trägt er nicht in die Scheuern ein."
Bestimmte Tage im Mai drohen der Ernte schlnnme Gefahr; so hören wir: „Der dritte Mai ist ein Wolf, der siebente eine Schlange", „Pankraz, Servaz, Bonifaz (12., 13., 14. V.), schaffen Frost und Eis gern Platz", oder „Die drei Herren Azius tun Gärtnern und Winzern viel Verdruß", „Pan- kraz und Seroaz find Weinmörder", „Pankraz und Servaz stehlen wie der Spatz", und weiter: „Was Pankraz ließ unversehrt, wird oft noch von Urban W5. 5.) zerstört." Der Urbantag ist wirklich, wie es scheint, ein ganz gefährlicher Kunde, denn es heißt anderwärts: „Urban gibt den Rest, wenn Ärvaz noch was übrig läßt."
Keinen Bezug auf die Ernte, sondern auf das Maiwetter im allgemeinen nehmen folgende Regeln: „Hörst du im Mai die Frösche knarren, wirst du nicht lange auf Regen harren" und „Wenn die Wachteln im Maien schlagen, läuten sie von Regentagen."
Man mag darüber streiten, ob alle diese Regeln stets recht behalten. Ein Spruch aber kann nicht in Zweifel gezogen werden: „Im Maienmond hängt Gott heraus' den Frühlingskranz an Feld und Haus." Friedrich Logau aber fchrftrert in seinen „Sinngedichten" den Mai also: „Dieser Monat ist ein Kuß, den der Himmel gibt der Erde, das sie jetzund eine Braut, künftig eine Mutter werde."
Verdunkelungszeil
2. Mai von 20.50 bis 5.50 Uhr.
Die Jagd im Mai.
Mit Grünen und Blühen hat der Mai seinen Einzug gehalten. Wie Schnee liegt es auf der Schlehdornhecke, gleich einem feinen Schleier überzieht das Schaumkraut die Wiese, in die zur frühen Stunde schon der Rehbock zur Aesung austrat. Maiglöckchen und Maikraut machen ihrem Namen Ehre. Von hoher Fichtenspitze grüßt des Ringeltaubers Ruf den Waidmann, der vor Tau und Tag hinauszog, tief klingt des Hohltaubers Liebes werben, und.weithin hörbar gurrt der kleine Tur- teltauber sein Liebeslied. Des Jägers Auge hängt an der Schönheit des Milans, der im Aether segelt, und sein Ohr freut sich über des Kuckucks Ruf. Es ist das große Wunder des Werdens, das ihn alljährlich immer wieder in feinen Bann zieht, sei es ehe der Tau fiel, oder als der Kauz den Schlaf aus dem Gefieder schüttelte und lautlos über das junge Holz zum Jagen strich. Zu jeder Tageszeit ist der Waidmann jetzt draußen am Platze. Denn in der Nähe des Wassers nistet die Märzente und wird-bald ihre muffelige Kinderschar als sorgsame Mutter umhegen. In einer Hecke am Wegerand brütet die Fasanenhenne, und am brombeerüberwucherten Feldrain hat die Rebhenne ihr Nest gebaut. Im alten Gras liegt ein Satz kleiner Mümmelmänner. Die Ricke aber hat den Sprung, in dem sie während der letzten Monate stand, verlassen, ist heimlicher geworden und wird bald zwei muntere Kitze führen. Auch das Alttier fühlt seine schwere Stunde kommen. So verwandelt sich in kurzem das ganze Revier in eine große Kinderstube, in der seine Zukunstl heranwachsen soll.
Nicht umsonst sind die Mütter unter unserem Wilde so besorgt um ihre Kinder, suchen sie zu verbergen, ihre Feinde zu täuschen und abzulenken wie die Mutterente, die sich flügellahm stellt, oder setzen sich selbst zur Wehr wie die Ricke, die den Fuchs mit den Schalen auf den Schwung bringt. Denn überall umlauert Gefahr das Jungwild. Sobald der Roggen in den Halm schießt und das Feld wieder Deckung bietet, feldert wieder Mieze, die „Haus"katze. Wehe den Junghasen, die sie findet. Nicht einer bleibt verschont. Wie sie zur tödlichen Gefahr für jedes Vogelnest wird, in dem hungrige Vogelkinder nach Atzung gieren, so lauert sie am Wegrand auf junge Hühnchen oder Jung- fasanen, die sich mit der Henne im Wegestaub hudern. Und noch schlimmer ist der Hund, der bei Nacht die Fluren und den Wald abjagt, das Jungwild reißt oder das Mutterwild, das vor dem Setzen stand, zu Schanden hetzt. Zu diesen Räubern, die sich der Aufsicht des Menschen zu entziehen verstanden, gesellen sich das schlüpfende und stets raubluftige Wiesel und der gleich gefährliche Iltis. Im Fuchsbau liegen Jungfüchse, und Frau Ermeline hat ihre liebe Not mit der hungrigen Gesellschaft. Drum raubt sie jetzt auch mehr als sonst. Im Tiefflug aber streicht die schwarze Krähe über die Felder oder sucht sie „zu Fuß" ab. Verloren ist jedes Gelege, verloren alles junge Niederwild, das vor ihren starken Schnabel kommt. Und nicht besser ist die Elster, die durch die Hecken schlüpft und die Nester plündert.
Leider gesellen sich auch menschliche Räuber oder — wenn auch ungewollte — Feinde des Jungwildes hinzu. Zu den ersteren gehören vor allem diejenigen, die etwa unter der Maske harmloser Maiblumensucher nach Kitzen Ausschau halten oder der darauf aus sind, die Nester unseres Federwildes zu plündern. Sie müssen sich darüber klar sein, daß das eine wie das andere Wilddiebstahl ist und daß dieser immer hinter festen Mauern endigt. Dazu kommen die ungewollten Feinde, die durch Zufall auf ein Kitz oder einen Junghasen stoßen, die von der Mutetr versteckt wurden, als oiefe sie zur Aesung nicht mttnehmen konnte. Das mitleidige Herz glaubt dem „armen" Tierchen aus einer Not zu helfen, wenn es das kleine Wesen in den Arm nimmt, in eine Schürze oder den Rucksack packt und kilometerweit dem nächsten Förster ins Haus trägt. Die gut gemeinte Handlung endigt meist mit dem Hungertode des Schützlings. Drum „Hände weg vom Jungwild!"
Alle diese Dinge sind es, die den Jäger gerade jetzt gebieterisch hinausrufen in sein Rever mit Büchse und Hund, um seiner Pflicht als Schützer seines Wildes nachzukommen.
Zu jagen gibt es an sich für ihn ja nicht viel. Vor allem im reinen Feldrevier sieht es damit meist ganz kärglich aus. Und deswegen ist in ihm gerade der Jagdschutz sehr zum Schaden des Jägers oft nicht so wie er sein sollte. Anders im Gebirge, in der Heide oder auch in manchen großen Waldrevieren des Flachlandes. Denn hier hat die Hahnenfalz den Höhepunkt überschritten, d. h. die rechte Zeit zum Weidwerk auf den großen Hahn, den Auerhahn, ist gekommen. Ebenso wie er kann fein kleiner Vetter, der Birkhahn, bis zur Monatsmitte Ziel des Jagens im Dämmern des Maimorgens sein.
Dann aber tritt im Waldrevier der Rehbock in den Vordergrund jagdlichen Denkens. Während der edle Hirsch und der Schaufler ihren Kopfschmuck abwarfen und nun neu zu schieben beginnen, hat der Rehbock sein Gehörn geschoben und nun auch meist bereits gefegt. Er hat damit nach Monaten der Wehrlosigkeit wieder eine gebrauchsfähige Waffe bekommen, die er vor allem dazu benutzt, um sich seinen Einstand zu sichern. Seither stand das Rehwild noch in stärkeren Sprüngen zusammen und alles schien sich zu vertragen. Nun sondern sich die tragenden Ricken allmählich ab, und die geringeren Böcke werden durch die stärkeren auf den Schwung gebracht. Die oft recht ernsthaften, manchmal bei jüngeren Böcken aber auch wie ein Spiel anmutenben Kämpfe setzen ein. Abgekämpfte Enden, geworfelte Böcke sind Zeichen davon. Allmählich ändert sich auch das äußere Bild des Wildes. Das graue Winterkleid wird mit dem roten Rock vertauscht, in dem der Jäger seinen Bock sehen möchte. Es wird allerdings meist noch nicht so weit sein, wenn am 16. Mai die Jagd auf den Bock beginnt. Aber trotzdem wurde sie freigegeben, weil es darauf ankommt, so früh als möglich im Jahr die Büchse das wegnehmen zu lassen, was sich nicht vererben soll. Drum gilt der Abschuß nun lediglich dem geringen Zeug, den Korkziehern, ewigen Spießern, den Knopfböcken und was es sonst noch alles an solchen unerwünschten Erscheinungen gibt. Hierbei heißt es sich zeitlich heranhalten. Denn kaum ist der Juni da und mehr Deckung auf den Feldern, da wechselt das Rehwild auch schon aus dem Wald in dns Feld, um dort oft unsichtbar zu werden bis zum August, wenn die Ernte beginnt. Das Besagen im Felde aber ist viel schwerer, weil das Wild nicht mehr so seinen Wechsel hält und auch für den Jäger bas Herankommen auf schußgerechte Entfernungen schwer ist. Wenn aber bie Kröpel jetzt nicht fallen, bann kommen sie noch in die Brunft und vererben bas, was ausgemerzt werben sollte. Drum hält ber Jäger nun braufeen Umschau, pirscht unb sitzt bort, wo Fege- unb Plätzftellen ihm verraten, daß hier ein Bock seinen Wechsel hat, und sucht „anzubinben", was an ben ersten Tagen schon auf bie Decke gelegt werden soll. Für einen richtigen unb raschen Abschuß ist biese „Gefechtsaufklärung" unentbehrlich.
Von sonstigem Wilbe ist für ihn im Mai nur schußvar, was wie wilbe Kaninchen, Bläßhühner, Rohrweihen, Sperber, Habicht und Fischreiher oder Haubentaucher keine Schonzeit genießt, während er bei Schwarzwild, Füchsen und Iltis die Einschränkung beachten muß, daß führende weibliche Stücke zur Zeit nicht besagt werden dürfen. Das verbietet ihm nicht, die Jagd auf Jungfüchse durch Graben ober Abschuß am Bau auszuüben. Ueber- all, wo ber Fuchs stärker zu Schaben ging, ohne durchgreifenb besagt werben zu können, kann diese Bausagb nötig werden, die 'früher in vielen Revieren gang und gäbe war. Allerdings macht der gute Fuchs im Winterbalg unbestritten mehr Freude.
Die Tage vor Jagdbeginn werden noch dazu benutzt, die Pirschsteige in Ordnung zu bringen, Kanzeln und Leitern zu überprüfen und die Salzlecken zu • säubern, zu beschicken oder neue anzu
legen. Die Bearbeitung ber Wilbäcker unb ihre Bestellung werben notwendig. Wo die sehr emp- fehlenswerte Gewinnung von Laubheu für die Winterfütterung durch Werbung von Trieben der Eiche, Linde, Pappel ober Kastanie möglich ist, kann Enbe bes Monats damit begonnen werden. Im Schatten getrocknet und gebündelt aufbewahrt gibt Laubheu ein sehr gern genommenes Winter- futter.
Leider bedroht unser Niederwild, vor allem das Federwild, eine Gefahr fast mehr als alle obengenannten tierischen Feinde, die landwirtschaftliche Maschine. Tausende von Gelegen und Abertau sende an Jungwild fallen alljährlich der Sense und der Mähmaschine zum Opfer. Und doch könnte manches gerettet werden, was nutzlos verkommt, wenn etwas vorsorgend gearbeitet würde. Drum werden immer Hühner- ober Fasanengelege besser beachtet, im Falle bes Vermähens bem Jäger gemelbet, bamit er sie u. U. noch ausbrüten lassen kann, ober aber schonend urnrnäht, wenn solche besonbere Mühewaltung eine Anerkennung finbet. Es bewährt sich baher immer gut, wenn zu Beginn ber Brutperiobe im Dorf Belohnungen ortsüblich aus- gelobt werden. Eine solche Hilfeleistung liegt auch im wohlverstanden Interesse des Bauern selbst, da das Federwild einer der besten Schädlingsvertilger (Drahtwürmer, Rübenaaskäfer, Wiesenschnake, Schnecken u. a. m.) ist, zumal sich gerade seine Jungen fast ausschließlich von tierischer Nahrung ernähren. Hubertus.
Dornotize«.
lagesfalenber für Freitag.
NSG. „Kraft durch Freude": Zugunsten des 2. Kriegshilfswerks ab 14 Uhr Unterhaltung auf Oswaldsgarten. — Stadttheater: 19 bis 21.30 Uhr „Zweimal klopfen". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Hochzeitsnacht". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „... reitet für Deutschland".
Stabktheater Gießen.
Am heutigen Freitag wird zum erstenmal die am Dienstag uraufgeführte Komödie „Zweimal klopfen" von Hans Caninenberg wiederholt. Der Autor hat auch die Spielleitung. Die Bühnenbilder stammen von Karl Löffler. 28. Freitag-Miete.
©er Giegeszug durch Griechenland in der neuen Wochenschau.
Die neue Deutsche Wochenschau bringt einen aus- führlichen Bericht über den Siegeszug in Griechen- land. Man erlebt hier die Besetzung von Kavalla und Thasos die Kämpfe an der Epirus-Front, die Vereinigung der deutschen und italienischen Truppen und den Vorstoß nach Thessalien; ferner wird man Zeuge der erbitterten Kämpfe am Fuße des Olymp, man bringt mit brutschen Panzerspähwagen, bie die Spitze der Truppen bilben, in Lamia ein, verfolgt im Flugzeug bie fliehenben Engländer bis auf See hinaus und sieht schließlich den Einzug der deutschen Truppen in Athen. Auf der Akropolis weht die deutsche Flagge. Bildberichte von der Kapitulation der Epirus- unb Mazedonien-Armee bilden 'bie einbrucksvolle Krönung biefes Abschnitts der neuen Wochenschau. Neben biefen Aufnahmen, bie aufs neue zeigen, wie verbissen sich ber Gegner in Griechenlanb zur Wehr setzte unb wie blitzschnell unb hart die deutschen Waffen zuschlugen, bringt die neue Deutsche Wochenschau, die am Samstag, 3. Mai erscheint, u. a. Bilder von der Tätigkett unserer Hilfs- kreuzer in überseeischen Gewässern, von den Kämpfen in Afrika, von der Entwasfung ber serbischen Armeen und Bilder aus dem Führer-Hauptquartier, hier sieht man u. a. König Boris von Bul-
Hansa plasf-elastisch ist ein idealer Schnellverband. Er läßt sich leicht anlegen, sitzt sofort unverrückbar fest und schützt die Wunde vor Verunreinigung,
Hansgpiast
Genau aut den Namen achten
Verbünde^
Kleine- Münden
„... reitet für Deutschland."
Ein Ufa-Film im Lichtspielhaus.
Dieser Film ist dem Andenken des Rittmeisters Freiherrn von Langen gewidmet, der nach dem Weltkriege unter schwierigen Verhältnissen die deutschen Farben auf internationalen Tournieren wieder zu hohem Ansehen brachte. Das Drehbuch von Fritz Reck-Malleczewen, Richard Riedel und I. M. Frank hat die Geschichte des 1934 in Döberitz tödlich Gestürzten zum Anlaß einer Fabel genommen, die im letzten Kriegsjahr mit der Heimkehr deutscher Reiterregimenter aus Rußland beginnt. Der Rittmeister von Brenken kommt mit einer schweren Verwundung aus dem Felde nach Hause in die trüben Verhältnisse der Nachkriegszeit. Sein Gut ist verschuldet, für Pferdezucht interessiert sich kein Mensch. Brenken ist passionierter Reiter; sein Leben wäre ihm verdorben, wenn er nicht mehr in den Sattel steigen könnte. Tatsächlich besiegt sein starker Wille die lähmenden Folgen eines schweren Sturzes auf dem letzten Patrouillen- ritt im Osten. Er kann eines Tages wieder reiten, unb wieder eines Tages, als sein Besitz knapp vor ber Versteigerung steht, startet er auf eigene Faust als einziger Deutscher auf einem internationalen Tournier in Genf für Deutschland und gewinnt gegen schwere Konkurrenz und der unsportlich-feind- | eh gen Haltung zahlreicher Tournierbesucher zum Trotz den Großen Preis von Europa. Neben der Geschichte eines Reiters läuft die Geschichte eines Pferdes, das Brenken im Kriege als Beutepferd geritten hat, dem er fein Leben verdankt, das später versteigert wird und schließlich nach mancherlei Irrfahrten wieder zu seinem Herrn zurückfindet. Brenken, der die hervorragenden Qualitäten des Tieres schon bei ber ersten Begegnung erkannte, trainiert es selber und sieht sich bei der ersten schweren Feuerprobe in Genf glänzend gerechtfertigt. Dieses Tournier in Genf ist ber ungemein spannende, bramatisch bewegte Abschluß unb Höhepunkt bes Films, ber sonst kaum eigentlich filmische Eigenschaften aufweist: hier ist dem' Spielleiter Arthur Maria Rabenalt (früher am Hessischen Landestheater) eine vorzügliche Leistung gelungen. Der Zuschauer erlebt nicht nur bie erregenden Momente bes reiterlichen Kampfes unmittelbar mit, sondern spürt auch die eigentümliche Atmosphäre eines großen internationalen Tourniers unb die unheimliche, politisch begründete Spannung, die, von ben Tribünen ausgehend, in den entscheidenden Umläufen mitschwingt. Wer für Reiten und edle Pferde etwas übrig hat, wird die
sen Bild-ern mit hohem Genuß und ästhetischem Vergnügen folgen. Die Zentralgestalt des Herrn von Brenken ist bei Willy Birgel in den besten Händen: er gibt die elegante, ritterliche Erscheinung eines Offiziers und Sportsmannes von untadeliger Haltung und unerschütterlicher Willenskraft. Sonst gibt es rein darstellerisch in diesem Film keine sonderlich großen Aufgaben. Gerhild Weber, eine junge Na ch wuchsschau spielerin, sollte einmal in einer ergiebigeren Rolle herausgestellt werden. Im Ensemble heben sich Gertrud E y s o l d t, H. A. E. Böhme, Walter Werner und Willi Rose hervor. Die zweite Hauptrolle neben und mit Birgel hat der Apfelschimmel Harro, ein wundervolles Pferd. — Im Vorprogramm läuft die große unb interessante Wochenschau, die schon gesondert besprochen wurde. Hans Thyriot.
Vom Wiedehopf.
Bon Philipp Gottfried Maler.
Es ist nicht in ber Ordnung unb sollte baher auch nicht sein, baß bie Leute von einem unserer schönsten und seltensten Vögel weiter nichts wissen, als baß er stinkt. Dabei ist nicht nur bie Schönheit die- ses Vogels rühmenswert, sonbern er spielte einst in ber Sagen- und Märchenwelt der Völker eine große Rolle. Die Zauberkunst bebiente sich seiner Zunge, seines Blutes unb — wie in Webers „Freischütz" — seines rechten Auges. Auch zeigte er bas Wetter an. Prinzessinnen würben in ihn verwan- belt. Im alten Griechenlanb trat er auf ber Bühne auf. Im Koran der Araber ist ihm eine ehrenvolle Rolle zugewiesen, unb bie alten Aegypter verwanbten seine aparte Figur als Zeichen für ben Wechsel ber Jahreszeiten; sie nannten ihn einen „Bruber ber Sonne".
Als er bei uns zu Lanbe noch nicht zu ben Seltenheiten gehörte, hatte ihn die Dolksphantasie mit dem Amt eines Kuckucksküsters betraut, denn er ruft fast pünktlich vierzehn Tage vor dem Kuckuck zum erstenmal. Da ist er gerade aus Afrika zurück- gekehrt — der Wiedehopf.
Da nur wenige ihn kennen, stellen wir ihn vor: Drosselgroß, Farbe lehmigbraun, Flügel und Schwanz schwarz unb weiß gebänbert, Schnabel bünn, lang und spitz — da bie Zunge aber kurz ift, muß ber Vogel jedes erbärmliche Würmchen ein wenig in bie Luft werfen unb bann im Schnabel auffangen — Hauptzierbe ein Helmbusch, besten lange Febern mit den schwarzen Endflecken zurückgelegt und prachtvoll entfallet werden können. Ori
ginell ist sein Liebesruf: „—hup hup". Er ist so auffällig, daß zwanzig Sprachen den Vogel danach benennen. (Wiede-, Weide- ober Wald-, hopf, -hup.) Es liegt an ber geregelten Forstwirtschaft, baß ber Wiedehopf an Wohnungsmangel leibet unb deshalb nicht soviele Kinderstuben findet, als man ihm wünschen würde. Denn er braucht hohle, faulende Bäume mit großen geräumigen Löchern, um seine Brut aufzuziehen. Die braunen Eier legt er kurzerhand aufs modernde Holz. Wer Glück hat, findet den Wiedehopf an stillen Waldrändern angesiedelt, da wo Wiesen angrenzen, auf die der Hirte seine Herde führt. Denn Mist- und Laufkäfer sind Leckerbissen für ihn. Er ist scheu und liebt es/Nicht, gesehen zu werden. Er hat Ursache, vorsichtig zu fein, denn für Raubvogelaugen ist er gut zu erkennen. Doch da hilft ihm der Instinkt. In kritischen Augenblicken hat er eine sehr zweckmäßige Art, seine Anwesenheit zu verleugnen: er legt sich platt zu Boden, breitet Schwanz und Schwingen aus, biegt den Kopf zurück, streckt den Florettschnabel gegen Himmel unb verhält sich ruhig. Wer sollte da noch meinen, baß seine Streifenmusterung zu einem Vogelleib gehört! Ebensogut könnte es sich um einen alten Lappen hanbeln, den ber Schäfer wegwarf.
Des Wiedehopfes Leben gehört nicht zu den bequemen. Er ist ein menschenscheuer Sonderling. Bei uns ist er es, fügen wir hinzu.. In Afrika, wo er ebenfalls bodenständig ift, vergnügt er sich vertraut mit Negerbuben und nistet, wie berichtet wird, selbst in alten Konservendosen. Wer kennt schließlich auch nur eines Wiedehopfes Herz!
Und nun zu einem vielbeschrieenen Artgeruch. Er ist nicht gut. Er ist lähmend und miserabel. Und doch versichert uns Brehm ober sonst jemanb, ber es wissen muß, ber Wiedehopf sei fett unb wohlschmeckenb. Dies allerdings nicht in der Brutzeit. Früher hieß es, es läge an seinem dünnen Schnabel, der sich schlecht eigne, die Nisthöhle von dem Kot der Jungen zu reinigen. Und etwas Wahres wird schon baran sein. Jetzt aber weiß man auch, baß bie Bürzelbrüsen ber Jungen im Nest eine bräunliche Masse absondern, bie den Wiede- hopfgeruch verbreitet. Nehmen wir an, baß selbst vierbeinige Räuber empfindliche Nasen haben, so könnte es sich allerbings um eine Schutzmaßnahme ber Natur hanbeln. Flüggen Wiederhopfen täte man allerbings Unrecht, wenn man bas Gesicht verzöge. Das versichert auch bie Wissenschaft — weshalb man sich nun boch nicht gleich ber Hoffnung hingeben sollte, bie Menschen ließen alsbalb davon ab, im Gestank den Charakter des Wiedehopfes zu sehen.
Gloria-Palast: „Hochzeitsnacht."
„Stand gehört zu Stand und Geld zu Geld", das ist eine bäuerliche Lebensweisheit, bie in biefer „Hochzeitsnacht" eines Oetztaler Dorfes grünblich außer Kurs gerät. Die reiche Bürgermeisterstochter soll ben ebenso reichen Müllermeister heiraten, aber sie will nicht, unb ber Müller mag auch nicht, als ihm aufgegangen ist, baß er baheim eine Magd hat, bie ebensoviel von ber Liebe wie von ber Wirtschaft versteht. Nur ber Dickkopf des Bürgermeisters steht allen im Wege. St. Bürokratius selbst erweist sich einmal — ein gar seltener Fall — als Helfer in ber Not. Die ©tanbesamtsurtunben bes ganzen Dorfes finb plötzlich verschwunben, bie Trauung kann nicht stattfinben, aber auch jeber anbere, Mann ober Frau, ist seiner ehelichen Pflichten lebig. Das Dorf macht in ber „Freinacht" davon weidlich Gebrauch, und es ist nur gut, daß sich am nächsten Morgen die Papiere ebenso überraschend wiederfinden und der Stier wieder angebunden wird. Inzwischen haben sich freilich die Paare in rechter Ordnung gefunden, und auch der Bürgermeister gibt sich zufrieden. Nack O. C. A. zur Neddeys Komödie „Der Stier ist Vos'* hat Carl Boese diesen volkstümlich-heiteren Film gedreht, bei dem es im tollen Wirbel urwüchsiger Sinnenfreude auch auf ein bißchen Derbheit nicht ankommt. Das ganz gradlinig Unkomplizierte der hier abkonterfeiten Bauerntypen verträgt die Unzweideutigkeit solcher gesund fröhlichen Derbheit durchaus. Nur zwei, die Bürgermeistersfrau und ihre Jugendliebe, der Kaminkehrer Kleefaß, der klug und gütig die Vorsehung spielt und die Urkunden verschwinden läßt, sind aus anderem Holz. Sie fügen sich resignierend in ein Geschick, das sich nun nach einem Menschenalter nicht mehr rückwärts drehen läßt. Es sind die beiden am sorgfältigsten angelegten Rollen, aus denen der in dieser Atmosphäre oft bewährte Theodor Sanegger und Maly Delschaft alles herausholen, was in ihnen steckt. Mit einer prachtvoll unbekümmerten Frische spielt Heli Finkenzeller bas Bürgermeisterstöchterlein, heißblütiger ist bie Müllersmagb Geralbine Katts. Mit gut geschnittenem Bauernschäbel, stur und stiernackig macht Georg Vogelsang ben Bürgermeister, ein herrlicher Depp von Gemeindebiener ist Rudolf Karl. Die beiden Liebhaber sind Albert Janscheck unb, ein wenig weicher, ber Müllermeister Hans Fides- fers. Dolksszenen von herzhafter Ausgelassenheit zeigen schöne Trachten des Oetztales'.
^TeW, Lange.


