(ükficncr Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Kr. 51 Drittes Blatt
Aus der Eia di Gießen.
Das Licht.
Von Anton Holzner.
Nicht nur zur Winter- und Sommersonnwende, sondern auch in der Zeit, in der die Tage wieder spürbar länger werden und die Sonne wieder voller den Menschen leuchtet, steht seit Jahrtausenden das Licht im Mittelpunkt des Denkens und Erlebens der deutschen Menschen.
Das Licht stellt für den nordischen Menschen eine Kraft dar, der er sich besonders verbunden fühlt. Das Licht ist Ausdruck und Künderin göttlicher Kräfte. Wenn die Sonne helleuchtend am Morgen am Rande des Himmelsgewölbes emporsteigt, wenn sie während des Tages Wärme, Licht und Lebenskraft ausstrahlt, und wenn sie am Abend als glühend roter Ball wieder versinkt, dann spürt der nordische Mensch in diesem Leuchten der Sonne eine geheimnisvolle göttliche Kraft. In stiller Ehrfurcht grüßt er dieses herrliche Sonnenlicht. Immer wieder wird er in seinem tiefsten Innern ergriffen von dem göttlichen Wunder, das ihm die Sonne bedeutet. Und wenn am dunklen Abendhimmel das milde Licht des Mondes auftaucht, wenn glitzernd Stern um Stern sich ihm beigesellen und schließlich der ganze Nachthimmel als eine Zauberwelt von kleinen und kleinsten funkelnden Lichtern erscheint, dann gehört diese Sternenwelt wiederum zur tiefsten Heimat der deutschen Seele, die von der Gottheit erfüllt ist. Eine wunderbare geheimnisvolle Kraft liegt in jedem Licht. Wer in tiefer Dunkelheit voll Sehnsucht nach Helligkeit sucht, wer in finsterer Nacht voll Hoffnung auf den Morgen wartet, wer in das unerforschliche Leben der hell leuchtenden Gestirne oder auch nur in das Flimmern eines kleinen, zarten Kerzenlichtes voll Hingabe schaut, der spürt eine Ahnung von dem Göttlichen in der Natur. Mehr als irgendein geschnitztes Bild kann uns darum das Licht Symbol der Gottheit sein. Im Lichte erleben wir immer wieder das geheimnisvolle Dasein des Göttlichen. So wie das Licht zu unserem Leben gehört, so ist Gott mit unserer Wirklichkeit verbunden.
Das Licht wird uns so gleichzeitig zum Symbol unseres eigenen Lebens. Wenn wir in die Lichtglut am Herdfeuer sinnend blicken, wenn wir eine brennende Fackel in den Händen tragen, wenn wir zu einer Feierstunde Kerzen entzünden, dann fühlen wir eine innere Verwandtschaft mit diesem Licht. Das Licht verzehrt die Kräfte der Kerze oder des Holzes, damit es leuchten und wärmen kann. So verzehren auch wir Menschen die Kräfte unseres Lebens, um in Begeisterung zu glühen, von der Flamme einer Idee lodernd erfüllt zu sein, mit unserem leuchtenden Leben anderen Menschen Vorbild zu sein und die ganze Welt unseres Volkes mit zu erhalten. Jeder Deutsche hat dabei die Pflicht, dafür zu sorgen, daß die Fackel seines Lebens möglichst lange am Altar seines Volkes leuchte. Am inneren Lichte werden oft viele neue Flammen entzündet. So geben auch wir Menschen das Licht unseres Lebens weiter an Kinder und Enkel, geben es weiter in unseren Taten und Werken. Wenn wir Totenwacht bei einem Verstorbenen halten, wenn wir die Gedenkstätte eines Toten feierlich schmücken, dann entzünden wir, uraltem germanischem Brauche folgend, ein Licht, eine Flamme als Sinnbild de? Menschenlebens. Licht entzündet sich am Lichte zur ewigen Flamme. Leben gebiert neues Sein zum ewigen Leben.
Es ist gut, wenn mir jedes Jahr in den Tagen, in denen das Licht wieder deutlich spürbar die Finsternis überwindet, die Kraft des Lichtes zu uns sprechen lassen und uns darauf besinnen, daß uns das Licht Symbol der Gottheit und Symbol des Lebens ist. Gegenüber allen Mächten der Finster- ms, der Lebensverneinung, der Düsterkeit und des Pessimismus sollen gerade diese Tage uns zum Bewußtsein bringen, daß wir deutsche, nordische Menschen Lichtmenschen sind, stets dem Lichte entgegenwandeln und immer für die Macht des Lichtes kämpfen.
Her Optiker am Lahniiaf-j
Mädels im
In kinderreichen Familien ist die Pflege der Kleinen die Hauptaufgabe des Pflichtjahr-Mädchens.
Als erste große Aufgabe nach der Schulentlassung steht den jungen Mädchen jetzt das Pflichtjahr bevor, das zu Anfang 1938 eingeführt wurde. Noch ehe sie einen Beruf ergreifen, werden sie ein Jahr lang in völlig neuer Umgebung und meist auch bei ungewohnter Beschäftigung tätig sein. Die Mädchen sollen während dieser Zeit den überlasteten Hausfrauen aus dem Geist unserer Volksgemeinschaft heraus eine Hilfe stellen, wofür insbesondere die bäuerlichen und kinderreichen Haushalte, die für das Dolksaanze am wichtigsten sind, in Betracht kommen. In den vergangenen drei Jahren hat sich diese Einrichtung bestens bewährt, und wenn schon jetzt 700 000 Mädels durch das Pflichtjahr gegangen find, so wird mit dem am 1. April neu hinzukommenden Jahrgang sicher die erste Million erreicht.
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Wir kommen auf einen Bauernhof, wo das Pflicht- jahr-Mädel schön bald seine Zeit beendet hat und wie ein eigenes Kind in die Familie ausgenommen ist. Der Betrieb ist nur klein, und der Bauer hatte sich niemals eine besondere Arbeitskraft leisten können, so daß die Frau außer der Versorgung von Kindern, Haushalt und Stall auch noch viele Arbeit auf dem Felde mit übernehmen mußte. Es ist klar, daß dadurch die Bauersstau überlastet war. Schon öf-
pflichijahr. A
ters sind hier Mädels aus der Stadt eingesprungen.
Gretel ist fünfzehn Jahre alt und sieht fast gar nicht mehr städtisch aus, wie sie mit einem großen Kopfttlch am Herd steht und das Mittagessen für die Familie vorbereitet. „Aber sicher bin ich gerne hier", antwortete sie auf unsere Frage, und fährt lachend fort: .Lugenommen habe ich auch schon gewaltig, fast passen meine früheren Kleider nicht mehr. Aber das ist bei der Lust hier draußen ganz selbstverständlich. Früher habe ich meist zu Hause herumgesessen, hier bin ich nun den ganzen Tag auf den Beinen." Bei den letzten Worten ist der Bauer in die Küche gekommen und sagt freundlich: „Na ja, wenn die Arbeit nicht wäre, könnte es beinahe eine Erholung sein, was Gretel? Aber Rüben schneiden zum Futter, die Kühe melken und in der Scheune arbeiten, das ist ja wohl kein Vergnügen." Die Kleine wird rot vor Verlegenheit, und wir sind erstaunt, daß sie sogar die bäuerliche Arbeit schon verrichten kann. „£), sie wollte ja unbedingt in der Wirtschaft helfen", sagte der Bauer, „und jetzt hat sie sich so bei uns eingelebt, daß sie wohl eine ganz tüchtige Bäuerin werden könnte. Aber ich glaube, das ist nicht so ganz nach ihrem Sinn." Nein, sie will zunächst noch in die Stadt zurück und einen Beruf erlernen. Immerhin hat sie in diesem Jahr gesehen, wie man auf dem Lande lebt, Sorgen und Freuden ihrer Familie geteilt, und nun kommt sie bald gesund und froher Dinge zu ihren Eltern zurück.
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In einer anderen Familie des Dorfes sind bei einem landwirtschaftlichen Beamten drei kleine Kinder zu versorgen. Dort ist nicht so sehr die Landarbeit, als die Pflege der Kinder die Aufgabe des Pflichtjahr-Mädchens. Alle dazu gehörigen Arbeiten wie Waschen, Anziehen und Füttern der Kleinen, kann das junge Mädchen leicht ausführen und dabei manches für ihre spätere Zeit als Frau und Mutter erlernen. Es ist zwar nicht der Zweck des Pflichtjahres, eine Ausbildung in der Land- und Hauswirtschaft zu geben, aber ganz von selbst eignet man sich dabei viele Dinge an, die immer von Nutzen sind. Diele Mädels wollen später in landwirtschaftlichen Berufen bleiben, und für sie wird das Pflichtjahr gleich auf die Ausbildungszeit angerechnet. Entgegen der vielfach verbreiteten Meinung ist der Arbeitsdienst in allen Fällen wie bisher abzuleisten. Von dem Pflichtjahr ausgenommen sind nur d i e Mädels, die von vornherein in land- und hauswirtschaftlichen Berufen tätig, sein wollen.
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Da bei den Arbeitsämtern das Angebot an Pflichtjahrstellen groß ist, können alle Eltern versichert sein, daß nur wirklich geeignete Vermittlungen in solche Stellen vorgenommen werden, in denen ihre Kinder bestens aufgehoben sind. Außerdem erfolgt eine laufende Betreuung der Pflichtjahr^Mäd- chen durch die Vertrauensfrauen, die für städtische Haushalte das Frauenwerk und auf dem Lande der Reichsnährstand stellt und an die sich die beteiligten Stellen bei allen etwa entstehenden Schwierigkeiten
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Die Bauersfrau zeigt dem Pflichtjahr - Mädel, wie man aus alten Resten praktische Sachen nähen kann.
Das Pflichtjahr-Mädel als Helfer des Bauern: Im Keller wird das Frühkartoffel-Saatgut oorbereitet
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(Aufnahmen [3]: Dr. Engelbart.)
wenden können. In keinem Falle werden die Mädchen, denen ein zweiwöchiger Urlaub zusteht, körperlich überanstrengt. Selbst in unserem kleinen Bauernhaus hatte das Pflichtjahr-Mädchen ein eigenes Zimmer zur Verfügung, wo es schläft und nach der Tagesarbeit feine Freizeit verbringen kann. Dio Bezahlung der Mädchen ist einheitlich geregelt und richtet sich nach dem Alter, wobei es natürlich nicht der Sinn des Pflichtjahres ist, Geld zu verdienen. Vielmehr soll das aus der Schule kommende Mädchen während des Pflichtjahres Gelegenheit erhalten, sich charakterlich und körperlich weiter zu entwickeln, um dann verständiger und gereifter den weiteren Aufgaben des Lebens entgegenzusehen. K. M<
Dornotizen.
Tageskalender für Samskag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Im Schatten de? Berges". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: ,Herz geht vor Änker". — Artilleristen-Kameradschaft 1895: 20.30 Uhr im „Hessischen Hof" Kameradschaftsabend. — Oberhessischer Kunstverein: 17.30 bis 18.ß0 Uhr Ausstellungen im Stadttheater und im Turmhaus am Brandplatz.
Tageskalender für Sonntag»
NSG. „Kröft durch Freude": 16 Uhr in der Großen Aula der Universität Solisten-Konzert. — Stadttheater: 19 bis 22 Uhr „Die ungarische Hochzeit". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Im Schatten des Berges"; Sondervorstellung 11 Uhr „Rund um die Welt". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: >„Herz geht vor Anker". — Deutscher Alpenverein, Zweig Gießen-Oberhessen: 16 Uhr im „Hindenburg" Lichtbildervortrag Univ.-Professor Dr. Schliephake über „Hochtouren im Wallis und Montblancgebiet. —> Oberhesischer Kunstverein: 11 bis 13 Uhr Ausstellungen im Stadttheater und im Turmhaus am Brandplatz.
Stadltheater Gießen.
Am morgigen Sonntag findet im Stadttheater die Wiederholung der erfolgreichen Operette von Nico Dostal „Die ungarische Hochzeit" statt. Müsika- lische Leitung: Arthur Apelt. Spielleitung: Harry Grüneke. Bühnenbild: Karl Löffler. Tanzleitung: Irmgard Trömel. Außer Miete.
Dienstag, 4. März: „Schwarzer Peter", Oper von Schultze. 23. Dienstag-Miete.
Mittwoch, 5. März: Erstaufführung „Götter auf
KrümenKÄ!
WWWliallsMW.
Roman von Ao WWl.
2. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Sie hatte den Burschen erwürgen sotten! dachte Gert.
Charlotte hatte sich jedenfalls entschlossen, sofort nach Oschnitz zurückzukehren. Weshalb? Sie äußerte sich nicht darüber. Aber offenbar wollte sie ihr Verhältnis zu Lasard sofort und ohne Zögern auf einen gesicherten Boden stellen. Auch darin war fie eine Mathesius. Das Abenteuer war vorbei und überstanden. Nun mußten die Folgen daraus gezogen werden. Und die erste Folge war, daß sie ihrer Familie bekanntgab, Lasards Frau werden zu wollen.
Sie reiste in Lasards Gesellschaft zurück, berichtete ihrem Vater und — hatte seitdem Hausarrest. Sie wurde behandelt wie ein dummes Ding. Es war keine Rede davon, Lasard hier im Hause auch nur zu empfangen, geschweige denn, ihn anzuhören. Um den Hausarrest hatte sie sich nicht gekümmert. Sie war mehrmals in der Stadt gewesen, hatte sich im Schlesischen Hof, wo Lasard abgestiegen war, mit ihm getroffen, und nun riß also ganz Oschnitz Augen und Mäuler auf.
Das war alles.
„Na", meinte Gert gedehnt, „und ich finde, es ist eine ganze Menge. Papa schäumt, wie?"
„Seit wann schäumt Eis?" fragte Charlotte erbitterte „Er hat .nein' gesagt und kaum ein Wort weiter."
„Tja", meinte Gert verständnisvoll, „ich kann mir denken, wie er sich benimmt. Als ich mal die Dummheit gemacht hatte, in Zoppot siebenhundert Mark zu verlieren, habe ich ihn von dieser Seite auch kennengelernt. Und was ist nun?"
Es schien, als wollte sie nicht antworten, aber nach einer Weile sagte sie halblaut und ohne ihn anzusehen: „Hat er einen Kopf aus Eisen, hab' ich ihn auch!"
„Was heißt das?"
„Nun, das heißt, daß ich ja tun kann, was ich will. Ich bin nicht mehr minderjährig. Er kann mir weder Vorschriften machen, noch mich hier ein- kerkern, voch a* *
„Aber das ist doch Heller Wahnsinn!" rief er.
Sie sah ihn kühl an. „Findest du?"
„Ja, aber du lieber Gott, das würde doch bedeuten, daß du wegmußt von hier, daß du dich trennst von uns, daß du alle Brücken hinter dir einreißt."
„Und wenn ich gerade das will?"
Er sah sie bestürzt und ratlos an. „Das geht doch nicht, Lolott!" rief er beschwörend. „Eines Mannes wegen! Eines Lasard wegen! Das kannst du nicht tun!"
In ihre Augen kam ein merkwürdiger Glanz, als sie ihn unverwandt bettachtete. „Doch!" sagte sie schließlich. „Vielleicht werde ich es tun!"
„Nein!" rief er. „Nein, das darfst du nicht! Es wird sich ein Ausweg finden lassen! Nimm doch Vernunft an, Lolott; Herrgott, was ist denn geschehen? Ein Wintersportflirt ..."
, „Wenn du es allerdings so nennst ..."
„Also schön! Eine Wintersportliebe! Deshalb braucht man doch nicht gleich in wilde Panik auszubrechen! Laß ein bißchen Zeit vergehen! Sag deinem Lasard, er soll sich für kurze Zeit aus dem Staube machen ..."
„Du meinst, inzwischen werde ich dann zur Vernunft gekommen sein und ihn vergessen."
„Du wirst alles ruhiger ansehen, wenn du ein paar Wochen ober Monate vergehen läßt. Wir können Papa gefügiger machen, du kannst dich mit ihm..."
,Hch soll mich unterwerfen?" tief sie. Plötzlich stand sie auf, und er hatte in ihrem sonst so scheuen, sanften Gesicht noch niemals so viel Entschlossenheit gesehen. „Es geht ja gar nicht allein um Lasard! Es geht um mehr! Es geht um all den Kram, unter dem man hier erstickt. Der Zwang, die Vorschriften, die Rücksichten, die Verbote. Keinen Schritt kann man tun, keinen Atemzug, ohne sich zu fragen: Was sagt er dazu? Er! Um ihn dreht sich alles! Vor ihm zittert alles! Und ich mag nicht mehr! Hörst du, ich mag nicht mehr! Das ist es!"
Und fie wendete sich heftig ab, um ihm ihr Gesicht zu verbergen.
Eine ganze Weile saß Gert stumm und erschüttert da. Mit Zuspruch und anderen guten Worten war ihr jetzt nicht mehr beizukommen. Das begriff er jetzt. Sie befand sich in hellem Aufruhr. „Man darf nichts überstürzen, Lolott! Was du tun willst — ob du nun einfach ausreißen oder Lasard an Ort und Stelle heiraten willst — weiß ich nicht; aber was
es auch fein mag, es wird sich nicht mehr rückgängig machen lassen. Und da meine ich ..."
,Zch will auch nichts mehr rückgängig machen!" „Das sagt sich jetzt so leicht hin! Aber sieh mal, es geht uns doch hier im Grunde genommen ausgezeichnet, nicht wahr? Wir leben herrlich und in Freuden, und wenn du
„Ja, und wenn ich gerade das nicht mehr will? Wozu bin ich da? Wozu nütze? Ich sitze herum und mache eine möglichst angenehme Figur, wenn Mama ihre Tee-Empfänge gibt. Ich lese mir die Augen blind vor Langeweile. Ich darf Tennis spielen. Ich darf mal tanzen, wenn sich eine — schickliche Gelegenheit dazu bietet, ich darf mir in bestimmten Grenzen kaufen, was ich will, ich leide keine Not, gewiß, aber ..."
„Ja, zum Donnerwetter", rief er ärgerlich, „was willst du denn eigentlich?"
„Ich weiß es nicht! Ich will mir selbst gehören! Ich will mich regen können, wie es mir gefällt. Ich will ..." Sie machte eine Handbewegung des Ueber- drusfes. „Ach, was rede ich dgvon! Du willst mich nicht verstehen."
„Doch, Lolott, ich begreife dich schon. Der alte Herr ist nun mal etwas rückständig. Zugegeben! Und Oschnitz ist auch nicht gerade der richtige Ort, wo mal ein frischer Luftzug hinkommt."
„Vielleicht erinnerst du dich noch, daß ich Papa mal gebeten habe, mir eine Arbeit im Werk zu geben. Ich wollte im Laboratorium arbeiten. Das wäre zwar nicht gerade das gewesen, was mich von ganzem Herzen lockte, aber es wäre doch wenigstens eine Aufgabe gewesen. Er hat es abgelehnt. Ich hätte nach Breslau oder gar nach Berlin gehen müssen. Das paßte ihm nicht. Ihm paßte es auch nicht, daß ich — eine Mathesius, eine junge Dame seiner Familie — im weißen Kittel im Labor stehe und Metallegierungen untersuche. Was hat er getan? Er hat mich zu Tante Alice geschickt, um den Haushalt zu lernen."
Gert kratzte sich den Kops. Tante Alice war noch heute für ihn ein Kinderschreck.
„Ich weiß, ich weiß, Lolott! Aber nun sag' mir um Gottes willen, was soll jetzt geschehen?"
Sie wiegte den Kopf hin und her. In ihre Mienen trat Abweisung und Härte. Sie antwortete nichts.
Er sagte mit sanftem Vorwurf: „Selbst zu mir hast du kein Vertrauen mehrl"
Da wurde sie weich: „Ich weiß nicht mehr ein noch aus, Gert. Das ist alles, was ich dir sagen fanm Meinst du, ich wüßte nicht, was es zu bedeuten hat. wenn ich einfach davonlaufe? Ich will euch ja nicht verlieren, dich nicht, Mama nicht, ja, sogar den alten Herrn nicht! Aber ich kann mich auch nicht mehr unterwerfen. Es muß diesmal durchgefochten werden — so oder so!"
„Kann ich dir nicht helfen?"
Sie schüttelte den Kopf. „Wenn es um so Wichtiges geht, kann einem niemand helfen. Ich muß es ganz allein durchstehen."
„Aber du wirst nichts tun, ohne dich vorher mit mir zu besprechen? Hab' ich dein Wort darauf?"
Er streckte ihr schon die Hand hin, aber sie schlug nicht ein. „Sei mir nicht böse", sagte sie leise, „ich vertraue dir, aber ich weiß nicht, ob du mir mir auch diesmal durch Dick und Dünn gehst, wie sonst. Es steht zuviel auf dem Spiel. Und ich will dich nicht zum Mitwisser machen. Es könnte auch für dich übel auslaufen."
Er blickte sie argwöhnisch an. „3a, hast du dich etwa schon entschieden?"
„Nein", antwortete sie und sah an ihm vorbei^ noch nicht! Bis jetzt noch nicht ..."
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Der große freie Platz vor dem kleinen Oschnitzer Bahnhof hieß Johann-Christoph-Mathesius-Platz, damit jeder Ankommende schon empfangen wurde von dem Namen, der allein die ganze Stadt beherrschte. Die Bronzebüste des Johann Christoph Mathesius stand gegenüber dem Bahnhofsausgang auf einem Granitsockel in der Mitte einer Rasenrundung, und eine goldene Inschrift besagte, daß die Bürgerschaft in steter Dankbarkeit der Verdienste diefts Begründers ihrer heimischen Jndustris gedenke.
Die Büste war an dem gleichen Tag enthüllt worden, an dem auch die Gewerbeschule ihre Pforten geöffnet hatte. Sie lag rechts vom Bahnhof, ein stattliches Backsteingebäude mit einem etwas stilwidrigen Uhrenturm. Auch sie war eine Stiftung des auf dem Bahnhofsvorplatz in Bronze Verewigten. Das Altershaus am Rande des Stadtgartens verdankte ihm gleichzeitig fein Entstehen und wurdg von Zuschüssen erhalten, die von den Mathesius« Werken kamen.
(Fortsetzung folgt.)


